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Der viereckige Smaragd

Edgar Wallace: Der viereckige Smaragd - Kapitel 11
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pfad/wallacee/smaragd/smaragd.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer viereckige Smaragd
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun14. Auflage
isbn3-442-00195-1
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111015
projectid6db21737
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10

»Druze war eine Analphabetin, aber wie es manchmal im Leben geht, hatte sie sich eine gewisse Bildung angeeignet und konnte dieses Manko stets sehr geschickt verbergen. Sie hatte ungefähr die Kenntnisse eines Kindes, das die Volksschule besucht hat, aber es war ihr unmöglich, lesen und schreiben zu lernen. Es ist merkwürdig, daß es in den Volksschulen zuweilen Mädchen und Knaben gibt, die die unmöglichsten Dinge wissen, ohne diese einfachsten Fähigkeiten zu besitzen.«

Leslie überlegte schnell.

»Ich habe aber doch ihre Unterschrift auf dem Paß gesehen.«

»Die habe ich geschrieben«, erklärte Lady Raytham zu dem größten Erstaunen Leslies. »Sie sagte mir, daß sie zum Wochenende nach Frankreich hinüberfahren wolle, und bat mich, ihren Paß zu signieren. Das ereignete sich erst vor ein paar Wochen, daher kann ich mich noch genau darauf besinnen. Nun sagen Sie mir bitte, was ich tun soll. Die Polizei wird zu mir kommen, und ich bin ja auch bereit, ihr die volle Wahrheit zu sagen, obgleich ich nicht einsehe, was meine Aussagen zur Aufklärung des Falles beitragen könnten.«

»Werden Sie auch die volle Wahrheit sagen?« fragte Leslie bedeutungsvoll.

Jane Raytham sah sie lange an, bevor sie antwortete.

»Soviel ich Ihnen gesagt habe – nicht so viel, wie Sie vermuten.«

»Würden Sie nichts dagegen haben, wenn ich den Hauptinhalt dessen, was Sie mir eben sagten, zu Papier bringe, und würden Sie später das Schriftstück mit Ihrer Unterschrift versehen? Das wird Ihnen viel Unruhe und Unannehmlichkeiten ersparen.«

Jane zögerte.

»Ist das notwendig? Wahrscheinlich wird es so sein. Ja, ich will es tun, wenn Sie so freundlich sein wollen.«

Sie beobachtete Leslie, während deren Feder über das Papier eilte, und nahm ihr die Blätter ab, wenn sie vollgeschrieben waren.

»Sie haben meinen ganzen Fall viel klarer und geschickter aufgezeichnet, als ich es jemals selbst gekonnt hätte«, sagte sie und lächelte ein wenig. »Ich glaube fast, daß Sie Mitgefühl mit mir haben.«

»Sie wissen ja gar nicht, wie sehr ich Ihnen alles nachfühlen kann«, erwiderte Leslie und erhob sich, um Lady Raytham an dem Schreibtisch Platz zu machen.

Jane setzte sich nieder, las das letzte Blatt noch einmal durch und tauchte gerade ihre Feder ein, als plötzlich von draußen Stimmen vernehmbar wurden. Man hörte Lucretias lauten Protest und noch eine tiefere Stimme, die Leslie sofort wiedererkannte. Sie eilte zur Tür und öffnete sie. Prinzessin Anita Bellini stand draußen und schaute die mißtrauische Lucretia durch ihr Monokel an.

»Sie können nicht hineingehen – Miss Maughan ist beschäftigt«, hatte sie eben gesagt. »Es ist mir ganz gleich, ob Sie eine Prinzessin oder die Königin von Saba sind. Wenn Miss Maughan beschäftigt ist, darf sie niemand stören.«

»Es ist gut, Lucretia. Treten Sie näher, Prinzessin.«

Anita kam ohne ein Wort des Dankes herein und würdigte auch Lucretia keines Blickes mehr.

