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Der verlorene Sohn

Nataly von Eschstruth: Der verlorene Sohn - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorNataly von Eschstruth
titleDer verlorene Sohn
publisherPaul List Verlag
addressLeipzig
year1920
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectidf4df31be
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XIX.

Während Götz nachdenklich nach Hause ging und abermals ein wenig verstimmt war, daß seine sensationelle Nachricht gar nicht den Eindruck auf Lou gemacht, welchen er erwartet – ihr Entzücken über sein großes Opfer schien weniger lebhaft als ihre zornige und etwas rachsüchtige Erregung über seine ungerechten Eltern – stürmte die Reiterin nach dem Zirkus, um heute recht zerstreut und noch viel übellauniger als sonst ihre Exerzitien zu machen.

Die Gedanken wirbelten ihr wie ein aufgescheuchter Mückenschwarm hinter der zornig gefurchten Stirn.

Hatte sie darum ein Vierteljahr ihres Lebens geopfert, die schönen Tage und Nächte in Sack und Asche, solide wie eine Nonne, vertrauert, um es als einzigen Erfolg zu erleben, daß ihr Erwählter enterbt und verstoßen sich als mittel- und titelloser Vagabund an ihre Fersen heftete?

Nein, das war wahrlich nicht der »Zweck der Übung« gewesen!

Immer das alte Lied!

Wenn der Sohn glücklich gewonnen und im Begriff steht, den Weg nach dem Standesamt einzuschlagen, kommen die lieben Eltern und machen einen Strich durch die Rechnung. Oder sollte das Ganze nur ein schlauer Trick sein, um die unbequeme Liebhaberin selber zum Rückzug zu zwingen?

Ist es Götz vielleicht selber langweilig geworden, ersann er das Märchen von dem enterbten Sohn, um seine Beziehungen bequemer lösen zu können?

Nein – er war ja durch nichts an sie gebunden, hatte keinerlei Verpflichtungen gegen sie zu erfüllen!

Wenn ihm die Freundschaft mit der Artistin nicht mehr behagte, konnte er ja einfach wegbleiben!

Außerdem hat er heute morgen schon tatsächlich den Abschied eingereicht, das konnte kein Schwindel sein, denn so etwas erfährt man schließlich, ob ein Offizier geht oder bleibt.

Nein, es wird wohl eine infame Tatsache sein, daß die Eltern mit Feuer und Schwert vorgehen wollen, um eine verhaßte Mesalliance des Sohnes zu verhüten.

Man kennt ja den Hochmut einer solch gräflichen Sippe, die sich auf ihren Geldsäcken bläht und sich wie die Fürsten aufspielt! O, wie haßt Lou diese unbekannten »Alten«, wie lechzt sie danach, sich an ihnen zu rächen. Wenn sie Götz durch ihr schroffes Vorgehen nur mürbe machen und aushungern wollen, daß er als reuiger Sünder schließlich doch zurückkehren soll, so wird sie ihnen das gründlich versalzen.

Hinab soll der Herr Graf, so tief hinab, daß kein Emporkommen mehr möglich ist!

Wenn er erst Zirkusreiter geworden ist, dann hat er ja den ersten Schritt dazu getan!

Lou beißt voll wütenden Ingrimms die Zähne zusammen.

Narr, einfältiger Narr, der er ist!

Dieses erbärmliche Vagabundenleben voll Arbeit, Hetzerei und Schinderei, welches sie bis auf den Tod haßt und um jeden Preis von sich werfen möchte, um die goldene, menschenwürdige Freiheit zu erlangen, das ladet er freiwillig auf sich!

Das zieht er dem Glanz und der Pracht eines Majoratsherrndaseins vor!

O, die kleine Reiterin möchte auflachen, wenn ihr nicht die Kehle wie zugeschnürt wäre!

Aber halt ... welch ein Gedanke blitzt ihr da auf!

Majoratsherr!

Kann denn ein Majoratsherr überhaupt enterbt werden?

Baut Götz vielleicht nur auf ihre Unwissenheit, um ihr einen kleinen Zank mit den Eltern in den schwärzesten Farben zu malen? Er ist ein sinnlos heftiger Trotzkopf, er hat längst einen unerklärlichen Hang zum Zirkusleben gehabt ... Benutzte er vielleicht einen ganz harmlosen Zwist mit den Eltern, um Knall und Fall den Dienst zu quittieren und ein bißchen den Globetrotter zu spielen?

