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Der verlorene Sohn

Nataly von Eschstruth: Der verlorene Sohn - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorNataly von Eschstruth
titleDer verlorene Sohn
publisherPaul List Verlag
addressLeipzig
year1920
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
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XXVIII.

Da Malwine sich in feinfühliger Weise sagte, daß es sehr peinlich für Götz sein müsse, in die kleinen Verhältnisse der Stadt, in welcher seine Vergangenheit und Schicksale nicht unbekannt bleiben konnten, zurückzukehren, so hatte sie telegraphisch alle Anordnungen zu einer schleunigen Übersiedelung der Familie nach Schloß Abensberg gegeben.

Ein Aufenthalt daselbst stimmte mit dem längeren Urlaub des Präsidenten vortrefflich überein, und als Malwine ihrem Gatten brieflich mitteilte, welch glücklichen Erfolg ihre Reise gehabt und wie gänzlich verändert sie Götz in seine Arme zurückführen werde, traf nur ein Telegramm Seiner Exzellenz ein, welches die wenigen Worte enthielt: «Mein Herz ist voll überströmenden Dankes gegen Gott den Herrn, ich habe keine Worte, mein Empfinden auszusprechen und ich zähle die Stunden, bis ich euch beide in meine Arme schließen kann! Laßt mich nicht mehr warten, jede Minute deucht mir kostbar, mein Glück zu genießen.«

So reisten Mutter und Sohn noch früher, wie anfänglich beabsichtigt, ab, da auch der Professor, voll herzlicher, freudiger Anteilnahme der Ansicht war, daß sein junger Patient nirgends besser genesen könne, wie daheim.

Welch eine Zeit wolkenlosen Glückes brach für die neuvereinte Familie an.

Die alte Abensburg hatte seit langen Jahren nicht mehr so frohe und glückliche Gesichter gesehen; der Präsident lebte neu auf, und wenn auch seine Gemahlin gebeugter wie früher einherschritt, wenn ihr Antlitz bleicher und faltiger, ihr Haar weißer noch wie kurz zuvor geworden war, so spielte doch ein so fremdes, neues Lächeln wehmutsvoller Milde um ihre Lippen, welches das sonst so starre Marmorgesicht verklärte, es jung und schön machte. Anna-Kathrin blühte auf wie eine Rose. Sie war stets ein heiteres, stillzufriedenes Kind gewesen, jetzt aber lag ein so warmer Sonnenglanz des Glückes auf dem rosigen Gesichtchen, daß Götz sich gar nicht satt daran sehen konnte und die Kleine mit einem Anflug des alten Schelmes neckte: «Beichte einmal, Schwesterchen, welch ein kecker Königsohn über Busch und Mauer zu dem verzauberten Dornröschen drang!«

Da erglühte Anna-Kathrin bis unter die lockigen Haare und ihr Blick traf in reizender Verlegenheit die Gräfin: diese lächelte ganz seltsam, legte den Arm liebevoll um die Kleine und sagte: «Das ist vorläufig noch ein Geheimnis, Götz, und ich hoffe, die erste, welcher es anvertraut wird, ist Anna-Kathrins beste und vertrauteste Freundin – ihre Mutter!«

Zwei weiche Arme schlangen sich um ihren Nacken und Anna-Kathrin barg das Gesichtchen an der Brust der Sprecherin – da sah Götz, daß sich auch hier eine schier unbegreifliche Wandlung begeben hatte und seine Schwester nicht mehr einsam im Leben stand wie zuvor.

Ihre Exzellenz hatte vor ihrer Abreise in die Klinik nur ein kurzes, flüchtiges Billett an den jungen Herrn von Hausmann geschrieben:

»Ich danke Ihnen von Herzen für den mir so sehr lieben, wichtigen Brief, welchen Ihre Güte mir übermittelte.