»Wo ist ...«, begann sie. Aber in diesem Augenblick sah sie Lady Raytham am Schreibtisch sitzen. »Was machst du da, Jane?« fragte sie laut. »Du wirst doch nicht etwa so töricht sein, der Polizei eine schriftliche Aussage zu geben?«

»Lady Raytham hat mir nur so viel erzählt, als ich schon selbst wußte«, erklärte Leslie.

»Jane, du darfst das nicht unterzeichnen. Ich verbiete es!«

Ärger und Wut klangen aus der harten Stimme, und als Leslie Anita Bellini ansah, erkannte sie, wie sehr sie diese Tragödie angegriffen hatte. Sie schien um viele Jahre gealtert zu sein. Ihre Mundwinkel waren herabgezogen, ihre Augen rot und entzündet.

Lady Raytham unterzeichnete ruhig das Schriftstück.

»Sei doch nicht unvernünftig, Anita. Die Polizei hat doch ein Recht, gewisse Dinge über Druze zu erfahren.«

»Was hast du denn Miss Maughan gesagt? Kann ich einmal dieses wertvolle Dokument durchlesen?«

Sie streckte die Hand aus, aber Leslie kam ihr zuvor.

»Ich werde es Ihnen vorlesen, Prinzessin.« Sie ging auf die andere Seite, so daß der Schreibtisch zwischen ihr und ihrer aufgebrachten Besucherin stand. Prinzessin Bellini zitterte vor Zorn und Entrüstung.

Leslie las ohne Unterbrechung bis zu Ende.

»Jane, es war sehr dumm und töricht von dir, etwas Derartiges zu unterzeichnen«, sagte Anita schroff. »Sie mögen es doch selbst herausbringen, ohne daß du dich schriftlich kompromittierst. Dieses junge Mädchen hat dir ein Geständnis abgelockt –«

»Geständnis?« fragte Leslie lächelnd. »Das ist doch absolut nicht logisch. Lady Raytham war bekannt, daß Druze eine Frau war. Es wäre doch unmöglich, daß sie das nicht gewußt hat. Wie sie ja selbst zugibt, hat sie uns nur das gesagt, was wir selbst wußten – und was auch Sie wußten.«

»Ich wußte überhaupt nichts«, entgegnete Anita Bellini böse. Ihre scharfen Blicke durchbohrten Leslie. »Ich weiß nur, daß Sie Lady Raytham eine Falle gestellt haben, so daß sie Ihnen eine schriftliche Aussage gab, von der sie noch eine Menge Unannehmlichkeiten haben wird.«

Leslie sah ihr voll ins Gesicht, und zum erstenmal ahnte Anita Bellini dunkel, über welche Kraft und Intelligenz dieses junge Mädchen verfügte. Sie waren einander ja schon begegnet, und die Unterhaltung war damals nicht zugunsten der Prinzessin ausgefallen. Aber sie hatte nur angenommen, daß Leslie mit einer gewissen Schlagfertigkeit und Geistesgegenwart begabt war, sie hatte nicht die Fähigkeiten bei ihr vorausgesetzt, die sie zu einem schlimmen Feinde machten, gegen den sie nur mit ihren schwersten Geschützen ankämpfen konnte. Aber jetzt erkannte sie, daß Leslie, gleichgültig, ob sie nun ›Coldwells hübsche Stenotypistin‹ war, wie sie das Mädchen verächtlich nannte, oder irgendeine Beamtin von Scotland Yard, ein Faktor war, mit dem man rechnen mußte. Und wenn sie noch irgendwelche Zweifel darüber gehabt hätte, so wären sie durch Leslie Maughans nächste Worte zerstreut worden.

»Lady Raytham hat eine schriftliche Aussage gemacht – dasselbe werden Sie auch tun, Prinzessin ... Entweder vor oder nach der Leichenschau.«

Anita betrachtete sie mit einem merkwürdig verschlagenen Blick, den man sonst nicht an ihr beobachten konnte.

»Ich weiß nicht, wie Sie es fertigbringen wollen, mich in diese Sache hineinzuziehen.« Der Ton ihrer Stimme war bedeutend milder als vorher.

