Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Walter Horst >

Der versunkene Erdteil

Walter Horst: Der versunkene Erdteil - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Horst
titleDer versunkene Erdteil
publisherLoewes Verlag Ferdinand Carl
illustratorWilly Planck
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160530
projectid036121c9
Schließen

Navigation:

14. Kapitel.
Die Erzählung des Arabers.

Aus Walters Tagebuch.

Die Tafelrunde, welche sich abendlich um die Hängelampe des Kapitäns versammelte, war diesesmal vollzählig. Professor Weckerle kam endlich aus seinem Versteck hervor und man hieß ihn herzlich willkommen.

» Three cheers for our Professor Weckerle!« rief der Ingenieur Wyndham, indem er sein dampfendes Punschglas erhob. Weckerle dankte mit matter Stimme, er schien von der Seekrankheit noch recht mitgenommen zu sein und zu Gesprächen nicht aufgelegt. Als sich aber schließlich der Araber mit seiner Pfeife zu uns gesellte, erhob sich Weckerle, begrüßte ihn lebhaft und bat Abdallah, dessen Erzählungskunst ich gerühmt hatte, er möge uns doch eine Geschichte aus Tausendundeine Nacht zum besten geben. Sicher wisse er viele dieser herrlichen Märchen auswendig.

» Certainement« erwiderte Abdallah lächelnd.

Es schien ihn zu freuen, daß seine europäischen Freunde Wert auf die wunderbaren Phantasien legten, mit denen Prinzessin Schehezerade einst ihrem Kalifen die Nächte verkürzt hat. Als die anderen in die Aufforderung des Professors einstimmten, besann sich Abdallah ein wenig, strich nachdenklich den seidigen Bart, legte die glimmende Pfeife beiseite und begann in seinem gebrochenen Französisch »Die Geschichte des toten Buckligen«.

Er erzählte den köstlichen Schwank abweichend von der Fassung, die aus unseren deutschen Ausgaben bekannt ist und bereichert mit allerliebsten Einzelheiten. Seine Erzählung wirkte in dieser neuen Form ungemein lebendig und schien mir der Aufbewahrung wert.

Wißt ihr etwas von Kaschgar, meine Freunde? begann Abdallah, nachdem er die Kaffeeschale, die ihm der Steward gereicht hatte, bedächtig geleert – kennt ihr Kaschgar? Nicht das heutige! Gegenwärtig ist es die von Ruinen umgebene Hauptstadt des östlichen Turkestan, eine große Provinzstadt im Machtbereich der Chinesen.

Einst aber, als der Islam Ost und West beherrschte, war es die Residenz eines mächtigen Sultans, in dessen Schatzkammern sich unermeßliche Reichtümer häuften. Dieser Sultan besaß eine erlesene weitgefürchtete Reiterei, welche die Aufgabe hatte, die Karawanen zu schützen, meist jedoch es vorzog, auf Raub auszureiten, von dem der Sultan jedesmal einen erklecklichen Anteil erhielt. In dieses euch unbekannte Kaschgar folgt mir, meine Freunde!

Es ist die Stunde des Abendgebetes, die letzten Strahlen der untergehenden Sonne vergolden die Kupferdächer der Paläste und schimmern auf den Kuppeln der schlanken Minaretts, von denen die Gebetsrufer ihre Stimmen zur Abendandacht erschallen lassen: Allah ist groß und Mohammed ist sein Prophet!

Also tönte es weithin und vielstimmig aus der Höhe. Die Gläubigen knieten auf den Fliesen der Moscheen, andere in ihren verschlossenen Häusern auf den buntgewebten Gebetsteppichen von Turkestan.

