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Der verlorene Sohn

Nataly von Eschstruth: Der verlorene Sohn - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorNataly von Eschstruth
titleDer verlorene Sohn
publisherPaul List Verlag
addressLeipzig
year1920
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectidf4df31be
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III.

Als die Gäste sich verabschiedet hatten, war Frau von Ries erregter als sonst.

Auf ihren hageren Wangen leuchteten rote Flecken und ihr Blick hing in unruhigem Forschen an dem Antlitz der Tochter, welche gewohnheitsgemäß das aus der Küche heraufgesandte und frisch geputzte Silber an dem nämlichen Abend noch in seiner Truhe verwahrte.

Sie verrichtete diese Arbeit ebenso geschäftsmäßig und ordentlich wie sonst, ohne einmal voll schwärmerischer Zerstreutheit aufzusehen ober sich zu verzählen, wie dies sonst bei verliebten Mädchen üblich ist.

Und doch war – doch mußte sie in den Künstler von Gottes Gnaden verliebt sein!

Frau von Ries hatte sie bei dem Abschied von Novalla beobachtet, sie sowohl wie ihn.

Wie blickten sie einander in die Äugen! Wie erglühte Malwine bei seinen leise geflüsterten Worten, wie ausdrucksvoll küßte er ihr die Hand!

Wäre es möglich? Sollte sich da noch ein kleiner Roman anspinnen, jetzt noch, wo die Frau Oberst doch längst alle Hoffnung aufgegeben, ihre kühlherzige Tochter unter der Haube zu sehen?

Wie wäre solch ein Glück in ihrem Hause möglich? Denn ein Glück würde es sein.

Die Sanitätsrätin hatte ihr im Sofaeckchen vertrauliche Mitteilungen über den jungen Komponisten gemacht.

Er war in guter, beinah glänzender Lage. Seine Mutter, eine geborene Hamburgerin aus dem alten Patriziergeschlecht der Nachlers, hatte ein außerordentliches Vermögen mit in die Ehe gebracht, von welchem der gewissenhafte Justizrat Novalla nichts verbraucht, sondern alles für die beiden einzigen Kinder, Helmut und dessen Schwester Kläre, einer jetzigen Frau Leutnant von Hausmann, erhalten hatte.

Nach dem Tode der Eltern, hatten beide den Besitz des großen Vermögens angetreten, und Helmut konnte sich seiner Passion, zu komponieren, ruhig hingeben.

Er lebte viel auf Reisen und in großen Städten. Doch gerade dieses ungeregelte Leben und der Verkehr in Künstlerkreisen, welcher ja recht anregend, aber auch sehr aufreibend ist, da das wunderliche Völkchen der Gottbegnadeten ja zumeist des Nachts lebt, taugte nicht für Helmuts zarte Gesundheit, und so hoffe man sehr, daß der junge Mann nun ernstlich daran denke, sich einen eigenen Hausstand zu gründen.

Und bei diesen Worten hatte die Sprecherin der Frau von Ries so vielsagend zugelächelt, daß diese in ihrer Überraschung ganz vergessen hatte zu fragen, ob die Erwählte eines solchen Genies nicht auch eine hervorragende Künstlerin sein müsse?

Nun saß sie in tiefe Gedanken verloren und blickte erwartungsvoll auf die Tochter, ob diese ihr denn keine Andeutung machen werde, ob das Benehmen des Doktors zu Hoffnungen berechtige oder nicht.

Aber Malwine stand so ruhig und gelassen vor ihrem Silber, und sah wohl etwas erhitzt, aber nicht im mindesten aufgeregt aus.

Je nun, das war ja auch nicht ihre Art. Ihr so außergewöhnlich lebhaftes Wesen dem Komponisten gegenüber sagte ja genug: er gefiel ihr! Einen Korb wird sie ihm niemals geben, nun, und die Gewißheit genügte der vergrämten Frau.

Inniger als sonst schloß sie die Tochter, als diese ihr gute Nacht sagte, in die Arme, und dann lag sie noch eine Zeitlang wach im Bett.

