Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ferdinand Raimund >

Der Verschwender

Ferdinand Raimund: Der Verschwender - Kapitel 9
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDer Verschwender
authorFerdinand Raimund
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000049-1
titleDer Verschwender
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1834
Schließen

Navigation:

Elfter Auftritt

Verwandlung

Herrlich mit Gold und Blumen geschmückter Gartensaal. Die Hinterwand geschmackvoll traperiert.

Alle Gäste sind versammelt. Nobel gekleidete Herren und Damen. Dumont. Walter.
Während des Chores treten der Präsident, Flitterstein, Flottwell und Amalie ein und setzen sich. Wolf.

Chor.
Froh entzückte Gäste wallen
Durch die reich geschmückten Hallen.
Will sich Lust mit Glanz vermählen,
Muß sie Flottwells Schloß sich wählen.
Nur in seinen Sälen prangt,
Was das trunkne Herz verlangt.

(Tänzer und Tänzerinnen im spanischen Kostüm führen einen reizenden Tanz aus, und am Ende bildet sich eine imposante Gruppe, bei welcher Kinder in demselben Kostüme die Vase, mit Blumen geschmückt, auf ein rundes Postament in die Mitte des Theaters stellen.)

Flottwell (für sich). Was hat doch Wolf gemacht, jetzt sollte sie sie nicht erhalten.

Klugheim. Sehen Sie doch, Baron, hier die berühmte Vase, welche ein Franzose dem Minister um zwanzigtausend Frank anbot.

Flitterstein. Wahrhaftig, ja, sie ist es.

Mehrere Gäste (betrachten sie). Wirklich schön!

Walter. Sehn Sie doch hier, Chevalier, die Vase aus Paris.

Dumont (in einem Stuhl hingeworfen, ohne hinzusehen). O charmant! Sie sein ganz außerordentlick.

Walter. Sie haben sie ja gar nicht angesehen.

Dumont. Ick brauchen sie gar nick zu sehen, ick brauchen nur zu hören de Paris, kann gar nick anders sein als magnific.

Flitterstein. Fürwahr, Sie sind um dieses Kunstwerk zu beneiden, Herr von Flottwell.

Flottwell (für sich). Nun kann ich nicht zurück. (Laut.) Es ist nicht mehr mein Eigentum. Ein unbedeutendes Geschenk, das ich der Königin des Festes weihe.

Amalie (erfreut). Ach Vater! wie erfreut mich das.

Klugheim (strenge). Nicht doch, mein Kind! Verzeihen Sie, Herr von Flottwell, das geb ich nicht zu. Das Geschenk hier ist durchaus zu kostbar, um es anzunehmen.

Flitterstein. Ja, ja, es ist zu kostbar.

Flottwell. Das ist es nicht, mein Herr Baron. Die Welt erfreut sich keines Edelsteines, der zu kostbar wäre, ihn diesem Fräulein zum Geschenk zu bieten.

Klugheim. Auch weiß ich nicht, wie wir zu solcher Ehre kommen.

Flitterstein (halblaut). Die mehr beleidigend als –

Flottwell (fängt es auf). Beleidigend?

Flitterstein. Ich nehm es nicht zurück!

Flottwell (verbissen). Wie kömmt es denn, mein Herr Baron, daß Sie das Wort so eifrig für des Fräuleins Ehre führen?

Klugheim. Er spricht im Namen seiner künftgen Braut.

Einige Gäste. Da gratulieren wir!

Flottwell (vernichtet). Dann hab ich nichts mehr zu erwidern!

Klugheim. Nehmen Sie die Vase hier zurück, so beschenkt ein Fürst, kein Edelmann.

Flottwell (stolz). Ich beschenke so! ich bin der König meines Eigentums. Dieses Kunstwerk hatte seinen höchsten Wert von dem Gedanken nur geborgt, daß diese schöne Hand es einst als ein erfreuend Eigentum berühren werde, es soll nicht sein! Ich acht es nicht. Wolf! (Wolf tritt vor) nimm sie hin! Ich schenke diese Vase meinem Kammerdiener.

(Wolf macht eine halbe verlegene Verbeugung. Die Vase wird weggebracht.)

Flitterstein. Welch ein Tollsinn!

Klugheim. Unbegreiflich!

Dumont. Der Mann sein gans verrückt.

Amalie. Wie kann er sich nur so vergessen!

Die Gäste (klatschen). Bravo! so rächt sich ein Millionär!

Flottwell. Dies soll unsere Freude nicht verderben. Da Frankreichs Kunst so schlechten Sieg errungen, will ich vor Ihrem Auge nun ein deutsches Bild entrollen, dessen Schönheit Sie gewiß nicht streitig machen werden. Sie sollen sehen, was ich für eine vortreffliche Aussicht habe. (Klatscht in die Hand.)

