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Der verlorene Sohn

Nataly von Eschstruth: Der verlorene Sohn - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorNataly von Eschstruth
titleDer verlorene Sohn
publisherPaul List Verlag
addressLeipzig
year1920
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
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XXVI.

Verschiedentliche Partien und Sommervergnügungen führten Ihre Exzellenz mit dem jungen Referendar von Hausmann zusammen, und jedesmal bemühte sich Gregor vergeblich, das unerklärlich kühle Benehmen der unnahbaren Frau durch besondere Liebenswürdigkeit zu besiegen.

Vergeblich.

Gräfin Abensberg, welche sonst so streng auf Form und Sitte hielt und nie in ihrem Leben Gunst oder Ungunst hatte walten lassen, sie zeigte es plötzlich in beinahe auffälliger Weise, daß Herr von Hausmann ihr zum mindesten ein unsympathischer Gesellschafter war, worüber man um so mehr erstaunte, da der Referendar ein allgemein sehr beliebter, hübscher, talentvoller und geistig recht bedeutender Mann war.

So schroff die Präsidentin jede Annäherung seinerseits zurückwies, um so herziger und freundlicher strahlten ihn die Augen der kleinen Komtesse an, und wenn sie auch in der Gegenwart der gestrengen Mama ängstlich bemüht schien, ihm möglichst formell und gleichgültig zu begegnen, so verriet ihr heißes Erglühen und so manch verstohlener Blick doch um so mehr, wie unvergessen die erste Begegnung im Park noch in Anna- Kathrins Herzen fortlebte. Das Verbotene reizt stets am meisten, und wenn Exzellenz den jungen Mann durch ihre Kälte fernhalten wollte, so erreichte sie gerade das Gegenteil, sein desto zärtlicheres Interesse für die kleine Komtesse und das beinahe fieberische Verlangen, das unerklärliche Rätsel, welches für ihn die so sichtbare Ungnade der Präsidentin war und welche nur auf einem Mißverständnis beruhen konnte, zu lösen, denn daß Frau Malwine von seinem Eindringen in den Park keine Ahnung hatte, davon schien er überzeugt.

Wenn es nun auch nicht ganz formvoll war, einem sturmverwehten Hut über die Mauer nachzuklettern und mit einer wildfremden Dame während eines Gewitters in einem Gartenhaus zu verweilen, so war es aber auch kein Verbrechen, welches so eklatant bestraft werden mußte, sondern lediglich die Laune des Gottes Pluvius, dessen Regengüsse in jener Stunde strengere Gesetze schrieben wie die Etikette.

Gregor glaubte daher mit Recht, daß die Verstimmung der Präsidentin eine ältere und tiefere Ursache haben müsse, und er gab sich die erdenklichste Mühe, derselben nachzuforschen, ja, er schrieb auch nach Hause an seinen Vater, sich zu erkundigen, ob vielleicht früher irgendwelche Beziehungen oder Zerwürfnisse zwischen seiner Familie und derjenigen der Gräfin Malwine Abensberg, geborene von Ries, bestanden.

Es war ein leuchtender, goldener Sommermorgen voll Glanz, Licht und Blumenduft, ein herrlicher Morgen, ganz dazu angetan, um junge Menschenherzen mit süßem, rätselhaftem Sehnen zu erfüllen.

Malwine stand in dem Zimmer ihrer Stieftochter und besichtigte zwei neue Reisetoiletten für Anna-Kathrin, welche die Jungfer soeben auspackte und mit kritischem Blick als »sicher viel zu knapp« erklärte.

»Am besten ist es, Komtesse probiert sogleich an, damit die Sendung eventuell noch einmal zurückgeschickt werden kann.«

»Wo befindet sich Komtesse?«

»Im Park, gnädigste Gräfin; soll ich Komtesse herzurufen?«

Malwine überlegte einen Augenblick.

»Nein, bleiben Sie bei Ihrer Arbeit, dieselbe ist eilig. Ich werde selber gehen und Komtesse benachrichtigen.«

Und Malwine ging, einsilbig, verbittert und blind für all die zauberschöne Pracht, welche sie in dem blütenduftigen, von Vogelgezwitscher durchhallten Park umgab.

Seit Gregor Hausmann ihren Weg durchkreuzt, da war es gewesen, als sei ein Sturmwind über einen eisesstarren See gebraust, ihn in seinen tiefsten Tiefen aufzuwühlen.