Die Sanitätsrätin war dafür bekannt, daß sie gern ein wenig renommierte, – aber der Name Nachler sprach in diesem Fall für sich, – und daß sie gerade der Frau Oberst all diese Eingeständnisse machte?

Zum erstenmal seit langen Jahren spielte ein Lächeln um die farblosen Lippen der verbitterten Frau, als sie die Augen schloß.

Währenddessen erörterten auch Sanitätsrats dies interessante Thema.

»Er scheint sich wirklich für Malwine zu interessieren!« sagte die Gattin, »ein wunderlicher Geschmack! Aber die Gegensätze berühren sich ja so oft, und einen so kränklichen Mann wie Helmut muß solch frische, blühende Walkürenkraft entzücken! Es würde mich sehr freuen, Malwine ist ein vortreffliches Mädchen, und daß sie bis über die Ohren in ihn verliebt ist, sieht ja ein Blinder! Die Erregung steht ihr gut und macht sie jung und mädchenhaft, ich finde sie in den letzten Tagen auffallend verändert!«

Der Sanitätsrat legte seine Krawatte bedächtig auf den Toilettentisch und zuckte die Achseln. »Glaubst du wahrlich, daß Helmut ans Heiraten denkt und Ernst machen wird? Anfänglich glaubte ich es auch, weil er ihr tatsächlich den Hof macht. Aber ich überlegte mir, daß dies Künstlermanier ist. Schmachten und Schwärmen gehört da zum täglichen Brot und wird nicht ernsthaft genommen. Du weißt, daß Helmut stets sehr impulsiv war. Auch halte ich es nicht für unmöglich, daß er in diesem Falle etwas jesuitisch denkt und Malwine nur als ›Weg‹ zum Onkel Generalintendant erachtet!«

»Pfui, das wäre arg!«

»Aber menschlich!«

»Das würde ich ihm nie verzeihen! Malwine ist eine Natur, welche an unglücklicher Liebe zeitlebens kranken würde!«

»Hoffen wir also das Beste!«

»Ich werde ihm einmal Moral predigen!«

Der Sanitätsrat zog scherzend die Schultern hoch. «Dann Gnade Gott dem jungen Mann! Das Moralpredigen verstehst du, Mütterchen! Mir geht die Reise des zukünftigen Bräutigams weit mehr im Kopf herum, ich halte sie bei dieser Kälte für einen Unfug! – Vielleicht würdest du dir mehr Verdienst erwerben, wenn du ihm diese Idee ›auspredigen‹ würdest!«

»Mit einem Sieb schöpfe ich kein Wasser! Von dieser Reise hält ihn keine Macht der Welt zurück, er fiebert ja vor freudiger Erregung und Hingeduld!«

»Je nun, – dann laß ihn fahren dahin!« gähnte der alte Herr. »Vielleicht ist's ja wirklich von großem Vorteil für ihn! Und nun gute Nacht, Mütterchen! Denk' dir einstweilen ein recht schönes Verlobungsmenü aus!«

Und auch Sanitätsrats schliefen in recht gehobener Stimmung ein.

Nur Helmut und Malwine schliefen nicht.

Ersterer schrieb noch ein paar flüchtige Zeilen an seine Schwester,

»Herzenskläre!

Morgen reise ich nach X. – Die besten Beziehungen zu dem dortigen Generalintendanten sind angeknüpft und hoffe ich, daß mein sehnlichster Wunsch, meine neue Oper dort zur Premiere anzubringen, in Erfüllung geht. Ich danke die Vermittlung einer sehr netten, scharmanten jungen Dame, welche mir überaus gut gefällt, wohl darum, weil wir so sehr verschieden sind. – Auch Dir würde sie gefallen. Du liebst ja auch das Solide so sehr und fürchtest stets, ich könne in die Netze einer Diva geraten! – Wenn ich einmal heiraten soll, so weiß ich jetzt wenigstens, wie die Betreffende sein muß! – Also halte den Daumen, daß alles glückt, – die Premiere und – die Heirat!

