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Der viereckige Smaragd

Edgar Wallace: Der viereckige Smaragd - Kapitel 18
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pfad/wallacee/smaragd/smaragd.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer viereckige Smaragd
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun14. Auflage
isbn3-442-00195-1
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111015
projectid6db21737
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17

Zornig stand sie vor Greta, die sich duckte und ihre Hände abwehrend hochhielt, als ob sie fürchtete, geschlagen zu werden.

»Schnell, telefonieren Sie und sagen Sie, daß er nicht zu kommen braucht. Gebrauchen Sie irgendeine Entschuldigung!«

Mit zitternder Hand wählte Greta die Telefonnummer, aber es meldete sich niemand mehr.

»Er ist sicher schon fortgegangen.«

»Dann hängen Sie an, Sie Einfaltspinsel!« Anita atmete schnell. Ihr Gesicht war plötzlich von Falten durchzogen und sah alt aus.

»Schicken Sie jemand unten an die Tür, der ihm sagt, daß er nicht heraufkommen soll.«

»Aber Anita«, jammerte Greta, »das kann ich doch nicht ich muß ihn doch sprechen. Wenn Sie ihn nicht sehen wollen, brauchen Sie sich ja nicht zu zeigen. Schicke ich ihm eine solche Botschaft hinunter, so wird er argwöhnisch werden. Sie entsinnen sich doch, daß die Polizei sofort Nachforschungen anstellte, weil mein dummer Arzt jemandem erzählte; daß ich eine Schußwunde am Bein hätte.«

Dieser Einwand war nicht von der Hand zu weisen. Obwohl Anita von Furcht und Wut erfüllt war, mußte sie sich doch zufriedengeben, und als zehn Minuten später die Schritte des Arztes auf der Treppe hörbar wurden, verschwand sie im Schlafzimmer. Aber sie blieb an der Tür stehen, um alles hören zu können, was drinnen gesprochen wurde.

Dr. Wesley war ein älterer, sehr gesprächiger Mann von untersetzter Gestalt. Sein freundliches, dickes Gesicht wurde von einem weißen Backenbart umrahmt.

»Ach, du liebe Zeit – ich kenne Sie ja noch«, sagte er. Er gehörte zu der alten, aussterbenden Generation von Ärzten, die sich gern unterhalten und ihren Patienten gut zureden. »Ich kann mich jetzt ganz genau auf Sie besinnen – Sie waren doch mit den Dawlish befreundet? Der arme, alte Donald, er war ein lieber Kerl ... Nun wollen wir uns mal das Bein besehen.«

Er untersuchte die Wunde, die nicht viel mehr als ein kleiner roter Fleck war, und zu Gretas größtem Kummer hatte er nichts gegen die Fahrt nach Wimbledon einzuwenden.

»Sie müssen sich noch ein oder zwei Wochen ein wenig in acht nehmen«, sagte er freundlich, dann kehrte er wieder zu seinem alten Thema zurück. »Ja, ich war noch zwei Tage vor seinem Tode von morgens bis abends bei dem alten Donald. Und ich hoffte, allerdings ohne die geringste Aussicht, daß ich noch etwas für ihn tun könnte. Vierundzwanzig Stunden bin ich nicht von seiner Seite gewichen. Er starb sechs Stunden, nachdem ich ihn verlassen hatte. Mein lieber Freund, Sir Paul Grayley, blieb bei ihm. Er ist einer der besten Ärzte, die jemals gelebt haben.«

Der alte Doktor Wesley war der Ansicht, daß alle Menschen, die er kannte, die besten waren, die jemals gelebt hatten, und alle, die nicht den Vorzug seiner Bekanntschaft hatten, wurden mit der einfachen Bemerkung ›arme Leute‹ abgetan.

»Es ist nur schade um seinen Sohn!« Er schüttelte den Kopf. »Das ist wirklich eine sehr böse Geschichte. Ich habe Peter niemals persönlich kennengelernt, aber als ich von den schrecklichen Dingen hörte, die er angestellt hatte, sagte ich zu mir: ›Wenn diese Nachricht dem alten Donald mitgeteilt werden muß, so bist du der einzige, der das kann.‹«

Er war sehr redselig, liebenswürdig und umgänglich, aber Greta war unzufrieden mit ihm und lud ihn nicht zum Verweilen ein.

Wenn die Wünsche Anitas, die in dem dunklen Schlafzimmer stand, in Erfüllung gegangen wären, hätte sich Dr. Wesley das Genick gebrochen.

