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Der viereckige Smaragd

Edgar Wallace: Der viereckige Smaragd - Kapitel 14
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pfad/wallacee/smaragd/smaragd.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer viereckige Smaragd
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun14. Auflage
isbn3-442-00195-1
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111015
projectid6db21737
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13

Mrs. Greta Gurden gestattete sich selten den Luxus über Beleidigungen nachzudenken. Sie war nicht philosophisch veranlagt, und es war reine Notwendigkeit, daß sie alle kleinen und großen Unannehmlichkeiten übersah und sich nur mit vergnüglichen Dingen beschäftigte. Aber mit einem verwundeten Bein war sie hilflos, und die Erinnerung an Anita Bellinis kränkendes Verhalten erbitterte sie ungeheuer. Sie saß im Bett und hatte einen großen Stoß von Papieren und Schriftstücken vor sich. Diese Arbeit drängte nicht, aber sie hatte sie doch begonnen, um ihre Langeweile zu zerstreuen. Sie lebte sich in die Vorstellung ein, daß sie das Opfer einer Auftraggeberin sei, die sich nicht mit den gewöhnlichen bedrückenden Schikanen begnügte, sondern sie obendrein auch noch auf ihrem Krankenlager grausam quälte.

Es waren Briefe, alte Rechnungen, eine oder zwei Quittungen, ein paar alte Telegramme ohne besonderen Inhalt, Dutzende von Briefen über vergessene Rechnungen und eine endlose Korrespondenz zwischen Anita und einem Hausagenten. Greta nahm alles einzeln vor und sortierte die wichtigen Schriftstücke von den belanglosen.

Plötzlich kam ihr ein altes Papierblatt in die Hände, das mit Maschine beschrieben war. Anita benutzte, wie ihre Angestellte, schon seit Jahren eine kleine Schreibmaschine. Der Brief war unvollendet. Als er halb fertig war, hatte die Prinzessin wohl ihre Absicht geändert oder einen neuen Brief an Stelle des alten begonnen und diesen beiseitegelegt.

Sie las ihn durch. Anita mußte sehr nachlässig gewesen sein, als sie dieses Schriftstück aus der Hand gab. Ihr altes Abhängigkeitsgefühl sagte ihr, daß dieser Brief sofort vernichtet werden müsse, und sie ergriff das Stück Papier, um es zu zerreißen. Aber dann besann sie sich eines andern und überlegte gewisse Möglichkeiten. Wenn man sagte, daß sie in diesem Augenblick gegen Anita aufgebracht war, beurteilte man ihre Erregung noch nachsichtig. Sie dachte darüber nach, daß sie wirklich alt wurde. Ihr gutes Aussehen hatte sie verloren; sie würde keine Anstellung mehr als Theaterstatistin erhalten. Anita hatte es für sicher gehalten, daß sie sich für immer mit der niedrigen Position einer Gesellschafterin zufriedengeben würde. Eine Reise nach Capri sollte eine Art außerordentlicher Belohnung für sie sein.

Die Prinzessin war eine Frau von ungewöhnlichem Temperament, manchmal fieberhaft erregt, manchmal elend und niedergeschlagen, aber in allen ihren verschiedenen Stimmungen hatte sie ihre Untergebene stets schlecht behandelt. Greta wurde es heiß und kalt bei dem Gedanken an die Beleidigungen dieser Frau. Ihre Hand, die den Brief hielt, zitterte. Dann begann langsam ein Plan in ihr zu reifen, und als sie ihre Aufwartefrau hereinrief, hatte sie sich schon halb und halb entschlossen, ihn auszuführen.

»Bringen Sie mir mein Adressenbuch.«

Greta war eine systematische Frau und schrieb unweigerlich alle Adressen ein, selbst von zufälligen Bekanntschaften, die vielleicht niemals von Nutzen für sie sein würden. Ihr Daumen glitt über das Verzeichnis, bis er bei dem Buchstaben D anhielt. Die letzte Eintragung auf der vollgeschriebenen Seite war ›Peter Dawlish‹.