Nur im Stadtteil, welches die Fremden beherbergte, kümmerte sich niemand um die Gebetsstunde des Propheten. Hinter den Mauern des Fremdenviertels, dessen Tore von den Wächtern des Sultans gehütet wurden, ging es lebhaft zu. Auf dem Wasser des Kaschgarflusses, zu dem eine offene Terrasse hinabführte, schaukelte ein riesiges mit Teppichen und bunten Laternen behängtes Boot. Hier hatte ein Chinese den Ausschank von Tee und Opium und lockte mit einer wunderlich zirpenden Musik seine Gäste, über die Terrasse kamen vom Hafen indische Matrosen und Schiffszimmerleute, persische Feueranbeter, Kaufleute aus Kiwa und tibetanische Fellhändler. Aus mehreren Schenken drang wüster Lärm. Auf dem großen Platz inmitten des Stadtviertels war es inzwischen still geworden. Die Basare zur Rechten waren alle geschlossen, nur gegenüber in einem hohen winkligen Gebäude schimmerte noch Licht. Dort hauste der berühmte jüdische Arzt Jussuf ben Maimun und wartete geduldig auf späte Patienten. Vor einem kleinen Laden, dessen Bestimmung ein herabhängender Schuh erkennen ließ, polterte es – die dicke Hausfrau des Schusters rollte ein Tischchen ins Freie. Der Schuster Basra folgte mit einem Schemel und einer Laterne nach. Er zog behaglich den würzigen Duft von Gebratenem ein, der aus der offenen Türe seines Häuschens drang, setzte sich schwerfällig mit einem Seufzer an den Tisch und blinzelte verschlafen nach den Sternen, die am dunklen Himmel aufblitzten. Die dicke Hausfrau erschien wieder mit einer dampfenden Schüssel, die ein mächtiger Hecht zierte, er war fein säuberlich in Stücke geteilt und mit einer würzigen Kräutertunke begossen. Der Schuster machte ein bedenkliches Gesicht und wollte gerade eine Frage nach dem Preise dieses fürstlichen Gerichtes tun, als ihm die Frau ins Wort fiel und beschwichtigend sagte: Der Hecht hat uns nicht ein Kupferstück gekostet, ich gab dem Fischer ein paar alte Kinderschuhe dafür. Der Schuster schmunzelte behaglich und wollte sich eben an die Vertilgung der leckeren Speise machen, als ein Geräusch ihn aufhorchen ließ. Eine Schellentrommel ertönte und dazwischen wunderlich krähender Gesang. Als er sich umblickte, gewahrte er ein seltsames Männlein, das auf ihn zugehüpft kam, einen Zwerg, drei Käse hoch. Und, indem die von grauem Kamelstoff umhüllte Gestalt sich drehte, ward ein ungeheuerlicher Buckel sichtbar, tief saß der kahle, mit zwei rosenfarbenen Ohren versehene Kopf zwischen den Schultern. Trotz dieser Mißgestalt entwickelte der Zwerg eine erstaunliche Beweglichkeit, er schloß seinen Tanz mit einem possierlichen Affensprung nach vorne und streckte zugleich das Tamburin wie einen Teller zum Empfang einer Gabe hin. Die dicke Schustersfrau lachte, schob ein leeres Olivenfäßchen, das an der Seite stand, neben den Tisch und sagte: Kommt kleiner Strolch und eßt mit uns!

»Wenn ihr allein nicht fertig werdet, so helfe ich euch mit Vergnügen«, erwiderte der Kleine mit krähender Stimme, sprang ohne Anlauf – hast-du-nicht-gesehen! – über das Fäßchen und saß mit einem Ruck darauf. Als die Frau ihm die Schüssel näher schob, zog er zwei elfenbeinerne Stäbchen aus seinem Kaftan, holte damit nach chinesischer Sitte sehr geschickt ein Stück des Hechtes aus der Schüssel und führte es zum Munde. Die dicke Frau, die wohl bemerkte, daß er nicht nach Landesart mit den Fingern in die Schüssel faßte, fragte neugierig: »Wo kommt Ihr her? Ihr seht aus wie ein Kameltreiber«. –

»Ein Kameltreiber – hi hi,« kicherte der Bucklige, »ja, aus der fruchtbaren Oase meiner Laune treibe ich die Kamele meines Witzes in die öde Wüste der Langeweile!«

»Wie sagtet Ihr doch?« fragte verwundert der Schuster – »aus der fruchtbaren Oase – – Eurer – Laune? Ei, ei, Ihr redet wie ein Schriftgelehrter.«

»Der Sultan von Kaschgar soll mich hängen, wenn ich einer bin!«

»Der Sultan?« lachte die dicke Frau, »kennt Ihr den Sultan?«

Der Bucklige blickte finster. »Kennt ein Mensch je den anderen? Ich kenne niemand – niemand!« Er griff sich ein Stücklein aus der Schüssel und schnalzte mit der Zunge. »Hm, dieser Hecht ist mit Ziegenkäse gewürzt, so wie sie ihn in El-Magrib bereiten. Das liebe ich, das heißt, die Speise – nicht das Land, obschon es meine Heimat ist.«

»Ei, da seid Ihr weit gereist,« sagte der Schuster.