Ähnlich sieht es ihm!

Und für das Heiraten hat er nie viel Passion gehabt.

Hält Lou ihn für tatsächlich enterbt, wird sie sich hüten, noch auf eine Ehe mit dem Monsieur Habenichts zu dringen, er amüsiert sich mit ihr und nascht an verbotenen Früchten, ohne sich im mindesten zu engagieren, und wenn er die Künstlerlaufbahn satt hat, kehrt er heim und setzt sich wieder zwischen den Dukatensäcken behaglich zur Ruhe, denn sein Majorat kann ihm nicht genommen werden!

Ist dies vielleicht das schlaue Schachspiel, das kecke Tänzlein, welches der Herr Graf mit ihr wagen will?

Hallo! Dann hat er die Rechnung ohne den Wirt gemacht und soll sich rettungslos in seinem eigenen Garn fangen!

Mademoiselle Lou lacht plötzlich scharf auf. Sie hat ihren Humor wiedergefunden.

Daß sie auch nicht sofort an das Majorat gedacht hat!

Vorsicht ist jedoch auf alle Fälle nütze.

Sie ist kein Backfisch mehr, welcher noch mit selig vertrauendem Gemüt Vermutungen für Tatsachen nimmt, sie ist eine zielbewußte Künstlerin, welche die Kunst satt hat und keinen Einsatz mehr wagt, wenn keine Gewinnchancen mehr da sind!

Fräulein Lou wird sich an maßgebender Stelle vergewissern, wie es um das Enterben eines Majoratsherrn steht, und dann wird sie handeln.

Hat Götz auf ihre Naivetät spekuliert – gut, so wird sie die Naive spielen, daß ihm die Augen übergehen sollen, daß er erst wieder klar sieht, wenn ihm das Eheringlein am Finger blinkt; ist es aber Tatsache, daß er über Nacht ein verstoßener und enterbter Sohn, ein Landstreicher ohne Geld und ohne Namen geworden ist, dann ade, du ideale Freundschaft!

Eine Lou kennt weder Rücksicht, noch Freundschaft, noch Dankbarkeit, und ein Verehrer, welcher nichts mehr nützen kann, sondern nur als Klotz am Bein mitgeschleppt sein will, den schüttelt sie ab und wirft ihn beiseite wie eine ausgepreßte Zitrone. Die Reiterin beendete voll aufgeregter Hast ihre Probe, hatte weder Wort noch Gruß für die Kollegen, welche schwatzend im Stallgang standen, und stürmte auf die Straße, eine Droschke zu erreichen.

Durch einen Zufall hatte sie erfahren, wo Götz in letzter Zeit öfters Geld gegen Wechsel erhoben hatte.

Herr Moses Feilchenfeld wußte sicher am besten Bescheid über die Vermögensverhältnisse des Grafen Abensberg.

Der Kutscher fuhr flott zu, und nach kurzer Zeit klopfte Fräulein Lou an die Kontortür, um gleich darauf, ohne ein »Herein« abzuwarten, vor Moses Feilchenfeld zu stehen.

Der kleine, etwas verwachsene alte Herr saß auf dem hohen Drehstuhl vor seinem Schreibpult und wandte das gelbe, krankhaft hagere Gesicht ein wenig überrascht der allerliebsten neuen Kundin zu.

Dann glitt er höflich von seinem erhabenen Sitz herab, zog den Schreibärmel herunter und fragte mit beinahe feierlichem Ernst nach den Wünschen der jungen Dame.

Die Reiterin nickte ihm mit ihrem reizendsten Manegelächeln zu. »Herr Feilchenfeld?« Und als er durch eine etwas unbeholfene Verbeugung bejahte, streifte ihr Blick den seitwärts sitzenden Schreiber, welcher sie anstarrte wie eine Vision, und sie fragte zögernd: »Kann ich Sie in diskreter Angelegenheit wohl einen Augenblick allein sprechen?«

Herr Feilchenfeld sah noch ein wenig erstaunter aus, dienerte abermals und öffnete eine schmale Seitentür, welche in ein kleines, düsteres, nicht allzu elegantes Zimmer führte, dessen ganzes Aussehen es auf den ersten Blick verriet, daß sein Besitzer ein Junggeselle war und weder Zeit noch Sinn für Äußerlichkeiten hatte.

