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Der viereckige Smaragd

Edgar Wallace: Der viereckige Smaragd - Kapitel 16
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pfad/wallacee/smaragd/smaragd.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer viereckige Smaragd
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun14. Auflage
isbn3-442-00195-1
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111015
projectid6db21737
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15

Lady Raytham hatte einen Brief an ihren Mann begonnen, als der Postbote ein Schreiben von Leslie brachte. Lord Raytham war in seiner ruhelosen Art nach Bombay gefahren und hatte dort einen Anfall seines alten Leidens bekommen. Er hatte ihr einen langen Brief geschrieben, in dem er ihr von seiner Krankheit berichtete, und hatte merkwürdigerweise den Wunsch ausgedrückt, daß sie zu ihm nach Indien fahren sollte. Sie las Leslies Brief.

Meine liebe Jane, würden Sie nicht zu mir kommen und mich aufsuchen? Ich habe einen ganzen Tag dienstfrei und habe Ihnen so viel zu erzählen. Dies ist keine Entschuldigung für eine Detektivin, sondern in diesem Falle handle ich nur rein menschlich, gewissermaßen als Ihre Schwester, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Hindernisse aus dem Weg zu räumen und Ihnen das Leben leichter zu machen. Lucretia hat den Auftrag, außer Ihnen alle meine Besucher abzuweisen und zu sagen, daß ich fort bin. Darf ich Sie zu einem Mittagessen in meiner Wohnung einladen? Wenn es Ihnen aber lieber ist, können wir auch auswärts speisen, entweder im oder in der Nähe des Carlton. Bitte kommen Sie doch.

Jane schrieb schnell eine Antwort und gab sie dem wartenden Boten mit. Dann schloß sie ihren angefangenen Brief in den Schreibtisch ein und ging in ihr Zimmer, um sich umzuziehen.

Lucretia hatte sie kaum in Leslies Wohnzimmer geführt, als sie sofort eine Frage stellte. »Haben Sie Peter gesehen? Was ist geschehen? Ich bin sehr in Sorge darüber. Ich hätte Sie beinahe deshalb heute morgen angerufen.«

»Ich hätte Ihnen dann auch nichts Genaues mitteilen können. Wenigstens wußte ich nur, daß er verhaftet war.«

»Verhaftet?«

Das war anscheinend eine Neuigkeit für Jane Raytham, denn sie wurde blaß. Leslie erzählte ihr nun, was vorgefallen war.

»Aber wie konnte sie das nur tun? Das ist doch unmenschlich!« rief Jane heftig. »Das war teuflisch! Aber es sieht ihr ganz ähnlich! Der arme Peter – er hat immer mit solch schrecklichen Dingen zu tun.«

Plötzlich wurde sie wieder ängstlich.

»Hat Anita ihm etwas gesagt?«

»Nein, nicht das, was er wissen wollte.«

Lady Raytham verstand sofort, was sie damit sagen wollte.

»Wissen Sie denn, warum er zu ihr ging?«

»Er wollte sein Kind wiederhaben.«

Jane Raythams schönes Gesicht überzog sich mit einer dunklen Röte, die aber gleich wieder verschwand.

»Mein Kind«, sagte sie leise. »Ich glaube, Sie verachten mich.«

»Warum sollte ich das tun? Wenn ich jede Frau verachten würde, die ein Kind bekommt –«

»Das meine ich nicht. Aber ich habe eingewilligt, daß man es fortbrachte. Das hätte ich nicht tun sollen, Leslie. Ich wollte es ja bei mir behalten, ich habe hart darum gekämpft. Es war zu schwächlich von mir, auf diesen Kompromiß einzugehen. Aber schließlich brachten sie mich dazu.«

»Welcher Art war denn der Kompromiß?«

Lady Raytham lächelte müde.

»Wenn Sie mich vorher nicht verachtet haben, so werden Sie es jetzt tun.«

Sie stand in ihrer gewöhnlichen Haltung am Kamin und hatte die Arme auf die Marmorplatte gelegt. Ihre Stirn ruhte auf ihren Händen, und sie schaute in die Flammen.