(Musik. – Der Vorhang schwindet, und über die ganze Breite des Theaters zeigt sich eine große breite Öffnung, durch deren Rahmen man eine herrliche Gegend perspektivisch gemalt erblickt. Ein liebliches Tal, hie und da mit Dörfern besäet, von einem Fluß durchströmt und in der Ferne von blauen Bergen begrenzt, erstrahlt im Abendrot. Die Basis des Rahmens bildet eine niedre Balustrade. Im Vordergrunde links von dem Zuschauer sitzt wie eine geheimnisvolle Erscheinung unter dunklem Gesträuch, von der untergehenden Sonne beleuchtet, der Bettler mit unbedecktem Haupte und gegen Himmel gewandtem Blick in malerischer Stellung. So daß das Ganze ein ergreifendes Bild bietet.)

Flottwell (ohne genau hinzusehen). Gibt es eine schönere Aussicht? (Er erschrickt, als er den Bettler sieht.) Ha! welch ein Bild. Ein sonderbarer Zufall! (Diese Worte spricht Flottwell schon unter der leise beginnenden Musik.)

Chor von Gästen (für welche sämtlich der Bettler nicht sichtbar ist).
Oh, seht doch dieses schöne Tal,
Wo prangt die Erd durch höhern Reiz?
Dem Kenner bleibt hier keine Wahl,
Der Anblick übertrifft die Schweiz.

Bettler.
Nicht Sternenglanz, nicht Sonnenschein
Kann eines Bettlers Aug erfreun.
Der Reichtum ist ein treulos Gut,
Das Glück flieht vor dem Übermut.

Flottwell (welcher immer nach dem Bilde hingestarrt hat, zu Wolf). Jagt doch den Bettler fort, warum laßt ihr ihn hier so nah beim Schloß verweilen?

(Der Bettler steht auf und geht an der Seite, wo er sitzt, über den Hügel durch das niedere Gesträuche in die Szene.)

Wolf. Welch einen Bettler? Wir bemerken keinen.

Flottwell. Da geht er hin! (Starrt ihm nach.)

Wolf. Er spricht verwirrt.

(Amalie wird unwohl.)

Klugheim. Gott im Himmel! meine Tochter.

Flottwell. Amalie? Was ist ihr?

(Alle Gäste in Bewegung.)

Klugheim. Sie erbleicht!

Flottwell (stürzt zu ihren Füßen). Amalie, teures Mädchen! höre deines Julius Stimme.

Flitterstein (schleudert ihn entrüstet von ihr). Zurück, Verführer! nun entlarvst du dich!

Flottwell (ergreift ergrimmt seine Hand). Genugtuung, mein Herr! Das geht zu weit.

Flitterstein. Ists gefällig? (Zeigt nach dem Garten.)

Flottwell. Folgen Sie!

(Beide links ab.)

Mehrere Gäste. Haltet! (Eilen nach.)

Klugheim. Holt den Arzt!

(Bediente fort.)

Wolf. Ins Kabinett!

Mehrere. So endet dieses Fest.

(Die andere Hälfte gehen mit Klugheim und Wolf, welche Amalie nach dem Kabinett rechts führen, ab. Nur)

Dumont (welcher sich während der Verwirrung an das Fenster begeben hat und durch das Gewühl der Gäste verdeckt war, bleibt zurück, er hat sich in der Mitte des Fensters in einen Stuhl geworfen, springt, wenn alles weg ist, auf, lehnt sich auf die Fensterbrüstung, sieht durch die Lorgnette und ruft begeistert). Göttliche Natur!

Zwölfter Auftritt

Kurzes Kabinett fällt vor.

Valentin und Rosa.

Valentin. So laß mich aus, ich muß ja sehen, was geschehen ist. Alles lauft davon, und die Fräulein Amalie, sagen s', ist umgefallen wie ein Stückel Holz. Sie hat Konfusionen kriegt.

Rosa. Da bleibst. Mein Schicksal ists, um das du dich zu kümmern hast. (Weint bitterlich.) Ich bin die gekränkteste Person in diesem Haus.

Valentin. Was haben sie dir denn schon wieder getan?

Rosa. Aber nur Geduld! Morgen geh ich zu Gericht. Alles wird arretiert. Der gnädge Herr, der Kammerdiener. Alle Gäst, das ganze Schloß und du.

Valentin. Mich läßt s' nicht aus. Was hats denn gegeben?

Rosa. Ohrfeigen hätts bald gegeben.

Valentin. Ah, da bin ich froh, daß ich nicht dabei war.

Rosa. Der Kammerdiener hat mir Ohrfeigen angetragen. Hat mich eine Diebin geheißen, hat einen Schmuck von mir verlangt. Uns im Namen des gnädgen Herrn den Dienst aufgekündigt und hat mich wollen durch die Bedienten hinauswerfen lassen.

Valentin. Das ist ja eine ganze Weltgeschichte. Wann ist denn das alles geschehen?

Rosa. Vor einer Viertelstund, wie sie die Vasen im Saal oben geholt haben.

Valentin. Das ist schrecklich!

Rosa. Der Mensch glaubt ja, man hat seine Ehr und Reputation gestohlen.

Valentin. Und den Schmuck auch dazu. Nein! das kann man nicht so hingehn lassen.

Rosa. Du mußt dich annehmen. Ich bin ein Weib. Ich bin zu schwach.

Valentin. Auf alle Fäll. Du bist zu schwach.

