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Der versunkene Erdteil

Walter Horst: Der versunkene Erdteil - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Horst
titleDer versunkene Erdteil
publisherLoewes Verlag Ferdinand Carl
illustratorWilly Planck
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160530
projectid036121c9
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13. Kapitel.
Abdallah el Farsik.

Aus Walters Tagebuch.

Die Viktoria fuhr gegen Mittag in die Gironde ein, die langgestreckte und allmählich sich zur Bucht verbreiternde Mündung der Garonne – und erreichte Le Verdon, den äußersten Vorhafen von Bordeaux, um hier Post abzuwarten und den arabischen Taucher an Bord zu nehmen, welchen ein französischer Agent für die Expedition angeworben hatte.

Auf dem Vorderdeck eines kleinen Hafendampfers, der von Bordeaux herankam, stand der schlanke Araber, vom weißen Beduinenmantel umflattert. Sein bronzefarbenes Gesicht hob sich aus der hellen Umrahmung des Burnus, der es umgab. Er grüßte die Viktoria von ferne mit feierlich erhobener Hand. Und ehe noch ein Laufbrett von unserem Schiff auf den herannahenden, noch einige Fuß entfernten Dampfer herabgelassen werden konnte, war er, den Mantel mit der linken Hand raffend, in der Rechten ein Bündel schwingend mit einem abenteuerlichen Raubtiersprung an Bord der Viktoria hinaufgelangt, stand hier ohne Wanken und legte gelassen zum Gruß die rechte Hand mit dem Rücken an die Stirne. Dann neigte er sich vor dem Kapitän und sagte, wieder aufgereckt in stolzer Haltung, während ein leichtes Lächeln die weißen Zähne schimmern ließ: »Abdallah el Farsik.«

Illustration: Willy Planck

Der Kapitän salutierte und wir geleiteten den Taucher, während ein französischer Matrose auf dem Steg sein Gepäck beförderte, hinab in die Kajüte, wo sich die Begrüßung in der gleichen Form wiederholte und Abdallah zur Beglaubigung dem Geheimrat seinen Vertrag vorzeigte. Es wurden noch einige Worte französisch gewechselt, das der Araber mit fremdartigen Kehllauten sprach.

Am gleichen Nachmittage gab der Taucher die erste Probe seiner erstaunlichen Gewandtheit: Nachdem er alle Bekleidung mit Ausnahme eines Lendentuches abgelegt hatte, tauchte er in die Gironde, die hier so tief ist, daß auch die größten Kriegsschiffe einfahren können, und holte vom Grunde einen Schlüssel, den der Kapitän hinabgeworfen hatte.

Abdallah el Farsik ist ein merkwürdiger Mensch. Ich unterhielt mich mit ihm und er erzählte mir offenherzig von seinem Leben, während er dabei war, sich in seiner Koje häuslich einzurichten. Er stammt nicht aus Nordafrika, wie wir es nach seiner marokkanischen Beduinentracht vermuteten, sondern ist ein Syrer aus der Nähe von Damaskus, der Stadt der ersten Kalifen, in deren Geschichte er sich bewandert zeigte. Er hat nämlich studiert, da er infolge eines Gelübdes seiner Mutter ein mohammedanischer Schriftgelehrter werden sollte. Er ward aber aus der Hochschule, die er besuchte, wegen seines Freisinnes als ein »Ungläubiger« ausgestoßen, nahm dann, nach Abenteuern lüstern, französische Dienste und kam nach dem Westen. Er desertierte bald und schloß sich auf der Flucht einem wandernden nordafrikanischen Beduinenstamm an. Später wurde er Perlenfischer und gewann dabei einen wachsenden Ruf als Taucher. El Farsik, d. h. »Der Frevler«, ist ein Ehrenname, den ihm spöttisch seine Freunde, die wilden Beduinen, gaben, zur Erinnerung an seine Ausstoßung aus jener frommen Sekte, der er früher angehörte – und zum Gedächtnis an den berühmten Kalifen Walyd den Zweiten, der als ein Freigeist und Spötter von den Frommen seiner Zeit den gleichen tadelnden Beinamen »el Farsik« erhielt, während das Volk von Damaskus ihn den »Strahlenden« nannte.