Alles Weh, all das bittere Leid, welches ehemals das Herz des einsamen Mädchens vergiftet, war wieder aufgewacht und machte die ohnehin so elende, bis in das innerste Seelenleben krankende Frau vollends unglücklich. Sie besaß nicht mehr die Kraft und Widerstandsfähigkeit, dem Schicksal zu trotzen.

Seitdem Götz sein Vaterhaus verlassen und in der weiten Welt verschollen war, war ihre kalte Ruhe nur noch der Deckmantel, hinter welchem sich eine gramgefolterte Frauenseele verbarg.

Die grausamsten Selbstanklagen, bittere Vorwürfe und der Gedanke, trotz alles guten Willens vielleicht doch falsch gehandelt zu haben, peinigten sie Tag und Nacht.

Sie war sich keiner Schuld bewußt, sie glaubte nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt zu haben, und fand doch keine Ruhe.

In stiller Nacht preßte sie das Antlitz auf die gefalteten Hände und stöhnte auf: »Herrgott, wenn ich es bin, von der du einst die Seele unseres verlorenen Sohnes forderst, was soll ich dir antworten? Kann ich, darf ich es sagen: ich tat alles, sie zu hüten und zu retten? Ich weiß es nicht, Herr, was ich an Pflichten versäumte – oder muß ich zusammenbrechen unter der Last der Schuld, muß ich dein Donnerwort des Vorwurfs hören: Du falscher und ungetreuer Knecht, ich habe dich über viel gesetzt, und nur wenig gibst du mir zurück, wo ließest du die Seele jenes Kindes, welches ich in deinen Arm gelegt?«

Welch eine Qual, diese ewige, grüblerische Frage: Was habe ich getan, Herr, daß du mich also strafst?

Und in diesen herben Zwiespalt des Herzens fiel nun noch das Bild Gregor von Hausmanns gleich einem Feuerfunken, welcher zehrende Gluten entfacht.

Das Fegefeuer der Erinnerung!

Es brennt tiefe Wunden, es blendet den sonst so klaren Blick, und voll nervöser Qual hebt Malwine die Hände, jenen Mann, welcher ihr den letzten Rest aller Ruhe und alles inneren Friedens nimmt, weit, weit von sich zu weisen!

Mit müden Blicken schaut die Präsidentin nach der Stieftochter aus, nirgends ist sie auf den gewohnten Lieblingsplätzen zu entdecken, und Malwine schreitet weiter in den tiefen Schatten der Buchen, Kastanien und Eichen, um zu sehen, ob Anna-Kathrin sich in die kühle, dämmerig-stille Allee am Ende des Parkes geflüchtet habe.

Leise schreitet sie über den weichen Rasen, durch die Jasmin- und Fliedergesträuche, um eine Strecke des Weges abzukürzen.

Plötzlich bleibt sie zusammenschreckend stehen und starrt geradeaus in die Allee, unwillkürlich zuckt ihre Hand empor und preßt sich gegen das Herz.

Dort steht Anna-Kathrin und, soeben über die niedere Mauer springend, Gregor von Hausmann.

Er zieht den Hut, er scheint sehr lebhaft und inständig um Entschuldigung, um Gehör zu bitten. Anna- Kathrin ist dunkelrot, sehr betroffen – sie ist viel zu befangen, um ihn zürnend zurückzuweisen – er spricht aufgeregt auf sie ein – er bleibt an ihrer Seite – sie kommen beide hierher.

Was hat jener Fremde in solch unerhört unpassender Weise mit ihrer Tochter zu sprechen?

Malwine will vortreten, will mit harten Worten den frechen Eindringling hinausweisen, unmöglich – sie fühlt, wie ihre Knie zittern, wie ihre Kehle zugeschnürt ist – sie kann in diesem Augenblick weder gehen noch sprechen, sie lehnt sich gegen das Gebüsch zurück und verharrt wie gelähmt.

Sie will nicht lauschen, aber sie hört jedes Wort, welches die beiden, näherkommend, wechseln, und gerade zur Seite steht eine Bank. Anna-Kathrin bleibt stehen, setzt sich nieder, und Gregor lehnt neben ihr – keines bemerkt die hohe Gestalt der Präsidentin, welche sich in dem dunklen Kleid kaum aus dem Gebüsch abhebt.

