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Der verlorene Sohn

Nataly von Eschstruth: Der verlorene Sohn - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorNataly von Eschstruth
titleDer verlorene Sohn
publisherPaul List Verlag
addressLeipzig
year1920
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
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XXII.

Als er an einem der nächsten Abende nicht mehr in der Schlußpantomime mitzuwirken hatte, wechselte er hastig den Anzug und stellte sich am Ausgang des Zirkus auf, um auf die beiden Damen zu warten.

Es war ihm ein wunderliches Empfinden, dieses stille, liebliche Antlitz in nächster Nähe zu sehen, und als er die schlanke, schmiegsame und doch so stolze Gestalt heranschreiten sah, wich er jählings zurück, als ob seine Berührung diese keusche Mädchenblüte entweihen könne.

Aber sein Blick brannte wie in düsterem Forschen auf dem geneigten Gesichtchen, und ohne von ihr bemerkt zu werden, folgte er ihr in dem lärmenden, schwatzenden Menschenschwarm bis zu dem Wagen, in welchen die Damen schweigend einstiegen und ihm schnell entschwanden.

Am nächsten Abend hatte auch er einen Wagen bereit stehen, und der Kutscher war wohl instruiert. Als die Unbekannte diesmal an ihm vorüber schritt, wich Götz nicht zurück, sondern suchte ihr in dem Gedränge so nahe wie möglich zu kommen.

Wie eine leidenschaftliche Sehnsucht überkam es ihn, ihre Nähe zu empfinden, ihr Kleid zu streifen, als ginge es wie der erquickende Hauch von ihr aus, nach welchem seine Seele dürstete.

Sie schaute auf, ihr Blick traf seine bleichen, finsteren Züge, und abermals überflutete ein heißes Rot ihre Wangen.

Wie wunderlich sah sie ihn nur an!

So muß ein Engel in das Antlitz eines Sünders blicken!

Was wußte sie von ihm?

Stand es ihm denn auf der Stirn geschrieben, daß er ein verlorener Sohn, ein ruheloser, irrender Mensch war, dessen Glück und Zukunft vernichtet, dessen Leben und Existenz ein Spielball des Zufalls geworden?

Götz fühlte, wie seine Lippen zuckten, er drängte sich hastig zu seiner Droschke, der Kutscher flüsterte: »Jene beiden dort?« – er nickte und der Wagen setzte sich in Bewegung.

In einer entfernten Villenstraße hielt er.

»Dort in der ›Hortensia‹ sind sie abgestiegen.«

Abensberg dankte, zahlte und schritt langsam der genannten Villa entgegen.

Der Portier trat just in den Vorgarten, seine Zigarre im Freien zu rauchen.

Götz grüßte und fragte nach den beiden Damen, welche soeben das Haus betreten hatten.

Der Mann machte ein Gesicht, als wolle er eine recht grobe Antwort geben: da fühlte er etwas Hartes in seiner Hand, das im hellen elektrischen Licht wie ein regelrechter Taler blinkte.

Er griff an die Mütze. »Die Frau Geheimrätin Borgius!« knurrte er.

»Woher?«

»Aus Berlin.«

»Danke verbindlichst!« und Götz schritt hastig die stille, blütendurchduftete Straße hinab.

Geheimrätin Borgius? Der Dame war ihm völlig fremd.

Erleichtert atmete er auf.

Das Interesse der Damen war ein Zufall. Jenes holde, gutherzige Kind hatte wohl Mitleid mit ihm wegen seines Fiasko am ersten Abend.

Sie sieht so engelhaft aus, als könne sie keine Fliege leiden sehen, geschweige einen Menschen, dem sein Seelenleid so scharf im Gesicht geschrieben steht wie ihm.

Gedankenvoll schreitet er im silbernen Mondlicht dahin.

Ist es nur Mitleid oder gefällt er ihr?

Mit bitterem Lächeln schüttelt er den Kopf. Die Zeiten, wo die Weiber ihr Herz an den flotten, schönen Ulan verloren, sind vorbei.

»Ich bin nur noch mein Schatten!« hat er voll herber Selbstironie gespottet, als er gestern abend sein Bild im Spiegel sah.

