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Der verlorene Sohn

Nataly von Eschstruth: Der verlorene Sohn - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorNataly von Eschstruth
titleDer verlorene Sohn
publisherPaul List Verlag
addressLeipzig
year1920
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
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IV.

Nach dem qualvollen Seelensturm jener ersten Nacht und des darauffolgenden Tages schimmerte es endlich wie mildes Sternenlicht durch schwarzes Gewölk.

Malwine empfand zum erstenmal den Gedanken, von Helmut geliebt gewesen zu sein, wie einen süßen, wehmutvollen Trost. Sie machte es sich klar, daß sie trotz all der Bitterkeit ihres Schicksals dennoch reicher und glücklicher gewesen sei, als ungezählte andere Mädchen, welche leben und sterben, ohne jemals ein zärtliches Gefühl erweckt, ohne ihre heiligsten Gefühle erwidert gesehen zu haben!

Sie aber war von dem besten, herrlichsten und idealsten aller Männer geliebt worden, sie war keine Bettlerin an Glück und Liebe, sondern eine Märtyrerin, – nicht eine Geächtete, welche nie besessen, sondern eine Reiche, Überreiche, welche alles dahin gab, welche alles verlor, um das eine Königin sie beneidet hätte!

Malwine hob das Haupt bei diesem Gedanken unwillkürlich höher, ihr starres Auge leuchtete auf, ein milder Glanz lag über dem verbitterten, schmerzentstellten Antlitz.

Nein, sie war kein Stiefkind des Glückes gewesen! Einmal hatte auch sie geliebt und war wieder geliebt worden, – dies wird ihrem Dasein den Wert, ihrem Schicksal ein versöhnliches Ausklingen geben; – und still, gefaßt und ruhig hing sie den schlichten Lorbeerkranz über den Arm, um sich zur Beerdigung des heißgeliebten Mannes zu begeben. Ihr Onkel begleitete sie.

Eine Anzahl fremder Trauergäste empfing sie in dem dämmerigen Vorzimmer; der Sanitätsrat trat ihnen bleich und ernst entgegen und führte sie zu einer schlanken, jungen Frau, leise die gegenseitigen Namen zu flüstern.

Klara von Hausmann – Helmuts Schwester!

Jählings streckte ihr Malwine beide Hände entgegen, und die Schwester des Toten ergriff sie schluchzend und stammelte ein paar unverständliche Worte.

Und dann standen sie nebeneinander während der kurzen Feier, und als der Sarg hinausgetragen warb und die junge Frau in bitterem Schmerz zusammenbrach, da blieb Malwine stark, zog sie an ihre Brust und stützte sie.

Die Herren folgten dem Entschlafenen zu seinem letzten Ruhekämmerlein, die beiden Damen aber blieben einsam zurück in dem bereits dunkelnden Zimmer, auf dessen Dielen die welkenden Blumen zerstreut lagen, durch dessen schwüle Luft die Duftwogen der Hyazinthen und Gardenien, der Nelken und Tuberosen zogen, in dessen Ecken noch die hohen Leuchterkerzen wie trübe, rote Punkte brannten.

Malwine zog die Schluchzende neben sich auf das Sofa nieder, lange blieb es still zwischen ihnen, dann umschloß Frau von Hausmann die kühlen Hände der Fremden mit zitterndem Druck und sagte leise: »O, wie gut sind Sie zu mir, liebste Baronin, wie danke ich Ihnen, daß Sie bei mir bleiben! Sie kannten meinen armen Brüder erst so kurze Zeit, und nehmen doch soviel Anteil an seinem namenlos traurigen Geschick!«

»Ich lernte Helmut Novalla in dieser kurzen Zeit wohl besser kennen, als manche andere in langen Jahren!« antwortete Malwine, und sie wunderte sich selber, wie ruhig und wie weich ihre Stimme klang.