»Druze stand früher in Ihren Diensten, und offensichtlich war Ihnen auch bekannt, daß sie eine Frau war. Sie werden über ihren früheren Lebenslauf Bescheid wissen«, sagte Leslie ruhig. »Das genügt vollkommen, Sie in eine Untersuchung zu verwickeln, die die Polizei anstellen wird.«

Anita Bellini nahm ihr Monokel aus dem Auge, wischte es mit dem Taschentuch ab und klemmte es wieder ein.

»Vielleicht habe ich vorhin zu vorschnell meine Meinung geäußert«, sagte sie dann, »aber ich denke, Sie müssen mir zugute halten, was ich auch immer gesagt habe. Ich bin durch Druzes Tod sehr mitgenommen. Würden Sie so liebenswürdig sein, das Schriftstück noch einmal vorzulesen?«

Es war eine einfache und schlichte Darstellung der Aussagen Lady Raythams.

»Nein, darin kann man nichts finden«, meinte die Prinzessin, als Leslie geendet hatte. »Ich vermute, daß diese Aussage notwendig ist. Bedeutet das nun, daß wir auch zu der Leichenschau vorgeladen werden? Ich kann so etwas nicht ertragen!«

Leslie hörte, daß ihre Stimme zitterte. Anita Bellini, die Unnahbare, über alles erhaben, hatte auch eine schwache Seite. Aber sie beherrschte sich und hatte sich bald wieder in der Gewalt.

»Wenn jedermann behandelt würde, wie es ihm zukäme, wäre Peter Dawlish jetzt verhaftet.« Ohne auf Janes Protest zu achten, fuhr sie fort: »Der Mann haßte Druze, das weißt du doch auch, Jane. Er hat ihr sogar gedroht, das kann ich beweisen.« Dann sprach sie verbindlicher weiter. »Ich hoffe, wir werden deshalb keine schlechten Freunde werden, Miss Maughan. Wenn ich Ihnen helfen kann, werde ich es tun. Können Sie mir noch mehr erzählen, als in den Abendzeitungen stehen wird?«

»Nein«, entgegnete Leslie kurz.

Die beiden Damen verließen gleich darauf die Wohnung, aber Leslie fand noch eine Gelegenheit, ein paar Worte mit Jane Raytham allein zu sprechen.

»Sie dürfen niemand etwas von dem Halsschmuck sagen«, flüsterte sie ihr zu, als sie sie die Treppe hinunterbegleitete, »besonders nicht über den Smaragd, der in Druzes Hand gefunden wurde. Versprechen Sie mir das – oder haben Sie vielleicht schon etwas darüber gesagt?«

»Ich wundere mich schon, daß Sie nichts darüber in das Schriftstück aufgenommen haben«, antwortete sie ebenso leise. »Aber Sie können sich auf mich verlassen. Ich werde nicht darüber sprechen, nicht einmal zu Anita Bellini.«

In dem Augenblick hörten sie die Stimme der Prinzessin, die sie vom Fuß der Treppe aus anrief und eine weitere Unterhaltung unmöglich machte.

Leslie kam kurz vor zwölf nach Scotland Yard und stieg gerade die Treppe in die Höhe, als Peter Dawlish herunterkam.

»Ich habe mich glänzend rechtfertigen können«, sagte er lächelnd, »wenigstens habe ich diesen Eindruck von Coldwell bekommen. Es scheint, daß Ihr Detektiv mein Zimmer sehr eingehend besichtigte. Sie wissen doch, daß er auch mich durchsucht hat? Belinda läßt übrigens schön grüßen.«

»Belinda?« Leslie war etwas verwirrt. »Ach, Sie meinen das kleine Mädchen – Elisabeth? Wie schlecht von mir – ich hatte sie beinahe schon wieder vergessen!«

»Aber sie hat Sie durchaus nicht vergessen«, erwiderte Peter lachend und entfernte sich mit einem fröhlichen Winken.

Leslie fand Mr. Coldwell in seinem großen, schön möblierten Büro. Er hatte einen Zigarrenstummel zwischen den Zähnen, seine buschigen Augenbrauen waren nachdenklich zusammengezogen.

