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Der viereckige Smaragd

Edgar Wallace: Der viereckige Smaragd - Kapitel 15
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pfad/wallacee/smaragd/smaragd.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer viereckige Smaragd
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun14. Auflage
isbn3-442-00195-1
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111015
projectid6db21737
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14

»Ich kann es nicht glauben.«

Leslie starrte Mr. Coldwell an.

»Seine eigene Mutter hat ihn angezeigt? Wie entsetzlich!«

Mr. Coldwell war so alt geworden, daß er eigentlich über nichts mehr erstaunt war.

»Ja, es ist merkwürdig, aber manche Mütter tun die verrücktesten Dinge. Ich habe Fälle gekannt – aber das wissen Sie ja alles selbst auch, Leslie. Peter ist nach Wimbledon gefahren und hat dort aus irgendeinem Grund Streit angefangen. Seine Mutter hat wahrscheinlich den Lärm gehört, den er an der Haustür machte, und hat an die Polizei telefoniert, bevor er in das Haus eindrang. Die Sache könnte schlimme Folgen haben, wenn ihm ein Teil der Strafe auf Bewährung hin erlassen worden wäre. Aber glücklicherweise hat er seine ganze Zeit abgesessen, und er braucht ja nur zu sagen, daß es ein Familienstreit war, um loszukommen. Ich glaube nicht, daß man ihn vor Gericht stellen wird.«

»Ich kann es aber tatsächlich nicht glauben, obwohl es natürlich so gewesen sein muß. Was machte denn eigentlich seine Mutter im Haus der Prinzessin Bellini? Und warum hat sich Peter so wahnsinnig benommen?«

Coldwell lächelte.

»Gehen Sie hin und fragen Sie ihn selbst. Ich werde Ihnen ein paar Zeilen an den Inspektor mitgeben, und Sie können sich dann etwas mit ihm unterhalten, bevor sein Fall verhandelt wird. Es ist sehr unwahrscheinlich, daß sie ihn ins Untersuchungsgefängnis nach Brixton überführen. Wenn die Prinzessin bei Vernunft ist, wird sie dafür sorgen, daß die Sache niedergeschlagen wird. Mrs. Dawlish ist sowieso sehr betrübt und bereut jetzt schon, daß sie sich dazu hinreißen ließ, ihn anzuzeigen. Ich weiß das, weil ich auf die Nachricht hin sofort an die Polizeistation telefonierte. Der Sergeant sagte mir, daß Mrs. Dawlish heute morgen schon um sieben Uhr dort erschien und versuchte, ihren Namen in dem Protokoll zu unterdrücken. Sie hat sich durch ihren Haß zu dieser Unklugheit hinreißen lassen, und sie weiß, daß die Geschichte von einer Mutter, die ihren eigenen Sohn anklagt, in den Zeitungen als Sensation ausgeschlachtet wird, wenn es zu einer Verhandlung kommt. Ich glaube, daß sie schon deswegen ihre Anzeige zurückziehen wird.«

Als Leslie auf der Polizeistation ankam, erfuhr sie, daß Peter bereits in einer Zelle des Gerichtshofes untergebracht war. Ihre eigene Karte genügte dort, um eine Unterredung mit ihm zu ermöglichen.

Er trat ihr mit einem reuigen Lächeln entgegen.

»Sie sehen mich wieder in der Umgebung, in die ich gehöre.«

»Aber warum sind Sie denn zu dem Haus der Bellini gegangen?«

»Ich wollte etwas erfahren«, entgegnete er. Aber er wollte ihr keine weitere Erklärung geben.

Sie erzählte ihm, welche Ansicht Mr. Coldwell von der Sache hätte, aber er schien sich wenig darum zu kümmern, ob die Anklage gegen ihn erhoben werden sollte.

»Es war für mich ein Schlag ins Gesicht – ich hatte nicht erwartet, daß meine Mutter das tun würde. Bis dahin hatte ich noch nicht geahnt, wie schrecklich sie mich haßte. Meinetwegen mag man mich vor Gericht stellen. Nachdem ich dies alles erfahren habe, kann ich Ihnen nicht sagen, was mich nach Wimbledon geführt hat.«

Sie drängte ihn auch nicht. Die Unterhaltung fand in dem Gang statt, der zu dem Gerichtssaal führte. Polizisten und Gefangene kamen ständig vorbei, und der Ort eignete sich nicht gerade zu vertraulichen Mitteilungen. Sie berichtete ihm noch von ihrem eigenen gefährlichen Erlebnis, und als sie geendet hatte, pfiff er vor sich hin.