»Geben Sie mir bitte einen Briefumschlag und meinen Füllfederhalter. Dann bringen Sie diesen Brief zur Post. Nein, holen Sie mir meine kleine Schreibmaschine.«

Die gehorsame Aufwartefrau brachte die leichte Maschine und setzte sie vor der Kranken nieder. Greta spannte den Briefumschlag ein, schrieb die Adresse, und während die Frau die Maschine wieder fortbrachte, schob sie den halbzerrissenen Bogen in das Kuvert und schloß es.

»Gehen Sie zur Hauptpost – am besten nehmen Sie hin und zurück den Autobus – und geben Sie den Brief auf. Wenn Sie jemand fragen sollte, ob Sie einen Brief für mich zur Post gebracht haben, dann sagen Sie einfach nein.«

Es war nicht das erstemal, daß die Aufwartefrau derartige Aufträge erhielt.

Die Häuser in Severall Street sind meistens nicht mit Briefkästen versehen, und die Postboten haben durch Erfahrung gelernt, daß es eine schwierige und häufig unausführbare Aufgabe ist, Briefe unter Haustüren durchzuschieben, wenn im Flur Teppiche liegen.

Peter hörte ein Klopfen, ging nach unten und öffnete die Tür.

»Dawlish?« fragte der Postbote.

»Ja, so heiße ich«, erwiderte Peter erstaunt, nahm den Brief in Empfang und schloß die Tür wieder. Hätte er es wie alle Bewohner von Severall Street gemacht, die niemals zur Tür gehen, ohne einen Blick die Straße auf und ab zu werfen, dann wäre ihm nicht entgangen, daß Leslie gerade auf der andern Seite vorüberging.

Zuerst dachte er, es sei ein Brief von ihr, aber als er ihn bei Licht näher betrachtete, sah er, daß die Adresse mit der Schreibmaschine geschrieben und der Brief in der City aufgegeben war. Er öffnete den Umschlag und zog ein Stück Papier heraus, das mit Schreibmaschinenschrift bedeckt war. Es war bereits verblaßt, und eine Ecke des Schriftstücks war abgerissen. Das Datum war verwunderlich.

›7. Juli 1916.‹

1916! Und doch überzeugte er sich davon, daß der Brief diesen Nachmittag erst aufgegeben worden war. Auf dem Blatt standen nur drei oder vier Zeilen, die letzte brach mitten im Satz ab. Nur dunkel ahnte er die Bedeutung dieses Fragmentes.

Meine liebe Jane,

Druze hat ein sehr gutes Heim für Deinen Sohn in einer Familie gefunden, die dem Mittelstand angehört. Es sind keine anderen Kinder dort. Man wird gut für ihn sorgen und –

Darunter waren mit Bleistift die kaum leserlichen Worte gekritzelt: ›Marthas Dienstmädchen.‹

Er mußte den Brief mindestens ein dutzendmal lesen, bevor ihm die Zusammenhänge klar wurden.

Janes Sohn – das war ja sein Sohn! Das Bewußtsein und die Erkenntnis, daß er Vater war, überwältigten ihn. Jane hatte ein Kind gehabt! Das hatte er sich niemals träumen lassen ... Irgendwo in der Welt war ein kleiner Junge ohne Vater – und das war sein kleiner Junge! Es wurde ihm heiß bei dem Gedanken. Ungeduldig nahm er seinen Mantel, zog ihn hastig an, vergaß das Licht auszulöschen und eilte aus dem Haus.

Der Autobus, der ihn nach Piccadilly brachte, schien ihm viel zu langsam vorwärts zu schleichen. Er stieg an einer Haltestelle in der Bond Street aus und wandte sich mit schnellen Schritten nach Berkeley Street. Endlich stand er vor dem dunklen Portal des Hauses, in dem Lady Raytham wohnte. Es war schon nach zehn, und sie war vielleicht ausgegangen – aber er wollte auf sie warten ... Wenn es nötig wäre, die ganze Nacht hindurch. Er haßte sie in dem Augenblick, und es war Eifersucht, die sich hinter diesem Haß verbarg. Er haßte sie, weil sie es ihm nicht mitgeteilt hatte, weil sie ihn ausgeschlossen hatte von der Freude über dieses Ereignis. Vielleicht wurde der Junge als das Kind Raythams aufgezogen und mußte diesen Mann Vater nennen. Peter wurde maßlos zornig bei dem Gedanken.