Er rückte Fräulein Lou einen etwas defekten Lederstuhl herzu und blickte sie erwartungsvoll an.

»Sie kennen den Leutnant Graf Abensberg, Herr Feilchenfeld?«

Durch die grauen, tiefliegenden Augen des kleinen Mannes ging ein jähes Aufblitzen. Er verneigte sich in stummer Bejahung.

»Kennen Sie auch seine Familienverhältnisse?«

»Wie heißt ›kennen‹, mein Fräulein! Ich weiß, daß er einen Vater und eine Frau Stiefmutter hat!«

»Und sein Vermögen?«

»Dürfte wohl 'ne diskrete Sache sein!«

Lou streckte ihm die kleine Hand in dem eleganten Schwedenleder entgegen.

»Ich bitte, seien Sie offen, Verehrtester, so offen, wie ich es auch zu Ihnen sein werde. Es handelt sich um mein ganzes Lebensglück, um meine Zukunft, bester Herr Feilchenfeld! Kennen Sie mich?«

»Habe nicht die Ehre!«

»Ich bin Mademoiselle Lou, Forcereiterin bei Sontini! Graf Götz Abensberg ist mein Freund, Sie verstehen...«

Der kleine Geschäftsmann lächelte. »Ah, da kann man gratulieren, Fräulein! Der Graf ist ein feiner Herr... ist ein splendider Herr!«

»Er war es, Monsieur! Ob er es auch noch ferner sein wird...«

»Haben Sie gebrochen mit ihm?!«

»Das nicht. Aber er hat Malheur gehabt. Sie wissen, daß es Grafeneltern nicht gern sehen, wenn ihr Sohn eine Artistin heiraten will...«

»Heiraten?«

»Ja, Götz hat die reellsten Absichten. Um sich mit den Alten auszusprechen, fuhr er vorgestern heim. Na, es hat einen gewaltigen Krach gegeben, und weil der brave Junge nicht von mir lassen wollte, haben sie ihn verstoßen und enterbt!«

Herr Feilchenfeld sah aus, als ob solche Eröffnungen zu seinem täglichen Brot gehörten, er lächelte nur ganz seltsam.

»Was Se sagen! Hat aber doch der Alte bezahlt die Rückstände des Herrn Sohnes heute morgen noch bei Heller und Pfennig!«

Lou horchte hoch auf.

»Ah! Tatsächlich? Nun, dann bin ich überzeugt, daß alles nur blinder Lärm war!«

»Glaub' ich selber! Gott der Gerechte – wird sich so ein feiner Herr doch zehnmal besinnen, ob er soll machen so 'n Skandal vor der Welt und verstoßen den Sohn!«

»Graf Götz ist der älteste Sohn, er ist Majoratsherr! Sagen Sie, Herr Feilchenfeld – kann ein Majoratsherr überhaupt enterbt werden? Sie wissen doch sicher in solchen Eingen Bescheid!«

Der Gefragte lächelte noch immer so seltsam und strich sich nachdenklich über den kahlen Kopf.

»Wie wird man können enterben einen Majoratsherrn!« sagte er leise. »Können s'n stellen unter Kuratel – kann der Herr Vater ihm verweigern alle Zulage und jede Unterstützung, so lange er lebt, der alte Herr – wenn 'r aber wird sterben, fällt der Besitz an den Ältesten, ob 'r nun is ein Leitnant – oder is weggelaufen und geworden 'n Kellner ... Ob 'r sitzt in Deutschland oder in Amerika – is der Herr Vater tot, gehört ihm das Majorat – und wenn 'r soll gestraft werden, können se ihm höchstens entziehen das Privatvermögen, oder die Stiefmutter das ihre!«

»Ah, dachte ich es doch!« – rief Lou atemlos, mit aufblitzenden Augen. »Man wird ihn also ein paar Jahre darben lassen ...«

»Wie kann der alte Graf lassen darben einen Sohn bei der Gardekavallerie!«

»Götz hat heute den Abschied eingereicht!«

Zum erstenmal schaute Moses Feilchenfeld etwas betroffen auf.

