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Der verlorene Sohn

Nataly von Eschstruth: Der verlorene Sohn - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorNataly von Eschstruth
titleDer verlorene Sohn
publisherPaul List Verlag
addressLeipzig
year1920
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
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VI.

Monate und Jahre sind vergangen.

Malwine von Abensberg herrscht in dem Hause des Gatten in musterhafter Weise. Alles geht wie am Schnürchen, alles blitzt und blinkt, alles repräsentiert die vornehme Pracht des gräflichen Hauses.

Komtesse Anna-Kathrin und ihr Bruder Quirin machen der trefflichen Erziehung der Stiefmutter alle Ehre, – sie verehren die Gräfin auch sehr, und wenn der Verkehr mit der Mutter auch kein herzlicher und zärtlicher ist – ein solcher erscheint angesichts der strengen, kalten Frau kaum möglich –, so ist doch das Verhältnis ein sehr gutes und ungetrübtes.

Anders mit Graf Götz.

Nachdem sich anfänglich die leidenschaftlichsten und erbittertsten Szenen zwischen Mutter und Sohn abgespielt hatten, Auseinandersetzungen, welche von Götz mit grenzenloser Heftigkeit, von Ihrer Exzellenz mit kaltblütigster Ruhe geführt wurden, trat plötzlich in dem Wesen des jungen Grafen eine auffallende Änderung ein

Er war mittlerweile achtzehn Jahre alt geworden und stand vor dem Abiturientenexamen: anfänglich wollte er dieses um keinen Preis der Welt machen, sondern sogleich Soldat werden.

Da ihm all sein Revoltieren gegen den eisernen Willen der Stiefmutter nie etwas genutzt hatte, da Frau Malwine es voll unglaublicher Konsequenz verstanden,

stets ihren Willen durchzusetzen, änderte Götz seine Taktik und fügte sich mit einem wahren Galgenhumor den Befehlen der gestrengen Mama.

Er war jetzt sogar voll Feuereifers bestrebt, das Examen so schnell wie möglich zu machen, lernte Tag und Nacht, und antwortete nur durch ein seines, ironisches Lächeln, wenn die Gräfin dem »endlich zur Vernunft gekommenen« Sohn in ihrer kühlen Weise Anerkennung zollte.

Götz machte auch jetzt kein Hehl daraus, daß er die Stiefmutter von Grund seines Herzens haßte, aber er zeigte es nicht mehr in seiner erst so wilden, unbändigen Weise, sondern führte Humor und Spott ins Treffen, welche der geistig schwerfälligeren Malwine die entschieden unsympathischsten Gegner waren.

So trat Ihre Exzellenz eines Tages, nachdem der Präsident und seine Gemahlin von einer kurzen Erholungsreise nach Italien zurückgekehrt waren, in das Arbeitszimmers des Stiefsohnes und überzeugte sich, ob die Temperatur des Gemaches den Vorschriften des Arztes entspreche.

Götz war zu starrköpfig, um solche Gewissenhaftigkeit der Mutter als ein Zeichen freundlicher Sorge für sein Wohl aufzunehmen, im Gegenteil, er erachtete es lediglich als Bevormundung, ebenso wie es ihn schon früher ergrimmte, wenn Gräfin Abensberg alles und jedes, was die Kinder anbetraf, sorgfältig kontrollierte, das Essen, die Kleidung, Bewegung im Freien, Spiel und Schlaf.

»Überall muß sie die Nase hineinstecken! Daß man um Gottes willen nicht mal einen eigenen Willen haben könnte!« grollte er unmutig. »Alles muß sie wissen, zu allem ihren Senf dazu geben! Was geht es sie an, wie ich mein Taschengeld verwende? Es ist empörend, daß ich großer Mensch noch darüber abrechnen soll! Kein Baby wird so geknechtet wie ich!«

Sein Erzieher hatte nach solchem Zorneserguß die Achseln gezuckt. »Warum eilen Sie nicht, aus diesen bedrückenden Verhältnissen herauszukommen? Je eher Sie selbständig eine Stellung in der Welt einnehmen, desto eher sind Sie frei!«

»Frei – frei! Darum will ich ja als Avantageur schon jetzt eintreten, um die Ketten zu sprengen,« stöhnte Götz, »aber sie lassen mich ja nicht! Ich soll immer weiter gezwiebelt werden und darum absolut das Abiturium machen. Das ist nur die Rache von der Frau Gräfin, weil ich ihr nicht schmeichle und ehrlich die Zähne weise, darum soll ich noch ein paar Jahre länger unter ihrer Knute schmachten!«

