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Der Verschwender

Ferdinand Raimund: Der Verschwender - Kapitel 13
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDer Verschwender
authorFerdinand Raimund
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000049-1
titleDer Verschwender
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1834
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Achter Auftritt

Vorige. Rosa, schlicht bürgerlich gekleidet, gealtert. Sie trägt einen bedeckten Korb. Hans und Michael mit ihr.

Rosa (erzürnt zu Hans). Was dableiben? Erhalten ein fremden Menschen? Wenn man so viel Kinder zu ernähren hat! Ist dein Vater närrisch? Das ging' noch ab! (Erblickt Flottwell.) Da ist er ja. (Für sich.) Nu, der sieht sauber aus!

Flottwell (der am Tische saß und auf Rosas Reden nicht horchte, steht auf). Guten Tag, liebe Frau!

Rosa (boshaft grüßend). Guten Tag, Herr von Flottwell! Freut uns, daß Sie Ihre alte Dienerschaft aufgesucht haben. So können Sie sich doch wenigstens überzeugen, daß wir arme, aber ehrliche Menschen sein. In unserm Haus hat nie ein Schmuck existiert, wie Sie sehen. Wir haben uns auch in Ihrem Dienst nicht so viel erwirtschaften können als wie gewisse Personen, die sich ein Schloß davon gekauft haben. Ich glaub, Sie werden mich verstanden haben.

Flottwell. Ich verstehe Sie nicht ganz, liebe Frau. Ich erinnere mich nicht genau an alle Ereignisse meines Hauses. Nur das weiß ich gewiß, daß keinem meiner Diener, mit meinem Willen, eine Ungerechtigkeit widerfahren ist.

Rosa (fein). Ah was! Verhältnisse bestimmen die Äußerungen der Menschen. Ich kann Ihnen gar nichts sagen, Herr von Flottwell, als: Sehen Sie sich bei uns um! Können Sie von uns fordern, daß wir in unserer eingeschränkten Lage noch einen Mann erhalten, dem wir nichts zu danken haben als unsern richtigen Lohn, so steht es Ihnen frei, bei uns zu bleiben. Mein Mann ist ein guter Lappe, der läßt sich zu allen überreden. Der nähmet die ganze Welt ins Haus, aber ich bin die Hausfrau, ich hab zu entscheiden, ich kenn unsere Verhältnisse, unsere Ausgaben und unsere Einnahmen. Ich muß für meine Kinder sorgen, wenn sie nichts zu essen haben, und ich kann meine Einwilligung nicht geben. Es wird uns freuen, wenn Sie uns heut auf Mittag beehren wollen. Wir werden uns nicht spotten lassen. Aber für immer? Verzeihen S'! das kann ich nicht zugeben! Heut in meinem Haus und nimmer!

Flottwell (mit empörtem Erstaunen). Nein! Ich hab es nicht gehört! Es war ein Traum! So sprach sie nicht zu Julius von Flottwell, ihrem einstgen Herrn. Zu jenem Flottwell, der im goldumstarrten Saale hundert Schmeichler an der Tafel sah! Zu dem gepriesnen Vater seiner Diener! Zum edelsten der Freunde! Zum besten, schönsten, geist- und goldbeglücktesten der Menschen, und wie die Lügen alle heißen, die ihre Süßigkeit ans volle Glas hinschrieb. So sprach sie nicht zu mir, den dieser Blumenstrauß schon zu so heilger Dankbarkeit entflammen konnte, als hätte ihn ein Engel in des Paradieses Schoß gepflückt? O Weib! Könnt ich den zehnten Teil meines verlornen Glücks zurückbeschwören und zehnfach Elend auf dein altes Haupt hinschmettern, das dich zu meinen Füßen führen müßte, dann sollte meine Großmut dich belehren: wie ungerecht du warst, daß du in meinem Unglück mich so bitter hast gekränkt. (Gebt ab.)