»Hat'r das?«

»In vollem Ernst!«

»Wird 'r haben ein paar Jahr den Dalles! Wird er aber doch sein kein Narr und geben klein bei, wenn 'r is verliebt ins Fraileinchen und will Se heiraten. – Der Graf is 'n alter, is 'n kranker Wann ... kann mer nicht wissen, wie sich alles ändert über Nacht? Und wenn 'r sieht, der alte Herr, daß doch die Heirat is geschehn, wird er doch nicht wollen im Unfrieden sterben! Das hat mer oft erlebt – die Alten sind schwächer als die Jungen, und wenn se sehn, daß es doch nichts hilft, dann geben se nach!«

»Sie glauben also wirklich, Herr Feilchenfeld, daß Graf Götz nach dem Tode des Vaters wieder ein reicher Mann wird?«

»Wenn der junge Graf jetzt wollte kommen und mir abborgen an de dreißigtausend Mark – da sind se! – Er hat se! – Er kriegt se! Weiß ich doch, daß es is kein verlorenes Geld! And wenn Se sind gewesen im Zweifel, Fraileinchen, ob Se 'n sollen heiraten oder nicht – dann kann ich nur sagen: Tun Se 's, nehmen Se 'n! Se machen ein Geschäft! Wenn Se zuerst auch nicht liegen gebettet auf Rosen – warten Se 's ab. – Die Zeit vergeht ... und der Herr Vater is 'n alter Mann. Sind Se eines Tages die Frau Gräfin, und 'ne steinreiche dazu, werden Se sagen: Der Moses Feilchenfeld hat recht gehabt!«

Lou war aufgesprungen und reichte mit glühenden Wangen dem Sprecher beide Hände hin.

»Wenn ich's erlebe, soll's nicht Ihr Schaden sein, mon ami! Aber bis dahin« – sie lächelte ihm bedeutsam zu und legte den Finger auf den Mund – »Diskretion! – Sie wissen, die jungen verliebten Männer sind wunderlich und können es nicht begreifen, wenn wir Mädchen nicht mit blinden Augen in ihre Arme laufen wollen! Wenn Götz erführe, daß ich mich bei Ihnen nach seinen Verhältnissen erkundigte, würde es der geniale Schwärmer wie ein Verbrechen an der Liebe erachten! Ich bin ja auch keine berechnende Natur – daß man aber nicht blind in sein Schicksal hineinrennen möchte, das werden Sie mir nachfühlen können!«

Moses Feilchenfeld nickte, und diesmal hatte sein Lächeln etwas Sarkastisches.

»Und ob ich es Ihnen kann nachfühlen! – Hab' ich nie gehalten die Ehe für etwas anderes als ein Geschäft, – 'n schlechtes oder 'n gutes, wie mer's trefft! – Der eine geht Pleite derbei, der andere wird'n gemachter Mann, – so wie's einschlagt. – Wünsche Ihnen, daß Se möchten machen bei Ihrem Geschäft 'n großen Profit, mein Fraileinchen! Ihr Herr Braitigam is 'n ansehnlicher Mann, – is 'n schöner Mann – und sein Geld liegt ihm sicher, – hat 'r Glück, kriegt er sein Erbe bald! – Ergebenster Diener, mein Frailein!

Beehren Se mich bald wieder!«

Mit hochroten Wangen betrat Fräulein Lou wieder die Straße.

Ihre Augen blitzten Triumph und sie trug das Köpfchen so stolz und selbstbewußt auf den Schultern, als sei sie schon jetzt die reiche Gräfin Abensberg, welche nach längerem Kampfe doch endlich zu strahlendem Sieg gelangte.

Also es war Tatsache!

Götz hatte sie ein wenig hinters Licht geführt, hatte sie »graulig« machen wollen.

Sein Majorat, seine Titel und Mittel wurden ihm für einige Zeit entzogen, konnten ihm aber niemals endgültig genommen werden.

Nun hatte Lou ihn völlig in der Hand.

Der glänzend dotierte Offizier, welcher so sicher auf eigenen Füßen stand, war ein Goldfisch gewesen, welcher sich glatt und geschmeidig den Händen entwand, welche ihn greifen wollten.

Nun kommt eine hohe Flut und schleudert ihn aus seinem sicheren Bassin heraus, in trübe, hochgehende Wogen.

Da sieht er nicht mehr die Netze und Angeln, denn der arme Goldfisch ist ein gehetztes Wild, ein Kämpfer um Leben und Existenz geworden, er beißt gierig zu, wenn sich seinem Hunger eine schillernde Fliege zeigt.

Ob sie ein Köder ist? Er überlegt es nicht mehr.

Mademoiselle Lou stürmt durch die belebten Straßen und schaut nicht rechts noch links, sie schmiedet ihre Pläne.

