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Der Verschwender

Ferdinand Raimund: Der Verschwender - Kapitel 4
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDer Verschwender
authorFerdinand Raimund
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000049-1
titleDer Verschwender
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1834
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Siebenter Auftritt

Helm, im Jagdkleide, tritt aus seinem Kabinett. Wolf aus Flottwells Zimmern.

Helm. Nun wie stehts, Herr Kammerdiener, gehts bald los?

Wolf (sehr geschäftig). Jawohl, der gnädge Herr wird gleich erscheinen. (Läuft zum Fenster.) Heda, Jäger, laßt euch hören! Pagen, führt die Pferde vor! Büchsenspanner, schnell herauf!

(Man hört Jagdhörner.)

Helm. Holla, holla, hurtig, meine Herren! kommt heraus, der Tanz geht an.

(Mehrere Gäste kommen teils zur Mitte, teils aus den Seitentüren, auch Pralling. Valentin. Alle sind jagdmäßig gekleidet.)

Pralling. Guten Morgen allerseits!

Alles (gegenseitig). Guten Morgen! Gut geschlafen?

Helm. Potz Donnerwetter, war das eine schlechte Nacht!

Pralling. Mein Schlaf ist wie ein liederlicher Diener, wenn ich ihn rufe, kommt er nicht.

Helm. Er ist ein freier Mann und kommt nur, wenn er will.

Walter. Eine Kokette ist er, die sich ziert, bevor sie uns umarmt.

Achter Auftritt

Vorige. Chevalier Dumont im eleganten Jagdanzug.

Dumont (blickt durch eine einfache Lorgnette). Ah bon jour, mes amis! (Er spricht gebrochen deutsch.) Wie aben Sie geschlafen?

Alle. Ah, unser Naturfreund!

Dumont. Ja, Messieurs, der Natur sein groß. Ick aben wieder geschwelgt in ihren Reizen. Der ganzen Nacht bin ick am Fenster gelegen, um der Gegend zu betrachten. O charmant!

Neunter Auftritt

Vorige. Flottwell. Sockel.

Flottwell. Guten Morgen, edle Freunde!

Alle. Guten Morgen!

(Einige schütteln ihm die Hand.)

Flottwell. Wir kommen spät zur Jagd. Ich hoffe, daß die Herren, die heut zum erstenmal in meinem Schloß geruht, mit der Bedienung so zufrieden waren, als ichs nur immer eifrig wünschen kann. Gern hätt ich Ihren Schlaf mit süßen Träumen auch bewirtet, doch leider stehn die nicht in meinem Sold.

Ein Gast. Mir hat von Lilien geträumt.

Helm. Und mir von einer wilden Sau, der ich den Fang gegeben hab.

Walter. Ich hab die Gastfreundschaft an einem goldnen Tisch gesehen, und deutscher Lorbeer hat ihr Haupt geschmückt.

Pralling. Ich habe all mein Glück auf die Coeur-Dame gesetzt, und als ich es verloren hatte, bin ich aufgewacht.

Flottwell. Und was hat dir geträumt, Freund Valentin?

Valentin. Mir hat geträumt, Euer Gnaden hätten mir vier Dukaten geschenkt.

Flottwell (lachend). Das ist ein eigennützger Traum, doch will ich ihn erfüllen.

Valentin. Ich küß die Hand Euer Gnaden.

Flottwell. Was mir geträumt hat, kann ich euch noch nicht entdecken. Es war ein süßer Traum, dienstfertig meinem höchsten Wunsch, er hat mir meines Lebens Zukunft rosig abgespiegelt.

Helm. Dir hat gewiß von einem Rendezvous geträumt. Spitzbub! Was? Von Augen wie Rubin und solchem dummen Zeuch.

Flottwell (lachend). Du kannst etwas erraten haben, Herzensbruder. Es soll ein Rendezvous fürs ganze Leben werden. Doch still davon, mein Herz ist übermütig heut, es könnte sich verraten.

Pralling. Wir kennen Ihre Schliche schon, Sie haben andre Jagd im Sinn als wir.