Ich stehe im Begriff, für kurze Zeit Zu verreisen, doch hoffe ich, Sie alsbald nach meiner Rückkehr zu sehen und Ihnen zu sagen, daß ich in aufrichtiger und freundschaftlicher Gesinnung bin Ihre

Malwine Gräfin Abensberg, geb. von Ries.«

»Ich habe keine Zeit mehr, diesen Brief zu adressieren, tue du es, Anna-Kathrin, lies ihn zuvor und schicke ihn durch Friedrich an Herrn von Hausmann.«

So hatte sie zu Anna-Kathrin gesagt, und die stürmische, zärtliche Umarmung der Komtesse bewies ihr alsbald, daß der Brief ganz und gar im Sinne des jungen Mädchens geschrieben und die Tochter ihrem Herzen dadurch näher wie je zuvor getreten war. Das Wiedersehen zwischen Götz und seinem Vater war ein überaus herzliches und von keinem Mißklang getrübtes gewesen, und wenn der junge Graf ehemals in der Scheidestunde die Anwesenheit der Stiefmutter als eine unerträgliche Schranke zwischen dem Vater und sich erachtet hatte, so war er es jetzt selber, welcher die Hand der Gräfin mit festem Druck umschloß und bat: »Bleib' bei mir, Mutter, wenn ich den Vater um Vergebung bitte!«

»Es ist wohl besser, Götz, du sprichst dich mit ihm allein aus!«

Er schüttelte energisch den Kopf. »Es gibt keine Geheimnisse mehr zwischen uns, du Liebe, Beste, deine Nähe wird mir wohltun und mir Mut geben!«

Dessen bedurfte es nicht, denn auch über die Lippen des Präsidenten kam kein Wort des Vorwurfs oder des Tadels, nur warme, innige Herzensfreude leuchtete aus den Augen des alten Mannes, und als er später Hand in Hand mit dem Wiedergefundenen auf der blütenduftigen Terrasse saß, da nickte er plötzlich lächelnd vor sich hin und sagte leise: »Wie recht hat Flavia dich damals beurteilt, Götz! Als wir alle an dir zweifeln wollten, verlor sie allein nicht den Glauben an dein braves, tapferes Herz, und mit dieser festen Zuversicht hat sie auch mich stark gemacht, die lange, dunkle Zeit der Trennung in Geduld und Glauben zu ertragen!«

»Flavia?« fragte Götz überrascht, «jene, – jene Flavia von Husby; welche ihr mir zur Frau bestimmt hattet?«

Der Präsident nickte. »Dieselbe!«

»Du sprachst mit ihr über mich?«

»Sie war unbemerkt in meinem Zimmer anwesend, als ich deinen letzten Brief erhielt und sie erbarmte sich des alten Mannes und sprach ihm Trost und Mut ins Herz – sie verlor nicht den Glauben an den Flüchtling, sondern sagte mir diese Stunde mit all ihrem Glück und Segen voraus.«

Eine feine Röte stieg in die Wangen des jungen Mannes. »O, solch eine weiche, tröstende Frauenstimme kann einem wehen Herzen so wohl tun!« sagte er leise und sein Blick irrte wie in träumerischem Sehnen hinaus in die blaue Ferne, als suche er ein entschwundenes Glück.

Anfänglich hatte man geplant; die Schweizer Reise im Verein mit Götz zu machen, die Zerstreuung sollte ihn auffrischen und die würzige Alpenluft seine Gesundheit kräftigen.

Aber Götz wehrte sich energisch gegen diesen Vorschlag.

Seine lange entbehrte Heimat war ihm so lieb geworden, daß er sich nicht so schnell wieder von ihr trennen wollte, auch wünschte er sich so bald wie möglich nach einem neuen Wirkungskreise umzusehen.

Anna-Kathrin bat flehentlich, bei Götz bleiben zu dürfen, und so entschloß sich der Präsident freudigen Herzens, den Urlaub ganz und gar in der behaglichen Stille der Abensburg zu verleben; nur Quirin sollte eine Reise machen, darauf bestand die Gräfin energisch und zwar schickte sie den Überglücklichen nach Helgoland und Kiel, mit einem geheimnisvollen Lächeln und dem Bescheid, daß er in Kiel weitere Befehle des Vaters erwarten solle.