Ein Kainsmal brennt auf der düster gefurchten Stirn, glüht aus den flackernden Augen – unstät und flüchtig!

Wie ist es möglich, daß ein Mensch so friedlich, so still und ruhig in die Welt blicken kann, wie dieses Fräulein Borgius!

Welche Seelenreinheit glänzt von ihrer Stirn, welch ein Himmel grüßt aus ihren Augen.

Götz weiß es selber nicht, warum ihn der Ausdruck dieses Gesichtes so wunderbar ergreift. Er hat in seinem Leben wenig edle und tugendhafte Frauen kennengelernt; die, denen er sich zugewandt, trugen die Hölle im Blick.

Sie deuchten ihm interessant, süß und reizvoll, wie eine jede Sünde es ist!

Hatte er doch einst selber mit frivolem Lächeln gesagt: »Der süßeste Honig ist der, welchen die Bienen aus giftigen Blüten sammeln!«

Aber es ist Gift, welches Leib und Seele mordet.

Ein Ekel, ein Grauen davor hat ihn erfaßt.

Jetzt, wo er mitten drin in dem Sumpf steht, welcher von der betäubend duftenden Belladonna überwuchert wird, sind ihm die Augen aufgegangen über den Wert eines solch »freien« Lebens.

Wieviel hatte er davon erhofft, und was ist ihm geworden!!

Enttäuschung, Not, Demütigungen ohne Ende!

Wie bitter schwer wird ihm der Kampf um das Glück, so schwer, daß er kaum noch Mut und Energie besitzt, ihn bis zu dem letzten, kläglichen Ende durchzuführen.

Freiheit! – die lichte, traumhafte Göttergestalt ist zerronnen wie ein Nebel, und was ihm statt ihrer entgegengrinst, ist ein hohläugiges, gespenstisches Weib in Lumpen, welches die Knute über ihm schwingt, ihn hetzt und jagt, ruhelos, friedlos, bis zum Zusammenbrechen – und dazu höhnisch kichert: »Sieh! so wie ich sieht die Freiheit aus, die du gefunden hast!«

Götz ist auf einer Bank in den Anlagen niedergesunken, er deckt die Hand über die Augen, wie ein Aufstöhnen ringt es sich aus seiner Brust.

Sein Kontrakt läuft noch vierzehn Tage, erneuert wird er auf keinen Fall werden – was dann? Ihn fröstelt es in der schwülen Gewitterluft.

Was dann?

Wie eine leuchtende Engelsgestalt steht es plötzlich neben ihm, die trägt das Antlitz jener Fremden, neigt sich über ihn und flüstert: »Und der verlorene Sohn sprach zu sich selbst: ich will mich aufmachen und will zu meinem Vater gehen.«

Götz springt empor und macht eine so wilde, leidenschaftliche Geste, als wolle er die holde Traumgestalt mit Fäusten zurückschlagen.

Nein! tausendmal nein! – lieber sterben.

Noch lebt der letzte Funken des alten Trotzes, des unbändigen Stolzes in ihm!

Zu seinem Vater – ja, zu dem möchte er sich wohl in dieser Finsternis zurücktasten, wenn nicht jene Frau, jene kaltherzige, so unendlich korrekte, pflichtgetreue, musterhafte Stiefmutter den Weg zu dem Vaterherzen versperrte!

Götz lacht grell auf und wühlt die Finger in das dunkellockige Haar.

Ehe er sich der salbungsvollen, selbstgefälligen Moralpredigt, mit welcher diese kluge Frau den mürben, reuigen Sohn begrüßen würde, aussetzt – nein! lieber zehnmal hinab in das Wasser, wo es am tiefsten ist!

Und wer weiß, ob ihm ihre harten, strengen Hände jemals die Tür des Vaterhauses wieder auftun würden?

Ach, jener verlorene Sohn in der Schrift hatte keine Stiefmutter, welche auf der Schwelle seines Vaterhauses stand und ihm mit so kalten – kalten – gleichgültigen Augen entgegenschaute...

Nein! es ist zu spät zur Umkehr, die Würfel sind gefallen, mögen sie rollen, gleichviel wohin. Kein Elend ist so groß, daß man ihm nicht ein Ende bereiten könnte.