»Ja, und es hat mich nicht einen Zwirnsfaden gekostet,« erwiderte der Bucklige. »Meine eigenen Brüder verkauften mich auf ein Sklavenschiff, das nach Aleppo fuhr, da hatte ich freie Fahrt.« Er schüttelte das Tamburin und sang mit krähender Stimme:

»Nimm wahr die Stunde und halt sie wert,
Wer weiß, ob Allah dir die nächste beschert!«

Ein heftiger Hustenanfall unterbrach den Gesang. Der Kleine krächzte und rang nach Luft.

»Klopf ihn, klopf ihn!« rief die Frau erschrocken dem Manne zu, ehe aber der schwerfällige Schuster sich erhoben hatte, war der Kleine von der Tonne herabgefallen. Er zuckte nur noch ein wenig am Boden und rührte sich dann nicht mehr. Der Schuster beugte sich über die regungslose kleine Gestalt.

Illustration: Willy Planck

»Er hat sich an einer Gräte verschluckt!« jammerte die Frau. –

»He, guter Freund!« rief der Schuster, »wenn Ihr tot seid, so geht nach Hause und laßt Euch begraben.«

»Wenn er tot ist, kann er doch nicht nach Hause gehen,« sagte die schluchzende Frau. »Ach, ich unglückselige Witwe!«

»Witwe?!«

»Ja, Witwe, denn das kostet dir den Kopf.«

»Sei still,« sagte der Schuster, »du hast ihn schon verloren. Aber ich habe ihn noch, dem Himmel sei Dank, darum lasse mir Ruhe zum überlegen und rufe nicht die Nachbarn durch dein Geheul zusammen. Wir müssen ihn fortschaffen. Drüben wohnt Jussuf, der berühmte Arzt, wir setzen ihm den Buckligen vor die Türe und rufen Jussuf heraus.«

Die Frau blickte ängstlich um sich. Da sie aber niemanden in der Nähe gewahrte, half sie ihrem Manne den Kleinen die hohe Treppe hinaufzutragen, die zur Pforte des Arztes führte. Sie setzten ihn auf der obersten Stufe ab, wo der Zwerg in einer wunderlichen Stellung hocken blieb. Der Schuster rührte den Klopfer, nach einer Weile sahen sie das Licht, das im ersten Stock brannte, hinunterschweben und dann durch das Gitter der Pforte schimmern. Eine Frauenstimme fragte:

»Wer ist da?«

Der Schuster erwiderte in verstelltem Tone:

»Wir bringen einen Kranken.«

»Hat er Geld?«

Die Frau suchte in den Taschen des Buckligen, fand eine Zechine und reichte sie durch das Gitter.

»Es ist gut,« lautete die Antwort, »mein Herr wird gleich kommen.« Der Schuster zog geschwind seine Frau die Treppe hinab, nahm hastig Tisch und Stuhl mit sich und beide verschwanden in ihrem Häuschen.

Nach einer Weile öffnete sich behutsam die Pforte des Arztes, Jussuf, ein hochbetagter Mann kam im Schlafrock heraus und spähte mit vorgehaltener Hand in der Dunkelheit nach dem Kranken.

»Wo seid Ihr?« fragte er ungeduldig. »Wo ist er, Mirjam?« Damit wendete er sich an die alte Haushälterin, die mit einer Laterne hinter ihm stand. Zugleich streifte er mit dem Saume seines langen Rockes den Buckligen. »Seid Ihr es?« fragte er noch einmal und gab, da er keine Antwort erhielt, dem Kleinen einen leichten Stoß. Der Bucklige verlor dadurch das Gleichgewicht und rollte die steile Treppe hinab.

»Das war der Kranke!« rief die Magd entsetzt, »Ihr habt ihn hinuntergestoßen!«

»Gott meiner Väter!« rief der Arzt, »leuchte, Mirjam, leuchte!«

Sie fanden den Buckligen auf der untersten Stufe.

