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Der viereckige Smaragd

Edgar Wallace: Der viereckige Smaragd - Kapitel 13
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pfad/wallacee/smaragd/smaragd.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer viereckige Smaragd
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun14. Auflage
isbn3-442-00195-1
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111015
projectid6db21737
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12

Peter Dawlish fiel es sehr schwer, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren, obwohl sie rein mechanisch war. Von Zeit zu Zeit hielt er inne und hing seinen Gedanken nach, die unvermeidlich zu einem grauen Gebäude am Themseufer wanderten, zu einem Büro, das irgendwo in dem dunklen Innern dieses Hauses lag. Ein junges Mädchen saß dort hinter einem Schreibtisch – deutlich konnte er ihr Gesicht vor sich sehen. Dann nahm er wieder seufzend seine Feder auf und machte sich Vorwürfe wegen dieser unnützen, törichten Träumereien.

Weit besser wäre es für ihn, dachte er, seine Gedanken zu den öden Mooren und den schrecklichen Gefängnissen in der Talsenke schweifen zu lassen, wenn er sich nicht auf seine Arbeit konzentrieren konnte. Er sollte an den höhnischen Steinbogen denken, durch den er so oft mit schweren Stiefeln gewandert war, oder an den Gefängniswärter mit dem großen, blonden Vollbart, der an dem eisernen Gittertor stand und die Gefangenen zählte, wenn sie hinaus- und hineingingen; an den langen Flügel, in dem die gewölbeähnlichen Zellen lagen, und an die Bettdecken mit dem karierten Muster. Er sollte sich an das Sumpfland erinnern, von dem die Gefangenen stets bis auf die Haut durchnäßt von der schweren Arbeit zur Mahlzeit zurückkehrten. Das scheunenartige, große Waschhaus, die verlassenen stillen Strafzellen, der von Rissen zerfurchte Asphaltboden, auf dem die Gefangenen am Sonntagmorgen im Kreise umherwanderten, sollten vor seinem Geiste stehen. Es waren häßliche Dinge, aber sie waren doch tatsächliche Vergangenheit. Und es war viel besser, daran zu denken, als Luftschlösser zu bauen und immer die schlanke Gestalt eines hübschen Mädchens, ihre dunklen Augen und ihre roten Lippen vor sich zu sehen.

Er war in der Adressenliste bei dem Buchstaben S angekommen. Er schrieb jetzt die Simpsons, Sims und Sinclairs. Seine Beschäftigung wurde nicht gerade sehr glänzend bezahlt, denn sein Arbeitgeber war ein Buchmacher von zweifelhafter Ehrlichkeit, aber Peter hatte immerhin einen Vorschuß bekommen, und man hatte ihm mehr Arbeit versprochen.

Energisch hatte er alle Gedanken an seine Mutter unterdrückt, selbst im Gefängnis von Dartmoor hatte er nicht an sie gedacht. Wenn er sich überhaupt an etwas erinnerte, so höchstens an den Brief, den er an dem Tag seiner Verurteilung erhalten hatte. Sein Vater war in jener Woche gestorben, er war seit Monaten kränklich gewesen und hatte niemals die Schande seines Sohnes erfahren. Dieser Gedanke hatte Peter aufrechterhalten, bevor er diesen letzten Brief seiner Mutter erhielt, in dem sie ihm mitteilte, daß der alte Donald Dawlish in einer klaren Stunde, in der er das Bewußtsein wiedererlangt hatte, den Namen seines Sohnes aus seinem Testament gestrichen hatte. So verließ Peter die Anklagebank mit Bitterkeit im Herzen, denn dieser letzten Handlung seines Vaters gegenüber bedeutete die Verurteilung zu sieben Jahren Gefängnis nichts.

Um sechs Uhr brachte Elisabeth den Tee. Sie war ungewöhnlich still und schweigsam, und als er eine kleine Unterhaltung mit ihr beginnen wollte, zeigte sie sich so verschüchtert, daß er nicht weiter in sie drang.

Er ging eine Stunde aus und schlenderte in den Straßen umher. Als er zurückkehrte, öffnete er die Haustür mit einem Schlüssel, den ihm seine Wirtin gegeben hatte. Er erinnerte sich jetzt, daß er Mrs. Inglethorne seit dem Besuch der Polizei nicht mehr gesehen hatte.

Er ging die Treppe hinauf, knipste in seinem Zimmer das Licht an, legte eine Papiertüte mit Keks vor sich auf den Tisch, die er unterwegs gekauft hatte, und setzte sich dann wieder an seine Arbeit. Es schlug acht Uhr, als er hörte, daß ein Auto vor der Tür hielt. Er trat an das Fenster, zog die Vorhänge beiseite und schaute hinunter. Es war zu dunkel, um den Besucher erkennen zu können, aber sein Herz schlug höher bei dem Gedanken, daß es vielleicht Leslie Maughan sein könnte. Er öffnete die Tür seiner Stube und wartete. Nach einigen Sekunden hörte er Mrs. Inglethornes mürrische Stimme.

»Eine Dame will Sie sprechen, Mr. Dawlish.«

»Wollen Sie sie bitten, nach oben zu kommen?«

Er ging in sein Zimmer zurück. Die Schritte auf der Treppe waren langsamer und schwerer als die Leslies. Und dann trat eine Frau ein, die er am wenigsten erwartet hatte – seine Mutter.

Ihre kalten Blicke wanderten von ihm zu dem Tisch, der mit Kuverts bedeckt war.

»Passende Arbeit für den Sohn eines vornehmen Mannes«, sagte sie mit harter Stimme.

»Ich habe schon schlechtere Arbeit gehabt«, erwiderte er kühl.

Sie schloß die Tür hinter sich, als ob sie etwas von Mrs. Inglethornes angeborener Neugierde geahnt hätte.

»Ich hatte nicht gedacht, daß ich dich noch einmal wiedersehen würde.« Sie lehnte mit einer Handbewegung den Stuhl ab, den er ihr hinschob. »Nachdem ich mir aber die ganze Sache eingehend überlegt habe, bin ich zu dem Entschluß gekommen, etwas für dich zu tun. Ich habe die Absicht, im Westen Kanadas eine kleine Farm für dich zu kaufen und mit allen nötigen Gerätschaften und mit Vieh zu versehen, und ich werde dir eine kleine Jahresrente aussetzen, von der du leben kannst, wenn die Farm nicht gehen sollte, wie ja vorauszusehen ist. Du kannst am Sonnabend nächster Woche nach Quebec abfahren, ich habe schon ein Billett zweiter Klasse für dich gebucht.« Als er sprechen wollte, schnitt sie ihm die Worte kurz ab. »Ich wünsche keinen Dank. Ich werde mich nur wohler fühlen, wenn du außer Landes bist. Du hast den Namen deines Vaters mit ewiger Schande bedeckt, und ich möchte nicht dauernd an diese Tatsache erinnert werden.«

Sie machte eine Pause.

»Deine Annahme war falsch, wenn du dachtest, ich wollte dir danken«, erwiderte er ruhig. »Denn erstens habe ich überhaupt nicht die Absicht, deine Wohltat anzunehmen, und zweitens fühle ich mich nicht zum Farmer geeignet, weder in Kanada noch in England.«

»Ich habe aber deine Passage schon bezahlt«, sagte sie entschieden.

»Dann wird also im letzten Augenblick ein leeres Bett in einer Kabine billig abgegeben werden«, meinte Peter halb lächelnd.

Sie schaute sich verächtlich in dem Raum um, und wieder schweiften ihre Blicke über den Tisch.