Als er gegangen war, kam die Prinzessin aus ihrem Versteck.

»Nun können Sie hoffentlich mit mir kommen, ohne sich den Tod zu holen«, sagte sie ironisch.

»Ich könnte wohl, wenn ich wollte.« Greta fühlte sich in die Enge getrieben, aber sie war halsstarrig. »Ich will nicht von hier fortgehen. Ich weiß auch gar nicht, warum Sie diesen netten, alten Mann nicht leiden können. Ich gebe ja gern zu, daß er furchtbar schwatzhaft ist, aber das ist doch kein Grund, einen Nervenanfall zu bekommen, wenn man nur seinen Namen erwähnt.«

»Wenn ich Ihre Meinung über meine Angelegenheiten hören will, werde ich Sie danach fragen«, fuhr Anita auf. Aber sie hatte sich in Greta verrechnet.

Mrs. Gurden zuckte die Schultern.

»Wenn Sie in diesem Ton mit mir verkehren wollen«, erwiderte sie, indem sie all ihre Kraft und Kühnheit zusammennahm, »dann ist es besser, daß wir uns so bald als möglich trennen, Anita. Sie haben zwar die Zeitung eingestellt, aber ich glaube, Sie schulden mir Gehalt, wenn Sie mich ohne Kündigung entlassen. Und weil wir nun gerade einmal über Geld sprechen – letzten Monat habe ich überhaupt kein Gehalt bekommen. Und außerdem habe ich nicht das geringste Verlangen, in Ihr schreckliches altes Nest zu gehen!«

Die Prinzessin zwang sich zu einem Lächeln.

»Meine liebe Greta, Sie werden theatralisch. Aber ich sehe ja, daß Sie nicht ganz bei Verstand sind. Seien Sie doch nicht verrückt! Sie kommen jetzt mit mir und bleiben ein oder zwei Wochen. Ich habe mehrere neue Pläne, über die ich mit Ihnen sprechen möchte. Und dann wollen wir unsere Sachen packen und nach Capri, nach Monte Carlo oder sonstwohin gehen, wo es hübscher ist als in Wimbledon.«

»Nein, ich will nicht mitkommen!« Es gehörte für Greta ein ungeheurer Mut dazu, sich zu dieser Absage aufzuraffen. »Ich weigere mich, Ihnen zu folgen. Wenn ich mir meinen Lebensunterhalt verdienen muß, dann will ich ihn auch verdienen. Ich kann eine Stellung in Fleet Street annehmen, es wurde mir schon letzte Woche eine angeboten. Ich lasse mich nicht mehr von Ihnen tyrannisieren! Ich gehe nicht nach Wimbledon – das ist mein letztes Wort!«

Anita fand hier einen Widerstand, mit dem sie nicht gerechnet hatte. Sie war wenig diplomatisch, sie hatte sich mit der Stärke ihres Charakters durch die Welt geschlagen. Es war nicht ihre Art, ihre Gegner zu überreden, sie konnte nur kommandieren.

»Sie werden mich blamieren, ich habe versprochen –«

»Das ist mir ganz gleich. Wenn Sie etwas versprochen haben, was Sie nicht halten können, dann ist das nicht mein Fehler. Wem haben Sie es denn versprochen?« Aber sie wartete gar nicht, bis Anita antworten konnte. »Sie sehen doch, wie sehr ich dieses Haus in Wimbledon und diese schrecklichen, herumschleichenden Javaner hasse, die Sie dort halten.«

»Das sind sehr gute Leute! Wenn Sie einmal in Ihrem Konversationslexikon nachsehen, werden Sie entdecken, daß sie sehr friedliebend und häuslich sind.«

Aber diese Worte verfingen nicht bei Greta.

»Das mag stimmen oder nicht. Ich weiß jedenfalls, daß ich nicht mitkomme.«

»Dann bleiben Sie hier – meinetwegen bis übermorgen«, fuhr Anita fort. »Ich will meine Zeit nicht mehr mit Ihnen verschwenden oder gar vor Ihnen auf die Knie fallen! Sie schulden mir sehr viel, Greta –«

»Und Sie schulden mir einen Monat Gehalt«, erwiderte Greta Spitz. »Und außerdem noch drei Monate Gehalt, weil Sie mir nicht gekündigt haben.«

Anitas Hände zitterten vor Wut. Sie riß ihre Handtasche auf und warf ein Paket Einpfundnoten auf den Tisch. Ohne ein weiteres Wort verließ sie dann das Zimmer und warf die Tür so heftig zu, daß das ganze Haus zitterte.

