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Der viereckige Smaragd

Edgar Wallace: Der viereckige Smaragd - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer viereckige Smaragd
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun14. Auflage
isbn3-442-00195-1
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111015
projectid6db21737
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1

An einem traurigen Februarnachmittag zog Lady Raytham die langen Samtvorhänge zur Seite und schaute auf Berkeley Square hinunter. Die Turmuhr schlug halb fünf. Es regnete und schneite durcheinander, und ein leichter, gelber Nebel verstärkte noch den düsteren Eindruck des sinkenden Tages. Eine ununterbrochene Reihe von Autos bog nach Berkeley Street ein, die glatten, schwarzen Dächer spiegelten den Schein der Straßenbeleuchtung wider, die eben aufflammte.

Lady Raythams geistesabwesende Blicke streiften über die trostlos und verlassen daliegenden Gärten, in denen kahle Bäume ihre Äste traurig gen Himmel reckten und entlaubte Sträucher sich unruhig im Winde hin und her bewegten. Sie starrte hinab, als ob sie fürchtete, der gespenstische Nebel könne bestimmte Gestalt und Form annehmen und gleichsam die Schatten verkörpern, die das Leben bedrohen.

Sie war achtundzwanzig Jahre alt, schlank und hochgewachsen und besaß jene klassische Schönheit, die den Alterserscheinungen lange Zeit trotzt. Ihr Gesicht faszinierte durch seine Ruhe und Herbheit, ihre Augen zeigten das kalte Grau, das man so häufig in England findet. Man hätte sie sich im Mittelalter als die Äbtissin eines mächtigen Klosters vorstellen können oder als die Herrin einer großen Besitzung, die während der Abwesenheit ihres Gatten entschlossen die starke Burg gegen jeden Feind verteidigt. Wenn man ihre Züge einzeln betrachtete, sprachen ihre Augenbrauen und ihr Kinn von unbeugsamer Energie.

Aber im Augenblick schien sie nicht sehr willensstark zu sein, es war im Gegenteil eine gewisse Unsicherheit und Gereiztheit über sie gekommen – Zustände, die sie am meisten scheute und fürchtete.

Sie ließ die Vorhänge wieder zurückfallen, bis sie sich überdeckten, ging zu dem Kamin hinüber und schaute auf die kleine Uhr. Der Salon war nur halb erleuchtet, der Kronleuchter war dunkel, aber die große Tischlampe in der Nähe der Couch glühte hell unter einem roten Schirm. Der luxuriös ausgestattete Raum war mit viel Geschmack eingerichtet.

Als sie vor den Kamin trat und in die Flammen schaute, klopfte es leise an die Tür, gleich darauf trat der Hausmeister ein. Er sah groß und stattlich aus, hatte ein Doppelkinn und ein glattes, faltenloses Gesicht. In der Hand hielt er eine kleine Schale, auf der zusammengefaltet ein längliches, braungelbes Papier lag.

Lady Raytham riß den Umschlag auf und überflog schnell den Inhalt. Das Telegramm, das sie schon den ganzen Nachmittag erwartet hatte, kam aus Konstantinopel und war von ihrem Gatten. Lord Raytham hatte seine Pläne geändert. Er war auf dem Weg nach Basra und wollte von dort nach Bushire, um Ölquellen, an denen das internationale Kapital interessiert war, zu besichtigen. Wenn er sie nicht selbst genauer inspizieren konnte, wollte er sich doch wenigstens über ihre allgemeine Lage informieren. Er entschuldigte sich außergewöhnlich umständlich für die kurze Nachricht und bat sie, nach Cannes zu gehen – wie sie es für den Fall besprochen hatten, daß er nicht vor April zurückkehren könnte. Es tat ihm ›furchtbar leid‹, diesen Ausdruck wiederholte er mindestens viermal.

Sie las die Mitteilung ein zweites Mal durch, faltete sie dann wieder zusammen und legte sie auf den Tisch.

Der Hausmeister wartete leicht vornübergeneigt, um auch das leiseste Wort aufzufangen, aber sie würdigte ihn keines Blickes.

»Es ist gut.«

»Ich danke Ihnen, Mylady.«

Er hatte schon die Tür geöffnet, um sich zurückzuziehen, als sie sich plötzlich an ihn wandte.