»Das erklärt alles – daß die Sicherheitskette an der Haustür angebracht war und daß der alte Sims auf der Lauer lag. Ich habe den alten Teufel nicht wieder gesehen, nachdem ich dort eindrang.«

Sie verbarg ihr Erstaunen nicht.

»Ich kann aber wirklich nicht verstehen, warum eine Sicherheitskette an Anita Bellinis Tür erklärt, daß ein kleiner gelber Kerl in meine Wohnung kommt.«

»Verlassen Sie sich darauf – es erklärt wirklich alles«, sagte er mit Nachdruck.

In dem Augenblick wurde sein Name durch den Gerichtsdiener aufgerufen, und Leslie folgte ihm in den Gerichtssaal. Peter hatte kaum hinter dem eisernen Gitter Platz genommen, als der Detektivsergeant, der ihn festgenommen hatte, aufstand und den Gerichtshof anredete.

»Diese Anklage hat ihre Ursache in einem Besuch, den der Gefangene gestern abend in dem Haus der Prinzessin Anita Bellini machte. Er ist ein entfernter Verwandter der Prinzessin, geriet mit ihr in Streit, und die Auseinandersetzung zwischen beiden wurde so heftig, daß Ihre Hoheit gezwungen war, der Polizei zu telefonieren. Die Prinzessin wünscht nicht, daß der Gefangene unter diesen Umständen weiter verfolgt wird, auch wünscht sie nicht, daß ein Familienstreit vor Gericht gebracht wird. Ich schlage deshalb vor, die Anklage gegen Peter Dawlish niederzuschlagen.«

»Aber die Anklage lautet auf versuchten Mord«, erwiderte der Richter.

»Diese Anklage wurde nur gestern abend erhoben«, erklärte der Detektiv, »und es war bereits die Absicht der Polizei, Mr. Dawlish ins Untersuchungsgefängnis zu überführen, aber die Prinzessin hat ihre Aussagen abgeändert, und ich bin davon überzeugt, daß Mr. Dawlish auf die jetzigen Aussagen hin nicht verurteilt werden kann. Ich bitte daher den hohen Gerichtshof, Peter Dawlish zu entlassen.«

Der Richter nickte, und das war das Ende der Verhandlung. Peter verließ die Anklagebank und den Gerichtssaal und traf draußen vor dem Polizeigericht Leslie Maughan wieder.

Zuerst schlug er ihre Einladung ab, mit ihr nach der Stadt zurückzufahren.

»Sie werden aber mit mir kommen«, sagte sie bestimmt. »Ich habe Ihnen eine Menge zu erzählen und Ihnen eine lange Reihe von Fragen vorzulegen. Vielleicht werden Sie nicht darauf antworten, aber das gehört im Augenblick nicht hierher.«

Er stieg zu ihr in den Wagen. Als sie Putney Common überquerten, lehnte sie sich nach vorn und sprach mit dem Chauffeur, der die Fahrt verlangsamte und den Wagen am Gehsteig zum Halten brachte.

»Wir wollen ein wenig zu Fuß gehen«, sagte sie. Als sie außer Hörweite waren, begann sie, ihm ihre Fragen zu stellen.

»Warum gingen Sie gestern abend zur Prinzessin Bellini?«

»Ich wollte etwas von ihr erfahren.«

»Was wollten Sie denn wissen?«

Sollte er es ihr sagen? Er konnte sich selbst nicht verstehen. Warum zögerte er, sie in sein Vertrauen zu ziehen, da sie doch schon soviel wußte? Und doch fühlte er eine unüberwindliche Scheu. Es war ihm, als ob sein Geständnis einen Wandel in ihrer eigenartigen Freundschaft hervorrufen könnte. Aber schließlich erzählte er ihr die ganze Wahrheit.

»Jane hatte ein Kind«, sagte er.

Sie blieb stehen und sah ihn ernst an.

»Das ist Ihr Kind – nicht wahr?«

Er war erstaunt über die Ruhe und Gelassenheit, mit der sie diese Nachricht aufnahm.

