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Der verlorene Sohn

Nataly von Eschstruth: Der verlorene Sohn - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorNataly von Eschstruth
titleDer verlorene Sohn
publisherPaul List Verlag
addressLeipzig
year1920
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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XXV.

Es war den ganzen Tag über erdrückend schwül gewesen.

Selbst unter den Rotbuchen und Linden des Parks schien die Hitze unerträglich, die Rosen hingen schwer und müde an den Stöcken, die Reseda und Levkojen dufteten und die Lilien träumten mit bleichen Gesichtern im goldenen Licht.

Wie das surrte und summte ringsum, wie es mit tausend schillernden Flügeln durch die Luft schoß, wie die Schmetterlinge auf dem glühenden Kiesweg rasteten und lustig die bunten Flügel auf- und zuklappten.

Anna-Kathrin hatte längst die Stickarbeit in den Schoß sinken lassen; sie lehnte das Köpfchen gegen den moosigen Baumstamm zurück und blickte mit ernsthaft sinnenden Augen gen Westen, wo weiße Wolkenballen emporstiegen, höher und höher von dunkler Wolkenwand gefolgt.

Aus der kleinen Konfirmandin war ein gar reizendes, jung erblühtes Mädchen geworden, mit einem rosigen Gesichtchen, welches immer noch so treuherzig und unschuldig in die Welt schaute, wie ehemals, als Komteßchen noch die Babykleider trug.

Trotz all der süßen Kindlichkeit lag aber doch ein wundersam wehmütiger Ausdruck um die frischen Lippen, just, als ob sie sich immer zu der sehnsuchtsvollen Frage: »Wo wohnt das Glück?« öffnen wollten.

Ach, hier im Hause schon lange nicht mehr!

Seit Götz davongegangen, lag es wie schwarze Schatten über allem.

Papa war noch nervöser und unzugänglicher als früher, die Mutter schien vollends zu Eis und Stein erstarrt, ohne Lächeln, ohne freundlichen Blick, mit einem Scheitel, welcher alle Tage grauer wurde.

Quirin war noch der einzige, welcher sonst mit ihr gelacht und gescherzt hatte; seitdem Götz aber in die Welt gezogen, war auch ihm nicht mehr nach Singen und Necken zu Sinn.

Er wollte so gern zur Marine, sein ganzes Herz hing an dem blauen, wogenden Weltmeer, an den stolzen Schiffen, welche die deutsche Flagge zu Sieg und Ehr weit hin zu fremden Ländern tragen!

Ehemals stand solchem Wunsche nichts im Wege, nun aber hatte der Vater erklärt, daß das Majorat auf Quirin übergehen werde, wenn Götz binnen sechs Jahren nichts habe von sich hören lassen.

Ein Majoratsherr auf hoher See sei jedoch ein Unding: die Familie stehe auf wenig Augen, und der Letzte seiner Linie habe die Verpflichtung, im Lande zu bleiben.

Ach, wie ersehnte Quirin die Heimkehr des Bruders! Wie oft saßen er und Anna-Kathrin zusammen und weinten dem Entschwundenen bittere Tränen nach!

Nun war Quirin in Bonn bei den Borussen eingetreten, und seit auch er gegangen, deuchte Anna-Kathrin das Leben noch öder und unerträglich einsamer als zuvor.

Freundinnen besaß sie wohl, aber so recht vertraut war sie doch nicht mit ihnen, denn in letzter Zeit hatten viele häßliche Klatschgeschichten die Gesellschaft alarmiert, lauter gehässiger und neidischer Zank, welcher unter treulosen, ehemals so intimen Freundinnen ausgebrochen war.

Da hatte es Ihre Exzellenz für notwendig erachtet, Anna-Kathrin möglichst fernzuhalten, und ihr die Augen über »sogenannte« Mädchenfreundschaften geöffnet, welche im seltensten Falle einmal wahr und wirklich echt sind.

Anna-Kathrin war ausgeführt, viel umschwärmt und gefeiert worden, sie hatte sich auch ganz gut amüsiert und gern getanzt, aber in ihrem Herzchen war es still und einsam geblieben wie zuvor, und keiner von all den vielen eleganten jungen Herrn hatte es schneller schlagen lassen.

