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Der verlorene Sohn

Nataly von Eschstruth: Der verlorene Sohn - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorNataly von Eschstruth
titleDer verlorene Sohn
publisherPaul List Verlag
addressLeipzig
year1920
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectidf4df31be
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II.

Das war eine wunderliche Nacht.

Malwine wußte sich nicht zu entsinnen, daß sie jemals im Leben eine Nacht durchwacht hatte, kaum während der wenigen Kinderkrankheiten, welche sie durchgemacht.

»Malwine schläft sich immer wieder gesund!« hatte die Mutter oft gesagt und voll Stolz manch Anekdötchen über den gesunden Schlaf ihrer Tochter erzählt, – und heute?

Mit weit offenen Augen lag sie in den Kissen und wartete auf die Müdigkeit, welche nicht kommen wollte.

Vor ihren Ohren summte es wie Musik; all die Melodien, welche sie am Abend gehört, waren wunderholde geflügelte Genien geworden, die tanzten einen phantastischen Reigen um ihr Lager, die legten ihre glühheißen Händchen auf ihre Stirn und ihr Herz und blickten sie mit dunklen Augen an, lächelnd, mitleidig, selig und traurig zugleich.

Eine Stimme aber zog wie ein Echo voll traumhafter Süße durch die stille Nacht, die sang immer nur dieselben Worte, weh und klagend wie die Seufzer eines Sterbenden:

»Todesschatten umwallen mein Haupt ...«

Und dann ging es wie ein Schauern und Frösteln durch die Seele des jungen Mädchens, obwohl ihre Wangen wie im Fieber brannten.

Ob sie auch die Augen schloß, sie sah doch ein bleiches, sinnendes, schier verklärtes Angesicht, welches sich ihr zuwendet und mit unbeschreiblichem Blick in ihre Augen voll schwärmerischer Innigkeit singt:

»Verstehst du mich, Weib,
Kannst du's begreifen.
Was flammenauflodernd
Und göttergewaltig
Die Brust mir durchglüht?«

Nein, noch konnte sie es nicht begreifen!

Sie stand wie vor einem Rätsel.

Die Männer, welche bisher ihren Weg gekreuzt, die verstand und begriff sie, denn es waren zumeist Soldaten wie ihr Vater, – und sie glichen ihm.

Verkörperte Prosa, praktisch, reell denkend bis in die tiefsten Herzensfasern hinein, edel, brav, kernig, furchtlos und schroff, – hart und anspruchsvoll gegen sich selbst und gegen andere, – Menschen, vor deren scharfem und klarem Blick alle Phantome zerrannen, die kein Sinnen und Träumen, sondern nur Taten und nüchterne Arbeit kannten, die keine liebliche Muse mit Rosenlippen geküßt, sondern nur das geharnischte, eherne Weib, die Pflicht, mit rauher Hand gebieterisch durch das Leben führte.

Welch ein Unterschied zwischen ihrem Vater und Helmut Novalla, dem idealen, schwärmerischen Künstler!

Malwine war es, als sei plötzlich ein dichter Nebel vor ihren Augen zerronnen.

Alles, was sie unbewußt entbehrt und ersehnt hatte, was sie an dem Vater und den anderen vermißte, ohne sich dessen klar zu werden, das fand sie in dem jungen Komponisten, und weil es gar so neu und fremd für sie war, und weil es ihrem eigenen Wesen und Charakter so fern stand wie die Nacht dem Tage, – darum machte es einen tiefen, unauslöschlichen Eindruck auf sie.

Malwine stand urplötzlich vor ihrem Schicksal, diesem lächelnden Weib mit den Sonnenaugen, welches an keinem Sterblichen vorübergeht, welches auch den Verborgensten findet und mit seinem weißen Finger zeichnet, »und nähme er selbst Flügel der Morgenröte!«

Der Soldat in Mädchenkleidern, die nüchterne, resolute und resignierte Malwine hatte die Liebe nie gesucht und nie begehrt, darum trat sie ihr ungerufen in den Weg und berührte erbarmungslos mit kühlen, ernsten Lippen ihre Stirn.