»Sie haben es vermutet?«

»Ich wußte es. Es wurde auf der kleinen Farm Appledore in der Nähe von Carlisle geboren.«

»Sie – wußten – es schon die ganze Zeit?«

»Ja. Ich wußte, daß Sie ein Kind hatten, bevor mir bekannt war, daß Sie auch verheiratet waren. Ich habe nämlich in Appledore das Gedichtbuch mit Ihren Versen gefunden. Und deshalb wußte ich nicht genau, ob Sie verheiratet waren.«

Sie kamen zu einer Bank im Park und setzten sich.

»Ich will Ihnen jetzt alles erzählen. Wollen Sie es hören?« Und als er nickte, begann sie.

»Ich brachte meine Ferien in Cumberland zu, und ich glaube, es war eine Schicksalsfügung, daß ich gerade zu diesem Farmhaus kam. Eine alte Dame, Mrs. Still, war die Eigentümerin des Anwesens. Sie war eine Witwe, sehr mitteilsam und gesprächig, aber außerordentlich gütig. Es war nur natürlich, daß sie mir von all den interessanten Leuten erzählte, die früher bei ihr gewohnt hatten. Eine der interessantesten war eine schöne junge Frau, deren Kind in demselben Zimmer geboren wurde, in dem ich wohnte. Sie zog im Februar dorthin, bevor die Saison begann – Sie müssen nämlich wissen, daß es auch in Cumberland eine Saison gibt – und blieb dort bis Anfang April. Sie nannte sich selbst – es kommt ja nicht darauf an, wie sie sich nannte, aber jedenfalls nicht Jane Dawlish. Das Kind wurde am 17. März, am St.-Patricks-Tag, geboren. Die alte Dame, die halb irischer Abstammung war, erinnerte sich an diese Tatsache, weil sie der schönen Dame an dem Morgen, an dem das Kind geboren wurde, einen Blumenstrauß schickte.«

»Wer war denn bei ihr?« fragte Peter heiser.

»Zwei Frauen, eine Krankenschwester und eine andere Frau, die offenbar mit Anita Bellini identisch ist. Es wurde kein Arzt zugezogen, wahrscheinlich war die Krankenschwester auch Hebamme und es war deshalb nicht nötig, ärztliche Hilfe zu holen. Die gute alte Wirtin von Appledore hat das kleine Kind niemals gesehen. Sie wußte nicht einmal genau, wann es fortgebracht wurde. Aber sie glaubte, daß es an dem zweiten Tag nach der Geburt geschah, weil an diesem Tag ein Mann von London kam. Das war sicherlich Druze. Sie erschien gerade, bevor Mrs. Still nach Carlisle ging, um ihre wöchentlichen Einkäufe zu besorgen. Als sie wieder heimkam, war Druze schon gegangen. Die alte Dame wußte gar nicht, daß das Baby nicht mehr da war, sie erfuhr es erst am Ende der Woche, als sie darum bat, das Kind einmal zu sehen. Man sagte ihr, daß es in ein wärmeres Klima gebracht worden sei. Sie wußte nur, daß es ein Junge war, die Krankenschwester hatte ihr das mitgeteilt. Mrs. Still war darüber enttäuscht, denn wie sie sagte, hatte die schöne junge Dame immer gehofft, ein Mädchen zu bekommen. Warum sie das tat, kann ich nicht sagen, aber ich habe keinen Grund, an der Zuverlässigkeit der Mitteilungen dieser alten Frau zu zweifeln. Sie zeigte mir stolz ein kleines Buch, in dem die schöne junge Dame, wie sie Jane immer nannte, viel gelesen hatte. Es war ein Gedichtbuch, und ich fand darin Ihr merkwürdiges Namengedicht. Zu jener Zeit beschäftigte ich mich gerade mit der Aufklärung gewisser Dinge, die Lady Raytham betrafen – es war Scotland Yard bekanntgeworden, daß sie Erpressern große Summen zahlte. Diese Ereignisse verband ich natürlich miteinander: ihr Auftreten in Cumberland unter einem angenommenen Namen, die Geburt des Kindes, und die Tatsache, daß sie von Zeit zu Zeit große Geldbeträge für unbekannte Dienste ausgab. Als ich dann noch kurz vor meiner Abreise von Mrs. Still erfuhr, daß eine der Frauen von ›Peter‹ gesprochen hatte, war ich ganz sicher, daß ich auf der rechten Spur war.«

»Wissen Sie den Namen der Krankenschwester – hieß sie etwa Martha?«

»Martha!« Sie sprang auf und sah ihn bedeutungsvoll an. »Martha – wie kommen Sie auf diesen Namen?«

Er war etwas verblüfft, daß seine Worte sie so beeindruckten.