»Du verschwendest also deine Kräfte lieber auf diese nutzlose Arbeit?«

»Daß es nutzlose Arbeit ist, gebe ich gern zu, aber sie ist trotzdem unendlich viel anregender als Schuhe flicken oder Gefangenenwäsche zu waschen, was doch in der letzten Zeit meine Beschäftigung war. Ich erwarte nichts von dir, Mutter. Aus irgendeinem Grund, den ich niemals ganz verstanden habe, hast du mich von meiner Kindheit an gehaßt. Ich will dir nicht den Vorwurf machen, daß du unnatürlich bist. Du hast ja stets unter dem Druck Anita Bellinis gehandelt, solange ich denken kann.«

»Wie darfst du das behaupten?« fuhr sie wütend und ärgerlich auf. »Was willst du damit sagen, daß ich unter dem Druck von Anita Bellini gestanden habe?«

»Ich weiß nur, daß Anita Bellini jede gute Regung in allen Frauen erstickt hat, die irgendwie mit ihr in Berührung gekommen sind. Sie ist ein Teufel. Woher es kommt, daß sie Macht über dich hat, mag Gott wissen. Es war wirklich gerade genug, daß sie mich der einzigen Wohltat beraubte, auf die jedermann ein Recht hat – der Mutterliebe. Ich gebe zu, daß das reichlich sentimental klingt, aber es hat doch eine ganz eigenartige Bewandtnis damit.«

»Du hast alles so gehabt, wie du es verdient hast«, unterbrach sie ihn hart. »Ich bin nicht hierhergekommen, um mit dir über meine Pflichten zu sprechen. Wenn du lieber nach Australien gehen möchtest statt nach Kanada –«

»Ich ziehe es vor, hier in Lambeth zu bleiben«, sagte er.

Sie zuckte leicht mit den Schultern.

»Du hast dir selbst dein Bett gemacht und mußt damit zufrieden sein. Ich habe alles getan, was menschenmöglich ist, mehr als man erwarten konnte. Wenn man bedenkt, wie du mich erniedrigt und meinen Namen in den Schmutz gezogen hast –«

»Meines Vaters Namen«, verbesserte er sie.

Diese Bemerkung hatte zu seiner größten Verwunderung eine außergewöhnliche Wirkung auf sie. Ihr Gesicht rötete sich, und die Linien um ihren Mund wurden noch härter.

»Deines Vaters Name ist auch der meine.« Ihre Stimme klang rauh.

Peter hatte sie noch nie so aufgeregt gesehen.

»Ich will dir zwanzigtausend Pfund geben, wenn du das Land verläßt, das ist mein letzter Vorschlag.«

»Ich werde niemals Geld von dir annehmen.« Er ging zur Tür, öffnete sie, und sie ging hinaus, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen.

Warum war sie wohl gekommen? Peter verschwendete eine kostbare halbe Stunde damit, sich den Kopf über ihre sonderbare Handlungsweise zu zerbrechen. Er hatte nur die Wahrheit gesprochen, als er vorhin sagte, daß sie seit seiner Kindheit eine direkte Feindschaft gegen ihn an den Tag gelegt hatte. Als er älter geworden war, hatte ihm diese Tatsache mehr zu denken gegeben als irgendeine andere Erfahrung seines Lebens. War sie nur seine Gegnerin? Nein, sie haßte ihn! Und sein Vater wußte das. Obwohl er ihre Feindseligkeit niemals offen erwähnt hatte, war er doch stets bemüht gewesen, ihm all die Liebe zuzuwenden, die ihm die Mutter versagte.

Während des Krieges hatte er mit seinem Vater Briefe gewechselt; sein Vater war es, der ihn vom Bahnhof abgeholt hatte, als er auf Urlaub von Frankreich kam. Sein Vater war jeden Tag im Lazarett erschienen und hatte an seinem Bett gesessen, als er verwundet war. Und als Peter dann aus dem Heeresdienst entlassen wurde, war es der alte Donald Dawlish, der den Sekretärposten für ihn gefunden hatte. Donald Dawlish wünschte, daß sein Sohn eine große politische Karriere machen sollte.

Peter nahm seinen Federhalter wieder auf und versuchte, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren und die traurige Vergangenheit zu vergessen.

Es war Mitternacht, als er Schluß machte und seine verkrampften Finger rieb. Er öffnete das Fenster, um den Zigarettenrauch hinauszulassen, dann aß er ein Stück Keks und dachte nach. Allmählich wurden seine Blicke wieder fröhlicher, und seine Gedanken waren wieder bei Leslie Maughan.

Plötzlich hörte er unsichere Schritte auf dem Gehsteig. Sie hielten vor der Haustür an, die gleich darauf geöffnet wurde.

Mrs. Inglethorne ging manchmal abends aus und kam dann auch mit ähnlichem Gang nach Hause. Die Tür wurde wieder zugeworfen, und er hörte, wie sie unten mit sich selbst sprach.

Gewöhnlich blieb sie abends allerdings daheim und empfing die merkwürdigsten Besuche, die in unregelmäßigen Zwischenräumen kamen. Immer klopften sie einmal mit dem Türklopfer und einmal mit der flachen Hand an die Tür. Sie trugen meistens ein größeres oder kleineres Paket unter dem Arm. Dann folgte eine leise Unterhaltung unten im Gang, es wurde Geld aufgezählt, seltener raschelten Banknoten, und dann entfernten sich die Fremden wieder ohne ihre Pakete. Dies alles sah Peter wohl, aber er wollte es nicht sehen. Im Gefängnis hatte er gelernt, die Augen zuzudrücken, und er hatte Leslie Maughan noch nichts von den heimlichen Besuchen der Frauen und Männer erzählt, die sich die Severall Street entlangschlichen, wenn die Polizeipatrouillen weit weg waren.

Leslie Maughan! Er lächelte bei dem Gedanken an sie und noch mehr über seine eigene Träumerei. Welche Schranken trennten sie voneinander! Es waren unüberwindliche Schwierigkeiten und Hindernisse, die viel größer waren als der Gegensatz von Scotland Yard und dem Gefängnis von Dartmoor! Es war schlimmer als Wahnsinn, an sie zu denken –

Ein lauter, angstvoller Schrei ließ ihn auffahren. Im nächsten Augenblick war er an der Tür und riß sie auf.

Nun hörte er deutlich das Sausen und Klatschen einer Peitsche und die erschütternden Hilferufe. Er stürzte die Treppe im Dunkeln hinunter und klopfte an die Tür von Mrs. Inglethornes Zimmer. Von drinnen kam ein jammervolles, herzzerreißendes Schluchzen.

»Wer ist da?« fragte die Frau argwöhnisch. »Machen Sie, daß Sie fortkommen und kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten!«

»öffnen Sie die Tür, oder ich breche sie mit Gewalt auf!« rief Peter zornig.

»Ich rufe die Polizei, wenn Sie mich nicht in Ruhe lassen!« Statt einer Antwort warf sich Peter mit der ganzen Wucht seines Körpers gegen die schwache Tür. Das Schloß brach krachend auf, und er stand in dem dumpfen Schlafzimmer. Elisabeth lag zusammengekauert auf einem ärmlichen Feldbett, nur mit ihrem verwaschenen Nachthemd bekleidet. Sie hatte den Kopf in die Arme vergraben, und ein heftiges Schluchzen schüttelte ihren zarten Körper. Mrs. Inglethorne stand mit rotem, zornigem Gesicht am Fußende der eisernen Bettstelle. Mit der einen Hand hielt sie sich an dem Pfosten fest, in der anderen hatte sie eine alte Hundepeitsche.

»Ich will ihr schon beibringen, mich anzuschwärzen«, sagte sie mit belegter Stimme. »Nach allem, was ich für sie getan habe!«

Es befand sich noch ein anderes Mädchen im Zimmer, das ungefähr in demselben Alter war wie Elisabeth. Sie lag in dem großen Bett, das Mrs. Inglethorne selbst benützte, und schien so an die Wutausbrüche der Frau gewöhnt zu sein, daß sie ruhig blieb.

»Wo ist dein Mantel, Elisabeth?« fragte Peter freundlich.

Das Kind schaute ihn aus verschwollenen Augen an und blickte dann furchtsam auf die Mutter.

»Was wollen Sie tun?« fragte Mrs. Inglethorne unsicher.

»Sie wird diese Nacht in meinem Zimmer schlafen«, erwiderte Peter. »Morgen werde ich weiter für sie sorgen. Und wenn Sie irgendwie Schwierigkeiten machen, hole ich die Polizei.«

Mrs. Inglethorne lachte laut auf.

»Tun Sie das doch!« kreischte sie mit schriller Stimme. »Das gefällt mir! Ein alter Sträfling, der nach der Polizei schickt! Auf Sie wird man ja gerade hören!«

»Ich glaube schon, daß man auf mich hören wird. Die Polizei wird schon deshalb herkommen, um einmal zu untersuchen, warum der Raum im oberen Stockwerk, der nach hinten liegt, nicht als Schlafzimmer benutzt wird. Warum ist der denn immer verschlossen? Und warum gehen Sie nur hinein, wenn Sie Ihre heimlichen Besuche empfangen?«

Mrs. Inglethorne lachte nicht mehr.

