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Der viereckige Smaragd

Edgar Wallace: Der viereckige Smaragd - Kapitel 20
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pfad/wallacee/smaragd/smaragd.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer viereckige Smaragd
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun14. Auflage
isbn3-442-00195-1
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111015
projectid6db21737
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19

Als der Wagen anfuhr, rannte ein Mann quer über die Straße, sprang behende auf das Trittbrett, zwängte sich durch die Tür und nahm seinen Sitz neben dem Chauffeur ein. Bei dem Hippodrome wurde der Wagen für einige Sekunden angehalten, dann ging es in schneller Fahrt die Coventry Street entlang. Sie fuhren ohne Aufenthalt über Piccadilly Circus, und ein paar Augenblicke später bogen sie in den Hydepark ein.

Leslie konnte nun die Gesichter der Männer sehen, die sie gefangengenommen hatten. Sie waren gelbbraun und hatten Schlitzaugen, ähnlich wie sie es von Chinesen und Japanern kannte. Aber das war auch die einzige Ähnlichkeit mit dieser Rasse. Ihre Gesichter sahen lange nicht so intelligent aus.

Es waren natürlich Javaner. Wie töricht von ihr, daß sie das nicht gleich von Anfang an erkannt hatte! Anita Bellini hatte doch lange Jahre in Java gelebt. Sie erinnerte sich an Peters Worte. Sie wußte jetzt auch, welchen Zusammenhang die Sicherheitskette mit ihrem Erlebnis hatte. Sie war angebracht worden, weil ein Angriff auf ihre Wohnung geplant war. Anitas Leibwache war anderswo beschäftigt, sie mußte also die Kette anbringen, um in Abwesenheit ihrer Leute ihr Haus zu schützen.

Aber wer war Diga Nagara? Der Name kam ihr doch so bekannt vor. Es war eine jener einprägsamen Gestalten der Geschichte, die selbst ein flüchtiger Schüler im Gedächtnis behält. Vielleicht war er irgendein javanischer Gott.

»Wer ist Diga Nagara?« fragte sie plötzlich.

Sie hörte, daß die Männer den Atem anhielten, als ob sie erschrocken wären.

»Der Fürst, der Eine Große«, sagte der Mann an ihrer linken Seite mit leiser, ehrfurchtsvoller Stimme. »Er ist gestorben und lebt doch. Aber die Holländer glauben, daß er wirklich tot ist.«

Java ... Leslie wünschte nun, daß sie sich mehr mit den Malaiischen Staaten und den Gewohnheiten ihrer Völker befaßt hätte. Dann würde sie jetzt wissen, was es bedeutete, in den Harem dieses Fürsten aufgenommen zu werden, der zwar gestorben war, aber doch lebte.

Der Wagen fuhr über die Hammersmith-Brücke, und wenige Minuten später erkannte sie den Platz wieder, wo sie die Leiche von Druze gefunden hatten. Sie fuhren also nach Wimbledon zu Anitas schrecklichem Haus.

Der Wagen hielt vor der Haustür, und sie eilten die Stufen hinauf. Sie waren noch nicht ganz oben angekommen, als die Tür schon geöffnet wurde. Es war kein Licht in der Halle, und Leslie hörte, daß die Tür hinter ihr geschlossen und die Sicherheitskette vorgelegt wurde. Ihr Mut sank. Jemand drehte eine elektrische Handlampe an, und sie sah die breite, mit schweren Teppichen belegte Treppe vor sich.

»Gehen Sie hinauf«, sagte der Mann, der sie hergebracht hatte. Er hielt sie noch am Arm fest, und sie gehorchte.

