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Der viereckige Smaragd

Edgar Wallace: Der viereckige Smaragd - Kapitel 17
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer viereckige Smaragd
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun14. Auflage
isbn3-442-00195-1
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid6db21737
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16

In diesem Augenblick roch es aber in Greta Gurdens Schlafzimmer intensiv nach Bratwürsten. Der Duft kam von dem kleinen Gaskocher im Speisezimmer. Wenn Greta für sich allein zu sorgen hatte, dann war sie sehr sparsam, beinahe geizig. Speiste sie allerdings in einem Restaurant, so wählte sie lange unter den teuersten und schmackhaftesten Gerichten. Sie kannte die feinsten und besten Weine, wenn sie einen Begleiter hatte, der die Rechnung bezahlen mußte. Aber in ihrer eigenen Wohnung war sie mit dem frugalsten Essen zufrieden.

Der Arzt hatte ihr erlaubt, am Nachmittag aufzustehen, und sie bemerkte, daß sie ohne Schmerzen langsam von einem Raum in den anderen gehen konnte. Ihre Aufwartefrau war nach Hause gegangen, und Greta war froh, daß sie allein war, denn die Tugend, das Gesicht zu wahren, findet man nicht nur in China. Wenn sie ihr kleines Mahl bereitete, war sie immer am liebsten allein, denn sie gehörte zu den Menschen, die wünschten, daß selbst die einfachsten Leute sie für vornehm und wohlhabend hielten.

Sie war beinahe vergnügt, als sie ein Würstchen nach dem andern mit der Gabel aus der Pfanne nahm und auf eine heiße Schüssel legte. Dann stellte sie den Teekessel beiseite, deckte den Tisch und freute sich auf ihre Abendmahlzeit.

Von Anita hatte sie seit ihrem letzten Besuch nichts mehr gehört. Greta machte sich schon den ganzen Tag über Vorwürfe, daß sie sich in ihrem Ärger dazu hatte hinreißen lassen, dieses Schriftstück an Peter Dawlish zu senden. Glücklicherweise würde es Anita nicht erfahren. Das war ihr einziger Trost. Was würde Anita sagen, wenn sie das entdeckte? Greta schauderte bei dem Gedanken.

Sie war boshaft, aber feige. Und es war schließlich auch Feigheit, die den Umschwung in ihren Gefühlen gegen die Prinzessin hervorrief. Sie dachte jetzt anders über Anita, in deren Diensten sie gestanden hatte und die sie doch verraten hatte. In der Reaktion fühlte sie sich versöhnlicher gestimmt gegen ihre Feindin, die sie doch vorher so gehaßt hatte. Aber trotzdem hatte der Fund dieses Briefes Greta auf einen Gedanken gebracht. Vielleicht waren noch andere Schriftstücke in dem Stoß verborgen, die ebenso wertvoll waren. Sie dachte daran, daß ihre einzige Einnahmequelle versiegen würde, wenn die kleine Zeitschrift ihr Erscheinen einstellte.

Anita war ja eigentlich im Recht, wenn sie mit der Zeitung unzufrieden war. Zwei ansehnliche Artikel erschienen Woche für Woche auf den Seiten dieses kleinen Blattes. Die erste Serie lief unter dem Titel: ›Geschichten aus dem wirklichen Leben‹. Unter der Überschrift war die Bemerkung gedruckt, daß der Einsender der besten Geschichte eine Belohnung von fünfundzwanzig Pfund erhalten würde. Es wurde besonders darauf Wert gelegt, daß das Material authentisch war, ferner mußte es pikant und eigenartig sein. Außerdem stand eine Annonce in der Zeitung, daß Leute gut bezahlt würden, die interessante gesellschaftliche Ereignisse berichten konnten.

Diese beiden Aufforderungen führten zu einer umfangreichen Korrespondenz. In der Hauptsache waren die Mitteilungen wertlos, aber manchmal verriet doch ein beleidigter Dienstbote Dinge, die selbst der Kenntnis seiner Herrschaft entgangen waren. Das Dienstmädchen, das ein Paket alter Liebesbriefe in einer Geheimschublade ihrer Herrin fand, erhielt tatsächlich eine gute Belohnung dafür. Solche Briefe wanderten dann zu Anita, die sie sehr gut zu verwenden wußte.