»Wenn Sie bei Ihrer vortrefflichen Begabung sich dahinter setzen, machen Sie in einem halben Jahr das Examen, dann sind Sie selbständig und kein fremder Willen kann Sie mehr zurückhalten! Durch Ihren Widerspruch liefern Sie sich selber in das Gängelband hinein; je länger Sie sich sträuben, desto länger bleiben Sie Kind im Hause, denn machen müssen Sie das Examen, Götz, Sie sollten es erfahren haben, daß, Frau Gräfin ihren Willen durchsetzt.«

Der junge Wann lachte bitter auf. »Ja, das habe ich erfahren – Gott sei es geklagt!« – und dann sah er ein paar Minuten starr vor sich hin, hob jählings das Haupt und murmelte durch die Zähne: »Sie haben recht; es ist besser, wenn ich mich noch einmal füge – ein letztes Mal. Es ist Torheit, gegen den Stachel zu locken! Also vorwärts! Ich mache das Examen – und dann?« – der Sprecher dehnte die Arme, seine Zähne blinkten grell durch die Lippen –, «dann will ich frei sein!«

Von Stund' an lernte er, fieberhaft eifrig, unermüdlich, und der Gouverneur freute sich seines Tricks. Die Gräfin erzählte nach dem Diner dem zerstreuten, überarbeiteten Gatten von dem Erfolg, welcher endlich, endlich bei Götz zu verzeichnen sei.

Da küßte er ihr die kraftvoll schlanke Hand und dankte ihr von Herzen für dieses Meisterstück ihrer trefflichen Pädagogik.

Und nun trat Ihre Exzellenz in das Zimmer des Sohnes, inspizierte das Thermometer und tadelte, daß zu stark geheizt sei, – eine Wärme von über fünfzehn Grad sei ungesund, – und als der junge Graf sich nur tief und noch tiefer als devoteste Zustimmung verneigte, übersah sie solchen Spott und fuhr gelassen fort: «Ich habe heute von fünf bis sechs Uhr Empfang, und da ich es für unerläßlich halte, daß junge Leute sich im Salon die nötigen Manieren aneignen, wünsche ich daß du zugegen bist.«

»Ist tatsächlich soviel bei solch einem ›jour‹ zu lernen? Diener machen und Tee trinken kann ich zur Not.«

»Gewiß! Da dir aber die Gewandtheit eines Kellners allein nicht genügen dürfte, hoffe ich, daß du im Verkehr mit vornehmen Menschen noch ein wenig mehr dazu lernst.«

Wieder eine stumme Verbeugung des Sohnes, die Präsidentin streifte ihn noch einmal mit ihrem kalten, klaren Blick und schloß die Tür hinter sich.

Nun strahlten alle Gaskronen; durch die warmen, duftigen Teppichgemächer eilten die reichgalonnierten Diener, zogen die purpurnen Vorhänge vor den Fenstern zusammen und ordneten auf den kleinen Marmortischen die blitzenden Silbertabletts voll Teebecher, Backwerk, Konfekt und Wein.

Ihre Exzellenz, die Präsidentin, in dem bronzefarbigen schleppenden Seidenkleid, hoch, imponierend, vom Scheitel bis zur Sohle »regierende« Gräfin, stand in dem ersten der Salons und empfing die Besuche, welche bei dem schauderhaften Wetter – der Sturm peitschte wahre Regenfluten gegen die Scheiben – nicht so überzahlreich erschienen wie sonst.

Der junge Graf Götz stand in nächster Nähe seiner Mutter, alle Anreden nur durch stumme Verbeugungen oder Handküsse quittierend, die Augen, wundersam blitzend, auf Ihre Exzellenz gerichtet, als lausche er voll brennenden, alles vergessenden Interesses nur auf jedes Wort, welches zwischen der Gastgeberin und den Ankommenden gewechselt wurde.

