Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Nataly von Eschstruth >

Der verlorene Sohn

Nataly von Eschstruth: Der verlorene Sohn - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorNataly von Eschstruth
titleDer verlorene Sohn
publisherPaul List Verlag
addressLeipzig
year1920
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectidf4df31be
Schließen

Navigation:

XXI.

Götz war etwas überrascht, wie ungnädig Lou seine Mitteilung, daß er noch einen Nebenverdienst gefunden, aufnahm.

Sie war überhaupt in letzter Zeit sehr reizbar, und in ihrer Heftigkeit ließ sie sich in einer Art und Weise gehen, welche dem feinen und anspruchsvollen Geschmack des ehemaligen Gardeoffiziers sehr zuwider war.

Als sie sich ehemals nur wenige Stunden am Tage gesehen, hielt die Politur, mit welcher Mademoiselle Lou ihre Sitten und Manieren künstlich überzogen, wohl vor.

Da waren es all die neuen, seltsamen Kaprizen, die »klugen kleinen Verrücktheiten«, welche ihren Nervenreiz auf den übersättigten jungen Mann ausübten und ihm in dem magischen Licht des kleinen Salons die Augen blendeten.

Jetzt fiel zu oft das grelle Tageslicht in diese Welt des Lugs, Trugs und der Schminke.

Namentlich während der Proben kannte Abensberg die allerliebste, ehedem so bezaubernd liebenswürdige Kleine kaum wieder.

Da verwandelte sich das Engelchen in einen bitterbösen kleinen Teufel, welcher ungeniert in den häßlichsten deutschen Ausdrücken schimpfte und fluchte, weil Mister Carrie und seine Stallmeister der deutschen Sprache nicht mächtig waren, und diejenigen Artisten, welche sie verstanden, höchstens ein amüsiertes Lächeln dafür hatten, denn der Direktor und seine »Helfershelfer« waren wenig beliebt bei den ausländischen Mitgliedern.

Auch von der herzlosen und rohen Art, wie Lou die Tiere behandelte, fühlte sich Götz abgestoßen.

Ganz entgegen der sonstigen Gewohnheit der Kunstreiter, welche ihre Pferde beinahe zärtlich und schmeichelnd mit größter Sorgfalt umgaben, schlug und peitschte, trat und knuffte Fräulein Lou ihren geduldigen alten Rappen bei jeder Gelegenheit und machte ihn zum Sündenbock ihrer schlechten Laune.

Lou war eben keine Vollblutartistin, sondern nur eine fremde Zuzüglerin, welche aus der Kunst ein Geschäft machte.

In ihrem Benehmen gegen den jungen Grafen kehrte sie ebenfalls ganz neue Seiten heraus, und Götz war nicht mehr blind genug, um nicht das beinahe schadenfrohe, spöttische Schillern in ihren dunklen Augen zu bemerken, als er ihr in leidenschaftlicher Aufwallung das Infame, Entwürdigende seiner jetzigen Lage vorklagte.

Sie hatte zwar die mitleidigsten Worte gesagt, und ihm abermals, wie stets in letzter Zeit, ihr Geld in geradezu aufdringlicher Weise angeboten – aber in ihren Blicken lag diesmal ihr Herz ohne Maske und Tünche, – und Götz ging sehr nachdenklich nach Hause, und das bittere Lächeln um seine Lippen verschärfte sich.

Er dachte darüber nach, warum Fräulein Lou ihn mit aller Gewalt verpflichten und von sich abhängig machen wollte, und zum erstenmal kam ihm die Überzeugung, daß es wohl aus Eigennutz geschähe.

Er nahm sich vor, seinen Verkehr mit ihr einzuschränken und ihr nicht mehr so rückhaltlos zu vertrauen wie bisher.

War es doch eine seltsame Tatsache, daß wenige Tage, nachdem er ihr von seiner Stellung als bei Mister Navisham erzählt, ihm dieselbe ohne jedweden triftigen Grund gekündigt wurde.

Seine Gage erhielt er zwar noch für den laufenden Monat ausbezahlt, und das schützte ihn momentan vor Hunger und Mangel.

Sollte Lou ein falsches Spiel mit ihm treiben?