»Wir kamen überein, daß ich das Kind behalten sollte, wenn es ein Mädchen wäre. Wenn es aber ein Junge wäre, so müßte er fortgebracht werden. Das war eine ganz verrückte, gemeine Abmachung, so entsetzlich herzlos gegen das Kind! Aber ich habe Mädchen so sehr gerne. Ich kann nicht sehen, daß ein kleines Mädchen traurig ist oder leidet, ohne daß es mir ans Herz greift. Wenn Sie wüßten, was ich in meiner Kindheit durchgemacht habe! Wenn mein Kind ein Mädchen gewesen wäre, so hätte ich es bei mir behalten und tapfer gegen alle Widerwärtigkeiten angekämpft – aber es war ein Junge. Ein schönes Kind, sie haben es mir später erzählt. Ich wünschte, ich hätte es wenigstens gesehen und kennengelernt, nur für einen Tag – aber dann hätte ich es wahrscheinlich nicht mehr fortgegeben.«

Sie wandte ihr Gesicht ab und schluchzte heftig.

Leslie saß an ihrem Schreibtisch und zeichnete phantastische Arabesken auf ihr Löschpapier, bis Lady Raytham ruhiger geworden war.

»Ich glaube, es ist nutzlos, wenn ich Sie frage, ob es irgendwelche Anhaltspunkte gibt, um das Kind wieder aufzufinden. Sicher sind Sie schon alle Wege gegangen, die zum Ziele führen könnten. Sie haben nichts entdeckt?«

Jane preßte ihr Taschentuch an die Lippen. Sie hatte Leslie den Rücken zugekehrt. Aber dann riß sie sich zusammen und beherrschte sich.

»Nein, ich habe keine Spur gefunden. Ich habe alles versucht. Anita habe ich es nicht gesagt, aber seit Monaten habe ich Detektive angestellt, die nach dem Kind forschen. Ich dachte, der Junge wäre in einer glücklichen Umgebung. Ich habe mir niemals träumen lassen, daß er verlassen wäre, daß seine Spur verlorengehen könnte –«

Wieder dauerte es lange, bis sie ihrer Erregung Herr wurde.

»Druze erzählte es mir an dem Abend – in jener schrecklichen Nacht, als sie fortging. Sie lachte mir ins Gesicht, als ich sie fragte, wo mein Kind sei. Deswegen bin ich ihr ja gefolgt. Ich vermutete, daß sie zu Anita gegangen wäre, und als ich sie tot auf der Straße fand, war ich verzweifelt. Ich dachte, sie müßte irgendwelche geheimen Papiere bei sich tragen, die mir Aufschluß geben könnten. Aber als ich ihre Taschen durchsuchte, fand ich nichts – nichts!« Jane Raytham wandte ihr Gesicht von Leslie ab.

»Ich kann mich nicht rechtfertigen – in keiner Weise –, ich war schwach und selbstsüchtig. Selbst wenn es ein uneheliches Kind gewesen wäre, gäbe es keine Entschuldigung für mich.« Sie lächelte bitter. »Gott sei Dank habe ich keine Kinder aus meiner Ehe mit Lord Raytham. Er kann Kinder nicht leiden. Unsere Ehe war eine große Enttäuschung für mich –!«

Sie nahm eine Fotografie vom Kamin und betrachtete sie.

»Ist dies Mr. Coldwell?«

Leslie nickte.

»Es würde ein großer Erfolg für ihn sein, wenn er mich wegen Bigamie verhaften ließe.«

»Mr. Coldwell ist nicht stolz auf Erfolge dieser Art, Jane«, erwiderte Leslie liebenswürdig.

Lady Raytham stellte das Bild wieder an seinen Platz und ließ sich in dem nächsten Lehnsessel nieder.

»Ich bin wirklich abscheulich, ich sehe in allen Dingen nur das Schlechte und halte alle Menschen für böse.«

Sie lächelte traurig, langte nach ihrer Handtasche, die auf dem Tisch lag, und zog langsam ein diamantenbesetztes Zigarettenetui heraus.

»Ich habe früher versucht, Betäubungsmittel zu nehmen, um meinen Kummer zu ersticken. Ein weißes Pulver, das man schnupft ... Ich wurde aber sehr krank danach, so daß ich es sofort wieder aufgab. Aber ich beneide die Leute, die dadurch Erleichterung und Vergessen finden.«

»Es gibt noch einen besseren Weg«, entgegnete Leslie brutal. »Sie brauchen nur Ihren Kopf auf die Eisenbahnschienen zu legen, wenn ein schwerer Güterzug kommt. Das Resultat ist dasselbe, und Sie machen der Mitmenschheit genausoviel Mühe. Und wenn dann Ihr Sohn einmal auftaucht, was sicher einmal geschieht, so erfährt er, daß er eine Mutter hatte, die kaum wert war, nach ihr zu suchen.«

»Sie sind ein unheimliches Mädchen – wie alt sind Sie?«

Leslie sagte es ihr.