Dem neuen Hausmeister, der ihm die Tür öffnete, waren alle Besucher gleichmäßig fremd. Peter war ihm nicht unbekannter als alle anderen und wurde deshalb höflich empfangen.

»Welchen Namen soll ich Mylady melden?«

»Mr. Peter«, sagte er, nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte.

Er wurde in einen kleinen Salon geführt und ging darin auf und ab, bis er plötzlich hörte, daß sich die Tür öffnete. Er wandte sich um und sah nun zum erstenmal nach acht Jahren die Frau wieder, mit der er damals das große Abenteuer erleben wollte. Sie war sehr blaß, aber sehr ruhig und selbstsicher, als sie die Tür hinter sich schloß. Eine Weile standen sie sich gegenüber und sahen sich an. Sie war reifer und schöner geworden, ihre graziöse Haltung war noch dieselbe wie früher, die Linien ihrer Gestalt waren jetzt von größerer Vollendung. Er war älter geworden, dachte sie, mehr zum Manne gereift, sein Gesicht war ausdrucksvoller. Entschlossenheit, Kraft und eine Ausgeglichenheit, die sie damals vermißt hatte, drückten sich jetzt in seinen Zügen aus. Aber in seinem Blick las sie etwas, das sie erschauern ließ.

»Du wolltest mich sprechen – Peter?«

Er nickte. Er zitterte und fürchtete sich zu sprechen, damit ihn nicht seine Stimme verraten könnte.

»Weshalb bist du gekommen?«

»Ich will mein Kind haben«, sagte er leise. Die Worte schienen ihn zu ersticken, er rang nach Atem und hustete.

»Du willst – dein Kind?«

Sie schüttelte den Kopf so schwach, daß ihm diese Bewegung entgangen wäre, wenn er Jane nicht so durchdringend beobachtet hätte.

»Willst du mir erklären, was du damit meinst?«

Sie tat so, als ob sie nicht verstünde, sie brauchte Zeit, um all dieses zu überwinden, denn sein Erscheinen hatte sie schwer erschüttert.

»Warum verstellst du dich, Jane? Du weißt doch, was ich will und was ich meine – wo ist unser Kind?«

Sie fuhr mit der Hand müde über die Augen.

»Ich weiß es nicht.« Sie machte keinen Versuch mehr, seiner Frage auszuweichen. Sie nahm an, daß er es wußte, so merkwürdig das auch war. »Ich weiß es nicht. Lohnt es sich denn, nachzuforschen? Er ist sehr glücklich. Ich tat, was damals das beste war, Peter. Ich habe niemand etwas davon erzählt. Als ich nach Reno ging –«

»Hast du dich von mir scheiden lassen?«

Sie antwortete nicht. Eine Lüge schwebte auf ihren Lippen, aber sie wies die Versuchung von sich.

»Nein. Man wollte mir die Scheidung nicht bewilligen, weil du dir einige Papiere nicht hattest ausstellen lassen oder so etwas Ähnliches. Ich verstehe sehr wenig von dem Gesetz. Es war töricht von mir, daß ich die Scheidung nicht durchgesetzt habe.«

Ein langes Schweigen folgte.

»Das gibt mich in deine Hand. Aber ich kann mir nicht denken, daß du –«

Er unterbrach sie mit einer ungeduldigen Handbewegung.

»Ich denke im Augenblick nicht an dich und nicht an mich, ich denke an den Jungen. Jane, du erschreckst mich! Du solltest nicht wissen, wo dein eigenes Kind ... Großer Gott! Ich dachte schon, daß er nicht hier wäre, aber daß du mir so ruhig sagen würdest, du weißt nicht, wo er ist, als ob er ein –«

»Ich weiß es wirklich nicht. Glaube mir, Peter, ich habe keine Ahnung. Ich war damals so entsetzt, als ich wußte, daß ich ein Kind bekommen würde. Ich kann mich kaum darauf besinnen, daß ich das kleine Wesen gesehen habe. Und dann nahmen sie es von mir fort – das war vorher ausgemacht worden.«