Frau Generalin von Zach mit ihren Töchtern trat ein, eilte auf die Präsidentin zu und begrüßte sie voll zeremonieller Höflichkeit. »Welch eine Freude, Sie wieder hier zu sehen, meine teuerste Exzellenz! Sie waren so lange in Italien! – Hoffentlich hatten Sie recht viel Genuß von Ihrem Aufenthalt daselbst?«

Gräfin Abensberg reichte den Töchtern huldvoll die Hand zum Kuß und erwiderte: »Welche Freude, Sie hier zu sehen, meine beste Frau von Zach! – Ja, endlich sind wir wieder daheim, Gott sei Dank, es fing doch schon an, recht heiß in Italien zu werden – –«

Der Präsident trat grüßend herzu, die Tür ward abermals von dem Diener zurückgeschlagen und der Landgerichtsrat nebst Gattin traten ein.

»Exzellenz waren so gütig, zu gestatten ...«

»Wie liebenswürdig, daß Sie bei diesem schlechten Wetter kommen –«

»Ah, Exzellenz sind jetzt durch Italien sehr verwöhnt?«

»Durchaus nicht! Ich liebe die Hitze gar nicht, und es fing doch schon an, recht heiß in Italien zu werden. – Darf ich aber bitten, daß die Damen Platz nehmen? ...«

Hinter Ihrer Exzellenz klirren Sporen. Zwei junge Ulanenoffiziere vermelden ihren Respekt.

»Hoffentlich haben Exzellenz eine recht angenehme Zeit in dem Lande der Kunst und Schönheit verlebt? Nach dem unseren zu schließen, muß ja auch dort das Wetter ideal, gewesen sein!«

»Je nun – das ist Geschmackssache!« lächelte die Gräfin. »Wir sind ein wenig spät gekommen und ward es während der letzten Wochen doch schon allzu heiß!«

»O, sehr fatal!« – und die jungen Herren dienern und wenden sich begrüßend zu Fräulein von Zach.

Götz blickt starr auf die Stiefmutter, diese aber wendet sich schon wieder neuen Ankömmlingen zu und sieht nicht das maliziöse kleine Lächeln, welches um die Lippen des Sohnes zuckt.

»Grüß Gott, meine gnädigste Gräfin! Ausgezeichnet, daß Sie wieder wohlbehalten hier sind! Wir haben recht voll Bedauern Ihrer gedacht. Bei uns hier schon diese unnatürliche Wärme – muß ja im schönen Italien eine Bombenhitze gewesen sein!«

»Sie sprechen ein großes Wort gelassen aus, bester Herr Major – es war allerdings unerträglich heiß! – Ah, meine liebe Frau von Feldern! Haben Sie sich bei diesem Regen auch herausgewagt?«

»Der Ruf zu Ihnen läßt mich jedes Wetter vergessen, Exzellenz! Aber ich höre soeben aus Ihrem letzten Stoßseufzer mit Bedauern, daß Sie in Italien so unter der hohen Temperatur gelitten haben –«

»Es war schrecklich, Liebste! Diese Hitze!«

Der Oberlandesgerichtsrat tritt mit tiefer Verneigung heran und küßt die dargereichte Hand der Präsidentin.

»Hitze?« fragt er bedauernd. »Nichts ist furchtbarer, als Hitze in Italien! Hier bei unserer frischen nordischen Brise erträgt man sie schon – ›da unten aber ist's fürchterlich!‹ – Staub – schlechte Luft – eine bleierne Schwüle ...«

»O – haben Sie schlechtes Wetter in Italien gehabt?« ruft eine dicke Frau Assessorin, mit allen Zeichen tödlichen Schmerzes herzu eilend, die von dem Gerichtsrat freigegebene Hand der Gräfin ihrerseits voll Inbrunst an die Lippen zu ziehen. »Das ist ja schrecklich! – Bei zwanzig Grad im Schatten Museen und Galerien besichtigen, das ist mehr, als normale Nerven vertragen können –«

»Ja, wenn es in Italien nicht so heiß wäre!« ...

»Darf ich bitten, Platz zu nehmen, meine Herrschaften?« wendet sich Exzellenz freundlich lächelnd an den kleinen Kreis, nachdem die hohen Flügeltüren geschlossen blieben und die Zahl der Jourgaste vollzählig schien. Sie selbst nimmt auf dem nächsten Sessel Platz, man gruppiert sich um sie her, die Konversation dreht sich weiter um die Hitze in Italien ...