Was ihr an dem fremden Künstler so bezaubernd und hinreißend erschien, das süße Schmachten und Schwärmen, das war ihr selber ganz unmöglich. Und darum stand sie am anderen Morgen ebenso wie an allen anderen Tagen auf ihrem »Posten« bei der Arbeit, stärkte die Wäsche und führte den Bolzen, und wer in ihr ruhiges, unverändert ernstes Gesicht schaute, der ahnte nicht, daß dieses kahle und duftlose Lebensbäumchen über Nacht eine Knospe getrieben, frisch und schwellend, bereit, der ersten und einzigen Blüte die Hülle zu sprengen.

Stunde um Stunde verging.

Wieder und immer wieder huschte Malwines Blick durch das Souterrainfenster nach der Straße empor, – aber sie vergaß nichts und versäumte nichts, – und wenn auch für ihr Herz und all seine scheuen, heimlichen Gedanken ein großer, heiliger Sabbat angebrochen war, hier im Hause war es Werktag wie stets zuvor.

Ein leichter, schneller, etwas unregelmäßiger Schritt auf den Steinplatten draußen, – die Glocke an der Haustür tönt, und Malwine streicht, tief aufatmend, mit den schlanken, kräftig-großen Händen über das glatt gescheitelte Haar und sagt zu dem Hausmädchen:

»Öffnen Sie, und wenn es Besuch ist, führen Sie ihn in den Salon; ich komme sogleich.«

Sie sagt es so ruhig und gebietend wie stets, nicht eine Wimper zuckt in dem vollwangigen Antlitz, nur die Röte vertieft sich um einen Schein, und die Finger, welche die Schürze abbinden, greifen nicht so fest zu wie sonst.

»Herr Doktor Novalla möchte seine Aufwartung machen; – ich bat ihn, einzutreten.«

Dore legte die Visitenkarte auf das Plättbrett nieder und wandte sich gleichgültig dem Korb mit der eingesprengten Wäsche wieder zu, – sie war es nicht gewohnt, daß ihre Gebieterin sich mit ihr des längeren unterhielt.

»Melden Sie den Besuch bei dem Herrn Oberst und der gnädigen Frau an!«

»Die Herrschaften sind vor ein paar Minuten in die Stadt gegangen.«

»So, dann benachrichtigen Sie gnädige Frau sofort, wenn sie zurückkommt.«

Zum erstenmal im Leben sagte Malwine etwas Überflüssiges, zum erstenmal empfand sie eine Verlegenheit, welche sie nicht zeigen wollte.

Hastig wandte sie sich um und schritt die Steintreppe empor, nach dem Erdgeschoß.

Der Gedanke, noch einen Blick in den Spiegel zu werfen, durch irgendeine kleine Zutat ihren äußeren Menschen zu verschönen, kam ihr gar nicht in den Sinn. Und doch schlug ihr das Herz, als wolle es zerspringen.

Sie trat in den Salon. Doktor Novalla wandte sich hastig von dem Klavier zurück. Er hatte einen Stoß Noten, welcher seitlich des Instruments auf einer kleinen Etagere lag, durchblättert.

Lächelnd hielt er ein abgegriffenes kleines Heft empor. »Diese Etüden und Sonaten verraten mir, daß der heilige Clementi auch an Ihnen nicht spurlos vorübergegangen ist!« scherzte er und drückte ihr fest und herzlich die Hand. »Das muß jetzt anders werden. Sie dürfen nur noch Novalla spielen!« und dann setzte er sich in seiner nervös-hastigen Weise auf den nächsten Sessel nieder und nickte ihr beinah wehmütig zu: »Ja, da bin ich nun, mein gnädiges Fräulein, ein Geist, welchen Sie gerufen haben! Nun sehen Sie zu, wie Sie mich wieder loswerden!«

Seine heitere Art wirkte sehr angenehm auf Malwines eigenartige Seelenstimmung, und wenn es ihr auch nicht möglich war, auf seinen scherzenden Ton einzugehen – der Humor fehlte ihr gänzlich, – so war doch ein harmloses Gespräch angeregt, welches sich bald lebhaft und interessant gestaltete.

Fräulein von Ries hatte dem jungen Komponisten schon am gestrigen Abend erzählt, daß der Bruder ihrer Mutter Generalintendant des Königlichen Theaters zu X. sei, und daß sie während längerer Besuche daselbst Gelegenheit gehabt habe, viele und gute Musik, sowie viele der bedeutendsten Sänger und Sängerinnen zu hören.