Es fiel Götz plötzlich ein, daß Mister Navisham im Zirkus der Kleinen zugenickt hatte, wie jemand, der die persönliche Bekanntschaft gemacht hat.

Es kostete Abensberg eine wahre Überwindung, an solch eine Möglichkeit zu glauben.

Der Zweifel an Lou traf ihn wie ein neuer Schicksalsschlag, denn, obwohl er sie nie geliebt und sein Herz an sie gehängt hatte, empfand er doch in seiner jetzigen Gemütsstimmung alles doppelt schwer und tief, und sein Pessimismus, seine Erbitterung und qualvolle Unruhe erhielten durch jede Enttäuschung neue Nahrung.

So war es ihm beinahe lieb, daß er es in der Zerstreutheit vergessen hatte, Lou zu erzählen, daß er an Sontini geschrieben und demselben das Trostlose seiner Lage geschildert hatte.

Just, als er sich voll Verzweiflung nach einem neuen Nebenverdienst umsehen wollte, traf eine Depesche mit dem ebenso überraschenden wie beglückenden Inhalt ein: »Sofort nach München abreisen, erster Schulreiter schwer erkrankt; engagiere Sie auf Sontinis Empfehlung hin mit fünfhundert Francs pro Monat. – Hoffmann.«

Götz war außer sich vor Freude, beseligt und wie neugeboren bei diesen endlich so günstigen Aussichten.

Er telegraphierte zurück und bat um eine Anweisung auf Reisegeld, da er sich vis-à-vis de rien befinde.

Auch diese erfolgte am nächsten Tage, und Götz stürmte zu Mister Carrie, um seine Stellung aufzukündigen, – es kam ihm jetzt sehr zu statten, daß der Direktor nur »von Tag zu Tag« mit ihm akkordiert hatte.

Der Engländer schaute etwas verdutzt auf und schien sich nachträglich über seinen ehedem so kränkenden »von Tag zu Tag-Paragraphen« zu ärgern, er versuchte auch, die Pläne des jungen Reiters zu erforschen, Götz aber maß ihn mit einem derart sprechenden Blick und empfahl sich so kurz und kalt, daß die Frage unbeantwortet blieb.

Er überlegte, ob er Lou von der Sachlage in Kenntnis setzen oder auch sie vorerst im Ungewissen lassen sollte. Dann sagte er sich hoch aufatmend, daß die Depesche des Direktors Hoffmann gleichbedeutend mit einem Kontrakt sei und daß er wohl allzu undankbar und schroff handeln würde, wenn er ohne Abschied von der Kleinen, welche ihm so opfermütig hierher gefolgt war, abreiste.

Er klopfte vergeblich bei ihr, erfuhr durch den Kellner, daß Mademoiselle spazieren gefahren sei und schrieb ihr hastig ein paar Zeilen auf einen Zettel.

»Engagement gefunden, – muß augenblicklich abreisen, schreibe dir alles Nähere! Bin sehr betrübt, dich verfehlt zu haben!«

Mit erleichtertem Aufatmen eilte er die Treppe hinab, packte in großer Hast seine paar Habseligkeiten und begab sich auf den Bahnhof.

Wenige Stunden später fuhr er der einst so trotzig und ohne Abschiedsweh verlassenen Heimat wieder zu, und seine Augen leuchteten wie verklärt.

Was er in England gefunden, war nichts gewesen als bittere Enttäuschungen, herbe Not und Entbehrungen, welche ihre Linien voll erschreckender Deutlichkeit in sein junges, blasses Gesicht geprägt hatten; würde er auch in München Bekannte treffen, es erkannte ihn wohl keiner wieder.

In Süddeutschland ist er so gut wie völlig unbekannt, – und Schminke und Tusche, Kostüme, Lampenlicht und der fremde Namen auf dem Theaterzettel werden das Ihre tun.

Hat er nur einmal mit Erfolg geritten, findet er auch bald ein neues Engagement, – in Rußland, dem goldenen Land der Träume und Sehnsucht für jeden Artisten.