»Er hat sich zu Tode gestürzt, ich bin ein geschlagener Mann! Es ist ein Geschorener, ein Muslim, man wird sagen, ein Jude hat einen Mohammedaner umgebracht!«

Die alte Mirjam wiegte bedächtig den Kopf.

»Niemand wird es sagen, Herr, weil niemand es hat gesehen. Wir müssen ihn lassen verschwinden. Wartet, ich hole die Leiter.«

Sie humpelte die Treppe hinauf und verschwand eilig im Hause.

»Was willst du mit der Leiter, Mirjam?« rief der Alte ihr nach.

Da er aber aus dem Dunkel keine Antwort erhielt, ließ er sich, Gebete murmelnd, auf die Treppe nieder. Endlich kam Mirjam keuchend mit der Leiter zurück und lehnte sie geräuschlos an die niedere Mauer des Nachbarhauses. Dann neigte sie sich über den regungslosen Buckligen. »Faßt an, Herr,« flüsterte sie.

»Was willst du Mirjam, willst du unserem Nachbarn, dem Chinesen, das Unglück bringen aufs Dach?«

»Redet nicht, helft mir, Herr.«

Sie hob mit Jussufs Hilfe unter mancher Schwierigkeit und fortwährendem Jammern des alten Arztes den Buckligen auf die Leiter und von dort mit vielem Mühsal auf das Dach des Nachbarhauses. Während Jussuf den Kleinen an den Schultern hielt, legte die Magd die Beine des Buckligen auf den Schornstein, schob sie dann in die Öffnung hinein, und drückte die kleine Mißgestalt, so weit es möglich war, in den Rauchfang hinab.

Eifrig half sie ihrem Herrn die Leiter hinuntersteigen und beide hasteten in ihr Haus zurück.

Das Nachbarhäuschen gehörte zwei chinesischen Händlern, die dort bei ihren Teevorräten zu übernachten pflegten. Tschang-Huan, der ältere von den beiden, ein Riese von Gestalt, war durch ein Geräusch wach geworden, er erhob sich gähnend von seinem Lager, während sein Teilhaber, der kleine Ho-Tschi-Tschang noch den Schlaf des Gerechten schlief. Ein Hieb mit dem Bambus schreckte ihn auf.

»O, Ho-Tschi-Tschang, du schläfst wie ein Murmeltier, ich hörte ein verdächtiges Geräusch in unserer Küche.«

»Ich höre nichts,« erwiderte Ho-Tschi-Tschang jämmerlich, »du hättest mich schlafen lassen sollen. Es ist grausam, einen Menschen im Schlaf zu stören.«

Inzwischen hatte Tschang-Huan mit der Laterne umhergeleuchtet. Als ihr Schein auf den Rauchfang fiel, stutzte er. »Hm, ich habe wohl diesen Abend zu starken Tee getrunken,« murmelte er.

»Träume ich? Ho-Tschi-Tschang, sieh doch einmal in den Rauchfang, siehst du nichts?«

Ho-Tschi-Tschang stand behutsam auf und näherte sich ängstlich der Küche. Als er aufgeblickt hatte, stieß er einen gellenden Schrei aus und lief davon.

Tschang-Huan nickte befriedigt und sagte lächelnd: »Also habe ich doch recht gesehen, es sind ein paar fremde Beine. Komm herunter, du Spitzbube!« rief er mit dröhnender Stimme. »Herunter, du Ratte! Sonst fache ich ein Feuerchen an und räuchere dich!«

Er packte die aus dem Rauchfang hängenden Beine und zog daran, da tat der Bucklige einen Fall und blieb regungslos auf dem Herde liegen.

Tschang-Huan versetzte ihm mit dem Bambusrohr einige klatschende Schläge. »So,« rief er, »da hast du dein Teil, du Mißgeburt! Durch den Rauchfang wollte das Söhnchen kommen! Hinaus mit dir, und sei froh, daß ich dich nicht dem Kadi übergebe! Hm–hm – was ist denn das? Er rührt sich nicht?! Ich glaube gar, mein Bambus hat ihm den Rest gegeben, das habe ich nicht gewollt. Arme Ratte, auch die Ratten wollen leben. Hm, wo lasse ich ihn? Ich setze ihn draußen irgendwo ab. Ihm ist es gleich, ob er auf der Gasse ruht, oder im Grabe. Ihm ist es gleich.«

Der Riese warf den Kleinen mit einem Ruck über seine Schulter und trug ihn hinaus. In der Nähe einer Karawanserei ließ er seine seltsame Last herabsinken und lehnte den Zwerg mit dem Rücken gegen eine Mauer. Damit ging er bedächtig heim, wo ihn sein Freund mit Zittern und Zagen erwartete.