»Meinetwegen können Sie soviel gestohlenes Gut kaufen wie Sie nur wollen, aber ich dulde unter keinen Umständen, daß Sie dieses Kind schlagen, solange ich hier wohne. Und wenn ich von hier fortziehe, werde ich dafür sorgen, daß sie anderswo gut untergebracht wird.«

Das Gesicht der Frau war von Furcht entstellt.

»Ich weiß nicht, was Sie wollen!« rief sie aufgeregt. »Wenn Sie sagen, daß ich Hehlerei treibe, dann lügen Sie!«

»Nun, dann will ich die Polizei rufen, damit sie die Sache hier in Ordnung bringt.«

Diese Drohung brachte sie zur Vernunft.

»Ich brauche keine Polizei im Haus! Das Ding hat mich geärgert, und es ist doch eine Unverschämtheit, wenn man eine Mutter nicht einmal ihr ungezogenes Kind schlagen läßt. Wenn sie oben in dem Zimmer schlafen will, kann sie das tun, aber hier unten ist besser für sie gesorgt, Mr. Dawlish. Sie haben doch oben nicht die mindeste Bequemlichkeit für sie.«

»Nun gut, geh wieder zu Bett, Elisabeth.« Er deckte sie mit der dünnen Decke zu und nahm, ohne ein Wort zu verlieren, den dicken Mantel von Mrs. Inglethorne und legte ihn noch darüber. »Schlafe jetzt schön«, sagte er noch, lächelte ihr zu und strich über ihren Kopf und ihre Wangen.

Für die Nacht war sie jedenfalls sicher. Was am Morgen geschehen würde, hing ganz davon ab, wie Leslie Maughan den Plan beurteilte, den er eben gefaßt hatte und der immer bestimmtere Formen annahm, je länger er darüber nachdachte.

Mrs. Inglethorne war eine Hehlerin, sie kaufte gestohlenes Gut. Er war zu lange mit Verbrechern zusammengewesen, um sich nicht hierüber klar zu sein. Als er eines Tages neugierig durch das Schlüsselloch geschaut hatte, waren auch seine letzten Zweifel in dieser Beziehung zerstreut worden.

Er ging zu Bett und war fest entschlossen, Leslie bei der ersten Gelegenheit aufzusuchen und mit ihr zu sprechen. Aber nicht nur um Elisabeths willen freute ihn dieser Gedanke.

Als er am nächsten Morgen in ihrer Wohnung in der Charing Cross Road ankam, erkannte ihn Lucretia nicht wieder und schimpfte, als er den Wunsch äußerte, Leslie zu sprechen. Sie betrachtete ihn und schüttelte den Kopf.

»Es geht nicht, daß Sie Miss Maughan hier sprechen. Es ist besser, Sie suchen sie in Scotland Yard auf. Sie ist jetzt zu sehr beschäftigt.«

»Wer ist denn da, Lucretia?«

Leslie beugte sich über das Treppengeländer, sie konnte den Besucher nicht sehen, aber sie hörte den abweisenden Ton in der Stimme des Mädchens.

»Ein junger Mann möchte Sie sprechen, Miss. Wie heißen Sie doch wieder? Dawlish.«

»Ach, Sie sind es, Peter Dawlish? Kommen Sie bitte herauf.«

Peter eilte die Stufen hinauf, die unterdrückten Proteste Lucretias folgten ihm.

»Es ist Zeit zum Frühstücken. Wie geht es denn mit Ihren Adressen?«

»Sie sind schon stark zusammengeschmolzen, die Arbeit nähert sich dem Ende.«

Es kam ihm zum Bewußtsein, daß ihr Ton sich fast unmerklich geändert hatte. Sie war nicht ernster, aber es schien eine sonderbare Lustlosigkeit von ihr Besitz ergriffen zu haben, als ob sie aufs äußerste ermüdet wäre. Es kostete sie eine gewisse Mühe, zu sprechen, und sie sah erschöpft aus. Er sah das sofort, als er eintrat, und er machte auch eine Bemerkung darüber.

»Ich bin fast die halbe Nacht aufgeblieben«, gab sie zu. »Ich habe mich in einem kalten Garten aufgehalten und eine ältere Dame beobachtet, die den ganzen Boden mit einer elektrischen Taschenlampe absuchte. Das klingt doch geheimnisvoll?«

»Direkt romantisch – wo war denn das?«

»In Wimbledon.« Sie sprach aber nicht weiter darüber. »Warum kommen Sie denn heute früh zu einer so ungewöhnlichen Stunde nach West-London?« Ihre ernsten Augen sahen ihn unentwegt an, und es lag etwas wie ein Vorwurf in ihrem Blick als ob er sie irgendwie verletzt hätte. Er war bestürzt und fühlte, daß er in ihrer Achtung gesunken und daß sie in irgendeiner Beziehung über ihn enttäuscht war. Dieser Eindruck war so stark, daß ihr Blick ihm fast unerträglich wurde. Sie schaute plötzlich auf die Tischplatte, als hätte sie das wahrgenommen.

»Es ist eigentlich ein nutzloses Unternehmen – eine phantastische und wahrscheinlich unmögliche Hoffnung hat mich hierhergebracht.«

Und dann erzählte er, was sich in der Nacht zugetragen und wie herzlos Mrs. Inglethorne die kleine Elisabeth geschlagen hatte.

»Die Frau ist eine Hehlerin«, fuhr er fort, »aber nur im Kleinen. Soviel ich beobachtet habe, sind ihre Spezialitäten Pelze und Textilien.«

Leslie wußte schon verschiedenes über Hehler und ihr Gewerbe, aber Peter berichtete ihr nun, was er in Dartmoor über Leute erfahren hatte, die vorher die Läden, die beraubt werden sollten, besuchten und die Beute taxierten, in manchen Fällen sogar die Ware bezahlten, bevor sie gestohlen war. Er sprach von gerissenen Männern und Frauen, die an den Schaufenstern der Juweliere standen und mit einem Blick den Wert der zu stehlenden Gegenstände abschätzten, von sogenannten ›toten‹ Läden, die nachts nur verschlossen wurden und deren Besitzer nicht in demselben Gebäude wohnten, und von ›lebendigen‹ Läden, die nachts entweder von einem Wachmann oder von dem Inhaber und seiner Familie beschützt wurden.

»Ich möchte die Sache nicht zur Anzeige bringen – ich meine die Hehlerei, aber das Kind ist in schlechten Händen. Die anderen Kleinen bekommen ja auch ab und zu ihre Prügel – aber Elisabeth wird dauernd geschlagen.«

»Was wünschen Sie denn, das ich tun soll?« fragte sie und schaute ihn wieder an.

»Ich weiß nicht.« Er war etwas verlegen. »Ich hatte die kühne Hoffnung, daß Sie vielleicht imstande wären, etwas für sie zu finden – oder sie unterzubringen.«

»Meinen Sie, daß ich sie unter meine Fürsorge nehmen sollte?« Sie lächelte ihn an.

»Ja, das meine ich«, sagte er, nachdem er kurze Zeit überlegt hatte. »Es klingt phantastisch und fast unmöglich, aber Elisabeth ist mir ans Herz gewachsen. Vielleicht ist es meine eigene unglückliche Kindheit, die mir ihre traurige Lage besonders drückend erscheinen läßt.«

»Ich werde Ihre Sorgen zerstreuen können. Ich hatte nämlich selbst diese Möglichkeit in Betracht gezogen. Tatsächlich habe ich gestern mit Lucretia darüber gesprochen, bevor ich zum Essen ausging, und sie war ganz begeistert von dem Plan. Ich habe noch ein Zimmer hier, das ich nicht benutze, und Elisabeth könnte ja in die Katholische Schule am Leicester Square gehen. Wir müssen nur noch Mrs. Inglethornes Einwilligung haben.«

»Sie müßte eigentlich uns bitten«, meinte er grimmig.

