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Der Verschwender

Ferdinand Raimund: Der Verschwender - Kapitel 14
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDer Verschwender
authorFerdinand Raimund
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000049-1
titleDer Verschwender
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1834
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Zehnter Auftritt

Verwandlung

Die Ruine des alten Schlosses Flottwell. Zerfallne Gemächer und Türme, auf Felsen gebaut, zeigen sich rechts. Links die Aussicht, gleichsam von der Höhe des Schloßberges, auf entferntere gegenüberstehende Berge, hinter welchen die Sonne untergeht.

Flottwell in Verzweiflung. Klettert über einen der Felsen, als käme er aus dem Tal.

Flottwell.
Ich bin herauf! Ich habe sie erreicht,
Die letzte Höhe, die in dieser Welt
Für mich noch zu erklimmen war.
Ich steh auf meiner Ahnen Wieg und Sarg,
Auf Flottwells altem edlen Herrenschloß.
Wir sind zugleich verhängnisvoll gestürzt.
Hätt ich dich nicht verlassen, stündest du
Und
ich. Zu spät!
(Wirft den Hut und Bettelstab von sich.)
                              Verfaule, Bettelstab!
Mein Elend braucht nun keine Stütze mehr.
Ich kehre nie zu eurer Welt zurück,
Denn mein Verbrechen schließt mich aus dem Reich
Des Eigennutzes aus. Ich habe mich
Versündigt an der Majestät des Goldes.
Ich habe nicht bedacht, daß dies Metall
Sich eine Herrschaft angemaßt, vor der
Ich hätt erbeben sollen, weil es auch
Mit Schlauheit, die bewundrungswürdig ist,
Das Edle selbst in seinen Kreis gezogen.
Wer fühlt sich glücklich, der durch Wohltun einst
Ein Arzt der Menschheit war, und dem es nun
Versagt, weil ihm die güldene Arznei
Gebricht, wodurch die kranke Welt genest.
Ich stand auf dieser segensvollen Höh,
Ich konnte mich erfreun an anderer Glück,
Wenn freudenleer mein eigner Busen war.
Ich hab mich selbst von diesem heilgen Thron
Gestürzt. Dies Einzge ists, was ich mit Recht
Beweinen darf, sonst nichts. Zum Kinderspott,
Zum Hohngelächter des gemeinen Pöbels
Darf nie ein Edler werden, drum fahr hin
Mein Leben, dessen Pulsschlag Ehre war.
Ich könnte mich in jenen Abgrund stürzen,
Doch nein! des letzten Flottwells Haupt, es beug
Sich nicht so tief. Mein Leben ist ja noch
Das einzge Gut, das mir Verschwendung ließ,
Mit dem allein will ich nun sparsam sein,
Der Hunger soll mich langsam töten hier.
Aus Straf, weil ich die undankbare Welt
Zu viel gemästet hab. O Tod, du bist
Mein einzger Trost. Ich hab ja keinen Freund –

(Ein Stein weicht zurück, und der Bettler ohne Hut und Stab steht vor ihm, spricht.)

Bettler. Als mich!

Flottwell (erschrickt).
                    Als wen? Ha! schreckliche Gestalt,
Die ich seit zwanzig Jahren nicht gesehen
Und die ich nun für meine erst erkenn,
Weil mich die Zeit auf gleiche Stufe stellt
Und ich wie du in jeder Hinsicht nun
Bejammernswert und elend bin.
Weh mir! Nun wird mirs klar, du solltest mir
Ein schauervolles Bild der Warnung sein.

Bettler.
Dies war mein Zweck. Du hast mich nicht erkannt,
Weil Leidenschaft nie ihre Fehler sieht.
Erkenne mich nun ganz, ich bin ein Jahr
Aus deinem viel zu rasch verzehrten Leben,
Und zwar dein fünfzigstes, das heute noch
Beginnen wird, wenn jene Sonne sinkt.
Du hast an Cheristanen einst ein Jahr
Verschenkt, und diese edle Fee, die sich
Für dich geopfert hat, sah in dem Buch
Der Zukunft, daß, wenn du zurück nicht kehrst
Von der Verschwendung Bahn, das fünfzigste
Jahr deines Lebens dir den Bettelstab
Als Lohn für deinen Leichtsinn reichen wird.
Glaub nicht, daß du geendet hättest hier.
Wer so wie du gestanden einst und auf
So niedre Stufe steigt, sinkt tiefer noch
Als einer, der im Schlamm geboren ist.
Zu warnen warst du nicht, drum konnte ich
Dich nur von deinem tiefsten Sturz erretten.
Bis jetzt hat niemand noch dir eine Gab
Gereicht: Ich hab für dich bei dir gebettelt.
Ein Jahr lang hab ich den Tribut durch List
Und schaudervolle Angst von dir erpreßt.
Die letzte Stunde hab ich aufbewahrt,
Sie schlief in diesem Stein und spricht zu dir:

(Ein Stein teilt sich, und ein Haufen Gold und der Schmuck zeigt sich in einem silbernen Kästchen.)

Nimm hier dein Eigentum, das du mir gabst,
Zurück. Du wirst es besser schätzen nun,
Weil du die Welt an deinem Schicksal hast
Erkannt. Was du dem Armen gabst, du hasts
Im vollen Sinne selber dir gegeben.
Leb wohl! Ich hab vollendet meine Sendung. (Versinkt.)

Flottwell (allein).
Ists Traum, ists Wahrheit, was ich sah und hörte?
Woher die überirdische Erscheinung?

(Sanfte Musik. Die Ruinen verwandeln sich in eine Wolkengruppe mit vielen Genien. Cheristane in reizender Feenkleidung in der Mitte auf einem Blumenthron.)