»Sagen Sie es mir – sagen Sie es mir doch«, drängte sie ungeduldig. Er zog den Brief aus der Tasche, den er vorhin erhalten hatte und der ihn zu Jane Raytham geführt hatte.

Sie las die Bleistiftschrift.

»Marthas Dienstmädchen – Martha war Druzes Schwester«, sagte sie plötzlich. »Die hatte das Kind. Peter, ich werde dieser neuen Spur folgen, und Sie dürfen mich nicht stören, bis ich die Sache aufgeklärt habe.«

»Ich möchte nur wissen, was Sie nun von mir denken?«

Sie sah ihn ruhig an.

»Was sollte ich denn von Ihnen denken ... Sie sind unglücklich, Peter Dawlish, das habe ich Ihnen doch schon gesagt.«

Er lächelte müde.

»Sie wissen nicht, wie unglücklich ich bin.«

»Kommen Sie jetzt zurück zu dem Wagen, sonst klagen wir uns noch gegenseitig unser Leid.«

Peter kam nicht auf den Gedanken, sie zu fragen, was sie damit meinte, aber ihre Worte blieben in seiner Erinnerung haften.

Sie setzte ihn im Zentrum Londons ab und fuhr selbst nach Scotland Yard. Sie ging in das Büro von Mr. Coldwell und erhielt einen Tag Urlaub von ihm. Dann telefonierte sie mit dem Chef der Geheimpolizei von Plymouth, der ihr. versprach, sie anzurufen, sobald seine Nachforschungen beendet seien. Obwohl sie nun auf Urlaub war, gab es doch noch manche dienstliche Unterbrechungen. Zuerst kam der Beamte, der Mrs. Inglethorne verhaftet hatte, und berichtete ihr, daß diese verstockte Frau in Untersuchungshaft überführt worden sei, um ihren Fall aufzuklären. Ihr Mädchenname war Zamosser, sie war Holländerin von Geburt, obwohl ihre Eltern viele Jahre in England gelebt hatten. Mit Ausnahme einer kurzen Zeit war sie stets entweder im Gefängnis gewesen oder stand unter Polizeiaufsicht. Sie war eine Hehlerin und noch Schlimmeres; sie war wegen Ladendiebstahls des öfteren verurteilt worden.

»Wie steht es denn mit den Kindern?« fragte Leslie.

Der Sergeant lächelte.

»Nur eins davon ist ihr eigenes, die anderen sind adoptiert, wie sie sagt. Das heißt, daß es unerwünschte Kinder sind, die sie entweder für eine kleine wöchentliche Geldsumme oder gegen eine größere Abfindung in Pflege genommen hat. Der einzige, dessen Herkunft wir verfolgen konnten, war der kleine Junge.«

Einen Augenblick lang tauchte eine Hoffnung in Leslie auf, aber sie wurde sofort durch seine folgende Erklärung zerstört.

»Sie haben die Herkunft des Jungen feststellen können?« fragte sie. Sie erinnerte sich jetzt an den kleinen, zurückgebliebenen Knaben, der sie mit großen, schläfrigen Augen angesehen hatte, als sie damals in die Küche gegangen war.

»Ja, wir haben jedenfalls seine Mutter gefunden. Die anderen Kinder gehören meistens armen jungen Mädchen der Arbeiterklasse.«

»Gibt es denn viele Frauen in England, die solche kleinen Kinder aufziehen?«

»Hunderte. Sie sollten eigentlich unter polizeilicher Aufsicht stehen, aber in Wirklichkeit ist es schlecht damit bestellt. Es gibt kein Gesetz, das jemand hindern könnte, ein Kind zu adoptieren, obgleich diese Art von Adoptionen vom Gesetz nicht anerkannt wird.«

»Es gibt also Hunderte solcher Kinder in England?« fragte sie schweren Herzens.