Dein ganz übermütiger Helmut«

Während er dies schrieb, stand Malwine an dem Fenster und blickte zu dem klaren Nachthimmel empor. Sie faltete krampfhaft die Hände. Es war ihr, als müsse sie aus tiefstem Herzensgrund ein Gebet voll banger Angst zum Himmel senden. Ihre heißen Wangen waren kühl und blaß geworben, ihr erst so glückselig bebendes Herz schwer, – unbegreiflich und unfaßlich weh und schwer.

Zwischen all dem Lachen und Singen und Klingen hindurch tönte es wie eine Totenglocke durch ihre Seele:

»Todesschatten umwallen mein Haupt ...«

Tief aufatmend schlief sie endlich ein, ein Seufzer lag noch auf ihren Lippen und schwere Träume quälten sie. – Eine Rose erschloß sich vor ihrem Blick, eine köstliche, purpurne Rose. Entzückt griff sie danach, sie zu pflücken, – da entblätterte sie plötzlich und zerrann wie ein Tränenstrom zwischen ihren Fingern.

Träume sind Schäume.

Schon der nächste Morgen bewies es

Die Tür ward hastig geöffnet und Frau von Ries trat über die Schwelle.

Sie sah sehr erregt aus. Die schmalen Wangen waren gerötet, die Lippen bebten.

In ihrer Hand duftete ein herrlicher Rosenstrauß, ein länglich großer Brief von steifem Büttenpapier schwankte zwischen ihren Fingern.

»Malwine, ein Morgengruß von Novalla!« rief sie so laut und unvermittelt, daß die sonst so nervenstarke Tochter mit leisem Schreckenslaut emporschrak.

»Sieh diese köstlichen Blumen! – Und hier ein Brief!«

fuhr die Frau Oberst hastig fort. »Was er wohl schreiben mag? Es ist noch so dämmerig hier,am Bett, ich werde an das Fenster treten und dir vorlesen!«

Und sie legte die Rosen schnell auf die Bettdecke, trat zurück, schob die Gardine ein wenig zur Seite und erbrach mit nervös zitternden Fingern den steifen Umschlag.

Ach, wenn es ein Heiratsantrag wäre! zog es wie ein heißer, flehender Wunsch durch ihre Seele.

Kaum vermochte sie es, die krausen, wunderlich verschnörkelten Buchstaben mit dem Blick zu überfliegen.

»Mein hochverehrtes, gnädigstes Fräulein! Da es mir in dieser frühen Morgenstunde nicht mehr möglich ist, persönlich zu Ihnen zu eilen, mich mit verehrungsvollstem Handkuß zu verabschieden, so muß ich diese Rosen für mich sprechen lassen und inständigst bitten, die duftenden Boten freundlich aufzunehmen. Ich reise in der festen und beglückenden Hoffnung, daß unsere Wege sich bald wieder im Hause Ihres Herrn Onkels zusammenfinden. – Ich fahre jetzt direkt nach F., meine dort zurückgelassene Partitur aus dem Schreibtisch zu holen. – Sie wissen ja, daß der gestrenge Onkel mir alles Arbeiten in seinem Hause verboten hatte! – Sollte das eine Duett, welches ich Ihnen gestern abend vorspielte und mir noch nicht durchgeistigt genug erschien, noch gefeilt werden müssen, bleibe ich einen Tag dort, – ich glaube heute nacht den richtigen Gedanken gefunden zu haben; das Sehnsuchtsmotiv muß wie ein Echo, das Liebesmotiv wie die Morgenröte erwachender Empfindung hineinklingen. Es läßt sich leicht machen, – die Begleitung muß den ersten Anklang bringen, dann erhebt sich die Frauenstimme klar und voll über die weichen Flötentöne – die Sehnsucht atmet aus die kleine Änderung getroffen, geht es geradesweges in die Residenz zu Ihrem Herrn Onkel. Dort auf Wiedersehen! – Im Geiste erklingt mir auch jetzt das Sehnsuchtsmotiv! – Ich küsse Ihre Hände und nenne mich ganz den Ihren!

Helmut Novalla.«

Die Leserin ließ den Brief sinken; sie sah zwar ein wenig enttäuscht, aber nicht entmutigt aus.

Langsam trat sie an das Lager der Tochter, setzte sich darauf nieder und steckte den Brief wieder in den Umschlag.

