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Der viereckige Smaragd

Edgar Wallace: Der viereckige Smaragd - Kapitel 12
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pfad/wallacee/smaragd/smaragd.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer viereckige Smaragd
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun14. Auflage
isbn3-442-00195-1
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111015
projectid6db21737
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11

Greta Gurden hatte eine Wohnung im ersten Stockwerk eines Hauses in Portman Crescent. Sie war reichlich phantastisch ausgeschmückt und wies alle möglichen Stilarten auf, nur von ihrem eigenen Geschmack verriet sie nichts. Mrs. Gurden schlief in einer roten Lackbettstelle, die mit goldenen Teufelchen verziert war. Dieses Prunkstück hatte sie vor Jahren auf dem Trödelmarkt in der Nähe der Caledonian Road erstanden und hatte die schadhaften Stellen mit eigener Hand ausgebessert.

Für eine alleinstehende Frau ist das Leben meistens eine Tragödie. Im Hintergrunde figurierte bei ihr immer ein sagenhafter Ehemann, aber er hatte sie entweder böswillig verlassen, oder er war in einer Irrenanstalt. Auf keinen Fall waren Gretas Erklärungen zufriedenstellend. Sie gehörte auch zu jenen Menschen, die ein für ihre Verhältnisse viel zu großartiges Auftreten haben. Von Beruf war sie Journalistin – sie gab ein Skandalblatt heraus, das den Titel trug ›Was man sich in Mayfair erzählt‹. Dieses Blatt erschien nur in einer verhältnismäßig geringen Auflage und nahm Gretas Zeit eigentlich sehr wenig in Anspruch. Es war sicherlich nicht im Interesse des Blattes, daß sie vortäuschte, ein Leben von ausgelassener Fröhlichkeit zu führen. Gelegentlich tauchte sie in den exquisitesten Nachtklubs auf, häufiger allerdings in weniger seriösen Lokalen derselben Art. Ihre Besuche richteten sich ganz nach den Mitteln und dem Geschmack des Herrn, der sie ausführte. Sie hatte eine große Anzahl von Bekannten und Freunden, denen sie imponierte, weil sie immer sensationelle Klatschgeschichten wußte.

Junge Leute luden sie zum Mittag- oder Abendessen, manchmal auch zum Tanz ein. Herren in mittlerem Alter, Familienväter, denen sie Hoffnungen und Avancen machte, die niemals erfüllt wurden, nahmen sie in weniger teure Vergnügungslokale mit. Auch Damen, die gern Zutritt in die vornehme Gesellschaff von Mayfair gehabt hätten, suchten ihre Bekanntschaft zu machen, da sie fälschlicherweise voraussetzten, daß Greta in den vornehmsten Kreisen verkehrte. Die Zeitung ›Was man sich in Mayfair erzählt‹ gehörte Anita Bellini. Es war ein Unternehmen, das sich nicht bezahlt machte. Diese Tatsache unterstrich die Prinzessin immer gebührend, wenn Mrs. Greta Gurden jeden Freitag bei ihr erschien, um ihr wöchentliches Gehalt abzuholen, das ihr einziges regelmäßiges Einkommen bildete. Anita Bellini war in anderer Weise sehr nett zu ihr, gelegentlich wurde sie von ihr zum Abendessen eingeladen und erhielt abgelegte Kleider. Anita nahm sie auch zu Nachmittagskonzerten mit und beschäftigte sie als eine Art unbezahlte Sekretärin. Manchmal hatte Greta auch unverhofftes Glück, denn sie verdiente zuweilen hier und dort eine Summe von fünfzig Pfund für irgendeine Gefälligkeit oder einen Dienst, den sie erwiesen hatte. Sie hatte auch immer Verwendung für das Geld, einmal mußte sie neuartige Vorhänge und Gardinen kaufen, ein andermal ein ausgefallenes chinesisches Schränkchen oder ein Möbel, das jedenfalls so aussah, dann eine elfenbeingeschnitzte Madonna, die natürlich die Kopie eines berühmten Stückes war. Greta Gurden hatte eine merkwürdige Leidenschaft, nur wertloses Zeug aufzuhäufen. Ihr Speisezimmer war vollgestopft mit imitierten Schnitzereien, japanischen, indischen und persischen Kettenpanzern, die in Birmingham gemacht worden waren, und Benaresbronzen, die aus derselben industriereichen Stadt stammten. An der Wand stand ein altertümliches Spinett, das zugleich als Büfett und als Abstellplatz für imitierte Bristol-Kristalle diente. Sogar ein paar Geweihe hatte sie über der Tür aufgehängt und erzählte ihren ehrfürchtig lauschenden Besuchern, daß sie den Zwölfender selbst geschossen hatte, als sie in dem kleinen Jagdschloß des Herzogs von Blank in Inverneßshire zu Gast war.