»Wenn es sich darum handelt, anderen Leuten zu helfen, so können Sie sehr energisch, ja leidenschaftlich werden. Ich wünschte nur, Sie würden ein wenig bestimmter in Ihrem eigenen Falle sein.«

»Bin ich denn das nicht?«

»Nein, das kann man nicht gerade behaupten. Warum suchen Sie denn Ihre Mutter nicht auf?«

»Sie hat mir die Mühe erspart und ist gestern abend selbst zu mir gekommen.«

»Ihre Mutter ist in die Severall Street gekommen?« fragte sie erstaunt. »War es denn ein – angenehmes Wiedersehen?«

»Es war eine gezwungene Unterhaltung – wie gewöhnlich. Sie versuchte, mir eine Vorliebe für Landwirtschaft, obendrein noch in Kanada, einzureden. Kanada gefällt mir – man braucht ja nur ein paar Tage dort zu sein, um dieses Land liebzugewinnen. Aber die Aussicht, Kühe in Saskatchewan zu melken, sagt mir nicht zu.«

»Sie will, daß Sie außer Landes gehen?«

Er zuckte die Schultern.

»Ihrer Meinung nach ist wohl nicht genug Raum für uns beide in London.«

Leslie dachte einen Augenblick nach.

»Hat Ihnen denn Ihr Vater nicht etwas Geld hinterlassen?«

»Er hat mich enterbt – ich habe nicht einmal den sogenannten Pflichtteil erhalten.«

Die Gleichgültigkeit seines Tones schien ihr angenommen zu sein, denn Coldwell hatte ihr erzählt, wie sehr Peter seinen Vater verehrt und geliebt hatte.

»Er hat sein Testament in der letzten Stunde geändert – am Tag vor meiner Verurteilung ... Mein lieber, alter Vater! Ich erhebe nicht den geringsten Vorwurf gegen ihn. Wie könnte ich auch? Er war der beste Vater, der jemals lebte.«

Leslie rauchte selten, aber jetzt nahm sie eine Zigarette aus ihrer Handtasche und steckte sie an, ohne ihn anzusehen. Und während er in den nächsten Minuten darüber sprach, wie er sich das Adressieren der Kuverts einteilte und wie er sich die Zukunft vorstellte, schien sie sich mehr für den blauen Rauch zu interessieren, der von ihrer Zigarette ausging, als für seine Worte.

Sie legte die Zigarette fort.

»Sie haben ein böses Schicksal, Peter Dawlish, sowohl als Sohn, wie auch als – Gatte!«

Er blieb stumm.

»Sie sind wirklich sehr unglücklich!« fuhr sie niedergedrückt fort. »Sie müssen unter einer Unglückskonstellation geboren sein. Ich bitte Sie nicht um Ihr Vertrauen – Sie würden mir gram sein, wenn ich das täte.«

»Woher wußten Sie es?« fragte er plötzlich.

Sie seufzte tief.

»Erst gestern habe ich Gewißheit darüber erhalten. Ich hatte es allerdings schon lange vermutet – seitdem ich meine Ferien einmal in Cumberland verbrachte und dort einen kleinen Band mit Gedichten von Elizabeth Barrett Browning fand, der eine Widmung in freien Versen auf dem Vorsatzblatt trug. Ich entdeckte, daß die Anfangsbuchstaben der Zeilen, von unten nach oben gelesen, die Worte ›Jane Hood‹ ergaben. Aber ich wußte noch nicht sicher, ob Sie tatsächlich mit ihr verheiratet waren. Ich konnte in Somerset House keine Akten darüber finden.«

»Wir heirateten in Amerika.«

»Das weiß ich jetzt. Aber warum?«

»Jane war sehr unglücklich zu Hause, ihre Verwandten waren verkommene Leute. Der Vater unterhielt eine Spielhölle und ihre Mutter –« Er zuckte die Schultern. »Ich verliebte mich in sie. Wenn ich vernünftig gewesen wäre, hätte ich meinen Vater ins Vertrauen gezogen, und aller Wahrscheinlichkeit nach wäre die Sache gut ausgelaufen. Aber ich erfuhr, daß er Janes Verwandte kannte und auch wußte, wie heruntergekommen sie waren. So gingen wir beide nach Amerika und wurden in einer kleinen Stadt im Staate Connecticut getraut. Wahrscheinlich wissen Sie das auch. Ihr Vater war ein geborener Amerikaner. Vom ersten Tag zeigte sich, daß unsere Ehe ein unglückseliger Irrtum war. Jane glaubte, ich sei unendlich reich. Aber ich mußte sogar ihren Schmuck versetzen, um wieder nach Hause zu kommen, und es gab eine schreckliche Szene, als wir in Liverpool landeten. Wir waren beide sehr aufgeregt und kamen überein, uns zu trennen. Ich ging zu Lord Everreeds Haus zurück und wurde dort von den Detektiven in Empfang genommen, die mich schon am Bahnhof erwartet hatten. Seitdem habe ich Jane weder gesehen noch gesprochen.«

»Hat sie sich denn von Ihnen scheiden lassen?«

»Das weiß ich nicht. Möglich wäre es schon, aber ich habe keine Benachrichtigung erhalten.«

Leslie biß sich auf die Lippen.

»Wenn sie es nicht getan hat – dann hat sie Bigamie begangen. Wissen Sie das?«

»Ja, das ist mir klar«, sagte er kurz. »Das bedeutet so viel, daß ich mich nicht scheiden lassen kann, ohne sie zu verraten – und das bringe ich nicht übers Herz. Ich kann sie unmöglich dem Gefängnis überliefern.«

Es folgte eine lange, peinliche Pause.

»Ist das alles, was Sie mir zu sagen haben?« fragte sie.

»Ich glaube, ich brauche Ihnen nicht mehr zu sagen«, erwiderte er ein wenig bitter.

»Nein, das ist allerdings nicht nötig.« Sie steckte sich eine neue Zigarette an. Die Flamme des Streichholzes flackerte unruhig. »Sie sind wirklich sehr unglücklich, Peter Dawlish.«

Sie blies das Streichholz sorgfältig aus.

»Über Druze wissen Sie nichts – sonst hätten Sie es mir wohl erzählt. Wann hat Sie denn eigentlich Ihr Vater enterbt?«

»Einen Tag bevor ich ins Gefängnis kam.«

»Sagen Sie mir, Peter – Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich Sie so nenne? Ich fühle mich jetzt gerade wie Ihre Schwester – wie war das Verhältnis zwischen Ihrem Vater und Ihrer Mutter? War es herzlich?«

»Nein, sie waren niemals herzlich zueinander, nur höflich.«

Sie runzelte die Stirn und schaute ihn geistesabwesend an.

»Haben Sie jemals die Prinzessin Bellini im Hause Ihres Vaters gesehen?«

»Nur ein einziges Mal. Mein Vater mochte sie nicht –«

»War sie nicht eine Art Tante von Ihnen?« unterbrach ihn Leslie.

»Ich habe diesen Verwandtschaftsgrad eigentlich nie genau erforscht ... Ich nahm nur immer an, daß Prinzessin Bellinis Bruder die Schwester meiner Mutter heiratete.«

Sie erhob sich plötzlich aus keinem ersichtlichen Grund.

»Peter Dawlish«, sagte sie, und ihre Stimme zitterte ein wenig, obgleich sie sich den Anschein gab, als ob sie ihn necken oder mit ihm scherzen wollte, »wenn Sie ebenso begierig wären wie ich, alle Unklarheiten aufzudecken, dann wären Sie jetzt viel glücklicher.«

»Was soll das heißen?«

»Das werde ich Ihnen – eines Tages noch sagen. Nun wollen wir aber zur Gegenwart zurückkehren. Und das Wichtigste, worüber wir vorhin sprachen, war doch die arme kleine Elisabeth. Die einzige Schwierigkeit dabei ist Mrs. Inglethorne. Als eine liebevolle Mutter mag sie ja Einwendungen dagegen erheben, daß man ihr das Kind fortnimmt. Ich kann aber zunächst nicht das Druckmittel gegen sie anwenden, das Sie gebraucht haben. Wenn sie eine Hehlerin und damit eine Gesetzesübertreterin ist, so ist es meine Pflicht, Mr. Coldwell, Anzeige zu erstatten und sie zu verhaften. Wenn sie das Gesetz nicht verletzt hat, müssen wir sie von einer anderen Seite packen. Das klingt zunächst schrecklich geschäftlich. Ich glaube, am besten fahre ich einmal mit Ihnen nach Severall Street und spreche selbst mit Mrs. Inglethorne. Es ist ja möglich, daß sie vernünftig ist.«

Sie fuhren mit einem Autobus zum Südende der Westminster-Brücke und gingen zusammen die York Road entlang. Gerade bevor sie Severall Street erreichten, sahen sie ein kleines Lastauto in die Hauptstraße einbiegen, und Leslie wandte sich mechanisch um, damit sie sich die Nummer merken konnte. Sie hatte eine Schwäche für Gedächtnisübungen und war stolz, fünfzig bis sechzig Autonummern im Kopf zu behalten und sie am Ende des Tages aufzuschreiben. Es war eine Übung, die Mr. Coldwell ihr beigebracht hatte. Als sie sich umschaute, hörte sie plötzlich einen schrillen Schrei.