»Sie müssen es selber zugeben, Komtesse, daß das Benehmen Ihrer Frau Mutter gegen mich ein beinahe verletzendes ist! Ich bin mir keiner Schuld bewußt, ich leide unter dieser so ungerechtfertigten Zurücksetzung, und darum müssen Sie mir diesen Überfall in Ihrem Reiche erlauben, – ich weiß ja nicht, wie ich mich Ihnen gegenüber anders aussprechen kann!«

»Ich ahne nicht, warum Mama Ihnen zürnt, und ich weiß nicht, was ich in dieser Sache tun soll, Herr von Hausmann!« stammelte das junge Mädchen in grenzenloser Befangenheit.

»Alles können und müssen Sie tun, Komtesse!« ruft er leidenschaftlich. »Hat eine Tochter nicht das schöne Vorrecht, an das Herz einer Mutter zu klopfen, sie in zärtlichem Vertrauen zu fragen: Mama, was hast du gegen ihn?«

Beinahe erschrocken blicken die großen Kinderaugen zu ihm auf.

»Das sollte ich wagen – ich der Mama gegenüber wagen?«

»Aber Komtesse – ist solch eine kleine Vertraulichkeit der Mutter gegenüber ein Wagnis?«

»Der Mutter? – Der Stiefmutter. Herr von Hausmann!« seufzt das rote Mündchen auf, und in die blauen Augen treten Tränen.

»Gleichviel – Sie stehen ihr doch näher wie alle anderen auf der Welt!«

Das junge Mädchen schüttelt trostlos den blonden Kopf. »Ach, daß es so wäre! Ich habe meiner Mutter nie nahe gestanden, weder früher noch jetzt; sie hat uns Kinder gepflegt und versorgt, aber nach unseren Herzen hat sie nie gefragt und das ihre uns nie im Leben erschlossen. Ach, alles, was ich über den Verkehr anderer junger Mädchen mit ihren Müttern höre, kommt mir wie ein holdes, unfaßliches Märchen vor! Meine Freundinnen sitzen in der Dämmerstunde eng und zärtlich an die Mutter geschmiegt, sie plaudern über alles, was ihnen Herz und Seele bewegt, sie beichten ihr Glück und verhehlen nicht ihre Fehler, ihre Sorgen, ihren Kummer, da gibt es kein Geheimnis zwischen Mutter und Kind, – ach, welch eine namenlose Wonne muß das sein!«

»Und Sie kennen solch einen innigen Gedankenaustausch nicht, arme Komtesse Anna-Kathrin?«

Sie schüttelt das Köpfchen. »Nein, meine Stiefmutter ist uns Kindern stets eine Fremde geblieben, sie forderte keine Liebe von uns und gab uns keine. Ach, wie traurig war unsere Kindheit, wie sehnten wir uns oft nach einem zärtlichen Wort, einem Kuß, einer Liebkosung. Wir haben niemals Hunger gelitten und doch gedarbt! Früher empfand ich es noch nicht so schwer wie jetzt! – als Kind steht man noch nicht so einsam wie als erwachsenes Mädchen. Ich verehre und respektiere Mama, ich erkenne voll großer Dankbarkeit alles Gute an, was sie an uns Kindern getan, aber mich in ihre Arme werfen, sie an mein Herz drücken, das kann und wage ich nie! – Und ich würde gar nicht das vertrauliche Wort über die Lippen bringen, nach ihrer Mißstimmung gegen Sie zu forschen, Herr von Hausmann! Sie kennen Mamas Augen, Sie wissen, wie kalt – ach, wie kalt sie blicken kann, man friert bis in das Herz hinein! Glauben Sie mir, auch ich leide unter ihrem Benehmen gegen Sie, und doch kann ich nichts daran ändern – nichts!«

Noch nie hatte Anna-Kathrin so viel, so erregt gesprochen wie in diesem Augenblick, all das lang verschwiegene Herzeleid brach in leisen, klagenden Worten über ihre Lippen, und Gregor nahm abermals die bebende, kleine Hand und küßte sie weich und zärtlich, wie man ein Kind tröstet.