Sie gingen die Biegung der Treppe hinauf und kamen in dem großen Flur des oberen Stockwerks an. Jemand klopfte an einer Tür, und Anitas Stimme rief »Herein«. Der Mann, der angeklopft hatte, öffnete die Türflügel weit. Leslie erkannte undeutlich eine hohe Wand, die hinter einem dunklen, goldgestickten Vorhang verborgen war. Der Raum war von einem merkwürdigen, fast grünen Licht erfüllt. Der Mann, der sie bisher geleitet hatte, gab sie jetzt frei. Sie ging allein in den Raum, und die Tür schloß sich hinter ihr.

Es war ein längliches Zimmer von seltsamen Ausmaßen. Leslie bemerkte außer einem Diwan, der an dem entgegengesetzten Ende stand, und einem niedrigen Tisch davor, keine Möbel. Der Teppich, der den Boden bedeckte, war entweder dunkelrot oder schwarz. In dem merkwürdigen Licht der beiden grünen Lampen, die an jeder Seite des Diwans brannten, war es unmöglich, seine Farbe zu unterscheiden.

Anita Bellini saß mit untergeschlagenen Beinen auf dem Diwan und sah mit ihrem goldenen Schmuck wie ein abstoßendes und groteskes Götzenbild aus. Um ihre dicken Arme lagen vom Handgelenk bis zum Ellbogen blitzende Armbänder. Drei Perlenketten hatte sie um den Hals geschlungen, und wenn sie ihre Hände bewegte, glitzerten unzählige, funkelnde Brillanten. Sie hielt eine lange Zigarettenspitze aus Ebenholz zwischen den Lippen, und das unvermeidliche Monokel leuchtete in grüngoldenem Licht auf.

»Kommen Sie her, Miss Maughan, nehmen Sie Platz!« Anita zeigte auf den Boden, und Leslie entdeckte dort mehrere schwarze Kissen, die sie von der Tür aus nicht hatte sehen können.

Leslie setzte sich gehorsam nieder und schaute in das harte Gesicht. Sie saßen beide einander gegenüber und sahen sich eine Zeitlang schweigend an. Dann begann Anita zu sprechen, nachdem sie die Asche ihrer Zigarette abgestreift hatte.

»Ich nehme an, daß Sie vernünftig sind?«

»Ich auch«, erwiderte Leslie kühl.

»Sicher haben sie genügend Verstand, um beurteilen zu können, daß ich nicht das Risiko auf mich nähme, Sie hierherzubringen – Sie hierher zu entführen, ist das richtigere Wort –, wenn meine Lage nicht vollständig verzweifelt wäre. Ich hätte Sie beinahe in der letzten Nacht umbringen lassen, aber das wäre ein böser Fehler gewesen. Sie sind für mich weit nützlicher, wenn ich Sie lebendig habe.«

Leslie lächelte schwach.

»Das klingt ja ganz dramatisch.«

Anita schien ihre Worte zu überhören.

»Haben Sie schon einmal von Diga Nagara gehört? Er war ein großer Fürst in Java, der vor siebzig Jahren starb. Er ist eine mythische Figur geworden, und die Eingeborenen glauben, daß er unsterblich ist und durch seine Untertanen alles genießt, was die Welt einem lebenden Mann bieten kann. In seinem Namen würden sie jede Tat ausführen.«

Sie machte eine Pause, nahm ihr Monokel ab, rieb es mechanisch an ihrem Kleid und klemmte es wieder ein.

»Sie wären in der vorigen Nacht ermordet worden, weil Diga Nagara Ihren Tod beschlossen hatte. Wenn ich Sie einem dieser Männer zur Frau gäbe, würden Sie Diga Nagaras Frau sein, wer auch immer Ihre Hand hielte. Haben Sie verstanden, was ich damit sagen will?«

Leslie nickte. Sie sah Anita unentwegt an.