Nach Rußland! – dem Traumland der Artisten – dort weiß und verrät es keiner, wenn ein fahrender Mann am Wege stirbt.

Götz rafft sich empor und schreitet langsam, wie ein alter Mann, gebrochen an Leib und Seele, seiner Wohnung zu.

Am nächsten Abend steht er und starrt wie geistesabwesend nach der Loge empor, so daß ihn der Regisseur verschiedentlich an seine Pflichten mahnen muß – allzu freundlich geschieht es nicht, ja, es deucht Götz, als ob ihn alle Mitglieder von Tag zu Tag schlechter behandeln, spottend, höhnisch, brutal – alle Arbeit wird ihm aufgebürdet, und er verrichtet sie, schweigend und resigniert.

Auch Lou ist nicht mehr wie sonst zu ihm.

Maßlos gereizt, wütend und beleidigend in einem Augenblick, im andern zudringlich, ekelhaft in schmeichelnder Zärtlichkeit.

Es ist ihm gleichgültig, er hat nur noch den einen heißen Wunsch – weg von ihr, so weit, weit weg, daß ihr Gifthauch ihn nicht mehr streifen kann!

Als die Vorstellung beendet ist, steht er wieder an dem Portal und wartet auf die Damen Borgius.

Warum? Er weiß es selber nicht, er will nur jenes friedliche Menschengesicht anstarren, wie ein unfaßliches Rätsel.

Es zieht ihn an, wie der Magnet das Eisen.

Wenn sie einmal die kleine, weiche Hand auf seine Stirn legte, würde es vielleicht still dahinter.

Er würde vielleicht gesund werden.

Nur einmal möchte er mit der Hand leise, leise über ihr Kleid streichen!

Dennoch steht er fern beiseite, finster, in sich gekehrt, das liebliche Antlitz nur groß und erstaunt anstarrend, wenn es bei seinem Anblick so heiß errötet.

Er begreift sich selber nicht.

Früher mochte er nicht diese blonden Schönheiten, deren reine Stirn alle Tugenden spiegelt, sie waren ihm langweilig, unsympathisch, und jetzt steht er wie ein Träumender und starrt in ein Engelsgesicht, als sähe er ein Wunder.

Der Anblick tut ihm so wohl nach »all dem Frivolen, Rohen, Zügellosen, was er in letzter Zeit zu sehen bekam.

Er hat sich bis in die tiefste Seele entwürdigt und gedemütigt in seiner jetzigen Umgebung gefühlt, ein Blick auf diese keusche, edle Mädchengestalt erhebt ihn wieder, gemahnt ihn an eine Zeit, wo er sich noch nicht zu schämen brauchte, der Tugend in das Auge zu sehen.

Er folgt der Fremden nicht, er steht wie ein Bettler an der Tür und blickt ihr nach, starr, regungslos, wie in weite Fernen. Und als er sich endlich umwendet, sieht er in Lous hübsches Gesicht, welches ihm in diesem Augenblick häßlich deucht wie die Sünde selber. Ärger und wilde Eifersucht brennen in ihren Augen, um die Lippen zuckt es, wie stets, wenn ein wüster Zornesausbruch gleich bösem Wetter im Anzug ist.

Gleichgültig blickt Götz über sie hinweg und will an ihr vorüberschreiten.

Daß sie ihm auflauert und auf Schritt und Tritt nachspioniert, hat er längst gemerkt.

Sie faßt jählings seinen Arm und schließt sich ihm an.

»Ich habe mit dir zu reden, amico mio!« sagt sie, und der junge Schulreiter hört es ihrer Stimme an, wie gewaltsam dieselbe gezwungen wird, so zärtlich und kosend wie früher zu klingen.

Wie früher! Es dünkt Götz eine wahre Ewigkeit her, seit er zum erstenmal in dem eleganten Boudoir neben Fräulein Lou gesessen und sich von all ihren Kapricen und dem schwülen Zauber die Augen blenden ließ!

Wie war es möglich gewesen, daß er sich derart in Banden schlagen ließ!

