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Der viereckige Smaragd

Edgar Wallace: Der viereckige Smaragd - Kapitel 10
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pfad/wallacee/smaragd/smaragd.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDer viereckige Smaragd
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun14. Auflage
isbn3-442-00195-1
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111015
projectid6db21737
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9

Druze – eine Frau! Es war unglaublich – es war unmöglich! Aber dieser kluge, erfahrene Mann erlaubte sich keinen Scherz mit ihr. Müde stieg sie die Treppe hinauf. Ihr Körper bedurfte der Ruhe, obwohl ihr Geist noch wach und rege war.

Druze war eine Frau! Plötzlich erinnerte sie sich an Lady Raythams hysterisches Lachen, als sie sie fragte, in welcher Beziehung sie zu Druze stand. Lady Raytham hatte es also gewußt.

Leslie war zu vernünftig und zu großzügig, um sich durch diese Mitteilung aus der Fassung bringen zu lassen. Sie blieb oben auf dem Podest stehen und lehnte sich gegen das Geländer. Das bartlose Gesicht und die Gestalt des großen Hausmeisters standen wieder vor ihr. Alle die vielen Theorien, die sie aufgestellt hatte, waren nun wertlos – sie mußte wieder von vorn anfangen.

Als sie in ihr Wohnzimmer trat, entdeckte sie Lucretia, die zusammengekauert in einem Stuhl am Kamin saß. Das Feuer war erloschen, und Lucretia schlief seelenruhig und fest. Leslie hatte es ihrem Mädchen nicht abgewöhnen können, daß sie aufblieb und auf ihre Herrin wartete, denn Lucretia hatte die feste Überzeugung, daß nur ihre Sorge Leslie Maughan vor einem entsetzlichen Geschick bewahrte. Sie wachte plötzlich erschrocken auf und erhob sich schnell.

»Ach, Fräulein – wie spät ist es denn?«

Leslie schaute auf die Uhr am Kamin.

»Es ist drei und ein schöner Morgen. Warum sind Sie denn nicht zu Bett gegangen, Sie armes, schläfriges Huhn?«

»Ich bin kein Huhn«, protestierte Lucretia. »Drei Uhr – so spät ist es heute wieder geworden.« Sie fröstelte. Dann fragte sie neugierig: »Ist denn etwas passiert?«

»Es ist viel passiert.« Leslie ließ sich schwer in einen Stuhl fallen. »Es ist ein Mord geschehen.«

»Großer Gott!« rief Lucretia. »Wer ist denn der Täter?«

»Wenn ich das wüßte, wäre ich selbst sehr zufrieden.«

Leslie unterdrückte ein Gähnen.

»Machen Sie mir ein Bad, Lucretia. Ich möchte auch noch etwas warme Milch haben. Und wecken Sie mich nicht vor zehn.«

»Wenn ich dann selbst wach bin«, meinte Lucretia. »Ich habe noch keinen Platz wie diesen kennengelernt. Sie machen ja die Nacht zum Tage, wie die Bibel sagt. Dieses London ist ein modernes Babylon. Ist dem armen Menschen denn die Kehle durchgeschnitten worden?« Ihre Phantasie beschäftigte sich anscheinend immer noch mit der Tragödie.

»Nein, es tut mir leid, daß ich Sie enttäuschen muß. Aber es war auch so schrecklich genug.«

Sie erhob sich, ging an ihren Schreibtisch und sah die Briefe durch, die mit der Abendpost gekommen waren. Der eine interessierte sie, und sie öffnete ihn. Nachdem sie den Inhalt gelesen hatte, schloß sie das Schreiben in einer Schublade ein.

Kurze Zeit später schlief Leslie Maughan fest und traumlos in ihrem weichen Bett.

Ihr Schlafzimmer grenzte an das Wohnzimmer, und die Tür stand halb offen. Leslie erwachte, als sie zwei Leute miteinander sprechen hörte. Es war Lucretia und noch jemand, dessen Stimme ihr bekannt war.

»Ich will warten. Bitte wecken Sie Miss Maughan nicht meinetwegen auf.«

Leslie setzte sich aufrecht. Durch die Tür, die Lucretia eifersüchtig bewachte, sah sie die große, vornehme Erscheinung Lady Raythams. Im nächsten Augenblick sprang sie aus dem Bett, zog die Pantoffeln an und schlüpfte schnell in ihren Morgenrock. Nur kurz blieb sie vor dem Spiegel stehen und ordnete flüchtig ihre Haare.