»Malwine,« sagte sie leise, »ich glaube, Novalla interessiert sich für dich! – Seltsam, ihr seid so grundverschieden, aber gerade die Gegensätze berühren sich ja so oft im Leben!«

Ihr forschender Blick traf das heiß gerötete Antlitz der Tochter, aber Fräulein von Ries neigte sich nur tief über die Rosenkelche und sagte so ruhig wie stets:

»Wir haben uns in rein künstlerischen Interessen gefunden, Mama! Bitte, mache dir keine Illusionen, es wäre so traurig, wenn du enttäuscht würdest.«

»Er ist ein sehr netter, scharmanter Mensch, – er gefällt dir auch!« – drängte die Mutter mit beinahe flehendem Blick. »Seine Vermögenslage ist so günstig! Und wenn dies auch keine Hauptsache ist, so ist es doch eine absolute Notwendigkeit.«

»Er gefällt mir sehr gut, aber zwischen dem Gefallen und Heiraten liegt noch eine große, große Kluft! Wie gesagt, ich glaube nicht, daß er irgendwelche Absichten hat!«

»Dann schickte er keine Rosen!«

»Höflichkeit!«

»Der Brief klingt mehr als höflich, – das Herz spricht durch die Zeilen!«

»Künstler wägen ihre Worte nicht ab!«

»Sie lassen sich huldigen, aber sie huldigen nicht selber!«

»Mamachen, ich beschwöre dich! Gib dich keinen falschen Hoffnungen hin!«

»Wenn er aber um dich anhielte – würdest du ja sagen, Malwine?« drängte Frau von Ries fast ungeduldig.

Da ward das erst so heiß gerötete Gesicht blaß.

Malwine legte die Hand auf den Arm der Mutter und sagte so ruhig und gelassen wie stets: »Ich glaube es, Mama!«

Man kannte keine Sentimentalität oder Zärtlichkeit im Hause des Obersten, es war zeitlebens alles nur kühl und geschäftsmäßig aufgefaßt und besprochen, und auch jetzt lag es nicht in der Art von Mutter und Tochter, eine lyrische Szene heraufzubeschwören.

Die alte Dame nickte mit erleichtertem Aufatmen. »Das ist vernünftig: es läge auch absolut kein Grund vor, ihn abzuweisen, denn deine Freier haben bisher auf sich warten lassen. Und doch wäre es vorteilhaft für dich, zu heiraten, um versorgt zu sein. – Also hoffen wir das Beste, und wenn du reisen willst, so tue es; ich habe nichts dagegen, kann dich auch während der Schneiderei entbehren.«

Malwine schüttelte gelassen den Kopf. »Nein, es ist meine Pflicht, dabei zu helfen, – auch kommt es auf zwei, drei Tage nicht an. Ich werde erst alles hier in Ordnung bringen und dann den Koffer packen.«

»Gut, es wäre mir um Vaters willen lieb, denn seine erste Frage wird sein: ob du auch keine deiner Pflichten über das Vergnügen versäumst! So schreibe nachher an Onkel Karl und melde dich für den Siebenten an.«

»Ich danke dir für die Erlaubnis, Mama! Jetzt möchte ich aufstehen; ich fürchte sowieso, daß ich heute schon die Zeit verschlafen habe!«

Die Frau Oberst ging – und als sich die Tür hinter ihr geschlossen, da begab sich plötzlich etwas Seltsames. Malwine nahm die Rosen und den Brief, drückte halb lachend, halb weinend vor Seligkeit die Lippen darauf und zitterte vor Aufregung an allen Gliedern wie Espenlaub.

Da forderte die Natur gewaltsam ihr Recht. All die heißen, tiefen Gefühle einer ersten, leidenschaftlichen Liebe brachen hervor; die Jugend, welche so lange geknechtet und gefesselt in unnatürlichen Banden geschmachtet, forderte ihr Recht, sie war stärker als all die anerzogene Kühlherzigkeit und Resignation, sie riß die Maske von dem Antlitz des großen, starken Mädchens und zeigte es in all der süßen, schwärmerischen Wilde und Weichheit, wie sie allen zu eigen ist, welche zum erstenmal die Fieberschauer der Liebe durch Mark und Bein schleichen fühlen, welche zum erstenmal blühende Rosen – einen flammenden Gruß jenes Ersten und Einzigen, jenes Herrlichsten von allen, an das Herz drücken!