»Er hat Ihnen seine Kompositionen vorgespielt und vorgesungen?«

»Sie werden mir ewig unvergeßlich sein!«

»O, wie danke ich Ihnen für dieses Wort! So hielten Sie meinen Bruder auch für einen gottbegnadeten Künstler?«

Malwine preßte schwer atmend die Lippen zusammen. »Wenn nicht ihn – wen sonst!« rang es sich wie ein leises Stöhnen aus ihrer Brust, Klara aber richtete sich voll schmerzlicher Erregung empor und schluchzte abermals: »O, welch eine Zukunft hätte er gehabt, wieviel des Glücks lächelte ihm gerade jetzt – und anstatt Lorbeer und Myrten zu ernten, muß er hinweg von uns, in ein so frühes, frühes Grab!«

»Myrten?« stammelte Malwine und fühlte, wie ihr alles Blut jäh in die Wangen schoß. Frau von Hausmann aber sah es nicht, sie nickte mit dem Tuch vor den Augen.

»Helmut stand im Begriff, sich zu verloben,« sagte sie zerstreut; »er schrieb mir vor etlichen Wochen selber davon.«

»Vor etlichen Wochen?« wiederholte Fräulein von Ries überrascht.

»Ja, es mögen schon Wochen sein! ... Daß er sich auf seiner Reise – ich glaube in Nizza –.M über die Ohren in eine junge Dame verliebt hatte, merkte ich schon damals aus allen seinen Briefen ... Aber ich glaubte nicht recht daran, sie waren meiner Ansicht nach so grundverschieden in allen Dingen ... Aber schließlich ... Gerade vor kurzem noch gestand er es mir ehrlich ein, und betonte gerade diese Verschiedenheit als so sehr anziehend ... Ich glaubte, verehrteste Baronin, daß Sie davon gewußt ... Ich dächte, er hätte geschrieben ...? Ja, wie war es doch ...? Ach mein Kopf ist so weh und so zerfahren ... Ein Erfolg seiner Oper am hiesigen Theater sollte wohl den Ausschlag geben...« Wie ein Bild von Stein starrte Malwine die Sprecherin an. »Nein, davon sagte er mir kein Wort!« klang es tonlos von ihren Lippen.

»Sie kannten sich ja auch erst so kurz; da wagte er wohl nicht, über seine Herzensangelegenheiten Zu sprechen.«

»Ihr Herr Bruder war zu allen Damen sehr liebenswürdig?«

Klara achtete in ihrer Aufregung nicht auf den veränderten Ton und Ausdruck, sie lächelte schmerzlich.

»Man hat Ihnen gesagt, er sei ein Courmacher? Wahrlich nie in leichtfertigem Sinn! Seine so impulsive Künstlernatur ist wohl oft mißverstanden ... sein Temperament ging manchmal mit ihm durch, und wenn ihm jemand gefiel, so äußerte er das voll geradezu naiver Aufrichtigkeit! Er behauptete ja anfangs auch, seine Schwärmerei in Nizza für die reizende Schwedin sei nur Kunstenthusiasmus – er begeistere sich für alles Schöne – aber gerade in dem letzten Brief gestand er seine Heiratsabsichten ein! O, wie war ich so glücklich darüber, ich fürchtete stets, eine Diva werde es ihm antun...«

Die Sprecherin unterbrach sich, die Herren kehrten von dem Kirchhof zurück und der Generalintendant verneigte sich noch einmal vor Frau von Hausmann, sagte ihr noch ein paar Worte der Teilnahme und bot Malwine den Arm. Diese reichte Klara stumm die Hand – andere Herren traten herzu, – der Abschied ward dadurch abgekürzt, denn Frau von Hausmann warf sich mit den Worten: »Onkel Georg! Du auch hier?« an die Brust eines älteren Offiziers.

Schweigend verließ Malwine das Zimmer.

»Wie liebenswürdig war es von Frau von K., daß sie bei mir blieb!« fügte Klara später zu dem Sanitätsrat.

»Frau von K. Du irrst, jene Dame war nicht die Gemahlin, sondern die Nichte des Intendanten! – ein Fräulein von Ries!« berichtigte dieser, und Frau von Hausmann seufzte: ,Das ahnte ich nicht! Ach, ich bin so aufgeregt, so zerstreut – ich wollte sie unterhalten, fürchte aber, ich habe recht konfuses Zeug geredet.«

 

Schweigend trat Malwine in ihr Zimmer, nahm mit zitternden Händen den Brief, welchen Hellmut ihr zuletzt mit den Rosen gesandt und welchen sie als ihr größtes, heiligstes Kleinod bewahrte, und zerriß ihn langsam in tausend kleine Stücke, ballte sie zusammen und schleuderte sie in den Kamin. Leichenhaft starrte ihr Antlitz in die züngelnden Flammen, welche das Papier gierig faßten und verschlangen. Der Wind sauste im Schornstein, halb wie Lachen, halb wie Weinen klang es, eine wunderliche, wilde Melodie, so wie jener Mann, den sie heute in die kalte Erde gebettet, sie noch im Fieberwahn gesungen:

»Todesschatten umwallen mein Haupt ...«

Wie hatte Malwines Herz sonst so weh und bang bei diesen unheimlich prophetischen Worten aufgezuckt, – jetzt lag es still und kalt wie ein Stück Marmelstein in ihrer Brust, und die Augen, welche vor wenig Stunden noch so bitterlich hier an derselben Stelle geweint, schauten brennend heiß und trocken ins Leere, als hätten sie nie gewußt, was eine Träne sei.

Langsam setzte sich Malwine in einen Sessel nieder und verschlang die Hände im Schooß.

Begriff sie es überhaupt? Konnte sie es fassen?

Helmut Novalla hatte sich in nächster Zeit verloben wollen, – mit einer andern.

Nein, nicht mit ihr, der blinden, törichten und häßlichen Närrin, sondern mit einer andern, die schön und jung war, die er bereits in Italien geliebt, um derentwillen seine Oper einen großen, durchschlagenden Erfolg an einem der ersten Theater haben mußte.

Und Malwine?

Sie war die Nichte eines der einflußreichsten Generalintendanten, sie war naiv und harmlos genug, an Blicke und Worte zu glauben, welche ja nur das leichterregte Wesen eines schwärmerischen Künstlers spiegelten.

Nichts mehr als das! – Wenn überhaupt so viel: wenn nicht in diesem Fall der Künstler noch vor dem Spekulanten zurücktrat.

Malwine lachte plötzlich auf, – ein kurzes, scharfes, krankhaftes Lachen.

Und ihre Mutter hatte ernstlich geglaubt, Doktor Novalla habe Absichten auf die Hand der Tochter, und auch Onkel Karl hatte den »schwärmerischen Worten des Künstlers« einen tiefen und reellen Sinn untergeschoben, – ja, sogar sie selbst, Malwine, hatte ihr ganzes, volles, heißes, ehrliches, liebezärtliches Herz an den »Künstler« weggeworfen, sie hatte gelacht und geweint und in den Mondschein hinausgeträumt wie ein bleichsüchtiger Backfisch, – sie hatte an Männerworte, an Glück und Liebe geglaubt.

»Närrin!« – lacht der Wind im Kamin – »Närrin!«

Nur ihr Vater hatte sich den klaren Blick nicht blenden lassen.

Als Frau bin Ries ihm Andeutungen über ihre Hoffnungen gemacht, hatte er kurz aufgelacht und den Kopf geschüttelt.

»Ihr Frauenzimmer seid nicht recht gescheit! So ein Windhund von Künstler wird grad auf die Malwine gewartet haben! – Seine Oper soll sie bei Onkel Karl anbringen, weiter nichts.«

Wie grausam, wie schroff und ungerecht hatte sie diesen Ausspruch gefunden, und doch war er der einzig richtige gewesen.

Ja, ihr Vater, der die Welt so streng und nüchtern ansah und beurteilte, den sie einen Bärbeißer nannten, weil er gerade und fest seinen Weg ging und alle Leute und alle Dinge beim rechten Namen nannte, – er war allein sehend geblieben, während sie alle mit Blindheit geschlagen waren.

Ja, so wie der Vater – so kalt und unbekümmert einhergehen, nur Recht und Pflicht sich zum Wegweiser machend – ohne Illusionen, ohne weichliche Gefühle, ein Mann von Stahl und Eisen – das war Glück!

Da gab es keine Enttäuschungen, kein Herzweh. Es gab nur Erfolg oder Mißerfolg seines Tuns.

Malwine lichtete sich mit energischem Ruck auf und strich langsam über die Stirn.

Fort mit dem Vergangenen, – es soll vergessen sein!

Jene kurze, süße Lüge, jener holde Wahn von Liebe, Treue und Glück hat niemals existiert, Malwine von Ries hat geträumt, und sie hat im Traume kennengelernt, was Falschheit ist.

Nun, da sie aufgewacht, zieht sie die Lehre daraus.

 

Eintönig zogen die Jahre dahin.