»Druze, ich erwarte die Prinzessin Bellini, vielleicht kommt auch Mrs. Gurden. Servieren Sie den Tee, wenn die Damen hier sind.«

»Jawohl, Mylady.«

Die Tür schloß sich leise. Jane Raytham schaute auf die kostbare, polierte Holzfläche und hob merkwürdig lauschend den Kopf, als ob sie erwartete, etwas zu hören. Aber der Hausmeister ging langsam die Treppe hinunter. Ein spöttisches Lächeln lag in seinen Augen, während er seine plumpen weißen Hände rieb. Auf dem Treppenabsatz blieb er stehen, um eine kleine Marmorstatue der Circe zu bewundern, die Lord Raytham von einer Reise nach Sizilien mitgebracht hatte. Gewöhnlich hielt er hier an, um diese Circe mit den verschlagenen Augen zu betrachten, die mit dem Finger winkte. Dabei spitzte er den Mund, als ob er pfeifen wollte.

Ein scharfes Klopfen an der Tür störte ihn auf. Er erreichte die Diele gerade, als der zweite Diener die Haustür öffnete.

Zwei Damen traten ein, und durch die offenstehende Tür konnte er eben noch sehen, wie eine elegante Limousine wegfuhr.

»Lady Raytham ist im Empfangszimmer, Hoheit – darf ich Hoheit helfen, den Mantel abzulegen?«

»Nein, danke«, entgegnete die erste und größere der beiden Frauen abweisend. »Helfen Sie nur Mrs. Gurden. Ich kann nicht verstehen, daß Sie so schreckliche Capes tragen, Greta.«

Mrs. Gurden lächelte.

»Meine Liebe, ich muß doch irgend etwas tragen – danke schön, Druze.«

Der Hausmeister nahm ihr den dünnen seidenen Umhang ab und übergab ihn dem zweiten Diener, während die Prinzessin bereits die Treppe hinaufstieg. Sie stieß die Tür auf und trat unangemeldet ein. Lady Raytham stand am Kamin, hatte ihren Arm auf die Marmorplatte gestützt und den Kopf daraufgelegt. Als die Prinzessin hereinkam, blickte sie erschrocken auf.

»Entschuldige bitte – dreh doch das Licht an, Anita. Der Schalter ist gleich dort an der Tür.«

Prinzessin Bellini zog ohne Hilfe ihren schweren Mantel aus und hängte ihn über eine Stuhllehne. Dann legte sie mit einer raschen Bewegung den Hut ab und warf ihn auf den Mantel.

Leute, die Anita Bellini zum erstenmal sahen, schauten sie erstaunt und scheu an. Es lag eine gewisse rücksichtslose Strenge in ihren Zügen und in ihrer ganzen Haltung. Sie war etwa fünfzig Jahre alt und von einer achtunggebietenden Größe.

Der männliche Ausdruck ihres energischen Gesichts wurde noch mehr durch das graue, kurzgeschnittene Haar betont und durch ein Monokel ohne Einfassung, das sie fast stets ins Auge klemmte. Sie hatte eine lange Bernsteinspitze im Mund, in der eine brennende Zigarette steckte.

Ihre Ausdrucksweise und ihre Sprache waren abgerissen, burschikos und manchmal verletzend.

»Wo ist Greta?«

Die Prinzessin zeigte mit dem Ende ihrer Zigarettenspitze nach der Tür.

»Sie macht sich noch mit Druze zu schaffen. Die Frau würde sogar mit einem Müllkutscher poussieren; sie ist im gefährlichen Alter. Es ist schrecklich, wenn man früher einmal hübsch gewesen ist und Eindruck gemacht hat. Die meisten Menschen können sich nicht daran gewöhnen, daß das auch einmal vorbei ist.«

Jane Raytham lächelte.

»Man sagt, daß du früher einmal ein recht hübsches Mädchen gewesen bist, Nita –«, begann sie.

»Das ist einfach gelogen«, erwiderte die Prinzessin ruhig. »Der Fotograf Russels pflegte meine Bilder so lange zu retuschieren, bis nichts mehr übrigblieb als der Hintergrund.«

In diesem Augenblick rauschte Greta ins Zimmer. Sie streckte die Arme weit aus, und auf ihrem Gesicht lag ein verzückter Ausdruck.

