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Der verlorene Sohn

Nataly von Eschstruth: Der verlorene Sohn - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorNataly von Eschstruth
titleDer verlorene Sohn
publisherPaul List Verlag
addressLeipzig
year1920
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
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XXVII.

Götz saß am Fenster seines stillen Krankenzimmers und blickte zum ersten Male wieder in die duftende Blütenpracht des Gartens hinaus, nachdem die blendende Sonnenhelle erloschen und die Schatten unter den rauschenden Baumkronen sich vertieften.

Immer schwerer lasteten Kummer und Sehnsucht auf ihm, er empfand die Trennung von Schwester Maria, welche ihm anfänglich nur wie ein unabwendbares Schicksal erschienen, von Tag zu Tag schmerzlicher, und je mehr er den süßen Wohlklang ihrer Stimme, ihre tröstenden, friedenspendenden Worte entbehrte, desto heißer brannte ihm das Herz in der Brust.

So sehnt sich ein Kranker nach dem frischen Odem, welcher ihm neues Leben gibt. War sein Empfinden für Maria ein tieferes, leidenschaftlicheres, als wie er es sich selber eingestand?

Noch nie war ihm ein Wesen auf Gottes weiter Welt so nahe getreten wie sie, noch mit keiner anderen Seele hatte er so seine tiefinnersten Gedanken ausgetauscht, wie mit ihr, und keine hatte ihn so voll, so ganz verstanden wie sie!

Eine fieberhafte Ungeduld erfaßte ihn, sie von Angesicht zu Angesicht zu schauen.

Wie ein Windstoß über stille See fährt, und ihre Wogen bis zum Grunde aufwühlt, hatte die überraschende Mitteilung des Wärters, «Schwester Maria sei noch ein junges Mädchen gewesen«, auch seine ruhigen Gedanken bis zur leidenschaftlichen Aufregung aufgerüttelt. »Jung und so lieblich schön wie ein Engel!« hatte der Wärter gesagt.

Ach, daß er sie sehen könnte! Wenn ihr Antlitz jenem lichten Gnadenbild aus dem Zirkus gliche!

Welch eine Glückseligkeit durchschauert ihn bei diesem Gedanken, den er in seiner Einsamkeit wieder und wieder ausspinnt und in welchen er sich versenkt mit all der träumerischen, schwärmerischen Beharrlichkeit, welche in Krankenstuben daheim ist. Und doch! – Was nützt es ihm, dem Verfemten, Ausgestoßenen, wenn er das Angesicht eines Engels schauen würde!

In ihrer Nähe ist kein Platz für den Kunstreiter, den Vaganten, welcher mittellos und brotlos auf der Landstraße irrt, unfähig, einem ehrenwerten Weibe ein Heim zu bauen, unwert, jemals das friedliche Glück eines eigenen Herdes kennenzulernen. – Verlassen ... verloren ... ein heimatloser Irregang – ein Blatt, welches der Sturm dem Verderben entgegenwirbelt!

Götz stöhnt tief und qualvoll, auf, noch nie hat er sein Elend so tief, so demütigend und verzweifelnd empfunden, wie seit der Zeit, wo Schwester Marias Hand sich aus der seinen löste, wo ihm keine Hoffnung blieb, sie jemals wieder zu fassen und zu halten mit der flehenden Bitte: »Bleib' bei mir, auf daß du mir den verlorenen Frieden wiedergibst!«

Ja, wäre er noch im Besitz jener königlichen Kleinodien, welche er ehemals so verblendet und unsinnig von sich warf!

Wäre er noch Träger eines ehrenwerten, unbescholtenen Namens, nähme er noch die Stellung in Welt und Gesellschaft ein, wie ehemals, dann würde Schwester Maria den Genesenden wohl nicht fliehen, wie jetzt den Kunstreiter, welcher in den Augen eines exklusiv denkenden Weibes doch nur einer jener ehrlosen Sippe ist, welche unsere Väter und Vorväter zugleich mit Schäfer und Schinder nannten!

Es fröstelt Götz bei diesem Gedanken und er senkt das bleiche Antlitz tief in die Hand. Wie eine Fata Morgana steigt ein strahlendes, lockendes Bild aus der Wüste seines Elends auf – sein Vaterhaus, welches er leichtfertig verlassen, – sein Vaterhaus, auf dessen Schwelle eine hohe, stolze Frau steht und ihn mit den kalten, unbarmherzigen Augen zurückweist auf Nimmerwiederkehr!...