Dieses Thema schien Novalla sogleich interessiert zu haben. Auch jetzt lenkte er das Gespräch darauf zurück, nachdem er sich sehr höflich nach Frau von Ries erkundigt und Malwine die Eltern bei ihm entschuldigt hatte mit der Versicherung, daß dieselben wohl baldigst zurückkehren würden. And nun mußte sie wieder von ihrem Besuch bei dem Onkel erzählen, von ihren interessanten Bekanntschaften, von den Aufführungen einzelner Werke.

Malwine hatte zumeist mit viel nüchterner Sachlichkeit von diesen Erlebnissen gesprochen, anerkennend und befriedigt, doch ohne die mindeste Begeisterung oder wärmeres Empfinden, denn das Theater war ihr stets ein fernliegender Begriff gewesen, auf welchen ihr Vater nicht einmal gut zu sprechen war.

»Narrheit und Firlefanz« nannte er die dramatische Kunst, welche in ihrer modernen Richtung nur eine polizeiwidrig laxe Moral predige, die Sitten verderbe und unerfahrenen Frauenzimmern ein böses Beispiel gebe! Der Leichtsinn sei ohnehin groß genug in der Welt, man brauche ihn wahrlich nicht noch extra mit elektrischem Licht zu beleuchten!

Malwine hatte zu solcher Kritik nur ganz einverstanden genickt und hinzugefügt: »Seit unsere Hanne ihre paar Groschen jeden Sonntag ins Theater trägt, ist sie für die Küchenarbeit unbrauchbar geworden! Das Geld wird verplempert und der Kopf verdreht – und Hanne ist nicht das einzige Opfer des Theaterteufels!«

Dies alles schien Malwine jetzt völlig vergessen zu haben. Die so schwärmerisch leuchtenden Augen in dem blassen Gesicht glichen Zauberseen, in welchen alles rettungslos versank, was ehemals die Grundsteine ihrer Ansichten gebildet. Sie hatte viel und geistreich in dem Hause des Onkels über Musik reden hören.

Damals hatte sie nur aus Höflichkeit zugehört, jetzt machte sie plötzlich Gebrauch von diesen Kenntnissen. Sie brüstete sich durchaus nicht damit, als seien es ihre eigenen Ideen, dazu war sie viel zu ehrlich und »pflichtgetreu«, aber sie erzählte von den Anschauungen und Meinungen dieses oder jenes Kapellmeisters, von den Eigenarten der Sänger, welche oft an wunderlichen Kleinigkeiten hängen, soll ihnen eine Rolle besonders zusagen.

Und Novalla hörte voll brennenden Interesses zu, zeigte es in seiner lebhaften und genial-ungenierten Weise so ehrlich, wie ihn die Unterhaltung fessele und anmute, daß sich die Röte auf Malwines Wangen immer mehr vertiefte und ihre Sprache beredt und ihre Augen glänzend wurden wie nie vorher. Man hatte sie ja nie im Leben durch viel Interesse ausgezeichnet, und sie hatte weder Teilnahme verlangt noch sonderlich erzeigt, sie glaubte viel zu vernünftig zu sein, um nach Liebenswürdigkeiten der Männer zu fragen, sie legte keinen Wert darauf und entbehrte sie nicht.

Aber in jedem Frauenherzen, und wenn es das kühlste und resignierteste ist, schläft unter aller Asche der Gleichgültigkeit doch ein winziges Samenkörnlein, die Eitelkeit, welches nur ein einziger Sonnenstrahl zu treffen, ein einziger Tautropfen zu netzen braucht, um es treiben, grünen und blühen zu lassen, oft als erstes Maienreislein, welches sich breit macht im Herzen, wächst und wächst und es mit der Zeit zum größten Teile ausfüllt, manchmal aber auch als Johannistrieb, welcher einmal nur in später Zeit Knospen ansetzt, um von baldigen Herbstfrösten zu Tode gefroren zu werden.

Walwine ward sich kaum klar über das glückselige Gefühl, einen Mann durch ihre Unterhaltung zu interessieren, es hatte sich wie zarte, rosenrote Wölklein über all ihr Denken und Sinnen gebreitet, sonst hätte ihr sonst so scharfer Verstand wohl bald bemerkt, wie es nur der Generalintendant und seine für einen Komponisten so einflußreiche Stellung war, welcher Novallas Aufmerksamkeit fesselte.