»Wissen Sie, was ich glaube, Komtesse? Auf Ihrer armen Frau Mutter lastet irgendein still geheimes Leid, welches sie aller Zärtlichkeit entfremdet, die Sorge um Ihren Herrn Bruder oder sonst ein Kummer, welchen ihr starkes Herz allein tragen will! Nach allem, was Sie mir soeben sagen, bin ich zu dieser Überzeugung gekommen, und leider auch zu jener anderen, daß es besser ist, es dem lieben Gott und der Zeit zu überlassen, eine Wandlung im Wesen Ihrer Frau Mutter gegen mich herbeizuführen. Einen schwachen Hoffnungsschimmer, das rätselhafte Dunkel zu erhellen, hatte ich soeben noch, als ich Ihnen einen Brief zustellen wollte, welchen mein Vater mir heute morgen zusandte, und um dessentwillen ich es wagte, so kühn hier bei Ihnen einzudringen!«

Der Sprecher zog ein Schreiben aus der Brusttasche und blickte unschlüssig darauf nieder, Anna-Kathrin aber trocknete die Tränen von den Wimpern und fragte überrascht:

»Ein Brief an Mama?«

»Jawohl, wenn freilich auch ein recht veralteter. Ich erzählte Ihnen schon ehemals, Komtesse, daß ein

früh verstorbener Bruder meiner Mutter, Helmut Novalla, Komponist war und nach seinem sehr plötzlichen Ableben seine ganze Hinterlassenschaft in die Hände meiner Eltern gelangte. Namentlich seine unvollendeten Kompositionen brachte Mama damals sogleich nach seiner Beerdigung mit, und denken Sie, nach Jahren erst, als auch meine geliebte Mutter heimgegangen, sah man die Notenstücke einmal durch. Da fand man in einem flüchtig skizzierten Lied: ›Du meines Herzens Königin‹ diesen verschlossenen, bereits frankierten Brief liegen, welcher jedoch nur die unvollendete Adresse: ›An Fräulein Malwine von Ries‹ trug. Niemand kannte die Dame, man forschte in dem Tagebuch des Toten, bei all seinen Reisebekanntschaften und der großen Zahl seiner Residenzfreunde, ohne die nähere Adresse in Erfahrung bringen zu können. Da der Brief seit Jahren bereits in dem Manuskript lag und nun doch mehr wie veraltet war, gab mein Vater weitere Nachforschungen auf, bis ich jetzt durch Zufall erfuhr, daß Ihre Frau Mutter Malwine eine geborene von Ries ist. Wenn ich auch kaum glaube, daß der Brief noch irgend welches Interesse für sie hat, so wollte ich denselben doch benutzen, um mir eine ›Audienz‹ bei ihr zu erbitten und bei dieser Gelegenheit vielleicht den Grund ihrer Adversion gegen mich zu erfahren, – nach allem aber, was Sie mir soeben sagten, Komtesse –«

Der Sprecher verstummte plötzlich und wandte sich erschreckt zurück; Anna-Kathrin aber stieß einen leisen Schrei aus und hob wie in erschreckter Abwehr die Hände. – »Mama!«

Wie aus der Erde emporgewachsen, stand die hohe Gestalt der Präsidentin vor den entsetzten jungen Leuten, aber sie stand nicht so markig und stolz wie ein Bild aus Erz und Marmor vor ihnen, sondern gebeugt wie eine Greisin, matt und gebrochen, so daß sie sich schwer auf die Lehne der Bank stützte.

Ihr Antlitz war bleich wie das einer Toten, die Augen blickten erloschen, die Stimme klang leise und heiser.

»Der Brief ist an mich gerichtet, Herr von Hausmann, – geben Sie ihn mir.«

Sie streckte die zitternde Hand danach aus, faßte das Schreiben und schritt ohne ein weiteres Wort, wankend wie eine Schwerkranke, durch die Gebüsche zurück.

Gregor von Hausmann atmete tief auf und strich mit nervöser Bewegung über die Stirn.

»Komtesse...« flüsterte er, »ich glaube, jener Brief ist ein großer, köstlicher Schatz, welchen ich aus Zufall gehoben habe!«

»Ach, was bedeutete das? War Mama krank oder namenlos böse, – so habe ich sie noch nie gesehen!« Er faßte mit leuchtenden Augen ihre Hände und drückte sie beinahe aufgeregt zwischen den seinen. »Sie war krank, Komtesse, – aber ich hoffe zu Gott, daß sie nun gesunden wird und mir nicht mehr so fremd sein wird wie bisher.«

Wie Jalousien waren herabgelassen, ein grünes Dämmerlicht erfüllte das stille Zimmer, und nur ein einziger kleiner Sonnenfunken, welcher durch die undichten Stäbe drang, zitterte auf dem vergilbten Papier zwischen den Händen der Präsidentin.

Malwine lag regungslos im Sessel, wie in tiefem Schlaf, – aber sie schlief nicht, ihr bleiches Antlitz spiegelte den Sturm, welcher ihrer Seele tiefste Tiefen aufgewühlt.