Lautlos gleiten die Diener einher und reichen Tee und Süßigkeiten, – und nach zehn Minuten erhebt sich Frau Generalin von Zach und empfiehlt sich mit ihren Töchtern, da »leider« das Konzert heute so früh beginne – –

Die Ulanen schließen sich an, auch die anderen Herrschaften empfehlen sich; die Gastgeberin selber macht keinen Hehl daraus, daß auch sie beabsichtigt, den unübertrefflichen Gura zu hören.

Man geht.

Ein Empfang bei der Präsidentin pflegt nie sehr lange zu dauern, – das ist unschick.

Nach wenigen Minuten ist es still in den glänzend erleuchteten Salons geworden, und Graf Bolko tritt mit abgespannten Zügen neben seine Gemahlin und bittet sie, allein in das Konzert zu fahren, da er noch arbeiten müsse.

»Möchtest du nicht Mama begleiten, Götz?«

Der junge Graf verneigte sich sehr tief.

»Bedaure, Papa, ich habe noch lateinische Repetition. Außerdem habe ich heute schon so enorm viel auf Mamas Jour gelemt ...«

»Gelernt? – Hier? – Was?!«

Ein unbeschreiblich spöttisches Lächeln zuckt um die Lippen des jungen Mannes, sein Blick trifft die Gräfin.

»Ich machte die überraschende Tatsache zu meinem geistigen Eigentum, daß es in Italien bei fünfundzwanzig Grad Hitze im Schatten – recht heiß ist!«

Malwine zuckt unwillkürlich zusammen, das Blut schießt ihr in die Wangen, sie ist momentan fassungslos.

Dann hebt sie ruhig das Haupt und ihr eisiger Blick trifft den Spötter. »Und das ist alles, was du profitiert hast? Ich hoffte, du würdest in erster Linie lernen, deine vorlaute Zunge zu zügeln!«

Götz verneigt sich abermals sehr tief. O, wie Malwine seine ironischen Verbeugungen haßt! – Das seine Lächeln um seine Lippen verschärft sich und im nächsten Augenblick ist er hinter der Tür verschwunden.

Gräfin Abensberg aber tritt erregt an das Fenster und starrt in die stürmische Nacht hinaus; die Erbitterung steigt glühend heiß in ihr empor. Undank, schnöden Undank erntet sie für all ihren guten Willen! Nichts, nichts als Enttäuschungen bringt ihr das Leben, – ach, daß sie es samt allen Lasten und Bürden von sich werfen könnte! Ist sie zu schwach, den Widerhaken Götz' zu biegen?

Sie preßt die Lippen zusammen und richtet sich hoch auf. »Rein! – sie wird ihn biegen, – gleichviel, ob er dabei zerbricht!«

 


VII.

So erbittert wie die Stiefmutter in Sturm und Wetter hinausblickte, so erbittert haderte auch der junge Graf mit seinem Schicksal.

Er hatte sich in seinem Zimmer auf die Ottomane geworfen und lachte leise und sarkastisch vor sich hin.

»Und so etwas nennt man nun Verkehr, Geselligkeit, Leben! – Diese mordende Langeweile! Dieses blödsinnige Geschwätz von der italienischen Hitze! Dieses Geknickse, Handküssen, Lächeln und liebenswürdige Phrasendreschen!

Noch nie hat sich Götz so angeekelt gefühlt von dem »Salonton« wie heute.

Seine Mutter hatte ein auffallendes Talent, ihm die Sitten und Formen der guten Gesellschaft immer nachdrücklicher zu verleiden.

Und in solch einer Tretmühle soll er auch mitkämpfen, so fabelhaft wohlerzogen soll auch er über die Hitze in Italien mitreden!

Wie in wilder, leidenschaftlicher Heftigkeit beißt Götz die Zähne zusammen.

»Nie, nie!« – Er würde sich selber lächerlich vorkommen! Er würde sich erniedrigen, wenn er dieselben Sklavenketten trüge, wie all diese rückgratlosen Menschen, welche ihrem Leithammel nachtrotten und mechanisch nachäffen, was andere ihnen vormachen.

Wer hat das Recht, Regeln über Anstand, Form und Etikette vorzuschreiben? – Wer beschränkt und beschneidet die Freiheit der lieben Nächsten? Götz wird nie danach fragen, was modern, was schick und wohlanständig sei! – Er wird nicht am späten Abend zu Mittag essen, denn das ist Unnatur, ist ein Unding: er wird nie verlangen, daß seine Diener beim Servieren die linke Hand auf den Rücken legen, wie ausgerenkte Mißgeburten. Warum das? Er teilt diesen Geschmack nicht und läßt sich keine Vorschriften machen. Er schirrt seine Kutschpferde so an, wie er es hübsch findet – er trägt keine Handschuhe, wenn es ihm unbequem ist – er begrüßt keine Menschen, welche ihm langweilig sind!

