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Der verlorene Sohn

Nataly von Eschstruth: Der verlorene Sohn - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorNataly von Eschstruth
titleDer verlorene Sohn
publisherPaul List Verlag
addressLeipzig
year1920
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
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XVIII.

Als Götz sein Vaterhaus so Hals über Kopf verlassen und allein in dem dämmerigen Eisenbahnabteil saß, verflog der fieberhafte Rausch der Aufregung, welcher ihn während des ganzen Tages, sich von Stunde zu Stunde steigernd, umfangen hatte.

Obwohl er dies alles schon längst geahnt und vorausgesehen hatte, war die Tatsache, der Entschluß doch immerhin überraschend schnell an ihn herangetreten, und obwohl er sich diese Lösung der Dinge stets recht einfach und kurz gedacht, so war dieselbe doch nicht ohne Seelenkampf abgegangen.

Wer weiß, wie sich alles gestaltet haben würde, wenn er Lou nicht kennengelernt und dem Leben und Treiben der Zirkuswelt nicht durch sie so nahe getreten wäre.

Er würde dann auf jeden Fall versucht haben, den Vater zu seinen Gunsten umzustimmen, würde ihm das Ungeheuerliche seiner Heiratsprojekte, das Sündhafte, einen Mann in eine widerwärtige Ehe zu zwingen, klar gemacht und wohl einen Ausweg gefunden haben, sein Leben in einer ihm zusagenden Weise umzugestalten, ohne dabei das Tischtuch zwischen sich und den Eltern durchzuschneiden.

Ja, wer weiß, ob er nicht nach dem Diner noch eine Aussprache mit dem Vater ermöglicht und ihn von seiner Antipathie gegen Fräulein Flavia überzeugt haben würde, wenn nicht Lous Depesche ihn in eine Stimmung versetzt hätte, welche ihn für jedes Überlegen und Erwägen untauglich machte.

Sie glich dem Windstoß, welcher alles grell aufwirbelt, was an Weltenstaub in seiner Seele lagerte.

Den Staub aller leidenschaftlichen Begierden, aller Zügellosigkeit und stürmenden Unzufriedenheit mit seinem Dasein.

Noch vor wenig Tagen hatte er in Lou nichts anderes gesehen, als eine jener Eintagsfliegen, welche schillernd den Weg eines Mannes kreuzen, um ihn für flüchtige Stunden an Märchenzauber und die süßen Wonnen eines Liebestraumes glauben zu lassen.

Seit gestern abend, als Lou zum erstenmal aus ihrer kühlen Reserve heraustrat, um ihn durch heiße Küsse und gaukelnde Verheißungen zu berauschen, glaubte er in ihr sein Schicksal zu sehen, welches ihm lockend auf neuen Bahnen voran schwebt und ihm winkt, zu folgen.

Wohin?

Dem Glück entgegen – dem Glück und der Freiheit, ohne welche es undenkbar ist!

Darüber, was er nun beginnen solle, war Götz sich klar.

Er lehnte mit heißgerötetem Antlitz und starr ins Leere gerichtetem Blick in der Ecke des Abteils und legte in Gedanken sich alles zurecht, was er in den nächsten Tagen zu tun hatte.

Zuerst würde er selbstverständlich zu Lou stürmen, ihr von dem Vorgefallenen Bericht zu erstatten.

Seine Augen blitzen auf, wenn er an den Triumph denkt, welchen er feiern wird, wenn er der wonnigen, kleinen Zauberin erzählt, wie fest und heldenhaft er für seine Liebe gekämpft, welch ein großes, unersetzliches Opfer er ihr gebracht!

Namen, Stellung, Geld – alles gab er ohne Besinnen auf, nur um als freier Mann mit ihr leben, ihr folgen – ihr angehören zu können!

Nicht als solider Ehemann – o nein, solch ein Gedanke ist jetzt noch absurder als zuvor.

Wovon sollen sie leben?

Von der Zirkusgage? Lächerlich!

Es bleibt nicht immer Sonnenschein, es kommen auch Wolken und böses Wetter, Krankheit, Stellenlosigkeit, ein Kampf um das tägliche Brot.

Da würden Weib und Kind noch viel unerträglichere Fesseln sein, als es jetzt Namen und Stellung sind, und diese gibt Götz doch nur auf, um frei, in der Tat frei und völlig ungebunden zu sein!

Der Trauring aber ist eine Fessel, welche schwerer zu ertragen ist als Sklavenketten.

Nein, ans Heiraten wird Götz nie denken, nie! Lou ist ebenfalls viel zu klug und welterfahren, um sich Lasten und Pflichten an der Seite eines völlig unbemittelten Mannes zu wünschen, dessen Liebe sie auch ohne dieselben besitzt – idealer, schattenloser, berauschender als in der grauen Prosa des Elends und der Ehe!