Sie hatte nur eine Aufwartefrau, die am Vormittag putzte und am Nachmittag Dienstmädchen und Kammerzofe spielte. Und nur dieser Frau gegenüber gab sich Greta so, wie sie wirklich war.

Mrs. Gurden lag nun mit einem verbundenen Bein zu Bett und war eine ungeduldige und schwierige Patientin. Die Furcht packte sie immer noch, wenn sie an ihren Unfall dachte, außerdem hatte sie Angst vor Blutvergiftung und anderen Folgeerscheinungen. Sie ärgerte sich über die ihr aufgezwungene Untätigkeit und war mit der ganzen Welt im allgemeinen und im besonderen unzufrieden.

Aber ihre täglichen Pflichten gegen sich selbst vernachlässigte sie keineswegs. Ihr Gesicht war fast vollständig unter einer Schlammpackung verborgen, durch die sie die lästigen Altersrunzeln vertreiben wollte. Nur ihre beiden dunklen Augen leuchteten unter der grauen Maske hervor. Sie trug Handschuhe, um ihre mit Creme eingeriebenen Hände zu schützen. Sprechen konnte sie kaum, weil ihre Wangen von dem Schlamm bedeckt waren. Im Augenblick hatte sie obendrein noch einen weiteren Grund, sich aufzuregen.

»Sagen Sie ihr, daß ich sie nicht empfangen kann und will – sie soll um zwölf Uhr wiederkommen.«

»Sie ist aber von Scotland Yard.«

»Das ist mir ganz gleich, ich will sie nicht empfangen.«

Die Aufwartefrau verschwand folgsam in den Vorraum. Greta hörte Stimmengemurmel, und nach einer Weile kam die Frau zurück.

»Sie sagt, sie will warten, bis Sie fertig sind. Sie möchte erfahren, wie Sie Ihr Bein verletzt haben.«

Greta wurde plötzlich von panischem Schrecken erfaßt.

»Bringen Sie mir heißes Wasser –«

Es dauerte ziemlich lange, bis alle die Packungen und Schönheitsmittel entfernt waren. Dann war wohlriechende Creme notwendig, um die Haut wieder einzureiben, und schließlich mußte sie sich noch pudern. Leslie Maughan hatte gelegentlich durch die Tür blicken können, wenn die Aufwartefrau durchging, und das hatte ihr den Grund der Verspätung enthüllt. Sie wartete geduldig, denn sie hatte Mitleid mit den Frauen, die den vergeblichen Kampf gegen das Altern unentwegt aufnahmen. Als sie schließlich eingelassen wurde, sah Greta wie gewöhnlich blühend und hübsch aus.

»Wie liebenswürdig und freundlich von Ihnen, mich zu besuchen – direkt süß! Ich hoffte schon immer, daß ich noch einmal Gelegenheit haben würde, Sie wiederzusehen. Die Prinzessin ist so schwierig, nicht wahr? Ich hätte so gern ein wenig mit Ihnen geplaudert, als ich Sie das letztemal traf. Ich bewundere Sie aufrichtig. Wollen Sie nicht Platz nehmen? Ja, denken Sie, ich hatte einen schrecklichen Unglücksfall, ich reinigte nämlich die Pistole meines Mannes und dabei ging plötzlich ein Schuß los – aber glücklicherweise ist es nur eine Fleischwunde, es ist kein Knochen verletzt.«

»Wo hat sich denn der Unfall zugetragen?«

Greta wollte schon sagen »Hier«, aber sie besann sich noch eines Besseren.

»In einem kleinen Landhaus, in dem ich mein Wochenende zubrachte. Es gibt doch so unachtsame Leute. Wie kann man bloß eine Pistole geladen aufbewahren. Ich wäre beinahe vor Furcht gestorben!«

»Was für ein Landhaus war das denn?«

Greta runzelte die Stirn.