Auch für Malwine von Ries hatte die Stunde geschlagen, wo der Himmel über ihr offen stand, wo sie die Dichter begriff, wenn sie der Liebe rauschende Psalmen singen, wo sie in scheuem Staunen die Hände gegen die Brust preßte und ein Herz in derselben schlagen fühlte, ein heißes, zuckendes, schwaches und liebekrankes Mädchenherz!

 

Unendlich langsam schlichen die nächsten Tage dahin. Alles ging seinen geregelten Gang im Hause des Obersten und Malwine erfüllte ruhig und gewissenhaft ihre Pflichten, wie all die langen Jahre vorher, seit Herr von Ries nach der Konfirmation seiner einzigen Tochter in der barschen und kurzen Weise befohlen hatte: »Du hast nun ein erwachsenes Mädel im Haus, Frau, und wirst ihr den Löwenanteil an der Wirtschaft überlassen! Sie ist jung und hat Kräfte, sie soll uns Alte versorgen!«

Und so geschah es.

Malwine sorgte und arbeitete, wie ehemals, so auch jetzt, und niemand sah dem stillen, ernsten Gesicht an, welch ein Frühlingssturm der ersten Liebeswonne hinter der weißen Stirn erbrauste. Nur abends, wenn sie allein und unbeobachtet in ihrem Zimmer war, dann verschlang sie voll süßen Träumens die fleißigen Hände und empfand es zum erstenmal, wie schön doch der Mondschein sei, wie heiß und sehnsuchtsvoll doch ihr Herz bei seinem Silberglanz erbebte.

Dann kam ein Brief von Onkel Karl.

Er freute sich in seiner herzlichen, heiteren Art auf den Besuch der Nichte und erzählte von Helmut Novalla und den ersten Eindrücken, welche der junge Komponist auf ihn und seine Frau gemacht habe.

Novalla machte Malwines Empfehlung alle Ehre, er sei ein vornehm denkender, geistvoller und liebenswürdiger Mensch und seine Oper ein hochinteressantes Werk, welches zu außerordentlichen Hoffnungen berechtige.

Schade, daß der junge Mann in keiner sehr festen Haut zu stecken scheine. Er sei tüchtig erkältet, und das habe seinen guten Grund, denn der leichtsinnige Mensch habe daheim einen ganzen Tag lang in ungeheiztem Zimmer gesessen, um schnell noch eine Änderung an dem einen Duett vorzunehmen. – Er huste gewaltig und habe ihnen trotzdem den ganzen Abend vorgespielt und vorgesungen.

Seine Begeisterung sei so ideal, so schön und echt. Für Malwine schwärme er geradezu, ja, es mache ihm den Eindruck, als ob er ernstlich Feuer gefangen.

Er bat sich von seiner Schwester Instruktionen aus, wie er sich zu diesem Fall verhalten solle, wenn er Malwine hier in seinem Hause habe.

Sein oder nicht sein? – das sei die Frage.

Auf ihn mache Movalla, wie gesagt, einen vorzüglichen Eindruck, und wenn er gesund bliebe und sich schone, stehe ihm die Zukunft offen!

Frau von Ries war beseligt über das Urteil des Bruders, und Malwine krampfte die Hände ineinander und atmete schwer und beklommen; sie hörte und sah aus dem Brief weiter nichts, als die Nachricht, daß Helmut krank sei.

An demselben Abend traf auch von diesem noch ein Brief ein. Überströmend in Entzücken, Freude und Hoffnung für die Zukunft. Und zwischen den Zeilen erklang eine zärtliche, herzliche Liebe für Malwine hindurch, ein heimliches Werben und Minnen. Von einer Erkrankung kein Wort.

Da atmete Malwine wieder ein wenig auf und packte unter Lachen und Weinen den Koffer, in zwei Tagen sollte sie reisen, – hin zu ihm – ihn wiedersehen! Wie ein Schwindel nie gekannten Glücks überkam es sie, und ihre Mutter war weich und zärtlich, so strahlend glücklich wie nie zuvor.