Noch einmal flackerten Lebenslust und der frische, waghalsige Mut, den Kampf um die höchsten Ziele zu wagen, in seiner Brust auf, und wenn es auch nicht mehr jener erste, phantastische, überschwengliche Traum seiner ersten Freiheitssehnsucht war, so stählte sie doch momentan seine Nerven und gab ihm die Zuversicht zurück, welche er verloren.

 

Fräulein Lou benahm sich wie eine Rasende, als sie von ihrer Ausfahrt heimkehrte und den Zettel ihres fahnenflüchtigen Freundes vorfand.

Sie stürmte zu dem Agenten, .– zu Malburne, zu Carrie, – niemand konnte ihr Auskunft geben.

Sollte Sontini?

Wohl möglich, Götz hatte sich unlängst einmal erkundigt, wo der Direktor momentan gastiere, und durch sie selber die Adresse erfahren.

Lou depeschierte sofort an ihren ehemaligen Brotherrn und bat um die Adresse Abensbergs.

Schon am Abend hielt sie dieselbe in Händen.

»Zirkus Hoffmann. München.«

Lou triumphierte.

In stürmischer Hast packte sie die Koffer.

Mit dem heutigen Abend war in ihrem Kontrakt der Prolongationstermin eingetreten, und in vier Wochen lief das Engagement ab.

Sehr große Lust, mit nach Oxford zu gehen, hatte sie sowieso nicht.

Die Engländer gefielen ihr überhaupt nicht.

Krämerseelen! – und wenn man nicht direkt einen Lord heiratet, gilt man gar nichts. Die Lords aber sind selten, denn in diesem absurden Land erbt nur der älteste Sohn Titel und Mittel. Da war ihr der deutsche Graf und Majoratsherr sicherer.

Zwar macht der Starrkopf es ihr verteufelt schwer, ihre Ziele zu erreichen, aber sie hat auch einen harten Kopf, und mit der Zeit wird sie den Widerspenstigen schon zähmen und mürbe machen.

Mademoiselle Lou brannte Mister Carrie durch, und da der Engländer auf die Dauer nicht die Erfolge mit ihr erzielt, die er erhofft, und außerdem seine Frau, welche ebenfalls in dem Forcefach tätig war, auf den hübschen kleinen Satan eifersüchtig war, so ließ er sie laufen.

Wenn er sie auskundschaftete, mußte sie selbstredend Strafe zahlen, – das hoffte er zu erreichen.

 

Der Zirkus Hoffmann lag etwas abseits, von dem großen Verkehr der Stadt, auf einem Terrain, welches zufällig durch einen großen Fabrikbrand freigelegt und erst im kommenden Jahre wieder bebaut werden sollte.

Das graue, glatte Dach ragte still in den heißen, dunstig-schwülen Früh-Sommerabend hinein, der Himmel war bedeckt, schwer wie Blei lag die Luft über den Häusermassen.

Vor dem breiten Toreingang stand nur der Zirkusportier in seiner blauen, mit Goldknöpfen und Tressen besetzten Livree und blickte gähnend in die Straße hinab, in welcher das Leben ein wenig rascher zu pulsieren beginnt.

Ein und eine halbe Stunde noch, – dann werden die elektrischen Lichtsteine an dem Portal aufblitzen, das mächtige Gemälde, welches einen antiken, römischen Zirkus darstellt und unter der vorgeschobenen Glaskuppel in halbkreisrunder Form eingelassen ist, in strahlende Helle zu tauchen.

Die Pauken und Trompeten werden schmettern, und in dichten Scharen werden die Leute herbeiströmen, des Tages Last und Mühe unter dem gewaltigen Kuppelzelt zu vergessen.

Die gewöhnlichen Leute wollen lachen und den Clowns applaudieren, die oberen Zehntausend verlangen prickelnde, aufregende, nervenanregende Schaustellungen, Schönheit, Glanz, Grazie, – die wenigen Sachverständigen nur kommen um der Kunst willen, welche immer mehr und mehr von der lärmenden, brutalen Sensation verdrängt wird.

Die Artisten sind bereits in dem Zirkus anwesend. Sie prüfen noch einmal voll peinlicher Genauigkeit die »Objekts«, die »Geräte«, an welchen sie zu arbeiten haben, oder sie überwachen in dem Marstall persönlich das Aufzäumen und Satteln der Pferde, liebkosend und streichelnd, oft mit ihren vierbeinigen Lieblingen redend, als habe das Pferd Menschenverstand und wisse ganz genau, um was es sich bei jeder Vorstellung handele.