Malwine aber blickte in die dunklen, träumerischen Augen, lauschte der weichen Männerstimme mit dem schwermütigen Klang, und ohne daß sie es selber merkte, spann der süße Zauber einer ersten, tiefen Neigung die goldenen Fäden um ihr Herz.

Es dauerte lange, bis Herr und Frau von Ries heimkehrten, aber den Plaudernden war die Zeit verflogen wie ein Traum, und als Novalla sich endlich verabschiedete, hatte er auch auf Malwines Mutter einen recht sympathischen Eindruck gemacht, obwohl sie sich mit herb geschlossenen Lippen an ihren Nähtisch setzte und überlegte: »Ein netter Nensch, – auch ein recht hübscher, interessanter Mann. Aber – du lieber Gott! – Er scheint sich gut mit Malwine zu unterhalten und um ihretwillen gekommen zu sein, – na, und dann muß ihm entschieden das Beste zum Freier, die nötigen Dukaten, fehlen! Wie sollte zu uns ein solches Glück kommen? Uns geht ja alles quer im Leben!«

Der Oberst äußerte sich nicht über den Besuch, welcher ihm sicher sehr gleichgültig gewesen.

Er brummte etwas über unvorschriftsmäßig lange Haare, zu viel Weichlichkeit und das verdammte Parfüm im Schnupftuch – und zog sich in sein Zimmer zurück, wo die Mittagszeitung auf ihn wartete.

Malwine aber ging wieder schweigend an ihre Arbeit und rührte emsig die Hände. Über ihrem sonst so kühlen Antlitz lag etwas wie eine stille Glückseligkeit, ein fremder, milder Glanz, welcher es verklärte. Das bemerkte aber niemand, denn das gnädige Fräulein war keinem Menschen jemals verändert erschienen, darum hatte man es aufgegeben, sie zu beobachten.

Oberst von Ries war in allen Dingen korrekt; er gab nach zwei Tagen bei seinem Hausarzt eine Karte für Doktor Novalla, welcher sich just auf der Promenade befand, ab.

Dann vergingen abermals zwei Tage, und Malwines Mutter überlegte gerade, ob und wann sie den Komponisten einladen müßten, und ob es vorteilhafter sei, kaltes oder warmes Abendbrot zu geben, als ihre Tochter eiliger als sonst in das Zimmer trat und der Mama schweigend einen Brief hinhielt.

»Was ist denn los?« fragte Frau von Ries mißmutig. »Du siehst, daß ich den Vogelkäfig neu bronziere und das Papier nicht anfassen kann!«

»Eine sehr liebenswürdige Einladung von Sanitätsrats für heute abend. Es soll musiziert werden, und fragen sie an, ob es mir Freude machen würde, neue Kompositionen Novallas kennenzulernen.«

»Willst du hin? – Meinetwegen.«

Die Frau Oberst pinselte so eifrig an ihrem Gitter, daß sie gar nicht merkte, wie verändert die Stimme ihrer Tochter klang.

Wie sollte sie auch! Das hatte sie ja noch nie im Leben getan, wie sollte sie gerade jetzt beben und stocken?

Ach nein, solche Beobachtungen hatte Frau von Ries längst aufgegeben.

Sie sah auch nicht die leuchtenden Augen Malwines, sie hörte nur: »So werde ich zusagen!« – nickte und tupfte und pinselte weiter an dem altersschwachen Vogelhaus.

Am Abend zog sich Malwine schon früher als sonst zurück, um sich anzuziehen.

Ehemals hatte der Spiegel nur als unnütze Wanddekoration im Zimmer gehangen, heute wurden sogar noch extra zwei Lichter davor angesteckt und das geschliffene Glas mit dem Staubtuch vorher noch einmal blitzblank gerieben.

Fräulein von Ries hielt sogar sekundenlang die Brennschere in der Hand, legte sie aber errötend wieder nieder und blickte sich ganz verlegen um, ob auch niemand Zeuge dieses unsinnigen Vorhabens gewesen sei.

Die Haare brennen! Sie hätte es wirklich ganz gern getan, denn die Mutter hatte einmal gesagt: »Die Ballfrisur mit dem welligen Scheitel steht dir so gut, Malwine, sie macht dich um fünf Jahre jünger!«

Wie gern möchte sie heute recht jung und hübsch aussehen, aber was sollten die Eltern sagen und was würden die Menschen denken! Sie glaubten womöglich, sie putze sich für ...