»Mit wem?«

»Anita war damals sehr gut zu mir, ebenso Druze. Damals entdeckte ich, daß Druze eine Frau war. Ich habe später dafür zahlen müssen – ich meine, weil Druze ins Vertrauen gezogen wurde. Ich kann mich wirklich nicht auf das Kind besinnen, ich habe nur einen ganz unbestimmten Eindruck, es ist gleichsam wie die Erinnerung an einen Traum. Peter, sei doch ein wenig barmherzig mit mir. Ich war damals in einer schrecklichen Lage – mein Vater schrieb mir, ich sollte mich wegen Raytham entscheiden, du wußtest doch, daß er mich heiraten wollte? Lord Raytham hatte meinem Vater viel Geld geliehen, und ich fürchtete mich so sehr, was geschehen würde, wenn mein Vater es erfahren würde – meine Verheiratung und all das andere. Natürlich wußte er, daß ich in Amerika war. Man nahm damals an, daß ich ein Engagement angenommen hätte, drüben zu singen. Kannst du dich noch darauf besinnen? Aber er wußte nicht, daß ich zurückgekehrt oder was aus mir geworden war. Ich mußte alle meine Briefe an eine Freundin in New York schicken, die sie dort aufgab.«

Sie hielt inne.

»Wo ist das Kind? Das ist alles, was ich wissen will.«

»Druze wußte es. Sie sprach darüber, als sie fortging. Sie war betrunken, Peter, und sagte mir etwas Furchtbares! Ihre Stimme überschlug sich – es war entsetzlich!« Jane legte wieder die Hand über die Augen, und Peter wartete mit schwerem Herzen.

»Was hat sie dir denn gesagt?« fragte er schließlich.

»Sie sagte« – es bedurfte ihrer ganzen Willensanstrengung und ihres Mutes, um es auszudenken, und es war eine Qual für sie, es auszusprechen – »daß sie selbst nicht wüßte, wo das Kind sei, daß sie den Jungen der ersten besten Person gegeben hätte, die sich anbot, ihn zu adoptieren. Und ich hatte mich immer mit dem Gedanken getröstet, daß – daß wenigstens der Junge glücklich aufwüchse, ein wie schrecklicher Erpresser auch sein Pflegevater war.«

»Was willst du damit sagen?«

»Ich habe viel Geld gezahlt, große Summen. Ich glaubte, das Geld bekäme der Mann, der das Kind adoptierte. Zu spät entdeckte ich, daß dieser Erpresser überhaupt nicht existierte, sondern daß es in Wirklichkeit Druze war, die mich ausplünderte.«

Peter atmete tief und schwer.

»Wie schrecklich, wie furchtbar!« sagte er leise. »Das Kind ist verschwunden, und du hast zugegeben, daß es dir genommen wurde. Das kann ich nicht verstehen. Ich dachte, daß Frauen –«

Sie unterbrach ihn mit einer müden Geste.

»Auch ich verstehe die Frauen nicht mehr. Ich wollte, ich hätte ihn bei mir behalten und wäre allen Schwierigkeiten kühn entgegengetreten, die sich daraus ergeben hätten. Du hast es jetzt erfahren, Peter, und kannst dich auf dein gutes Gewissen berufen. Aber für mich war es ein fürchterlicher Traum – ein acht Jahre langes Elend, und nun ist es ein Schreckgespenst geworden.« Sie preßte die Hände an ihre schmerzenden Schläfen. »Ich kann nicht schlafen, weil ich immer daran denken muß. Dieses kleine, liebe Wesen, mein Junge – und der deinige – vielleicht muß er hungern, oder er ist tot, oder er leidet.«

Sie schloß die Augen, als ob sie dadurch den schrecklichen Vorstellungen entgehen könnte.

»Weiß die Bellini hiervon?« fragte er eisig.

»Anita?« Sie sah ihn erstaunt an. »Nein, warum sollte sie das wissen? Du haßt Anita natürlich und ich – ich mag sie auch nicht besonders leiden ... Sie hat einen merkwürdig schwierigen Charakter. Aber sie hat mir damals so sehr geholfen, Peter.«

Er sah sie fest an.

»Wer war denn Martha?«

Er sah aus ihrem Stirnrunzeln, daß sie ihn nicht verstand.

