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Der versunkene Erdteil

Walter Horst: Der versunkene Erdteil - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Horst
titleDer versunkene Erdteil
publisherLoewes Verlag Ferdinand Carl
illustratorWilly Planck
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160530
projectid036121c9
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15. Kapitel.
Die seltsame Inschrift.

Aus Walters Tagebuch. Atlantischer Ozean.

Dieser Araber ist ein seltsamer Mensch. So gesprächig er sonst sich zeigt – bei der Berufsarbeit ist er stumm, ganz Aufmerksamkeit. So hat er in tiefem Schweigen die Technik des ihm neuen Taucherapparates geprüft, die Teile Stück für Stück betrachtet, dabei den Erklärungen Wyndhams zugehört, die der Engländer in gebrochenem Französisch gab, zuweilen von mir als Dolmetsch unterstützt. Nur wenn Abdallah etwas nicht verstand, machte er eine sehr ausdrucksvolle Handbewegung und Wyndham mußte das Erklärte wiederholen. Am Schluß sagte der Araber würdig, den Handrücken an der Stirne:

» Merci, monsieur, maintenant je comprends tout.«

Und es zeigte sich, daß er nicht zuviel behauptet hatte. Er war bei jeder Handhabung so bewundernswert sicher, als ob er sich schon lange auf diese Technik eingeübt hätte.

Ein zweiter Tiefseefang fiel nicht so ergiebig aus, wie der erste im Golf von Biskaya. Zäher roter Schlamm kam massenhaft herauf – eine eisenmanganhaltige Masse, welche große Teile der atlantischen Tiefe bedeckt und an der Luft bald erstarrt und härtlich wird. Dieser rote Ton ist uralt und sondert zahlreiche Knollen ab, welche oft riesige Haifischzähne umschließen. Sie gehören einer ausgestorbenen Gattung an und stammen nach der Ansicht des Geheimrats aus einer Zeit, als es noch keine Menschen auf Erden gab.

Die reiche Beute, welche die Tiefseenetze im Golf von Biskaya heraufholten, macht unseren Naturforschern noch immer zu schaffen: Es wird photographiert, gezeichnet, mikroskopiert und konserviert. Weckerle ist unterdessen mit Aufzeichnungen über die Reise beschäftigt, soweit sein noch bedenklicher Zustand es erlaubt. Inzwischen nähern wir uns der westafrikanischen Küste und beginnen mit unseren Tauchvorrichtungen den Grund abzusuchen, der hier vulkanisches Gestein zeigt, für Geheimrat Vanderbergen, den Geologen, Gegenstand der Beobachtung.

Vanderbergen ist immer noch einsilbig gegen mich, ich weiß nicht, wo er mein Manuskript gelassen hat. Er sagt kein Wort darüber und ich scheue mich, ihn zu fragen.

Er scheint sich nicht recht wohl zu befinden – ich glaube, er strengt sich zu sehr an. Heute wagte ich es, ihm meine Dienste anzubieten. Ich möchte ihm, damit er sich schonen kann, diesen oder jenen Gang abnehmen, wenn er mir einen Auftrag geben wollte.

Illustration: Willy Planck

Er sah mich prüfend an und sagte:

»Schonung und Vorsicht möchte ich gerade Ihnen anempfehlen, junger Mann. Ich wurde,« fügte er zögernd hinzu, »von – jemandem besonders gebeten, auf Sie zu achten.«

»Ich bin in der gleichen Lage Ihnen gegenüber, Herr Geheimrat – ich habe auch jemandem versprechen müssen, mich um Sie zu kümmern.«

»Isold!« sagte darauf der Geheimrat, während ein flüchtiges Lächeln seine sonst so starren Züge belebte. »Das sieht meiner Tochter ähnlich.«

Und es war, als ob die Nennung dieses Namens uns einander näher brachte.

»Wir lösen uns ab,« sagte der Geheimrat merklich wärmer, indem er mir sacht die Hand auf die Schulter legte. »Ich habe nun etwas Ruhe und Sie sind an der Reihe mit Ihren Tauchversuchen.«

Es ist, als ob er das Merkwort »Atlantis« mit Absicht vermeide. Und von meiner Abhandlung sagte er kein Wort! –

Heute suchen wir wieder vergeblich nach Kulturüberresten auf dem Meeresgrund: Gelblicher Obsidian und Schlacken als Spuren erloschener Vulkane – das ist alles.

Die Matrosen fangen inzwischen mit dem Scharrnetz allerhand Getier von der Art, wie die Italiener es als » frutti di mare« (Meeresfrüchte) auf ihre Märkte bringen: Krabben, kleine Achtfüßer, Seewalzen, Rochen. Der Koch sott alles nach Landessitte in Öl. Die Polypen wurden vorher in Scheiben geschnitten. Diese Schnitten wurden besonders gewürdigt, sie waren zart, im Geschmack dem Hummer ähnlich und mundeten uns allen vortrefflich – bis auf Professor Weckerle, der sich schaudernd abwandte von diesem »Gewürm der Tiefe«.