Offiziell wußte Greta nichts von diesen Dingen. Sie schickte diese Briefe nur ein, weil sie ein pikantes Interesse für Anita hatten. Es wurde nichts von ihr verlangt, was nicht jede Dame hätte tun können. Greta machte einen sehr guten Gebrauch von den kleinen und weniger wichtigen Mitteilungen, die ihr auf diesem Weg zugesandt wurden, denn sie war eine perfekte, wenn auch etwas einseitige Journalistin. Wenn sie Briefschaften an Anita sandte, legte sie stets dasselbe Begleitschreiben bei:

Meine liebe Anita,

die beigefügten Briefe sind, wie ich fürchte, für die Zeitung nicht zu gebrauchen. Wir würden wegen Verleumdung angeklagt werden, wenn wir nur ein Zehntel des Inhalts drucken würden. Aber sie werden Sie wahrscheinlich interessieren.

*

Die Briefe hatten stets diesen Wortlaut.

Greta schrieb außerdem besondere Artikel für das kleine Blättchen, und da sie sich einmal vierzehn Tage lang in den Vereinigten Staaten aufgehalten hatte, war sie eine Autorität über die vornehmste Gesellschaft New Yorks. Sie wußte ihre geringen Kenntnisse über die führenden Leute gewandt und geschickt zu verwerten, und gelegentlich brachte sie auch etwas von dem Ton von Long Island in ihre Schilderungen. Ihr Stil war flüssig, sie hatte einen beißenden Witz, und unter günstigeren Umständen hätte sie in ihrem Fach viel leisten können. Aber sie hatte sich zu einer kriecherischen Schmeichlerin entwickelt und war abhängig von dem Gehalt, das ihr von Anita wie eine Art Almosen gegeben wurde.

Als Greta ihre drei gebratenen Würstchen verzehrt hatte, entschied sie sich dafür, an dem Abend das letzte Paket Briefe in Angriff zu nehmen, die noch zu lesen und zu ordnen waren. Und es war ganz gut, daß Anita, die sie besuchte, sie bei dieser Beschäftigung fand.

»Geht es mit Ihrem Bein besser? Nun, das ist gut. Ich möchte Sie heute abend nach Wimbledon mitnehmen.«

»Aber meine liebe Anita, es ist nicht möglich, daß ich heute abend schon komme«, unterbrach sie Mrs. Gurden, die die Freundlichkeit und Höflichkeit selbst war. »Der Arzt sagt –«

»Das ist mir gleich, was der Doktor sagt«, erwiderte Anita barsch. »Ich werde dafür sorgen, daß Sie alle Ärzte bekommen, die Sie notwendig haben. Sie müssen mich unter allen Umständen begleiten.«

Greta murmelte etwas und versuchte zu widersprechen.

»Aber es könnte schlimm werden«, entgegnete sie heiser. »Der Doktor –«

Prinzessin Bellini sagte etwas sehr Unhöfliches über Ärzte im allgemeinen, dann sah sie verächtlich auf die Überbleibsel der einfachen Mahlzeit.

»Packen Sie alle ihre Sachen, die Sie für einen langen Aufenthalt brauchen. Ich schicke Ihnen einen meiner Diener, der Ihnen helfen kann, wenn Sie wollen. Aber es wäre besser, wenn Ihre eigene Aufwartefrau, Snobes oder Hobbs oder wie sie sonst heißt, Ihnen behilflich ist.«

»Wie lange soll ich denn bei Ihnen bleiben?« fragte Greta verwirrt. Die unglücklichsten Tage ihres Lebens hatte sie als Gast in Anitas Haus verbracht.