Greta Gurden triumphierte und hatte doch schon Angst vor dem, was ihr der morgige Tag bringen würde. Schnell griff sie nach dem Telefonhörer und wählte die Nummer von Leslie Maughan, die sie aufgeschrieben hatte.

»Ja, ich möchte mit Ihnen sprechen.«

»Gerne, Mrs. Gurden.«

Greta war erstaunt.

»Woher wußten Sie denn, daß ich am Apparat bin?«

Sie hörte, wie Leslie lachte.

»Ich kann mich auf Stimmen sehr gut besinnen, besonders auf sympathische wie die Ihre«, sagte die junge Dame.

»Ich möchte Sie gerne sehen – ich muß Sie sogar sehen äußerst dringend.«

»Ich werde zu Ihnen kommen.«

Es kostete einige Überredung, Lucretia dazu zu veranlassen, auf Mr. Coldwells Ankunft zu warten.

»Warten Sie auf der Straße«, schlug Leslie vor, als sie sah, wie furchtsam ihr Mädchen war. »Aber Sie werden sich auf den Tod erkälten – das macht Ihnen aber wohl in Ihrer Angst nicht viel aus. Sie können sich ja auch solange mit einem Polizeibeamten unterhalten. Ich verlasse mich auf Sie.«

Sie einigten sich darauf, daß Lucretia sich auf das Gepäck unten in dem Flur setzen sollte. Die Haustür wollte sie ein wenig offenhalten. Leider war es dort noch zugiger als auf der Straße!

Greta bereute ihr Vorgehen schon halb, als Leslie auf dem Weg zu ihr war. Sie war nicht sehr beständig und schwebte zwischen Furcht und Reue, als Mrs. Hobbs, die gegen Abend zurückgekehrt war, Leslie in das Speisezimmer führte.

»Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, daß Sie gekommen sind.«

Greta war wieder die alte, sie ergriff Leslies Hand und schloß sie in ihren beiden Händen ein. Und dann wandte sie wieder ihren alten Trick an und blickte wehmütig und bittend auf ihre Besucherin.

»Ich bin so unruhig – ich habe mich nämlich mit Anita überwürfen. Endgültig – es gibt keine Aussöhnung mehr. Sie hat die Zeitung eingestellt, wie Sie vielleicht schon gehört haben – Sie wissen ja alles in Scotland Yard. Das bedeutet, daß ich meine Stellung verloren habe, das heißt, ich könnte morgen schon eine neue haben, wenn ich mich darum bemühte. Anita hat sich schmählich gegen mich benommen, ich hätte mir das nie träumen lassen, nach allem, was ich für sie getan habe! Aber legen Sie doch bitte ab. Darf ich Ihnen eine Tasse Tee anbieten?«

Leslie, die sich heimlich über Greta amüsierte, schüttelte den Kopf. Sie vermutete, daß Greta seit ihrem Anruf ihre Meinung schon wieder geändert hatte. Es war wenig wahrscheinlich, daß sie sich wegen eines Zerwürfnisses mit Anita an sie wandte. Wenn Leslies Informationen richtig waren, so kamen Auseinandersetzungen zwischen Greta Gurden und der Prinzessin ziemlich häufig vor.

»Ich habe Ihnen natürlich nichts zu sagen, das zuungunsten von Anita Bellini spräche. Aber sie ist so eigenartig – und sie hat soviel Temperament! Ich würde mich nicht wundern, wenn sie in den nächsten Tagen einen Schlaganfall bekäme!«

»Welche Sorgen bedrücken Sie denn?«

»Sie wollte haben, daß ich mit ihr nach Wimbledon kommen und dort einen Monat bleiben sollte. Aber ich hasse diesen Platz – ich kann ihn nicht ausstehen! Ich bin etwas hitzig wie alle Künstler – ich meine Künstler und Schriftsteller. Anitas Haus flößt mir geradezu Furcht ein. Und sie war so gemein zu mir, obwohl ich mich nicht wohl fühle und solche Schmerzen in dem Bein habe. Anita ist in dieser Beziehung ganz unvernünftig. Sie können sich das gar nicht vorstellen, Miss Maughan. Wir hatten eine Auseinandersetzung, und ich erklärte ihr einfach, daß ich nichts mehr mit ihr zu tun haben wollte. Darauf machte sie mir eine furchtbare Szene, weil ich den alten Doktor Wesley hierher bat. Er sollte mich untersuchen und feststellen, ob ich schon ausgehen könnte. Sie schimpfte mich aus, weil ich ihn anrief – ich dachte wirklich, sie wäre ganz von Sinnen. Und dabei ist er doch ein so lieber, alter Herr, furchtbar gesprächig, aber charaktervoll und durchaus ein Gentleman. Sie wissen doch, daß er während der letzten vierundzwanzig Lebensstunden des verstorbenen Mr. Dawlish bei diesem war? Er ist nicht von seiner Seite gegangen, er glaubte, der Mann würde sein Bewußtsein noch einmal erlangen – das war doch lieb von ihm.«