Der Rechte mußte ja so ganz anders kommen, als wie in glänzender Uniform und Lackstiefeln, in Equipage und Droschke, so, wie alle kommen, wenn glänzende Feste gefeiert werden!

Hatte Götz nicht ehedem gesagt: »Wenn der junge Königsohn mutig hier durch die Hecken und über die Mauer dringt, das schlafende Dornröschen mit seinem Kuß zu wecken, – dann hab' acht, klein Anna-Kathrin, dann ist der Rechte gekommen!«

Es hatte aber noch kein Prinz durch den stillen, verwilderten Park den Weg gefunden, – wie sollte er auch? Die Zeit der Märchen und des kühnen Wagemuts ist um!

Die Komtesse seufzte tief auf, erhob sich und atmete entzückt die frische Luft, welche plötzlich durch die blühenden Goldregenzweige strich.

Ja, es kam ein Gewitter herauf, – es wird endlich eine Abkühlung bringen.

Welche Wohltat!

Das junge Mädchen erhob sich und schritt langsam in den fernen Teil des Parkes hinein, welcher an den Heckenweg grenzt, jenen stillen, weltfernen, welcher weit draußen um die Stadt herumführt und die einzelnen Villenviertel verbindet.

Hier ragten die Bäume hoch und breitkronig in uralter Parkallee empor, eine niedere, schon vielfach ausgebröckelte Mauer, über welche Storchschnabel, weiße Sternblümchen und goldgelber Mauerpfeffer ihren Königsmantel spannten, trennte sie von dem Weg.

Die Sonne hatte sich verdunkelt, der Wind brauste kräftiger durch die Zweige und ließ das weißgestickte Sommerkleid des jungen Mädchens um die zierlichen Füße flattern.

Anna-Kathrin steckte die blonden Flechten fester um das Köpfchen und lachte dem wilden Gesellen glückselig entgegen: sie hatte das Sausen und Wehen seit jeher geliebt, sie lief mit dem Sturm um die Wette und griff mit den weißen, rundlichen Händchen nach ihm.

Ja, es wird ein Wetter kommen! Aber Anna-Kathrin fürchtet es nicht!

Das kleine Borkenhaus steht ja in nächster Nähe, wo sie jederzeit Schutz gegen den Regen finden kann!

Holla! Wie es jetzt durch die Zweige fährt! Wie das Laub in tollem Tanz aufwirbelt! – Das war ein unvorhergesehener Windstoß – er riß ihr beinahe die blaue Gürtelschleife vom Kleid – und da – was ist das?!«

Überrascht starrt Anna-Kathrin auf ein seltsam helles Ding, welches ihr, vom Wind gewirbelt, entgegenrollt – – ein Hut?

Wahrlich ein Hut!

Sie springt lachend zu und greift den Flüchtling, und als sie sich wieder aufrichtet, sieht sie oben auf der Gartenmauer zwei weiße, kraftvolle Hände, welche nach einer Stütze tasten.

Einen Augenblick, – dann taucht ein Männerkopf mit arg zerzaustem, braunlockigem Haar empor, – schnell und gewandt schwingt sich ein junger Herr auf die Mauer, springt ab – und blickt suchend nach dem entführten Hute aus.

Sein Blick trifft Anna-Kathrin – er neigt sich betroffen vor, als traue er seinen Augen nicht, tritt hastig näher und verneigt sich schnell, ohne den Blick von der allerliebsten, sturmgezausten Mädchengestalt zu wenden.

»Pardon, mein gnädiges Fräulein, wenn ich in fremdes Gebiet eingedrungen bin, um den Ausreißer in Ihren Händen wieder einzufangen!« lacht er mit blitzenden Augen, hebt die Hand mit dramatischer Geste und singt übermütig:

»Ich hab' meinen Hut verloren –
Fort trug ihn mir der Wind!«

Anna-Kathrin kennt das Lied nicht, aber seine reizende Melodie, der überaus lustige, frische Vortrag des Fremden verfehlten ihre Wirkung nicht.

Sie lacht ebenfalls, daß sich die schelmischen Grübchen in die Wangen senken und reicht den hellen Strohhut zurück.

»Solch wilde Burschen gehören an die Kette!« sagt sie heiter, und dann sieht sie ihn an, direkt in die strahlenden braunen Augen, welche mit so seltsamem Ausdruck auf sie gerichtet sind, hinein.

Sie wird dunkelrot und schweigt.