An der westafrikanischen Küste.

Wir fuhren bei ruhiger See langsam südwärts die Küste entlang. Gemeinsam mit Abdallah suchte ich den vulkanischen Grund wieder ab. Obsidian ragte in glasigen Zacken empor. In dieser Gegend hat der Obsidian einen mattgelben, goldigen Schimmer. Wir brachen Zacken ab, – da geschah das Wunder: eine glatte Bruchfläche erschien mit Skulpturen bedeckt, offenbar eine in den noch flüssigen Obsidian eingesunkene Platte. Sie löste sich unter den vorsichtigen Schlägen unserer Harken heraus. Wir riefen nach einem Seil herauf, hoben die Platte, verschnürten sie – sie wurde hochgewunden.

Unser Fund ist unverkennbar das Bruchstück eines Bauwerkes und – herrlich! – in der Platte sind grobe Schriftzüge eingemeißelt, etwas verwischt zwar, aber sie sind da!

Die Platte erregt natürlich großes Aufsehen in unserem gelehrten Kreise. Ich mache mir schnell eine Zeichnung. Weckerle, der die Schrift entziffern soll, sitzt ratlos davor – der Kenner der ältesten Schriftzeichen, er kennt diese Schrift nicht. Sie stimmt mit keiner der vorhandenen Überlieferungen überein. Er sitzt davor, läßt kein Auge davon, studiert, studiert, studiert. Das Mittagessen läßt er stehen, nimmt nur Kaffee und Zigarren und ist nicht von dem seltsamen Funde fortzubringen.

Ich sage es nicht laut, aber ich denke bei mir: Atlantis! Atlantis ist gefunden!

Abends als wir bei einem Glase Grog um die Platte herumsaßen, die in etwa ein und einhalb Meter Länge den größten Teil des Tisches ausfüllte, meinte Wyndham, diese Schrift könne auch eine neuere, eine mittelalterliche sein – vielleicht wisse der Araber Bescheid.

Weckerle lächelte skeptisch. Man rief Abdallah herbei, er strich sich den Bart und musterte die Platte – in seinen Augen blitzte es seltsam auf. Aber dann zuckte er die Achseln und machte eine bedauernde Bewegung.

Ich suchte ihn vor dem Schlafengehen in seiner Koje auf und fand ihn nachdenklich in den Rauch seiner Pfeife gehüllt am Boden hocken. Ich deutete auf die Zeichnung, die ich mitgebracht hatte und fragte: »Eh bien?«

Er lächelte und schüttelte abwehrend den Kopf, dann schien er sich zu besinnen, klopfte seine Pfeife aus, legte sie bei Seite und ergriff mit der Linken meine Hand. Mit dem Zeigefinger der Rechten wies er auf die innere Handfläche. Ich verstand ihn nicht gleich und sah ihn fragend an. Er erklärte lächelnd:

»Die Schriftzeichen auf der Platte sind den Linien der Hand nachgebildet!«

Wahrhaftig er hat Recht!

Er fuhr mit seinem Zeigefinger auf meiner inneren Handfläche die Furche entlang, die einen Bogen unterhalb des Daumens beschreibt.

»Dieses ist die Lebenslinie, sie ist bei Ihnen gut, Sie werden ein hohes Alter erreichen – – obschon – –«

Er schwieg. Und dann murmelte er:

» Camérade, es hat keinen Sinn, wenn ich mehr verrate – wir können es doch nicht ändern.«

»Gut. Aber ich muß wissen, ob Sie die Wahrheit sagen.«

»Müssen Sie?« – Er lächelte in sich hinein.

»Ja, ich will feststellen, ob Sie Recht behalten.«

»Nicht ich! Die Macht, welche die Sterne lenkt und unser Leben, hat Recht.«

Er wurde ernst und schwieg eine Weile, dann sagte er leise:

»Sie stehen vor einer Gefahr, Sie werden sie überwinden,« er zögerte, rückte mir näher und sagte:

»Sie bringen einem Menschen den Tod – erschrecken Sie nicht! Es ist nicht Ihre Schuld, camérade, es ist seine Bestimmung und an seine Stelle –«

Er stopfte schweigend seine Pfeife und setzte sie wieder in Brand.

»Ihr versteht das nicht,« sagte er, aufs neue lächelnd, »ihr im Westen – die Zigeuner wissen auch nur einen Teil von dieser Kunst und den haben sie geerbt von den Anhängern des Propheten, die viele hundert Jahre in Spanien herrschten.«

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