»Die Javaner sind höfliche und freundliche Leute«, fuhr Anita langsam fort, »aber in mancher Beziehung sind sie auch – nicht freundlich.«

»Ich begreife, daß das alles eine Drohung ist, was mir geschieht, wenn ich das nicht tue, was Sie wünschen.«

»Sie sind ein verständiges Mädchen.« Anita Bellini beugte sich vor und legte ihre Ellbogen auf die Knie. Ihre Haltung ähnelte sehr der eines gemeinen Fischweibes, sie hatte etwas unaussprechlich Gewöhnliches an sich, trotz ihres Monokels, ihres Pariser Goldkleides und des ganzen Luxus, der sie umgab. »Heute nachmittag hat Mr. Coldwell einen Haftbefehl für mich ausstellen lassen, er will auch mein Haus durchsuchen. Wußten Sie das?«

Leslie war ehrlich erstaunt.

»Ich habe keine Ahnung davon und glaube nicht, daß das, was Sie sagen, der Wahrheit entspricht. Mr. Coldwell hat mir nichts von einer solchen Absicht verraten.«

Anita unterbrach sie.

»Es entspricht den Tatsachen, er hat um den Haftbefehl nachgesucht. Ob er ihn erhalten hat, weiß ich nicht. Das ist die eine Sache. Zweitens haben Sie Greta Gurden heute abend besucht, und sie hat Ihnen das einzige erzählt, das Sie nicht erfahren sollten. Ich weiß es, weil ich sah, daß Sie ihre Wohnung betraten und wieder verließen. Und ich habe Greta nachher gesehen«, fügte sie grimmig hinzu. »Es ist nicht notwendig, daß ich Ihnen erzähle, was Sie dort gehört haben.«

»Nein, das ist nicht nötig. Aber das hätte ich auch von selbst herausgefunden, wenn ich nur so schlau gewesen wäre, gleich zu Dr. Wesley zu gehen und zu fragen, wie lange Mr. Dawlish vor seinem Tode bewußtlos war. Daß die Änderung des Testaments eine Fälschung war, habe ich schon immer vermutet. Ich habe eine fotografische Kopie davon gesehen und habe die Unterschrift darauf mit echten Unterschriften von Donald Dawlish verglichen. Es wäre nicht schwer, zu beweisen, daß das neue Testament, das Mrs. Dawlish das ganze Vermögen zuspricht und Peter enterbt, von Anfang bis zu Ende eine Fälschung ist. Der Arzt könnte das fraglos bezeugen. An dem Tag, an dem Mr. Dawlish dies neue Testament gemacht haben soll, war er vollständig bewußtlos. Sie bilden sich doch nicht ein, Prinzessin, daß Sie hierin recht behalten werden? Mr. Dawlishs Rechtsanwälte waren immer unzufrieden und zweifelten die Echtheit des Testaments an, das ohne ihre Zuziehung aufgesetzt wurde und nur deshalb Geltung erlangte, weil Peter Dawlish nicht vor Gericht erscheinen konnte, um es anzufechten.«

Anita Bellini antwortete hierauf nichts.

»Ich kümmere mich jetzt hauptsächlich um mich und meine eigenen Angelegenheiten«, sagte sie schließlich nach einer Pause. »Und Sie sollen mich dabei unterstützen. Martha muß für sich selbst sorgen. Sie müssen mir beistehen, daß ich fortkomme. Ich mache Ihnen ein gutes Angebot – hunderttausend Pfund.«

»Selbst wenn Sie mir alles Geld der Welt anböten, Prinzessin, würde das keinen Eindruck auf mich machen. Wie könnte ich Ihnen helfen, das Land zu verlassen? Sie sprechen, als ob ich der Chef der Geheimen Polizei wäre und Macht hätte, die Prozesse bei Gericht niederzuschlagen. Sie müßten Lady Raytham aufsuchen, die Sie seit Jahren erpreßt haben, und selbst wenn diese keine Anklage gegen Sie erhöbe, so erfordert doch das Gesetz, daß Sie vor Gericht eine Erklärung für den Tod von Annie Druze geben.«