»Tausend Dank, mein gnädiges Fräulein! Ja, – eine Kette! Da sehen Sie hier, die schöne, nagelneue Gummischnur ist durchgerissen! Allerdings war sie nur um den Hut herumgelegt,« – gesteht er ehrlich zu – »denn auf eine solche Hinterlist war ich nicht gefaßt! Vor fünf Minuten noch blauer Himmel ...«

»Und nun plötzlich Sturm und Wetter!«

»Es blitzt und donnert bereits!«

»In wenig Minuten wird es regnen!«

»O, infam, und ich habe keinen Schirm!«

»Wollen Sie nicht untertreten?«

»Herzlich gern, wenn ich nur wüßte, wo?!«

»Hier steht ein Borkenhaus, – es gewährt vollen Schutz!«

»Brillant! – Hören Sie? Auf das Laubdach über uns prasselt es schon nieder!«

»Eilen Sie, – sehen Sie das dunkle Dach dort? Sie können nicht fehlen!«

»Aber Sie, mein gnädiges Fräulein?«

»O, ich erreiche wohl noch das Haus! –«

Ein greller Blitz, ein knatternder, laut rollender Donner, – der Regen braust auf die Blätter, der Sturm peitscht das Geäst.

»Undenkbar! Ich beschwöre Sie – stellen Sie sich unter meinen Schutz! ...«

Es bleibt keine Wahl.

Mit ganz außergewöhnlicher Gewalt setzt das Wetter ein, und die beiden jungen Leute stürmen lachend dem rettenden Unterschlupf entgegen.

Hochatmend bleibt Anna-Kathrin an der Tür des grün-dämmerigen Raumes stehen und schüttelt die blinkenden Tropfen aus dem Haar.

»Das war Hilfe zur rechten Zeit!« lacht der junge Mann mit glückseligem Gesicht. »Ohne diesen Durchgänger von einem Hut, und Ihre große Liebenswürdigkeit, mein gnädiges Fräulein, wäre ich jetzt mindestens schon naß wie ein Badeschwamm! Aber gestatten Sie vor allen Dingen, daß ich mich Ihnen bekannt mache!« – Er riß den Hut vom Kopfe und klappte die Hacken zusammen: »von Hausmann! Referendar bei dem hiesigen Landgericht!«

Anna-Kathrin macht einen Knicks: »Ein Referendar bei dem Landgericht?« fragt sie erstaunt, »und ich kenne Sie noch nicht?« – und als er sie wie in bittender Frage ansieht, fährt sie harmlos fort: »Ich bin Anna- Kathrin Abensberg.«

»Die Tochter unseres Präsidenten?«

Sie nickt, und weil gerade ein greller Blitz herabzischt und der Donner rollt, schweigen beide.

Sein Gesicht sieht, wenn möglich, noch strahlender aus als zuvor.

»Welch eine doppelte Freude für mich, Komtesse, schon heute den Vorzug zu haben, auf diese originelle Weise Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich bin erst seit drei Tagen hier in der Stadt, und hatte den nächsten Sonntag ausersehen, meine Visiten abzufahren. Ich wäre wohl erst vor vierzehn Tagen hier eingetroffen, wenn mich nicht Frau Landgerichtsrätin Belden, meine mütterliche Freundin von ehedem, geworben hätte, in dem Wohltätigkeitskonzert für die Buren mitzuwirken.«

»Sie singen?«

»Wenn Sie meine Leistungen so nachsichtig benennen wollen! Lieben Sie Gesang?«

Sie sah ihn mit aufleuchtenden Augen an. »Ich höre nur selten Musik – in unserm Hause darf nicht musiziert werden, meine Mutter mag es nicht!«

»Seltsam! Meine Mutter schwärmt dafür. Die Musik liegt uns sozusagen allen im Blut. Ein leider sehr früh verstorbener Onkel, Helmut Novalla, war sogar ein recht gottbegnadeter Künstler, dessen Oper heutzutage noch vielfach aufgeführt wird. Nun – und ein Tröpflein seines Blutes haben wir wohl alle geerbt...«

Wieder toste das Wetter – ein Blitz zischte so grell vor ihnen hernieder, daß Anna-Kathrin in jähem Schreck zurückwich und einen leisen Schrei ausstieß.