An der Tür hat es leise geklopft – Götz schreckt auf und murmelt ein müdes »Herein«. – Er schaut nicht auf, erst, als ein weiches Frauenkleid über die Dielen streift, hebt er erstaunt das Haupt.

Und er starrt die Eintretende an, neigt jäh den Kopf vor, erhebt sich, streckt die Arme aus, als schaue er eine Vision, und erbleicht bis in die Lippen hinein.

Diese hohe, markige Frauengestalt in dem dunklen, wallenden Gewand, dieses Angesicht, ehedem so blühend und frisch, und jetzt so bleich und vergrämt, die ergrauten Haare an den Schläfen und die Augen ...

Ja, wenn alles seiner Mutter gliche – die Augen gleichen ihr nicht – die sind fremd, ganz fremd geworden in dem bekannten Gesicht.

Gräfin Abensberg ist stehengeblieben, sie atmet so beklommen und schwer, als trüge sie eine unsichtbare, drückende Bürde auf den Schultern.

Sie steht und sieht ihn an, und als sie die kraftlose, gebrochene Gestalt, das gealterte, farblose Angesicht des Kranken sieht, auf welches Not und Seelenqual seine tiefen, scharfen Linien gegraben, da krampft sich ihr Herz zusammen, und ob sie es will oder nicht, heiße Tränen steigen in ihre Augen und rollen langsam über die Wangen.

Wie in tiefstem Weh und Herzeleid breitet sie die Arme nach ihm aus, ein Blick, so weich und flehend, trifft sein Auge, als sei sie es, die um Vergebung bittet, und halb erstickt vor Erregung ringt es sich übel ihre Lippen:

»Götz, mein armer, lieber Götz!«

Ein Zittern fliegt über ihn hin, er klammert sich sekundenlang an den Stuhl.

»Mama,« murmelt er, »du hier, Mama –« und dann starrt er in ihre Augen, und seine Hände lösen sich von dem Stuhl, mit einem unsicheren Schritt taumelt er ihr entgegen.

»Mutter, liebe Mutter!«

Sie hält ihn an der Brust, ihre starken Arme stützen ihn, fest und fester schließt sie ihn an das Herz. «Gott im Himmel, sei gelobt!«

Nun sieht sie erst, wie schwach er noch ist, seine schlanke Gestalt bebt wie im Fieber.

Malwine zieht ihn neben sich auf das Ruhebett nieder, drückt sanft sein Haupt an sich, wie man ein Kind beschwichtigt, und preßt die Lippen auf seinen lockigen Scheitel.

Da flutet es zum erstenmal durch ihr Herz wie ein Strom heißen, lauteren Glückes, jenes süße, berauschende Gefühl, welches einen Menschen durchschauert, der einen Ertrinkenden auf rettenden Armen aus den Fluten trägt.

Einen Augenblick ist es still in dem kleinen Krankenzimmer, totenstill.

Draußen vor dem Fenster zwitschert ein Vogel, jubelnd und hell, er hat nach langem Suchen wohl auch sein Nest gefunden.

Götz hebt das Haupt und blickt abermals in das Gesicht der Mutter, als schaue er ein Wunder, welches man noch immer nicht glauben kann.

»Bist du es denn wahrlich, Mama, und du, du hast den Weg zu mir gefunden?«

Sie lächelt ihm zu, wie er sie noch nie lächeln sah.

»Wenn Sorge und Liebe suchen, finden sie selbst einen Götz auf. Ich bin gekommen, um meinen Sohn heimzuholen, um ihn zu fragen, ob er noch einmal ein neues Leben mit seiner alten Mutter beginnen will? Wir haben es beide falsch gemacht, Götz, und wähnten doch beide, das Rechte zu tun, nun wollen wir von vorn beginnen!«

»Ich habe es falsch gemacht, ich war verblendet, ich habe dir und Vater so unendlich viel abzubitten!«

Das rang sich immer noch sehr schwer und stockend von seinen Lippen, Malwines Hand aber strich liebevoll über seine Wange, und sie schüttelte leise das Haupt.

