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Der verlorene Sohn

Nataly von Eschstruth: Der verlorene Sohn - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorNataly von Eschstruth
titleDer verlorene Sohn
publisherPaul List Verlag
addressLeipzig
year1920
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectidf4df31be
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XXIII.

Auf einer schnell zusammengehäuften Strohschütte im Stallgang liegt Götz.

Das Wasser rinnt aus dem dunklen Haar über das leichenblasse Antlitz, das Sammetwams ist über der Brust aufgerissen, und ein Arzt, welcher zufällig im Zirkus anwesend war, kniet neben dem Bewußtlosen und nimmt, so gut es geht, die erste Untersuchung vor.

Direktor, Regisseur und Personal stehen mit ernsten, gedrückten Mienen im kleinen Kreis und starren auf das düstere Bild.

Auch Fräulein Lou schreitet gelassen heran und schaut mit schillerndem Blick auf den Verunglückten nieder.

»Hat er sich weh getan?« fragt sie mit harter, rücksichtslos lauter Stimme, und der Arzt richtet sich achselzuckend empor und sagt: »Noch ist nichts zu konstatieren, Lunge und Herz scheinen gesund, – der Kranke muß sofort in ein Hospital transportiert werden!« und er gibt einem Stallknecht hastig Befehl, das Nötige auf der nächsten Sanitätswache zu veranlassen.

Hoffmann zwirbelt mit nervöser Bewegung den grauen Schnurrbart.

Nicht nur, daß ihm der Unfall aufrichtig leid ist. – derselbe ist auch eine üble und unvorhergesehene Ausgabe für ihn; da er weiß, wie völlig mittellos der junge Reiter ist, muß er selbst anstandshalber die Kurkosten übernehmen.

Er flüstert mit dem Doktor und ersucht denselben, den Verunglückten möglichst vorteilhaft in einer Armenklinik unterzubringen.

Fräulein Lou mustert die schlanke, regungslose Gestalt noch einmal mit der herzlosen Kälte eines Weibes, welches ein interessantes und befriedigendes Schauspiel sieht, schwenkt kurz um und dreht dem ehemals so heiß begehrten Freund den Rücken. Mag aus ihm werden, was da will, – sie fragt nichts mehr danach, – sie hat vollauf zu tun, die drei schönen, so nutzlos vergeudeten Jahre wieder einzubringen.

Ein starker Duft von Tuberose weht noch einmal von ihr herüber, dann verschwindet sie zwischen dem näher drängenden Publikum.

Gleichzeitig bahnen sich zwei Damen mit allen Zeichen großer Erregung den Weg zu dem gestürzten Reiter!

»Flavia! Flavia! wenn er tot wäre!« jammerte die ältere der Damen außer sich, Fräulein von Husby aber wirft sich mit farblosem Antlitz neben Götz nieder und faßt die kalten Hände.

»Lebt er?« klingt es wie ein flehender Angstschrei zu dem Arzt empor.

»Ich hoffe, ja, mein Fräulein! Knochenbrüche wird es wohl gegeben haben, doch hoffe ich, keine ernsthaften Komplikationen. Der schwere Sturz auf den Kopf hat eine tiefe Bewußtlosigkeit verursacht.«

Am Ende des Stallganges erscheinen zwei Krankenträger mit der Tragbahre.

»Wohin soll er geschafft werden?« fragt Flavia ernst, und der Direktor murmelt: »Es wird nicht viel zu machen sein, meine Dame, der Mann ist völlig mittellos!«

Einen Augenblick ist es, als zitterten die Lippen des jungen Mädchens in herbem Weh, Tränen stürzen über die bleichen Wangen, dann schüttelt sie energisch das Haupt, richtet sich auf und sagt: «Die Pflege dieses Unglücklichen übernehmen wir! Ich ersuche Sie, ihn sogleich in die Klinik des Professors H. zu transportieren!«

»Mein Fräulein...«

»Ich übernehme jede Verantwortung und alle Kosten! Eilen Sie, ehe es zu spät wird!«

Und die alte Dame stimmt hastig zu: »Ja, zu Professor H.! Das ist das beste! Auch ich verbürge mich für den Kranken.«

»Gut! Also in die B.-Straße! Klinik!« nickt der Arzt, und der Direktor verneigt sich sehr höflich und freudig überrascht vor den beiden Samariterinnen; sie sind ihm nicht fremd, er hat sie Abend für Abend droben in der Loge sitzen sehen.