Malwine hielt ganz erschrocken im Denken inne, errötete noch mehr und legte das Eisen hastig in die Schublade zurück.

Um Gottes willen nicht auffallen!

Dieser Gedanke ist ihr seit jeher furchtbar gewesen, er paßte so gar nicht zu den peinlich korrekten Ansichten, in welchen sie erzogen war.

Und warum auch auffallen? Es war ja so gar nichts Besonderes oder Hübsches an ihr zu sehen, und sie war bisher froh darüber gewesen, wenn sie recht unbeachtet und unbemerkt ihren geraden, ebenen Lebensweg gehen konnte.

Welch eine Veränderung war plötzlich mit ihr vorgegangen?

Sie fragt es sich selber und gibt sich doch keine Antwort darauf, im Gegenteil, sie möchte es machen wie ein Kind, welches die Augen schließt, um eine Gefahr nicht zu sehen.

Wendet das dieselbe ab?

Auch das möchte sie glauben voll kindlicher Sorglosigkeit und möchte sich plötzlich nur des Lebens freuen und es, ohne nachzudenken und ohne zu sinnen, genießen.

Dieselbe Malwine, welche noch vor wenig Tagen das Leben so schwer und ernst genommen. Sonst trug sie mit Vorliebe dunkelfarbige Kleider, heut hielt sie die hellblaue Toilette, welche ihr die Tante Generalintendant geschenkt – eine plötzliche Trauer ließ sie ihr entbehrlich erscheinen – nachdenklich in der Hand und schwankte ein paar Minuten, ob sie dieselbe anlegen solle oder nicht.

Dann schüttelte sie abermals mit leichtem Erröten den Kopf.

Wo waren heut nur ihre Gedanken! Es werden höchstens fünf oder sechs Menschen bei Sanitätsrats anwesend sein, dazu wählt man keine Dinertoilette, oder man macht sich lächerlich. Sie zieht eine schwarz und weiß gestreifte Bluse und einen schwarzen Rock an. Ihr Blick fällt auf die schönen, vollblühenden Kamelien auf dem Fensterbrett, – einen Augenblick verlegenen Zögerns, eine weiße oder eine rote?

Und sie schneidet eine rote ab und steckt sie mit unsicheren Händen an dem Busen fest.

Wie wunderlich ihr das vorkommt! Sie ist es so gar nicht gewöhnt, sich zu putzen.

Sie legt auch den Mantel um, ehe sie sich von den Eltern verabschiedet, sie schämt sich förmlich bei dem Gedanken, daß man die Blume als etwas Außergewöhnliches entdecken könnte.

Und dann schreitet sie hastig in den dunklen, frühen Abend hinaus.

Die Schneeflocken stieben in tollem Tanz um sie her und der Wind fährt mit leisem Klang durch die Baumkronen des Gartens, das Flackerlicht der Laternen zuckt unruhig über die Trottoirplatten, und tiefe, schwarze Schatten fallen über den Weg.

»Todesschatten umwallen mein Haupt ...«

Wie ein Echo ziehen die Worte im Klang seiner Stimme durch ihr Herz, und Malwine friert plötzlich und schreitet hastiger aus, als müsse sie eilen, wenn sie das blasse Antlitz mit den fieberheißen Augen noch einmal sehen wolle.

Welch ein unbeschreiblich schöner, zauberhafter Abend.

Welch ein Plaudern, Lachen. Scherzen! – Malwine entsinnt sich nicht, jemals im Leben so froh und glücklich gewesen zu sein.

Nach dem Abendbrot wird wieder musiziert. Diesmal sind es fast ausschließlich heitere und lyrisch schwärmerische Lieder, welche erklingen, und wenn auch die dramatisch düsteren Arien und Rezitative dem jungen Komponisten besser liegen, so entzückt er die Zuhörer doch beinahe noch mehr durch diese lebensfrohen Vorträge, denn die Stimmung ist ihnen entsprechender.