Ganz unwillkürlich war der junge Hausmann zugesprungen, sein Arm faßte sie wie schützend, und halb betäubt von dem knatternden Donnerrollen, welches folgte, klammerte sich das junge Mädchen an seinen Arm.

Sekundenlang standen sie, eines fest an das andere geschmiegt, – Anna-Kathrin halb betäubt, Hans von Hausmann aber wie trunken vor Glückseligkeit, durchbebt von einer nie gekannten, seligen Wonne.

Er blickte auf das herzige Gesichtchen nieder, in die großen, angstvoll weiten, offenen Augen, er fühlte ihre warme, weiche Gestalt an seinem Herzen.

»Das hat einen der nächststehenden Bäume getroffen!« sagte er leise.

Ihre Händchen zitterten, voll reizender Unschuld faltete sie dieselben zum Gebet.

Minutenlang blieb es still – nur der Regen stürzte flutend durch das Laub hernieder.

Noch immer hielt sie sein Arm.

Da blitzte es abermals – weniger stark als zuvor, ein Donner folgte nach kurzer Pause, – ein heller Schein brach durch die Buchenwipfel.

»Nun ist die Gefahr vorüber, ängstigen Sie sich nicht mehr, Komtesse!«

Sie schrak empor, jetzt erst ward ihr die Situation, in welcher sie sich befand, klar.

Sie blickte in sein hübsches, geistvolles Gesicht, welches sich mit einem ganz wundersamen Ausdruck ihr zuneigte, – wie Entzücken und Rührung leuchtete es in seinen Augen, ein beinahe zärtliches Lächeln spielte um die Lippen, als das blonde Köpfchen so scheu und angstvoll an seiner Brust ruhte.

Anna-Kathrin ward purpurrot.

»O, ich törichtes, furchtsames Mädchen!« stotterte sie, »ich hatte mich so sehr erschrocken!...« und dann lauscht sie jäh auf, als komme ihr plötzlich die Erlösung aus großer Verlegenheit.

Eine Stimme rief, etwas entfernt im Park, ihren Namen.

»Man sucht mich!« und mit schnellem Schritt trat sie zu der Tür, um dann wieder mit beinahe angstvollem Flehen zu ihm zurück zu schauen.

»Bleiben Sie, bitte, hier zurück, Herr von Hausmann – man möchte – es würde wohl – ich fürchte, Mama wird böse...« stammelte sie, und abermals jagten sich Röte und Blässe auf dem lieben Kindergesicht, Gregor von Hausmann aber riß hastig den Hut von dem Kopf und verneigte sich tief und respektvoll.

»Ich verstehe Ihre Bedenken, Komtesse, und finde dieselben durchaus gerechtfertigt! Gestatten Sie, daß ich noch einmal verbindlichst für den so gütig gewährten Unterschlupf danke und nunmehr schleunigst das Feld räume!« Er faßte ihre kleine Hand und drückte sie mit vielsagendem Blick an die Lippen: »Ich gehe, Komtesse, aber ich bitte inständigst um die Erlaubnis, alsbald in etwas formvollerer Weise meinen Besuch in Ihrem Elternhaus wiederholen zu dürfen!«

Wie er sie ansah! – Das Herz erzitterte ihr.

Aber es blieb keine Zeit zur Antwort, am Ende des Weges tauchte ein Diener auf, welcher einen offenen Schirm über sich hielt und einen geschlossenen in der Hand trug. Er wandte sich seitwärts nach einem kleinen Zustreckeweg und verschwand abermals hinter den dichtlaubigen Gebüschen, der Referendar aber schwenkte noch einmal mit strahlenden Augen den Hut und eilte hastig der Mauer entgegen.

»Ein paar Schritte zurück – dort hinter den Holunderbüschen ist eine Tür, welche sich bequem öffnen läßt!« rief ihm Anna-Kathrin nach, denn die nassen Steine deuchten ihr nicht zum Überklettern geeignet, – Herr von Hausmann grüßt abermals lachend zurück, und im nächsten Augenblick schlagen die Zweige tropfensprühend hinter ihm zusammen.