»Miss!«

»Was war das?« fragte sie, aber Peter hatte nichts gehört. Sie erreichten das Haus, er öffnete die Tür und rief Mrs. Inglethorne. Aber nur eins der Kinder gab Antwort.

»Die Mutter ist mit Elisabeth ausgegangen.«

»Manchmal nahm die Frau das Kind mit, wenn sie zum Einkaufen ausging«, erklärte Peter. »Ich fürchte, die Sache wird sich etwas in die Länge ziehen, es ist möglich, daß sie stundenlang fortbleibt.«

Er ließ sie einen Augenblick in dem Gang unten allein und eilte nach oben in sein Zimmer, um die Fotografie seines verstorbenen Vaters zu holen. Als er oben angekommen war, blieb er erstaunt stehen. Der geheimnisvolle Raum, der dem seinen gegenüberlag, stand weit offen, und er war leer. Mrs. Inglethorne hatte schnelle Arbeit getan und während seiner Abwesenheit alle Beweisstücke ihrer Schuld fortgeschafft.

Peter ging in sein eigenes Zimmer und zog die Schublade des Tisches auf, in der er seine wenigen Habseligkeiten aufbewahrte. Er hatte gerade eine kleine Ledertasche herausgenommen, als er sah, daß etwas auf das Löschpapier geschrieben war ein paar Worte waren in einer Kinderhandschrift hingekritzelt.

»Sie bringt mich weg. – Elisabeth.«

Er riß das Stück der Schreibunterlage ab und ging zu Leslie hinunter.

»Ich fürchtete, daß es so kommen würde«, sagte sie leise.

»Erinnern Sie sich an den Ruf ›Miss‹, als wir an dem kleinen Lastauto vorbeikamen? Wo ist die nächste Telefonzelle?«

»An der Straßenecke ist ein kleiner Laden, von dem aus Sie telefonieren können.«

Leslie eilte mit Peter und wählte die Nummer von Mr. Coldwell.

»Die Nummer des Wagens ist XY 63 369. Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß der Wagen gestohlenes Gut enthält, aber mir liegt hauptsächlich an dem kleinen Mädchen.«

»Ich werde den Wagen auftreiben lassen«, antwortete Coldwell. »Es ist möglich, daß wir ihn erst heute abend fassen, aber vielleicht haben wir auch schon eher Glück.«

»Wo werden Sie von hier aus hingehen?« fragte Peter, als sie wieder auf der Straße standen.

»Wir wollen in das Haus zurückgehen – ich möchte mir doch den Raum dort oben einmal ansehen.«

»Sie hat alles mitgenommen.«

»Aber Diebe, die es eilig haben, sind ziemlich nachlässig. Und vielleicht ist Mrs. Inglethorne doch nicht so schlau, wie sie sich einbildet.«

Das Zimmer war offensichtlich geräumt worden, es standen nur noch ein langer Tisch und zwei Schränke darin, die zu beiden Seiten des verrosteten Kamins aufgestellt waren. Die Türen des einen Schrankes standen offen – er war leer bis auf einen kleinen Haufen Abfall und Gerümpel auf dem Boden; der zweite aber war verschlossen. Mit einem Tischmesser, das sie aus der Küche holte, öffnete Leslie das Schloß. Und hier entdeckte sie drei Stücke Seidenstoff, von denen eins sogar noch das Schild der Firma trug, von der es gestohlen war.

»Diebe, die es eilig haben, sind nachlässig«, wiederholte sie, und ihre Augen leuchteten vor Eifer. »Es ist schließlich ganz gleich, ob Mrs. Inglethorne gefaßt wird, weil sie ein Schaf oder ein Lamm gestohlen hat, wenn sie nur richtig hinter Schloß und Riegel kommt!«

Sie schickte Peter zur Polizeistation und ging selbst hinunter, um die Kinder auszufragen.

Es war eine etwas verwahrloste kleine Gesellschaft, schlecht gekleidet, blaß und unterernährt aussehend. Nur ein Mädchen, das in Mrs. Inglethornes Abwesenheit die Aufsicht über die anderen führte, machte eine Ausnahme. Es war das Mädchen, das in dem Bett der Frau schlafen durfte, wie Leslie später erfuhr. Sie sah auch, ganz im Gegensatz zu den anderen Kindern, ihrer Mutter sehr ähnlich.

»Sie haben nichts gefunden, nicht wahr?« sagte das Kind in feindlichem Ton. »Sie sind nicht früh genug gekommen, um meine Alte zu fassen!«

Dann wandte es sich plötzlich zu den Kindern, die schweigend im Halbkreis herumstanden, und fuhr sie barsch an.

»Macht, daß ihr auf den hinteren Hof kommt, dort könnt ihr spielen!«

Leslies Herz empfand großes Mitleid, als sie diese armen, verkümmerten Kleinen sah. Sie hoffte, durch vorsichtiges Fragen zu entdecken, wohin Mrs. Inglethorne Elisabeth gebracht hatte, aber die fast außergewöhnliche Schlauheit dieses Mädchens setzte sie in Erstaunen.

Peter kam gleich darauf mit einem Polizeiinspektor in Uniform und einem Detektiv in Zivilkleidern zurück. Sie sahen sich die Seidenrollen an und nahmen sie mit.

»Ich muß Ihnen etwas mitteilen, was Sie persönlich ein wenig angeht«, sagte Leslie, als sie allein waren. »Die Kinder werden heute nachmittag noch zum Arbeitshaus abgeholt werden. Mrs. Inglethorne wird gleich nach ihrer Rückkehr verhaftet, so daß Sie dann allein in dem Haus bleiben.«

»Das macht mir nichts aus«, erwiderte er lachend.

Er begleitete sie noch bis zur Westminster-Brücke, und sie richtete eine merkwürdige Frage an ihn, als sie sich trennten.

»Was würden Sie tun, wenn Sie eine halbe Million Pfund hätten?«

Er sah sie erstaunt an.

»Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Aber ich glaube, ich würde mich zuerst nach Amerika wenden, um festzustellen, ob ich tatsächlich und in aller Form geschieden bin.«

»Wirklich?« fragte sie ein wenig kühl. »Ist denn das so notwendig – wenn Sie Jane Raythams Wohnung mit einem Autobus erreichen können?«

Mit einem kurzen Kopfnicken verabschiedete sie sich.

Peter kehrte in seine Wohnung zurück und fand es sehr schwer, seine Arbeit wieder aufzunehmen und seine Gedanken darauf zu richten. Er hatte kaum wieder zu schreiben begonnen, als Polizeibeamte in einem Omnibus kamen, um die Kinder mitzunehmen. Sie gingen auch fort, ohne sich im mindesten zu sträuben. Nur das Mädchen, das von Leslie ausgefragt worden war, machte eine Ausnahme.

Um vier Uhr nachmittags kam Mrs. Inglethorne triumphierend nach Hause, und ohne vorher die Küche zu betreten, stieg sie gleich die Treppe hinauf und stand nun, die Arme in die Hüften gestemmt, vor ihrem Mieter. Ein selbstgefälliges Grinsen ging über ihr rotes Gesicht.

»Nun, haben Sie die Polizei hergebracht? Was wollen Sie nun mit Elisabeth anfangen?« Als er nicht antwortete, drohte sie ihm mit der Faust. »Machen Sie, daß Sie von hier fortkommen, Sie Polizeispitzel! Ich werde Ihnen schon beibringen, mich auszuspionieren und anzuzeigen! Sie verlassen dieses Zimmer sofort, oder ich rufe die Polizei!«

»Ich glaube, es ist besser, wenn ich hierbleibe«, meinte er in guter Laune.