Rosa . Du bist ein Mann, dir ist die Kraft gegeben.

Valentin. Freilich, mir ist die Kraft gegeben, drum werd ich mirs auch überlegen.

Rosa. Ich geh noch heut, und morgen klag ich.

Valentin. Und ich geh morgen, und klag heut noch! und wo? beim gnädgen Herrn, denn das ist eine Beschuldigung, die man nicht auf sich sitzenlassen darf!

Rosa (weinend). Nicht wahr, du glaubst es nicht, daß ich die Diamanten genommen hab?

Valentin. Nein! Du bist zu tugendhaft. Du gehst nur auf die Augen los, nicht auf die Diamanten. Doch jetzt mach dich auf.

Rosa. Wir packen zusamm und gehen.

Valentin. Die Livree bleibt da, die gehört dem Herrn. Mir ghört mein Tischlerrock, den ich mit hergebracht hab. Die andere Bagage brauch ich nicht, ich bin mit dir allein zufrieden.

Rosa. Wir bringen uns schon fort.

Valentin. Ich geh zu meiner Tischlerei zurück. Aber vorher will ich mein Meisterstück noch machen.

Rosa. Was wirst denn tun?

Valentin. Den Kammerdiener werd ich in die Arbeit nehmen. Ah, der ist zu ungehobelt. Über den muß ein Tischler kommen.

Rosa. Nimm dich zusamm.

Valentin. Oh, du kennst mich nicht, ich bin der beste Mensch, aber wenn es sich um Ehr und Reputation handelt, so kann ich in eine Wut kommen wie der rollende Rasand. Ich will dem Kammerdiener zeigen – (Der Kellermeister eilt über die Bühne.) He! Herr Kellermeister, wo gehn Sie hin?

Kellermeister. Mir ist am großen Faß ein Reif abgesprungen, ich muß den Wein abziehen.

Valentin. Ha! Das ist ein Wink des Schicksals. Mann! Ich folge dir.

(Geht tragisch mit dem Kellermeister ab.)

Rosa (allein). Ah Spektakel! jetzt muß sich der ein Spitzel antrinken, wenn er eine Courage kriegen will. Nein, was das für miserable Mannsbilder sein bei der jetzigen Zeit, das ist nimmermehr zum Aushalten. (Ab.)

Dreizehnter Auftritt

Verwandlung

Ein anderes Kabinett.

Amalie. Der Arzt. Präsident Klugheim.

Arzt. Fühlen Sie sich leichter, Fräulein?

Klugheim. Wie ist dir, liebes Kind?

Amalie. Ganz wohl, mein Vater! es ist schon vorüber.

Klugheim. Ein Unstern hat uns in dies Haus geführt.

Vierzehnter Auftritt

Vorige. Betti.

Betti. Zu Hülfe! Ach Herr Doktor, der Baron ist schwer verwundet. Man suchet Sie!

Klugheim. Heilger Gott, mein Freund! Bleib Sie bei meiner Tochter hier! Kommen Sie, Herr Doktor! Ach, ich bin an allem schuld.

(Eilt mit dem Doktor ab.)

Amalie. Was ist vorgegangen?

Betti. Sie haben duelliert! der gnädge Herr und der Baron.

Amalie. Ist Julius auch verwundet?

(Flottwell tritt aus einer Tapetentür. Er ist bleich und spricht halblaut und schnell.)

Flottwell. Nein, er ist es nicht. (Zu Betti.) Geh auf die Lauer!

(Betti geht vor die Tür.)

Amalie. Gott, wie siehst du aus!

Flottwell. Wie ein Mann, der seinem Schicksal trotzt. Doch noch ist nicht mein Glück von mir gewichen, weil ich dich nur sprechen kann. Jede Minute droht. Du mußt mit mir noch diese Nacht entfliehn.

Amalie. Unmöglich, nein! ich kann den Vater nicht verlassen.

Flottwell. Du hasts geschworen. Denk an deinen Eid.

Amalie. Doch heute, und so plötzlich –

Flottwell. Heute oder nie! Schon lang ist deine Dienerschaft von mir gewonnen. Nimm Laura mit und nichts von deinem Eigentum. Dein Vater ist erschöpft, er wird sich bald zur Ruhe legen, und wenn auch nicht, verbotne Liebe ist erfinderisch. Ich harr auf dich, nah an der Stadt, bei der verfallenen Kapelle, wo wir uns oft getroffen haben.

Amalie. Wird sich mein Vater je versöhnen?

Flottwell. Er wirds. Das weite Meer, das seiner Rache trotzt, wird seinem Stolz gebieten. Entschließe dich.

Amalie. Oh, könnt ich leben ohne dich –

Flottwell. Wenn dus nicht kannst, so sind wir ja schon einig.

Amalie. Und doch –

Flottwell. Ja! oder Nein! Nein! ist ein Dolch, den du ins Herz mir drückst. Ja! eine Sonn, die uns nach England leuchtet.

Amalie. Nur eine Frage noch!

(Betti schnell.)

Betti. Der Präsident!

Flottwell. Sprich schnell!

Amalie. Erwarte mich.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.