Flavia bleibt noch einen Augenblick stehen, hilfreich, mit weichen, bebenden Händen zuzugreifen, als man den tief aufstöhnenden Reiter auf die Bahre hebt, dann läßt sie ihren Wagen herbeirufen, um dem Verunglückten voraus nach der Klinik zu fahren und sein Kommen anzumelden.

Welch ein Glück, der Professor ist soeben aus dem Klub heimgekehrt und blickt betroffen in das liebliche Antlitz Flavias, welches mit einem Ausdruck unbeschreiblichster Todesangst zu ihm emporblickt.

Er kennt die junge Dame sehr gut, seit er ihre Tante, die Geheimrätin Borgius, als Patientin behandelt und ihrer anmutigen Pflegerin dabei die wärmsten Sympathien entgegenbrachte.

»Nein gnädiges Fräulein – zu so später Stunde, um alles in der Welt – wie sehen Sie aus! –«

Statt aller Antwort berichtet Flavia in fliegender Hast, was sich soeben im Zirkus zugetragen, und bittet um Aufnahme des Kranken in die Klinik, für dessen Behandlung Tante Borgius und sie jedwede Garantie übernehmen!

Der Professor schüttelt jäh betroffen den Kopf.

»Um alles in der Welt, mein gnädigstes Fräulein, das ist im Augenblick unmöglich, direkt unmöglich!«

»Herr Professor – Sie haben Zimmer frei!« stößt Flavia mit zitternden Lippen hervor, neigt sich aufgeregt näher und flüstert: »Mister Dougal ist nur ein nome de guerre! Der junge Schulreiter ist der Sohn eines unserer ersten Aristokraten, – die Familie wird es Ihnen zu Dank wissen...«

»O. – nicht um des Namens willen!« wehrt der berühmte Arzt beinahe heftig ab und wühlt die schlanken Finger in das dichte Grauhaar. «Ich habe freilich Zimmer frei – aber leider Gottes keine Pflegerinnen! Zwei meiner besten Diakonissen habe ich für China und Transvaal abgeben müssen, eine Wärterin liegt ebenfalls krank – wir wissen sowieso nicht, wie die viele Arbeit bewältigt werden soll. Aushilfen sind nicht zu finden – und nun gar noch einen so schwer Kranken aufnehmen, welcher die sorgsamste und größte Pflege haben muß... Ich versichere Sie, mein gnädiges Fräulein, so leid es mir tut...«

Er verstummt, denn Flavias wundervolle Augen sehen ihn voll beinahe überirdischen Glanzes an.

»O, wenn es sich nur um eine Pflegerin handelt,« sagt sie hastig, »so biete ich gern meine Dienste an. Herr Professor! Ich machte vor Jahren einen Kursus in der Krankenpflege durch, und wenn ich auch nicht ausgebildet darin bin, so dürfte ich doch auch nicht allzu unerfahren sein! – Versuchen Sie es mit mir, bester, gütigster Herr Professor! Ach, ich flehe Sie aus tiefster Seele an! – Wahrlich, Sie sollen zufrieden mit mir sein... drunten... hören Sie?... ach, man bringt den Unglücklichen schon! Stoßen Sie ihn nicht in die Nacht hinaus... Haben Sie Erbarmen...« Der alte Herr drückt mit einem warmen Blick bewundernder Anerkennung die weiße, zitternde Mädchenhand.