Cheristane (sanft).
Mein Julius! Es war Azur, der Geist
Der letzten Perle, die ich einst für dich
So freudig hingeopfert hab, als ich
Die süße Lieb zu dir mit bitterer
Verbannung büßen mußte. Ach! Mir wars ja
Vom Schicksal nicht gegönnt, dich zu erretten,
Er hat für mich erfüllt, was meine Treu
Dir einst gelobt.

Flottwell (kniet).
                          O Cheristane! Dich
Erblicke ich auf dieser Erde wieder?
Du Himmelsbild aus meiner Rosenzeit!
Kaum wagt mein welkes Aug den Blick zu heben
Zur Morgenröte deiner ewgen Jugend.
Oh, zieh nicht fort, verweile noch! Sieh, wie
Die Wehmut um vergangne Zeit mich tötet.

Cheristane.
Verzweifle nicht, mein teurer Julius,
Und dulde noch dein kurzes Erdenlos.
Wir werden uns gewiß einst wiedersehen
Dort! in der Liebe grenzenlosem Reich,
Wo alle Geister sich begegnen dürfen.

(Sie fliegt unter klagender Musik ab. Die Ruinen zeigen sich wieder. Flottwell sieht Cheristane nach.)

Elfter Auftritt

Voriger. Liese. Dann Valentin, Rosa, Kinder. Nachbarsleute. Bauern.

Liese (ist die erste auf der Szene). Vater! Vater, nur herauf! Da ist der gnädige Herr, ganz gesund und wohlbehalten noch.

Flottwell. Wer sucht mich hier? (Schließt das Kästchen.)

Valentin (kommt). Wir alle, gnädiger Herr. Das ganze Dorf ist in der Höh.

Flottwell. Was willst du, guter Valentin?

Valentin. Was ich will? Mein Wort will ich Euer Gnaden halten und um Verzeihung bitten für mein ungeschliffnes Weib. Gehst her, Verbrecherin, und kniest dich nieder da.

Rosa (herzlich). Lieber gnädiger Herr! Ich hab mich sehr vergessen heut. Doch mach ich meinen Fehler wieder gut. Sie dürfen nimmermehr aus unseren Haus. Ich werd Sie gwiß wie eine Tochter pflegen.

Die Kinder. Verzeihen S' ihr, gnädiger Herr!

Pepi (kniet nieder).
Lieber Herr, sei wieder gut,
Die Mutter weiß nicht, was sie tut.

Valentin (weint). Das hab ich gedichtet, Euer Gnaden.

Flottwell. Steht auf, ihr guten Leute! Ich habe schon verziehen. Und freue mich, daß ich euch eure Treue nun vergelten kann. Ich bin kein Bettler mehr. Unter diesen Mauern hab ich einen kleinen Schatz gefunden, den mein Vater hier für mich bewahrte.

Valentin. Ah, das ist ein Malheur, und ich hab mich schon gefreut, daß Euer Gnaden nichts haben, damit ich Euer Gnaden unterstützen kann.

Flottwell. So ist es besser, lieber Valentin. Du kannst dein Leben nun in Ruh genießen. Ich nehme dich und deine Frau nun in mein Haus und will für die Erziehung deiner Kinder sorgen!

Rosa, Liese (erfreut). Wir danken herzlich, gnädger Herr!

Hansel (zu den Kindern). Buben, jetzt werden wir lauter gnädige Herrn!

Valentin. Ich werd der Haustischler bei Euer Gnaden. Ich wix und politier das ganze Haus. Aber eins muß ich noch sagen. Ein Menge meiner alten Nachbarn haben sich auch hier angetragen, Euer Gnaden zu unterstützen. Und freuen sich, ihren vorigen Gutsherrn wiederzusehen. Euer Gnaden haben ja allen Guts getan, und einen guten Herrn vergißt man nicht so leicht.

Alle. Vivat, der gnädige Herr soll leben!

Schlußgesang

Valentin.
Wie sind wir doch glücklich, wir stehn auf dem Berg,
Jetzt zeigt sich der Kummer so klein wie ein Zwerg.
Und kommt er uns wirklich auch noch mal ins Haus,
Der Valentin jagt ihn zum Tempel hinaus.

(Der Chor wiederholt die zwei letzten Verse.)

Chor.
Und kommt er uns wirklich auch noch mal ins Haus,
Der Valentin jagt ihn zum Tempel hinaus.

(Auf den Bergen sieht man, wie in der Ferne die Senner und Sennerinnen die Kühe von den Alpen treiben, und sie singen wie Echo.)

Senner und Sennerinnen.
Dudeldide dudeldide! Die Küh treibts von der Alm.

Valentin.
Die Küh treibn die Sennrinnen just von der Alm.
Genügsamkeit bleibt doch die köstlichste Salm,
Der Reiche liegt schlaflos im goldenen Saal,
Doch kummerlos schlummert die Kuh in dem Stall.

Chor.
Der Reiche liegt schlaflos im goldenen Saal,
Doch kummerlos schlummert die Kuh in dem Stall.

Senner und Sennerinnen (in der Ferne).
Dudeldide dudeldide! Wie freut die Kuh der Stall.

Valentin.
Jetzt gehn wir zur Tafel, die macht erst den Schluß.
Für heut ist beendet ein jeder Verdruß.
Doch heb ich bei Tische den Ehrenplatz auf,
Vielleicht setzt sich Ihre Zufriedenheit drauf.

Chor.
Doch hebn wir bei Tische den Ehrenplatz auf,
Vielleicht setzt sich Ihre Zufriedenheit drauf.

Senner und Sennerinnen (in der Ferne).
Dudeldide dudeldide! Zufrieden muß man sein.

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