»Einen Monat – sechs Wochen – das weiß ich nicht genau. Ich werde Sie ganz gut dafür bezahlen. Wegen Ihres Beines habe ich mit Ihrem Arzt telefoniert, und er sagte mir, daß Sie wieder ausfahren könnten, da die Wunde geheilt ist.« »Aber die Zeitung –«

»Die wird eingestellt. Ich habe schon an die Druckerei in diesem Sinne geschrieben. Mein Rechtsanwalt hat den Auftrag, dieses Geschäft zu liquidieren – deswegen brauchen Sie sich nicht zu sorgen. Sie müssen sowieso etwas unternehmen, Greta – die Einnahmequelle, die Sie aus dem Blatte hatten, ist jetzt versiegt.«

Greta hörte bestürzt zu und bemerkte nur schwach, daß es eigentlich schade um die Zeitung sei. Dann raffte sie sich aber plötzlich zusammen.

»Ich kann nicht mitkommen, ich gehe einfach nicht mit Ihnen, Anita, bevor ich nicht den Doktor gesehen habe. Sie sind sehr unbedachtsam, ich bin doch noch Rekonvaleszentin. Es ist nicht nur die Wunde, es ist vor allem die seelische Erschütterung nach Druzes Tod. Es ist ein zu großes Risiko für mich – ich muß vor allen Dingen auch an mich denken. Dem verdammten Gurden mag es ja ganz gleich sein, ob ich lebe oder sterbe.«

Anita saß vor ihr. Sie hatte ihre großen Hände um die Knie gelegt, und das Monokel blitzte in ihrem Gesicht.

»Sie wollen doch nicht etwa von Mr. Gurden sprechen?« fragte sie höhnisch. »Mir gegenüber brauchen Sie doch nicht derartige blödsinnige Andeutungen zu machen! Dieser gute Mr. Gurden hat doch nie existiert!«

»Das ist nicht wahr!« protestierte Greta unter Tränen. »Ich bin mit ihm verheiratet, aber wir leben getrennt.«

Aber trotzdem gab sie Anita keine weiteren Beweise für ihre Behauptung.

»Es ist ganz gleich, ob Sie mit ihm verheiratet sind oder nicht. Auf alle Fälle kommen Sie mit mir nach Wimbledon. Wenn Sie einen Arzt sehen wollen, lassen Sie ihn doch kommen.«

Greta telefonierte an ihren Arzt, aber er war nicht zu Hause, und sie erhielt den Bescheid, daß er erst spät in der Nacht zurückkommen würde. Sie suchte im Telefonbuch nach einem anderen ihr bekannten Doktor, hatte seine Adresse bald gefunden und rief ihn an. Anita, die sich im Schlafzimmer vor dem Spiegel neu puderte und schminkte, hörte, wie Greta mit ihrer süßesten Stimme in das Telefon flötete, und lächelte verächtlich.

»Wenn es Ihnen recht ist, Doktor – ich weiß nicht, ob Sie sich meiner noch erinnern – das ist sehr liebenswürdig von Ihnen ... Nein, nur eine kleine Wunde, sie ist eigentlich schon geheilt, aber ich möchte Sie doch gerne konsultieren.«

Greta hängte den Hörer wieder an. Anita hatte ihre Lippen frisch geschminkt und kam in das Speisezimmer zurück.

»Nun, haben Sie mit Ihrem Arzt gesprochen?«

»Jawohl, Anita, er ist ein sehr netter Mensch. Er würde mich nicht fortgehen lassen, wenn er dächte, daß es irgendwelchen Schaden für meine Gesundheit haben könnte. Und wirklich, ich muß auch an mich denken. Ich fühle mich gar nicht wohl. Ich habe schon lange darüber nachgedacht, daß ich eigentlich einmal eine richtige Kur machen müßte –«

»Wen haben Sie angerufen?«

»Dr. Elford Wesley. Er war der Hausarzt von Mr. Dawlish –«

Sie hörte einen wilden Ausruf und starrte entsetzt auf Anita, die die Augen weit aufgerissen hatte und ihre starken, weißen Zähne in einem häßlichen Grinsen zeigte.

»Sie dumme Person!« zischte sie wütend.

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