Es begab sich aber, daß in der Dämmerung des herannahenden Morgens, als die Wächter bereits von den Türmen zum ersten Gebete riefen, zwei nazarenische Kameltreiber den Weg zu ihrer Herberge suchten und nicht fanden. Sie hatten nämlich einen Teil ihres Lohnes in griechischem Wein vertrunken, denn das weise Verbot des Propheten hatte keine Geltung im Fremdenviertel. So taumelten sie die Gassen entlang, die zu der Karawanserei führte. Ibrahim, der ältere von den beiden, stolperte plötzlich über die ausgestreckten Beinchen des Buckligen, welche einen Teil des Pfades versperrten, und fiel schwer zu Boden. Er begann weidlich zu schimpfen:

»Was?!« schrie er, »du willst mir ein Bein stellen, frecher Kerl?!« und versetzte dem vermeintlichen Widersacher einen derben Faustschlag. Sogleich fiel der Zwerg um und im nämlichen Augenblicke fügte es sich, daß ein Wächter des Sultans um die Ecke biegend, diesen Vorgang bemerkte. Vergeblich wollte der Gefährte Ibrahims seinen Freund mit sich fortziehen, der Wächter streckte den Spieß vor und rief: »Haltet!«

Ein zweiter Wächter kam auf diesen Ruf herbeigeeilt und die beiden Kameltreiber wurden in Ketten gelegt.

»Ich will in die Herberge zu meinem Kamel,« murmelte der betrunkene Ibrahim.

»Ja,« sagte lachend der Wächter, »Ihr sollt in eine Herberge, in eine sichere Herberge mit vergitterten Fensterchen. Fort mit Euch!«

»Er hat mir ein Bein gestellt,« jammerte Ibrahim.

Der Bucklige ward sorgsam auf eine Bahre gelegt und mit dem Mantel des Wächters bedeckt, damit der Zug nicht zuviel Aufsehen errege.

Der Sultan von Kaschgar war überaus verdrießlich, er hatte eine schlechte Nacht gehabt. Die Sorge um seine Lieblingsfrau ließ den alten Tiger nicht schlafen. Die wunderschöne Suleima – sie, die man den Stern von Kaschgar nannte – war seit Wochen von einer tiefen Schwermut befallen und alle Kunst der Ärzte hatte ihr nicht helfen können.

Der Sultan erhob sich nach Sonnenaufgang mit Hilfe seiner schwarzen Sklaven und nachdem er die üblichen frommen Waschungen und Gebete vollzogen hatte, ließ er sich ächzend auf ein Polster nieder. Schlürfte dann den dampfenden Cafetje ohne das duftige lockere Gebäck zu berühren, während ein Sklave Haar und Bart des Herrschers in Behandlung nahm, und das bereits leicht ergraute sorgfältig mit braunem Walnußsaft überpinselte. Ein dritter Diener warf dem Sultan den gelbseidenen Kaftan über, reichte ihm Halsschmuck und Ringe und besprengte ihn danach mit dem Rosenduft von Damaskus. Mühsam schritt der Alte den Gang des Palastes entlang, der zu seinem Harem führte und öffnete mit einem kleinen goldenen Schlüssel die Eingangspforte. Die Wächter warfen sich bei seinem Nahen ehrfürchtig zu Boden, der Herrscher schritt achtlos an ihnen vorüber und öffnete ein Gitter am Ende des Ganges. Er trat grüßend in das Frauengemach Suleimas, aber auf seinen Gruß erhielt er keine Antwort. In ihren Kissen lag bleich Suleima, sie blickte aus den tiefblauen Augen starr ohne jeden Ausdruck auf den Ankömmling und eine Träne stahl sich unter ihren langen Wimpern hervor. Der Kopf war ein wenig zur Seite geneigt, als ob er der Last der schwarzen Flechten nachgäbe.