Quirin jubelte und kam sich gar nicht mehr unmanierlich noch allzu kühn vor, die Sprecherin in aufwallender Zärtlichkeit in die Arme zu schließen, wußte er doch, daß es jetzt die Hauptsorge der Mutter war, noch einen Seemann aus ihm zu machen und dadurch seinen heißesten Herzenswunsch zu erfüllen.

Der Präsident schritt in seinem Zimmer auf und ab und blickte nachdenklich zu Boden.

»Wenn du nicht wieder Offizier werden und in einem andern Regiment eintreten willst, Götz, was gedenkst du alsdann zu tun? Willst du die Besitzungen schon jetzt übernehmen, hast du Sinn und Interesse für Landwirtschaft?« Götz schüttelte ernst das Haupt. »Ich bin nicht mehr der Majoratsherr, Papa – habe also auch kein Recht, die Güter zu übernehmen.«

»Selbstverständlich bist du als Ältester der Majoratsherr!«

Erstaunt sah der junge Wann auf. »Ich hörte, daß du das Majorat in Minorat umwandeltest, Vater, und das finde ich nach allem Vorgefallenen durchaus gerechtfertigt – bin auch weit entfernt, darüber unglücklich zu sein.«

Der Präsident machte eine schnelle Handbewegung.

»Du irrst. Ich hatte allerdings die Absicht – aber Flavia bat für dich ...«

»Flavia?!«

»Sie versicherte mir, daß du des Majorats nie unwürdig werden würdest ...«

Ein Schatten flog über das ernste Gesicht des jungen Grafen. »Fräulein von Husby scheint sich meiner sehr warm angenommen zu haben,« sagte er kühler wie zuvor; »ich bin ihr sehr dankbar dafür, aber ich verzichte auf die Vorteile, welche sie mir errungen hat.« – Und er trat vor den Präsidenten, faßte plötzlich dessen Hände und drückte sie voll warmer, inniger Herzlichkeit wie beschwörend in den seinen. »Darf ich dir sagen, Vater, wie ich meine Zukunft gestalten möchte, so ganz nach meinem Wunsch und Willen? – So höre! Ich erfuhr, daß dein alter Oberförster im Revier Tannengrund vor etlichen Wochen gestorben und dasselbe in recht verwahrlostem Zustand zurückgelassen hat. Seine lange Krankheit trug allein die Schuld daran, und du warst so hochherzig, ihn nicht zu pensionieren. Ich ritt gestern hinaus und besichtigte mit dem Unterförster vom Gräßhagner Gebiet den Bestand des Reviers. Da gibt es viele Arbeit. Die meisten Bäume sind überständig und müssen baldmöglichst geschlagen werden, die neuen Schonungen verwilderten, und die Anpflanzungen, selbst die notwendigsten, stehen noch aus. Ich bitte dich nun, als ein großes Zeichen deines Vertrauens, Vater – ernenne mich zu deinem Förster, nimm mich verwilderten und verwahrlosten Gesellen in deinen Dienst! Ich weiß, daß mir die Kenntnisse, Übung und Erfahrung fehlen, dennoch hoffe ich, es mit Hilfe eines braven Unterförsters schaffen zu können. Der Wildstand ist ruiniert und muß frisch aufgeschont werden, die Wilderer haben übel gehaust, dieweil der alte Mann krank zu Hause lag. Ich habe Passion dafür, ich werde hoffentlich einen guten Jäger abgeben. Die Försterei selber gefällt mir auch, das Haus ist groß und neugebaut, herrlich und gesund gelegen, eine köstliche Zuflucht in seiner Waldeinsamkeit, für einen Menschen, welcher den Geschmack an der lauten, leichtlebigen Welt verloren hat. – Ich bitte dich von Herzen, Papa – versuche es mit mir! sieh, ob ich noch imstande bin, etwas zu leisten, gib mir jenen Wirkungskreis, welcher mir so sehr zusagt. Ich verspreche dir, meine besten Kräfte einzusetzen, zu lernen und zu schaffen, um deine volle Zufriedenheit zu erwerben.«

Einen Augenblick starrte der Präsident auf den Sprecher, als könne er kaum den Sinn seiner Worte fassen, dann strich er langsam mit der Hand über die Stirn, nickte vor sich hin und sprach mit einer Stimme, welcher man es trotz aller Beherrschung anmerkte, welch tiefe Erregung sich des alten Mannes bemächtigt hatte: »Gut, ich bin einverstanden, du sollst in meine Dienste treten, Götz. Gebe Gott, daß die Arbeit dir Freude macht und du ein glücklicher Mann wirst.«

 

Wochen waren vergangen.