»Ich wollte Sie eben antelefonieren«, sagte er brummig. »Ich habe diesen Mann gesehen, den Sie so schätzen, und ich bin vollkommen davon überzeugt, daß er nicht das mindeste mit dem Verbrechen zu tun hat.«

»Mit diesem ›Mann, den ich so schätze‹ meinen Sie doch Peter Dawlish?« fragte sie ruhig. »Sie unterschieben mir da gewisse Gedanken und Gefühle.«

Sie zog Janes schriftliche Aussage aus der Tasche, legte sie vor ihn auf den Tisch, und er las sie sorgfältig durch. Dann faltete er sie wieder zusammen und legte sie in eine Schublade.

»Haben Sie Anita Bellini von dem Smaragd erzählt, den wir in Druzes Hand fanden?«

»Nein, das wäre das letzte gewesen, was ich ihr mitgeteilt hätte. Ich habe auch Lady Raytham ausdrücklich gebeten, nicht mit ihr darüber zu sprechen. Warum fragen Sie?«

Er lächelte grimmig.

»Ich dachte mir schon, daß Sie es nicht getan hätten! Vor fünf Minuten rief Ihre Hoheit hier an und sagte, sie hätte in einer Zeitung gelesen, daß ein Stück von großem Wert bei Druze gefunden worden sei. Ich habe natürlich nicht alle Nachrichten der Zeitungen durchlesen können, aber soweit ich gesehen habe, erwähnen sie nichts von dem Smaragd. Ich wüßte auch gar nicht, wie sie dazu kämen, wenn sie nicht Gedanken lesen können. Die Prinzessin sprach mehr die Vermutung als die Behauptung aus, daß Sie diese merkwürdige Zeitungsnachricht bestätigt hätten.«

Leslie schüttelte verwundert den Kopf.

»Die Frau arbeitet tatsächlich schnell. Was haben Sie ihr denn geantwortet?«

Mr. Coldwell steckte umständlich seine Zigarre wieder an, wie es Leute seines Alters zu tun pflegen.

»Ich sagte ihr, daß wir etwas Wertvolles bei Druze gefunden hätten – nämlich ein Paket Banknoten. Sie schien enttäuscht zu sein.«

Das Telefon schrillte – er nahm den Hörer ab und horchte schweigend.

»Es ist gut, ich werde kommen«, sagte er dann.

»Die Lambeth-Polizeistation hat einen, allerdings schwachen, Anhaltspunkt gefunden. Vielleicht ist die Sache vorbereitet worden, aber man muß der Spur nachgehen, da sie mit Ihrem Peter zu tun hat. Würden Sie mich begleiten?«

Sie sah ihm fest ins Gesicht.

»Wenn Sie ihn noch einmal als ›meinen Peter‹ bezeichnen, dann kann ich recht unangenehm zu Ihnen werden, Mr. Coldwell.«

Der Chefinspektor strich mit der Hand über die Stirn.

»Ich weiß nicht – irgendwie scheint er doch zu Ihnen zu gehören. Ich kann auch nicht sagen, wie ich zu diesem Eindruck komme.«

Ihre Blicke schweiften durch den Raum und blieben in einer Ecke haften, wo sie zwei große, neue Reisekoffer stehen sah, die mit den Etiketten der Cunard Line beklebt waren.

»Sie gehören Druze«, sagte er einsilbig. »Wir werden den Inhalt prüfen, wenn wir zurückkommen.«

Ein Taxi brachte sie bis zur Ecke der Severall Street, wo der Polizeikommissar, dem das Revier unterstand, mit einem Detektiv auf sie wartete.

»Zeigen Sie mir das Schriftstück«, sagte Coldwell zu dem Beamten.

Leslie, die das einseitig geführte Telefongespräch nicht gehört hatte, war gespannt, was jetzt kommen würde.

Der Inspektor zog ein schmutziges Papier aus seinem Notizbuch und reichte es Coldwell, der seinen Klemmer aufsetzte und es las. Dann gab er das Schreiben Leslie Maughan. Die Nachricht war mit Bleistift geschrieben und mußte von jemand stammen, der im Schreiben wenig geübt war.

