Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ferdinand Raimund >

Der Verschwender

Ferdinand Raimund: Der Verschwender - Kapitel 3
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDer Verschwender
authorFerdinand Raimund
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000049-1
titleDer Verschwender
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1834
Schließen

Navigation:

Fünfter Auftritt

Voriger. Baumeister Sockel.

Sockel. Guten Morgen, Herr von Wolf! Sie haben mich rufen lassen, ich wäre schon gestern gekommen, aber ich hab ein Haus stützen müssen, was ich vor zwei Jahren erst gebaut hab. Verstanden? Ich sag Ihnens, man möcht jetzt lieber Holz hacken als Häuser bauen. Erstens brennen s' Ziegel, wenn man einen nur ein unbeschaffenes Wort gibt, so fallt er schon voneinander. Nachher wollen s' immer ein Million Zins einnehmen, lauter Zimmer, keine Mauern. Verstanden? Drum sind manche moderne Häuser auch so dünn, als wenn s' bloße Futteral über die alten wären. Hernach hat halt ein Baumeister vor Zeiten auf solide Einwohner rechnen können, aber jetzt zieht sich ja manchmal ein Volk hinein, das nichts als rauft und schlagt, Tisch und Stühl umwirft und das Unterste zu oberst kehrt. Ja wo soll denn da ein Haus die Geduld hernehmen, da wirds halt springgiftig, und endlich fallts vor Zorn zusamm. Verstanden?

Wolf. Das ist alles ganz recht, aber jetzt lassen Sie uns vernünftig reden.

Sockel. Erlauben Sie, aber meine Reden sind ein wahrer Triumph der Vernunft. Verstanden?

Wolf. Ich habe Ihnen die unangenehme Nachricht zu sagen, daß Sie den Bau des Schlosses nicht bekommen werden.

Sockel. Hören Sie auf, oder ich stürz zusamm wie eine alte Gartenmauer. Das ist ja nach unserer Verabredung nicht möglich! Verstanden?

Wolf. Der gnädge Herr will den Baumeister Gründling nehmen.

(Ein Bedienter, der Flottwell das Frühstück gebracht hat, kommt zurück.)

Sockel. Aber es war ja schon alles richtig. Ich hab Ihnen ja tausend G –

Wolf (rasch auf den Bedienten blickend). Nun ja, Sie haben mir da tausend Gründe gesagt, die –

Sockel. Nein, ich habe Ihnen versprochen –

Wolf. Ja (stampft unwillig mit dem Fuß), Sie haben versprochen, gute Materialien zu nehmen. Fritz, dort hat jemand geläutet. (Der Bediente geht in ein Kabinett ab.) Aber ich kann nicht dafür, daß ein anderer gekommen ist, der noch größere Versprechungen gemacht hat und das Schloß um zehntausend Gulden wohlfeiler baut.

Sockel. Aber das ist ja ein elender Mensch, der gar nicht zu bauen versteht. Ein hergelaufener Maurerpolier, ein Pfuscher, und ich bin ein Mann auf dem Platz. Verstanden?

Wolf. Es macht Ihnen sehr viel Ehre, daß Sie so über Ihren Kollegen schimpfen, aber das kann die Sache nur verschlimmern!

Sockel. Aber Sie bringen einem ja zur Verzweiflung. (Beiseite.) Ich kann den Bau nicht auslassen, er trägt mir zu viel ein. (Macht gegen das Publikum die Pantomime des Geldzählens.) Verstanden? (Laut.) Liebster Herr Kammerdiener, ich weiß, es hängt nur von Ihnen ab. Der gnädige Herr bekümmert sich nicht darum, er ist zu leichtsinnig. Ich geb Ihnen tausend Gulden Konventionsmünze.

Wolf. Herr! – Was unterfangen Sie sich –

Sockel. Ich unterfange mich, Ihnen noch fünfhundert Gulden zu bieten.

Wolf. Sie häufen ja Beleidigung auf Beleidigung –

Sockel. Freilich, ich bin der brutalste Kerl auf der Welt. Aber jetzt bin ich schon in meiner Grobheit drin, ich muß Ihnen noch fünfhundert Gulden antragen.

Wolf. Halten Sie ein! Sie empören mich mit solchen unmoralischen Zumutungen!

Sockel (beiseite). Ah, da möcht man sich selber köpfen.

Wolf. Ich sehe ein, daß Ihre Ehre –

Sockel. Ah was Ehre! Es ist einem gerade keine Schande, wenn man ein Schloß baut, aber in Feuer lassen s' einem auch nicht vergolden deswegen. (Beiseite.) Nur das Geld ist verloren!

Wolf. Man wird Sie auslachen!

Sockel. Freilich, es hats die ganze Stadt erfahren.

Wolf. Wie war das möglich?

Sockel. Weil ichs meiner Frau gesagt hab.

Wolf. Ja sind Sie denn verheiratet?

Sockel. Leider! Verstanden?

Wolf (ängstlich). Haben vielleicht Kinder!

Sockel. Jawohl.

Wolf. Ach, das ist ja sehr traurig. Wie viele?