Götz hatte sich das Forsthaus Tannengrund alsbald eingerichtet, mit Anna-Kathrins Hilfe, welche eine unbeschreibliche Freude daran hatte, als geschäftige kleine Wirtschafterin das neue Heim für den Bruder so behaglich und hübsch wie möglich zu gestalten!

Im weißen Schürzchen und schlichten Kattunkleid hatte sie emsig geschafft, war selber auf die Stühle gestiegen, hier einen Nagel, dort einen Haken festzuhämmern, und schließlich hing das festliche »Willkommen!« über der Tür, die Dachshunde kläfften und die Pferde wieherten im Stall, und Götz hielt mit ernstem Antlitz, aber leuchtenden Augen seinen Einzug in dem trauten, weltfernen Heim.

Die Rosen waren schon verblüht, die Früchte reiften am Baume.

Da hielt eines Tages der Wagen der Gräfin vor dem Forsthaus, und Malwine traf zu ihrer Freude den jungen Jägersmann daheim.

»Ich habe eine Bitte an dich, lieber Götz!« sprach sie und blickte ihm mit ganz wundersam hellen Augen in das ernste, blasse Gesicht. »Begleite mich auf einer Spazierfahrt! Ich habe soeben gehört, daß Fräulein von Husby für etliche Tage auf Röschfelde anwesend ist, den neuen Pastor daselbst einzuführen. Ich möchte sie gern in dringender Angelegenheit sprechen und bitte dich herzlich, mich zu begleiten, da Anna-Kathrin verhindert ist!«

Götz hatte die Hand der Sprecherin an die Lippen gedrückt, jetzt blickte er betroffen auf, und die feine Falte zwischen seinen Brauen vertiefte sich.

»Laß uns ehrlich, ganz ehrlich zueinander sein, Mutter!« bat er mit gedämpfter Stimme. »Du wünschst es noch immer, daß ich Fräulein von Husby heirate?«

Malwine sah sehr ruhig aus, sie lächelte.

»Allerdings, es ist nicht nur mein – sondern auch deines Vaters inniger Wunsch; ich besonders bin fest überzeugt davon, daß Flavia dich einzig und allein glücklich machen kann.«

Beinahe vorwurfsvoll sah er sie an. »Du, Mutter, du glaubst das? und weißt es doch, welch ein Bild in meinem Herzen lebt?«

»Gerade darum. Oft gewinnen Phantasiegebilde Leben, ehe man es ahnt. Erinnerst du dich noch an das junge Mädchen?«

Über die Stirn des jungen Mannes flog schnelle Röte. »Nein, ich habe sie an jenem unglückseligen Tage kaum angesehen, und was ich im Fluge an ihr erblickte, war mir nicht sympathisch.«

»Sprachst du mit ihr?«

Götz neigte das Haupt wie ein Schuldiger. »Nein, ich benahm mich sehr flegelhaft – und dieses Bewußtsein bedrückt mich der Dame gegenüber.«

»Es ist weit entfernt von uns, lieber Götz, dich irgendwie für eine Ehe zu bestimmen, ich will auch nicht darauf dringen, daß du Fräulein von Husby heute schon begrüßest, – aber um eins bitte ich dich inständig – begleite mich und siehe dir das junge Mädchen unbemerkt einmal an. Ich lasse den Wagen am Ende des Parkes halten, du steigst aus und trittst in die große Eschenlaube, und ich werde es so einrichten, daß Flavia mit mir im Garten promeniert...«

Götz atmete schwer auf. «Wenn es dir in der Tat eine Freude ist...«

»Es wäre mir eine große Freude!«

»So schließe ich mich dir selbstverständlich an.«

Während der Fahrt lenkte Malwine das Gespräch auf seine Krankheit, auf die Zeit in der Klinik.