»Gut, – wenn Sie tatsächlich bleiben und pflegen wollen – an mir soll es dann auch nicht fehlen!«

Und er setzte die Klingel in Bewegung, gab hastig Befehle und eilte selber die Treppe hinab vor die Haustür, den bleichen Gast in Empfang zu nehmen.

Flavia aber faltete inbrünstig die Hände vor der Brust und blickte zu dem dunklen Nachthimmel auf: «Ich danke dir, mein Herr und Gott, daß du der schwachen kleinen Taube Kraft gabst, dem jungen Aar in die Welt hinaus zu folgen, daß du mich in dieser Stunde an seine Seite gestellt, ihm Hilfe und Rettung zu bringen, so es dein gnädiger Wille ist!«

 

Still, totenstill ist es in dem hohen, luftigen Zimmer.

Durch die großen Spiegelscheiben der Fenster schauen die hochragenden Blütenbäume des Gartens, die ersten Sonnenstrahlen flimmern über die weißgescheuerten Dielen, und Flavia erhebt sich, schreitet lautlos herzu und zieht die dunklen Vorhänge sorgsam zu,

Ihr Antlitz ist bleich, die großen Blauaugen sind tief umschattet, wie bei Menschen, welche den Schlaf entbehrten, aber ein Zug lächelnder Verklärung liegt um die feinen Lippen, der Ausdruck einer tief aufatmenden Erlösung aus Todesangst.

Dort auf dem Lager liegt Götz, still und blaß, schwerkrank, aber doch kein Sterbender.

Die gebrochenen Rippen heilen schnell und normal, die Muskelzerrung des Beines hat sich nicht so schlimm erwiesen, als wie es bei der ersten Untersuchung geschienen. Das Bedenklichste ist ein Bluterguß in die Augen, welcher möglicherweise recht ernste Folgen haben kann.

Vorläufig deckt eine schwarze Binde die Augen des Schläfers, den unglücklichen jungen Mann zu einer längeren Zeit schwerer Prüfung verurteilend.

Blind!

Flavia hat in jähem Entsetzen das Antlitz mit den Händen bedeckt.

Herr des Himmels, nur das nicht! – Nicht diese furchtbarste aller Heimsuchungen einem Menschen, der schon so elend sein verfehltes, armseliges Leben dahinschleppt!

Flavia hat an dem Lager des Kranken gekniet und die Hände in leisem, leidenschaftlichem Gebet gerungen, – und während ihr Herz tausendfache Qualen um ihn und seine Leiden litt, lag er so still in den Kissen, atmete so leise und ruhig, als habe der Sturm nun ausgetobt, als sei er endlich, endlich zur Ruhe gekommen.

Das Bewußtsein war verhältnismäßig schnell zurückgelehrt, – Götz hatte ein paar wirre Worte geflüstert, ein paar staunende Fragen an den Professor gerichtet – dann hatte er tief aufgeseufzt und das finstere, schöne Antlitz war so müde in die Kissen zurückgesunken, als wolle es sich zum ewigen Schlafe betten.

Das Fieber trat ein, – heftiger als man angenommen, und Flavia neigte sich mit Tränen in den Augen über ihren Schützling.

Wenn er allzu verzweifelt aufstrebte und voll leidenschaftlicher Erregung unverständliche Worte murmelte, – wenn er sich in den Fieberphantasien quälte, wo er eine Stellung finden, wo er Brot verdienen könne, – wenn seine Worte all die bittere Not, die herben Demütigungen, das furchtbare Hangen und Bangen eines stets vergeblichen Kampfes um das Dasein spiegelten, dann legte Flavia ihm blutenden Herzens die weiche, kühle Hand auf die Stirn, und der Kranke griff danach – hielt sie fest und seufzte tief und wohlig, wie von schwerer Qual befreit, auf.

Als das Fieber wich, als er wieder bei klarem Bewußtsein war, lag er still und schweigsam, stundenlang in düsterem Hinbrüten.

Er ließ alles schweigend mit sich geschehen, er forderte nichts und wünschte nichts – er tat keine Frage an seine Pfleger, er biß die Zähne zusammen und stöhnte kaum auf, wenn er Schmerzen empfand.