Auch Götz hatte seinen herrlichen Vollblutrappen »Pascha« noch einmal in Augenschein genommen und ihm einen Leckerbissen in das Maul geschoben, welches zutraulich nach seiner Hand schnupperte.

»Pascha« war vollkommen ruhig, sein schönes, leuchtendes Auge blickte klar und gelassen, durch nichts zeigte sich eine unnatürliche Erregung oder krankhafte Nervosität.

Sehr beruhigt begab sich Götz in die Garderobe.

Auf den beiden Proben, welche er vor dem Direktor geritten, war die Sache tadellos gegangen, und mehr als einmal hatte Hoffmann ihm ein anerkennendes »Bravo! – Bravissimo!« zugerufen.

Eine erklärliche Aufregung hatte sich des jungen Debütanten bemächtigt, seine Hand zitterte, als er die Kravatte band.

Ein alter Clown, »Mister Plumpudding«, stand neben ihm und schminkte sich für sein Auftreten als Gigerl. Er legte plötzlich die Hand auf den Arm des Kollegen.

»Ruhig Blut, Dougal! Mit diesem Tatterich reiten Sie keine Schule. Lassen Sie sich eine Eislimonade geben, ehe Sie losreiten, und dann denken Sie, Sie ritten wie gestern auf der Probe, und alle Menschen ringsum seien nur Scheuerweiber und Ausklopfer!«

Ja, das wollte Götz tun.

Er trank die Limonade und stieg hinter dem Vorhang auf Pascha, das Tier langsam in dem Stallgang auf und ab zu bewegen, bis seine Rummer kam.

Wieder umtoste ihn das lärmende, übermütig bunte Zirkusleben, ein paar Kavalleristen musterten voll Interesse sein Pferd, einige Choristinnen des Balletts kokettierten in ihren recht extravaganten Kostümen.

Vor den Augen Abensbergs verschwamm alles zu einem wilden Chaos, und es bedurfte seiner vollen Energie, das Lampenfieber, welches ihn rettungslos erfaßt hatte, zu bekämpfen.

Plötzlich zuckte er zusammen.

Neben ihm klang eine seltsam wohlbekannte Stimme.

»Götz! Götz! O, du Grausamer, der mich in wahnsinniger Sehnsucht zurückließ! – Ich ertrug es nicht, – ich kann nicht leben ohne dich, – ich mußte dir folgen!«

Voll heißer Leidenschaftlichkeit flüsterte es zu ihm auf.

Lou!

Ein leiser Aufschrei der Überraschung. Abensberg starrte das reizende Gesicht mit den blitzenden Augen an wie eine Vision.

»Lou!«

»Ich mußte dir folgen, – ich habe alles im Stich gelassen, ich kann nicht leben ohne dich!« fuhr sie fort und drückte ihre glühende Wange gegen seine Hand, »wie konntest du so unbarmherzig sein und mich zurücklassen? Habe ich ehemals nicht alles für dich aufgegeben – und ist dies nun dein Dank?«

Er ward dunkelrot und bebte vor Nervosität, aber dennoch tat es ihm unbeschreiblich wohl, ein bekanntes Gesicht, eine vertraute Stimme gerade in diesem Augenblick zu hören.

»Nachher! – Alles nachher, Lou!« stöhnte er auf. »Ich bin glücklich, daß du hier bist – aber jetzt – o, du kennst wohl selber solchen Zustand –«

Sie lachte. »Lampenfieber? Unsinn! Das gewöhn' dir ja nicht an, – so wie es dir zum erstenmal glückt, so glückt es stets! Machst du heute Fiasko, so machst du es immer! Ich komme direkt von Hoffmann, – er hat mich engagiert. Nun sind wir wieder vereint, Götz!«

Ihre Stimme klang jubelnd und laut, und Abensberg blickte besorgt nach den Offizieren hinüber.

»Nenne den Namen nicht!« murmelte er durch die Zähne, »es gibt keinen Götz Abensberg mehr!«

Sie lächelte seltsam.