»Möchtest du wahrlich nicht Schwester Maria von Angesicht schauen? – Der Professor schrieb mir gestern, daß sie von der Reise zurückgekehrt sei.«

Götz schüttelte ernst das Haupt. »Nein! Du weißt, liebste Mutter, daß ich zeitlebens ein Starrkopf war, ich hänge an meinen Illusionen. Ich habe zu viele Enttäuschungen erfahren im Leben, das macht einen Menschen feige. – Noch ein zweites Mal um einen schönen Wahn betrogen zu werden, ertrüge ich nicht.«

»Ich verstehe dich und gebe dir recht.«

Wo sich mächtige Holunder- und Syringensträuche über ein uraltes Gittertor neigen, hielt der Wagen, am äußersten Ende des Parkes von Röschfelde, und Götz stieg aus, um sich nach Anweisung der Gräfin in die nahegelegene, dichtverwachsene Ebereschenlaube zu begeben, Malwine nickte ihm noch einmal mit ganz eigentümlichem Lächeln zu, und die Equipage rollte in flottem Tempo weiter.

Götz setzte sich mit umwölkter Stirn nieder.

In Anwesenheit der Mutter hatte er sich gewaltsam beherrscht, jetzt spiegelten sich seine trüben Gedanken unbehindert auf seinem Antlitz.

Wie eine Zentnerlast bedrückte ihn der Wunsch der Eltern, ihn mit Fräulein Flavia zu verheiraten. Nach all der großen Güte und Nachsicht, mit welcher ihn Vater und Mutter verzeihend wieder aufgenommen, deuchte es ihm wie ein Verbrechen, sich dem ersten Wunsche, welchen sie ihm aussprachen, zu widersetzen.

Und dennoch war es ihm kaum möglich, denselben zu erfüllen.

Jetzt erst empfand er es voll und ganz, wie lieb ihm sein phantastisches Traumbild geworden war, und je qualvoller ihm der Gedanke deuchte, einer Fremden, ihm so Gleichgültigen gegenübertreten zu sollen, um so mehr versenkte er sich in die Erinnerung an die letztvergangene Zeit, wo eine holde Frauenstimme in sein innerstes Herz gedrungen war, um einen ewigen Nachhall darin zurück zu lassen.

Das Haupt tief in die Hand gestützt, saß er und achtete nicht darauf, wie die Zeit verging; ein Vöglein zwitscherte leise über ihm im Laub, und plötzlich hörte er das laute, klare Organ seiner Mutter, den gedämpften Schall ferner Tritte.

Am Ende der geraden Allee tauchten zwei Frauengestalten auf, und Götz zwang sich widerwillig, empor zu schauen.

Neben der Gräfin schritt eine große, schlanke, junge Dame in heller Sommertoilette, einfach, aber anscheinend sehr schick und elegant.

Weich und schmiegsam, trotz einer beinahe hoheitsvollen Ruhe doch sehr graziös, erschien die tadellose Gestalt, das Haupt wurde durch den spitzenbesetzten Sonnenschirm verhüllt, welchen Fräulein von Husby etwas tief herabneigte.

Dies war Flavia? Die linkische, kindlich scheue Flavia, von welcher Götz ein so verschwommenes, reizloses Bild mit in das Leben hinaus genommen? Mehr erstaunt wie erfreut musterte er die Nahende, den zierlichen Fuß, die aristokratische, kleine Hand, welche im Vorüberschreiten über die blühenden Zweige streift.

Nun versteht er auch Stimmen.