Malwine lauscht mit glühenden Wangen den süßen Liebesworten, dem kecken, siegfreudigen Minnen und Werben, und wenn die dunklen Augen sie dabei suchen und mit unbeschreiblichem Blick in die ihren tauchen, dann überkommt es das stille Mädchen plötzlich wie ein heißes, ungestümes Verlangen nach Leben, Glück und Liebe, nach all der heiteren, rosigen Daseinslust, welche ihr bislang so ferngeblieben und an welche sie doch auch ein Recht hat, das große, heilige Recht eines jeden Menschenherzen!

Der Sanitätsrat setzt sich zu ihr und hat ihr viel Vertrauliches zu erzählen von den vielen Kabalen und Hindernissen, welche ein junger Komponist auf seinem Werdegang zu überwinden habe, von den ungeheuren Vorzügen, welche es hat, wenn er bei hervorragenden Intendanten oder Kapellmeistern gut empfohlen wird.

Malwine blickt lebhaft auf.

»Glauben Sie, daß Onkel Karl ihm nützen kann?« fragte sie fast atemlos.

»Der Generalintendant? Nun, das versteht sich, mein gnädiges Fräulein! Wenn Helmuts neue Oper zuerst an dem so hervorragenden Hoftheater unter wohlwollender Leitung Ihres Herrn Onkels aufgeführt würde bei einer so glänzenden Besetzung der Rollen, wie sie dort möglich ist, dann wäre Helmuts Glück gemacht. Läge es wohl in Ihrer Macht, ein freundliches Wort für unseren jungen Künstler bei Ihrem Herrn Onkel einzulegen?«

Malwine stimmt eifrig zu; ihre Augen leuchten in Entzücken, daß sie, gerade sie, so gut mit dem Onkel steht, daß sie Novalla die Wege ebnen kann, daß sie zu etwas nütze ist auf der Welt!

Der Sanitätsrat ist hocherfreut.

»Sie ahnen nicht, mein gnädiges Fräulein, welch einen Freundschaftsdienst Sie ihm dadurch erweisen würden!«

Und dann spricht er von der Persönlichkeit seines Neffen, welch ein ideal beanlagter vortrefflicher Mensch er sei, wie er seit dem Tode seiner Eltern so einsam lebe und wie gut es für ihn sein würde, wenn er heiratete. Seine pekuniäre Lage sei eine sehr günstige, nur mit der Gesundheit stehe es momentan noch schlecht, doch werde da gerade ein geregeltes, glückliches Eheleben wahre Wunder tun.

Malwine hat die Hände um den Fächer gekrampft, sie atmet kaum und ihre Lippen beben.

Um etwas zu erwidern, lenkt sie das Gespräch wieder auf ihren Onkel zurück, und da der junge Komponist in diesem Augenblick neben sie tritt und sich an der Unterhaltung beteiligt, gewinnt sie ihre Harmlosigkeit zurück.

Helmut ist beseligt bei dem Gedanken an Malwines Fürsprache.

Er nennt sie seinen guten Engel, seine Lady patroness, welche seinem Leben neuen Inhalt verleihe, und dann schmieden sie voll glücklichen Eifers Pläne, was zu tun sei, um Onkel Karl am wirksamsten für die neue Oper zu interessieren.

Gleich morgen wird Malwine an ihn schreiben, und dann muß die Partitur eingeschickt werden, Novalla muß sich dem Generalintendanten persönlich vorstellen, Fräulein von Ries wird es so einrichten, daß sie in dieser Zeit just im Hause des Onkels zu Besuch weilt, – nun, und dann wird eben alles nach Wunsch gehen!

Welche Zuversicht, welch ein Pläneschmieden von all den schönen Tagen, welche sie dann gemeinsam in der Residenz verleben werden! Von Musik, Kunst – allem Schönen, was Geist und Seele erquickt!

Solch ein Plaudern von gemeinsamen Interessen führt die Menschen schnell zusammen.

Es deucht Malwine, als sei Doktor Novalla schon seit langen, langen Jahren ihr bester Freund gewesen, und doch ist ihr alles so neu, so zauberhaft, glückselig neu!

Die Sanitätsrätin aber steht mit ein paar Damen abseits und blickt voll mütterlichen Wohlwollens zu Fräulein von Ries hinüber.