Liese (betrübt). Das hätt die Mutter aber doch nicht tun sollen.

Rosa (zornig). Still sei und marsch in die Kuchel hinaus! (Liese geht ab. Zu den Buben.) Nu habt ihr nichts zu tun?

Hansel (schluchzt). Das sag ich den Vatern, wann er zu Haus kommt. (Geht mit den andern ab.)

Rosa (allein). Das wär eine schöne Wirtschaft! Und wie der Mensch schreit in einem fremden Zimmer! Und er hat ja was von einem alten Haupt gsagt. Hab denn ich ein altes Haupt? Der Mensch muß gar keine Augen im Kopf haben. Das nutzt einmal alles nichts, reden muß man um seine Sach. Wer 's Maul nicht aufmacht, muß den Beutel aufmachen. Ah, da kommt mein Mann nach Haus, den werd ich meine Meinung sagen.

Neunter Auftritt

Vorige. Valentin.

Valentin. So! Jetzt ist die Tür auch wieder in der Ordnung. Ah, bist schon zu Haus, liebes Weib? Das ist gscheid.

Rosa. Ja zum Glück bin ich noch zur rechten Zeit zu Haus gekommen, um deine voreiligen Streiche wieder gutzumachen.

Valentin. Was denn für Streich? Wo ist denn der gnädige Herr?

Rosa. Wo wird er sein? Wo es ihm beliebt.

Valentin. Was? Was hast gesagt? Ist er nicht in der Kammer drin?

Rosa. Such ihn!

Valentin (schaut hinein). Wo ist er denn? (Heftiger.) Wo ist er denn?

Rosa. Was gehts denn mich an? Was kümmern mich denn fremde Leut?

Valentin. Fremde Leut? Hast denn nicht gesprochen mit ihm?

Rosa (unwillig). Ah was!

Valentin. Was ist denn da vorgegangen? Kinder! Kommt alle her.

(Liese. Hans. Hiesel. Michael, der den Pepi führt.)

Valentin. Wo ist der gnädige Herr?

Liese (verlegen). Ja ich –

Rosa (keck). Nun, was stockst? Fort ist er. Was ists weiter?

Valentin. Fort ist er? Wegen was ist er fort? Wann ist er fort? Wie ist er fort? Um wieviel Uhr ist er fort?

Liese. Ja die Mutter –

Valentin. Heraus damit!

Rosa. Nu sags nur! Was fürchtest dich denn?

Liese. Die Mutter hat zu ihm gsagt: Sie behalt ihn nicht im Haus.

Hansel (weinend). Und der Vater machet lauter so dumme Sachen.

Valentin. Das hast du gesagt?

Hiesel. Drauf ist er fortgelaufen und hat geweint.

Valentin (bricht in ein ironisches Lachen aus). Ha! ha! (Klatscht in die Hände.)

Rosa. Nu was sein das für Sachen?

Valentin. Still sei! Kinder, gehts hinaus.

Rosa. Warum nicht gar –

Valentin. Still sei – da setz dich nieder!

Rosa. Du! –

Valentin (drängt sie auf den Stuhl). Nieder setz dich! Kinder, gehts hinaus.

(Die Kinder geben ab.)

Hansel (im Abgehen). Nein, wies in unserm Haus zugeht, das ist schrecklich. (Ab.)

Rosa (springt auf). Jetzt was solls sein?

Valentin. Nur Geduld! Ich hab dich nicht vor den Kindern beschämen wollen, wie du mich! Was ist dir jetzt lieber? Willst du meinen gnädigen Herrn im Haus behalten, oder ich geh auch fort.

Rosa. Was? Was willst du für Geschichten anfangen, wegen einem fremden Menschen?

Valentin. Ist er dir fremd? Mir nicht! Einen Menschen, den ich Dank schuldig bin, der kann mir gar nicht fremd werden.

Rosa. Du bist Vater. Du mußt auf deine Kinder schauen.