Leslie saß an der anderen Seite des Tisches, hatte die Hände geduldig gefaltet und wartete auf die eigentliche Geschichte Gretas. Jetzt lehnte sie sich vor und sah Greta voll ins Gesicht.

»Dr. Wesley war der Hausarzt von Dawlish?«

»Ein entzückender, interessanter, liebenswürdiger alter Herr – er hatte Mr. Dawlish sehr gern. Einen ganzen Tag und eine ganze Nacht saß er an seinem Lager. Und sechs Stunden später ist Mr. Dawlish gestorben.«

Leslie hörte nicht zu, was Greta ihr in den nächsten fünf Minuten vorerzählte, aber auch als sie wieder verstand, was die andere sagte, war Greta immer noch nicht soweit, ihr den eigentlichen Grund für den telefonischen Anruf mitzuteilen.

»... wenn irgend etwas bei der Gerichtsverhandlung herauskommt, so kann ich das immer behaupten. Anita muß für mich eintreten und aussagen, daß ich niemals wußte, daß dieser schreckliche Kerl eigentlich eine Frau war. Das erste, was ich sah, war, daß Anita mit diesem Mann handgemein war. Ich wollte nach der Polizei schicken, aber da kamen diese verfluchten gelben Kerle herein und versuchten, die Pistole Druzes Hand zu entwinden. Und ich lag auf dem Sofa, halb ohnmächtig, meine Liebe, und hatte keine Ahnung, daß ich verwundet war. Es mag Ihnen seltsam vorkommen, aber es ist so. Als ich aufwachte, benahm sich Anita wie ein Mensch, der den Kopf verloren hatte. Es war einfach entsetzlich!«

»Haben Sie Druze noch einmal gesehen?«

»Nein. Aber die gemeinen Ausdrücke, die sie gebrauchte, bevor die Schießerei begann –« Greta schauderte. »Ich könnte Ihnen nicht die Hälfte der Worte wiedererzählen, die sie sagte. Anita schickte mich aus dem Raum, sie sagte, sie hätte nicht gewußt, daß ich zugegen sei. Aber gerade als ich hinausgehen wollte, fiel ein Schuß – Peng!« Mrs. Gurden wurde dramatisch. »Und dann wurde alles dunkel um mich. Sie wissen, wie das ist.«

»Ich kann den ganzen Zusammenhang noch nicht richtig verstehen. Ein paar Stunden nach dieser Schießerei traf ich Sie doch in der Wohnung Lady Raythams.«

»Anita hatte mich dorthin geschickt. Sie sagte mir, gehen Sie zu Jane, aber erzählen Sie ihr nichts. Suchen Sie alles über Druze herauszubekommen – wie sie sich trennten und ob er ihr noch gedroht hat. Sie kennen doch Anita, sie ist dann einfach so befehlshaberisch. Der Doktor hat später gesagt, daß die Wunde sofort geheilt wäre, wenn ich nicht nachher herumgelaufen wäre. Als ich nach Hause kam, wäre ich beinahe gestorben!« Sie machte eine Pause, um Atem zu holen. »Ich vermute, sie wird morgen wieder erscheinen und mich bitten, zu ihr zurückzukommen. Und ich bin eine so friedfertige Natur, die immer wieder zum Verzeihen geneigt ist –«

»Wenn es irgend etwas im Leben gibt, das Sie schätzen, so bleiben Sie hier, Mrs. Gurden«, sagte Leslie ruhig. »Ich möchte Sie nicht gern erschrecken, aber ich halte es für meine Pflicht, Sie zu warnen. Prinzessin Bellini ist nahe am Ende. Was aber Druze angeht –«

Sie hatte niemals gedacht, daß Druze ermordet worden sei. Immer hatte sie an die Möglichkeit eines Kampfes gedacht, in dem unglücklicherweise einige Schüsse fielen. Anita Bellini hatte guten Grund, die höhnische Druze nicht zu erschießen.