»Hoffentlich erkennt dich niemand. In meinem Hotel wohnen Leute aus X., deiner Vaterstadt!«

Er zuckte zusammen und wechselte die Farbe.

»Wer?!«

Sie zuckte die Achseln. »Du liebe Zeit! In der Eile konnte ich den Namen nicht merken, aber es waren Adlige.«

Mit schadenfrohem Blick beobachtete sie die Wirkung ihrer Worte; war der junge Schulleiter noch nicht nervös gewesen, – nun ward er es sicherlich.

Der Regisseur winkte mit dem Taschentuch.

»Mister Dougal-Hidgins!«

Eine Lachsalve erscholl im Zirkus und zeigte an, daß ein Intermezzo der Clowns beendet war.

»Vorwärts!«

» Bonne chance!« flüsterte Lou, es klang wie ein Zischen.

Sie klopfte anscheinend kosend und aufmunternd den Rappen auf den glänzenden Schenkel, – noch ein derberer Schlag – und Pascha zuckte empor und drängte ungestüm nach dem Vorhang, welcher vor dem Reiter zurückrollte.

Was in den nächsten Minuten vor sich ging, wußte Götz nicht.

Es war ihm alles wie ein Traum. Rote Nebel wallten vor seinen Augen, die Musik dröhnte ihm in den Ohren.

Mechanisch ritt er an.

Aber was war das? – Sein erst so ruhiges Pferd war plötzlich aufgeregt, wild und unbändig, es schäumte ins Gebiß und drängte zur Seite, es versuchte aufzubäumen und den Gehorsam zu verweigern.

Das brachte Götz zur Besinnung. Er war plötzlich klar und nüchtern.

Voll eiserner Kraft zwang er das Pferd und begann die hohe Schule zu reiten.

Pascha fügte sich, aber er blieb aufgeregt und aufs höchste beunruhigt, und dadurch verlor Götz die seinen Nuancen, welche sonst sein Reiten in hervorragender Weise auszeichneten.

Das Publikum folgte seiner Vorführung zuerst voll Interesse, dann mit jener freundlichen Gleichgültigkeit, welche die Verständnislosigkeit der hohen Schule zumeist entgegenbringt.

Der Direktor stand neben einer Gruppe von Kavalleristen und schüttelte ein paarmal erstaunt den Kopf.

Mäßiger Beifall erscholl, als Götz die Manege verließ.

Er sah leichenblaß aus, seine Hände zuckten wie im Fieber.

»Na, na, ruhig Blut, Dougal!« redete ihm der Regisseur freundlich zu. »Es ist ihr erstes Auftreten, da kann's noch nicht gehen wie bei einem Alten! – Das gibt sich! Morgen reiten Sie schon ganz anders 'raus!«

Auch der Direktor trat hinzu und reichte Abensberg die Hand: «Sie waren unruhig, Dougal, – und was in Pascha gefahren war, begreife ich nicht! Er ging in den Proben so brillant unter Ihnen! Schade, daß es gerade zum Debüt war! Na, wird schon alles werden! Kopf hoch! Es fällt kein Meister vom Himmel! Und nun ziehen Sie sich, bitte, Livree an, – bei den acht Freiheitshengsten brauche ich Sie in der Manege.«

Götz verneigte sich stumm, er konnte nicht sprechen. Unbeschreibliche Aufregung drohte ihm die Brust zu zersprengen.

Er schritt nach der Garderobe.

Lou stürmte ihm nach und schlang den Arm um ihn. »Armer, armer Freund!« murmelte sie.

Das machte ihn vollends rasend.

Er schob sie jäh zurück. «Laß mich! – wir sehen uns später!« – und er schlug die Tür hinter sich zu.

Wenige Minuten später schritt er in der Stallmeister- Uniform in die Manege zurück.

Sein erster Blick traf Lou, welche neben anderen unbeschäftigten Kollegen auf der ersten Bank saß und gerade recht unbändig lachte, obwohl es in dem Augenblick durchaus nichts zum Lachen gab.