»Wenn es einem Kind schon sauer ankommt, den Eltern gegenüber ein Unrecht einzugestehen, wie schwer muß es dann erst einer Mutter werden, ihren Sohn um Vergebung zu bitten, – und doch tue ich es in der vollen, freudigen Zuversicht, mein Götz, daß du mich jetzt ebensogut verstehen wirst, wie ich dich, leider so spät erst, verstehen lerne! Du siehst mich so erstaunt an, als habe es nie eine Zeit gegeben, wo sich dein Herz voll bitterer Anklage von mir abwandle, wo du meine strenge Tyrannei, meine sorgende Pflege eine unwürdige Bevormundung nanntest. Ich glaubte, dir durch Härte mehr zu dienen, als durch Liebe, ich gab euch Kindern das, was ich mein ganzes Leben hindurch auch nicht anders kennen lernte; ich ahnte es nicht, daß eure Herzen weicher und liebebedürftiger geartet waren, als ehemals das meine. Und dieses Vorurteil war eine schwere Schuld, unter welcher wir alle gelitten haben. Ich habe es einsehen gelernt, daß eine Mutter, und wenn sie noch so treu ihre Pflicht tut, dennoch ihren Kindern keine wahre Mutter ist, wenn bei ihrem Tun und Handeln die Liebe fehlt! Auch dir hat sie gefehlt, Götz, und sie hätte gewißlich einen anderen aus dir gemacht und dein Leben froh und glücklich gestaltet; darum bitte ich dich von Herzen, vergib mir, was ich an dir versäumte, und glaube mir, daß ich selber wohl noch schwerer darunter litt, als du! Noch aber ist es nicht zu spät, um das Versäumte nachzuholen! Komm heim, Götz, und gib mir Gelegenheit, dir zu beweisen, wie lieb und teuer du meinem Herzen bist! Laß uns vor deinen Vater treten mit dem reuigen Bekenntnis: Wir waren beide verlassen und verloren in Kummer und Elend, aber wir haben uns wiedergefunden und danken Gott dem Herrn für seine Gnade!«

In atemlosem Staunen hatte Götz den leisen Worten gelauscht, heiße Schamröte stieg in seine Wangen und seine Augen brannten wie von ungeweinten Tränen.

Er preßte das Antlitz auf die Hände der Sprecherin und bedeckte dieselben mit Küssen.

»Ich verstehe deine edle Absicht, Mutter,« stammelte er, »und hätte ich es nie zuvor geglaubt, jetzt weiß ich es, daß du mich liebhast!«

 

Wie im Traum vergingen Götz die nächsten Tage, welche er noch auf dringendes Anraten des Professors in der Klinik verblieb, um sich für die anstrengende Reise möglichst zu kräftigen.

Malwine verbrachte den ganzen Tag im Zimmer des Sohnes, und Götz begriff es selber kaum, wie genußreich und traulich das Zusammensein mit einer Frau war, welche er Jahre hindurch als seine größte Feindin erachtet und mit der ganzen Leidenschaftlichkeit seiner Seele gehaßt hatte.

Wäre die furchtbare Zeit der Vereinsamung, der Demütigung und Selbsteinkehr nicht diesem Wiedersehen vorangegangen, sein Herz auf dasselbe vorzubereiten, wer weiß, ob nicht sein blinder Trotz die so freundlich gebotene Hand zurückgestoßen hätte! Dieser Gedanke war es zuerst, welcher ihn beherrschte, als er über das Wunderbare dieser so schnellen, unbegreiflich schnellen Versöhnung nachdachte.

Je länger er aber in das veränderte Antlitz der Mutter sah, desto klarer ward es ihm, daß ihn alle Leiden der Welt nicht bewogen haben würden, sich an die Brust der Eintretenden zu werfen, wenn Malwine ihn mit denselben kalten und herzlosen Augen angeblickt hätte, wie früher.

Aber wie anders, wie so ganz anders schauten ihm jetzt diese wehmütig ernsten Augen bis in das tiefste Herz!

Wie war es möglich, daß sich ein Mensch so völlig verändern konnte!

Was ehemals eine Unmöglichkeit geschienen, ein vertrautes, herzliches Aussprechen mit der Stiefmutter, das war jetzt etwas ganz Selbstverständliches geworden, und stundenlang saß Götz an ihrer Seite, um, von ihrem Arm umfangen, von jener Zeit zu erzählen, welche nun wie ein schwerer, unheilvoller Traum hinter ihm lag.

Und kein Wort des Vorwurfs, des Tadels aus ihrem Munde, nur ein warmherziges Interesse, ein tiefes Mitgefühl für all die bitteren Erfahrungen, welche er gemacht, für all die Enttäuschungen, die ihm geworden.