»Mein Liebling«, sagte sie atemlos und nahm Janes Hände.

Anita verzog verächtlich das Gesicht. Und doch hätte sie allmählich Mrs. Gurden kennen müssen, deren natürlicher Zustand nun einmal Begeisterung war. Sie mußte immer andere Leute berühren, sie in die Arme schließen, sich über sie neigen und sie aus nächster Nähe mit ihren dunklen Augen ansehen, wobei sie manchmal ein wenig schielte.

Greta Gurden war früher einmal schön gewesen, aber jetzt war ihr Gesicht lang und ein wenig eingefallen; es war das Gesicht einer Frau, die in ihrem Vergnügungstaumel fürchtete, etwas zu versäumen, und sich deshalb nicht genügend Zeit zum Schlafen gönnte. Sie hatte ihre Lippen hellrot gefärbt und ihre Augen sorgsam bearbeitet, als ob sie noch eine Theaterstatistin wäre. Anita hatte sie als solche kennengelernt und aus dieser untergeordneten Stellung befreit.

»Meine liebe Jane, Sie sehen wieder so vornehm aus... Und dieses prachtvolle Kleid – sicher stammt es von Chenel?«

Jane Raytham schaute kaum an sich herab.

»Nein, es ist nicht von hier, ich glaube, ich habe es voriges Jahr in New York gekauft.«

Greta schüttelte sprachlos vor Erstaunen und Bewunderung den Kopf.

Anita Bellini blies einen Rauchring in die Luft und klopfte dann die Asche ihrer Zigarette in den Kamin.

»Greta übertreibt immer etwas«, sagte sie und schaute Lady Raytham mit prüfendem Blick an. »Du siehst angegriffen aus, Jane – macht das die Trennung von deinem Mann?«

»Ja, ich gräme mich furchtbar.«

Die Ironie, die in ihrem Ton lag, entging Anita nicht.

»Was macht Raytham? Er hat soviel Geld, und doch läßt er keinen Tag vorbeigehen, ohne neues zu verdienen. Wo ist eigentlich der Hausmeister – ach, da kommt er gerade.«

Druze brachte gerade den Servierwagen herein.

»Geben Sie mir schnell einen Whisky mit Soda, Druze, ich verdurste.«

Anita trank den Inhalt des Glases mit einem Zug aus und reichte ihm das leere Glas zurück. Dann setzte sie das Monokel fester ins Auge und steckte sich eine neue Zigarette an. Der Hausmeister zog sich zurück und verließ den Raum wieder.

»Wo hast du Druze eigentlich her? Er bewährt sich, Jane.«

Lady Raytham schaute schnell auf.

»So? Ich kümmere mich kaum um ihn. Er ist sich gleichgeblieben, solange ich ihn kenne. Früher war er bei Lord Everreed angestellt.«

»Das ist nur ein paar Jahre her. Ich kann mich aber auf ihn besinnen, als er noch jung war.«

Die Prinzessin hatte die unglückliche Angewohnheit, mit geschlossenen Lippen zu lächeln, was nicht sehr schön aussah.

»Es ist merkwürdig, wie alt man wird – die Zeit von dreißig bis fünfzig vergeht wie ein Blitz.«

Plötzlich änderte sie das Thema und sprach darüber, was sie an diesem Nachmittag unternommen hatte.

»Ich habe mich ein wenig mit Bridge beschäftigt, dann ein Streichquartett gehört, das allerhand spielte, nur nichts Melodiöses.«

»Ach, es war doch entzückend«, sagte Greta, wieder ganz hingerissen vor Begeisterung.

»Einfach schauderhaft! Und noch schlimmer, weil Peters Mutter dort war. Der enge Gesichtskreis dieser Frau deprimiert mich.« Lady Raytham blickte wieder ins Feuer.