Die süßen Illusionen sind längst zerstört und verflogen; er hat Fräulein Lou zu oft ohne den falschen Heiligenschein einer idealen und interessanten Künstlerin gesehen, sie hat zu oft die Maske fallen lassen, hat häßliche Szenen voll Zank und Gemeinheit heraufbeschworen, wo ihr bißchen erborgte Bildung sie kläglich im Stiche ließ und Götz in ihr nur das rüde, leichtfertige Weib, die Glücksjägerin, erkannte.

Dennoch hat ihn ein Gefühl der Dankbarkeit an sie gefesselt. Er konnte es nicht vergessen, daß sie sich in ihn verliebt hatte, ohne zu wissen, wer er war, daß sie ihre günstige Stellung bei Sontini aufgab, um ihm in ein ungewisses Schicksal hinaus zu folgen!

Und dieses Erkenntlichkeitsgefühl band ihm auch jetzt die Hände, wo er sie am liebsten von sich gestoßen hätte, wie etwas Giftiges, Unlauteres, welches nicht in die Nähe jenes Heiligenbildes, das soeben an ihm vorüberschwebte, paßt.

»Ich bin müde und abgespannt, ich möchte bald zur Ruhe gehen!« sagte er, ohne sie anzublicken. »Was willst du von mir?«

»Begleite mich durch die Anlagen, dort sind wir ungestört und ich kann sprechen!« flüstert sie.

Schweigend schreiten sie durch die Menschenmenge, durch belebte Straßen nach dem stillen Park, wo silberner Mondschein durch die flüsternden Wipfel flieht und der Jasmin und Faulbaum duften. Die Szenerie ist so poetisch und bezaubernd gewählt, und dennoch geht der junge Graf so steif und kalt, so müde und gleichgültig wie noch nie an ihrer Seite.

»Ich komme direkt von Hoffmann, habe im Bureau mit ihm gesprochen!« hebt Lou endlich an.

»So? Du hast bis jetzt nur ein Drittel Gage bekommen, hast gleichsam Probe geritten ... nun bist du engagiert?«

»Er bot mir einen glänzenden Kontrakt an, ich brauche nur zu unterschreiben!«

»Ich gratuliere.«

»Noch unterschrieb ich nicht.«

»Aber du tust es.«

Sie zuckt die Achseln. »Dein Kontrakt ist übermorgen abgelaufen!« – Er nickt.

»Rechnest du darauf, daß er prolongiert wird?«

Götz lacht bitter auf. »Nein! Hoffmann hat mich in der letzten Zeit kaum noch reiten lassen, das sagt mir genug.«

»Gut, daß du vorbereitet bist – der Direktor sagt, du machst nichts – die Leute haben ein Vorurteil gegen dich, und eine zugkräftige Nummer würdest du hier nie!« – »So!«

»Ich habe aber Hoffmann erklärt, wenn du nicht hier bleibst, bliebe ich auch nicht!«

Er fährt unmutig auf. »Welch ein Wahnsinn! Willst du mit mir betteln gehen?!«

Da schlingt sie voll jäher, heißer Leidenschaft die Arme um ihn. »Ja, das will ich! ich will Glück und Leid, Hunger und Kummer, Frost und Hitze mit dir teilen, Götz; denn ich liebe dich, liebe dich mehr als mich selbst!«

Wie süß sie zu ihm auflächelt, wie bezaubernd sie in dieser hingebenden, opfermutigen Leidenschaft aussieht, und doch hängt der Arm des jungen Mannes schlaff und schwer hernieder, dennoch blickt er finster, beinahe feindselig in ihr mondbeglänztes Gesicht hernieder.

»Und glaubst du, daß ich solch ein unsinniges Opfer annehmen würde? Niemals, es ist schwer, sein eigenes Elend verschuldet zu haben, aber es wäre geradezu unerträglich, noch eine andere mit in den Abgrund hinab zu reißen!«

»Ich stürze nicht mit dir, Götz, im Gegenteil, ich will dich halten und vor dem Verderben retten!«

Er schüttelt nur mit hartem Auflachen den Kopf, Lou aber zieht ihn ungestüm neben sich auf die Bank im Boskett nieder. .