»Kennst du keine Frau mit Namen Martha?«

»Ich kann mich an niemand erinnern, der so heißt. Aber warum fragst du?«

»Marthas Dienstmädchen hat das Kind. Die Bellini weiß es, und was sie weiß, werde ich erfahren.«

Er wandte sich, um das Zimmer zu verlassen, aber sie trat ihm in den Weg.

»Peter, kannst du mir vergeben? Ich habe falsch gehandelt – es war sehr töricht von mir. Ich würde gern mit meinem Küchenmädchen tauschen, nur um alles ungeschehen zu machen. Du haßt mich!«

»Nein, ich hasse dich nicht«, sagte er ruhig. »Es tut mir nur furchtbar leid um dich; du hast mich sehr enttäuscht, Jane – du warst zu schwach.«

»Ach ja, ich bin ein Schwächling.« Sie sah ihn nur verschwommen vor sich, denn ihre Augen waren mit Tränen gefüllt. »Und man zahlt teurer für Schwäche als für Schlechtigkeit. Wohin willst du gehen?«

»Ich werde das Kind suchen und finden.«

Sie streckte verzweifelt die Arme aus.

»Das Kind finden? Ach, wenn du das doch könntest! Peter, wenn du es zu mir brächtest –«

»Zu dir?« Er lachte rauh auf. »Das Kind gehört zu mir! Zu mir – hörst du? Du hattest es und verlorst es. Wenn ich den Jungen finde, werde ich ihn immer bei mir behalten.«

Er ging an ihr vorbei, öffnete die Tür und ging hinaus in die Nacht.

Er besaß noch den größeren Teil der Summe, die Leslie ihm gegeben hatte, und in diesem kritischen Augenblick mußte er Geld ausgeben, er konnte und durfte nicht sparen. Er hielt ein Auto an, aber der Chauffeur nahm nur widerwillig den Auftrag entgegen, ihn nach Wimbledon Common zu bringen. Es war eine lange Fahrt, und Peter hatte währenddessen Zeit, seine verworrenen Gedanken zu ordnen.

Anita Bellini wußte alles – davon war er fest überzeugt. Sie wohnte in einem großen Haus, das in einem prächtigen, parkartigen Garten in dem vornehmsten Viertel von Wimbledon lag. Es war ein großes, altmodisches Gebäude, an beiden Seiten von schweren, viereckigen Türmen flankiert, im gotischen Stil aufgeführt und mit vielen kleinen Erkerchen und Türmchen versehen, die die Architekten zur Zeit der Königin Viktoria so gern bauten. Es hatte fast das Aussehen einer mittelalterlichen Burg, und doch erschien es ihm als ein düsteres, hoffnungsloses Verließ, als er den Wagen jetzt draußen warten ließ. Der vorsichtige Chauffeur ließ sich aber Vorschuß zahlen.

Peter ging den Zufahrtweg entlang. Kein Fenster war erleuchtet, selbst die kleine Öffnung über der schweren Haustür lag dunkel und leblos da. Er läutete und hörte außen den schwachen Ton der Glocke. Nach einer langen Wartezeit rasselten Ketten, ein schwerer Riegel wurde zurückgezogen, und ein düsteres Licht zeigte sich in der Eingangshalle. Die Haustür öffnete sich ein wenig, und ein alter, grauhaariger Mann, der eine schlechtsitzende Livree trug, schaute heraus. Peter sah, daß die Sicherheitskette noch vorgelegt war und daß man sich durch diese Öffnung nicht hindurchzwängen konnte.

Jetzt erkannte er den Mann.

»Sie sind doch Sims? Ich möchte die Prinzessin sprechen.«

Der Alte grinste, als er sah, daß Peter sich an ihn erinnerte.

»Sie können die Prinzessin nicht sehen, sie ist nicht zu Hause«, sagte er mit einer lauten und krächzenden Stimme.

»Sagen Sie ihr, daß Peter Dawlish sie zu sprechen wünscht. Wenn sie mich nicht ins Haus lassen will, kann sie ja zur Türe kommen.«

Er war nicht darauf gefaßt, daß der Mann ihm die Tür geräuschvoll vor der Nase zuschlagen würde. Er mußte fünf Minuten warten, dann wurde die Tür wieder geöffnet. Diesmal sah er Anita. Sie trug ein grünes Kleid und war wie gewöhnlich mit Perlen geschmückt, die in dem Halbdunkel aufleuchteten.