»Ich wünschte, Peter würde sich in Sie verlieben. Er muß auf irgendeine Art noch glücklich werden.«

»Wie käme ich dazu?« fragte Leslie trocken. »Sind nicht vielmehr Peter und Sie die beiden Menschen, auf deren Gefühle es ankommt?«

Als Jane ihr widersprechen wollte, unterbrach sie sie.

»Ich muß Ihnen etwas gestehen, Jane. Ich habe mich in Peter verliebt – erschreckt Sie das?«

»Nein, nicht im mindesten.« Aber Jane wollte mehr wissen. »Sie machen doch nur Spaß mit mir?«

»Es wurde mir erst heute morgen klar«, sagte Leslie ruhig. »Ich habe lange darüber nachgedacht, und ich bin zu dem Schluß gekommen, daß es eigentlich nur eine mütterliche Liebe ist. Früher oder später wird Ihr Kind doch gefunden werden, und dann müssen Sie zu Ihrem jetzigen Mann gehen und ihm die Wahrheit sagen.«

Sie beobachtete Janes Gesicht scharf, ob sich nicht ein Widerwille in ihren Zügen ausdrückte. Aber Leslie erkannte mit schwerem Herzen, daß sie ihr recht gab.

»Und dann muß Lord Raytham sich von Ihnen scheiden lassen, und Peter und Sie müssen eine neue Ehe beginnen.«

Aber hier widersprach Jane Raytham und schüttelte energisch den Kopf.

»Nein, Peter würde das nicht tun. Er ist anders, das habe ich erkannt, als ich ihn gestern abend wiedersah. Er ist nicht mehr derselbe wie früher, und das ist nicht verwunderlich. Leslie, ich habe ihn niemals geliebt. Sie glauben, daß es schrecklich ist, so etwas von dem Vater meines Kindes zu sagen. Als ich mit ihm nach Amerika ging und ihn heiratete, geschah es mehr aus Neugierde und Abenteuerlust. Ich betrachtete dieses Ereignis als den großen Wendepunkt meines Lebens, aber es wurde vieles umgestürzt und in mir zerstört. Hoffnungen und Ideale starben. Auch er hat mich niemals geliebt. Sicher packte ihn damals eine Leidenschaft für mich, und er hatte mich gern. Er war sehr ritterlich und liebenswürdig zu mir und suchte mir alles Böse aus dem Weg zu räumen. Er weiß, daß er mich nicht liebt, und deshalb fühlt er sich so unglücklich und ist beschämt. Sie glauben, das Kind würde uns zusammenbringen. Ich habe Ihre Gedanken erraten. Aber das wird nicht geschehen. Kinder bedeuten bei solchen Angelegenheiten wirklich nicht viel. Mehr als die Hälfte der Frauen, die sich scheiden lassen, haben Kinder, die sie lieben und von denen sie geliebt werden, aber das hindert sie nicht, daß sie in der Liebe andere Wege gehen. Peter und ich können ganz gute Freunde sein, und der Junge wird uns beide lieben können, selbst wenn wir voneinander getrennt sind. Kinder geben uns alles das zurück, was wir ihnen geben – und ich könnte ihm so viel sein.«

Mit einer ungeduldigen Bewegung ihres Kopfes setzte sie sich aufrecht, stand dann auf und ging zum Fenster.

»Wollen wir lieber von etwas anderem reden, von Kaninchen oder Schmetterlingen. Wie konnten Sie eigentlich diese Fenstersprossen zerbrechen?« fragte sie unvermittelt.

Es waren frische Holzteile eingesetzt worden, und das Fenster war mit neuen Glasscheiben geschlossen. Aber das rohe Holz war noch nicht angestrichen.

»Ach, das ist nicht der Rede wert. Ein Mensch, der hier in die Wohnung kam, hat es mit dem Kopf eingestoßen. – Jane, Sie verzweifeln am Leben, nicht wahr?«

Lady Raytham zuckte die Schultern.