Sie unterhielt sich sehr lebhaft, beinahe ausgelassen lustig, und erst, als sie Götz erblickte, ward ihr Gesicht ernst und drückte ihm zärtliche Sorge und Trauer aus.

Seltsam, es kostete den jungen Grafen eine direkte Überwindung, sie anzusehen.

Er hatte plötzlich das instinktive Gefühl, als sei sie die Verkörperung eines bösen Schicksals, welches ihm rettungslos folgt.

Eine jähe Abneigung überkam ihn plötzlich, und der heiße, brennende Wunsch, die weite Welt zwischen sie und sich zu legen. Zunächst war dies unmöglich, sein Kontrakt band ihn, und seinen Ansichten schien es unmöglich, jemals solch ein Abkommen zu verletzen.

Wild und aufgeregt stürmten seine Gedanken friedlos und ruhelos, wie Vögel, deren sicheres Nest der Blitz getroffen.

Er achtete nicht auf das, was um ihn her vorging, sein Blick irrte umher, als suche er inmitten all des schwarzen Sturmgewölks nach einem Sterne tröstender Verheißung – und plötzlich haftet sein Blick, starrt groß und weit geradeaus...

Droben in der Loge sitzen zwei Damen, eine ältere und eine jüngere.

Die Ältere schaut interessiert auf die galoppierenden Pferde, die Jüngere blickt – es ist wohl ein Zufall, just auf ihn.

Kennt er sie? Nein.

Solch ein Antlitz hat er noch nie zuvor gesehen. Welch eine wunderbare, lächelnde Ruhe, welch ein tiefer, unaussprechlicher Himmelsfrieden liegt auf diesen edlen, keuschen Zügen.

Oder deucht es ihm nur so auffallend, weil er selber so friedearm, so müd und matt gehetzt, so zum Sterben verzweifelt ist?

Wohl möglich.

Aber er muß sie ansehen – ansehen wie gebannt. Sie bemerkt es; ein feines Rot steigt in die blütenzarten Wangen, sie wendet das schöne, fromme Haupt.

Diese Glückliche!

O, es muß beneidenswert sein, so still, so friedlich, so bis in die tiefste Seele ruhig sein zu können.

Ein Gefühl der Bitterkeit überkommt Götz. – er zieht finster die Brauen zusammen und wendet das Haupt.

Als die Vorstellung beendet, verläßt er hastig, als brenne der Boden unter seinen Füßen, den Zirkus.

»Wollen wir zusammen soupieren?« fragt Lou.

Er lacht ingrimmig auf. »Ich habe keinen Hunger.«

»Wollen wir nicht noch von England plaudern?«

»Habe keine Sehnsucht nach diesem verlorenen Paradies!« spottet er herb.

»Du bist nervös und ärgerlich, armer Liebling!« schmeichelt sie. »Du mußt Ruhe haben, ich sehe es selber ein. Morgen auf Wiedersehen! und wenn du Trost und Zuspruch brauchst, komm zu mir! Du weißt, wie sehr ich dich liebe!«

Sie flüstert es so weich und innig. Götz deucht es, als stünden Tränen in ihren Augen. Tränen bei Lou! – lächerlich!

Er nickt hastig und geht.

Ein bitterböser Blick folgt ihm. »Du sollst klein und elend werden!« murmelt sie. »Dann findest du wohl den Weg zu mir.«

Am nächsten Morgen fährt Mademoiselle Lou nach den verschiedenen Zeitungsredaktionen, sich als neue Reiterin vorzustellen. Sie ist reizender und verführerischer wie je und hat mit den Herren Rezensenten sehr vertraulich geplaudert, auch über den neuen Schulleiter Dougal-Hidgins... haha! es war doch eine tolle Leistung gestern abend! Solch ein Anfänger gehört nicht in den Zirkus Hoffmann!

Als der Stallbursche am nächsten Morgen den Rappen Pascha putzt, fällt es ihm auf, daß das Tier das Hinterbein schont und schmerzhaft zusammenzuckt, wenn er über den Schenkel striegelt.

Er untersucht die Sache...

Wenige Minuten später steht er vor dem Direktor.