Er hatte geschlafen und war früh erwacht, Flavia bemerkte es an dem nervösen Zucken seiner Hand.

Sie hatte jetzt, als die Bandagen seine Augen verhüllten und ein Wiedererkennen dadurch ausgeschlossen war, seine Pflege fast ausschließlich übernommen, ein Wärter und der Professor selbst waren die einzigen, welche sie dabei unterstützten.

Sie neigte sich über den Erwachten und fragte leise, ob sie ihm eine Tasse Milch reichen dürfe?

»Ich bitte darum!«

»Sie fühlen sich heute wohler, Mister Dougal?«

Er lauschte gedankenvoll auf ihre weiche, melodische Stimme.

»Die Schmerzen in der Seite scheinen nachzulassen – ich danke Ihnen.«

»Gottlob, so wird bald das Schlimmste überstanden sein!«

Ein bitteres Lächeln huschte um seine Lippen, aber er schwieg.

»Liegen Sie noch bequem, oder soll ich dem Wärter schellen?«

»Ich danke, mein Lager ist sehr gut.«

Eine Welle tiefen Schweigens, Flavia trat an den Tisch und legte lautlos das Verbandzeug bereit.

»Wo bin ich hier?« fragte Götz plötzlich.

»In der Klinik des Professors H.!«

»Undenkbar! Wer bestreitet die Kosten dieses Aufenthalts? Weiß der Herr Professor, daß ich total mittellos bin?«

»Darüber beunruhigen Sie sich nicht. So viel ich weiß, bestreitet Direktor Hoffmann die Kurkosten, aber wenn dem auch nicht so wäre, würde der Professor Ihnen die Freistelle in seiner Klinik zugewiesen haben.«

»Hoffmann? Hoffmann?!« murmelte der Kranke ungläubig; »je nun, auch das ist wohl ein Stück Reklame für ihn.«

Flavia war herangetreten und legte ihre Hand besorgt prüfend auf die Hand des Sprechers, den Puls zu fassen.

»Sprechen Sie auch nicht zu viel, Mister Dougal? Fieber scheinen Sie, gottlob! gar nicht mehr zu haben!«

»Nein; ich empfinde keine Ermüdung beim Sprechen. Wer sind Sie?«

»Schwester Maria.«

»Eine Diakonissin?«

»Eine Krankenpflegerin.«

Abermals eine kurze Pause, dann atmete Götz tief auf.

»Ich bin bei der letzten Vorstellung im Zirkus gestürzt?«

»Gott sei es geklagt!«

»Hat man erfahren, wer mir den Sattelgurt durchschnitten hat?«

Betroffen hob Flavia das Haupt.

»Was wissen Sie davon?! – Wie erfuhren Sie...«

»Der Wärter erzählte es hier im Zimmer während der ersten Tage, er glaubte entweder, es interessiere mich nicht, oder ich sei noch zu apathisch, um es zu hören.«

»Und Sie hörten es? Es regte Sie auf?«

»O nein, Schwester Maria« – wieder das seltsam scharfe Zucken um seine Lippen. »Niemand muß mehr auf Kabalen und Intrigen gefaßt sein wie der Artist. Wir wissen, daß wir vogelfrei sind. Der Wärter erzählte ferner, daß der Direktor eine strenge Untersuchung eingeleitet habe, aber nur ein Arbeiter habe ausgesagt, daß eine Dame sich während der Vorstellung in der Sattelkammer zu schaffen gemacht habe. Weiß man, wer diese Dame war?«

»Nein, Mister Dougal – ich habe überhaupt nichts von diesen Details gehört – es wird ja so viel geredet und so viel phantasiert! Warum soll der Gurt in verbrecherischer Weise durchschnitten sein? Kann nicht einfach ein Unglück und Mißgeschick zugrunde liegen?«

Eine schnelle, jähe Bewegung seiner Hand. Götz grub die Zähne in die Lippe.