O, wie haßt Götz all diesen Zwang und diese Äußerlichkeiten, mit welchen man ihm das Leben vergällt, solange er zurückdenken kann. Jetzt erträgt er noch grollend sein Joch und knirscht in das Gebiß – aber wenn er erst frei ist – frei und sein eigener Herr – dann wird er mit Wonne all diesen Ballast über Bord werfen und alles – alles nachholen, was er in dieser langen Zeit der Knechtschaft entbehrte! Könnte er jetzt eine Zigarette rauchen, einen interessanten Roman lesen!

Haha! Den Robinson Crusoe! Den erlaubt die gestrenge Frau Gräfin vielleicht!

Tabak, Wein, Bier – alles hat sie ihm bis auf ein Minimum beschränkt, denn diese tödlichen Gifte taugen einem jungen Körper nichts – und ein Buch von Zola, von Tolstoi ist ihrer Ansicht nach ein noch schlimmeres Gift, welches die Seele mordet. Also Zuckerbrei und ein hübsches Bilderbuch, haha! – Und dabei sproßt dem Baby schon der Bart auf der Lippe.

»Geduld, Geduld – noch ein halbes Jahr – und dann« – die Augen des jungen Mannes blitzten auf, voll Ungestüm wühlte er die Finger in das lockige Haar – »dann habe ich erreicht, wonach ich mein Leben lang gelechzt – die Freiheit!«

»Wenn du dein Examen nicht nur absolvierst, sondern es sogar sehr gut und glänzend machst, gestatte ich dir, bei der Garde-Kavallerie einzutreten!« – hatte Seine Exzellenz dem Sohne versprochen, und da die Residenz mit ihrem flotten, wechselvollen Leben, mit ihrem pikanten Spiel von Licht und Schatten einen besonders lockenden Geiz auf Götz ausübte, so strengte er sich an und bestand das Examen tatsächlich in überraschend guter Weise.

Malwine hatte leider zu spät von dem, ihrer Ansicht nach sehr leichtsinnig gegebenen Versprechen des Grafen gehört.

Der heiße Boden der Großstadt schien ihr durchaus gefährlich für einen solchen Durchgänger wie ihren Stiefsohn, welchen sie gern unter strenger Kontrolle behalten und darum in nächster Nähe in einem Kavallerieregiment untergebracht hätte.

Der Präsident jedoch wollte sein Wort durchaus nicht brechen, auch war er von dem plötzlichen Lerneifer und dem guten Examen des Sohnes gerührt und überzeugt, daß Götz unter der strengen Zucht der Mutter dauernd gebessert und zur Vernunft gekommen sei.

Mein Gott, er hatte ja nie etwas wirklich Leichtsinniges oder gar Schlechtes begangen; er war ein Brausekopf, steckte voll wunderlicher unreifer Schrullen und Ansichten über Leben und Freiheit und neigte dazu, gegen althergebrachte Gesetze und Sitten zu revoltieren.

Gerade solche wilde Sprossen werden einem jungen Bäumlein in der Großstadt am besten gestutzt. Ein paarmal tüchtig anrennen, sich blamieren und seine Erfahrungen machen, und aus dem »wilden Knaben« wird ein wohlgesitteter Mann, welcher den Fluch der Lächerlichkeit kennengelernt und sich davor scheut.

Zum erstenmal im Leben fügte sich Seine Exzellenz nicht dem Willen der energischen Gattin, zum triumphierenden Entzücken seines Sohnes, welcher die »Intrigen« der Frau Mama schnell gewittert und in leidenschaftlicher Erregung der Entscheidung des Grafen geharrt hatte.

Götz nahm von dem Vater demzufolge einen beinahe herzlichen, von den jüngeren Geschwistern einen geradezu zärtlichen und innigen Abschied.

Er faßte Anna-Kathrins blondes Köpfchen zwischen seine Hände und blickte ihr lange in das zarte, rosige Gesicht.