»Sprich, Gebieterin meines Herzens!« rief der Sultan bei diesem kläglichen Anblick verzweifelt aus. »Sprich, was kann ich für dich tun? Womit vermag ich die Wolken von deinem Mondgesicht zu scheuchen, damit der silberne Strahl deines Lachens wieder mein Herz erhelle? Willst du Lustbarkeit, befiehl, soll mein Narr kommen? He, wo bleibt Hakim, mein Narr?«

»Zürnet nicht, Großmächtiger,« erwiderte zitternd der Wächter, »der Narr ist nirgends zu finden, er hatte gestern Urlaub von Euch und ist noch nicht wiedergekommen.«

Die Augen des Sultans blickten finster, auf seiner Stirne zeigte sich eine drohende Falte. »Hundert Stockschläge dem säumigen Hund!« rief er zornig.

»Ich glaube nicht,« sagte Suleima mit matter Stimme, »daß dieses das rechte Mittel ist, seinen Witz behender zu machen. Was gibt es sonst Neues?«

»Der Vezier ist draußen,« meldete in diesem Augenblick ein Sklave.

»Meine schöne Herrin liebt Neuigkeiten,« rief der Sultan, »er komme!«

Suleima warf ihren Schleier über, der Vezier ward eingelassen und küßte den Boden zu den Füßen des Herrschers.

»Was bringst du Vezier?«

»Dies Tamburin, o Herr, das dein Wappen ziert, ein Bootsknecht hat es eben aus dem Kaschgarflusse gezogen, es gehört deinem Narren.«

»Ach, armer Hakim,« seufzte Suleima. »Gewiß ist er aus Liebe zu mir ins Wasser gegangen.«

»Wenn es mir vergönnt ist eine Meinung zu haben,« bemerkte scheu der Vezier.

»Rede!« befahl der Sultan.

»Er könnte im Rausch verunglückt sein, ich fürchte, er liebte den Wein mehr, als erlaubt ist.«

Suleima verzog ein wenig spöttisch die Lippen. »Er hatte Witz, Vezier, und dessen kann sich nicht jeder rühmen.«

Der Sultan winkte ungnädig. »Geht und schafft mir den Narren her – tot oder lebendig! Was bringst du noch?«

»Der Polizeimeister des Fremdenviertels meldet einen Mord, diese Nacht hat ein nazarenischer Kameltreiber einen Muslim mit dem Stock erschlagen.«

Die Falten auf der Stirn des Sultans vertieften sich drohend.

»Man hänge den ungläubigen Hund auf der Stelle! Er hat sich erdreistet, die Freiheit, die ich ihm gab, zu mißbrauchen, dafür soll er dreifach büßen! Beim Barte des Propheten, man hänge ihn dreimal!«

Hier unterbrach Abdallah seine Erzählung und leerte bedächtig eine zweite Tasse, die der Steward mit Kaffee gefüllt hatte.

Wollt Ihr, meine Freunde, fuhr er fort, noch heute abend den Schluß meiner Geschichte hören? Und wie seltsam nach Allahs Fügung das Abenteuer des Buckligen endete?

Wir baten lebhaft darum. Abdallah lächelte, verneigte sich zustimmend und fuhr fort:

Schanfara, der gefürchtete riesige Henker des Sultans gerät nicht leicht in Verlegenheit, er hat eine sichere, geübte Hand, welche die furchtbaren Blutbefehle seines Herrn ohne Zittern mit der größten Ruhe und Leichtigkeit ausführt. Heute aber weiß er sich keinen Rat, er hat den schwierigen Auftrag bekommen, einen Verbrecher dreimal zu hängen. Wie mache ich das? hatte er gefragt.

Das ist deine Sache, erwiderte ihm der Bote des Sultans, wozu bist du Henker!

Im Hofe des Gefängnisses, zu dem die neugierige Menge strömte, war ein frischer Galgen errichtet, an welchem der furchtbare Schanfara wartend stand. Das Opfer des Verbrechers lag auf einer Bahre, mit schwarzem Tuch bedeckt, und, geführt von zwei Wächtern, erschien der Kameltreiber Ibrahim.