Sie hatte Helmut Novallas Brief gelesen, seinen letzten, heißen, innigen Liebesgruß, welcher es ihr zur furchtbaren Gewißheit machte, daß sie lange Jahre hindurch dem treuesten Herzen bitter Unrecht getan, daß Frau von Hausmann ehemals als völlig Unwissende nur ihre eigenen Vermutungen ausgesprochen.

Helmut schrieb ihr und teilte ihr mit zitternden Federstrichen den Ausbruch seiner schweren Erkrankung mit; er flehte sie an, dennoch zu kommen, in seiner Nähe zu sein, denn ihre Anwesenheit allein könne ihm Ruhe und Frieden geben! Und dann ward seine Liebe stärker als die Vernunft, er gestand ihr dieselbe in glühenden, zärtlichen Worten, er bat sie, die Ansicht ihrer Eltern zu erforschen, ob er als Schwiegersohn willkommen sei oder nicht. Und dann berichtete er jubelnd von dem Liebeslied, in welchem seine Seele ausströme – ein Lied an sie gerichtet und ihr zugeeignet.

Der Tod, der grausame, unerbittliche, hatte ihm die Feder aus der Hand genommen, seine Krankheit hatte ihn niedergeworfen, ehe er den Brief absenden konnte, – er ward wohl mit allen Papieren und Manuskripten beiseite geschoben, weggepackt und vergessen – dieweil ein armes Mädchenherz in den unaussprechlichen Qualen einer getäuschten und verratenen Liebe zu Stein und Eis erstarrte...

Wie still ist es in dem Zimmer, nur die Uhr auf dem Kamin tickt leise, wie ein Herz, welches müde geworden und am liebsten stillstehen möchte.

An der Tür klopft es, zaghaft und schüchtern – Anna-Kathrin tritt leise ein, vor der Mutter bleibt sie in scheuer Entfernung stehen.

»Das Frühstück ist serviert, Mama... Friedrich klopfte schon ein paarmal vergeblich hier an!«

Da richtet sich Malwine auf, die einst so kalten, starren Augen heften sich mit einem Ausdruck unsagbaren Wehs auf das junge Mädchen, welches so schuldbewußt und angstvoll das Köpfchen neigt, und dann breitet sie plötzlich die Arme aus: »Anna-Kathrin!« schluchzt sie laut auf: »meine arme, kleine Anna- Kathrin!« – Und die Kleine starrt sie einen Augenblick fassungslos an, dann flutet alles Blut heiß nach ihrem Herzen. »Mama!« – klingt es wie eine zitternde Antwort, Anna-Kathrin wirft sich an die Brust der Mutter und umschlingt sie mit den kraftvoll jungen Armen.

»Mama«, stammelt sie noch einmal leise.

Ihr ist's wie ein Traum – wie ein Fieberwahn.

Da geschieht etwas Unglaubliches. Malwine küßt mit zuckenden Lippen die Wange ihrer Stieftochter, und dann sinkt ihr Antlitz schwer auf die Schulter des jungen Mädchens nieder, und die stolze, kalte, herzlose Gräfin Abensberg weint bitterlich ...

Anna-Kathrin aber ist es in diesem Moment zu Sinn, als wanke der Boden unter ihren Füßen, als brächen Himmel und Erde jählings über ihr zusammen.

Sie streichelt mit weichen Händen die Wangen der Weinenden, sie flüstert hochklopfenden Herzens die zärtlichsten Worte, ohne doch zu wissen, wie sie die Mutter, deren Tränen ihr so unbegreiflich sind, trösten soll.

Und Malwine schließt sie fester und fester an die Brust, als wolle sie plötzlich alles nachholen, was sie seit langen Jahren in liebloser Weise an dem Kinde versäumt hatte und flüstert: »Herrgott im Himmel – vergib mir meine Schuld!«

»Mamachen – liebes, liebes Mütterchen – was fehlt dir? – Bist du krank?«

Sie schüttelt den Kopf.

»Nicht krank, mein Liebling, – aber durch lange Jahre hindurch blind und taub gewesen... und nun... nun will ich gut machen, was ich so lange an dir versäumt habe!«

 

Dämmerstunde ist es, – der goldene Widerschein der Sonne färbt noch den Himmel mit Streifen von Purpur und leuchtendem Gelb.