»Es war ein unglücklicher Zufall.«

»Ich weiß es – oder vielmehr ich vermutete es. Aber das muß alles ordnungsgemäß aufgeklärt werden, und das ist unmöglich, ohne daß auch die Erpressungen aufgedeckt werden, die Sie begangen haben. Ich bin bereit, etwas für Sie zu tun. Wenn Sie mich, ohne mir ein Leid zugefügt zu haben, aus Ihrem Hause entlassen, so soll das kleine Abenteuer von heute abend vergessen sein. Ich will Ihre Javaner vergessen und will nicht mehr daran denken, was vorige Nacht passiert ist. Sagen Sie mir nur, wo ich« – sie machte eine Pause – »Elisabeth finden kann.«

»Eine derartige Person gibt es nicht«, erwiderte Anita barsch.

»Ich meine Elisabeth Dawlish, Peters Tochter.«

Anita Bellini hatte ihre Zigarette ausgehen lassen, drehte den Halter von einer Seite zur andern und betrachtete ihn kritisch, als ob sie irgendeine schadhafte Stelle an ihm entdeckt hätte.

»Sie müssen dafür sorgen, daß ich aus all diesen Schwierigkeiten herauskomme.«

Leslie erhob sich.

»Ich dachte, Sie wären klüger.« In ihrer Stimme lag eine gewisse Verachtung. »Sie können nicht mehr gerettet werden nichts kann Ihnen helfen!«

»Ach, glauben Sie?« fragte Anita sanft. »Wissen Sie denn auch, meine Liebe, daß Sie mich in diese Lage gebracht haben, aus der ich nicht mehr entkommen kann? – Nur Sie! Sie haben doch die ganze Geschichte der Druzes auf gerollt – oder haben Sie das nicht getan?« Sie lachte heiser. »Ich weiß sehr viel mehr, als Sie sich einbilden. Und alle die einzelnen Nachrichten und Anhaltspunkte haben Sie zusammengesetzt, um Anita zu fangen, die arme, alte Anita, nicht wahr?« Sie zeigte ihre großen, weißen Zähne in einem mitleidlosen Lächeln. Plötzlich glitt sie von dem Diwan und trat nahe an Leslie heran. »Wir wollen eine Hochzeit feiern!« sagte sie und klatschte zweimal in die Hände.

Der Raum schien vorher vollständig leer zu sein, aber auf dieses Zeichen hin tauchten plötzlich sechs kleine Männer mit nacktem Oberkörper wie durch Zauber hinter dem langen Vorhang auf. Anita rief mit wutverzerrtem Gesicht etwas in javanischer Sprache, und die untersetzten Gestalten kamen in ihrem sonderbaren Gang langsam auf Leslie zu. Sie rührte sich nicht, sie stand aufrecht da und wandte ihr bleiches Gesicht Anita zu. Selbst als die Javaner sie ergriffen, leistete sie keinen Widerstand. Sie ließ sich von ihnen hinter den Vorhang ziehen und durch eine Tür in einen kleinen, dumpfen Raum schieben. Die Tür wurde hinter ihr zugemacht, und ein Schloß schnappte ein. Von der anderen Seite der Tür hörte sie eine höhnische Stimme.

Dann vernahm sie einige Worte in javanischer Sprache und darauf das Lachen der kleinen Männer.

Leslie bückte sich, hob ihren Rock hoch und entnahm dem Strumpfband einen harten Gegenstand. Es war eine kleinkalibrige Browning-Pistole – sie legte den Sicherungsflügel herum. Jetzt fühlte sie sich sicherer, und mit der Pistole in der Hand begann sie, sich in dem Raum umzusehen.