Anna-Kathrin preßt die Hände gegen das stürmende Herz und lehnt das Köpfchen wie betäubt gegen den wurmstichigen Türpfosten, nur ein einziger Gedanke erfüllt sie, und deucht ihr wie ein seliger, unfaßbarer Traum, »der Königsohn aus dem Märchenbuch war gekommen, war kühn über Mauer und Hecken gedrungen, das schlafende Dornröschen mit sieghaften Armen zu umfangen!«

Lange kämpfte das junge Mädchen mit sich, ob sie der Stiefmutter von diesem Begegnen erzählen sollte!

Ach, wie unbeschreiblich gern hätte sie dies süße Geheimnis in eines vertrauten Menschen Herz gebettet, aber die Scheu, welche sie stets vor dem kalten, unnahbaren Wesen Malwines empfunden, schloß ihr auch jetzt den Mund.

»Ja, wäre sie mir in Wahrheit eine Mutter, eine zärtliche, liebevolle, verständnisinnige Mutter, welche mein Glück und meine Freude verstehen und meine Torheiten nachsichtig vergeben könnte, dann – ja, dann möchte ich mich wohl in ihre Arme werfen und ihr alles erzählen!« und Anna-Kathrin preßte nachts das glühende Gesichtchen in die Kissen und sehnte sich zum erstenmal unter Tränen nach einer Mutter.

Am nächstfolgenden Tage saß die Komtesse an Malwines Seite in dem Gartensalon, um der Präsidentin eine Reisebeschreibung wissenschaftlichen Stils von den Alpen vorzulesen.

Graf Abensberg beabsichtigte, mit seinen Damen eine Reise in das Hochgebirge zu unternehmen, und Malwine fand es angebracht, das Töchterchen in belehrender Form vorzubereiten.

Ein Diener trat ein und überreichte auf silbernem Tablett eine Visitenkarte.

»Der Herr Referendar bittet, seine Aufwartung machen zu dürfen!«

Anna-Kathrin schrak empor, und das Blut stieg ihr in heißen Wogen bis unter die lockigen Haare, Malwine aber griff gleichgültig nach der Karte, blickte flüchtig darauf nieder und zuckte plötzlich zusammen.

»Gregor von Hausmann...« stieß sie leise hervor, preßte momentan schwer atmend die Lippen zusammen und starrte ins Leere, ihr frisches Gesicht ward um einen Schein fahler.

Gregor von Hausmann! – Also er kam wirklich,

er, von dem ihr die Landgerichtsrätin bereits voll überschwenglichen Entzückens erzählt, der kleine Gregor, welcher nach dem Tode der Mutter, einer geborenen Novalla, wie ihr eigenes Kind in ihrem Hause aufgewachsen war...

Gregor von Hausmann, – der Neffe Helmut Novallas!

Malwines Augen bekommen plötzlich etwas Starres, ihre Züge scheinen aus Marmor gemeißelt.

»Sagen Sie dem Herrn Referendar, ich bedaure, – ich sei verhindert, ihn zu empfangen.«

Wie scharf und schneidend ihre Stimme klingt, selbst der Diener blickt überrascht auf und entfernt sich nach stummer Verneigung voll beinahe ängstlicher Hast.

»Aber Mama... du nimmst ihn nicht an?« – klingt es erschrocken wie ein leiser Wehelaut von Anna- Kathrins Lippen.

»Nein,« antwortet die Präsidentin kalt, »ich möchte unsere Lektüre nicht unterbrechen.«

 

Wenige Tage später findet das Wohltätigkeitskonzert statt.

Gräfin Abensberg liebt die Musik nicht, sie besucht niemals Theater oder Konzerte, nur dann, wenn dieselben edlen und menschenfreundlichen Zwecken dienen, hält sie es für ihre Pflicht, zu erscheinen.

Diesmal hat sie lange mit sich gekämpft, – es ist ihr ein fast unerträglicher Gedanke, den Neffen Helmuts singen zu hören, womöglich dieselben Lieder, mit welchen jener einst ihr armes, argloses Herz betörte, – aber gerade dieses Konzert bedingt aus schwerwiegenden Gründen ihre Anwesenheit.

So rosig und erregt Anna-Kathrin den ganzen Tag über lächelt, so einsilbig und kalt erscheint die Präsidentin.

Sie scheint auch sehr zerstreut, als sie die Bekannten in dem Konzertsaal begrüßt und nimmt hastig Platz, da sie ganz gegen ihre Gewohnheit unpünktlich und spät gekommen war.

Anna-Kathrin sitzt an ihrer Seite, glühend und blühend wie eine Rose, welche voll Sehnsucht des Sonnenscheins wartet.