»So, Sie wollen hierbleiben?«

Sie ging zur Tür und rief ihre Tochter Emma. Aber es kam keine Antwort.

»Ich kann Ihnen viel Mühe ersparen, Mrs. Inglethorne.« Peter legte seine Feder nieder. »Die Polizei hat Ihre Kinder zum Arbeitshaus gebracht.«

Sie taumelte gegen die Wand und starrte ihn mit offenem Mund an.

»Warum?« stotterte sie.

»Gewöhnlich bringt die Polizei die Kinder ins Arbeitshaus, wenn die Eltern verhaftet werden und keine anderen Verwandten da sind, die sich um sie kümmern können.«

»Was, verhaftet?« schrie sie.

Er zeigte mit dem Kopf zum Fenster. Sie wankte hin, zog den Vorhang zurück und schaute hinaus. Auf der anderen Seite der Straße standen zwei Männer, und der eine nickte ihr zu wie einem alten Freund. Sie erkannte den Detektivsergeanten, der ihren Mann verhaftet hatte.

»Sie können mir nichts anhaben!« rief sie. »Sie dürfen mich nicht anfassen! Meine Aussage steht gegen die Ihre!«

»Unglücklicherweise haben Sie ein paar Stücke Seide in dem Schrank zurückgelassen!«

Mrs. Inglethorne war nahe am Zusammenbrechen, als die Polizeibeamten in das Haus kamen, um sie abzuholen.

Das Lastauto hatte man verfolgen können. Der Chauffeur und der Mann, der ihn begleitete, waren zur nächsten Polizeistation gebracht worden, wo alle gestohlenen Waren aufgeschrieben wurden, um die Anklage vorzubereiten. Die beiden konnten oder wollten aber keine Auskunft über das Kind geben, und als Leslie zur Lambeth-Polizeistation kam, um Mrs. Inglethorne in ihrer Zelle zu befragen, hatte sie ebenfalls keinen Erfolg.

»Versuchen Sie nur, sie zu finden«, höhnte die Frau. »Sie ist in guten Händen. Aber von mir werden Sie nichts erfahren. Wenn Sie sie haben wollen, so suchen Sie doch nach ihr! Mehr sage ich Ihnen nicht!«

Leslie hatte Peter nicht mitgeteilt, daß sie noch in Lambeth zu tun hatte. Als sie nun die Severall Street entlangging, sah sie in dem oberen Fenster Licht und vermutete, daß er an der Arbeit saß. Ein Postbote klopfte unten an der Tür, und sie wartete einen Augenblick, bis geöffnet wurde, vermutlich von Peter. Sie wollte sich schon umwenden, um ein paar Worte mit ihm zu wechseln, und es kostete sie eine große Anstrengung, diese Versuchung zu überwinden.

»Leslie Maughan«, sagte sie zu sich selbst, als sie die Stufen der Hungerford-Brücke emporstieg, »weißt du auch, was du tust? Soll ich es dir einmal in ganz nüchternen Worten sagen? Du läufst hinter einem verheirateten Mann her! Leslie, so etwas darf man nicht tun, auch nicht in der besten Gesellschaft!«

Sie war ungewöhnlich müde und abgespannt, als sie schließlich in ihrer eigenen Wohnung ankam, und entschloß sich, ihre Absicht aufzugeben, Greta Gurden noch einmal zu besuchen. Am Nachmittag hatte eine Beratung in Scotland Yard stattgefunden, aber die Angelegenheit hatte sich noch nicht genügend entwickelt, um jetzt schon eine Hausdurchsuchung vorzunehmen.

Nach einem einfachen Abendessen nahm Leslie den Brief heraus, den sie vor zwei Tagen erhalten hatte. Sie faltete ihn ganz auseinander und prüfte ihn sorgfältig. Die merkwürdige Geschichte, die sie las, war in der geschraubten, hochtrabenden Sprache eines älteren Landgeistlichen verfaßt, der mit Worten wie ›Primogenitur‹ prunkte und es notwendig fand, seinen Bericht mit Zitaten von Horaz und anderen römischen Dichtern zu schmücken. Der Schreiber war der Vikar eines kleinen Dorfes in Devonshire in der Nähe von Budleigh Salterton, und er hatte, wie er in einer phrasenreichen Einleitung schilderte, das Alter erreicht, das der Psalmist David den Menschen gibt. Er benötigte eine ganze Seite zu der Erklärung, wie es kam, daß er so alt geworden war, und verwendete dabei den lateinischen Ausdruck ›mens sana in corpore sano‹ zweimal.

Er kannte die Familie Druze sehr gut – sie war schon seit mehreren hundert Jahren in seinem Dorf ansässig. Er selbst hatte Alice Mary Druze getauft, ebenso Annie Emily Druze und verschiedene andere Mitglieder der Familie, die er alle mit vollem Namen anführte. Er hatte lange in alten Kirchenbüchern nachgeforscht. Seit Generationen besaßen die Druzes ein kleines Bauerngut von ungefähr vierzig Morgen nicht allzuguten Bodens, das nach Dartmoor zu lag. Es war eine ›wilde‹ Familie mit einer schlechten Vergangenheit. An dieser Stelle gestattete sich der Geistliche eine Abschweifung und sprach in einer so ausgiebigen und erschöpfenden Weise über Vererbung, daß diese Abhandlung jedem Wissenschaftler Ehre gemacht hätte.

Der alte Vater Druze war irrsinnig gewesen und war auch in diesem Geisteszustand gestorben. Sein Großvater hatte Selbstmord verübt (in dem Kirchenbuch war ein Bericht hierüber, ebenfalls eine Bemerkung, daß er an einem Kreuzweg in der Weise beerdigt worden sei, die man bei Leuten anwenden muß, die ihr Leben selbst beenden). Druzes Großmutter hatte auch eine schicksalsreiche Geschichte. Der Geistliche erwähnte sie als eine ›ehrenhafte Frau, die aber sehr zu Frohsinn und Fröhlichkeit neigte‹, und er fand es nötig, eine hundert Jahre alte Skandalgeschichte wieder aufzuwärmen, die sich damals in Widdicombe-Fair zugetragen hatte.

Alice Druze war eine Analphabetin. Er hätte diese Tatsache dem Register der Pfarrschule entnommen. Annie dagegen war eine sehr fleißige Schülerin gewesen und zeigte überraschende Veranlagung und Fortschritte beim Studium der sogenannten toten Sprachen, so daß sie schnell eine gute Anstellung bei einem Mr. Watson in Exeter erhielt. Sie war ein frommes junges Mädchen, ging regelmäßig zum Abendmahl und heiratete schließlich einen Landwirt von gutem Charakter, der in der Nähe von Torquay wohnte. Leslie schrieb seinen Namen in ihr Notizbuch.

Die dritte Tochter, Martha, war von besonderem Charakter, obwohl sie es in der Schule nicht sehr weit brachte. Der Geistliche berichtete sehr eingehend über sie, denn er hatte ihr eine Stellung besorgt. Zunächst hatte sie die Vorratskammer im Plymouth-Hospital zu betreuen, später wurde sie auf seine Empfehlung hin probeweise als Krankenschwester eingestellt. Sie sollte nach Südafrika gegangen sein und dort einen wohlhabenden Handwerker geheiratet haben.

Als Leslie Druzes Spur bis zu diesem Dorf in Devonshire verfolgt hatte und ohne viel Hoffnung auf eine Antwort an den Geistlichen schrieb, hatte sie schwerlich einen so umfangreichen und gewissenhaften Bericht der Familiengeschichte erwartet. Er hatte sogar noch Fotografien von den Grabsteinen früherer Mitglieder der Familie Druze aus dem achtzehnten Jahrhundert mitgeschickt!

Wenn sie dies schon früher gelesen hätte, dann wäre sie nicht durch die Entdeckung überrascht gewesen, daß ›Arthur Druze‹ in Wirklichkeit eine Frau war, denn offensichtlich hatte die jüngere Generation dieser Familie keine männlichen Mitglieder mehr mit Ausnahme des halb geisteskranken Vaters und eines entfernten Onkels, der aus irgendeinem Grunde den Namen Druze überhaupt nicht führte. Sie las den Bericht noch einmal sorgsam durch, nahm dann einen Atlas und ein Geographiebuch von dem Bücherregal und schloß schließlich den Brief und ihre Notizen in eine Schublade ein. Aber ihre Arbeit für heute abend war noch nicht beendet, obgleich sie todmüde war, denn sie hatte noch mehrere Briefe zu schreiben. Mr. Coldwell hatte ihr die Namen und Adressen von etwa einem Dutzend Leuten gegeben, bevor sie das Büro verlassen hatte, die ihr bei ihren Nachforschungen behilflich sein konnten.