Lady Raytham stand in der Mitte des Wohnzimmers. Ein hellflackerndes Kohlenfeuer brannte im Kamin. Dieses Zimmer hatte besonders in der frühen Morgenstunde eine besondere Anziehungskraft für Leslie. Aber Janes Anwesenheit schien dem Raum aus irgendeinem Grund noch einen neuen Vorzug zu verleihen.

»Guten Morgen! Es tut mir leid, daß ich schon so früh komme. Ich hoffe, daß ich Sie nicht zu sehr störe.«

Jane war höflich und dabei doch in gewisser Weise ablehnend und kühl. Leslie sah sie erstaunt an – alle Zeichen von Bestürzung, Furcht und Schrecken, die sie am Abend vorher an ihr bemerkt hatte, waren verschwunden, nur die dunklen Schatten unter den Augen waren geblieben.

»Bitte, nehmen Sie Platz. Haben Sie schon gefrühstückt?«

Lady Raytham schüttelte den Kopf.

»Sorgen Sie sich nicht um mich, ich habe Zeit und kann warten.«

Es lag zurückhaltende Bewunderung in Janes Blick. Sie dachte daran, daß nur wenige Frauen ihrer Bekanntschaft sich zu dieser Zeit und unter solchen Umständen sprechen ließen. Sie hatte Leslie Maughan noch nie am Tage gesehen und stellte jetzt fest, daß sie sich in dieser ungünstigen Morgendämmerung nicht nur sehen lassen konnte, sondern sogar noch hübscher aussah als sonst. Die Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit, mit der Leslie ihren Vorschlag annahm und ins Badezimmer ging, gefielen Jane. Die rundliche Lucretia folgte ihrer Herrin mit einem Arm voll Kleider.

Als Leslie nach einiger Zeit wieder erschien, hatte Lucretia den Tisch gedeckt, auf dem jetzt blaue Kaffeetassen und Teller mit frischgerösteten heißen Toastschnitten standen.

»Danke schön, ich könnte nichts essen«, lehnte Lady Raytham liebenswürdig ab. »Aber ich nehme gern einen Kaffee.«

Leslie schaute bedeutungsvoll nach der Tür, und Lucretia verschwand zögernd.

»Denken Sie, ich habe doch geschlafen«, sagte Jane unbekümmert. »Ich weiß nicht, wie es kam, aber es ist eine Tatsache. Ich dachte, ich könnte überhaupt nicht mehr schlafen. In den Zeitungen steht noch nichts von dem Mord.«

Leslie überlegte schnell.

»Das wäre auch nicht gut möglich – aber die Abendzeitungen werden es bringen. Ich weiß alles über Druze.«

»Sie wissen alles über – sie?« fragte Jane und sah sie fest an.

»Wie war denn ihr wirklicher Name?«

»Das kann ich Ihnen leider nicht sagen – für mich war sie nur Druze.«

»Wußte Ihr Gatte darum –?«

»Sie meinen, daß sie eine Frau war? Nein! Der arme Raytham! Er hätte sicher einen Anfall bekommen. Er bemerkt ja eigentlich nie etwas.«

Jane hatte Baron Raytham geheiratet, als er etwas über fünfzig Jahre alt war. Er war ein alter Junggeselle, der an ein freies Leben gewöhnt war. Eines guten Tages hatte er sich verheiratet und wußte selbst nicht, wie es gekommen war. Fast ein ganzes Jahr lang war er ein Musterehemann gewesen und hatte sich vollkommen zurückgezogen. Das häusliche Leben war ihm etwas ganz Neues. Die Gesellschaft und all ihre Bindungen und Verpflichtungen haßte er. Aber bevor noch ein Jahr seiner Ehe vergangen war, interessierte ihn dieses neue Leben nicht mehr, das ihm seine Verheiratung gebracht hatte. Nun widmete er all seine Energie und Tatkraft seinen Konzessionen und den Direktionssitzungen der verschiedenen Gesellschaften, an denen er beteiligt war. Er studierte die Bilanzen und all die Dinge, die für ihn das eigentliche Leben bedeuteten, und Jane Raytham blieb sich selbst überlassen.

»Mein Mann ist sehr selten in London – gewöhnlich nur zwei Monate im Jahr. Er hat andere Interessen«, sagte sie.