Und endlich, endlich tritt Gregor an das Klavier, die junge Dame, welche ihn begleitet, nimmt davor Platz, und die Blicke des Referendars schweifen über die Menge und bleiben auf Anna-Kathrins lieblichem Gesichtchen haften.

Auge ruht in Auge. – O, sie kennen sich beide so gut, sie grüßen sich heimlich und verstohlen mit dem Blick.

Und dann singt der junge Hausmann erst ein Schumannsches Lied, dann eine Ballade von Löwe, und dann – ein strahlendes Lächeln geht über sein Gesicht, fast neckisch blickt er zu der Komtesse hinüber und singt nur für sie:

»Ich hab' meinen Hut verloren
Fort trug ihn mir der Wind
Er trug ihn in den Garten
Zu meinem schönsten Kind!

Ich hab' mein Herz verloren
An ein blondes Mägdelein,
Es ist so hold, es ist so lieb
Wie sollt's auch anders sein!

Gib mir zurück, mein Kindchen,
Gib mir zurück den Hut
Mein Herz kannst du behalten,
Das ist dir gar zu gut!«

Jubelnder Applaus lohnt den Sänger, und Gregor verneigt sich und sein Blick huscht abermals zu Komtesse Abensberg hinüber und weidet sich an der entzückenden Verlegenheit des holden Kindes.

Niemand bemerkt es, der Referendar ist ja noch völlig fremd in der Stadt, er ahnt wohl nicht, wer das niedliche junge Mädchen auf der ersten Stuhlreihe ist.

Nein, niemand bemerkt es, was in den Herzen der beiden jungen Menschen vor sich geht, auch Gräfin Malwine nicht, welche blaß und regungslos auf ihrem Stuhl sitzt, so schwer atmend wie eine Kranke, welche kaum noch vermag, sich aufrecht zu erhalten. «

Mit Widerwillen hat sie aufgeschaut, als der junge Hausmann aufgetreten ist, sie will es nicht, aber sie muß es, wie eine rätselhafte Gewalt zwingt es sie, ihn anzusehen.

Und ihr Herz steht still, die Hände krampfen sich um den Fächer.

Helmut Novalla! – Ist er auferstanden von den Toten?

Er ist es! und nein, er ist es doch nicht, nur eine wunderbare Ähnlichkeit. Helmut Novalla war ein blasser, kranker Mann, mit beinahe überirdisch verklärtem Blick, der junge Hausmann trägt wohl dieselben Gesichtszüge, nur frisch, blühend, voll lachender, lebensfroher Jugendkraft!

Und nun singt er. – Helmuts Stimme. – Auch heller, kräftiger – und doch derselbe tiefinnige, seelenvolle Ausdruck, das künstlerische, geniale Auffassen und Empfinden.

Wie ist das möglich?

Ist es ein Wunder? Nein, Helmut und seine Schwester glichen einander in auffallender Weise, und die Musik war ein Erbteil in der Familie Novalla.

Malwine schließt die Augen, ein Zittern stiegt durch ihre Glieder.

O, wie ist die starke, willensstarke Frau doch so schwach, sie hätte es selber nicht geglaubt.

Die Wunde, welche sie längst verharscht und vernarbt geglaubt, bricht auf und blutet, wie einst in schwerer, dunkler Zeit.

Und der Stolz, der Trotz bäumt sich auf und kämpft an gegen diese unwürdige Schwäche, welche ihr eine Schmach deucht, wenn sie des treulosen, egoistischen Komödianten gedenkt!

Mit finster gefurchter Stirn senkt Malwine das Haupt, sie achtet nicht auf die verschiedenen musikalischen Vorträge, welche sich abwechseln, sie zuckt erst zusammen, als abermals Gregors prächtige Stimme durch den Saal hallte.

Er scheint heute abend den Vogel abzuschießen, der Beifall ist ein geradezu stürmischer, und während Malwine voll unbeschreiblich bitterer Seelenqual auf ihrem Stuhl wie auf einem Marterrost aushalten muß, sitzt Anna-Kathrin wie die verkörperte Glückseligkeit an ihrer Seite, verklärt und lächelnd wie in süßem Traum.