»Ich fragte sie, was sie wegen Peter zu tun gedenkt«, fuhr Anita fort. »Gott sei Dank hat sie in dem Punkt einigen Verstand. Für sie ist Peter vollkommen erledigt. Margaret wird nicht einmal mehr über ihn reden. Der einzige, der noch an ihn glaubt, ist Lord Everreed – aber der war ja immer ein einfältiger Mensch. Peter wäre auch niemals angeklagt und verfolgt worden, wenn die Bank nicht darauf gedrungen hätte.«

Die letzten Worte sagte sie mit einer gewissen Genugtuung. Anita haßte ihren Neffen, und Peter haßte sie – er haßte ihre spöttischen Bemerkungen über ihn, als er, der Sohn eines reichen Mannes, es vorzog, die Stelle eines Privatsekretärs bei dem großen Parlamentarier, dem Viscount Everreed, anzunehmen, statt in die Bank seines verstorbenen Vaters einzutreten. Und später saß sie mit verächtlichem Lächeln dabei, als der junge Mann vor Gericht verurteilt wurde, weil er den Namen seines Chefs auf einem Scheck über fünftausend Pfund gefälscht hatte.

Lady Raytham rührte zerstreut ihren Tee um.

»Wann wird er –«

»Herauskommen? Ich glaube jetzt. Ich will einmal nachrechnen. Er wurde zu sieben Jahren verurteilt, und ich habe gehört, daß diese Leute für gute Führung einen Straferlaß bekommen – drei Monate jedes Jahr. Weshalb man das macht, mag der liebe Himmel wissen. Wir zahlen zuerst viel Geld, um sie zu fangen, und sobald solche Galgenvögel hinter Schloß und Riegel sind, machen wir uns mit diesem Schloß zu schaffen, um sie wieder herauszulassen.«

»Schmachvoll!« murmelte Greta. »Ich möchte nur wissen, was der anfangen will. Für einen Mann wie Peter wird das Leben sehr schwer werden –«

»Ach, Unsinn«, fiel ihr Anita ins Wort. »Werden Sie doch bloß nicht sentimental über Peter. Er ist fünf Jahre im Gefängnis gewesen, und in Dartmoor, oder wo sonst er seine Strafe abgesessen hat, werden die Leute auch noch in anderen Dingen als gerade im Scheckfälschen unterrichtet. Wahrscheinlich wird er jetzt ein guter Landarbeiter geworden sein.«

Lady Raytham zitterte.

»Ach, wie schrecklich!«

Die Prinzessin lächelte.

»Peter Dawlish ist ein Narr. Er gehört zu den Menschen, die immer der dienenden Klasse angehören werden. Wenn du dich um Peter kümmerst, so mußt du auch um den Tod des Rebhuhns trauern, das auf deinem Tisch serviert wird. Ich möchte nur wissen, wie er jetzt über Druze denkt.«

Lady Raytham schaute auf.

»Glaubst du, daß er ihn noch haßt?«

»Druze war Everreeds Hausmeister und hatte den Scheck kassiert. Am nächsten Tag trat Peter seinen Erholungsurlaub an – das heißt, in Wirklichkeit stürzte er sich in sein großes Abenteuer. Als er dann zurückkam, wurde er festgenommen. Er leistete tausend Eide, daß er nichts von dem Scheck wisse, klagte auch noch den armen Druze der Fälschung an – aber alle diese Ausflüchte haben ihn nicht vor der Verurteilung geschützt.«

Jane erwiderte nichts.

»Es ist ganz erklärlich, daß Peter aufgebracht ist. Wenn er immer noch davon überzeugt ist, daß Druze an allem schuld ist, dann können wir noch allerhand Unannehmlichkeiten erwarten – wir wollen uns darüber nicht täuschen.«

Anitas Zigarette war ausgegangen. Sie öffnete ihre Handtasche mit einer ungeduldigen Bewegung und suchte etwas.

»Keine Streichhölzer dabei? Macht auch nichts.«

Sie fand einen Brief in der Tasche, riß ein Stück davon ab, beugte sich herunter und steckte es am Feuer an.

»Wer mag bloß Leslie Maughan sein?«

Anita schaute auf die Unterschrift des Briefes.

»Leslie Maughan?« fragte Jane Raytham. »Ich kenne ihn nicht. Warum fragst du?«

Anita knitterte den Brief zusammen.

»Leslie Maughan will mich in einer persönlichen Angelegenheit sprechen. Wahrscheinlich ist er irgendein Erfinder oder ein Mensch, der in Geldnot ist. Vielleicht will er auch eine Expedition nach den Kokosinseln machen, die ich finanzieren soll. Zum Teufel mit Leslie Maughan!«

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