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Der versunkene Erdteil

Walter Horst: Der versunkene Erdteil - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Horst
titleDer versunkene Erdteil
publisherLoewes Verlag Ferdinand Carl
illustratorWilly Planck
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160530
projectid036121c9
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26. Kapitel.
Die Stiftung.

Ein wahrhaft fürstliches Gefolge geleitete den Geheimrat Vanderbergen zur letzten Ruhestätte. Hinter dem von Blumen und Kränzen völlig bedeckten Sarge, den vier Rappen mit schwarzem Behang und nickenden Straußenfedern zogen, kam Kutsche auf Kutsche. In der ersten bemerkte Walter die nächsten Angehörigen, neben Isold saß eine stattliche Dame im vorgerückten Alter – wie Walter von einem Komilitonen erfuhr, ihre Tante mütterlicherseits, die Witwe des brasilianischen Konsuls in Hamburg von Gonsalez. Es folgten die Wagen des Rektors, des Oberbürgermeisters, mehrerer Professoren und höherer Beamten.

Walter befand sich in einer Gruppe von Studenten, welche sich vor der Villa des Geheimrats versammelt hatte, ihrem Lehrer die letzten Ehren zu erweisen, sie beschlossen den Zug.

Drei Tage später erhielt Walter einige Zeilen von Isold. Sie hätte ihren Augen nicht getraut, ihn, den verunglückt geglaubten, wieder gesehen zu haben, dankte ihm für die erwiesene Teilnahme und bat ihn um seinen baldigen Besuch.

»Die Damen erwarten Sie,« sagte am nächsten Nachmittage der Diener, als Walter in der Villa Vanderbergen vorsprach und geleitete ihn ohne weiteres in den Vorraum. Isold kam ihm entgegen, sie grüßte ihn mit stummem Händedruck und stellte ihn im Teezimmer ihrer Tante vor. »Vor allem« sagte sie, ehe noch ein weiteres Wort gefallen war – »müssen Sie wieder haben, was Ihnen gehört.«

Sie nahm vom Nebentisch ein Heft, in welchem Walter sein Manuskript erkannte.

»Es war die letzte Sorge meines Vaters, dies Werk seinem Eigentümer zurückzugeben.«

Es herrschte eine Weile Schweigen, Frau Gonsalez erhob sich. Zu Walter gewendet sagte sie:

»Sie entschuldigen mich wohl, ich muß Sie ein Weilchen der Gesellschaft meiner Nichte überlassen, da ich noch häusliche Geschäfte habe.«

»Es ist seltsam,« meinte Walter nach kurzem Zögern, sein Manuskript in der Hand wägend, »diese Arbeit führte mich zum erstenmal in Ihr Heim und vermittelte unsere Bekanntschaft – und sie ist die Veranlassung, daß ich wieder bei Ihnen bin, wo inzwischen eine so große Veränderung in Ihr Leben getreten ist.«

»Unter uns soll sich nichts verändern, Herr Arndt,« erwiderte Isold mit schlichter Freundlichkeit. »Ich hoffe, Sie sind nicht zum letzten Male hier.«

Der Diener brachte Tee.

»Hören Sie, was ich vorhabe,« sagte Iso1d, nachdem sie die Tassen gefüllt hatte, »ich ziehe diesen Winter zu meiner Tante. Sie hat sich nämlich entschlossen, im Frühjahr ihren Haushalt aufzulösen und dann bei mir zu wohnen. Inzwischen soll diese Villa umgebaut werden. Mit Zustimmung meines Vormunds, mit dem ich heute früh schon diesen Plan besprochen habe, werden die Räume des Erdgeschosses für einen neuen Zweck eingerichtet: zur Aufnahme der Bibliothek meines Vaters und aller seiner ethnographischen und naturwissenschaftlichen Sammlungen. Diese Schätze sollen Gemeingut werden und allen Studierenden offen stehen – eine Stiftung ganz im Sinne meines Vaters. Sie war sein Plan und er sprach wiederholt mit mir davon. Ein großer Teil der Bücher und naturhistorischen Merkwürdigkeiten ist ja noch in Kisten verpackt, die Aufstellung und Leitung dieser Sammlung wird bewährten Kräften anvertraut. Es muß aber außerdem ständig jemand im Hause sein, um an bestimmten Stunden des Tages Besucher zu empfangen, Bücher herauszugeben und so weiter. Es wäre mir nun ein lieber Gedanke, wenn Sie sich dazu entschließen könnten. Sie hätten selbstverständlich freie Wohnung und ein bescheidenes Honorar für Ihre Mühewaltung.«