»Nein, das kann es nicht. Aber gleichviel, glauben Sie nicht, daß dieser Gedanke etwas Beunruhigendes für mich haben würde, im Gegenteil, es ist angenehm, wenn man sich nicht in den Menschen getäuscht hat, wenn mit dem Gurt zu gleicher Zeit das scharfe, schneidende Haarseil der Verpflichtung durchschnitten wurde.«

Abermals eine Pause.

Götz faßte mit nervöser Unruhe nach der Binde über den Augen.

»Warum immer noch diese Bandage? Was ist es eigentlich mit meinen Augen?«

»Sie müssen geschont werden, der schwere Sturz schadete auch ihnen.«

Mit zitterndem Druck faßte er die weiche, kleine Hand. «Schwester Maria... bin ich blind?!« stieß er mit einem Aufschrei hervor. Sie neigte sich und strich leis und lind über seine zuckenden Finger. »Das verhüte Gott! nein, Sie werden hoffentlich schon bald wieder froh und frisch in das Leben, in Gottes schöne Welt hineinblicken!«

»Froh und frisch! – nein, Schwester Maria – das werde ich nie wieder!« klang es leidenschaftlich zu ihr empor, es war, als sei plötzlich ein starrer Bann gebrochen, als flute all das übergroße Leid, welches Herz und Seele mit Bleigewichten niederdrückte, in jäher Verzweiflung über seine Lippen. »Wen das Schicksal so erbarmungslos in alle Tiefen des Elends hinabgeschmettert, der ringt sich nicht wieder empor, dessen Würfel sind gefallen! Ach, warum durfte ich nicht sterben und verderben in tödlichem Sturz, wie wohl würde mir jetzt sein! Was soll ich noch auf der Welt? Warum flickt und heilt man mühsam meinen elenden Körper zusammen, um mich als Krüppel doch dem Tode in die Arme zu treiben? Blind! – Wissen Sie, Schwester Maria, was es für einen Mann, welcher von seiner Hände Arbeit leben muß, heißt, zu erblinden?«

Flavias Herz blutete bei dem Ausbruch einer solchen Verzweiflung, fester umschloß sie seine Hand.

»Ja, ich weiß es, Mister Dougal!« flüsterte sie, »aber ich weiß auch, daß Gottes Gnade und Barmherzigkeit größer ist wie alles Leid, wie alles Mißgeschick, welches uns heimsuchen kann! Glauben Sie mir, der barmherzige Vater, welcher die Haare auf unserm Haupt gezählt hat, welcher seine Hände auch in dem finstersten Tale über uns breitet, dessen Auge uns dennoch sieht, wenn wir auch glauben, in den grundlosen und tiefsten Tiefen des Unglücks versinken zu müssen, der treue, gewaltige Gott weiß gar wohl, was für Gedanken er auch über Sie hat – nämlich Gedanken des Friedens und nicht des Leides!«

»Sind es wahrlich Gedanken des Friedens, wenn er mir, der nichts anderes mehr hat auf der Welt wie seine gesunden Glieder, diese zermalmt und mir das Augenlicht nimmt?«

»Ihre Glieder heilen, und Ihre Augen werden wieder sehend werden!« klang die weiche, seelenvolle Stimme wie eine heilige Verheißung zu ihm nieder. »Warum Gott der Herr sie Ihnen für ein Weilchen zuschloß? Auch das ist wohl einer seiner Wege, die nicht die unsern sind! Nicht mehr hinein in die bunte, sündige, leichtfertige Welt soll der schauen, welchem Gott eine Binde über die Augen legt, sondern er soll die Blicke nach innen richten, in sein Herz und seine Seele – er soll einmal nachsehen, ob es da drinnen so ausschaut, wie es seinem himmlischen Vater ein Wohlgefallen ist, er soll einmal abrechnen mit sich selbst!«

»Und wenn man sich keiner Schuld bewußt ist?« Das war wieder der trotzige Ton, der starre Sinn, welcher den verlorenen Sohn hinaus in das Elend getrieben.