»Tausende!«

»Wird denn keine Liste darüber geführt?«

»Es ist möglich, daß ein paar hundert in den Akten vermerkt sind, aber das wissen Sie ja selbst besser als ich, Miss Maughan, Sie sind ja im Polizeipräsidium tätig.« Und nun wurde auch der letzte, schwache Schimmer ihrer Hoffnung ausgelöscht. »Mir wurde einmal die Aufgabe gestellt, die Spur eines kleinen Kindes zu verfolgen, das in eine, solche Kinderfarm gebracht wurde. Aber man könnte ebensogut eine Stecknadel in einem Heuhaufen suchen, als ein ›adoptiertes‹ Kind ausfindig machen, nachdem seine Spur einmal verlorengegangen ist. Einige wenige von ihnen kommen in die Schulen der Arbeitshäuser, die meisten sterben elend dahin. Die Frauen, die ihren Lebensunterhalt dadurch erwerben, kommen nicht auf ihre Rechnung und können die Kinder von dem Wenigen gar nicht ordentlich ernähren. Der Staat müßte diese Sache in die Hand nehmen und große Anstalten gründen, in denen solche unerwünschten Kinder aufgenommen und aufgezogen würden, damit sie später einmal ihrem Vaterland nützlich werden.«

Er war kaum eine halbe Stunde fort, als sie von Plymouth angerufen wurde. Aber die Nachricht half ihr eigentlich nicht viel weiter. Martha Druze hatte ihre Prüfung als Hebamme abgelegt und das Hospital dann verlassen, um eine Privatstellung als Krankenschwester anzunehmen. Es wurde angenommen, daß sie nach Übersee gegangen war, aber es gab keinen festen Anhaltspunkt hierfür. Die gegenwärtige Vorsteherin des Hospitals, die sich noch auf sie besinnen konnte, hatte nur eine Postkarte von ihr erhalten, die sie ein oder zwei Monate nach ihrem Weggang in Port Said aufgegeben hatte. Es hieß gerüchtweise auch, daß sie sich gut verheiratet hätte. Die einen wollten wissen, daß sie einen Zimmermeister in Kapstadt geheiratet hätte, andere sagten, es wäre ein Farmer in Australien gewesen. Aus dem ganzen Bericht war nur eine Angabe zu entnehmen, die Leslie vielleicht weiterführen konnte. Martha hatte sich nämlich in die Listen eines Londoner Stellennachweises eintragen lassen. Sie notierte die Adresse dieser Agentur.

Als sie den Hörer eingehängt hatte, durchsuchte sie sofort das Telefonbuch nach Stellenvermittlungen für Krankenschwestern. Sie fand aber die Firma nicht, die der Beamte in Plymouth genannt hatte; vielleicht war sie eingegangen, wie so viele andere Agenturen. Um sich Klarheit darüber zu verschaffen, rief sie eine bekannte Stellenvermittlerin an und erkundigte sich.

»Ashleys Agentur? Das ist jetzt das Zentralvermittlungsbüro für Krankenschwestern – wir selbst sind Ashleys Agentur, obwohl wir schon geraume Zeit nicht mehr diesen Namen tragen.«

Leslie erklärte, wer sie war und was sie wissen wollte.

»Wenn Sie hierherkommen, werde ich Ihnen unsere alten Bücher zeigen, wir haben sie noch aufbewahrt.«

Diese Antwort ermutigte Leslie. Sie setzte ihren Hut auf, zog ihren Mantel an und machte sich sofort auf den Weg. Als sie die Treppe hinunterging, erinnerte sie sich an Mr. Coldwells Geschenk, trat ins Dunkel zurück und legte das ihr sehr unbequeme Strumpfband ab. Die Geschäftsräume der Agentur lagen in der Regent Street. Es war keine große Entfernung, und sie war in fünf Minuten dort.

Die Sekretärin, die ihr Telefongespräch beantwortet hatte, suchte bereits die älteren Bücher heraus, um sie ihr vorzulegen. Durch einen großen Glückszufall fand sie gleich in dem ersten Buch, das sie aufschlug, die Notiz, die sie suchte.

»Sehen Sie, hier steht sie – Martha Druze. Sie wandte sich an uns, bevor sie ihre Stellung im Plymouth-Hospital aufgab. Ich ersehe es daraus, daß sie es als Adresse angab. Wir besorgten ihr eine Stelle.« Die Sekretärin zeigte mit dem Finger auf die Zeile. Leslie las sie durch – sie mußte sich an der Tischkante festhalten.

Die Sekretärin, die sie erstaunt betrachtete, sah ihre Augen aufleuchten und wunderte sich darüber, daß sie sich über eine so einfache Eintragung aufregen konnte.

»Es ist die einzige Stelle, die wir ihr besorgt haben«, sagte sie.

»Sie brauchte auch keine andere«, erwiderte Leslie.

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