»Wie war doch gleich der Name des Platzes? Ich kenne die Leute nicht sehr gut ... Das Haus liegt irgendwo in Berkshire.«

»War Ihr Mann auch dort, Mrs. Gurden?«

»Hm – nein, aber er war früher dort, und sein Gepäck stand noch da. Ich kramte darin herum und fand seine Pistole. Sie sah so schrecklich vernachlässigt und schmutzig aus, daß ich sie reinigen wollte.«

»Wer ist denn außer Ihnen noch verletzt worden?« fragte Leslie ruhig.

Greta sah sie schnell und argwöhnisch von der Seite an.

»Niemand – Gott sei Dank!«

»Ereignete sich dies vor oder nach Druzes Ermordung?«

Greta setzte sich im Bett aufrecht und starrte Leslie an.

»Tot?« fragte sie heiser. »Druze ist doch nicht tot? Das kann nicht wahr sein!«

»Doch, Druze ist tot. Sie wurde in der vorigen Nacht am Barnes Common aufgefunden – sie ist erschossen worden!«

»Sie?« Greta runzelte die Stirn. »Vom wem sprechen Sie denn? Ich sprach doch von Druze.«

»Ich auch. Druze war eine Frau. Das wissen Sie doch!«

Greta sah sie mit weit aufgerissenen Augen verstört an, und Leslie erkannte, daß Greta Gurden nicht in dieses Geheimnis eingeweiht war.

»Eine Frau – großer Gott!«

Greta sank erschöpft in die Kissen zurück und schaute zur Decke empor. Hätte Leslie nicht das unruhige Flattern ihrer Augenlider bemerkt, so hätte sie gedacht, sie sei ohnmächtig geworden. Aber plötzlich begann sie wieder zu reden.

»Ich kann Ihnen weiter nichts erzählen. Ich habe mich selbst durch einen unglücklichen Zufall ins Bein geschossen. Ich weiß nichts von Druze – wirklich nicht. Wie käme ich auch dazu? Ich war auf dem Land, als das geschah. Mehr kann ich nicht sagen, und mehr will ich auch nicht sagen.«

Die letzten Worte stieß sie leidenschaftlich hervor, sie schrie beinahe.

Leslie sah ein, daß es unter diesen Umständen zwecklos war, sie weiter auszufragen. Die Frau war so bestürzt, daß Leslie gezögert hätte, weiter in sie zu dringen, auch wenn sie nicht eine Patientin gewesen wäre, der ein zu scharfes Verhör eventuell hätte schaden können.

»Ich werde später kommen, wenn es Ihnen bessergeht, Mrs. Gurden.«

Greta antwortete nicht.

Als Leslie die Straße entlangfuhr, begegnete ihr ein großer Rolls-Royce, und sie sah einen Augenblick lang Prinzessin Bellini. Nun tat es ihr leid, daß sie so bald gegangen war. Es wäre doch besser gewesen, wenn sie unter dem einen oder anderen Vorwand ihren Besuch verlängert und die Begegnung der beiden Frauen beobachtet hätte.

*

Anita Bellini stieg die Treppe empor und ging in das Krankenzimmer, ohne anzuklopfen. Sie schickte die Aufwartefrau fort, die an ihr hochfahrendes Benehmen schon gewöhnt war und schweigend hinausging.

»War Miss Maughan hier?«

Anita kniff die Augen zusammen, als sie das eingefallene Gesicht Gretas sah.

»Ich sehe, daß sie hier war«, sagte sie böse. »Weshalb ist sie hergekommen?«

Greta erhob sich auf die Ellbogen und legte ein Kissen unter, um sich zu stützen. Sie zitterte aber so sehr und war so schwach, daß sie mit einem Seufzer wieder zurücksank.

»Sie wollte wissen, wie ich verwundet wurde.«

»Was haben Sie ihr darauf gesagt?« fragte die Prinzessin ungeduldig. »Um Himmels willen, nehmen Sie sich doch zusammen! Woher wußte sie denn überhaupt, daß Sie verwundet waren? Haben Sie etwa den Zeitungen eine Nachricht hierüber zugeschickt?«

»Ich weiß nicht, wie sie es erfahren hat, aber auf jeden Fall wußte sie es. Ich habe ihr erzählt, daß sich plötzlich ein Schuß löste, als ich die Pistole meines Mannes reinigen wollte. – Anita, ist es wahr?«

»Was soll denn wahr sein?«

»Ist Druze wirklich tot?«

»Ja.«

»Und es stimmt, daß sie eine Frau war.«

»Ich dachte, das wüßten Sie. Natürlich war sie eine Frau.«

»Mein Gott – wie entsetzlich!«

Anita sah sie kalt an.