Als Leslie wieder zu ihrer Wohnung kam, war die Haustür verschlossen. Sie öffnete sie, drehte das Licht in dem Flur an und stellte dann mit Genugtuung fest, daß Lucretia mit dem Gepäck bereits verschwunden war. Im Briefkasten lag ein Telegramm, es war eine Antwort auf eine telegrafische Anfrage, die sie nach dem Mittagessen aufgegeben hatte. Sie las die Botschaft und hätte vor Freude laut aufjubeln mögen.

Sie dachte an diese gute Nachricht und an die Unterhaltung, die sie eben mit Greta Gurden geführt hatte, als sie die Treppe hinauf eilte. Greta war aufsässig, das war klar, aber es fragte sich, ob ihre Wut und ihr Haß so weit ausreichen würden, um Anita Bellini vollständig bloßzustellen. Als sie ah dem Fenster in der Diele vorbeikam, sah sie, daß der neue Sicherheitsriegel angebracht war. Es war eigentlich lächerlich, die Wohnung überhaupt zu verlassen. Dem einen vergeblichen Versuch würde doch schwerlich ein zweiter Überfall folgen.

Jetzt bedauerte sie, daß sie Mr. Coldwells Drängen nachgegeben hatte. Sie öffnete die Tür ihres Wohnzimmers und streckte die Hand aus, um das Licht anzudrehen, aber der Raum blieb dunkel. Sie wunderte sich und trat in das Zimmer.

Sie hörte keinen Laut, keine Warnung, aber plötzlich griff eine große Hand an ihre Kehle, und eine andere schloß ihr den Mund. Dann fühlte sie den Druck eines Knies im Rücken. Sie versuchte, sich zu befreien, aber es gelang ihr nicht.

»Sie schreien – Sie tot!« zischte ihr eine Stimme ins Ohr.

Sie versuchte zu nicken.

Die Tür wurde leise hinter ihr geschlossen. Es waren zwei Leute im Zimmer. Sie fühlte, wie ihre Fußgelenke ergriffen und hochgehoben wurden. Dann wurde sie in das Schlafzimmer getragen und auf das Bett gelegt.

»Sie schreien –. Sie tot!« sagte der eine wieder. Der Griff um ihren Hals lockerte sich, aber die übelriechende Hand blieb noch auf ihrem Mund liegen.

»Ich werde nicht schreien«, murmelte sie. Jetzt wurde auch die andere Hand fortgezogen.

»Sie schreien, ich Kehle durchschneiden. Sie nicht schreien, ich nicht Kehle durchschneiden – nicht stechen.«

»Ich werde nicht schreien«, wiederholte sie leise. »Kann ich aufstehen?«

Die beiden schienen sich flüsternd in einer Sprache zu beraten, die Leslie nicht verstand.

»Sie auf Stuhl sitzen, ganz ruhig sitzen, lange Zeit, lange Zeit«, sagte der Mann zu ihr, der zuerst mit ihr gesprochen hatte.

Er ergriff sie am Arm, führte sie in das Wohnzimmer zurück und ließ sie in einem Stuhl Platz nehmen. Eine Straßenlaterne warf genügend Licht durch die Fenster, so daß sie nicht stolperte.

Sie sah jetzt die beiden Männer, sie waren klein und reichten nur etwas über ihre Schultern, aber sie waren breit und kräftig gebaut und, wie sie ja schon erfahren hatte, unheimlich stark. Ihre Gesichter waren nicht zu unterscheiden, zufällig oder absichtlich kehrten sie den Rücken zum Fenster. Der anscheinend im Rang Höhere sagte etwas in der unbekannten Sprache, der andere ging hinaus und drehte das Licht im Flur aus. Gleich darauf kam er wieder zurück, und zu ihrem größten Erstaunen wurde er noch von einem dritten Mann begleitet. Sie hörte, wie sie zusammen flüsterten, dann verschwand der dritte wieder. Die beiden anderen setzten sich gleichmütig schweigend auf den Teppich zu ihren Füßen nieder, um sie zu bewachen. So verging etwa eine Viertelstunde.

»Ich sprechen Englisch klein wenig«, sagte der erste Mann dann. »Ich höre verstehen Englisch gut. Ich sagen ganz Wahrheit. Letzte Nacht Diga Nagara wollen töten Sie. Diese Nacht er nicht wollen töten.« Er fügte noch etwas hinzu, was sie nicht verstehen konnte.