Malwine steht an dem geöffneten Fenster und blickt in den Abendfrieden hinaus, als schaue sie in weite, weite Fernen.

Der erste leidenschaftliche Sturm in ihrem Herzen hat sich gelegt, – es ist still und friedlich darin geworden, wie draußen in der tagesmüden Welt.

Die leisen, wehmütigen Worte der Anklage, welche sie im Park aus Anna-Kathrins Mund gehört, haben einen Schleier von ihren Augen gelöst. Da war es, als ob die selbstbewußte und selbstzufriedene Frau, welche gewähnt hatte, zeitlebens in treuester, selbstlosester Weise ihre Pflichten erfüllt zu haben, plötzlich den Boden unter ihren Füßen wanken fühlte.

Wie ein greller Blitz zuckte es durch ihre verfinsterte Seele und zeigte ihr plötzlich, in welch einem Pharisäerstolz sie bisher durch das Leben geschritten, wie sie überzeugt gewesen, alles Gute getan zu haben, und wie ihr doch das Beste und Wichtigste gefehlt hatte, zu ihrem eigenen Leid und dem ihres armen Kindes.

»Die größte aber ist die Liebe unter ihnen!«

Ihr verbittertes Herz hatte sich in den Mantel der Selbstgerechtigkeit gehüllt, sie hatte in herbem Trotz mit dem Schicksal gerechtet. »Du hast mich auch arm gelassen an Liebe, mein Leben lang, du hast mich durch die Liebe getäuscht und betrogen – nun ist sie gestorben in mir, und ich gebe meinen Nächsten nur das, was ich ihnen geben muß, wenn ich meine Schuldigkeit tue.«

Und auch dieses Fundament, auf welchem sie schroff und trotzig gefußt, riß ein einziger Augenblick unter ihr hinweg.

Helmut war nicht treulos gewesen, er hatte sie geliebt – geliebt bis in den Tod.

Wenn ein Mensch lange Jahre gedarbt und gedürstet hat, kann er es anfänglich kaum begreifen, wenn die Wasser des Lebens ihn plötzlich im Überfluß umrauschen, und auch Malwine stand wie geblendet und betäubt, und es bedurfte der Zeit, bis sie ihr seelisches Gleichgewicht wiederfand.

Dann aber war es so hell und friedlich in ihr geworden, wie in der stillen Abendwelt draußen, welche nach des Tages Last und Hitze am Herzen des Himmels ausruht.

»Exzellenz halten zu Gnaden ...«

»Was gibt es, Friedrich?«

»Baronesse Flavia von Husby bittet, gemeldet zu werden – in dringender Angelegenheit.«

»Ich lasse bitten.«

Malwine schrak empor wie aus süßem Traum.

Wie hatte sie sich dem holden Wahn von Frieden und Glück ergeben können, wo noch eine so schwere drohende Wetterwolke der Schuld ihren klaren Himmel verdunkelte.

Götz!

Solange der verlorene Sohn verschollen und verschwunden blieb, konnte sie keine Ruhe finden, denn seit Anna-Kathrins Worte wie brennende Funken in ihr Herz gefallen waren, wußte sie, warum Götz verloren ward, und was ihn einzig hätte retten und halten können, die verständnisinnige, milde, nachsichtige Liebe einer Mutter!

Und gerade diese hatte sie ihm versagt – wie all den Kindern, welche Gottes Güte ihr als Balsam an das kranke, einsame Herz gelegt hatte.

Welch ein Unheil hatte sie dadurch heraufbeschworen. Nicht allein, daß sie den ältesten Sohn aus dem Hause getrieben, – auch des zweiten Sohnes Lebensglück war dadurch in Trümmer gebrochen, denn ohne die Flucht des Bruders hätte Quirin den heißesten Wunsch seines Herzens, zur See zu gehen, erfüllen können.

Wie in jäher Qual verschlang Malwine die Hände, ihr flehender Blick irrte empor zu dem strahlenden Himmel, und dann wandte sie sich und schritt langsam Fräulein von Husby entgegen.

Flavia stand einen Augenblick überrascht vor der bleichen, ergrauten, so wundersam veränderten Gemahlin des Präsidenten, dann faßte sie voll herzlicher Erregung die dargebotene Hand und drückte sie warm in der ihren.