Die Ausstattung war etwas bunt und flitterhaft. Der Diwan, der ein unentbehrliches Möbel in jedem Zimmer des Hauses zu sein schien, war alt und abgenutzt. Eine mit bunten Tüchern verhängte elektrische Lampe hing von der Decke herunter. Zwei Bronzeschalen standen an der Wand. Anscheinend war dies das Zimmer des obersten Dieners. Diese Vermutung bestätigte sich, als sie die Decke des Diwans aufhob und darunter einige Tücher fand, die offenbar javanische Kleidungsstücke waren.

In dem Raum befand sich noch eine zweite Tür, die sie zu öffnen versuchte. Zu ihrer größten Überraschung und Beruhigung steckte der Schlüssel im Schloß. Sie drehte ihn um, die Tür ging auf, und sie befand sich in einem gewöhnlichen Schlafzimmer, wie sie überall in den Häusern von Wimbledon anzutreffen waren. Es brannte kein Licht, und es war auch nicht ratsam, es anzudrehen. Leise schloß sie die Tür des kleinen Raumes, den sie verlassen hatte, und ging auf Zehenspitzen über den Fußboden. Sie tastete sich zurecht, bis sie die Tür des Schlafzimmers fand. Dann drückte sie die Klinke leise herunter und schaute sich um.

Glücklicherweise wandten ihr die beiden Leute, die auf dem Treppenpodest standen, den Rücken zu. Behutsam und vorsichtig schloß sie die Tür wieder und war von Furcht erfüllt, daß sie Lärm machen könnte. Schnell durchquerte sie wieder das Schlafzimmer und versuchte, die Fenster zu öffnen. Aber sie waren mit einem Vierkant verschlossen und geschützt. Leslie suchte nach dem Baderaum und tastete an der Wand entlang. Nach einiger Zeit hatte sie einen Türdrücker in der Hand und öffnete erfreut. Jetzt war sie aber doch gezwungen, einen Augenblick Licht zu machen.

Der Raum wurde offenbar als Ankleideraum benutzt. Gegenüber lag eine andere Tür. Leslie vermutete, daß diese zu einem zweiten Schlafzimmer führte. Schnell drehte sie das Licht wieder aus. Die Tür war verschlossen, aber auch hier steckte der Schlüssel wieder. Ob es eine Falle war? Sie zögerte. Dann drehte sie kurz entschlossen den Schlüssel um, schrak aber sofort wieder zurück, denn hier war jemand. Sie hörte Atemzüge und ein leises Knacken, als ob sich jemand in einem Bett umwandte.

»Wer ist es, bitte?« fragte eine leise Stimme.

Leslies Herz schlug zum Zerspringen, denn es war Elisabeth, die hier im Dunkeln sprach.

»Sei ganz ruhig«, flüsterte Leslie, zog den Schlüssel aus der Tür und schloß sie von innen ab. Erst dann machte sie Licht. Sie stand in einem kleinen Zimmer, das scheinbar nur die eine Tür hatte, durch die sie eben gekommen war. Das kleine Fenster war ebenfalls verriegelt und mit Netzdraht verschlossen. Sie schaute sich wieder nach Elisabeth um, die in ihrem kleinen Bett saß und erstaunt auf diesen unerwarteten Besuch schaute. Plötzlich sprang das Kind auf und lief zu Leslie hin, die es in ihre Arme schloß. »Holen Sie mich von hier fort? Ich fürchte mich so sehr vor diesen kleinen Leuten. Ich habe Ihnen schon früher von ihnen erzählt. Einer kam und ließ die Pistole bei meiner Mutter. Ach, nehmen Sie mich doch mit, bitte, bitte!«

Leslie küßte sie.

»Du brauchst dich nicht zu fürchten«, sagte sie, obgleich sie selbst nicht von ihren Worten überzeugt war. »Sage mir schnell, ob es noch einen anderen Weg aus diesem Raum gibt als die Tür.«

Zu ihrem Erstaunen zeigte Elisabeth auf einen einfachen Schrank, der an der Wand stand.