Vor allen Dingen will sie wieder gutmachen, was sie gestern abend im ersten Schreck versäumt hat, – möglicherweise hat Götz ihre kühle Zurückhaltung unangenehm empfunden.

Alsdann muß sie dafür sorgen, daß der junge Graf in ihrer Nähe bleibt. Sie darf ihn nicht aus den Fingern verlieren und muß an ein und demselben Zirkus mit ihm ein Engagement annehmen. Eine Artistin, welche bei Sontini so viel Erfolg hatte, findet das überall, – hübsche Forcereiterinnen sind rar wie die Schwalben im Winter.

Ferner muß sie alles aufbieten, größten Einfluß auf den spröden und trotzigen jungen Mann zu gewinnen.

Sie muß suchen, ihn auf jede Weise zu verpflichten.

Vor allen Dingen muß sie ihn mit Geld unterstützen – und dazu wird ihr wohl mehr Gelegenheit werden, als ihr lieb ist. Je tiefer Götz bei ihr in der Kreide sitzt, desto besser.

Sein Schuldschein gegen den Eheschein!

Nur durch das Ringlein kann er sich bei ihr loskaufen.

Dabei machen sie beide ein gutes Geschäft.

Lou wird selbstverständlich die Rolle der Naiven spielen, welche keine Ahnung davon hat, daß ein Majoratsherr nicht zu enterben ist.

Sie wird den guten Jungen bei dem Glauben erhalten, daß sie in ihm nur den völlig mittellosen, enterbten Sohn sieht, welchen sie dennoch liebt, voll treuer, selbstloser Aufopferung.

Das würde ihn rühren und seine Wirkung nicht verfehlen!

Lou lacht leise und spöttisch auf.

Sie triumphiert.

Ihre Hand krampft sich so fest zusammen, als halte sie schon jetzt das gefangene Vöglein darin.

 

Nach seiner zwiefachen Enttäuschung war Götz doppelt überrascht, bei seinem nächsten Wiedersehen in Fräulein Lou eine geradezu – leidenschaftlich-zärtliche und warmherzige Freundin zu finden, ein Weib, welches voll Begeisterung bereit war, ihre Lebenswege mit den seinen zu verschlingen, um ihm jederzeit mit Rat, Tat und Hilfe nahe sein zu können.

Alle Sorgen wollte sie ihm fernhalten, seine künstlerische Laufbahn nach Kräften ebnen und ihm helfen, baldmöglichst ein schönes und hohes Ziel zu erreichen.

Götz war in der Tat aufs äußerste betroffen von dieser opfermutigen Freundschaft und Zärtlichkeit, und tat der Kleinen im Grunde seines Herzens aufrichtige Abbitte, daß er sie trotz all ihrer phantastischen Eigenart doch für eine durchaus kalte und berechnende Natur gehalten.

Er war überzeugt gewesen, daß Lou danach strebte, ihn zu heiraten, um eine glänzende Partie zu tun, um als reiche Gräfin ein Leben zu führen, welches ihrem »arbeitsmüden« Sinn zusagte. Denn daß Lou im Grunde genommen träge und bequem war, glaubte er ebenfalls durchschaut zu haben.

Er hatte sich beide Male geirrt.

Es hätte nur eines Wortes von ihm bedurft, und die kleine Reiterin wäre jetzt ebenso gern und augenblicklich die Frau des völlig verarmten und verstoßenen Mannes geworden, ohne zu fragen, welch ein Los ihrer an seiner Seite harrte.

Lou liebte ihn wahr und wirklich – und diese so überraschend gewonnene Überzeugung war der erste, heiße Sonnenblitz der Glückseligkeit, welcher ihn auf dem neuen Lebenswege traf.

Auch faul und träge war Lou nicht, denn sie wollte voll Feuereifers mit ihm in das Ausland gehen und daselbst ein Engagement, selbst unter den schwierigsten Bedingungen, annehmen, um für ihn zu arbeiten und ihm seine Existenz zu sichern.

Wieviel ihm gerade jetzt ihre Fürsorge wert und dienlich war, sah er alle Tage mehr ein.

Lou hatte den sehr richtigen Gedanken, daß Götz eine vertrauliche Unterredung mit Sontini nachsuchen müsse, um den alten Herrn für sein Vorhaben, Schulreiter zu werden, zu interessieren und um seine sehr einflußreiche Protektion zu bitten. Dies geschah.