Sockel. Mein Gott, soviel Sie wollen, verschaffen Sie mir nur den Bau.

Wolf. Ja das muß ich wissen.

Sockel. Fünf, und zwei noch zu erwarten! Verstanden?

Wolf. Entsetzlich! Das rührt mich!

Sockel. Lassen Sie sich erweichen. Nehmen Sie die zweitausend Gulden.

Wolf (mit Bedauern). Sie sind Familienvater! Sie haben fünf Kinder! Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Und der andere Baumeister hat vielleicht keine Kinder.

Sockel. Kein einziges.

Wolf. Ah, da müssen Sie ja den Bau erhalten. Das wäre ja die höchste Ungerechtigkeit.

Sockel. O Sie edelmütger Mann!

Wolf . Jetzt kann ich Ihr Geschenk annehmen. Aber Sie müssen mir versprechen, ein Meisterstück für die Ewigkeit hinzustellen –

Sockel. Zehn Jahre keine Reparatur –

Wolf. Denn der Vorteil meiner gnädgen Herrschaft geht mir über alles.

Sockel (weinend). Große Seele!

(Beide in Flottwells Kabinett ab.)

Sechster Auftritt

Valentin.

Valentin.

Lied
Heissa lustig ohne Sorgen
Leb ich in den Tag hinein,
Niemand braucht mir was zu borgen,
Schön ists, ein Bedienter z' sein.
Erstens bin ich zart gewachsen
Wie der schönste Mann der Welt,
Alle Säck hab ich voll Maxen,
Was den Mädchen so gefällt.

Zweitens kann ich viel ertragen,
Hab ein lampelfrommen Sinn,
Vom Verstand will ich nichts sagen,
Weil ich zu bescheiden bin.
Drittens kann ich prächtig singen,
Meine Stimme gibt so aus,
Denn kaum laß ich sie erklingen,
Laufen s' alle gleich hinaus.

Viertens kann ich schreiben, lesen,
Hab vom Rechnen eine Spur,
Bin ein Tischlergsell gewesen –
Und ein Mann von Politur.
Fünftens, sechstens, siebntens, achtens
Fallt mir wirklich nichts mehr ein,
Darum muß meines Erachtens
Auch das Lied zu Ende sein.

Ah! heut kann ich einmal mit Recht sagen: Morgenstund tragt Gold im Mund. Hat mir die Sängerin, die neulich bei unserm Konzert eine chinesische Arie gesungen hat, für das Honorar, was ich ihr von dem gnädigen Herrn überbracht hab, zwei blanke Dukaten geschenkt. Der gnädige Herr hat ihr aber auch für eine einzige Arie fünfzig Dukaten bezahlen müssen. Das ist ein schönes Geld. Aber das ist doch nichts gegen Engeland. In London, hör ich, da singen s' gar nach dem Gewicht. Da kommt eine von den großen Noten auf ein ganzes Pfund, drum heißt man s' auch die Pfundnoten. Da verdient sich eine an einen einzigen Abend einige Zenten. Die müssen immer ein Paar Pferd halten, daß sie ihnen das Honorar nachführen. Aber es war auch etwas Göttliches um diese Sängerin. Ich versteh doch auch etwas von der Musik, weil ich in meiner Jugend öfter nach den Noten geprügelt worden bin, aber im Distonieren kommt ihr keine gleich. Ich hab die ganze Arie nicht hören können, weil ich im Hof unten war und die Jagdhund besänftigt hab, damit s' nicht so stark dreingeheult haben, aber einmal hat sie einen Schrei herausgelassen – Nein, ich hab schon verschiedene Frauenzimmer schreien ghört, doch dieser Ton hat mein Innerstes erschüttert. Aber den schönsten Wohlklang hat sie doch erst gezeigt, wie sie die zwei Dukaten auf den Tisch geworfen hat, das macht sie unsterblich. Und wenn ich ein Theaterdirektor wär: die engagieret ich unter den schönsten Bedingungen. (Rosa schleicht sich herein, tritt langsam vor und steht bei den letzten Worten mit verscblungenen Armen neben ihm.) Und gelächelt hat sie auf mich – gelächelt hat sie –

Rosa. Nun und wie hat sie denn gelächelt? (Lächelt boshaft.) Wie denn? Hat sie so gelächelt – so?

Valentin. Ah, hör auf! Das ist ja nur eine Travestie auf ihr Lächeln. Du wirst dir doch nicht einbilden, daß du das auch imstand bist?

Rosa. Warum? Warum soll sie besser lachen können als ich?

Valentin. Nun, eine Person, die für eine Arie fünfzig Dukaten kriegt, die wird doch kurios lachen können?

Rosa. Ja, aber wer zuletzt lacht, lacht am besten, und die werd ich sein. Ich brauch keinen solchen Liebhaber, der in die Stadt hineinlauft und den Theaterprinzessinnen die Cour macht.

Valentin. Ich muß tun, was mir mein Herr befiehlt. Punktum!

Rosa. Du und dein Herr ist einer wie der andere.