Leslie änderte geschickt das Thema der Unterhaltung. Sie hatte auch schon davon gehört, daß Lord Raytham trotz seiner Verheiratung eine oder mehrere Beziehungen aufrechterhielt, die er nicht fallenlassen wollte oder konnte. Leslie war zu sehr mit den wirklichen Zuständen in der Gesellschaft vertraut und besaß zuviel Lebenserfahrung, um sich hierüber zu wundern. Sie war auch viel zu vernünftig, um sich darüber zu ärgern. Sie amüsierte sich höchstens über den Mann, der es so leicht fand, sich von seiner Frau zu befreien, und so schwer, sich von einer Geliebten zu trennen.

»Sie heißen doch Leslie? Würden Sie mir gestatten, daß ich Sie bei Ihrem Vornamen nenne? Sie sind wirklich nicht so furchtbar, wie ich anfänglich glaubte. Ich – ich habe Sie liebgewonnen. Ich heiße Jane – wenn Sie genügend Zuneigung zu mir fühlen, so würde ich Sie bitten, mich Jane zu nennen. Ich bin abscheulich häßlich zu Ihnen gewesen, aber nun bin ich gekommen, um Sie um Verzeihung zu bitten.«

Leslie lachte.

»Ich selbst muß mich bei Ihnen entschuldigen.«

Lady Raytham verstand sehr schnell, was sie damit sagen wollte.

»Ach, Sie meinen wegen Druze? Es wäre schrecklich, so etwas anzunehmen. Aber Frauen sind ja leider zu solchen Verrücktheiten fähig. Man kann kaum noch irgendeine Sonntagszeitung in die Hand nehmen, ohne einen Artikel über derartige Dinge zu finden. Natürlich haben die guten Leute niemals wirkliches Beweismaterial über derartige Beziehungen in der Hand. Nein, ich wußte, daß Druze eine Frau war. Das war ja das Entsetzliche. Es erniedrigte mich, ich fühlte mich krank und elend, wenn ich nur daran dachte. Ich weiß nicht, ob Sie mir glauben, daß das beinahe mein schwerstes Kreuz gewesen ist.«

»Worunter hatten Sie dann noch mehr zu leiden?«

Jane seufzte tief und schaute zum Fenster hinaus.

»Es ist so schwierig, solche Dinge gegeneinander abzuschätzen und zu vergleichen. Natürlich weiß ich jetzt, was mich am schwersten bedrückte. Aber das ist so neu und so schrecklich, daß ich gar nicht daran denken darf. Druze schleuderte mir, bevor sie fortging, ein paar fürchterliche Worte ins Gesicht ...« Sie schloß die Augen und zitterte, erholte sich aber gleich wieder. »Das ist auch der Grund, warum ich sie suchen wollte. Sie sagte mir etwas, aber nicht alles, und ich mußte doch die ganze Wahrheit wissen. Mein erster Gedanke war – Sie werden mich für scheinheilig halten –, daß Peter sie tötete. Wenn ich überhaupt nachgedacht hätte! Aber ich wurde nur von dem einen Gedanken beherrscht, das zu erfahren, womit sie sich in ihrer Unverschämtheit gebrüstet hatte.«

»Es handelt sich doch nicht etwa um den Smaragdschmuck?«

Jane Raytham lächelte verächtlich.

»Um den Halsschmuck? Als ob ich mich darum kümmerte! Ich spreche jetzt offen über alles, bis zu einer gewissen Grenze. Die Smaragdkette, die Sie vorigen Abend in meinem Hause sahen –«

»War eine Nachahmung – das wußte ich. Eine ganz genaue, aber wertlose Nachbildung des wirklichen Schmuckes. Als Sie so wenig darum besorgt waren, sie wieder in den Safe zurückzulegen, vermutete ich das.«

Sie sahen sich in die Augen, und jede versuchte, die Gedanken der anderen zu lesen.

»Was haben Sie denn sonst noch vermutet?« fragte Jane Raytham nach einem langen Schweigen. »Nein, nein, sagen Sie es nicht! Ich möchte mir nicht die Überzeugung nehmen lassen, daß es niemand weiß – niemand! Sie werden mir darauf erwidern, daß ich versuche, mich in meine Einbildungen einzuspinnen, und daß ich zu feige bin, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen.« Und dann fragte sie plötzlich sprunghaft: »Haben Sie Peter gesehen?«

»Ja, ich habe ihn in der vorigen Nacht gesprochen. Er wußte nichts von dem Mord – nicht soviel wie Sie.«

Jane überhörte die Herausforderung, die in diesen Worten lag.