»Nun weiß ich, warum Pascha gestern abend so ungebärdig war!« sagt er. »Hier... er hatte eine Stecknadel tief im Fleische!«

»Ah! unerhört! Das ist eine Infamie, ein Schurkenstreich gegen Dougal!« murmelt Hoffmann mit finsterem Blick. »Darum die Unruhe! Armer Kerl. Schweigen Sie über Ihre Entdeckung – es möchte den jungen Mann noch mehr verwirren, aber beobachten Sie jedermann, welcher sich dem Pferd nähert, – ich werde noch besondere Maßregeln treffen.«

Am nächsten Tag brachten die Zeitungen recht schlechte Kritiken über den neuen Schulleiter Mister Dougal- Hidgins.

Etliche tadelten nur sein unruhiges, nervöses Reiten, die allzugroßen Hilfen, welche er gegeben und die mehr wie brüste Behandlung des Pferdes. Andere sprachen ihm jedes Talent und jede Sachkenntnis rundweg ab.

Götz las und legte die Zeitungen schweigend aus der Hand. Aber er sah aus wie ein kranker, schwer gereizter Mann.

Hoffmann war ein liebenswürdiger und wohlwollender Chef.

Er wußte, wie viele Kabalen im Leben des Artisten mitspielen, und trat für seine Mitglieder nach Kräften ein.

Pascha ward streng bewacht, und als Götz ihn am nächstfolgenden Tage wieder ritt, waren seine Leistungen glänzend und tadellos, – dennoch blieb das Publikum kühl, und nur ein paar Kenner und Kavalleristen klatschten lebhaften Beifall, als er seine großartigen, ehemals von Mister Malburne selbst komponierten Pas und Trots ritt, nach Art der altfranzösischen Schule die Trensen- und Kandarenzügel abwechselnd zurücknahm, wie er heute, im Gegensatz zu seiner gestrigen Unruhe und Nervosität, wie eine, auf das Roß gegossene Statue saß und dasselbe lediglich mit leichtem Zungenschlag und Schenkeldruck lenkte, ohne ein einzigesmal die Peitsche zu Hilfe zu nehmen, wie er es gestern leider so oft gemußt.

Das Publikum war bereits durch die Kritik beeinflußt, und Hoffmann sagte sich selber, daß dagegen schwer wieder aufzukommen sei und der junge Mann ein bedauerliches Pech habe. Aber ebensowenig wie Friedrich der Große keine «Offiziers« brauchen konnte, welche kein Glück hatten, ebensowenig liebt ein Zirkusdirektor Mitglieder, welche vom Pech verfolgt werden, und als Götz auch in der darauffolgenden Zeit keinen größeren Beifall erzielte, geschweige sich als zugkräftige »Nummer« erwies, war es wohl für jedermann beschlossene Sache, daß der Probekontrakt sicher nicht verlängert werden würde; ja, Mr. Plumpudding klopfte dem jungen Kollegen teilnehmend auf die Schulter und sagte: »Hängen Sie die hohe Schule an den Nagel und tun Sie etwas anderes auf, was mehr zieht.«

Finster und in sich gekehrt ging Götz einher, seine Stimmung ward immer verzweifelter, sein Seelenzustand von Tag zu Tag trostloser.

Das einzige, was ihn noch nach dem Zirkus zog, war jenes liebliche, so unsagbar friedlich holde Antlitz jener unbekannten Dame, welche zu seiner Überraschung Abend für Abend in der nämlichen Loge erschien und seiner mit anscheinend besonderem Interesse wahrnahm.

Anfänglich glaubte er sich zu täuschen, so oft aber sein Blick empor zu der Loge schweifte, sah er die großen, tiefblauen Augen mit einem ganz eigenartigen Ausdruck auf sich gerichtet, und auch die ältere Dame musterte ihn wiederholt durch die Lorgnette und schien mit ihrer Begleiterin von ihm zu sprechen.

Kannten sie ihn!

Er entsann sich nicht, die Damen jemals zuvor gesehen zu haben, auch war er fraglos für Menschen, welche ihn hier nicht suchten und vermuteten, absolut nicht wieder zu erkennen.

Dennoch quälte ihn ein gewisses angstvolles Interesse, die Namen der Unbekannten zu erfahren.

 << Kapitel 19  Kapitel 21 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.