Valentin. Er ist auch mein Kind, ich hab ihn angenommen.

Rosa. Nu das ist ein junges Kind.

Valentin. Ja, so jung als du ist er freilich nicht, denn du betragst dich, als ob du vier Jahr alt wärst.

Rosa. Kurz und gut: Ich leid ihn einmal nicht im Haus.

Valentin. Du leidest ihn nicht? Kinder! kommts herein.

(Alle Kinder.)

Alle Kinder. Was befiehlt der Vater?

Valentin. Ziehts euch an, ihr geht mit mir!

Hiesel. Wohin denn, Vater?

Valentin. Das werds schon sehen. Auf die Schleifen gehn wir nicht. Nehmt alles mit. Eure Studien. Das Namenbüchel. Die ganze Bibliothek. Den Hobel. Das ganze Arbeitszeug. Alles!

Rosa. Ah, das ist mir ja noch gar nicht vorgekommen!

Valentin. Gelt? Oh, es gibt Sachen, wovon sich unsere Philosophie nichts träumen läßt.

Hansel. Aber heut nimmt sich der Vater zusammen, das ist gscheidt.

Rosa (stemmt die Hände in die Seite). Du willst die Kinder aus dem Haus nehmen?

Valentin. Ich bin die Ursach, daß sie ins Haus gekommen sind, folglich kann ich s' auch aus dem Haus nehmen.

Liese. Aber Vater, was soll denn das werden? Das wär ja ganz entsetzlich.

Valentin (zu Liese). Willst du bei deiner Mutter bleiben?

Liese. Ja, das ist meine Schuldigkeit.

Valentin. So geh zu ihr! (Liese geht hin.) Buben, gehts her zu mir! (Die Buben treten auf seine Seite.) Das sind die Stützen meines Reiches. Die gehören mir zu. Machts euch fertig!

(Die Buben nehmen alles.)

Hiesel. Was soll denn ich noch nehmen?

Valentin. Den Zirkel, runder Kerl.

Rosa. Er macht wirklich Ernst. Das hätt ich meinen Leben nicht geglaubt.

Liese. Liebe Mutter, gib die Mutter nach.

Valentin. So, jetzt ist der Auszug fertig. Jetzt gebts acht. Jetzt werd ich kommandieren: Rechtsum, kehrt euch, marsch! (Will fort.)

Rosa (ruft ihm reumütig nach). Du Mann! Halt!

Valentin. Was gibts?

Rosa. Ich muß dir noch was sagen!

Valentin (für sich). Aha! jetzt fangen die Unterhandlungen an. (Laut.) Nur kurz! das sag ich gleich.

Rosa (leise). Laß die Kinder hinausgehn.

Valentin. Kinder, gehts hinaus!

Liese (für sich). Nu Gott sei Dank!

Hansel. Mir scheint, die Mutter gibt doch nach. Ja, wann wir Männer einmal anfangen, da muß es brechen oder gehn.

(Die Kinder ab.)

Valentin. Also was willst du jetzt?

Rosa (gutmütig). Schau, überleg dirs doch, du wirst dich überzeugen, ich hab recht.

Valentin. Still sei, sag ich. Oder ich ruf die Kinder herein.

Rosa. So laß doch drauß. Sie zerreißen ja zu viel Schuh, wenn sie immer hin und wieder laufen.

Valentin. Das nutzt dir alles nichts. Aut Aut! Oder, entweder –

Rosa. Gut, ich will mirs überlegen.

Valentin. Nichts überlegen. Heut muß er noch ins Haus, und eine Mahlzeit muß hergerichtet werden, daß die ganze Menschheit die Händ über den Kopf zusammenschlagen soll.

Rosa. Nu mir ists recht! Aber er verdients um uns nicht.

Valentin. Was sagst? Er verdients nicht? Wer ist denn schuld, daß wir so friedlich miteinander leben? Daß ich hab Meister werden können und das Häusel da gebaut hab, als die zweihundert Dukaten, die ich so nach und nach von ihm zu schenken gekriegt hab. Wem haben wir also unser bissel zu verdanken?