Von diesem eigenartigen Manne wußte der Araber mancherlei zu erzählen, was man in Geschichtsbüchern nicht zu lesen bekommt: Walyd lebt noch in der Erinnerung seines Volkes als der »Strahlende« und der Held bunter Abenteuer. Sein Schloß Radschrah in der Wüste war ein Ort der Lustbarkeit, wo er freigiebig erlauchte Gäste, Dichter, Sänger und schöne Frauen bewirtete und beschenkte. Doch war er dabei nicht etwa durch ein müßiges Leben verweichlicht, sondern ein waghalsiger Jäger und berühmter Reiter.

Die Löwen, die damals noch den Libanon bewohnten, griff er allein mit bloßem Schwerte an. Dabei war er in allen schönen Künsten bewandert, schätzte nicht nur als ein Kenner, sondern schrieb auch selbst gute arabische Verse, von denen ein Teil erhalten ist.

Abdallah sprach uns am Abend die Denkworte Walyds auf seinen Lieblingshengst As-Zabed. Er übersetzte sie mir ins Französische und ich bat ihn, sie mir noch einmal arabisch zu sprechen, damit ich den Tonfall des Originals im Ohr behielt.

Ich versuchte den Text in deutsche Verse zu bringen, sie mögen in meinem Tagebuche Platz finden:

As-Zabed.

Der herrlichste von meinen Hengsten
As-Zabed war, er diente mir am längsten,
Matt schimmerte sein Fell wie weiße Seide,
Ein Goldnetz trug er immer als Geschmeide,
Darin war eingewirkt zu lesen,
Wer seine edlen Ahnen sind gewesen.
Die Mutter schenkte mir ein Scheik aus Jemen.
Den Vater mußte ich im Kampf mir nehmen.
Er war ein fleckenloser, weißer Berber –
Trug oft zur Jagd mich und den Sperber –
As-Zabed hatte seines Vaters Mut
Und war doch wie die Mutter fromm und gut.
Er ward gehegt auf einer grünen Wiese,
Da fühlte er sich wie im Paradiese;
Doch manchmal übersprang er das Gehege,
Ging eigensinnig seine eigenen Wege
Und wandelte auf des Palastes Fliesen.
Zum Frühmahl grüßte mich mein lieber Gaul,
Stieß sacht mich an mit seinem Rosenmaul
Und holte sich dann seine Leckerbissen,
Sie lagen schon bereit auf einem Kissen:
Pistazien und frisch entkernte Datteln
Erhielt er stets von mir noch vor dem Satteln. –
Wie oft hat mich mein Freund zu Kampf und Jagen
Mit Windeseile froh dahingetragen,
Und ging es gar auf flüchtige Gazellen,
Trug er auch meinen wackern Waidgesellen
Attar, den zahmen Leopard,
Mit dem er bald befreundet ward.
Oft hab ich auf As-Zabed mich gebettet,
Und einst hat er das Leben mir gerettet,
Denn ich geriet in einen Hinterhalt
Und fast erlag ich der Gewalt
Der widerspenstigen Beduinen,
Die unfrei nur dem Kalifate dienen.
As-Zabed jagte fort in wilder Flucht,
Schon sah mein Schiff ich rettend in der Bucht,
Wo steil ins Meer hinab die Klippen ragen –
Und immer näher die Verfolger jagen –
Ein Schenkeldruck! Mein Hengst verstand
Und sprang aufs Schiff hinab vom Klippenrand.
Und als beim Sprung er beide Fesseln brach,
Ich meinen edlen Freund sogleich erstach.
As-Zabed, sprach ich – Du bist viel zu schade,
Als Krüppel nur zu leben von der Gnade! –
Er wandte seinen schlanken Hals und blickte
So fromm, als ob er sich in alles schickte –
Und starb. – Er ward begraben bei Aden –
Ich werde nimmer seinesgleichen seh'n. –

»Und starb« – Abdallah sprach den Schluß ergreifend. Die Stimme schien ihm an dieser Stelle zu brechen. Er blickte zu Boden, halblaut murmelnd: »Er ward begraben bei Aden« – dann nach einem Zögern wieder auf und ins Weite blickend, als ob er eine Vision des edlen Pferdes vor sich habe, fügte er mit einem leichten Seufzer hinzu:

»Ich werde nimmer seinesgleichen seh'n.«

Unserem Maler gefielen diese Verse. Er machte mir eine Zeichnung dazu. Sie stellt den Sprung vom Felsen dar, mit welchem As-Zabed seinem Herrn das Leben rettet.

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