Valentin. Nu das wär mir schon recht, da wär ich auch ein Millionär wie er.

Rosa. Du hast deine Amouren in der Stadt, und er hat s' im Wald draus. Und wie schaust denn wieder aus? Den ganzen Tag hat man zu korrigiern an ihm! Ist denn das ein Halstuch gebunden, du lockerer Mensch? Geh her! (Bindet es ihm.)

Valentin. So hör auf, du erwürgst mich ja, schnür mich nicht so zusamm!

Rosa. Das muß sein.

Valentin. Nein, das Schnüren ist sehr ungesund. Es wird jetzt ganz aus der Mod kommen. Du sollst dich auch nicht so zusammradeln.

Rosa. Das geht keinen Menschen was an!

Valentin. Aber wohl! Das Schnüren hätt sollen gerichtlich verboten werden, aber die Wirt sind dagegen eingekommen.

Rosa. Wegen meiner! Ja apropos, du stehst ja da, als wann ein Feiertag heut wär? Wirst gleich gehn und dich anziehn auf die Jagd!

Valentin. Jetzt muß ich wieder auf die verdammte Jagd.

Rosa. Ja wer kann dafür, daß du so ein guter Jäger bist?

Valentin. Ah, ich jag ja nicht, ich werd ja gejagt. Sie behandeln mich ja gar nicht wie einen Jäger. Ich ghör ja unters Wildpret. Das letztemal hat der gnädige Herr eine Wildente geschossen, und weil kein Jagdhund bei der Hand war, so hab ich sie müssen aus den Wasser apportieren, und wie ich mitten drin war, haben sie mich nimmer herauslassen.

Rosa. Und das laßt du dir so alles gfallen?

Valentin. Ja weil ich halt für meinen Herrn ins Feuer geh, so geh ich halt auch für ihn ins Wasser.

Rosa. Nu so tummel dich, es wird gleich losgehen.

Valentin. Die verflixte Jagd! Wann man nur nicht so hungrig würd, aber ich versichere dich: Ein Jäger und ein Hund frißt alle Viertelstund.

Rosa. Schäm dich doch!

Valentin. Du glaubst nicht, was man auszustehen hat. Was einem die Gäst alles antun. Meiner Seel, wenn mir nicht wegen dem gnädigen Herrn wär, ich prügelt sie alle zusamm.

Rosa. So red doch nicht immer vom Prügeln in einem vornehmen Haus. Da sieht man gleich, daß du unterm Holz aufgewachsen bist.

Valentin. Wirf mir nicht immer meinen Tischlerstand vor.

Rosa. Weil du gar so pfostenmäßig bist.

Valentin. Schimpf nicht über mein Metier.

Rosa. Laß mich gehn. Ich nehm mir einen andern. Ich weiß schon, wem ich heirat.

Duett
Rosa. Ein Schlosser ist mein schwache Seit,
Das ist der erste Mann,
Der sorgt für unsre Sicherheit
Und schlagt die Schlösser an.
Valentin. Mein Kind, da bist du schlecht bericht,
Der Tischler kommt zuvor,
Der Schlosser ist der Erste nicht,
Der Tischler macht das Tor.
Rosa. Ein Schlosser ist zu schwarz für mich
Und seine Lieb zu heiß.
Valentin. Verliebt sich ein Friseur in dich
Der macht dir nur was weiß.
Rosa. Nein! nein! ein Drechsler! o wie schön!
Der ist für mich gemacht.
Valentin. Der kann dir eine Nasen drehn,
Da nimm du dich in acht.
Rosa. Ein Bäck, der ist mir zu solid,
Ich fürcht, daß ich mich härm.
Valentin. So nimm dir einen Kupferschmied,
Der schlagt ein rechten Lärm.
Rosa. Mit einem Schneider in der Tat,
Da käm ich prächtig draus
Valentin. Doch wenn er keine Kunden hat,
So geht der Zwirn ihm aus.
Rosa. Ein Klampfrer ist ein sichrer Mann,
Dem fehlt es nie an Blech.
Valentin. Ich ratet dir ein Schuster an
Es ist halt wegnem Pech.
Rosa. Ein Hutrer wär wohl nicht riskiert,
Der hat ein sichres Gut.
Valentin. Ja wenn die Welt den Kopf verliert,
Da braucht kein Mensch ein Hut.
Rosa. Ein Spekulant, o welche Pracht –
Doch hätt ich kaum den Mut.
Valentin. Ah, wenn er pfiffig Krida macht,
Da gehts ihm erst recht gut.
Rosa. Kurzum, ich wend im Kreis herum
Vergebens meinen Blick.
Drum kehr ich zu dem Tischler um,
Er ist mein einzig Glück.
Valentin. Verlaß dich auf den Tischlerjung,
Der macht dir keinen Gram.
Und kriegt das Glück einmal ein Sprung,
Der Tischler leimts zusamm.
Beide. Ein schöner Stand ist doch auf Ehr
Ein wackrer Handwerksmann.
Seis Schneider, Schuster, seis Friseur,
Ich biet das Glas ihm an.

(Beide ab.)

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.