Leise und zärtlich fast streichelte ihre Hand die seine.

»Kein Nensch ist sonder Schuld und Fehl, Mister Dougal! Ich bin überzeugt, daß Sie keine großen Sünden begangen haben, daß Sie nicht die heiligen zehn Gebote verletzten! Du sollst nicht stehlen, du sollst nicht töten, du sollst Vater und Mutter ehren, auf daß es dir wohl ergehe und du lange lebst auf Erden ... Dies alles werden Sie gewiß nach Gottes Willen getan haben, sind ein braver und gewissenhafter Mensch gewesen, der die grauen Haare seines Vaters heilig hielt, dem der Segen der Eltern in das Leben hinausfolgte ... und doch ... ach, wieviel hundertmal versündigen wir uns in Worten und Gedanken, wie oft irren wir von dem Weg des Rechten ab, wie zahllose Flecken weist das Feierkleid unserer Seele auf! Auch Sie werden solche Flecken finden, wenn Sie danach suchen, und damit Sie suchen sollen, ungestört vom Lärm und Getriebe der Welt ... darum hat der Arzt aller Ärzte sie hier im stillen Krankenzimmer in seine Kur genommen!«

Flavia hatte wundersam innig und eindringlich gesprochen, sie wußte, daß sie in diesem Augenblick mit ihren Worten Samenkörner ausstreute, welche in dem Herzen eines verlorenen Sohnes Wurzel schlagen sollten.

Still ... totenstill, nur die bleiche Hand des Kranken zuckt konvulsivisch unter der ihren, und ein Atemzug, wie ein qualvolles Aufstöhnen, ringt sich aus seiner Brust.

»Schwester Maria!«

»Ich bin bei Ihnen!«

»Und wenn ... und wenn man Flecken ... große, schwarze ... unauslöschliche Flecken findet ...« stammelte er plötzlich mit zuckenden Lippen.

»Wenn sie uns leid sind, diese Flecken, von Herzen leid, dann wäscht sie Christi Blut und Gottes Gnade rein, daß unsere Seele wieder leuchtet wie frisch gefallener Schnee!«

Ernst und feierlich, voll innigster Zuversicht tönt ihre süße Stimme, und Götz faßt jählings ihre Hand und preßt sie an die Lippen.

»So weiß wie Schnee...« murmelt er, »so weiß wie Schnee...«

Und ein Schüttern und Beben geht durch seine Gestalt, als wehe ein Frühlingsodem über sie dahin ...

Und Gott der Herr offenbarte sich in dem linden Sausen.

»Ruhen Sie jetzt, Mister Dougal ... das Sprechen regt Sie auf!« sagt Flavia leise. »Lauschen Sie dem lieblichen Konzert vor ihrem Fenster, all die jungen Sänger sind in den Blütenzweigen versammelt, Gott dem Herrn durch ihr Lied die Ehre zu geben!«

Sie tritt an das Fenster und öffnet es, und der Duft von tausend jungerschlossenen Blüten strömt in das Gemach, jubelndes Gezwitscher und Tirilieren tönt zu ihm herein.

Und zwischendurch die vollen, hallenden Klänge der Kirchenglocken.

»Es läutet, Schwester Maria?«

»Ja, Mister Dougal, es ist Sonntag heute.«

Er faltete die Hände und lag still wie im Traum.

 

An diesem Tage redete Götz nicht mehr als wie das Notwendigste, und Flavia blickte voll banger Sorge in das farblose Antlitz, welches all die schweren Kämpfe spiegelte, in welchen die Seele des Kranken rang.

Hatte sie recht getan, an die Wunde zu rühren, über welche der Staub der Welt seine dicke Borke gezogen?

Ja, sie tat recht daran, denn jetzt war die Zeit gekommen, wo die weiße Taube dem jungen Aar in Sturm und Wetter hinaus folgen und den Flügellahmen kraft ihrer schwachen Schwingen mit sich empor zum Himmel tragen konnte.