›Dawlish verwahrt seinen Revolver unter einem losen Brett in seinem Schlafzimmer, gleich wenn man zur Tür hereinkommt.‹

»Woher kam dieser Zettel?« fragte Coldwell.

»Er wurde auf der Polizeistation abgegeben, kurz bevor ich an Sie telefonierte. Ein Straßenjunge brachte ihn herein und sagte, er wäre ihm von einem Mann gegeben worden, der ihm ein paar Kupfermünzen für seinen Botengang zahlte. Ich dachte, es wäre das beste, wenn wir es Ihnen gleich mitteilten.«

Sie gingen zusammen die Straße hinunter, bis sie zu Mrs. Inglethornes Haus kamen. Die Tür wurde sofort von der Wirtin geöffnet, die überraschend sauber und gut angezogen war. Sie schien zwar überrascht, aber ganz und gar nicht aufgebracht zu sein; als sie die Polizeibeamten erblickte.

»Jawohl, mein Herr, Mr. Dawlish ist eben nach Haus gekommen. Soll ich ihn herunterrufen?«

»Nein, danke schön, wir werden nach oben gehen.«

Coldwell stieg die Treppe hinauf und klopfte an das Zimmer. Eine Stimme rief »Herein«. Leslie sah über Coldwells Schulter hinweg, daß Peter an einem einfachen Tisch saß und die Feder in der Hand hielt. Eine Menge adressierter Kuverts lag vor ihm. Er wandte seinen Stuhl um und runzelte erstaunt die Stirn.

»Hallo!« sagte er und war offensichtlich bestürzt, als er sah, welcher Art der Besuch war. »Wollen Sie mich noch einmal verhören?«

Coldwell überschaute das Zimmer mit einem Blick.

»Ich habe eine Anzeige erhalten, daß Sie einen Revolver hier unter dem Fußboden verborgen haben. Wenn Sie nichts dagegen haben, werde ich das Zimmer noch einmal durchsuchen.«

»Ja, tun Sie das nur«, erwiderte Peter, ohne einen Augenblick zu zögern.

Coldwell wandte sich zur Tür, hob die Ecke des Teppichs auf und fand sofort das lose Brett. Im nächsten Augenblick hatte er es hochgehoben, faßte mit der Hand in die Öffnung und zog eine lange, schwarze Browning-Pistole heraus. Peter wurde blaß. In seinen Gesichtszügen verriet sich Bestürzung, die nicht vorgetäuscht sein konnte.

»Ist noch mehr hier?« fragte Coldwell. Er kniete nieder und durchsuchte die ganze Öffnung in dem Fußboden. Plötzlich zog er ein kleines Paket hervor, das in ein Tuch eingewickelt war, und packte es langsam auf.

»Mein Gott!« stöhnte eine heisere Stimme.

Mrs. Inglethorne war die Treppe heraufgekommen und schaute interessiert zu. Und wenn auch ihre Zudringlichkeit unentschuldbar war, gab es doch genügend Grund für ihr Erstaunen, denn als Coldwell alle Lumpen aufgewickelt hatte, fand er drei große Diamantringe, von denen der geringste mindestens einen Wert von hundert Pfund hatte.

»Wissen Sie etwas über diese Ringe, Dawlish?«

»Nein, ich bin kein Dieb und Einbrecher«, sagte Peter in seinem alten, zuversichtlichen Ton. »Dieser Spezialberuf ist nicht mein Fall, außerdem sieht dieser kleine Fund ganz so aus, als ob er von einem sehr alten Einbruch herrührte.«

Coldwell schaute auf die verstaubten Zeugstücke. Als er nur die Ecke eines Lumpens umdrehte, kam eine Staubwolke hervor.

»Können Sie etwas darüber aussagen, Mrs. Inglethorne?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Sie wissen auch nichts von der Pistole?«

Die Frau war wie gelähmt vor Schrecken. Ihr Gesicht war aschgrau geworden, als sie die ungeheure Bedeutung des Fundes erkannte. Monat für Monat hatten diese Ringe also hier gelegen, die wenigstens fünfhundert Pfund wert waren. Es war der Ertrag einer kleinen Unternehmung ihres letzten Mieters, und sie hatte nichts davon gewußt.