Flottwell. So ist es auch. Jagt euren Freuden nach, um mich braucht ihr euch nicht zu kümmern. Wir haben jeder andre Leidenschaft.

Pralling. Ich leide an der Gicht.

Helm. Ich bin ein passionierter Jäger.

Walter. Ich spreche dem Champagner zu.

Dumont. Und ick bewundre der Natur.

Helm. Das nimmt mich wunder, Chevalier. Sie sind ja kurzsichtig.

Dumont. Das sind der Menschen alle.

Pralling. Und wenn Sie fahren, schlafen Sie im Wagen.

Dumont. O, das macken nichts. Ein wahrer Naturfreund müssen ihrer Schönheit auch im Schlaf bewundern können.

Helm. Das kann ich nicht. Mein Liebling ist die Jagd.

Flottwell. Heda! bringt uns Bordeaux. Die Herren sollen sich begeistern.

Dumont. Mackt mir der Fenster auf, daß ick der Landschaft kann betrachten. (Sieht durchs Glas.)

Wolf. Hier ist Bordeaux!

(Er ordnet die Diener, welche schon bereitet standen und ihn in gefüllten Stengelgläsern auf silbernen Tassen präsentieren.)

Walter (ruft). Herrlicher Wein!

Dumont (am Fenster entzückt rufend). Himmlischer Wasserfall!

Flottwell (schwingt das Glas). Auf ewge Freundschaft und auf langes Leben, meine Herren!

Alle. Der reiche Flottwell lebe lang!

Dumont (wie vorher, ohne ein Glas genommen zu haben). Ha! der Kirchhof macken sich dort gut.

Flottwell. Oh, wär ich überreich! Ich wünscht es nur zu sein, um meine Schätze mit der Welt zu teilen. Was ist der Mammon auch! das Geld ist viel zu sehr geachtet. Drum ists so stolz. Es will nie in des armen Mannes Tasche bleiben und strömt nur stets dem Reichen wieder zu.

Helm (enthusiasmiert). Wer ist so gut wie unser edler Flottwell hier?

Walter. Ich kenne kein Gemüt, das seinem gleicht.

Alle. Jawohl!

Dumont. Un enfant gâté de la nature.

Flottwell. Oh, lobt mich nicht zu viel. Ich habe kein Verdienst als meines Vaters Gold. Will mirs die Welt verzeihn, ists wohl und gut, und tut sies nicht, mag sie sich selbst mit ihrem Neid abfinden. Ich kämpfe nicht mit ihm. Mein Glück ist kühn, es fordert mich heraus, darum will ich mein Dasein großartig genießen, und wollen Sorgen mich besuchen, laß ich mich verleugnen. Düstern Philosophen glaub ich nicht. Nicht wahr, Freund Helm, man muß das Leben von der schönen Seite fassen? Der Himmel ist sein herrlichstes Symbol. Die glühnde Sonne gleicht dem heißen Brand der Liebe, der mildgesinnte Mond der innigen Freundschaft, die reiche Saat der Sterne ist ein Bild der Millionen Freuden, die im Leben keimen. Die ernsten Wolken sind zwar kummervolle Tage, doch Frohsinn ist ein flüchtger Wind, der sie verjagt.

Sockel. Ein Göttermann! Ein wahrer Göttermann! Verstanden!

Flottwell. Gebt doch ein Glas auch unserm wackern Baumeister. Oh, das ist gar ein wichtger Mann hier, meine Herren, der wird ein neues Schloß uns bauen, und diese Hallen wollen wir der Zeit nicht länger vorenthalten. Flottwells Haus solls heißen, noch ein Glas auf dieses Ehrenmannes Werk! (Zu Sockel, barsch.) Trinken Sie!

Sockel (erschrickt, daß er das Glas fallen läßt). Verstanden!

Alle (schwingen die Gläser). Flottwells Haus! Lang solls bestehn!