»Ich weiß, daß Sie zu dieser vorgerückten Stunde keine Bittsteller mehr empfangen, Exzellenz, und doch komme ich als Bettlerin und möchte recht flehend an Ihr Herz klopfen!« sagte sie weich, und Malwine zog sie neben sich auf den Diwan nieder und lächelte wehmütig. »Mein Herz steht Ihnen jederzeit offen, liebe Flavia, um so mehr in diesem Augenblick, wo es sich ehrlich freut, Sie nach so langer Zeit der Abwesenheit so überraschend wiederzusehen!«

Ein wenig beklommen und forschend blickte die junge Dame in das Antlitz der Sprecherin.

»Gott sei gelobt, wenn ich in guter Stunde gekommen bin, Exzellenz! Meine Fürsorge gilt einem Schwerkranken, einem Menschen, welcher droht, nicht nur körperlich, sondern an Leib und Seele zugrunde zu gehen!«

»Wenn ich helfen kann, helfe ich gern, Flavia!«

»Darf ich ganz rückhaltlos sprechen, Exzellenz, ohne daß Sie mir zürnen werden?«

»Ich bitte Sie darum.«

Da atmete Flavia tief auf, ihr liebliches Antlitz färbte sich höher unter der Erregung, welche sich ihrer bemächtigte, und sie erzählte von ihrem Aufenthalt in München, wo sie mit Tante Borgius einen Zirkus besuchte und in einem der jungen Kunstreiter sogleich Götz Abensberg wieder erkannt habe.

Die Hand der Präsidentin, welche die ihre noch gefaßt hielt, zuckte auf, Exzellenz machte eine jähe Bewegung und krampfte die Hände ineinander. »Götz? Unseren Götz? Sie sahen – Sie fanden ihn?« rang es sich halb erstickt von ihren Lippen. »Gott sei gelobt, endlich eine Spur von ihm!«

Freudigste Überraschung malte sich auf Flavias Zügen, – dieser Ausruf klang nicht wie zürnender Groll, sondern wie jubelnde Freude.

Und sie erzählte hastig weiter, sie bekannte, daß sie den jungen Grafen schon in England angetroffen und beobachtet hatten, daß er trotz all des namenlosen Elends, in welches er geraten, trotz der bittersten Not und der größten Entbehrungen dennoch ein braver, rechtschaffener Mensch geblieben sei, welcher den Nachstellungen seiner Verführerin so ehrenhaft widerstanden und so ideale, schier unbegreifliche Vorstellungen von dem Künstlerleben gehabt habe. – Und dann berichtete sie weiter von seinem harten Kampf um die Existenz, bei dem er schließlich dem schweren, unheilvollen Sturz unterlegen sei. Sie schilderte jenen furchtbaren Augenblick in dem Zirkus, und Malwine schlug leise aufstöhnend die Hände vor das Antlitz und murmelte mit bebenden Lippen: »Weiter, Flavia, weiter! – Lebt er?!«

Fräulein von Husbys Augen strahlten.

»Ja, Exzellenz, Gott sei gelobt, er lebt und befindet sich als Rekonvaleszent in der Klinik des Professors X. Die anfänglich so schwere Befürchtung, daß der Bluterguß in die Augen wichtige Nervenzentren zerstört und der unglückliche junge Mann womöglich dauernd blind bleiben könnte, hat sich nicht bestätigt: noch eine Zeitlang werden selbstredend die Augen sehr geschont werden müssen.«

Gräfin Abensberg hatte erstaunt aufgeblickt, jetzt unterbrach sie die Sprecherin mit einer hastigen Bewegung.

»In der Klinik eines unserer ersten Professoren?« fragte sie überrascht. »Sagten Sie nicht, daß Götz ohne jede Geldmittel sei? Wer bestritt seinen Aufenthalt, welcher bei der schweren Pflege fraglos sehr kostspielig ist?«

Flavia erglühte bis auf den weißen Hals hinab und versicherte ausweichend, daß der Professor ein sehr wohltätiger Mann und die Aufnahme des jungen Mannes ein Werk der Barmherzigkeit sei! Die großen klaren Augen der Präsidentin aber blickten sie so seltsam forschend, so tief gerührt an und die Hand, welche die ihre ergriffen, drückte dieselbe so erregt, daß Flavia verwirrt fortfuhr: »Noch kurze Zeit wird Ihr Herr Sohn sich in der Klinik aufhalten können, dann aber muß er abermals einem ungewissen Schicksal entgegengehen, denn wie sich dasselbe bei der geschwächten Gesundheit und dem verzweifelten Seelenzustand des unglücklichen jungen Mannes gestalten wird, weiß Gott allein. Ich habe auf jede Weise versucht, auf ihn einzuwirken, ihn zu bestimmen, in sein Vaterhaus zurückzukehren, aber ich mußte mich leider überzeugen, daß er es nun und nimmermehr tun wird!«