»Ich habe sie niemals gesehen«, erklärte Mrs. Inglethorne.

»Diese Stelle ist schon früher als Versteck benutzt worden.« Mr. Coldwell legte die Pistole und die Ringe auf den Fichtentisch nieder, dann betrachtete er den Revolver genau und notierte die Fabrikmarke und die Nummer. Nachdem er das Magazin herausgenommen und die Patronen aus der Kammer entfernt hatte, roch er an dem Lauf.

»Die Waffe ist erst kürzlich abgefeuert worden – sie riecht noch nach Kordit. Gehört die Waffe Ihnen, Dawlish?«

»Nein, ich habe sie noch nie gesehen.«

»Hm ...« Der Inspektor setzte sich genau auf dieselbe Stelle des Bettes, wo Leslie am Abend vorher Platz genommen hatte, und schaute sich nach Mrs. Inglethorne um, die aber verschwunden war.

»Es hat Ihnen niemand etwas von dem Versteck erzählt?«

»Nein.«

»Hallo, Elisabeth«, rief Leslie plötzlich.

Das schmächtige Kind stand auf dem Gang und lächelte die hübsche Dame, von der es jetzt immer träumte, scheu an.

Sie flüsterte etwas, das Leslie nicht verstehen konnte. Sie ging deshalb näher zu ihr hin, nahm ihr dünnes Händchen und küßte ihre blassen Wangen.

»Tee?« sagte sie lachend. »Nein, mein Liebling, wir können jetzt keinen Tee trinken. Es war aber sehr nett und lieb von dir, daß du wieder heraufgekommen bist.«

Elisabeths Augen waren auf die Tischplatte gerichtet, und Leslie sah, daß sie sich fürchtete.

»Was hast du denn?«

»Das ist die große Schießwaffe«, flüsterte das Kind. »Die Mutter hatte sie heute morgen, und ich bekam solche Angst.«

Coldwell, der sehr gute Ohren hatte, hörte es.

»Mein Liebling, deine Mutter hatte diese Waffe heute morgen?« fragte er freundlich. »Wo hatte sie sie denn?«

»In der Küche. Ein Herr kam und ließ sie zurück. Es war ein kleiner Herr mit einem gelben Gesicht. Die Mutter brachte sie in die Küche und sagte, daß wir alle umgebracht werden sollten.«

Aber plötzlich legte sie die Hand auf den Mund und stieß einen Schreckensruf aus. Denn jetzt erst erinnerte sie sich an das, was ihr die Mutter eingeprägt hatte. Coldwell ging aus dem Zimmer hinaus und rief mit seiner lauten Stimme nach Mrs. Inglethorne. Es dauerte aber sehr lange, bis sie ihm antwortete, und als er dann ihre zitternde Stimme hörte, vermutete er, daß sie einen Teil seiner Unterhaltung mit dem Kind belauscht hatte.

»Kommen Sie herauf«, sagte er kurz, und Mrs. Inglethorne gehorchte zögernd.

»Diese Pistole ist heute morgen in Ihr Haus gebracht worden. Wer hat sie Ihnen gegeben?«

Die Frau war entsetzt und blickte ratlos von einem zum andern.

»Ein Herr hat sie hierhergebracht«, erwiderte sie schließlich. »Er sagte, sie gehörte Mr. Dawlish – ich sollte sie unter das Brett in dem Fußboden legen – es ist kein Wort gelogen, mein Herr, selbst wenn ich hier auf der Stelle sterben sollte!«

Coldwell betrachtete eingehend ihr aufgedunsenes Gesicht.