»Haben Sie ihr noch mehr gesagt? Man kann sich tatsächlich nicht auf Sie verlassen. Ich hätte allerdings auch nicht erwartet, daß dieser kleine Teufel herausbringen würde, daß Sie verwundet sind. Wahrscheinlich hat der Doktor geplaudert. Ich werde Ihnen etwas Geld geben. Sie sehen entsetzlich aus – das wissen Sie doch? Sie haben sich nicht gut gehalten, Greta. Alle Cremes der Welt werden die Ringe unter Ihren Augen nicht wegbringen. Sie werden eben alt.«

Die Röte, die in Greta Gurdens Gesicht kam und ging, war echt. Wut blitzte aus ihren Augen, denn Anita hatte sie an ihrem wundesten Punkt getroffen.

»Sie sind natürlich nicht fähig, sich um die Zeitung zu kümmern. Im Frühling gehe ich nach Capri. Die neue Villa ist gekauft – es ist wohl das beste, ich nehme Sie mit. Die Zeitung werde ich einstellen. Sie ist ja sowieso in letzter Zeit vollständig nutzlos. Wenn Sie nur einen Funken Begabung hätten, Greta, so hätten Sie etwas daraus machen können. – Sind Sie auch sicher, daß Sie dieser Detektivin weiter nichts gesagt haben?«

»Ich habe ihr weiter nichts mitgeteilt«, entgegnete Greta, die ihre Selbstbeherrschung allmählich wiedererlangte.

»Was ist denn das?«

Anita war vor einem großen Schreibtisch stehengeblieben, öffnete ihn und betrachtete eine Anzahl Briefe, die sorgfältig in einzelne Bündel zusammengebunden waren.

»Sind dies meine Schriftstücke, die Sie ordnen sollten?«

»Ja.«

Die Prinzessin nahm einen der Briefe aus einem Paket, las etwas darin und steckte ihn zurück.

»Das meiste kann verbrannt werden. Haben Sie kein wichtiges Dokument darunter gefunden?«

»Nein – nichts.«

Gretas Stimme klang sonderbar.

»Was ist denn mit Ihnen los?«

Nun brach sich plötzlich der lang aufgespeicherte Groll Gretas Bahn. Sie schluchzte vor Wut, und ihre Worte waren kaum zu verstehen.

»Sie behandeln mich, als ob ich ein Dienstbote wäre – so von oben herunter! Ich hasse diese gemeine Art, wie Sie mit mir verkehren! Ich bin nicht Ihr Hund. Ich habe Ihnen nun schon seit zwölf Jahren wie eine Sklavin gedient! Ich lasse mich nicht so behandeln – das ertrage ich nicht mehr! Ich will lieber im Rinnstein verhungern! Ich werde jetzt alt – ich weiß es nur zu gut. Aber Sie brauchen mir das nicht ins Gesicht zu schleudern! Sie sprechen immer über mein Aussehen. Wenn Sie mir nichts Angenehmeres sagen können, dann schweigen Sie lieber! Ich habe das satt!«

»Benehmen Sie sich doch nicht so einfältig!« herrschte die Prinzessin sie an. »Sie sind nervös und hysterisch! Denken Sie doch gefälligst an Ihre Zukunft. Die wird nicht besser dadurch, daß Sie mir Vorwürfe machen. Gehen Sie doch zurück zur Bühne, wo Sie als Statistin tätig waren!«

»Das ist das Gemeinste, was Sie sagen können«, fuhr Greta auf. »Sie sind einfach schrecklich! Ich werde keinen Finger mehr für Sie rühren –«

Sie begann zu weinen, aber Anita Bellini tat nichts, um sie zu beruhigen. Sie wußte von früheren Gelegenheiten her, daß sie in ein oder zwei Stunden einen reuevollen Brief von ihr erhalten würde, in dem sie um Verzeihung bat. Greta revoltierte ja nicht zum erstenmal. Aber sie hatte sich noch jedesmal wieder vor ihr gebeugt.