Um elf Uhr telefonierte man von Scotland Yard, daß über Elisabeth keine neuen Nachrichten eingetroffen waren. Mrs. Inglethorne, der eine lange Gefängnis- oder vielleicht Zuchthausstrafe sicher war, machte keine weiteren Angaben über das Kind. Sie sagte nur, daß Elisabeth zu ihren Tanten gegangen sei.

Lucretia brachte ihrer Herrin Kaffee. Dieses alte Mädchen hatte sich im Lauf der Jahre angewöhnt, ihr Mißfallen hörbar zum Ausdruck zu bringen, und sie räusperte sich verschiedene Male, als sie eintrat. Schließlich löschte sie alle Lichter in dem Zimmer mit Ausnahme der Tischlampe.

»Sie müssen jetzt zu Bett gehen«, sagte sie energisch. »Ich trage die Verantwortung für Sie, deshalb muß ich für Sie sorgen. Und wie ist das nun mit dem kleinen Mädchen, das zu uns kommen soll?«

Leslie erhob sich steif von ihrem Schreibtisch, legte die Briefe zusammen und klebte Marken darauf.

»Sie kommt heute abend noch nicht. Bringen Sie diese Briefe gleich zum Kasten, Lucretia. Ich warte auf Sie, bis Sie zurückkommen – dann können Sie zu Bett gehen.«

Leslie hörte, wie sich die Tür unten öffnete, und erkannte an dem kalten Zug, der die Treppe heraufkam, daß Lucretia wie gewöhnlich die Tür offengelassen hatte, während sie zum Briefkasten ging, der sich etwas entfernt der Haustür befand.

Es war meistens Lucretias Aufgabe, abends die Briefe noch fortzubringen. Leslie stand dann in der offenen Tür ihres Wohnzimmers, bis sie sich von der Rückkehr ihres Mädchens überzeugt hatte.

Lucretia konnte erst eine halbe Minute fortgegangen sein, als sich die Haustür unten behutsam schloß. Leslie hörte das leise Geräusch.

»Sind Sie das, Lucretia?« rief sie in die dunkle Diele hinunter.

Sie erhielt keine Antwort.

Ein kalter Schauer lief über ihren Rücken. Leslie Maughan war sonst nicht nervös. Ihr Amt und ihre lange Tätigkeit bei Coldwell hatten sie schon in manche unangenehme Lage gebracht. Mit Ausnahme ihrer großen Müdigkeit und Abgespanntheit war kein Grund für Nervosität vorhanden. Aber dieses Gefühl war doch noch etwas anderes als Unbehagen, das selbst Leute mit starken Nerven empfinden, wenn sie allein in einem Haus sind. Es erschien ihr wie eine Vorbedeutung, eine Warnung. Sie wußte, daß jemand unten in der Diele war, der keine Berechtigung dazu hatte.

Sie ging in ihr Zimmer zurück, schloß ruhig die Tür und schob den Riegel vor. Dann schaltete sie wieder alle Lampen an, die Lucretia ausgedreht hatte, trat an das Fenster, zog die Vorhänge zurück und die Jalousie hoch. In der Charing Cross Road herrschte ein reger Verkehr. Es war ein klarer Abend, und in einiger Entfernung sah sie ein paar Polizisten die Straße entlangschlendern. Plötzlich erkannte sie auch Lucretia, die eilig zurückkam. Sie lief gleichzeitig mit den Polizisten unter dem Fenster vorbei. Leslie rief sie an, und sie schaute nach oben.

»Sagen Sie den Polizisten, sie möchten in das Haus kommen. Hier ist der Schlüssel – fangen Sie ihn!«

Einer der Beamten fing ihn geschickt auf.

»Ist irgend etwas nicht in Ordnung, Miss Maughan?« fragte er, als er sie erkannte.

»Ich glaube, es ist jemand in das Haus eingedrungen, während mein Mädchen zum Briefkasten ging. Sie haben doch die Tür aufgelassen, Lucretia?«

»Jawohl, das habe ich getan«, gestand die aufgeregte Lucretia. »Ich vergaß, den Schlüssel mitzunehmen.«

»Nun, dann schnell –«, begann sie. In dem Augenblick gingen alle Lichter im Zimmer aus.

Leslie saß auf der Fensterbank und hatte die Beine nach draußen geschwungen. Sie beobachtete die Tür genau, die sie in dem Licht einer Straßenlaterne sehen konnte. Dann hörte sie einen leisen, knackenden Laut und sah, daß die Tür sich langsam öffnete. Der Riegel gab unter irgendeinem großen Druck nach. Von der Straße her wurde sie angerufen.

»Die Haustür läßt sich nicht öffnen«, hörte sie die Stimme des Polizisten.

»Können Sie mich auffangen?«

Die beiden Beamten liefen zu dem Fenster und standen jetzt unter ihr.

»Springen Sie!«

Sie schaute noch einmal zurück. In diesem Augenblick flog die Tür mit einem Krachen auf, und sie hatte den Eindruck, als ob zwei kleine Gestalten in das Zimmer stürzten. Sie kletterte schnell aus dem Fenster, faßte die Fensterbank und sprang ab.

Leslie Maughan machte gerade keine gute Figur, als sie unten ankam, aber im Augenblick war sie wenig daran interessiert und froh, daß sie davongekommen war. Das ungewöhnliche Ereignis hatte eine neugierige Menschenmenge angelockt, auch ein Polizeiinspektor erschien plötzlich auf der Bildfläche. Der Beamte wußte sich zu helfen. Kaum hatte er die Geschichte gehört, als er einen Autobus anhielt, die Passagiere aussteigen ließ und dem Chauffeur den Befehl gab, den Wagen dicht an das Haus heranzufahren und an dem Fenster anzuhalten. Einer der Polizisten konnte auf diese Weise die Fensterbank erreichen und kletterte hinein, der Inspektor folgte ihm. Man konnte nichts von einem Kampf vernehmen, den die aufgeregte Menge erwartet hatte. Ein paar Minuten später wurde unten die Tür aufgeriegelt. Leslie und die an allen Gliedern zitternde Lucretia traten in das Haus. Die Fenster auf dem ersten Treppenpodest standen weit offen. Eine Polizeipfeife schrillte in der Straße, und in kürzester Zeit war der ganze Häuserblock umzingelt.

»Den Leitungsdraht haben sie nicht durchschnitten, soviel ich sehen kann«, sagte der Inspektor, der die Wand des Korridors mit seiner Taschenlampe ableuchtete. »Wo ist Ihre Schalttafel?«

»In der Nähe der Tür.« Als man nachsuchte, fand man, daß sie vom Boden aus leicht erreicht werden konnte. Das Licht war einfach dadurch gelöscht worden, daß man eine Sicherung herausgenommen hatte. Sie wurde auf dem Boden gefunden und wieder eingesetzt. Mit Ausnahme der aufgesprengten Tür war kein Schaden verursacht worden. Wer auch immer die Eindringlinge gewesen sein mochten, sie hatten nicht Zeit genug gehabt, den Raum zu durchsuchen. Die Schubladen des Schreibtisches waren unberührt.

»Sie hatten zu wenig Zeit«, erklärte der etwas verwirrte Inspektor. »Ich kann diese ganze Sache überhaupt nicht verstehen. Gewöhnliche Einbrecher hätten sich sofort aus dem Staube gemacht, wenn sie erkannt hätten, daß ihre Anwesenheit bemerkt worden war.«

Eine halbe Stunde später, noch bevor die Polizeibeamten gegangen waren, kam Mr. Coldwell. Alle Dächer und Höfe in der Nachbarschaft waren schon abgesucht. Man hatte die Nachtwachleute alarmiert und aus ihrem heimlichen Schlaf aufgeschreckt. Ein kleines Heer von Polizeidetektiven hatte alle Fenster genau untersucht, durch die ein Entkommen möglich gewesen wäre, aber es wurde keine Spur von den Eindringlingen entdeckt.