»Sie haben mir doch vorhin gesagt, daß Sie die Pistole nie vorher gesehen hätten. Wer hat sie geschickt?«

»Das weiß ich nicht, mein Herr. Ich habe den Mann noch niemals in meinem Leben gesehen – und wenn ich hier auf der Stelle sterben sollte!«

»Reden Sie doch nicht solchen Unsinn!« fuhr Coldwell grimmig auf. »Und wenn Sie jetzt nicht die Wahrheit sagen, werde ich Sie sehr schnell verhaften!«

Aber sie blieb bei ihrer Erzählung und schwur hoch und heilig, daß sie nichts von der Pistole wüßte und daß ein fremder Herr sie hergebracht habe. Sie dachte, er sei ein Freund von Peter Dawlish.

Zu Leslie Maughans größtem Erstaunen schien Coldwell die Geschichte für wahr zu halten und nichts Unrechtes darin zu finden, daß die Waffe unter dem Fußboden verborgen war.

»Sie haben recht töricht gehandelt, Mrs. Inglethorne. Wenn das nächstemal ein fremder Mensch zu Ihnen kommt und Sie darum bittet, Feuerwaffen in dem Zimmer Ihres Untermieters zu verbergen, dann täten Sie besser daran, die Polizei zu benachrichtigen.«

Er steckte die Pistole in seine Tasche und schaute sich nach Elisabeth um, aber das Kind war verschwunden.

»Durch diese Aussagen sind Sie entlastet, Dawlish«, sagte er, »wenigstens für den Augenblick. An Ihrer Stelle würde ich mir den ganzen Raum genau ansehen und prüfen, ob hier nicht noch mehr Verstecke vorhanden sind, in denen man gestohlenes Gut unterbringen kann.«

Er hatte noch eine kurze Unterredung mit dem Polizeikommissar des Reviers und ging dann mit Leslie zu dem Wagen zurück.

»Sie haben die Frau sehr glimpflich behandelt, Mr. Coldwell.«

Er sah sie schnell von der Seite an.

»Ich habe mich niemals damit abgegeben, kleine Fische zu fangen, besonders nicht dann, wenn große Hechte in der Nähe sind. Und es ist der große Hecht, hinter dem ich her bin. Aber es sollte mich wundern, wenn mich diese kleinen Fische nicht auf seine Spur brächten.«

»Glauben Sie den Aussagen von Peter Dawlish?«

Er nickte, als er ihr behilflich war, in den Wagen zu steigen. Nachdem der Wagenschlag geschlossen war, sagte er ihr seine Meinung.

»Der Detektiv, der die Wohnung von Peter Dawlish vorige Nacht durchsuchte, hat das lose Brett und die Öffnung darunter gefunden. Es wäre leicht möglich gewesen, daß ihm die Diamantringe entgangen wären, aber unter keinen Umständen hätte er die Pistole unbeachtet lassen können. Deshalb wußte ich von vornherein, daß die Waffe absichtlich dorthin gelegt worden war. Es blieb die Möglichkeit offen, daß Peter sie selbst dorthin gebracht hatte, aber die Wahrscheinlichkeit sprach gegen diese Theorie. Das Kind hat die Wahrheit erzählt. Der kleine, gelbgesichtige Mann war vielleicht einer der drei Kerle, die Peter Dawlish angegriffen haben.«

Leslie hörte nun zum erstenmal von diesem merkwürdigen Vorfall, der sich in der Severall Street ereignet hatte.

Mr. Coldwell gab etwas nervös zu, daß der Fall sich so entwickelt hatte, daß er ihn nicht mehr durchschauen konnte.

»Wir haben eine Frau, die sich als Mann verkleidet hat, und zwar wenigstens während der letzten fünfzehn Jahre. Man hat sie tot aufgefunden – mit einem kostbaren Smaragd in der Hand, der nach einer rohen Schätzung mindestens tausend Pfund wert ist. Sie wurde aus allernächster Nähe mit einer Pistole erschossen, die ich in meiner Tasche habe –«