 

Am nächsten Tag rief Götz plötzlich den Namen seiner Pflegerin.

»Schwester Maria!«

»Was wünschen Sie, Mister Dougal?«

Er legte die Hand wie nachdenkend auf die Stirn.

»Sie haben schon viel Elend in der Welt gesehen?«

»Viel Elend und dennoch, gottlob! noch keins, welches zugrunde ging!«

»So haben Sie es wohl besser wie je ein anderes Wesen gelernt, fremdes Leid mitzufühlen?«

»Das glaube ich aus redlichem Herzen versichern zu können.«

»Sind Sie selber zeitlebens glücklich gewesen?«

»Ich bin eine Waise, Mister Dougal ... ich habe seit frühester Jugend die zärtliche Liebe einer Mutter entbehren müssen. Ich weiß, wie es tut, einsam und verlassen durch die Welt zu gehen, das Herz voll heißen, unverstandenen Weh's, ich habe mich lange, lange Jahre nach einem Menschenherzen gesehnt, welches, mir die Mutter ersetzen könnte ...«

»Sie, Schwester Maria ... auch Sie?« murmelte Götz tief aufatmend – »und ... fanden Sie es?«

»Ich fand den Frieden, Mister Dougal!«

»Frieden! Ja. Ihre Stimme klingt so traut, so sanft, so wundersam, als müsse in Ihrem Herzen alles still und licht und hell sein! – Verzeihen Sie die unhöfliche Frage: Sind Sie schon alt, Schwester Maria? Ich sehe Sie nicht.«

»Ich bin wohl niemals so recht jung gewesen!«

»Seltsam. Glauben Sie, daß auch ganz junge Menschen, junge Mädchen, bereits ein Himmelreich seligsten Friedens in der Brust tragen können?«

»Wie schlimm, wenn es nicht so wäre!«

Götz schwieg ein paar Minuten, dann lächelte er plötzlich, zum erstenmal, daß Flavia ihn lächeln sah.

»Wie wunderlich oft die Phantasie eines Menschen arbeitet!« sagte er. »Ich sah in letzter Zeit öfters eine Dame im Zirkus, welche mir auffiel, weil ein so unbeschreiblicher Ausdruck auf ihrem lieblichen Antlitz lag. So wie ich mir als Kind den Engel vorstellte, welcher die Friedensbotschaft auf die Welt trug: ›Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!‹ Solch ein Antlitz deuchte mir, dem Unstäten, Fried- und Ruhelosen wie ein Wunder. Als ich Sie zuerst sprechen hörte, Schwester Maria, hatte ich das Empfinden, diese Stimme und jenes Antlitz gehören zusammen, es liegt etwas Verwandtes darin, etwas für mich so Rätselhaftes. Sie sprechen, Schwester Maria, als ob Sie niemals heftig, niemals zornig, niemals sehr laut in übergroßer Lustigkeit sein könnten. Wie wohl tut eine solche Stimme, einzelne Worte klingen mir noch lange, lange im Ohr. – Warum antworten Sie nicht?«

»Ich muß lächeln, Mister Dougal.«

»Ich möchte es sehen können ... und doch ... nein, es ist wohl besser so. Sprechen Sie zu mir ... ich höre es so gern ... erzählen Sie mir aus Ihrem Leben!«

»Wäre es nicht richtiger, wenn Sie das täten? Sie haben wohl mehr des Interessanten zu erzählen wie ich!«

Einen Augenblick verschlang Götz krampfhaft die Hände auf der Bettdecke, er zögerte, dann sagte er hastig: »Ja, Schwester Maria ... ich werde Ihnen auch von mir erzählen ... nicht jetzt ... es ist so schwer ... so bitter schwer ... und doch ist wohl keine, die so viel Mitleid hat wie Sie! Haben Sie eine Bibel zur Hand? O, so lesen Sie mir einmal das Gleichnis von dem verlorenen Sohn ... ich entsinne mich nicht mehr ... es ist so lange her, daß ich es lernte ...«

 

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