»Meine liebe Leslie, was kann denn passieren? Wenn dies eine Geschichte in einem Buch wäre und sich nicht im wirklichen Leben ereignet hätte, dann müßte ich irgendwie verschwinden, es müßte mich ein böses Fieber dahinraffen, und ich müßte leise und glücklich in die Zeitlosigkeit hinübergleiten. Und wenn ich sterben sollte, wird Peter den Rest seines Lebens in Trauer und Melancholie verbringen – ich kenne die Männer!«

Leslie mußte lächeln. Sie stand zu sehr mit beiden Füßen in der Wirklichkeit, um sich solchen Stimmungen hinzugeben. Aber sie wurde sofort wieder ernst.

»Ich möchte noch ein paar Fragen an Sie stellen. Haben Sie Druze Ihr Smaragdhalsband gegeben?«

Jane nickte.

»Ja, sie wollte dreißigtausend Pfund haben. Ich konnte aber nur zwanzigtausend in bar aufbringen, ohne daß Lord Raytham etwas davon erfuhr. Die Halskette war zwölftausend Pfund wert, und ich schlug vor, Druze sollte sie verkaufen. Sie ging sofort darauf ein. Ich dachte, sie hätte sie schon eine Woche vorher mitgenommen.«

»Können Sie sich erklären, wie der Anhänger in ihre Hand kam?«

Jane schüttelte den Kopf.

»Und Sie wissen auch nicht, wo der Rest der Kette geblieben ist?«

»Nein, ich weiß gar nichts darüber. Ich kann nicht einmal vermuten, wie sie starb. Ich glaube, daß sie ein Leben mit Freunden führte, von denen ich gar nichts ahnte. Ich nahm an, daß sie zu Anita gehen würde, als sie mein Haus verließ, da sie England nicht verlassen hätte, ohne ihr Lebewohl zu sagen. Sie hielt sehr viel von der Prinzessin.«

»Wieviel Zeit verging nach der Geburt Ihres Kindes, bis sie Lord Raytham heirateten?«

Jane dachte einen Augenblick nach.

»Etwa zehn Monate.«

»Sind Sie persönlich in Reno gewesen?«

»Ja. Das war ein merkwürdiges Zusammentreffen. Mein Vater hatte eine Farm in der Nähe von Reno. Es war ein wenig Weide und ein paar Äcker, und dies wurde mein Wohnsitz. Ich mußte natürlich lügen und sagen, daß ich die ganze Zeit dort gelebt hätte. Und ich glaubte wirklich, daß die Scheidung ausgesprochen werden würde. Ich bin sogar vor Gericht erschienen und habe meine Aussagen gemacht. Ich dachte, die, Sache sei damit erledigt. Aber Anita suchte mich bei der Verhandlung auf und erzählte mir, daß meine Rechtsanwälte einen bösen Fehler gemacht hätten, so daß die Scheidung nicht ausgesprochen werden könnte, ohne daß noch mehrere Dokumente über Peter beigebracht würden.«

»Sie kehrten dann zurück?«

»Ja, ich ging von Liverpool aus nach Cumberland. Anita hatte den Platz für mich ausfindig gemacht. Es war kurze Zeit nach Weihnachten – ich erinnere mich, daß ich Weihnachten in New York verlebte.«

»Nun muß ich Sie noch um die Beantwortung einer Frage bitten, Jane. Dann werde ich Sie nicht mehr belästigen. Wir wollen dann zum Essen gehen, das heißt, wenn es Ihnen nichts ausmacht, sich in der Öffentlichkeit mit einer Beamtin von Scotland Yard sehen zu lassen.«

»Mir ist alles recht.«

»War die Ehe mit Lord Raytham schon geplant oder nicht, und hatten Sie mit Anita darüber gesprochen?«

Jane nickte.

»Wußte sie von Ihrer Absicht, Lord Raytham zu heiraten, ganz gleich, ob die Scheidung ausgesprochen würde oder nicht? Bitte, denken Sie genau nach, bevor Sie mir antworten.«

»Das brauche ich nicht, ich weiß es noch ganz genau. Ich sagte Anita, daß ich Lord Raytham heiraten müßte, ganz gleich, ob ich von Peter geschieden werden würde oder nicht. Ich beruhigte damals mein Gewissen dadurch, daß ich an der Rechtsgültigkeit der Eheschließung in Amerika Zweifel äußerte.«

Leslie lehnte sich in ihren Stuhl zurück.