Leslie war bestürzt. »Das ist doch nicht Ihr Ernst?«

»Doch – ich würde sogar ein ganzes Monatsgehalt darauf wetten, daß ich recht habe. Sie glauben, ein Mörder wäre ganz von Sinnen, die Waffe, mit der er die Tat beging, der Polizei in die Hände zu spielen, da er doch wissen muß, daß jede Pistole eine Nummer hat und man feststellen kann, wo und wann sie gekauft wurde – es sei denn, daß der Kauf in Belgien vorgenommen wurde, was ich für das Wahrscheinlichste halte. Sie haben Druze nicht mehr gesehen, nachdem sie aufgefunden wurde? Ich würde Ihnen auch sehr davon abraten. Alle Details, die sie betreffen, sind ja zu Protokoll genommen, und Sie können sie dort einsehen. An dem unteren Teil ihres rechten Daumens, auf der Rückseite der Hand, zeigte sich eine große, schwarze Wunde, die von verbranntem Pulver herrührt. Diese Verletzung fiel mir sofort in die Augen, als ich die Leiche untersuchte.«

»Wie mag sie dazu gekommen sein?«

»Sie selbst hat eine Pistole abgefeuert – und zwar fünf- oder sechsmal in schneller Aufeinanderfolge. Dabei entstand diese Verbrennung. Ein Schuß hätte die kleine Brandwunde nicht verursachen können, es mußten mindestens fünf gewesen sein. Sehen Sie hierher.« Er zeigte ihr seine eigene Hand, auf der eine entzündete, rote Stelle zu sehen war, die außerdem schwach schwarz gefärbt war. »Ich habe heute morgen eine Pistole abgeschossen, um zu sehen, was die Folgen sein würden, und ich habe genau dieselbe Brandwunde wie Druze bekommen. Es ist eine Vermutung, Leslie, aber ich nehme an, daß Miss oder Mrs. Druze in Selbstverteidigung getötet wurde. Sie hat mit der Schießerei begonnen und ist dabei umgekommen.«

Leslie hörte atemlos zu.

»Wo ist wohl die andere Leiche?« fragte sie schnell.

Er starrte sie an.

»Die andere Leiche?«

»Sie hat doch sicher jemand getötet«, erwiderte Leslie rasch. »Getötet oder schwer verwundet. Eine Frau wie Druze trug keine Waffe bei sich, ohne sie auch gebrauchen zu können. Und wenn sie mit der Pistole umzugehen verstand und zuerst feuerte, dann ist zum mindesten jemand schwer verletzt.«

Mr. Coldwell nahm seinen Hut ab und strich sich über die Stirn.

»Das war die nächstliegende und ganz natürliche Schlußfolgerung – und ich habe sie nicht gezogen. Warum ich das nicht tat, weiß ich wirklich nicht. Lassen Sie mich die Lage einmal überdenken.«

Sie fuhren schweigend zusammen nach Scotland Yard.

»Ich bin mit meiner Überlegung noch nicht zu Ende«, sagte er enttäuscht, als er hinter ihr aus dem Wagen stieg und den Chauffeur bezahlte.

In der Eingangshalle stand ein bärtiger Mann, der das Aussehen eines Arztes hatte. Er sprach mit dem wachhabenden Beamten, der ihm Mr. Coldwell zeigte. Der Herr ging auf den Chefinspektor zu, als er eintrat.

»Sind Sie Mr. Coldwell? Mein Name ist Simmson – Dr. Simmson. Ich wohne in der Marylebone Road.«

»Nun, Herr Doktor?« fragte Coldwell höflich. »Womit kann ich Ihnen dienen?«

»Einer meiner Freunde hat mir geraten, nach Scotland Yard zu gehen und einen merkwürdigen Umstand zu berichten«, sagte der Arzt etwas schüchtern. »Ich habe dergleichen früher nie getan und weiß nicht recht, wie ich beginnen soll. Ich habe nämlich eine Patientin mit einer Schußwunde, und ich bin mit ihrer Erklärung, wie sie diese Verletzung erhalten hat, nicht zufrieden. Die Wunde ist zwar nur leicht ...« Coldwell hörte gespannt zu. »Es ist nur eine Fleischwunde. Keine Arterie ist verletzt. Ich glaube fast, daß es eine Indiskretion gegen meine Patientin ist –«

»Wie heißt sie denn?«

»Mrs. Greta Gurden.«

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