Es war, als sei jener Zug krankhafter Erbitterung wie durch Zaubermacht aus ihrem Antlitz gewischt. Der Koffer stand bereit, die Droschke zum Bahnhof war bestellt.

Da ward ungestüm die Klingel an der Haustür gezogen und der Medizinalrat stand, im Reiseanzug auf der Schwelle.

Er sah blaß und verstört aus.

»Gestatten Sie, mein liebes, gnädiges Fräulein, daß ich mich Ihnen für die Reise anschließe!« sagte er hastig. »Ich erhielt soeben ein Telegramm von dem Hotelwirt, bei welchem Helmut in der Residenz abgestiegen, mit der beängstigenden Nachricht, daß der arme Junge an einer schweren Lungenentzündung erkrankt sei! Als ob ich es geahnt hätte! – Gott im Himmel, hätte ich es doch niemals zugegeben, daß er bei diesem Wetter reiste!

Seine schwache Lunge kann nicht viel aushalten, – seine Nerven sind auch angegriffen, und nun eine solch tückische Krankheit!«

Frau von Ries schlug in lautem Entsetzen die Hände zusammen und bestürmte den Sprecher mit angstvollen Fragen und Vermutungen, Malwine aber stand totenbleich, wie zu Stein erstarrt, und als der Sanitätsrat sich abermals zu ihr wandte, zuckte sie zusammen und starrte ihn an, als erwache sie aus einem Traum. Dann aber war sie so stark und ruhig gefaßt, wie stets.

»Ich verstehe mich auf Krankenpflege, Herr Sanitätsrat!« sagte sie. »Wenn Sie weiblicher Hilfe am Krankenlager Ihres armen Neffen bedürfen, so verfügen Sie über mich. – Und nun kommen Sie schnell, der Wagen ist da, wir dürfen um alles in der Welt nicht den Zug versäumen.«

 

Und wieder vergingen Tage.

Der Schneesturm heulte durch die Straßen, es war ein dunkler, unwirtlicher Tag.

Eine hohe Frauengestalt schleppt sich langsam, wie gebrochen, durch die Straßen.

Vor dem Hause des Theaterintendanten bleibt sie stehen und preßt sekundenlang die Hände gegen die Brust, – sie will Kräfte sammeln, den Fragern da drinnen Rede und Antwort Zu stehen.

Ihr dunkler Mantel flattert und rauscht, der Schleier wird ihr von dem bleichen Antlitz gerissen, – es blickt mit weit offenen Augen so trostlos ins Leere, als sei es zu Stein erstarrt.

Malwine kommt von Helmut Novallas Krankenlager.

Zuerst hat er sie noch einmal erkannt.

»Malwine,« hat er laut aufgejubelt – »Fräulein von Ries, sind Sie schon zur Aufführung da?!«

Und seine fieberglühenden Hände haben die ihren umkrampft und seine Augen haben mit einem Blick unendlicher Freude und Verklärung die ihren gesucht.

»Meine Oper ist angenommen! Ihr Herr Onkel ist so zufrieden mit mir ... O, ich danke das alles nur Ihnen allein, Ihnen! Nun werde ich bald Maestro sein, nun sind all meine Wünsche erfüllt!«

Und dann verschleiert sich sein Blick, furchtbarer Husten schüttelt die schwache Gestalt und ein paar kleine rote Tropfen peilen über die Lippen.

Das sonst so bleiche, schwärmerische Antlitz brennt in dunkler Glut, – das Fieber steigt und steigt, wirre Phantasien umnachten die Sinne.

Helmut Novalla singt, – singt mit lauter, schriller Stimme die süßen Melodien, die sein gottbegnadeter Geist sich selbst zum Schwanenlied geboren, – der Husten unterbricht ihn – furchtbare Atemnot läßt ihn in wilden Qualen ringen – und der Medizinalrat legt den Arm um Malwine und führt sie zur Tür.

»Gehen Sie!« bittet er mit erstickter Stimme – »Ihr Anblick regt den Kranken auf – und helfen, ach, helfen können Sie ja doch nicht!«

Fräulein von Ries lehnt sich gegen den Türpfosten. Sie möchte laut aufweinen in unaussprechlicher Qual,, aber ihre Augen sind starr und trocken.