Frau von Ries war nach der herben, schweren Enttäuschung, welche ihr Novallas Tod gebracht, wenn möglich noch verbitterter als zuvor, denn sie grollte dem Schicksal, daß es ihre liebsten Wünsche abermals vor Türschluß vernichtet hatte. Malwine hatte sie nie über ihren Irrtum aufgeklärt, sie freute sich, als der Sanitätsrat einen Ruf in eine größere Stadt erhielt und nach dort übersiedelte.

So wurde niemals mehr der Name Novalla erwähnt.

Von der Geselligkeit zog sie sich nach Möglichkeit zurück, nur wenn dieselbe den Beigeschmack der Wohltätigkeit erhielt, war Fräulein von Ries auf ihrem Posten.

Sie hatte sogar daran gedacht, sich ganz und gar dem Diakonissenberuf zu widmen, einesteils aber verbot es ihr der Vater, andrerseits sagte ihr die Oberin voll ehrlicher Offenheit: «Sie taugen nicht dazu, Fräulein Malwine! Eine Diakonisse muß die verkörperte Weichheit, Herzlichkeit und Milde sein, – diese drei Eigenschaften sind Ihnen aber völlig fremd. Sie sind gewissenhaft und aufopfernd bis zur Selbstverleugnung, Sie scheuen keine Mühe, keine Arbeit, – aber Ihre Augen blicken zu streng und kalt für leidende Menschen, Ihre Hände sind zu hart und fest, um über Wunden und fieberheiße Stirnen zu streichen!«

Und so war es auch.

Malwine war fünfundvierzig Jahre alt geworden.

Sie galt in der ganzen Stadt, im großen, weiten Bekannten- und Verwandtenkreise für eine ganz vortreffliche, tadellose Person, welche ein strenges, aber gerechtes Regiment im Hause führte und nichts Höheres und Heiligeres kannte, als treueste Pflichterfüllung.

An eine gewisse Härte und Schroffheit in ihrem Wesen hatte man sich gewöhnt und nannte sie die rauhe Schale für den goldenen Kern; sie war ein eigenartiges, respekteinflößendes Wesen, und die Überzeugung von diesen Tatsachen hatte wohl auch den Brief diktiert, welcher eines Tages, als größte aller je erlebten Überraschungen, in dem Hause Ries eintraf.

Sein Verfasser war Seine Exzellenz, der Regierungspräsident Graf Bolko von Abensberg, einer der reichsten Großgrundbesitzer der Provinz, welcher, seit drei Jahren verwitwet, in einer größeren, benachbarten Stadt lebte.

Derselbe schrieb an Frau von Ries folgendermaßen:

Meine hochverehrte, gnädigste Frau! Es lag in meiner Absicht, in diesen Tagen persönlich in Ihrem Hause vorzusprechen, um das, was nun statt meiner vorerst dieses Schreiben mitteilen wird, persönlich mit Ihnen zu besprechen, unaufschiebbare Amtsgeschäfte verzögern meine Reise, und nach reiflichem überlegen halte ich es auch für richtiger, Sie zuvor brieflich von dem Zweck meines Besuches in Kenntnis zu setzen, um zu erfahren, ob derselbe überhaupt – nach Kenntnisnahme meiner Wünsche, noch genehm ist. Ich wende mich an Sie, meine hochverehrte, gnädige Frau, weil in allen delikaten Sachen eine Aussprache zwischen Mutter und Kind leichter ist, als zwischen einem Vater und seiner Tochter. – Darf ich zuvor ein paar Remimscenzen des Winters 18.. wecken? Ich lernte damals – vor nunmehr vier Jahren – Ihr Fräulein Tochter Malwine auf dem großen Basar der Fürstin Thekla kennen. Wir plauderten eingehend, und sowohl auf mich, wie auf meine damals noch lebende Frau machte Ihr sehr geehrtes Fräulein Tochter einen hervorragend günstigen Eindruck. – Dann sah ich Fräulein Malwine vor zwei Jahren, anläßlich der silbernen Hochzeit des Generals von Fall wieder, und gestehe gern ein, daß mir das ernste, gediegene und würdevolle Wesen Ihrer Tochter abermals außerordentlich gefiel. – Ich nehme an, daß Ihnen meine Lage bekannt ist, gnädigste Frau. Ich bin seit drei Jahren verwitwet, Vater dreier Kinder. Mein ältester Sohn ›Götz‹ zählt gegenwärtig vierzehn Jahre, der zweite, Quirin, feierte gestern den achten Geburtstag, und meine kleine Anna-Kathrin steht im sechsten Lebensjahre. – Sie sehen, meine gnädigste Frau, meine armen Kinder stehen noch in einem Alter, wo sie der mütterlichen Sorge und Pflege am meisten bedürfen, wo eine weiche und doch energische Hand sie leitet und vornehme Ansichten und ehrenhafte Gesinnungen in ihnen geweckt und gepflegt werden müssen. Bisher hatte meine Kusine Alma, Baronin Rissel, die Güte, meinem großen Hausstand vorzustehen und die Erziehung der Kinder zu beaufsichtigen. Leider erkrankte sie so schwer, daß sie dauernd Aufenthalt im Süden nehmen muß, auch war ihre Hand allzu weich und, schwach, um die Züge! stramm genug halten zu können. Ich selber bin Tag und Nacht von meinem Dienst, verschiedenen Reisen, meinen Funktionen als Landtagsmitglied und all den Anforderungen, welche die Verwaltung meines Grundbesitzes stellt, übermäßig in Anspruch genommen, so daß ich mich um die Kinder fast gar nicht kümmern kann. Bei Quirin und Anna-Kathrin würde das nicht viel auf sich haben, denn beide sind fügsame und sehr artige Kinder: bei meinem Sohn Götz steht die Sache anders. Er ist ein sehr schwieriger Charakter, welcher mir und seinen Lehrern oft Sorge macht. Sein leicht aufbrausendes, sehr selbstbewußtes Wesen revoltiert gegen jeden Zwang, sein Übermut und seine etwas leichte Art flößen mir besondere Bedenken ein. Nur eine sehr energische, feste, und doch gütige und gerechte Frau vermag erziehlich und günstig auf ihn einzuwirken. Ihm kann nur ein Willen, welcher den seinen eisern zwingt, imponieren. Sie sehen, gnädigste Frau, ich bin sehr offen und ehrlich, wie es in diesem Augenblick meine Pflicht ist. Wie schwer es unter diesen Umständen für mich ist, eine geeignete Lebensgefährtin zu finden – denn ich habe den Wunsch, meinem verwaisten Haus eine neue Herrin und den Kindern eine zweite Mutter zu geben –, liegt klar. Nun fiel meine Wahl auf Ihr sehr geehrtes Fräulein Tochter, welche in allen Dingen meinen Ansprüchen und Wünschen entsprechen würde.

Ihr so sehr energisches Wesen, ihr ausgeprägtes Pflichtgefühl, ihre treue Gewissenhaftigkeit lobt man mir von allen Seiten, sie wird Kraft und Beharrlichkeit haben, meinen Götz auf rechter Bahn zu leiten und zu halten und mich vor dein Schicksal bewahren, meinen Ältesten womöglich einmal als verlorenen Sohn betrauern zu müssen. Ich weiß, es ist enorm viel, was ich von dem Opfermut Ihrer sehr geehrten Fräulein Tochter verlange! – Was ich ihr dafür bieten kann? Auch jetzt möchte ich ganz ehrlich sein, um unser eventuelles künftiges Verhältnis von vornherein klarzustellen. Ich bin ein alternder Mann, – ich habe mein erstes Weib über alles geliebt, – mein Herz gehört der Toten. Aber eine große, aufrichtige Verehrung und Hochachtung, ein unbedingtes Vertrauen, eine völlige Würdigung ihres vortrefflichen Wesens bringe ich Fräulein Malwine entgegen. Nicht als liebewerbender Anbeter, sondern als ein ergrauter, ernster Mann trete ich vor sie hin, nicht ihr Herz und ihre Liebe für mich, sondern lediglich ihre Sorge, ihre Aufsicht, ihre Güte und Strenge für meine Kinder fordernd. Die Stellung, welche meine Gemahlin in der Geselligkeit einnimmt, ist Ihnen bekannt, gnädigste Frau. Mein Vermögen setzt mich in die angenehme Lage, mich wohl durch die Erfüllung eines jeden Wunsches für die Aufopferung meiner Gattin dankbar zu erzeigen. – So wäre es nun an Ihnen, meine hochverehrte gnädige Frau, Ihr Fräulein Tochter von meinem Hoffen und Wünschen in Kenntnis zu setzen. – Sollte Fräulein Malwine einwilligen, die Mutter meiner Kinder zu werden, was ich zuversichtlich erhoffe, so bitte ich Sie, mich möglichst bald von ihrem Entschluß zu benachrichtigen und mir Tag und Stunde anzugeben, wo ich persönlich kommen darf, mir aus dem Munde Ihrer hochverehrten Fräulein Tochter das Jawort, – von Ihnen und Ihrem hochgeschätzten Herrn Gemahl die Einwilligung zu holen. Indem ich Ihnen, gnädigste Frau, in vorzüglichster Hochachtung und Verehrung die Hand küsse, nenne ich mich in aufrichtigster Ergebenheit Ihr gehorsamster