Und doch war es eine gute und nützliche Zeit für ihn gewesen, eine Arznei, an welcher seine so unruhevoll krankende Seele genesen mußte; das machte Malwine ihm klar und verwischte dadurch mehr und mehr die häßlichen Eindrücke, welche jeden Glauben an sich selbst und sein Können in Götz zu morden drohten.

Das war nur ein Weiterführen jener treuen Seelenarbeit, welche Schwester Maria schon zuvor an ihm begonnen, und weil sie ihr so ähnlich war und dieses Plaudern und Anvertrauen ihn so sehr an das liebe, entschwundene Traumbild erinnerten, darum war es ihm doppelt sympathisch, und das Finden zwischen Mutter und Sohn ein viel schnelleres und einigeres, als wie es je unter anderen Umständen gewesen wäre.

Götz ward nicht müde, nach seinen Lieben daheim zu fragen und Malwine erzählte gern und viel, nur, wenn der junge Graf voll hartnäckigen Interesses immer und immer wieder forschte, auf welche Weise die Mutter Nachricht von seinem Ergehen und Aufenthalt erhalten, dann wurde die Auskunft unsicher, und die Präsidentin lenkte jedesmal das Thema schnell auf andere Dinge.

Sie fragte auch, wer bisher seine Pflege geleitet, und erhielt eine so begeisterte, beinahe zärtliche Schilderung von der engelhaften Güte der Schwester Maria, daß ein ganz seltsames, unendlich glückliches Lächeln um die Lippen der Fragerin spielte, und als gar Götz es rückhaltlos beklagte, die Diakonissin nie von Angesicht gesehen zu haben, und es der Mutter anvertraute, »er käme nicht über die seltsame Phantasterei hinaus, daß sie die Züge einer Dame tragen müsse, welche er öfters im Zirkus gesehen«, da flog sogar ein schnelles Rot über die bleichen Wangen der Gräfin, und sie nickte nur sinnend mit dem Kopf und sagte leise: »Ja, das ist seltsam; ich bin sehr begierig, zu wissen, ob du auch eine Ähnlichkeit finden wirst, wenn du Schwester Maria kennenlernen wirst!«

Ein Schatten flog plötzlich über das schöne Gesicht des jungen Mannes, er stützte mit gefurchten Brauen die Stirn in die Hand.

»Wir verstehen einander jetzt so gut, Mutter,« sagte er, »ich möchte wohl wissen, ob du mir auch in diesem Punkte nachfühlen wirst. – Noch vor wenig Tagen war es mein leidenschaftlichster Wunsch, Schwester Maria kennenzulernen, ihr liebes Angesicht zu schauen, denn ich war wochenlang blind gewesen, und die Bilder, welche ich zuvor im Leben gesehen, hatten sich verwischt. Jetzt, nachdem meine Augen wieder aufgetan sind, ist die Erinnerung abermals lebendig geworden, all mein Sehnen gilt der Loge im Zirkus, aus welcher mir, wie ein Stern in dunkler Sturmesnacht, das friedliche, so unbeschreiblich schöne und milde Antlitz des Fräulein Borgius herablächelt. – Von ihr ist mir das zauberholde Bild – von Schwester Maria die süße Stimme, die unvergeßlich lieben Worte geblieben, – und seltsam, – diese beiden Begriffe lassen sich nicht mehr trennen für mich! Nenne es phantastisch, überspannt, krankhaft, ich kann nicht anders! – Dieses Traumgebilde will ich mit mir hinausnehmen in das neue Leben, welches ich nun beginne, es wird – aus der dunklen Schicksalsnacht dieser schweren Zeit geboren – als lichter Engel auf besseren Pfaden mit mir gehen. Darum will ich nie Fräulein Borgius kennenlernen und Schwester Maria von Angesicht sehen, denn wenn die erstere mit fremder, unsympathischer Stimme andere Worte sprechen würde als meine traute Pflegerin, – und wenn Maria ein fremdes, weniger holdes Antlitz zeigte, so würde es grausam das schönste Ideal, die vollkommenste Blüte zerstören, welche mein Leben je getragen hat. – Und das würde mich arm, bettelarm machen. – Kannst du mir dies nachfühlen, liebe Mutter?«

Sie nickte stumm, – sie lächelte noch seltsamer als zuvor.