»Es steht schlimm mit ihm?« fragt sie kurz, und der Medizinalrat nickte trostlos: »Sehr schlimm, warum es verheimlichen? Ich habe soeben an seine Schwester telegraphiert.«

»Ich komme in einer Stunde wieder!« sagt Malwine und wankt zur Treppe.

Die Kellner weichen scheu zurück, als sie in das starre Mädchengesicht blicken, welches alle Qual der Seele spiegelt.

Und sie kam nach einer Stunde, aber sie konnte den Medizinalrat nicht sehen, die Diakonissin flüsterte ihr weinend zu: er halte einen Sterbenden im Arm.

Am Abend stand Malwine abermals vor der Tür des Hotels.

»Der junge Herr droben ist vor einer halben Stunde gestorben!« – flüstert der Portier und neigt sich dabei sehr nahe zu ihr heran, damit niemand von den anderen Gästen das Unangenehme höre.

Malwine nickt wie geistesabwesend, wendet sich und geht.

Sie weiß nicht, wie sie den Weg zu dem Hause des Onkels gefunden, sie weiß nicht, was sie auf die teilnehmenden Worte ihrer Verwandten geantwortet – sie will nur allein sein, allein mit all der tiefen, bitteren Not ihres Herzens.

»Todesschatten umwallen mein Haupt ...«

In stiller, dunkler Nacht hat Malwine gegen die Verzweiflung gerungen. Wilder, zorniger Trotz hat sie gepackt und ihre bebenden Hände geballt.

Sie hat gehadert mit Gott und ihrem Geschick, sie hat gefühlt, wie die Erbitterung auch ihr Herz und ihre Seele vergiftete.

Da war plötzlich etwas Gleiches zwischen ihr und der Mutter. – Und doch, was war das Schicksal der Mutter gegen das ihre! – Hatte jene nicht viel, ach soviel tausendmal mehr vom Leben erhalten, als sie?

Was war jenes Brosämlein der Ehre, welches man der Mutter vorenthalten hatte, gegen die Bettelarmut an Liebe und Glück, welche sie, die Tochter, durch ihr armes, inhaltloses Dasein schleppen mußte? War es nicht tausendmal grausamer vom Schicksal, ihr den Becher seligsten Liebesglückes an die dürstenden Lippen zu halten, um ihn dann voll bitteren Hohnes ihr vor die Füße zu schmettern? Wie ein Irrlicht war das Glück über ihren Weg gehuscht, hatte ihr die Augen geblendet durch sein flüchtig Aufblitzen, damit ihr die Nacht alsdann doppelt dunkel, doppelt trostlos erschien. Was man nicht

kennt, entbehrt man nicht, warum mußte sie erkennen lernen, um desto schmerzlicher zu verlieren?

Ja, die Mutter hat recht!

Wer zum Unglück geboren ist, dem entblättert die Rose, schon ehe sie sich erschloß.

Und sie ist eine jener Parias, jener Ausgestoßenen, jener Stiefkinder des Schicksals, welche hungern und dürsten, warten und frieren müssen, während andere im Überfluß aller Himmelsseligkeiten schwelgen!

Welch eine dunkle, schwere Nacht für Malwine! Sie fand keine Tränen und keinen Trost, – sie konnte auch nicht weinen, als sie vor dem bleichen Schläfer auf dem Totenbett stand und die kühlen, ernsten Lorbeerzweige um die marmorbleichen Schläfen wand. Nein, sie konnte nicht weinen.

Es war, als sei etwas erstarrt und versteinert in ihr, als sei etwas zermalmt in ihrem Innern, was sie sonst mit Wärme und Odem erfüllte. Jener eine kurze, flüchtige Sonnenstrahl, welcher in ihr Leben geleuchtet, war erloschen, die einzige Blüte, welche ihr Dasein getragen, vom Schicksal geknickt und entblättert, – nun lag der Schnee auf dem duftlosen Gezweig ihres Lebensbaums, und um sie her war es Winter geworden.

 

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