»Ich habe gar nicht geahnt, daß Fräulein Malwine so sehr musikverständig ist! Sehen Sie doch, in welche Begeisterung sich die beiden hineinreden! So jung und hübsch ist mir das Mädchen noch nie erschienen wie heute abend, ich habe sie stets für etwas pedantisch und in ihrem ungeheuren Pflichtgefühl für geradezu altjüngferlich gehalten. Nun sieht man mal wieder, wie man sich irren kann!«

»Du liebe Zeit, wo sollte sie hier auch ihre Kunstinteressen betätigen!« sagte eine ältere Gesanglehrerin, welche ehemals Konzertsängerin gewesen war, und zuckte seufzend die Achseln. »Hier in der Stadt hat man kein Verständnis für Ideale, und wie wenig die Kunst gepflegt wird, wissen wir alle! Gott sei es geklagt, hier ruhen die Künstler wahrlich nur darum auf ihren Lorbeeren, weil sie die Matratzen versetzt haben!«

 

Welch selige, wonnevolle Tage waren das plötzlich! Zwar sah kein Mensch es Malwine an, daß ihre ganze Seele ein Meer voll Glanz und Licht geworden war, sie verrichtete unverändert still und gewissenhaft ihre Obliegenheiten in Haus und Hof, und wohl nur der feinen Beobachtung eines Menschenkenners wäre die Veränderung, welche mit ihr vorgegangen, aufgefallen.

Malwine hatte dem Onkel einen Brief geschrieben, welchen ihr begeistertes, glückzitterndes Herz diktiert hatte, und der darum nicht ohne Wirkung geblieben war.

Der Generalintendant antwortete umgehend, sehr liebenswürdig und interessiert und voll schmeichelhafter Anerkennung über das erste Werk Novallas, welches zu großen Hoffnungen berechtige. Er schlug selber vor, der Komponist solle die Partitur persönlich bringen und ihn und den Hofkapellmeister mit der Musik und dem Inhalt der neuen Oper bekanntmachen.

Herr und Frau von Ries hatten Sanitätsrats und ihren talentvollen Gast just zu einem »freundschaftlichen Abendessen« gebeten, als der Brief eintraf und Malwine überreichte ihn mit flammenden Wangen dem jungen Komponisten.

Novalla war auf dem Gipfel alles schwärmerischen Entzückens: die besten Beziehungen zu einer für ihn so wichtigen Hofoper waren angeknüpft, und die Tragweite eines eventuellen Erfolgs für alle Zukunft außerordentlich.

Die Freude und das dankbare Entzücken leuchteten ihm aus den Augen, seine Blicke, sein Händedruck, seine leise geflüsterten Worte versetzten Malwine in einen wahren Wonnerausch.

Da erschloß sich an dem kahlen, duftlosen Baum ihres Lebens die erste und einzige Blüte der Liebe, heimlich und verborgen, aber genährt von Lebensmark und Herzblut, ein spätes Frühlingsreis, an welchem der ganze Baum verblutet, wenn es das Schicksal mit grausamer Hand herniederreißt.

Novalla bestand darauf, umgehend nach X. abzureisen, um das Eisen zu schmieden, solange es heiß war. Der Sanitätsrat schüttelte mißbilligend den Kopf. »Es ist ein Unsinn, Helmut! Warte gelinderes Wetter und eine Besserung deiner Erkältung ab! Du darfst bei dieser Kälte nicht reisen!«

Aber Novalla schüttelte aufgeregt den Kopf. »Es hängt zu viel davon ab, Onkel! Ich muß es!« beharrte er.

Auch Malwine bat, noch acht Tage zu warten, da sie vordem nicht abkömmlich hier sei und doch gern seiner Unterredung mit dem Onkel beiwohnen möchte!

Aber der junge Komponist versicherte sie, daß er seinen Aufenthalt in X. auf Wochen ausdehnen werde und vorerst nur alles Geschäftliche abwickeln wolle, ihre schönen Pläne sollten sich alsdann um so sicherer verwirklichen.

Und er setzte sich an das Klavier und sang den Jubel seines Herzens in zaubersüßen Liedern, daß selbst der Oberst die Whistkarten niederlegte und anerkennend nickte: »Donnerwetter, welche Stimme! Solch einen Tenor zum Kommandieren!«

Helmut Novallas Blick aber traf wiederum Malwine, und er sang, bis ein jäher Husten ihn unterbrach und der Sanitätsrat energisch das Klavier schloß.

 

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