»Ich möchte gerne wissen, wieviel Sie selbst wissen, Leslie?« Es fiel ihr schwer, diese Frage zu stellen, denn ebensogut wie sie hatte auch Leslie ihre Vorbehalte. Die volle Wahrheit mußte von Jane Raytham selbst kommen, oder es konnte überhaupt keine Klarheit geschaffen werden.

»Ich weiß, daß Sie von Erpressern verfolgt wurden und daß der Halsschmuck, den Sie hergaben, ein Teil von deren Forderungen war. Die Summe von zwanzigtausend Pfund, die Sie von der Bank abhoben, war meiner Meinung nach alles Bargeld, über das Sie verfügten, und sie war der andere Teil, mit dem Sie sich freikaufen wollten. Ich vermute, daß Druze die Erpresserin war. Habe ich recht?«

Jane nickte. Es war eine merkliche Entspannung in ihrem Gesicht wahrzunehmen. Sie hatte das Schlimmste befürchtet und war nun erleichtert, als sie erkannte, daß Leslie Maughan nicht alles wußte.

»Wie lange haben Sie zahlen müssen?«

Jane antwortete nicht sogleich, und Leslie mußte die Frage wiederholen.

»Ich kann es im Augenblick nicht sagen, jedenfalls eine lange Zeit.«

Wieder folgte ein Schweigen. Die ganze Wahrheit war noch nicht ans Licht gekommen, nur ein Teil.

»Wollen Sie mir nicht noch etwas mehr erzählen?«

Jane Raytham ließ den Kopf sinken. Sie wollte ja erzählen, aber nur so viel, als dieses freundliche und offene junge Mädchen auch wußte. Sie hoffte, daß das Geheimnis ihr nicht entrissen werden könnte, und wünschte doch beinahe, daß Leslie Maughan ihr plötzlich die grausige Wahrheit vor Augen halten würde.

»Ja, ich will! Aber es ist so schrecklich! Ich kann es nicht, ich kann keine Worte dafür finden. Und ich möchte Sie doch so gerne um Ihre Hilfe bitten, deren ich so sehr bedarf. Liebe Leslie, Sie sind doch eine Polizeibeamtin, Sie sind ein Teil der Macht von Scotland Yard. Ich habe Ihnen schon zuviel erzählt – ich werde in Zukunft nur noch in dauernder Furcht leben können –«

»Hier bin ich Leslie Maughan«, sagte das junge Mädchen lächelnd. »Aber ich warne Sie. Ich bin fest entschlossen, soweit es in meinen Kräften steht, den Mörder dieser niederträchtigen Frau zu finden. Abgesehen von dieser Information können Sie mir alles anvertrauen.«

Jane schüttelte traurig den Kopf.

»Ich weiß wirklich nicht, wer Druze getötet hat. Ich will es nicht beschwören, aber ich kann Ihnen mein Wort darauf geben, daß ich es nicht weiß. Ich habe nicht einmal einen Verdacht. Anita wollte es auch wissen. Ich habe sie heute morgen schon besucht. Sie ist vollkommen verstört und bestürzt. Ich hätte nie geahnt, daß sie so tief empfinden kann. Die Polizei war auch bei ihr und stellte Nachforschungen an, ob Druze in ihrem Haus war. Ich vermute, Sie haben den Beamten mitgeteilt, was ich Ihnen gestern abend erzählte. Die arme Anita hatte Druze eigentlich immer sehr gern. Früher stand sie ja einmal in ihren Diensten. Anita behauptete allerdings immer, daß das niemals der Fall gewesen sei, und sprach von Druze, als ob sie ihr ganz unbekannt und fremd sei. Aber das tat sie nur, weil sie so stolz war. Sie wollte den Gedanken nicht aufkommen lassen, daß sie einmal so arm war, jemand aus ihren Diensten entlassen zu müssen.«

»Ich möchte noch eine Frage an Sie stellen, Lady – Jane. Es ist doch besser, daß ich Sie bei Ihrem Vornamen nenne, aber es ist schwer, sich an eine neue Form zu gewöhnen. Hat Druze den Namen Lord Everreeds gefälscht? Peter Dawlish ist fest davon überzeugt.«

»Das ist unmöglich.«

»Aber warum ist es denn unmöglich?«

Leslie Maughan erhielt eine niederschmetternde Antwort.

»Weil sie weder lesen noch schreiben konnte.«

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