Bolko, Graf zu Abensberg«

Schon während des Lesens hatten sich auf,den Wangen der Frau Oberst von Ries Röte und Blässe gejagt.

Ihre Hände zitterten so heftig, daß sie das steife Briefpapier mit dem eleganten Grafenwappen kaum zu halten vermochte,

Malwine wird Exzellenz Abensberg! Malwine wird auf Burg Abensberg als Herrin einziehen! Malwine wird plötzlich über einen Reichtum verfügen, welcher in den Augen der Frau von Ries etwas geradezu Märchenhaftes hat! Herr des Himmels, ist es zu glauben? Ist es auszudenken!

Sie weiß selber nicht, wie sie in das Zimmer ihrer Tochter herüber kommt. Der kleinen, gebrechlichen Frau scheinen plötzlich Flügel gewachsen, und das vergrämte Gesicht mit den scharfen Zügen sieht ganz rundlich rot und strahlend aus.

»Malwine, lies, lies!« stößt sie atemlos hervor, sinkt auf einen Stuhl und krampft die mageren Hände ineinander. Ach, solch ein Glück, solch ein Glück! Wer hatte das gedacht, daß es in der zwölften Stunde doch noch bei uns anklopfen würde!«

Und dann starrt sie atemlos auf die steinernen Züge der Lesenden, welche sich so gar nicht verändern, welche so kühl und ruhig bleiben, als ob ihr Blick einen Wäschezettel überflöge.

»Malwine – was sagst du?!«

Sie liest gelassen zu Ende, legt den Brief wieder säuberlich zusammen und blickt einen Moment nachdenklich durch die blanken Fensterscheiben in die herbstlich bunte Pracht des Gartens hinaus. »Der Graf ist ein sehr nervöser Mann, es wird schon nicht so schlimm mit dem Jungen sein!«

»O bewahre! Übertrieben ist es!« ruft Frau von Ries eifrig. »Frau von Fall sagte, es seien ganz reizende, bildhübsche Kinder! Nun – und wenn der Götz ein kleiner Rebell sein sollte – du wirst ihn schon in Ordnung halten, Malwine! Und welch eine herrliche, einflußreiche Stellung wirst du als Exzellenz haben. Und dieses Geld! – Ach. Malwine, mir flirrt alles vor den Augen, so aufgeregt bin ich! – So sprich doch auch, Kind! Sag' doch, ob du nicht auch entzückt und selig bist!«

»Entzückt und selig?« – ein wunderlich herbes Lächeln fliegt um ihre Lippen. »Nein, Mutter, ich bin kein Backfisch mehr, ich sehe den Heiratsantrag an, wie er gemeint ist, und muß erst mit mir zu Rate gehen, ob ich den Anforderungen, welche an mich gestellt werden, auch tatsächlich gewachsen bin. Ich glaube es. Ich habe gute Nerven und einen festen Willen und weiß, wie Vater mich zu Zucht und Gehorsam erzogen hat. Aber dennoch will so etwas überlegt sein, auf daß man mit sich selbst ins Reine kommt Und seine Kräfte nicht überschätzt, um des glänzenden Lohnes willen, welcher dafür verheißen wird. In einer halben Stunde sage ich dir Bescheid. Mama!«

Sie hatte in demselben ruhigen Ton gesprochen wie sonst, und Frau von Ries deuchte es, als blickten die großen, grauen Augen wunderlich kalt drein, wie bei einem Geschäftsmann, welcher ein Exempel ausrechnet.

Wie von jäher Angst erfüllt, faßte sie die Hände der Tochter und drückte sie beschwörend gegen die Brust.