»Sie sind eine schlechte Schauspielerin, eine schreckliche Mutter, und auch in Ihren ehelichen Abenteuern hatten sie kein Glück.« Sie legte ihren Arm um Jane und küßte sie. »Aber ich habe Sie doch sehr gerne. Wir wollen in einem Restaurant in der Pall Mall essen, und am Nachmittag gehen wir in einen guten Film. Ich liebe Filme – besonders romantische.«

Lady Raytham fühlte sich in der Gesellschaft Leslie Maughans sehr wohl und erinnerte sich gegen Ende der Mahlzeit nur mit Schrecken daran, daß sie versprochen hatte, am Nachmittag zu Hause zu bleiben und ein Komitee zu empfangen, dessen Vorsitz sie führte.

»Ein Komitee für Kinderwohlfahrt«, sagte sie lakonisch.

Sie trennten sich am Haymarket, und Leslie ging zu ihrer Wohnung zurück. Unterwegs sandte sie Peter ein Telegramm. Er kam in der Abenddämmerung, als Lucretia gerade die Vorhänge zuzog. Zwei große Koffer waren schon gepackt und standen auf dem Flur. Am Nachmittag hatte Coldwell Leslie antelefoniert und sie gebeten, alles für ihre Übersiedlung in sein Haus vorzubereiten, bis er käme.

»Sie dürfen nicht mehr in Ihrer Wohnung bleiben, bis die ganze Sache erledigt ist.« Lucretia Brown unterstützte diese Ansicht aufs eifrigste.

»Ich würde an Ihrer Stelle nicht für eine Million Pfund nach Einbruch der Dunkelheit hier bleiben, Miss«, sagte sie. »Es gibt hier Einbrecher und Leute, die zum Fenster herein- und hinausspringen! Ich weiß nicht, ob ich vor Sorgen und Kummer noch ein Haar auf dem Kopf behalte. Als ich mich heute morgen kämmte, gingen sie büschelweise aus.«

»Das beste Heilmittel dagegen ist, sich einen Bubikopf schneiden zu lassen«, schlug Leslie vor.

Aber Lucretia sah sie böse an.

»Wenn ich wie ein Junge aussehen soll, dann ziehe ich schon besser gleich Hosen an.«

In diesem Augenblick läutete es.

»Wenn es Mr. Dawlish ist, lassen Sie ihn sofort herauf.«

»Diesen Verbrecher«, murmelte Lucretia, aber Leslie hörte es glücklicherweise nicht.

Als Peter ihr am Schreibtisch gegenübersaß, sah sie, daß er sehr ernst und entschieden war. Die alte Unentschlossenheit und Planlosigkeit war vollständig von ihm gewichen.

Er erzählte ihr, daß er Nachforschungen angestellt hatte.

»Es ist eigentlich ein hoffnungsloses Unternehmen, wenn man nicht weiß, wo man beginnen soll. Ich dachte, Jane könnte mich auf die Spur bringen, aber die arme Frau tappt genau wie ich im dunkeln. Es tut mir wirklich leid um sie. Ich fürchte, ich war sehr hart gegen sie.«

»Sie hat es nicht so aufgefaßt«, entgegnete Leslie leichthin.

»Waren Sie mit ihr zusammen?« fragte er schnell.

»Ja, diesen Morgen, ich habe auch mit ihr zu Mittag gespeist. Wir haben die ganze böse Angelegenheit von Anfang bis zu Ende durchgesprochen. Lieben Sie Jane noch so wie früher?«

»Nein, ich bin durchaus nicht in sie verliebt. Ich müßte sie eigentlich noch gern haben, aber es ist mir klargeworden, daß sie mir nichts, mehr sein kann. Auch sie liebt mich nicht, das wußte ich schon vor sieben Jahren. Sie hat mir die volle Wahrheit gesagt, als wir über unsere Ehe sprachen, bevor wir uns trennten. Hat sie Ihnen überhaupt etwas von dem Kind erzählt?« »Nichts – sie weiß wirklich nichts von ihm.«

Auch er war der Meinung.