Vom Altan des Gefängnisses verlas der Kadi das Urteil:

Der nazarenische Kameltreiber Ibrahim soll wegen Ermordung eines rechtgläubigen Muslim dreimal gehängt werden. Befehl des Sultans, den Allah erhalte!

Schanfara legte dem armen Sünder die Schlinge um den Hals und sagte dabei: Gott sei dir gnädig!

Ein Wächter schlug die Pauke, während der Henker sich anschickte den Verurteilten hochzuziehen.

In diesem Augenblick hörte man eine Stimme von ferne rufen:

»Haltet! Haltet ein! Er ist unschuldig!«

Alles blickte nach der offenen Pforte des Hofes; mit großen Schritten kam ein riesiger Chinese gelaufen, sein Zopf flatterte hinter ihm her und er rief schon von weitem mit mächtiger Stimme:

»Ich bins gewesen! Ich bin der Mörder!«

»Wie kommst du dazu,« fragte strafend der Kadi den Atemlosen, »das hohe Gericht zu stören?«

»Hört mich erst an. Ich bin der Teehändler Tschang-Huan und bewohne im Fremdenviertel mit meinem Freunde ein Gartenhaus, dicht neben meinem Warenlager. Ich hörte nachts Geräusch und bemerkte die Beine eines Diebes im Rauchfang meiner Küche, zog ihn herab und schlug ihn weidlich mit meinem Bambus. Er blieb mir für tot unter den Händen und ich will nicht, daß ein Unschuldiger für mich büße.«

Der Kadi schüttelte den Kopf. »Ein seltsamer Fall, aber du kommst gerade zurecht, wisse, daß der Täter zum Tode durch den Strang verurteilt ist!«

Der Kadi wandte sich an Schansara und befahl:

»Lasse Ibrahim frei und henke diesen!«

Aus der Menge drängte sich ein kleiner bezopfter Chinese und hob stehend die Hände:

»O Tschang-Huan, was hast du getan?!«

»Ich erfülle das Gebot der Gerechtigkeit, Ho-Tschi-Tschang. Nimm meine Asche mit dir in die Heimat und grüße mir die Gräber meiner Ahnen!«

»Es tut mir leid, o Fremdling,« sagte Schansara, »aber siehe, es ist mein Geschäft, o Fremdling.«

Das Urteil wurde nunmehr von dem Kadi aufs neue verkündet, die Pauke wurde wiederum geschlagen und der Henker legte dem Chinesen die Schlinge um den Hals. In diesem Augenblick hörten die erstaunten Zuschauer aufs neue »halt!« rufen, alle wendeten die Köpfe nach der Pforte, durch welche Jussuf, der jüdische Arzt, atemlos hereingestürzt kam.

»Was gibt es schon wieder?!« fragte der gestrenge Kadi, »was störst du das Gericht des Sultans? Ich kenne dich wohl, Jussuf, den Heilkundigen, was willst du?«

»Ein Irrtum, ein grausamer Irrtum,« stammelte der Arzt und erzählte in hastigen Worten, von vielen Seufzern unterbrochen, das seltsame Erlebnis der Nacht.

Es folgte ein langes Schweigen, endlich sagte der Kadi:

»Es tut mir leid um dich, Jussuf, aber der Mörder ist nach dem Gesetz dem Tode verfallen.«

»Ich habe ihn nicht mit Willen umgebracht,« stammelte der entsetzte Arzt.

»Ob wissentlich, oder nicht, du bist der Täter und der Mörder ist auf des Herrschers Befehl dreimal zu hängen.«

Und der Kadi rollte aufs neue das Urteil auf und las mit schallender Stimme, daß der Mörder dreimal gehängt werden solle auf Befehl des Sultans, den Allah erhalte!

Tschang-Huan ward befreit und stürzte hochbeglückt in die Arme seines kleinen Freundes.

Schanfara näherte sich dem Arzte und sagte halblaut:

»Wisse, o Fremdling, ich soll dich dreimal hängen. Man sagt, du bist ein gelehrter Mann, du kannst mir vielleicht erklären, wie ich es mache.«

Jussuf strich sich nachdenklich den langen Bart.

»Hänge mich zuerst an den Armen auf, Schanfara,« flüsterte der Arzt heimlich, »und ich werde mir dann inzwischen überlegen, wie du es am besten zu Ende bringst.«

Einverstanden, erwiderte der Henker erfreut und ledig der großen Sorge.