»Ich bitte Sie noch einmal von Herzen, liebste Flavia, machen Sie uns die große Freude und kommen Sie, besuchen Sie uns auf der Abensburg! Sie glauben nicht, wie mein Mann sich danach sehnt, Ihre lieben Hände zu küssen!«

Das junge Mädchen bleibt stehen, sie faßt die dargebotene Hand der Gräfin und zieht sie an die Lippen. »Tausend Dank für all Ihre Güte, Exzellenz, welche ich so sehr angenehm empfinde! Sie wissen es, wie gern ich meinen teuren, väterlichen Freund begrüßen würde, aber Exzellenz wissen auch, warum ich nicht kommen kann! In W. erfuhr ich, daß sich die ganze Familie Abensberg, in Begleitung des jungen Grafen Götz, auf Reisen in der Schweiz befände, und nur darum wagte ich es, nach Röschfelde zu kommen. Erst hier sagte man mir, daß Graf Götz ein Gast seiner Eltern auf Abensburg sei! – Liebe, teuerste Exzellenz, Sie können, Sie müssen es mir nachfühlen, warum ich Ihrem Herrn Sohn nicht wieder begegnen kann und darf, Sie selber gelobten mir vollste Diskretion und versprachen es mir, daß Graf Götz nie erfahren solle, wer ihn in der Klinik zu M. gepflegt hat. – Ich glaube zwar nicht, daß er, der mich nie von Angesicht schaute, in einem Fräulein von Husby die Schwester Maria wieder erkennen würde, aber nach unserm vertrauten herzlichen Verkehr im Krankenzimmer würde ich selber nie eine große Befangenheit in Gegenwart Ihres Herrn Sohnes überwinden können, und das Bewußtsein, dieselbe falsch von ihm gedeutet zu sehen, wäre mir unerträglich. Ich habe meine Pflicht getan, Exzellenz, und, wie ich es einst versprach, den Sohn in die Arme der Eltern zurückgeführt; nun scheiden sich unsere Wege für ewige Zeit. Ihr zartfühlendes Herz wird mich verstehen, Exzellenz, und mir nicht zürnen, wenn ich heute abend wieder abreise, ohne Ihren Herrn Gemahl begrüßt zu haben!

Meine Gedanken sind in treuester Verehrung allezeit bei Ihnen, das wissen Sie, Frau Gräfin!«

Schon bei den ersten Worten, welche Flavia sprach, zuckte Götz zusammen, als habe ihn ein Schlag getroffen, er starrte auf die lichte Mädchengestalt – er erhob sich – wankend wie ein Träumender und preßte die Hand gegen die Stirn.

Atemlos lauschte er der weichen, zauberholden Stimme – nur auf den Klang – dann auch auf die Worte, welche sie sprach.

Ein jähes Erbeben flog durch seine Glieder, er stützte sich schwer auf die Bank, er atmete leise und schnell, und über sein Antlitz zog es wie heller Purpurschein...

Schwester Maria!

Er schließt die Augen, er will nicht sehen, – nur hören, hören will er – und doch kann er nicht widerstehen, voll zitternder Erregung neigt er sich weiter vor und schaut durch die Zweige...

Er sieht, wie die Gräfin nach dem Sonnenschirm der jungen Dame greift, ihn sanft aus ihrer Hand windet und den Arm um die Liebliche schlingt.

»Und glauben Sie wahrlich, Flavia, ein Mensch könne seinem Schicksal entgehen? noch dazu, wenn dasselbe so sonnig und glückstrahlend mit blühenden Myrten winkt?« sagt sie lächelnd. »Haben Sie unseren armen Sohn nur darum gesund gepflegt, um ihn einsam und trauernd in seinem stillen Waldhaus allein zu lassen? Die weiße Taube flog aus, den jungen Aar heimzuholen ... nun muß sie es leiden, daß er seine neu erstarkten Schwingen um sie schlägt und sie festhält im hohen Forst! – Ich weiß es ja, Flavia, daß Ihr Herz unserm Sohn gehört, daß Sie selber kein Glück und keine ruhe finden ohne ihn!«

Flavia schlang in aufwallender Empfindung die Arme um den Nacken der Sprecherin. »Ach, daß Sie es aussprechen, Exzellenz – was ich selber nicht glauben will und darf...«

Sie vollendete nicht ... die blühenden Goldregenzweige an ihrer Seite rauschten auf, ein leiser, halb erstickter Ruf traf ihr Ohr.