»So hat er gar keine Liebe – gar keine Sehnsucht mehr nach den Seinen?« Malwines Haupt sank wie gebrochen zur Brust, ein tiefer, qualvoller Seufzer rang sich über ihre Lippen: »O, Sie glauben nicht, Flavia, wie meines armen Mannes Herz blutet, wie wir alle um den Verlorenen weinen!«

»Keine Liebe, keine Sehnsucht nach den Seinen!« wiederholte das junge Mädchen mit feuchtem Blick. «O, wenn Sie gehört hätten, Exzellenz, wie seine ganze Seele heim verlangt!«

»Und doch kommt er nicht?«

»Ein falscher Stolz – eine falsche Scham – und – und...«

Flavia atmete schwer, abermals errötete sie tief und schien nach passenden Worten zu suchen, dann faßte sie plötzlich voll flehender Leidenschaft die Hand Malwines und zog sie inbrünstig an die Lippen: »Ach, Exzellenz – es gilt Leben und Existenz Ihres Sohnes! Es gilt die Rettung eines Kindes, welches Gott der Herr Ihnen anvertraute! Ich weiß, daß ich ein Ungebührliches, Anmaßendes erbitte, denn es ist Pflicht des Sohnes, den ersten Schritt zur Versöhnung zu tun, und dennoch beschwöre ich Sie, Exzellenz, bei allem, was Ihrem Herzen teuer ist – sagen Sie Götz ein freundliches, herzliches Wort, welches ihn heimruft! Nicht durch Ihren Herrn Gemahl – Sie selber müssen es sprechen, Exzellenz, denn Sie ahnen nicht, welch tiefen Eindruck ein mildes Liebeszeichen von Ihnen auf ihn machen wird!«

Mit angstvollem Blick schaute Flavia zu der Präsidentin auf; so wie sie die Exzellenz kannte, würde jetzt eine recht schroffe, kühle Antwort diese Bitte als durchaus ungehörig und unerhört zurückweisen, um so überraschter war das junge Mädchen, als Malwine das Haupt wie unter schwerer Schuld und Last noch tiefer neigte, und einen Augenblick schwer atmend ins Leere starrte.

»Götz hat sich beklagt, daß ihm solch milde, zärtliche Worte der Liebe nie von mir geworden sind?« fragte sie endlich gepreßt.

»Exzellenz – –«

Sie machte eine müde Bewegung mit der Hand. Ich weiß, was meine Kinder entbehrt haben – nicht Anna-Kathrin allein – auch er! O Gott, und ich wähnte, gerade bei Götz sei nur die eisernste Strenge am Platz! Nun fällt es mir wie Schuppen von den Augen und dies Erkennen ist furchtbar.« – Wieder schwieg sie einen Moment, während Flavia leise an ihrer Seite niedersank und in stummem Flehen die Lippen auf die kalte, bebende Hand drückte. »Ich weiß es jetzt, welch eine Anklage meine Kinder gegen mich erheben, ich weiß, was Götz aus dem Hause getrieben und warum er freiwillig nicht wieder heimkehrt und ich will gutmachen, was ich gefehlt habe.« – Die Sprecherin strich mit der Hand über die Stirn, dann erhob sie sich plötzlich und richtete sich hoch und energisch auf. Eine wundersame Freudigkeit leuchtete aus den erst so trüben Augen. »Ich danke Ihnen, Flavia, daß Sie gekommen sind!« sagte sie und zog das junge Mädchen fest und innig in die Arme. »Gott lohne es Ihnen und segne Sie dafür. Ich werde noch heute abend nach München abreisen. Wollen Sie der gute Engel sein, welcher mich an das Lager meines Sohnes führt?«

Ein zitternder Jubellaut rang sich von Flavias Lippen.

»Exzellenz, – das wollten Sie wahrlich tun? O dann ist alles, alles gut! – Wenn Sie gestatten, schließe ich mich Ihnen während der Fahrt an, um Tante Borgius in Berchtesgaden zu erreichen, in die Klinik kehre ich nicht zurück, denn mein Werk wäre nur halb getan, würde Ihr Herr Sohn jemals ahnen, wer Schwester Maria gewesen ist!«

 

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