Ja, er singt für sie – allein für sie! Und jetzt sieht er sie abermals an, seine Augen blitzen, er schaut sie an mit einem Blick, als wolle er sagen – ja, er sagt es nicht, aber er singt es...

»Klein Anna-Kathrin!«

Beinahe entsetzt blickt das junge Mädchen auf, zum erstenmal sieht sie auf das Programm hernieder, ob es wahrlich ein solches Lied gibt oder ob sie träumt, mit wachen Augen etwas ganz unfaßlich Liebes träumt!

Nein, hier steht's! Aber ausgesucht hat er das Lied, hat es für sie allein ausgewählt und gesungen, das sagen ihr seine Blicke, das sagt ihr das jauchzende Herz in ihrer Brust!

»Komm' im leinwollnen Röcklein,
Klein Anna-Kathrin!«

O, mit welchem Ausdruck singt er es!

Auch das Köpfchen der Komtesse sinkt tief zur Brust,

aber nicht so starr und bleich wie das der Stiefmutter, sondern glühend und blühend wie eine Rose, welche jung erschlossen sich in taufrischer Schöne neigt.

Sie achtet nicht darauf, daß das Konzert zu Ende ist, daß die Gerichtsrätin voll strahlenden Stolzes herzu tritt, der Präsidentin und Komtesse Anna-Kathrin ihren Pflegesohn vorzustellen.

Ihre Exzellenz schaut empor wie geistesabwesend, ein Blick so stolz, so kalt, so abweisend trifft den jungen Sänger, daß Gregor ganz erschrocken zurückweichen möchte.

Gräfin Abensberg reicht ihm nicht die Hand, sondern sagt voll eisiger Förmlichkeit: »Sie sind gewiß mit Ihrem Erfolg zufrieden, Herr von Hausmann, ich habe selten so lebhaften Applaus in diesem Saal gehört wie heute abend!« – und dann grüßt sie die Gerichtsrätin, nicht so wohlwollend wie sonst, und bedauert, daß sie sich wegen einer recht heftigen Migräne allsogleich zurückziehen müsse!

»Exzellenz sehen allerdings sehr angegriffen aus –« versichert die alte Dame ein wenig betroffen; Malwine aber winkt Anna-Kathrin an ihre Seite und schreitet hastig grüßend dem Ausgang zu. Gregor und die Komtesse haben nur einen schnellen Blick gewechselt, bestürzt und erschrocken, und in beider Augen steht die angstvolle Frage: Hat Exzellenz von der Begegnung im Gartenhaus erfahren?

Anna-Kathrin weiß selber nicht, woher sie den Mut nimmt, aber sie reicht dem Referendar schnell die Hand und er fühlt es an den bebenden Fingerchen, daß das junge Mädchen ihm nicht zürnt.

Malwine hat es nicht gesehen, sie wandte sich bereits zum Gehen.

»Mamachen – bist du wirklich krank?« fragt Anna- Kathrins ängstliche Stimme im Dunkel des Wagens die Präsidentin.

»Die Lieder des Herrn von Hausmann sind mir auf die Nerven gefallen!«

War das Spott?

Anna-Kathrin atmet beklommen auf.

»Gefielen sie dir nicht?«

»Nein.«

»Wie ist das möglich? Er erntete so viel Beifall!«

»Der Geschmack ist verschieden. Mir ist der junge Mann, welcher wohl sonst recht achtenswert ist, nicht sympathisch, ich gedenke nicht, ihn bei uns zu näherem Verkehr zu empfangen – von offiziellen Festen ist er nicht auszuschließen – und ich ersuche dich, Anna- Kathrin, dich ihm gegenüber auch einer möglichst großen Zurückhaltung zu befleißigen.«

 

Welch eine traurige, dunkle Nacht. Anna-Kathrins erst so blühende Wangen waren tief erblaßt und von Tränen betaut, und zum erstenmal floh der Schlaf ihre brennenden Augen.

Was hatte die Mutter just an dem auszusetzen, welcher ihr so gut gefiel, ach, so tausendmal besser wie alle andern Nänner, welche je zuvor ihren Lebensweg gekreuzt?

Hat Mutter eine Kunde von der Begegnung während des Gewitters erhalten? Zürnt sie dem Eindringling deswegen?

Ach, und wie leuchtend hell und schön glänzt doch das Bild des so lang erträumten Märchenprinzen in Anna-Kathrins Herzen!

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