»Was wollen Sie denn mit mir anfangen?« fragte sie.

»Gleich, nach und nach«, erwiderte der kleine Mann, nachdem er ihre Worte langsam wiederholte und verstanden hatte. »Sie und ich gehen in Wagen – während gehen, Sie sehen Leute, Sie sprechen zu Leute, ich schneiden Kehle.«

Das klang sehr entschieden, aber die Wiederholung seiner Drohung belustigte sie fast ein wenig.

»Sie sagen ja immer dasselbe. Was geschieht denn, wenn ich in dem Wagen bin?«

Es entstand eine Pause; da er sich die Antwort überlegen mußte.

»Nach und nach Sie sehen.«

Der dritte Mann kam jetzt zurück und sie sah, daß er in Wirklichkeit der Führer der drei war, denn auf seinen Befehl hin verschwanden die beiden anderen durch die Tür, und er nahm ihren Platz ein.

»Sie brauchen nicht zu fürchten, daß Ihnen etwas geschieht, wenn Sie uns keine Schwierigkeiten machen«, sagte er. Zu ihrem Erstaunen sprach er perfekt Englisch. »Meine Herrin braucht Sie.«

»Wer ist denn Ihre Herrin?«

Es war eine gewisse Beruhigung für sie, daß dieser kleine Mensch alles verstehen konnte, was sie sagte, und daß sie sich mit ihm unterhalten konnte. Er erschien ihr weniger schrecklich und unheimlich als die beiden anderen.

»Ich kann Ihre Fragen nicht beantworten, Miss. Aber Sie können versichert sein, daß Sie nichts zu fürchten haben. Vorige Nacht sollten Sie getötet werden. Ich selbst wollte Sie umbringen. Aber heute haben wir einen ganz anderen Befehl. Wenn Sie vernünftig und ruhig sind, passiert Ihnen nichts.«

Er stand auf und schaute aus dem Fenster. Weder die Vorhänge noch die Jalousien waren heruntergezogen, und er konnte deutlich die gegenüberliegende Seite der Straße sehen.

»Ich muß Ihnen sagen, was nun geschehen wird. Dieses Haus ist von Polizei umstellt und bewacht. Nach einer Weile werden die Leute müde und nachlässig werden, und dann wird mir mein Freund ein Zeichen geben, daß sie fortgegangen sind. In diesem Augenblick werden wir das Haus verlassen.«

Leslie vermutete, daß sein ›Freund‹ einer der beiden Männer war, die verschwunden waren. Vorhin hatte sie gesehen, daß alle drei korrekt europäisch gekleidet waren.

»Wollen Sie sich etwas näher ans Fenster setzen? Am besten nehmen Sie an Ihrem Schreibtisch Platz. Wenn das Telefon läutet, dann antworten Sie nicht.«

So saßen sie nun, er auf der einen Seite des Tisches, sie auf der anderen. Seine Blicke wanderten von der Straße zu seiner Gefangenen und von ihr wieder zur Straße. Sie sah, wie die Autos draußen zu den Theatern fuhren, und sie war neugierig, ob wohl auf irgendeiner Bühne Londons ein Drama gespielt würde, das ebenso unmöglich und unwahrscheinlich war wie das, in dem sie selbst augenblicklich die Hauptrolle spielte.

»Sie sind sich doch darüber klar«, sagte sie nach einer langen Pause, »daß Mr. Coldwell entweder telefonieren oder selbst hierherkommen wird, wenn ich nicht in seinem Haus erscheine?«

Er nickte.

»Wir haben bereits Vorkehrungen für diesen Fall getroffen. Wir haben ihm in Ihrem Namen ein Telegramm gesandt, daß Sie fortgerufen wurden nach« – er zögerte – »ich kann mich nicht auf die Stadt besinnen. Sie liegt im Westen und an der Küste.«

»Meinen Sie Plymouth?« fragte sie schnell.

»Ja, so heißt der Ort. In dem Telegramm war auch Ihr dortiges Hotel angegeben. Plymouth liegt sehr weit fort – und Sie werden nicht mehr hier sein, wenn er erfährt, daß Sie dort nicht angekommen sind.«

»Wo werde ich denn sein?«

»In dem Harem von Diga Nagara, dem großen Fürsten, der starb und doch lebendig ist.«

Leslie Maughan wurde nicht schwach. Sie starrte nur auf den kleinen Mann, der feierlich nickte.

»Diga Nagara, der große Fürst – der starb und doch lebendig ist!«

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