Rosa. Mich hat er aber nie mögen.

Valentin. Ist nicht wahr! Der Kammerdiener hat dich nur verschwärzt bei ihm. Sonst wären wir noch in seinem Haus.

Rosa. Ja wenn er eines hätte.

Valentin. Ja so. Da hab ich ganz vergessen drauf.

Rosa. Er hat mich bei jeder Gelegenheit heruntergesetzt. Einmal hat er sogar vor einer ganzen Gesellschaft gesagt –

Valentin. Was hat er denn gesagt?

Rosa. Das sag ich nicht.

Valentin. Geh, sag mirs, liebe Alte. Geh! Wer weiß, ists wahr?

Rosa. Ja es ist auch nicht wahr. Er hat gesagt: ich bin ausgewachsen.

Valentin. Das hat er gsagt? Und das hast du dir seit zwanzig Jahren noch gemerkt.

Rosa. Oh, so etwas vergißt ein Frauenzimmer nie.

Valentin. Nu das mußt ihm halt verzeihen. Mein Himmel! Ein junger Mensch. Er hat halt damals lauter so schiefe Ansichten gehabt. Dann ists ja auch nicht wahr. Du bist ja gebaut wie eine ägyptische Pyramiden. Wer könnt denn dir in deiner Gestalt etwas nachsagen? Das wär ja wirklich eine Verleumdung erster Gattung.

Rosa. Nu, der Meinung bin ich auch.

Valentin. Gelt, Alte, ja, wir behalten ihn da im Haus. Du wirst es sehen, ich werd recht fleißig arbeiten. Es schadt uns nichts. Im Gegenteil, 's geht mir alles besser von der Hand.

Rosa (nach einem kurzen Kampf). Nu meinetwegen. So solls denn sein.

Valentin (springt vor Freude). Bravo Rosel! das hab ich auch von dir erwartet. Ich hätt dich nicht verlassen, wenn ich auch heut fortgegangen wär. Oh! morgen auf die Nacht wär ich schon wieder nach Haus gekommen. Jetzt ist aber alles in der Ordnung. Kinder! kommts herein zum letzten Mal. (Alle Kinder.) Kinder, legt alles wieder hin. Wir ziehen nicht aus. Ich hab mit der Hausfrau da einen neuen Kontrakt abgeschlossen. Vater und Mutter sind versöhnt. Der gnädige Herr kommt ins Haus.

Kinder (alle freudig). Das ist gscheid! das ist gscheid!

Valentin. Drum lauft, was ihr könnt. Kein Mensch darf zu Haus bleiben. Ich nehm den kleinen Buben mit. (Er nimmt Pepi auf den Arm.) Geht zu alle Nachbarn. Fragt, ob sie ihn nicht gesehen haben. Sie sollen euch suchen helfen. Und wenn ihr ihn findet, so bringt ihn her.

Rosa. Der Mann wird närrisch vor lauter Freuden.

Kinder. Bravo! jetzt gehts lustig zu. (Ab.)

Hansel. Vater, verlaß sich der Vater auf mich. Wenn ich ihn pack, mir kommt er nimmer aus. (Geht stolz ab.)

Valentin. Der Bub kann einmal ein großer Mann werden, wenn er so fortwachst. Weib, jetzt komm! Du hast mir viel Verdruß heut gmacht, aber jetzt ist dir wieder alles verziehen. Kein Mensch ist ohne Fehler, wenn einem nur zur rechten Zeit der Knopf aufgeht. Wer weiß, wers noch vergilt, und ich denk mir halt, wenn ich einmal recht alt werd, so möcht ich doch auch andere Erinnerungen aufzuweisen haben, als daß ich einen Stuhlfuß geleimt hab und einen Schubladkasten gemacht. Jetzt komm!

(Beide ab.)

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