»Schwester Maria ... Fräulein Borgius!«

Flavia zuckte zusammen, wie in jähem Entsetzen hob sie die Hände abwehrend gegen den jungen Mann, welcher ihr so überraschend gegenüberstand...

»Herr Graf – –«

»Ich werde Tante Borgius benachrichtigen, daß die Koffer wieder ausgepackt werden!« sagte Malwine mit beinahe schalkhaftem Lächeln, wandte sich hastig um und war im nächsten Augenblick hinter dem Gebüsch verschwunden. Götz aber sank an der schlanken Mädchengestalt nieder, preßte das Antlitz auf die kleinen, bebenden Hände und murmelte: «Erbarmen Sie sich, Schwester Maria, und tun Sie mir armen, blinden Gesellen die Augen auf, damit ich an Wunder glauben kann?«

 

Das Vöglein im Gezweig ist aufgeflogen und hat dem leuchtenden Himmelsall verkündet, daß auf dieser modernen, nüchternen, kaltherzigen Erde doch noch holde Märchen zur Wahrheit werden!

Der Mann mit dem blassen, unglücklichen Gesicht hat daran glauben gelernt.

Neben ihm sitzt sein liebes Traumbild und schaut ihn mit den großen, blauen Augen an, darin der heilige Frieden wohnt, welchen Götz so unstet in der Welt gesucht und nicht gefunden hatte.

Nun spinnt er seinen holden Zauber auch um ihn, und das Antlitz, zu welchem er ehemals als armer, heimatloser Vagant im Zirkus empor geschaut wie zu etwas Fernem, ewig Unerreichbarem – das neigt sich nun in heißem Liebesglühen an seine Brust und flüstert: »Ja. ich habe dein krankes, wehes Herz gesund gepflegt, und nun will ich bei dir bleiben und darüber wachen, daß es nun und nimmer wieder Schmerzen trage!«

 

Die letzten Wolkenschleier waren gesunken, die Sonne des Glücks stand über der alten Abensburg, und sie leuchtete so strahlend hell, als wolle sie nun in kurzen Tagen nachholen, was sie durch lange Jahre hindurch versäumt hatte!

Und als sich die Girlanden über Tür und Tor schaukelten und die Fahnen zu dem klaren Sommerhimmel empor flatterten, da trat Frau Malwine wieder und wieder auf den Balkon und blickte schier ungeduldig die breiten Parkwege, welche das Schloß mit der Chaussee verbinden, hinab. Sie ist nicht mehr die Gräfin Abensberg von früher, nicht mehr die Gemahlin des Präsidenten, wie die Welt sie bisher gekannt und respektiert, aber nicht geliebt hat, – sie ist eine andere geworden, ganz und gar. Eine milde, lächelnde, glückliche Frau, die zärtliche Mutter ihrer Kinder.

Der freundliche Glanz in ihren Augen leuchtet auf, als sie einen schmucken, jungen Radler eifrig des Wegs daherkommen sieht, sie schreitet hastig die Treppe hinab und eilt ihm entgegen.

Niemand sieht ihn kommen wie sie allein. Götz ist in Begleitung seiner Geschwister mit der liebreizenden Braut nach Tannengrund gefahren, um der »zukünftigen Frau Försterin« zu zeigen, wie anspruchslos sie wohnen müsse, wenn sie einen Bediensteten des Grafen Abensberg heiraten wolle.

Frau Malwine steht auf der Freitreppe und streckt dem nahenden Radler herzlich beide Hände entgegen.

Gregor von Hausmann springt gewandt ab und neigt sich atemlos, mit erhitztem Antlitz, über die Hände der Gräfin.

In ihr stilles, dämmerig kühles Erkerzimmer führt ihn die Präsidentin, und dort haben die beiden lange verweilt, und man hat Malwines Stimme anhaltend und schnell sprechen hören, ein paarmal unterbrochen von leisem Schluchzen.