»Was wollen Sie?«

»Ich möchte Sie privat sprechen.«

»Es muß Ihnen genügen, wenn wir hier an der Tür miteinander reden«, sagte sie kühl.

Das Licht der Halle spiegelte sich in ihrem Monokel und rief einen unheimlichen Eindruck hervor. Es war ihm, als ob sie ihn aus einem schrecklichen, goldenen Auge anschaute.

»Was wollen Sie?« wiederholte sie. »Wenn Sie Geld verlangen, so können Sie gleich wieder gehen. Dies ist keine Wohltätigkeitsanstalt oder eine Herberge für entlassene Sträflinge.«

In der Pause, die jetzt folgte, überlegte er sich, ob die Kette, die die Haustür versperrt hielt, wohl zerreißen würde, wenn er sich gegen die Tür würfe, um sich den Zugang zu erzwingen. Er war so erregt, daß er zu jeder wahnsinnigen Tat fähig war, und er hatte nur den einen Gedanken, sich um jeden Preis Gewißheit zu verschaffen.

»Wo ist mein Kind?«

Kein Muskel in Anitas Gesicht bewegte sich.

»Ich wußte nicht, daß Sie eine Familie gegründet hatten. Außerdem bin ich doch sicher die letzte, die etwas von Ihren Kindern wissen könnte.«

»Wo ist Janes Kind? Vielleicht verstehen Sie das besser?«

Sie war schon bei der ersten Frage erschrocken, dessen war er sicher. Als sie aber jetzt nicht gleich antwortete, wußte er genug. Sie hatte sich verraten.

»Sie wissen es also? Das Kind? Es tut mir leid, daß ich Ihnen nichts darüber sagen kann. Ich habe etwas Besseres zu tun, als mich um die Folgen der Entgleisungen meiner Freundin zu kümmern. Ich befasse mich nicht mit den Bastarden von Fälschern, die im Gefängnis gesessen haben.«

»Sie lügen!« erwiderte Peter ruhig. »Sie wußten ganz genau, daß ich mit Jane verheiratet war.«

Anita Bellini lachte.

»Die Ehe war ungültig! Wußten Sie das nicht? Sie haben gewisse Formalitäten nicht erfüllt –«

»Ich habe Jane heute abend aufgesucht – sie hat nicht den geringsten Zweifel an der Gültigkeit unserer Ehe ... Wo ist mein Sohn?«

»Da, wo Sie ihn niemals finden werden!« All die aufgespeicherte Bosheit dieser Frau kam plötzlich zum Vorschein. Ihr sonst schon wenig anziehendes Gesicht war jetzt vor Wut verzerrt. »Sie werden Ihr Kind nicht finden! Es ist untergegangen in dem Schlamm und dem Schmutz, in den auch sein Vater gehört – es ist tot, wie ich hoffe!«

Ein ungeheurer Zorn übermannte Peter. Er war kaum noch ein Mensch. Er sah nur dieses schreckliche Gesicht der verhaßten Frau durch einen roten Nebel vor sich, dann warf er sich mit aller Gewalt gegen die Tür. Sie gab mit einem Krachen nach und sprang auf, die Kette war zerbrochen.

Für Peter war Anita Bellini nicht länger eine Frau, sie war ein scheußliches Geschöpf ... Er wollte sie töten, es zuckte in seinen Fingern, an ihrer Kehle zu würgen und sie umzubringen.

Als die Kette brach, wich sie zurück, und als er sich ihr näherte, sah er sich plötzlich der schwarzen Mündung einer Pistole gegenüber.

»Rühren Sie sich nicht!« schrie sie. »Bleiben Sie dort stehen, Peter Dawlish! Ich bin berechtigt, Sie in Selbstverteidigung auf der Stelle niederzuschießen!«

Sie sah nicht, daß er einen kurzen, schnellen Schlag gegen sie führte. Die Pistole fiel polternd zu Boden. In wahnsinniger Wut hob er die Faust gegen sie, als plötzlich jemand seinen Namen rief.