»Diese Unklarheit ist mir sehr unangenehm«, sagte Leslie.

»Sie müssen jetzt eine Zeitlang anderswo Wohnung nehmen. Es ist besser, wenn Sie morgen alle Ihre Habseligkeiten samt Lucretia zu meinem Haus nach Hampstead senden«, erwiderte Coldwell.

Fünf Minuten lang besprach er mit ihr leise alle Theorien und Vermutungen, die er hatte.

»Ich glaube, es ist nicht nötig, einen Polizisten im Haus zu lassen«, meinte er schließlich.

Ein kleiner Mann von gelber Gesichtsfarbe, der sich oben auf dem hohen Schrank in Leslies Zimmer geduckt hatte und der allgemeinen Durchsuchung dadurch entgangen war, daß er sich hinter der altmodischen Schnitzerei verbarg, die den Schrank krönte, atmete erleichtert auf. Er hörte, wie Mr. Coldwell die Treppe hinunterging.

»Telefonieren Sie mir bitte, wenn Sie nervös werden sollten, Leslie – gute Nacht.«

Coldwells Stimme klang aus der Diele herauf, die Tür wurde unten zugeschlagen – und der fremde Eindringling, der sehr gut Englisch verstand, lächelte verschlagen.

Leslie ging gähnend in ihr Schlafzimmer, nahm all ihre Sachen, die sie für die Nacht brauchte, und verschwand in dem Baderaum. Der Mann oben auf dem Schrank hörte, wie das Wasser eingelassen wurde und wie sie dem furchtsamen Dienstmädchen gute Nacht wünschte. Dann wurde die Tür zu dem Schlafzimmer wieder geöffnet und geschlossen und das Licht ausgedreht. Die Bettstelle knackte, und nach einer Weile vernahm er regelmäßige, tiefe Atemzüge.

Eine Stunde lang lag der kleine gelbe Mann unbeweglich und rührte keinen Muskel. Dann tastete er sich langsam vorwärts und untersuchte das hölzerne Gesimse des Schranks auf seine Stärke – er war zufrieden. Er griff nach einem langen, merkwürdig gekrümmten Messer, das er im Gürtel trug, fuhr mit dem Daumen vorsichtig über die Schneide, bevor er es zwischen die Zähne nahm, und kletterte dann mit der Gelenkigkeit einer Katze von dem Schrank herunter. Er landete geräuschlos auf dem dicken Teppich.

Es herrschte tiefe Stille, nur die leisen Tritte seiner nackten Füße und das tiefe Atmen der Schläferin waren zu hören. Jetzt nahm er das Messer in seine rechte Hand – mit der linken fuhr er behutsam über das Kissen, bereit, sich sofort auf Leslie zu stürzen und ihren Schrei zu ersticken, bevor sie ihn ausstoßen konnte.

Aber er fand keinen Kopf – das Bett war leer. Er richtete sich schnell wieder auf und wandte sich halb um, als er von hinten ein Geräusch hörte. Aber es war zu spät. Ein stahlharter Arm legte sich um seine Kehle, die Hand mit dem Messer wurde am Gelenk gepackt und so scharf umgedreht, daß die Waffe auf den Boden fiel.

»Ich verhafte Sie!« sagte Coldwell.

Er hob die kleine Gestalt ohne Schwierigkeit auf und streckte seine Hand aus, um das Licht anzudrehen. In diesem Augenblick erholte sich der Gefangene wieder. Mit erstaunlicher Kraft wandte er sich um, und Coldwell wurde gewahr, daß er einen Menschen in den Händen hatte, der die Geschmeidigkeit und Wildheit einer Katze besaß. Er fauchte, kratzte, stieß, biß ... Das Unerwartete dieses Angriffs brachte Coldwell einen Augenblick aus dem Gleichgewicht. Er holte mit seiner rechten Hand aus, um den Menschen niederzuschlagen, aber als ob er im Dunkeln hätte sehen können, wich der Einbrecher aus. Im nächsten Augenblick hatte er sich frei gemacht und floh durch die offene Tür. Coldwell folgte, aber es war schon zu spät. Mit einem kühnen Sprung brach der Mann durch die Fenstersprossen und -scheiben und kam unverletzt auf der Straße an. Ein Polizist wollte nach ihm greifen, aber der Verbrecher bückte sich, floh über die Straße und verschwand in einem Hof in der Nähe eines Theaters nach St. Martins Lane zu.

»Ich habe ihn nicht einmal gesehen«, sagte Coldwell bitter, als er Leslie aus Lucretias Zimmer herbeirief. Sein Gesicht war zerkratzt, sein Kragen zerrissen. »Es war beinahe so, als ob ich einen jungen Tiger hätte einfangen wollen.«

Leslie drehte alle Lichter an und betrachtete den Schaden. Der Mann mußte zuerst gegen das untere Fenster gesprungen sein, denn das obere war ganz unberührt. Aber bei dem unteren war auch kein Stückchen Glas in der Fassung geblieben, und die hölzernen Fenstersprossen waren vollständig zersplittert.

»Ich habe schon von solchen kühnen Sprüngen gehört«, sagte Coldwell. »Ich habe sie auch schon auf der Bühne gesehen, aber noch niemals im täglichen Leben und bei so starken Fenstersprossen.«

Leslie war noch vollkommen angekleidet. Sie hatte in Lucretias Zimmer gewartet; eine geladene Pistole auf dem Schoß, bis der Lärm des Kampfes sie zur Stelle gebracht hatte. Aber auch sie kam zu spät.

Mr. Coldwell ging ins Schlafzimmer und kehrte mit dem merkwürdig geformten Messer zurück, das der Mann hatte fallen lassen.

»Das ist irgendeine asiatische Waffe.« Er befühlte vorsichtig die Schneide. »Soviel ich sehen kann, ein malaiisches Messer.«

Coldwell hatte auf einem Stuhl unmittelbar an der rechten Seite des Schrankes gesessen, aber erst nach einer genauen Untersuchung erkannte er, von welcher Seite aus der Einbrecher gekommen war.

»Ich dachte, er würde durch das Fenster zurückkommen«, meinte er lächelnd. »Das ist doch eines der kuriosesten Dinge, die mir je passiert sind. Notieren Sie diesen Vorfall, Leslie. Wir schauen immer unter allen Möbeln nach, ob sich Verbrecher dort verborgen haben, aber wir schauen niemals nach oben. Und doch war der schlaueste Kerl, der jemals der Polizei entkommen ist, ein Kletterer, der sich vierzehn Tage lang oben auf einem hohen Schornstein verbarg. – Tragen Sie eigentlich Strumpfbänder, Leslie?«

Sie mußte lachen.

»Die Frage klingt etwas indiskret, und ich möchte nicht weiter darauf eingehen. Aber ich trage keine Strumpfbänder.«

Coldwell blieb ganz ernst.

»Ich wünschte, Sie würden es tun – mir zu Gefallen.«

Er zog einen Gegenstand aus der Tasche, über den sie sehr erstaunt war.

»Wünschen Sie wirklich, daß ich dieses Ding tragen soll?«

Er nickte.

»Es ist zwar etwas schwer, aber erfüllen Sie mir bitte diesen Wunsch.«

Er bestand darauf, daß er die Nacht in ihrer Wohnung blieb, und um ganz sicherzugehen, stellte er auch einen Schutzmann in der Diele auf Posten.

Als Leslie sehr früh am nächsten Morgen aus ihrem Badezimmer kam, fand sie ihn im Wohnzimmer. Er las die Morgenzeitung.

»Es ist doch merkwürdig, wieviel man versäumt, wenn man ein paar Stunden von Scotland Yard fort ist«, sagte er gedehnt.

Leslie war gespannt, denn wenn er so sprach, hatte er gewöhnlich etwas Sensationelles zu berichten.

»Was haben wir denn versäumt?« Es war nicht nur Neugierde, die sie zu dieser Frage veranlaßte.

Er schaute wieder in die Zeitung und nahm seine Brille ab.

»Peter Dawlish ist in der letzten Nacht verhaftet worden.«

Sie starrte ihn entsetzt an.

»Verhaftet? Warum denn?«

»Weil er gedroht hat, die Prinzessin Anita Bellini zu ermorden«, war die unerwartete Antwort.

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