Flottwell (stürzt ein Glas hinein). Und nun zur Jagd, Ihr Herren! Werft die Gläser hin und nehmt 's Gewehr zur Hand! Der Wald ist euer Eigentum und all mein Wild. Doch hetzt mirs nicht zu sehr, ich kanns nicht leiden, denn der Hirsch weint wie ein Mensch, wenn er zu Tod gepeinigt wird. Und seit ich dieses Schauspiel sah, hab ich die Jägergrausamkeit verloren. Nun Glück zur Jagd! Der Abend führt uns wieder hier zusammen, dann wollen wir beim vollen Glas besprechen, wer eines edlern Sieges sich zu freuen hat? Ihr! oder ich!

Alle. Holla zur Jagd! (Alles ab.)

(Hörner tönen.)

Dumont (verweilt noch am Fenster, bis die andern alle zur Tür hinaus sind, dann ruft er) Himmlische Natur! (und folgt den andern nach).

Zehnter Auftritt

Dann unter rauschender Musik Verwandlung in eine goldene Feenhalle, rückwärts die Aussicht in eine reizende Berggegend. In der Mitte der Halle ein großer runder Zauberspiegel, vor ihm ein goldner Altar mit einer Opferschale auf Stufen.

Cheristane, in ein lichtblaues faltiges Gewand gehüllt, welches mit Zaubercharakteren geziert ist, und das Haupt mit einer goldnen Krone geschmückt, kommt von der Seite, ein goldnes Buch und einen Zauberstab tragend.

Cheristane.
Der Kampf ist aus, ich habe mich besiegt.
Beschlossen ists, ich scheide von der Erde.
Wenn auch mein Herz dem Kummer unterliegt,
Ich leide nur, daß er gerettet werde.

(Sie nimmt von dem mittleren Zacken ihrer Krone eine blaue Perle.)

Komm, teure Perle, die den Geist umschließt,
Den letzten der sich beugt vor meiner Macht,
Die bald für ihn in eitles Nichts zerfließt!
Ich opfre dich in diesem goldnen Schacht.

(Sie wirft die Perle in die goldne Schale. Eine blaue Flamme entzündet sich in ihr, der Donner rollt. Kurze passende Musik. Der Spiegel überzieht sich mit Rauch.)

Nun zeig dein Haupt, umkränzt von Zauberschein,
Und blick mich an mit holden Demantaugen!
Erschein! Es soll Azur dein Name sein!
Laß Hoffnung mich aus deinen Worten saugen!

(Musik. – Fürchterlicher Donnerschlag. Der Rauch hebt sich und in dem Spiegel erscheint Azur, in Silberdock ägyptisch gekleidet, das Haupt umhüllt, die halbentblößten Arme und das Antlitz ist mit blauer Folie überzogen, statt der Augen leuchten zwei glänzende Steine. Magische Beleuchtung.)

Azur.
Du! die du mich durch Zaubermacht geboren,
Gebietest du mir Segen oder Fluch?

Cheristane.
Zu Flottwells Schutzgeist hab ich dich erkoren.

Azur.
Darf ich das sein? Blick in des Schicksals Buch!

(jetzt folgt eine zitternde Musik darunter.)

»Kein Fatum herrsch auf seinen Lebenswegen,
Er selber bring sich Unheil oder Segen.
Er selbst vermag sich nur allein zu warnen,
Mit Unglück kann er selbst sich nur umgarnen,
Und da er frei von allen Schicksalsketten,
Kann ihn sein Ich auch nur von Schmach erretten.«

Cheristane.
Mir ist bekannt des Schicksals strenger Spruch,
Der, mich zu strafen, tief ersonnen ist.
Empfange hier mein goldnes Zauberbuch.
Es wird dich lehren, welche schlaue List
Mein liebgequälter Geist erfunden hat.
Doch ich muß machtberaubt von hinnen fliehn.
Darum vollziehe du statt mir die Tat
Und laß mich trostlos nicht nach meiner Heimat ziehn.

Azur (nimmt das Buch).
Zieh ruhig heim, treu will ich für dich handeln,
Als Retter sollst du wieder mich erblicken.

(Die Wolke schließt sich. Musik.)

Cheristane.
Oh, hätt ichs nie gewagt auf Erd zu wandeln,
Zu bitter straft sich dieser Lust Entzücken!

(Sie sinkt aufs Knie und beugt ihr Haupt kummervoll vor dem Altar.)

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