»Manchmal kommt sie hier herein, die schreckliche Frau mit dem Glasauge. Sie sagte mir, daß einer der braunen Männer mich umbringen würde, wenn ich Lärm machte.« Sie schüttelte sich und zitterte vor Furcht.

Leslie schob sie sanft beiseite, ging zu dem Schrank und öffnete ihn. Er war leer und reichte vom Fußboden bis zu ihrem Kopf. Die Rückwand war zweifellos eine Tür, aber es war weder ein Schlüsselloch noch eine Türklinke zu sehen. Sie stemmte sich mit aller Wucht dagegen, und die Tür sprang auf – sie war auf der anderen Seite nur durch einen einfachen Riegel gesichert gewesen.

Leslie ging zu Elisabeth zurück und hüllte sie in eine Bettdecke ein. »Du mußt jetzt brav und ruhig sein«, flüsterte sie ihr zu. »Komm mit mir.«

»Sie hat mir gesagt, ich dürfte niemals hier durchgehen –« Aber Leslie beruhigte sie, und sie gingen durch den anstoßenden Raum, der ebenfalls ein Schlafzimmer war, das aber offenbar nicht benutzt wurde. Das Bett war nicht bezogen, und einige der Polstermöbel waren mit Überzügen versehen.

Leslie öffnete die Haupttür, und diesmal kam sie auf einen anderen Flur. Sie konnte niemand sehen. Eine enge Treppe führte nach unten. Dort brannte ein düsteres Licht.

»Sie haben ja auch eine Pistole«, sagte Elisabeth verwundert.

Leslie lächelte.

»Sprich jetzt nicht«, flüsterte sie dem Kind ins Ohr. Dann führte sie Elisabeth vorsichtig die Treppe hinunter, die auf einen schmalen, fliesenbelegten Gang führte. Als sie unten ankamen, hörte sie Stimmen. Sie sah sich vorsichtig um und entdeckte, daß sich unter der Treppe eine offene Tür befand. An dem anderen Ende des Ganges war eine zweite Tür zu sehen, die anscheinend nach draußen führte, denn sie war mit Ketten und Riegeln versehen.

Während Leslie stand und überlegte, was sie tun sollte, entfernten sich die Stimmen, und der Lichtschein auf der Wand, der aus der offenen Tür gekommen war, verschwand. Dies war der gegebene Augenblick. Sie packte das Kind am Arm, zog ihre Schuhe aus und eilte geräuschlos den Gang entlang.

Sie erreichte die Tür und löste mit zitternden Fingern zuerst die eine Kette, dann die andere. Sie schob den oberen und den unteren Riegel zurück und hatte die Hand schon am Schlüssel, als von oben plötzlich ein Schrei ertönte. Eine Alarmglocke schlug an, die Tür unter der Treppe flog auf, und drei Männer eilten heraus. Die beiden ersten sahen sie nicht, sondern eilten die Treppe hinauf. Der dritte aber entdeckte Leslie und rief die anderen zurück. Im nächsten Augenblick rannten sie auf sie zu. Zweimal krachte die kleine Pistole. Einer der Männer fiel mit einem Stöhnen zu Boden und griff an sein Knie. Aber dann fielen sie über Leslie her, und sie kämpfte verzweifelt um ihr Leben.

Sie hörte den Schrei Elisabeths und rief ihr zu, die Tür zu öffnen und hinauszulaufen. Aber das Kind war, zu erschrocken, um sich rühren zu können.

Sie trugen Leslie Maughan gefesselt und gebunden in den roten Salon und legten sie zu Anitas Füßen nieder. Dann hob der Mann, der englisch sprach, seine Hand.

»Herrin, hier ist die Frau. Was soll mit ihr geschehen?«

Anita zeigte mit ihrem dicken, juwelengeschmückten Finger auf ihn.

»Diese Nacht sollst du die Seele und den Körper von Diga Nagara haben«, sagte sie mit schriller Stimme. »Diga Nagara, dies ist deine Braut!«

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