»Malwine! Was gibt es hier zu überlegen! Wenn du nicht an dich und dein eigenes Glück denken willst, so nimm Rücksicht auf deine alten Eltern!«

»Auch um meiner Eltern willen würde ich nie Pflichten übernehmen, wenn ich nicht felsenfest überzeugt wäre, sie auch treulich erfüllen zu können. Ich bitte dich, Mama, laß mich jetzt allein; in einer halben Stunde weiß ich, was ich tun werde. Du weißt, ich denke ziemlich logisch, und es dauert nie allzu lange, bis ich einen Entschluß fasse!«

Frau von Ries nickte schweigend und schritt zur Tür. Sie kannte ihre Tochter. – Und die wollte sich erst klar werden, ob sie die Energie hätte, einen übermütigen kleinen Jungen zu zügeln?

Nein, sie ängstigt sich nicht, Malwine wird und muß diesen glänzendsten aller Anträge annehmen, sonst gehörte sie ja in ein Narrenhaus!

Währenddessen stand Malwine hochaufgerichtet an

dem Fenster. Ihre schlanke und doch so markige Gestalt schien aus Erz gegossen, mit beinahe finsterm Blick starrte sie in den Tanz der welken Blätter hinaus. – Braut sollte sie werden, Frau und Mutter fremder Kinder. Wie anders, wie kalt, still und ernst leuchtet der Mond diesmal in ihr Zimmer! Jener ferne Mai mit seinem trügerischen Liebesschimmel ist längst vergangen, der Herbst ist gekommen, und aus dem einst so selig lächelnden, bräutlichen Mädchen ist ein resigniertes, stolzes, starkes Weib geworden. – Weg mit der Erinnerung! Kann Malwine von Ries die Stellung einer Exzellenz ausfüllen? Kann sie widerspenstige Knaben erziehen? Ja, sie kann es!

Da ist kein Hauch von sentimentaler Weichheit oder Schwäche in ihrem Wesen.

Der Präsident soll sich nicht in ihr getäuscht haben. Ihr Herz, ihre Liebe verlangt er nicht, – die könnte sie ihm auch nicht geben. Was er aber fordert, ihre Gewissenhaftigkeit, ihre Kraft, ihren Opfermut, die sollen ihm werden.

Und das Vergangene wird vergessen bleiben

Eine halbe Stunde später dröhnte das frohe, zufriedene Lachen des Obersten durch das stille Haus.

»Habe ich es nicht gesagt, daß die Malwine noch 'mal das große Los zieht?« triumphierte er. »Na, wenn eine gleich mit der Exzellenz anfängt, kann sie sich nicht über schlechte Karriere beklagen!«

Frau von Ries aber schrieb mit glühenden Wangen und zitternden Händen den Antwortbrief an den Freier, daß er willkommen sei und sein Besuch erwartet werde !

Und als der Brief, vorsorglich eingeschrieben, von dem Oberst zur Post befördert war, da erhob sich in dem Haus ein geschäftiges Treiben, ein Hasten, Laufen, Putzen und Fegen und Scheuern, so daß die Dienstboten die Augen weit aufrissen und überlegten, ob gar jetzt schon eine Gesellschaft gegeben werden solle? – An Hochzeit dachte keines.

Zwei Tage darauf kam der Freier, ein stattlicher, hochgewachsener Herr mit leicht ergrautem Haar, nervös und überanstrengt, vornehm, elegant und ritterlich. Der küßte dankbar und verehrungsvoll die Hand seiner ernsten Braut und besprach alles so ruhig und geschäftsmäßig mit ihr wie einen Kaufkontrakt.

Der Sekt perlte, und die Dienstboten waren wie gelähmt vor Überraschung.

»Das ist ein stattliches Paar, nicht wahr?!« meinte die Frau Oberst glückstrahlend. Man stimmte ihr voll Begeisterung zu, aber das Stubenmädchen sagte heimlich und kopfschüttelnd zu der Köchin: »Daß Gott erbarm' über so ein Brautpaar! Ich wette, sie haben sich noch keinen Kuß gegeben, und gelacht hat bis jetzt auch nur die Frau Oberst!«

Die Verlobung ward veröffentlicht, und in der ganzen Stadt herrschte Freude und Befriedigung über die so vortrefflich passende Wahl des Präsidenten.

 

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