»Peter!«

Bei dem Klang dieser Stimme ließ er verwirrt und bestürzt den Arm sinken. Eine Frau war aus einem der Zimmer in die Halle getreten. Sie trug ein schwarzes Seidenkleid, hatte blendendweiße Haare und harte Gesichtszüge – seine Mutter!

»Komm hier herein!«

Sie zeigte auf die offene Tür, und er folgte ihr, ohne Anita Bellini noch eines Blickes zu würdigen, die mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt stand und zum erstenmal in ihrem Leben von Furcht gepackt war.

Peter trat in ein kleines Wohnzimmer, das in orientalischem Stil eingerichtet war. Ein großer, mit Seide überzogener Diwan stand an der Wand, und eine durch bunte Seidenvorhänge abgeschirmte Lampe hing von der Decke herab. Er sah auf einem achteckigen Tischchen auch ein Telefon, das wenig zu dieser Einrichtung paßte. Der Hörer lag neben dem Apparat auf dem Tisch, er hatte sie wohl beim Telefonieren gestört.

»Was soll denn das alles bedeuten?«

Mrs. Dawlish hatte wieder die alte, würdevolle Haltung angenommen und stand wie eine Hohepriesterin vor ihm. Diese Pose, die ihm so verhaßt war, kannte er noch gut genug.

Er zitterte, aber allmählich wurde er ruhiger.

»Ich glaube, ich brauche es dir nicht zu sagen – du mußt es ja gehört haben. Ich kam zu deiner Freundin –«

»Zur Prinzessin Bellini«, unterbrach sie ihn. »Weshalb?«

»Um zu erfahren, wo mein Kind ist.«

»So?« Sie zog die Augenbrauen hoch. »Ich wußte noch nicht, daß ich Großmutter geworden bin.«

Die alte Wut stieg in ihm wieder auf.

»Dann verstellst du dich«, sagte er brutal. »Du weißt es – natürlich weißt du es. Die ganze verfluchte Bande, zu der auch du gehörst, hat es immer gewußt. Du weißt von Jane, von meiner Heirat und von dem Kind. Vielleicht kennst du auch seinen Aufenthalt.«

Er sah, daß sie lächelte, und das brachte ihn vollends zur Raserei.

»Du hast stets unklug gehandelt, Peter, und ich glaube, du wirst auch dein Leben lang ein Narr bleiben. Es wäre besser, wenn du zu deinen Adressen und Kuverts zurückgingst und nicht daran dächtest, daß es so etwas wie Kinder auf der Welt gibt. Ich habe mir die größte Mühe gegeben, es während der letzten sieben Jahre auch zu vergessen.«

Aber sie war eine merkwürdige Frau, denn ohne Übergang kam sie plötzlich auf ihr Angebot zurück, das sie ihm gemacht hatte.

»Für dich wäre es wirklich gut, wenn du meinen Rat annähmest und nach Australien oder Kanada gingst oder wohin dich sonst deine Sehnsucht treibt.« Und sie begann nun im Konversationston die Vorteile aufzuzählen, die eine Auswanderung für ihn mit sich bringen würde.

Er war verwirrt, aber plötzlich wurde ihm klar, daß sie nur auf ihn einsprach, um Zeit zu gewinnen. Aber wozu? Er hatte den Rücken der Tür zugekehrt und drehte sich nun um, damit er den Eingang zum Zimmer sehen konnte. Aber wenn Anita Bellini irgendwelchen Verrat beabsichtigte, so war doch weder etwas davon zu sehen noch zu hören.

Jetzt klingelte es an der Haustür, und er hörte Stimmen im Flur. Dann wurde die Tür geöffnet, und zwei Männer traten ein. Peter erkannte sofort, daß es Detektive waren. Der Redefluß seiner Mutter hörte auf, und ihr weißer, knochiger Finger zeigte auf ihn.

»Dieser Mann ist Peter Dawlish – ein früherer Sträfling«, sagte sie. »Ich klage ihn an, daß er gedroht hat, meine Freundin, Prinzessin Anita Bellini, zu ermorden.«

Eine Viertelstunde später brachte das Taxi, mit dem Peter nach Wimbledon gekommen war, ihn zu der nächsten Polizeistation, und kurz darauf saß er verstört und zornig hinter Schloß und Riegel in einer Zelle.

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