»Und daß beides zusammentreffen könnte, glaubst du nicht?«

Er lachte leise auf und schüttelte den Kopf. »Nein, Mamachen, so viel gesunder Verstand ist mir bei all dieser Schwärmerei noch geblieben, – die Zeit der Wunder ist um, und es würde an Aberwitz grenzen, anzunehmen, daß zwei Menschen, welche sich so fern stehen wie Himmel und Erde, plötzlich in ein einziges Wesen verschmolzen sein sollten, nur darum, weil die Phantasie eines kranken Mannes es sich in langer, banger, einsamer Zeit so ausgedacht hat. Jene beiden Frauen sind die einzigen, welche seit Wochen meine Gedanken beschäftigten, was Wunder, wenn ich sie im Traum vereint sah, – nun bin ich aufgewacht und weiß es leider Gottes nur zu gut, daß Träume Schäume sind!«

Der Professor trat ein, und als man eine Weile in angelegtester Weise geplaudert hatte, fragte Götz nach dem Ergehen der Schwester Maria.

Der liebenswürdige Arzt bestellte einen Gruß von ihr und erzählte, daß sich die vortreffliche junge Dame als Begleiterin der alten Patientin auf Reisen befinde und wohl vor Jahr und Tag nicht zurückkehren werde.«

Malwine war aufgestanden und an das Fenster getreten, aber sie sah es doch, daß das blasse, abgezehrte Antlitz ihres Sohnes noch um einen Schein bleicher ward, und daß es plötzlich vor den dunklen Augen lag, wie ein feiner Schleier des Wehs und der Sehnsucht.

 

Zirkus Hoffmann gab seine Abschiedsvorstellung, und obwohl der Professor große Bedenken trug und befürchtete, daß die Aufregung ungünstig auf die Rekonvaleszenz des jungen Grafen einwirken könne, hatte es Götz dennoch mit beinahe leidenschaftlichen Bitten durchgesetzt, daß er in Begleitung der Mutter dieser letzten Aufführung beiwohnen dürfe.

Er kannte die Räumlichkeiten des Zirkus genau und wählte zwei möglichst versteckte Plätze, von wo er alles gut übersehen konnte, ohne selber allzusehr den Blicken ausgesetzt zu sein.

Schwer atmend ließ er sich auf den Stuhl nieder und Malwine neigte sich näher und blickte in sein Antlitz, auf welchem sich Röte und Blässe jagten.

Er bemerkte ihre Sorge, drückte herzlich ihre Hand und lächelte.

»Dort in der Loge saß sie jeden Abend!« sagte er leise. «O, was gäbe ich darum, könnte ich sie dir zeigen!«

»Wenn sie lediglich aus Interesse für dich kam, wird sie nach deiner Erkrankung die Besuche sicher eingestellt haben. Ich bin überzeugt, daß wir vergeblich warten.«

»Noch sind es fünf Minuten bis zum Beginn der Vorstellung.«

Aber die fünf Minuten vergingen und die Loge füllte sich mit fremden, lachenden Gesichtern. Nein, sie kam nicht.

Ein tiefer Seufzer hob die Brust Abenbergs, er lehnte sich zurück und blickte mit großen, beinahe starren Augen in dem Zirkus umher.

Wie staubig, wie abgerissen, wie plunderig erschien ihm plötzlich die Pracht, welche ihm noch vor nicht allzulanger Zeit die Augen wie eine Wunderwelt geblendet.

Wie schrill, wie unharmonisch, wie lärmend und gemein schnitten ihm die schmetternden Musikfanfaren, die lustigen Kirmesstücklein in die Ohren.

Drunten schwärmt es in die Manege, – sie reiten, turnen, – jonglieren, – er kennt sie beinahe alle noch, die Artisten, war vor etlichen Wochen noch einer der ihren – und doch – wie fremd sind sie ihm plötzlich alle geworden.

Er sieht auch nicht mehr das strahlende Lächeln, die kecke, übermütige Lust und Heiterkeit ihrer Mienen, er steht nur die abgelebten und abgehetzten Menschen, die Glücksjäger im Totenhemd, welche in verzweifeltem Kampf um ihre Existenz all die tollen Sprünge und Faxen machen, er sieht den Neid, die Mißgunst, die Kabale und Gemeinheit, welche hinter ihnen lauert und ein scharfes Messerchen zuckt, den Sattelgurt – zu zerschneiden...