»Hör' mich an, du Liebster, Teuerster, den alle verstoßen und verlassen und von dem ich doch nicht lasse, ich allein nicht! – nicht im Leben und nicht im Tod! Laß mir das unbeschreiblich süße Glück, dein Schicksal rosig und glückselig zu gestalten! Hör' mich an! Eine schöne Forcereiterin, welche derartige Triumphe bei Sontini gefeiert wie ich, findet überall ein glänzendes Engagement. Wenn du mein Mann wärest, würdest du fraglos mit mir Stellung finden, schon bei Hoffmann würde ich es mit Leichtigkeit erreichen. Götz! du siehst, wie ich dich liebe! Du weißt, was ich alles für dich getan, erfülle mir den einzigen, heißen Wunsch, in allen Ehren und mit allen Rechten dein Weib zu sein, und du sollst es nie bereuen!«

Wie sie sich an ihn schmiegt, wie ihre Lippen zittern, wie ungestüm ihr Herz an dem seinen schlägt, und der Mondschein flimmert, und die Blüten atmen so schwülen – schwülen Duft. Einen Augenblick starrt er sie an – groß – mit beinahe starren Augen, und dann springt er jäh auf, schiebt sie heftig zurück und schüttelt den Kopf in beinahe wilder Abwehr.

»Heiraten? Dich heiraten, Lou? Nie! nie! Ich bin kein Glücksritter, der seine Existenz einem Weibe verdanken will! Ich bin kein Vagabund, der seine Ehe auf der Landstraße schließt! – Was auch in den beiden letzten Jahren meines unglückseligen Zigeunerlebens aus mir geworden ist – wenn ich auch alles und jedes verlor, was sonst eines ehrenhaften Mannes Freude und Glück ist – eins ist mir dennoch geblieben, der ungebändigte Stolz des Edelmannes, welcher wohl zu sterben weiß, nicht aber in entwürdigenden Verhältnissen, unter der Last seiner Schande als Gatte und Vater leben kann!«

Sie hatte sich erhoben, ihr Gesicht war weiß bis in die Lippen hinein, ein beinahe gehässiger Ausdruck verzerrte es.

»Ja, der Stolz! Der Stolz des Edelmannes! Das ist des Pudels Kern!« fuhr sie hohnvoll auf. »Der enterbte Herr Graf ist zu stolz, um eine Artistin zu heiraten! Aber ihre Opfer anzunehmen, sich von ihr helfen und vorwärts bringen zu lassen, dazu langte die Herablassung!«

Götz trat finster einen Schritt näher. »Welche Opfer hast du gebracht? – Gott sei gelobt, ich habe nie einen Heller von dir angenommen!«

»Mit nach England hast du mich geschleppt – aus meinem glänzenden Engagement bei Sontini hast du mich herausgerissen –«

»Das lügst du! – Freiwillig hast du dich mir angeschlossen! Dein Kontrakt war gelöst, ehe ich nur eine Ahnung davon hatte!«

Sie stand und ballte in zitternder Wut die Hände. Ach, daß sie so gar keine Opfer aufzählen konnte, die ihn zu ihrem Schuldner machten.

»Ein falsches Spiel hast du mit mir getrieben!« zischte sie. »Hast meine blinde, vertrauende Liebe für deine Pläne ausgenutzt und nie daran gedacht, mich zu deinem Weibe zu machen!«

»Nein, wahrlich, – nie! Das habe ich ehrlich gezeigt!«

Lou sah in diesem Augenblick so unbeschreiblich häßlich aus, wie Götz sie nie vorher gesehen hatte.

Einen Augenblick kämpfte sie mit sich, ob sie ihm die »Lüge« vom enterbten Majoratsherrn, der doch nicht enterbt werden kann, in das Gesicht schleudern sollte, aber sie bezwang sich und ihre maßlose Gereiztheit, denn sie wußte, daß sie rettungslos verspielt hatte, wenn Götz ahnte, daß sie genau über seine Lage orientiert war. Sie mußte die Rolle des selbstlos liebenden Weibes weiterspielen, sie mußte es, und mit diesen Zornesausbrüchen kam sie nicht zum Ziel, das wußte sie auch.

Also änderte sie die Methode.

Mit bitterlichem Aufschluchzen schlug sie die Hände vor das Antlitz und sank auf die Bank zurück.