»Für mich hat das Elend nun ein Ende, Schwesterchen,« murmelte er, »und Quirin wird mir bald folgen und ebenfalls den Kappzaum abstreifen, aber du, armes kleines Ding mußt noch warten, bis einmal ein Königssohn mutig durch die Dornenhecken in dies verwunschene Schloß dringt und sein Prinzeßchen dem Drachen abkämpft!«

»Ein Königssohn?« lachte die Kleine unter Tränen – »schön, ich werde aufpassen, ob einer über den Zaun springt, – ob er schön und gut ist, wie ein Prinz aus dem Märchenbuch, – der soll mich dann mit in sein Königreich nehmen! – Vorerst aber bin ich noch gern daheim! Ich begreife nicht, daß du dich immer so unglücklich bei uns gefühlt hast, Götz! – Was mangelte dir? War Mutter nicht immer gut zu uns?«

»Gut, gut!« Der junge Graf lachte scharf auf. »Worin bestand die Güte, Anna-Kathrin?«

Die Kleine zupfte verlegen an der hellblauen Haarschleife.

»Nun – sie ist wohl nie so zärtlich und innig zu uns gewesen, wie unsere richtige Mama, – aber sie war auch niemals böse oder ungerecht! Geküßt hat sie uns freilich nie, aber doch treu für uns gesorgt; Mademoiselle sagte noch jüngsthin: ›So gewissenhaft, wie es Exzellenz mit den Kindern nimmt, sah ich noch keine andere Mama! Alles überwacht sie persönlich, alles muß vom Besten sein, alles so gesund und bekömmlich eingerichtet werden, wie möglich –‹«

»Ja, sie überwachte uns! Gott sei's geklagt – mit ihrer Korrektheit hat sie mich gepeinigt bis aufs Blut!«

»Du bist so heftig, Götz! Du vergißt ganz, daß doch alles nur zu unserem Besten geschieht!«

»Ja, ich vergaß es – und vergesse es hoffentlich bald ganz!« atmete der junge Graf mit bitterem Lächeln auf. »Ich werde Lethe trinken, um das Andenken an meine Kindheit auszulöschen. Wie gut, daß du so geduldig und brav bist, mein kleines Mädchen, ein so ganz anderes Blut als dein wilder Götz! Auch Quirin ist ein Herdentier und trabt gehorsam im vorgeschriebenen Geleise, – das ist gut, und er fühlt sich wohl dabei. Möchte es immer so bleiben. Und nun leb' wohl, mein Liebling! Ich sehe dich so bald nicht wieder.«

»Du kommst doch während des Urlaubs heim?«

Götz zuckte mit glimmendem Blick die Achseln.

»Ich glaube es nicht; ich möchte jede freie Zeit benutzen, um zu reisen. Wenn man so lange im Käfig gesessen und während des Sommers höchstens den Gutshof oder das liebliche Kinderbad Wyk zu sehen bekommen hat, dann zieht es einen hinaus in die Welt. – Aber gleichviel, ob ich wiederkomme oder nicht, ich behalte dich lieb, Anna-Kathrin, du, die einzige hier, an welcher meine Seele hängt, und ich denke, auch du bewahrst mir ein Plätzchen im Herzen, und wenn du Zeit hast, dann schreibst du mir!«

Sie warf sich schluchzend an seinen Hals und küßte ihn, und er küßte sie wieder und scherzte: »Und dann vergiß nicht und paß auf, wenn der Königsohn über den Zaun klettert!«

Da lachte sie wieder, und die Tränen trockneten. Von der Stiefmutter verabschiedete er sich mit dem zeremoniellen Handkuß, welchen er gewohnt war, auf ihre schlanke Rechte zu drücken.

Er hatte ein paar höfliche Phrasen sagen wollen, als er aber in die kalten Augen sah und die guten Ermahnungen hörte, welche Exzellenz dem scheidenden Sohn mitgeben zu müssen glaubte, da erstarb ihm das Wort auf der Lippe und es würgte ihn auch in diesem letzten Augenblick ebenso in der Kehle, wie all die langen Jahre, wenn er Strafpredigten oder »salbadernde Moralpauken« über sich ergehen lassen mußte.