Ja, der Zirkus deuchte ihm ein Paradies, – da er es aber betrat, merkte er, welch giftige Schlangen unter Rosen und Flittergold lauern.

Welch eine fremde Welt ist es ihm plötzlich geworden!

Er greift wie ein Träumender an die Stirn und kann es kaum fassen, daß er selber einst auf diesem kleinen Fleckchen voll stäubender Lohe sein Pferd getummelt, wilde, pochende Glut der wahnwitzigen Aufregung in den Adern, halb verzweifelt im Mißerfolg, hungernd, dürstend, zerfallen mit Gott und der Welt, ein Mensch, welcher das Kainsmal der Unrast auf der Stirn trug, – und jetzt?

Wie ein irrer, wirrer Traum liegt das alles hinter ihm.

Sein Herz schlägt plötzlich so friedlich, so still, so ruhig in der Brust, als habe eine Mutter ihr verirrtes Kind in den Arm genommen und es aus einer Wildnis voll Angst und Schrecken in das Vaterhaus zurückgetragen.

Ja, seine Mutter!

Götz wendet plötzlich den Blick und sieht Malwine an, und sieht in zwei milde, angstvolle, tränenmüde Augen, welche nicht ablassen, sein bleiches Angesicht voll Sorge zu beobachten.

Da wallt es auf in seinem Herzen, so warm, so dankbar, so tief gerührt wie noch nie zuvor, und er faßt jählings ihre Hand und drückt sie voll bebender Inbrunst an die Lippen.

Abermals schmettert die Musik, – o, wie gut kennt er diese flotte Weise – und auf ihrem goldglitzernden Panneau schwebt Mademoiselle Lou in die Manege, – der Schmetterling – der reizende, verführerische Schmetterling, welcher ehemals so lockend vor ihm gaukelte, daß er blind und taub ihm nachstürmte!

Das alte Spiel!

Das alte, verführerische Lächeln – die blitzenden Augen in dem reizenden Gesicht – und doch...

Götz starrt mit kaltem, glanzlosem Blick auf sie nieder, und er sieht mehr wie dies alles, was vor Augen ist, – er sieht bis in ihr boshaftes, niedriges, gemeines und rachsüchtiges Herz hinein, er weiß, daß die süße, kleine Lou eine Verbrecherin ist, und daß jeder, welcher von diesem Schmetterling eingesungen wird, ein tiefunglücklicher, beklagenswerter Mensch ist!

Einst – und jetzt!

Er blickt im Geist zurück in jene Zeit, wo er sie zum erstenmal im Zirkus gesehen – die Bilder wirbeln an ihm vorüber, – was liegt alles zwischen dem damals und heute!

Götz fühlt, wie ihm das Blut in das Gesicht steigt, wie heiße Schamröte ihm auf den Wangen brennt. Ein Gefühl grenzenlosen Ekels überkommt ihn, die Luft, welche um eine Mademoiselle Lou weht, erstickt ihn.

Er erhebt sich jäh.

Noch einen langen Blick wirft er nach der Loge hinüber – und sieht nur klatschende Hände und fremde, lachende Gesichter....

Wie unerträglich heiß und schwül weht die Zirkusluft! – Fort von hier!

»Laß uns gehen, Mutter!« bittet er, und als sie draußen in der kühlen, frischen Nacht stehen, als ein klarer Odem von dem sternbesäten Himmel niederweht und seine erhitzte Stirn kühlt, da hebt er tiefaufatmend das Haupt und macht unwillkürlich eine Bewegung, als schüttele er etwas Widerwärtiges, Ekelhaftes von sich ab.

Rauschender Applaus hallt wie ein Echo zu ihnen heraus, – und Götz umschließt mit krampfhaftem Druck die Hand der Mutter.

»Nun laß uns heim! Das Vergangene liegt hinter mir und meine blinden Augen sind sehend geworden! Wenn Vater und du den verlorenen Sohn nicht von der Tür weisen, wenn ihr Geduld mit mir haben wollt, so laßt mich ein neues Leben beginnen! Ich verlange nicht zurück, was ihr mir genommen habt, nur eure Liebe und euren Segen, und den Glauben an mich und meinen guten Willen!«

Malwine legte fest und innig den Arm um seine Schultern und flüsterte mit feuchtem Blick zum Himmel: »Herr, mein Gott, ich danke dir! Dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden!«

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