»Aber erst den rechten Arm,« flüsterte ihm der Alte zu, »links anfangen bringt Unglück.«

Schanfara machte geschwind eine Schlinge unter der rechten Schulter, die Pauke wurde geschlagen und der Arzt zum Erstaunen des Volkes an einem Arm schwebend hochgezogen. Noch ehe der Kadi eine Einwendung machen konnte, erfuhr das Gericht eine neue Unterbrechung durch den gellenden Ruf eines Unbekannten:

»Laßt ihn los! Laßt ihn los! Er ist unschuldig!«

Es war Basra der Schuster.

»Edler und weiser Kadi,« rief er schluchzend, »ich kann die Unschuld Jussufs, des Arztes bezeugen! Vor meinen Augen und an meinem Tische ist der Bucklige an einer Gräte erstickt, und ich war es, der die Leiche dem Arzte auf die Schwelle trug.«

Der Kadi stand lange stauend.

»Hier kann nur die Weisheit des Sultans entscheiden,« meinte er, ratlos das Haupt wiegend, »nur die Weisheit des Sultans, den Allah erhalte! Laß den Arzt vom Galgen, Schansara.« –

Der Zug mit den vier Verurteilten unter Führung des Kadi setzte sich in Bewegung, der Henker folgte mit der verhüllten kleinen Bahre.

Als sie zum Palaste kamen, hörten sie, daß der Sultan Empfang habe, der Kadi wurde gemeldet und vorgelassen, er berichtete kurz. Schon wollte der Sultan ihn auf die andere Stunde verweisen, als Suleima, die hinter einem Gitter versteckt zuhörte, den Wunsch aussprach, bei dieser seltsamen Angelegenheit auf der Stelle Zeugin zu sein.

Die vier armen Sünder wurden vorgelassen, zwei schwarze Sklaven trugen die verhängte Bahre herein. Als die vier ihre Abenteuer erzählt hatten, herrschte eine Weile Schweigen. Der Sultan strich sich den Bart und sagte ein wenig mißtrauisch:

»Das ist eine verdächtige Geschichte. Keiner will schuldig sein und doch klagt jeder sich selber an. Soviel Edelmut gibt es garnicht. Das Sicherste wird sein, man hängt Euch alle vier!«

»O ungerechter Sultan!« Also erklang die zirpende Stimme Suleimas hinter dem bergenden Gitter.

»Was meint die Herrin meines Herzens?«

»Ich meine,« fuhr Suleima fort, »daß, wenn die Fischgräte den Tod des Unglücklichen verursacht hat, dann muß sie doch im Halse des Erstickten zu finden sein.«

»Beim Barte des Propheten, du sprichst weise!« rief der Herrscher. »Wo ist der Tote?«

Mau deckte die Bahre auf und der Sultan rief aufs höchste erstaunt: »Das ist ja Hakim, mein Narr, der Vermißte! Warum, du Sohn eines Hundes,« herrschte er den Kadi an, »sagtest du nicht, daß Hakim der Tote sei?!«

»Gnade, o Herr!« wimmerte der Richter. »Deine Hauptstadt ist groß – ich bin erst eine Woche hier im Amt und kannte Hakim nicht.«

Der Sultan wendete sich an Jussuf: »Du bist Arzt?« fragte er.

»Ich bins, o großmächtiger Sultan.«

»So suche nach der Gräte!«

Jussuf öffnete den Mund des Buckligen, suchte und fand die Gräte in seinem Schlund und brachte sie mit einem einzigen, geschickten Griff zum Vorschein. Der Bucklige fiel zurück, begann aber im nächsten Augenblick zu zucken, plötzlich setzte er sich auf, nieste heftig und rief kichernd:

»Warum habt Ihr mich gekitzelt, Ihr wißt doch, wie kitzlich ich bin!«

Ein silberhelles Lachen ertönte hinter dem Gitter Suleimas.

»Mein Täubchen lacht wieder!« rief entzückt der alte Sultan.

»O Hakim!« sprach Suleima noch immer lachend, »du unverwüstlicher Narr! das ist der beste Spaß, den du je gemacht hast.«

»Es freut mich, wenn er Euch gefiel!«

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.