Mit ein paar Sätzen sprang er die Treppe hinab in den Wagen, und als er in dem Eisenbahnabteil stand und der Zug sich in Bewegung setzte, ihn aus dem Elternhaus hinaus in eine fremde, bunte, herrliche Welt zu führen, da breitete er mit blitzenden Augen die Arme weit aus und ein einziger, ungestümer, halb erstickter Jubelschrei brach über seine Lippen – »Frei!«

Graf Bolko Abensberg war stets ein sehr generöser Mann gewesen, welcher viel Wert darauf legte, seines alten Namens Glanz vor der Welt leuchten zu lassen.

Die Zulage, welche der Regimentskommandeur für Götz forderte, war schon eine verhältnismäßig hohe, der Präsident erhöhte sie noch freiwillig um ein Beträchtliches und war auch in diesem Punkte zum erstenmal nicht der Ansicht seiner Gemahlin, sondern handelte derselben direkt entgegen.

Malwine schüttelte sehr mißbilligend den Kopf, als der Graf die Summe nannte, welche er seinem Sohn als Zulage bestimmt hatte.

»Ich halte deine Freigebigkeit für ganz verfehlt, lieber Bolko!« sagte sie in ihrer so ernüchternd ruhigen Weise. »Meiner Ansicht nach muß ein junger Mann, welchen ich mit deiner Zustimmung bisher unter strenger Kontrolle gehalten, zu allererst im Leben lernen, sich einzuschränken und gut Haus zu halten. Die überreichlichen Mittel, welche du Götz bewilligst, müssen ihn naturgemäß verwöhnen und leichtsinnig machen. Er hat leider genug Anlage dazu, und dieselbe zu beschränken anstatt zu fördern, ist Pflicht der Eltern.«

Seine Exzellenz schüttelte etwas nervös den Kopf. »Ich danke dir für deinen so wohlgemeinten Rat, liebe Malwine, und bitte zu verzeihen, wenn ich dir auch diesmal widerspreche. Ich kann meinen Sohn unmöglich in einem Garde-Kavallerieregiment derart pauvre auftreten lassen! Er hat meinen Namen zu repräsentieren, und alle Welt weiß, daß mir die Mittel dazu zur Verfügung stehen! Ich weiß, was für Ansprüche in der Residenz gestellt werden, und bin tolerant genug, der Jugend gewisse Rechte einzuräumen.«

»Ja, wäre Götz ein anderer!«

»Gerade darum, weil er ›kein anderer‹ ist, muß man mit seiner Eigenart rechnen. Du sagst selbst, er sei ein Durchgänger und habe Anlage zum Leichtsinn! Nun wohl! Statte ich ihn nicht genügend aus, wird er zweifelsohne Schulden machen, denn er ist noch nicht Charakter genug, um so manchen Lockungen der Großstadt zu widerstehen. Ehe ich aber fünfzig oder mehr Prozente an Wucherer bezahle – denn die Wechsel meines Sohnes müßte ich doch auf jeden Fall einlösen – gebe ich das Geld lieber gleich an den Jungen, um ihn in die Lage zu versetzen, während jener ersten Sturm- und Brausejahre sein Leben genießen zu können, ohne in die Versuchung geführt zu werden, leichtsinnig zu handeln und sich einem Halsabschneider in die Arme werfen zu müssen!«

»Und du hast wahrlich den naiven Glauben, daß Götz bei der hohen Zulage keine Schulden macht?«

Der Präsident schritt unruhig auf dem dicken Teppich auf und nieder.

»Ich hoffe es, und möchte alles tun, was in meinen Kräften steht, um es zu verhindern.«

»Und wenn es doch geschieht?«

Der Graf lächelte plötzlich und zog die Hand seiner Gemahlin ritterlich an die Lippen. »Dann sehe ich ein, daß irren menschlich war und daß meine teuere Maltwine mehr Menschenkenntnis besitzt als ich!«

»Zu spät!«

»O, nicht doch! Ich appelliere dann abermals an deinen Scharfsinn und liefere dir den Sünder aus, damit du sein leckes Schifflein wieder in das rechte Fahrwasser lenkst! Das wird aber, so Gott will, nie der Fall sein! Vorläufig glaube ich noch an meinen Sohn! Er ist ein Abensberg! Wie sollte Art so von guter Art lassen! Oft werden gerade die Sorgenkinder die trefflichsten Männer, wie der Most, welcher am meisten gärt, der beste Wein wird!«

Malwine seufzte. »Verhüte der Himmel, daß du je eine Enttäuschung erlebst!«

 

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