Vor ihr liegt eine kleine, verblichene Photographie, und Gregor blickt voll Wehmut darauf nieder und murmelt tief ergriffen:

»Armer, armer Onkel Helmut! – Liebe, teuerste Exzellenz!«

Da wurde sie noch einmal wach, die Vergangenheit, mit all ihrem Weh und Schmerz, all ihrer Bitterkeit: aber auch in ihre dunkle, trostlose Nacht fällt ein lichter Gnadenstrahl der Versöhnung und Erlösung, der taut die starre Eisrinde von dem Herzen der unglücklichen Frau und läßt noch im späten Herbst des Lebens die weißen Rosen treuer, liebevoller Erinnerung darauf erblühen.

Diese Stunde ist stets ein liebes Geheimnis für Malwine und Gregor geblieben, aber sie hat sie zu treuen Freunden gemacht.

Als der Wagen aus Tannenhof zurückkehrte, haben Malwines verweinte Augen wieder gelächelt, und sie hat der schier fassungslosen und wie Purpur erglühenden Anna-Kathrin »den überraschenden Gast, welcher auf einer Radlertour an Abensburg vorbeigekommen«, zugeführt.

Da hatte das Glück mit ihm vollends Einkehr gehalten.

Abends erklangen die jubelnden Lieder des jungen Hausmann, das Brautpaar lauschte ihnen auf mondbeglänztem Balkon, und Anna-Kathrin bemühte sich vergeblich, ihre Kreuzstiche in dem Stramin richtig abzuzählen.

»Gib mir zurück, mein Kindchen,
Gib mir zurück den Hut,
Mein Herz kannst du behalten,
Das ist dir gar zu gut!«

Ja, sie behielt es, wenn auch der Präsident und Frau Malwine ihr allzu junges Töchterchen noch nicht so bald hergeben wollten.

Schließlich aber mußten sie sich doch in das Unvermeidliche fügen, und klein Anna-Kathrin folgte ihrem Herzlichsten nicht im leinwollenen Röcklein, sondern im schimmernden Brautgewand als Frau Assessorin in eine kleine Nachbarstadt.

Götz und Flavia haben viele Jahre hindurch auf der einsamen Försterei ein idyllisches Leben voll wolkenlosen, friedlichen Glückes geführt, bis der Tod des Präsidenten den nunmehrigen Majoratsherrn zwang, auf die Abensburg überzusiedeln. Beide sehnten sich nicht in die Welt hinaus; sie erfuhren auch nicht viel von draußen, nur einmal legte Götz die Zeitung aus der Hand und neigte das Haupt mit düsterem Blick zur Brust. Unter dem »Vermischten« las er, daß eine ehemalige Zirkusreiterin von Sontini, bekannt unter dem Zettelnamen »Mademoiselle Lou«, welche durch eine Krankheit erwerbsunfähig geworden, als Dame der Halbwelt grobe Schwindeleien begangen habe und nunmehr in H. als Hochstaplerin verhaftet und zu längerer Zuchthausstrafe verurteilt worden sei.

Ein Schauder rieselte durch die Glieder des Grafen, er erhob sich, schritt nach dem Kinderzimmer, trat an das Bett seines Söhnchens und preßte es wie in heißer Herzensangst an die Brust, sein Blick aber flog zum Himmel wie in flehendem Gebet für seine junge Seele.

Das Verhältnis zwischen Götz und seiner Mutter ist stets ein überaus herzliches und inniges geblieben, und voll stolzer Freude blickte Malwine auf den Sohn, der voll rastlosen Fleißes von früh bis spät arbeitete und den großen Besitz als sein eigener Administrator verwaltete.

»Du stehst wie ein Sklave im Dienst!« sprach sie lächelnd, »nennst du das etwa ›Freiheit‹, Götz?«

Mit leuchtenden Augen schlang der Graf den Arm um sein liebliches Weib.

»Ja, Mutter,« sagte er beinahe feierlich, »dies ist die wahre, rechte und einzige Freiheit! Ich blinder Tor habe sie zuvor auf falschen Wegen gesucht, und es erst spät erfahren, daß nur der Mann frei an Leib und Seele ist, welcher die Sklavenketten seiner eigenen Leidenschaft, Begierde und Vorurteile energisch zerbricht!«

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