»O Götz, Götz!« klagte sie wie eine Verzweifelte. »Warum quälst du mich so namenlos! Ist es ritterlich, ist es ehrenhaft, ein Weib, welches dich so über alles liebt, gleich einem zerbrochenen Spielzeug von sich zu werfen! Nicht dein Stolz steht zwischen uns, denn du bist kein Edelmann mehr, du bist freiwillig zu mir herabgestiegen, und die Vergangenheit ist ausgelöscht – aber ein anderes ist es, was dich von meinem Herzen löst, – die Liebe! – Was starrst du mich so groß an? Glaubst du, ich hätte es nicht beobachtet, wie du in der Manege stehst und keinen Blick von der blonden Madonna in der Loge droben wendest? Und sie kommt Abend für Abend – und wem ihr Kommen gilt, sieht ein Blinder! Warum folgtest du ihr neulich im Wagen? Warum stehst du am Ausgang und schaust sie an wie ein Hypnotisierter? – Warum errötet sie? O, Götz, ich weiß, was dies alles bedeutet! Untreue und Falsch gegen mich bedeutet es, und Liebe zu einer andern, die dir doch ewig fern und fremd bleiben wird, denn feine Damen heiraten keinen Stallmeister aus dem Zirkus!«

Da klang wieder, trotz der schmelzenden Klagetöne, der feine Hohn hindurch, und Götz, welcher heftig antworten wollte, zuckte ruhig die Achseln und sagte: »Ich habe dir nie Treue gelobt und geschworen, denn ich wollte frei sein, – frei, in allem und jedem, ebenso wie ich dich niemals in deiner Freiheit beschränkt habe. Was jene Fremde anbelangt, kann es dir also gleichgültig sein, ob ich sie ansehe oder nicht.«

»Götz, erbarme dich!« – sie faßte seine Hand und preßte sie gegen ihr glühendes Gesicht. »Mach mich nicht rasend vor Eifersucht! Ich kann nicht von dir lassen, – ich bin dein Schatten geworden – ich will verhungern an deiner Seite – nur habe mich lieb, so lieb wie ehemals!«

»Verrenne dich nicht in einen Gedanken, der sich doch nie verwirklichen läßt; unsere Wege müssen sich doch bald trennen – wer weiß, ob wir wieder in ein und demselben Zirkus –«

Sie schüttelte wild das Haupt zurück. »Trennen? Das wäre mein Tod! – Ich lasse dich nicht! Ich folge dir bis an das Ende der Welt, was du mir auch antust! Und jene andere?« sie starrte ihm mit funkelnden Augen in das Gesicht, «die morde ich, wenn sie sich zwischen uns drängen will!«

Er musterte sie mit kaltem Blick. »Du redest im Wahnwitz! Der starke Blumenduft fällt dir auf die Nerven. Auch ich bin müde davon geworden, zu müde, um noch mit dir nutzlos zu streiten. – Gute Nacht, und morgen, bei vernünftiger Laune, auf Wiedersehen!«

»Gut, gehen wir, –« sagte sie plötzlich sehr ruhig und gelassen. »Dein Weg führt an meinem Hotel vorüber. Und die Zukunft? Mir ist's, als sei es unmöglich, daß das Schicksal uns trennt! Du kannst nicht ohne mich sein, – ich bin die einzige, welche dich noch lieb hat auf der Welt, – und ob früher oder später, wirst du es auch einsehen. Du lieber, lieber Trotzkopf du! Wehre dich nicht gegen das Verhängnis, es hilft dir nichts! Wenn alle dich verlassen, – ich bleibe dir treu!«

 

Als Lou allein in ihrem Zimmer saß, neigte sie den Kopf tief zur Brust und dachte nach. Ihr Gesicht sah alt aus, erschreckend alt und verzerrt.

Götz heiratete sie nicht, das hatte sie heute abend erfahren.

Sein Stolz, sein Trotz, seine Zuversicht waren noch nicht gebrochen.

Er war wohl elend geworden, aber noch nicht elend und verlassen genug. – So lange ihm noch Weiber zulächeln, solange wie er sich noch in einen Sattel schwingen kann, lebt seine Zuversicht, stößt er hochmütig ihre Hand, welche er noch nicht zur Rettung und Stütze braucht, zurück.

Aber es soll eine Zeit kommen, wo er sich an diese Hand klammert, wie ein Ertrinkender an den Strohhalm.