Mit dieser Überzeugung verließ die Prinzessin schlechtgelaunt Gretas Wohnung. Als ihr Wagen aus der engen Straße herausgefahren war, dachte sie schon nicht mehr an Greta, denn sie hatte andere, weit wichtigere Dinge zu überlegen.

Leslie Maughan konnte ihrem Vorgesetzten nur sehr wenig berichten, aber er schien dadurch nicht enttäuscht zu sein.

»Wir werden sie eine Weile in Ruhe lassen. Wenn man diese Leute zu sehr plagt, verschaffen sie sich ein unwiderlegliches Alibi, und das ist das Schlimmste.«

Er schaute auf die Koffer, die in der Ecke des Zimmers standen.

»Es wäre ganz gut, wenn wir sie einmal durchsuchten. Ich werde meine Sekretärin hereinrufen, damit sie eine Liste von dem Inhalt macht. Sie können ihr ja diktieren.«

Er klingelte, und die junge Dame, die Leslie Maughans Stellung nach deren Beförderung eingenommen hatte, trat ein. Coldwell bückte sich zu dem ersten der Koffer und schloß ihn auf. Leslie nahm eine Menge abgenutzter Kleider heraus. Aber erst als sie auf ein Paket neuer Herrenanzüge stieß, wurde ein kleines Geheimnis enthüllt. Sie waren halb fertig, die einzelnen Teile nur geheftet. Einer mußte jedoch passen, denn er war halb genäht, und eine kleine Nährolle in einer Seitentasche des Koffers erklärte, wie Druze die Peinlichkeit einer Anprobe beim Schneider umgangen hatte. Sie konnte offenbar sehr gut nähen, denn das halbfertige Kleidungsstück war sehr ordentlich im Schnitt. Es fand sich jedoch weiter nichts, das irgendwelches Licht auf das Rätsel ihres Todes geworfen hätte.

Der zweite Koffer barg jedoch eine Überraschung, denn er enthielt Damenkleider.

»Sie wollte in Amerika ihre Verkleidung also aufgeben«, schloß Leslie daraus, und Mr. Coldwell stimmte zu.

Schließlich war auch der dritte Koffer ganz leer, ohne daß sich der geringste Anhaltspunkt ergeben hätte.

»Es ist auch noch ein Handkoffer da, wir entdeckten ihn erst heute morgen. Er war im Waterloo-Bahnhof zur Gepäckaufbewahrung gegeben«, sagte Coldwell.

Er öffnete eine Kommode, nahm einen Reisekoffer aus Krokodilleder heraus und stellte ihn auf den Tisch. Er war verschlossen, aber zu solchen Koffern paßt ja jeder Schlüssel, und bei dem zweiten Versuch konnte er ihn schon öffnen. Hier fand Leslie Gegenstände, die man auf eine Reise mitzunehmen pflegt: ein Reisenecessaire, Seife, einen kleinen Schmuckkasten mit einer goldenen Uhr und Kette, eine brillantenbesetzte Armbanduhr und eine kleine längliche Brillantbrosche. Ein seidener Morgenrock, ein Paar leichte Pantoffeln und einiges andere ergänzte den Inhalt.

»Hier ist auch nichts«, meinte Leslie enttäuscht.

Sie ließ ihre Hand noch an dem seidenen Innenfutter des Morgenrocks entlanggleiten und hielt plötzlich an, als sie ein dünnes, längliches Päckchen fühlte. Sie holte Coldwells Schere vom Schreibtisch, schnitt die Seide auf und zog einen Umschlag heraus. Er war verschlossen und trug keine Aufschrift. Sie riß ihn auf und zog ein längliches Dokument heraus. Es war ein Heiratsschein, ausgestellt von dem Reverend H. Kermitz in Elfield, Connecticut.

»Großer Gott!« rief Coldwell bestürzt, der über Leslies Schulter mitgelesen hatte.

Einen Augenblick lang verschwammen die Buchstaben vor Leslies Augen, aber dann standen sie klar vor ihr. Dieses amtliche Schriftstück bezeugte, daß Peter James Dawlish in heiliger Ehe mit Jane Winifred Hood verbunden wurde – und Hood war Lady Raythams Mädchenname!

Sie las es noch einmal durch und reichte dann das Blatt Mr. Coldwell.

»Dann waren sie also verheiratet«, sagte sie gleichmütig. »Das war der Punkt, über den ich mir noch nicht klar war.«

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