Nach längeren Bemühungen hatte Lou ihm eine Unterredung mit dem Altmeister ausgewirkt.

Der Direktor war ein sehr liebenswürdiger Mann, durchaus Kavalier, und nahm ein aufrichtiges Interesse an dem Schicksal des jungen Offiziers, welcher selbstredend das Opfer einer Stiefmutterintrige geworden war.

Sontini war aber auch ein sehr viel beschäftigter Mann, welchem gerade jetzt viel wichtige Dinge durch den Kopf gingen: seine Gastspieltournee, welche alsbald im Mai begonnen werden sollte, neue Repertoires und Engagements, ein eventueller Umbau des alten Zirkus gingen ihm gewaltig im Kopf herum und machten es ihm wünschenswert, die Schicksalsfäden dieses jungen Menschen in andere Hände hinüberzuspinnen.

Er hatte unlängst einen sehr trostlosen Brief von einem ehemaligen Kollegen und Freund aus London bekommen.

Mister Malburne war seinerzeit einer der besten, hervorragendsten Schulreiter gewesen, welchem man ehemals, in der »großen Zeit«, wie sie für jeden Artisten die sechziger Jahre bedeuten, in den ersten Zirkussen der Welt, bei Laisette, Renz, Mayer usw., zugejaucht hatte. Ein unglücklicher Sturz hatte den alternden Mann nunmehr zum Invaliden gemacht, so daß er nicht mehr als Reiter auftreten und verdienen konnte.

Er suchte seinen Lebensunterhalt nunmehr zu fristen, indem er Pferde dressierte und junge Eleven ausbildete.

Dieser Mister Malburne schien Herrn Sontini der geeignete Mann, an welchen er den jungen Grafen behufs seiner gründlichen Ausbildung weisen konnte.

Er fand bei Götz ungeteilte, stürmische Zustimmung.

Gerade London, – England, das Land alles Pferdesports, reizte den jungen Grafen ungemein, er fühlte sich dort tatsächlich in einer anderen Welt und war wohl sicher, daß wenige, fast keine Bekannten aus der Heimat dort seine Wege kreuzen würden. Denn wenn er erst in dem Häusermeer Londons untergetaucht und seine Spur für lange Zeit verwischt war, glaubte er an die errungene Freiheit, an das neue Leben, welches dort für ihn beginnen sollte.

Lou schmeichelte und bat so lange mit flehenden Worten, bis Sontini sich bereit erklärte, ihren Kontrakt zu lösen, und ihr ebenfalls eine gute Empfehlung an einen englischen Zirkus zu geben. Das Scheiden von der hübschen Reiterin fiel ihm nicht allzuschwer, denn wenn Fräulein Lou auch eine sehr beliebte Erscheinung bei dem Publikum gewesen, so waren ihre Erfolge in den Augen Sontinis doch nur sehr billige; durch die verächtlichsten Tricks und Mätzchen erkaufte, und um solch eine Reiterei zu goutieren, dazu war der alte Herr ein zu vornehm denkender Künstler, ein Artist, welchen noch die edle alte Schule gezeitigt und welcher selbst auf einen Kassenerfolg verzichtete, wenn derselbe auf Kosten der heiligen Kunst errungen ward.

So bereitete Götz in fliegender Eile alles zu seiner Abreise vor; er erzielte durch den Verkauf seiner Habseligkeiten zu seiner Überraschung kaum ein Viertel des Geldes, welches er dafür ausgegeben, und reiste, sowie seine dienstlichen Verpflichtungen gelöst waren, geradeswegs nach London ab.

Mademoiselle konnte ihm zu ihrem größten Kummer erst vierzehn Tage später folgen, aber sie hatte sich voll rührender Fürsorge erst überzeugt, daß ihr geliebter Freund für die erste Zeit ausreichend mit Geldmitteln versehen war.

Ein schriller Pfiff aus der Lokomotive – der Zug brauste davon in den hellen, leuchtenden Frühlingsmorgen hinein. Aber so sehr auch Götz empor in den Glanz und hinaus in die lockende, winkende Ebene blicken wollte, er sah nur die dunklen, schweren Rauchwolken, welche die Wagen einhüllten und von deren wallenden Trauerfahnen alles Licht und alle rosige Ferne trostlos verschlungen ward.

Vale patria!

 

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