Hat Lou darum drei Jahre ihres Lebens geopfert, um den Goldfisch zum Schluß doch noch durch die Maschen des Netzes gleiten zu sehen? Hat sie darum bei Hoffmann ihr Probegastspiel für eine Bagatelle gegeben, um zuzusehen, wie Götz mit einer andern liebäugelt? Beim Teufel, nein!

So leichten Kaufs gibt Lou ihr Opfer nicht frei.

Nun heißt es: va banque!

Götz soll ein Mann werden, der nichts mehr auf der Welt hat als seine Freundin Lou: ein Krüppel, ein Armseliger, welchen sie durchfüttert und welcher in seiner Ohnmacht Wachs in ihren Händen ist. Dann wird sie ihr Ziel erreichen.

Und wenn es bei dem Spiel auf Leben und Tod passiert, daß Götz den Hals bricht?

Sie zuckt mit glimmendem Blick die Achseln, ob so oder so, va banque!

Und wenn sie das Weib eines Krüppels werden muß?

Wie lacht scharf und zynisch auf: »Eine Gräfin Abensberg fragt nicht viel danach, was daheim im Rollstuhl seufzt oder an Krücken humpelt! Der Mann ist ja Nebensache bei diesem Hasard, – was sie gewinnen will, ist Geld und eine Grafenkrone!«

 

Am nächsten Abend soll eine großartige Schlußpantomime geritten werden, eine Parforcejagd im alten Kostüm, an welcher Götz ebenfalls teilnehmen muß.

Er wird in der Rolle eines jungen Fürsten auftreten, Lou kennt durch die Proben genau sein Pferd, sein Zaumzeug, Sattel und Schabracke.

Fräulein Lou hat bereits im ersten Teil des Programms »gearbeitet« und im jeu de rose wieder stürmischen Beifall geerntet, dann wechselte sie die Toilette und nahm noch auf der ersten Stuhlreihe Platz, um die weiteren Nummern anzusehen.

Als sie sich während eines sehr lebhaften Potpourris, in welchem eine außergewöhnliche Anzahl Pferde beschäftigt und beinahe alle Stallbediensteten in Manege und Stallgang versammelt waren, entfernte, fiel es wohl niemand auf und ward nicht bemerkt.

Lou begab sich in den Marstall, vorgeblich um nach ihrem Pferd zu sehen, welches etwas gelahmt hatte.

Ihr scharfer Blick flog blitzartig forschend umher, sie war allein, niemand achtete auf sie.

Mit schnellem Schritt stand sie in der Sattelkammer.

Dort hing an den Wänden alles, was an Zaumzeug und Geschirren zurzeit nicht in Aktion war.

Hohe Gestelle waren aufgeführt, auf welchen die besseren Paradestücke prunkten, Trensen und Kinnketten für harte und weichmäulige Pferde, das glitzernde Galageschirr mit den vergoldeten Knöpfen für die Freiheitspferde, buntbebänderte, mit Rosetten und Schleifen versehene Zaumzeugs, Kummete und Halftern für spanische Posten oder russische Dreigespanne. Dort hingen Sättel in allen Formen und Arten, glatte, hellederne englische, schlanke und knappe Damensättel und die seltsam geformten spanischen mit den mächtigen, gestickten Satteltaschen, die mexikanischen, altfranzösischen und deutschen! – Hier aufgespeichert die Panneaus, von den einfachen Probestücken aus Leder und Werg bis zu den gold- und silberstrotzenden der Galaaufführungen!

Hier, sorgsam geordnet, alles, was zu den Pantomimen des heutigen Abends gehört.

Lous funkelnder Blick heftete sich auf den Sattel, welchen Götz als Fürst reiten wird. Sie kennt ihn genau, ein Irrtum ist ausgeschlossen.

Blitzschnell nimmt sie den Sattelgurt in die Hand, da, wo er dicht an dem Leder ansetzt, – ein schneller Schnitt mit dem haarscharfen Messerchen, – so geschickt, von beiden Seiten, daß nur in der Mitte noch ein ganz schmales Streifchen zusammenhält.