»Sie hat keine Ahnung, aber die Bellini weiß es – ich möchte sie nicht Prinzessin oder Anita nennen oder ihr sonst einen weiblichen oder menschlichen Namen geben. Sie ist ein schrecklicher Mensch! Sie glauben nicht, wie mein Vater sie gehaßt hat. Er hat sich sicher auch vor ihr gefürchtet. Ich erinnere mich, daß er mich einmal fragte, während wir zusammen in unserem Garten in Herfordshire spazierengingen, ob ich sie gern hätte, und als ich ihm sagte, daß ich mich schon bei ihrem Anblick krank fühlte, steckte er die Hand in die Tasche und gab mir ein Geldstück. Und doch muß er sie früher einmal sehr gern gehabt haben.«

»Das kann ich kaum glauben«, sagte Leslie nachdenklich. »Ist das wirklich Ihr Ernst?«

»ja, man sagt, daß sie früher sehr interessant gewesen ist nicht schön, aber sehr anziehend –, als sie noch jünger war.«

Leslie schob ihren Stuhl zurück.

»Heute habe ich viel Neues erfahren. Aber bitte beweisen Sie mir, daß Ihr Vater sich jemals von dieser schrecklichen Frau angezogen fühlte.«

Er versuchte, der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben, aber sie ließ nicht locker.

»Ich hätte nichts davon erfahren, wenn ich nicht einmal gehört hätte, daß meine Mutter und die Prinzessin miteinander stritten. Ich lag in einem großen Polstersessel in der Bibliothek – ich war damals etwa sieben Jahre alt – und las, als die beiden hereinkamen. Meine Mutter war sehr böse auf die Bellini. Ich verstand damals nicht alles, was sie sagten, aber später wurde es mir klar. Meine Mutter war sehr erzürnt. ›Du hast kein Recht auf ihn, wenn er dich auch früher einmal geliebt hat‹, rief sie. ›Er mag dich nicht mehr, und du darfst nicht im Hause bleiben. Du wirst ihn dir auch nicht zurückerobern!‹ Die beiden sprachen noch viel mehr, aber ich kann mich nicht mehr daran erinnern, ich weiß nur, daß meine Mutter schließlich weinend hinausging. Die Bellini mußte das Haus verlassen, und sie müssen mehrere Jahre miteinander verfeindet gewesen sein.«

Leslie sah ihn nachdenklich an.

»Dann war Ihr Vater also auch nicht gerade der beste –«

»Das möchte ich nicht sagen«, protestierte er. »Er war ein einfacher Mann, der sich leicht durch kluge Frauen angezogen fühlte. Und die Bellini war faszinierend. Ich kann mich noch darauf besinnen. Ihr Mann lebte damals noch, er war ein großer, schlanker, melancholischer Italiener, der nur sehr schlecht Englisch sprach. Mein Vater und er waren nicht die besten Freunde. Ich glaube, Bellini hatte Geld von ihm geliehen und es nicht zurückgezahlt, und mein alter Vater war in solchen Dingen sehr korrekt. Aber ich weiß nicht, warum ich all diese Skandalgeschichten aufwärme, während ich doch alle meine Gedanken auf die Auffindung meines Kindes konzentrieren sollte. Hat Jane Ihnen erzählt, ob sie dem Kind einen Namen gab?«

»Es hat weder einen Namen erhalten noch wurde es in das Kirchenbuch eingetragen. Amtlich existiert es also überhaupt nicht. Deshalb ist es ja auch so schwierig, die Spur aufzufinden.«

»Ich bin neugierig –«, begann sie.

Leslie schaute zum Fenster hinaus.

»Worauf?«

»Ob die beiden anderen Stücke dieses Zusammensetzspiels sich so leicht einfügen werden, und ich bin auch gespannt auf andere Dinge, Peter Dawlish. Wo ist die Handhabe, die ich gegen Anita Bellini brauche? Geben Sie mir wenigstens den Brief.«

Er nahm ihn aus der Tasche und reichte ihn ihr.

»Wer hat Ihnen dieses Schreiben gesandt?«

»Es war keine Absenderadresse angegeben.«

Sie betrachtete das Kuvert und den Poststempel.

»Dies wurde von jemand geschickt, der entweder Jane oder der Prinzessin einen bösen Streich spielen wollte«, sagte Leslie. »Wenn ich doch nur den Absender herausbekommen könnte –« Sie hob den Brief auf und roch daran. »Sherlock Holmes würde sofort sagen können, ob dieses Parfüm Chanel Nr. 6 oder Chypre war. Aber ich als ein gewöhnlicher Mensch weiß nur, daß es in Greta Gurdens Schlafzimmer genauso duftet!«

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