»Überlegen Sie es sich,« fügte sie lebhafter hinzu, da Walter nicht gleich antwortete, »es handelt sich um ein bis zwei Stunden täglich, die wir so legen könnten, daß Ihre Universitätsstudien in keiner Weise gestört werden.« Sie blickte den Überraschten fragend an, er schwieg noch immer, tief beglückt von der zarten Art, mit der sie ihm ihre Hilfe anbot.

»Ich danke Ihnen, Fräulein Isold,« sagte er dann mit Wärme, »ich danke Ihnen von Herzen für Ihr gütiges Anerbieten. Aber ein solcher Schritt erfordert Überlegung.«

»Zuerst,« fuhr Isold fort, »teilen Sie bitte Herrn Rektor von Brügge meine Absicht mit. Ich werde ihm übrigens, wenn ich Ihre Zusage habe, einige Zeilen schreiben, es ist nur eine Formsache – er kann Ihnen die Erlaubnis nicht verweigern – es ist aber auch ein Akt der Höflichkeit, wenn Sie zu ihm gehen, und vorteilhaft für uns, seine Protektion zu besitzen. Sie kann meinem Vorhaben nur förderlich sein.«

»Ich werde gleich morgen hingehen,« erwiderte Walter sich verabschiedend.

Isold blickte ihm sinnend nach, wie er mit raschen, elastischen Schritten durch den herbstlichen Garten ging. Der zottige Schäferhund der Frau Gonsalez kam auf Walter zugelaufen, Isold wollte das Tier schon zurückrufen, aber da sah sie wie Drago wedelnd an Walter emporsprang. Ein gutes Zeichen! dachte sie.

Auch Frau von Gonsalez stimmte dem bei.

Die alte Dame pflegte die Menschen in zwei Gruppen zu teilen: die, welche Drago verächtlich behandelte und denen er die Zähne wies und jene, die er freundschaftlich anerkannte.

Durch Isolds Mitteilung war der Rektor von Brügge auf Walters Besuch vorbereitet und empfing ihn zuvorkommend.

»Es freut mich, daß Sie in Fräulein Vanderbergen eine Gönnerin gefunden haben,« bemerkte er einleitend, »es ist ein ebenso schönes, wie zweckdienliches Ehrenmal, welches die junge Dame ihrem Vater mit dieser Stiftung errichten will.«

Walter nahm die Gelegenheit wahr, dem Rektor sein Manuskript zu überreichen, und bat um sein Urteil.

»Sie müssen mir aber Zeit zur Prüfung Ihrer Arbeit lassen, lieber Arndt,« entgegnete von Brügge, »ich werde sie jedenfalls lesen. Es besteht nämlich die Absicht, Ihnen für die Studienzeit ein Stipendium zu gewähren. Ihr Onkel, der Kapitän Arndt, ist darum eingekommen.«

Walter sah den Rektor überrascht an.

»Die – Vermögenslage des Herrn Kapitän,« fuhr der Rektor fort, »aber ich bitte, das vertraulich zu behandeln, er wünschte, daß Sie es vorläufig nicht erfahren – ich dagegen halte es für notwendig, Sie darüber aufzuklären – seine finanzielle Lage hat sich nämlich ungünstig gestaltet. Ihr Onkel kann auf ärztlichen Rat seine Tätigkeit als Schiffskapitän nicht mehr in diesem ausgedehnten Maße durchführen. Er ist daher auf die Einkünfte seines schon verminderten Vermögens angewiesen und nicht imstande, Sie wie früher zu unterstützen. Sie sehen also wohl ein, wie wünschenswert es ist, wenn Ihre Arbeit als Befähigungsnachweis dienen kann, um das beantragte Stipendium durchzusetzen. Der Kapitän hat mich aber in dieser Angelegenheit ausdrücklich um Diskretion gebeten, ich rechne Ihrerseits darauf.«

Walter, von der vornehmen Gesinnung seines väterlichen Freundes tief bewegt, gelobte Schweigen.

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