Das Sattelzeug ist beim Putzen genau geprüft, später wird es in großer Eile aufgeschnallt, und kein Mensch wird in der Hast die scharfen Einschnitte bemerken, – wer denkt an so etwas.

Lou neigt sich mit dem Lächeln einer Teufelin und ordnet den Gurt, wie er vorher gelegen, dann huscht sie wie ein Schatten zurück, ebenso unbemerkt, wie sie gekommen.

Auf ihrem Platz sitzt sie wieder und beobachtet mit glimmendem Blick, wie der junge Graf wieder und wieder zu der Loge hinaufblickt, für nichts anderes mehr Interesse und Sinn, als für die sentimentale blonde Schönheit.

Lous Lippen verziehen sich in höhnischem, schadenfrohem Lachen, sie merkt erst, als ein Logendiener sie anredet, daß derselbe neben ihr steht. »Ein Brief, Fräulein, hier an den Zirkus adressiert.« Lou nimmt das Schreiben gleichgültig und öffnet es; wer schreibt ihr aus der Residenz? Sontini? Sie liest:

»Mein teures Fräulein!

Endlich erfahre ich durch einen Zufall Ihre Adresse! Es hat mich lange beunruhigt, Sie ehemals falsch beraten zu haben, und hole ich das Versäumte hiermit nach. Borgen Sie dem Grafen Götz weder Geld noch heiraten Sie ihn; mit dem Majorat verhält es sich anders als ich dachte, der junge Mann ist tatsächlich enterbt, das Majorat in Minorat verwandelt und der jüngere Bruder in die Rechte eingesetzt.

Hochachtend der Ihre! Moses Feilchenfeld.«

Alles Blut war aus Lous Wangen gewichen, sie saß einen Augenblick wie erstarrt, gelähmt vor Entsetzen, Wut, – Haß. Dann rang sich ein zischender Laut von ihren Lippen, sie ballte die bebenden Fäuste. Das! Also das die Früchte ihrer Bemühungen. Und diesen Bettler, diesen Vagabund hatte sie jetzt, wenn er stürzte, hegen und pflegen wollen! – Haha! – Welch ein namenloses Glück, daß der Narr vernünftiger war wie sie, und sie nicht geheiratet hatte! Welch ein infamer Reinfall wäre das gewesen!

Die schönen, vergeudeten, verlorenen drei Jahre ihres Lebens! – Lou fühlt, wie die Wut sie zu ersticken droht, wie ein wilder, rasender Haß gegen ihr unschuldiges Opfer sie erfaßt! Und dann lacht sie leise und schrill auf. – Rache! – Ja, sie wird Rache an ihm nehmen... Der Sattelgurt drüben – haha!

Sie sieht nicht mehr die Leistungen in der Manege, sie sitzt mit stierem Blick und wartet auf die Pantomime, – ihr Herzschlag geht wild, sie fühlt ihn hoch im Halse.

Jetzt! – jetzt! – Hornfanfaren! – Die mächtigen Hürden sind aufgestellt, der tiefe Graben aufgedeckt und mit Wasser gefüllt.

Nun – Hussa und Hallo – knatternde Hufe – erst die Meute, die Piqueurs – dann auf feurigem Roß der junge Fürst in kleidsamstem Kostüm – Teufel ja! Wie schön Götz aussieht. – Das Damenpublikum spendet tosenden Beifall – hepp! hepp! Aber die Hürde ist er hinweggesetzt – sein Antlitz glüht, die dunklen Augen blitzen – er sticht sein Pferd an – hepp, hepp! – über den Graben –

Ein Schrei! – ein hundertfacher Schrei! Das Roß bäumt wild auf – der Reiter wankt jählings zur Seite – ein Sprung – und Götz schlägt vornüber und überschlägt sich in schwerem Sturz – Roß und Reiter versinken in dem aufspritzendem Wasser – und die folgenden Reiter, im vollen Ansturm, unfähig, ihre Pferde zu zügeln, sausen ihm nach –

Wildes, aufgeregtes Durcheinander, alle Mienen drücken jähes Entsetzen aus, nur eine steht hoch aufgerichtet, triumphierend, mit höhnischem Lächeln, – Lou.

Man kommt dem Verunglückten zu Hilfe, man trägt ihn hinaus, – starr und bleich liegt er, besinnungslos.

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