Ja, er wird sie lieben – und sie wird ihn lieben! Wie zwei farbenbunte Schmetterlinge werden sie im Sonnenglanz und Lorbeerduft dahin gaukeln, auf der Höhe eines berauschenden Künstlerdaseins, im Vollgenuß eines Lebens, welches, hoch über allen Schranken, aller Knechtschaft und Konvenienz, einem Götterdasein gleichen wird! .

Zuvor aber muß er alle Brücken hinter sich abbrechen.

Er wird morgen in aller Frühe seinen Abschied einreichen und gleicherzeit um längeren Urlaub nachsuchen, damit es ihm erspart bleibe, unter obwaltenden Verhältnissen noch einmal Dienst zu tun und den Kameraden zu begegnen.

Mit wieviel hämischen und ironischen, hochnäsigen und spöttischen Bemerkungen würde er wohl heimgesucht werden!

Götz lacht ingrimmig auf und macht eine heftige Bewegung mit der Hand, als wolle er diese Gestalten und Gesichter, welche wie spukhafte Schatten auf ihn eindringen, niederschlagen.

Und dann? – Was dann?

Vor allen Dingen zu den notwendigsten Mitteln gelangen.

Er wird seine vielen, kostbaren Pferde verkaufen bis auf »Selim«, seinen Liebling, den schönsten aller Vollblüter, welcher wie geschaffen dazu ist, seine wundervollen Glieder in Zirkusglanz und wirbelnden Lorbeerblättern zu baden.

Auf Selim wird er Schule reiten.

Seine überelegante Wohnungseinrichtung mit all ihren Kostbarkeiten und Luxusartikeln, welche so viele Tausende gekostet, wird ebenfalls wieder zu Geld gemacht.

Dazu die zwei beträchtlichen Spielgewinne, welche er bei Graf Lassen und Mister Terry, dem Sohn des englischen Herzogs und Mitglied des Jockeiklubs, noch ausstehen hat, das wird fürs erste eine Summe ergeben, welche ihn in die Lage versetzt, im Ausland ein Zirkusengagement zu suchen.

Ist dieses gefunden, gibt es keine Sorge mehr.

Götz weiß, daß er ein schöner Mann, ein Liebling der Frauen ist: er war im Regiment als schneidigster und elegantester Reiter bekannt – bedarf es noch mehr, um in der Manege Triumphe zu feiern!

Gewiß nicht.

Der junge Graf war zeitlebens in vielen Dingen Optimist, er sah alles, was er sich erwünschte, als Ideal an, er malte sich mit lebhafter Phantasie die rosigsten Bilder aus und wies jeden Zweifel an der Wahrheit solcher Träume trotzig zurück.

Er war zu jung und weltfremd, um zu wissen, daß gar vieles, beinahe alles im Leben, was bunt und glitzernd die Augen blendet, nur Trug und Schein ist – er hatte es noch nicht erfahren, daß wohl in jedem Paradies eine Schlange lauert, und daß man gerade da, wo man die rosenduftigste Poesie erwartet, die graueste und nüchternste Prosa findet.

Dieselben überschwenglich schönen Zustände, wie sie ihm einst als Knaben vorgegaukelt und eine fast krankhafte Sehnsucht nach dem Leben eines Pfadfinders und self made man in ihm erweckt, spukten auch jetzt noch als lichte Wahngebilde in seinem Kopf und waren die Irrlichtflämmchen, welche ihn in ein abenteuerliches Dasein hinauslockten. Auch jetzt zeigten sie ihm eine schier märchenhafte Perspektive von Glück und Zufriedenheit, und als der Zug in der mächtigen Glashalle des Residenzbahnhofs hielt, sprang Götz mit einer so ungestümen Ungeduld aus dem Wagen, als sei draußen ein goldenes Tor aufgetan, durch welches er geradeswegs in das Wunderland seiner Träume hineinstürmen könne.

Er rief einem Droschkenkutscher Straße und Hausnummer zu und fuhr zu Mademoiselle Lou.

Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, sprang er die abgetretene Treppe mit dem gemalten Läufer, welcher ihm seit jeher ein Greuel gewesen war, empor und setzte die Klingel heftig in Bewegung.

Alles blieb totenstill.

Kein leiser Schritt nahte, keine zierliche Hand schob das Holzplättchen vor dem Guckloch zurück.

Götz klingelte abermals, lauter noch, anhaltender. Kein Laut, kein Geräusch in der Wohnung. Durch die Spalte der Tür sah er, daß der Korridor dunkel war.

Sollte sie nicht zu Hause sein?

Ein Gefühl nervöser Ungeduld und Gereiztheit überkam den jungen Offizier.

Noch einmal schrillte die elektrische Glocke wie ein Sturm- und Alarmsignal durch die abendliche Stille, – auch diesmal vergeblich.

Mit umwölkter Stirn wandte sich Götz und eilte die Treppe wieder hinab.

Erst jetzt dachte er daran, daß er in der Eile und Auflegung in Uniform gekommen war und daß es doch vorteilhafter sei, wenn ihn kein neugieriger Blick vor der Entreetür der Zirkusreiterin erspähte.

Bah! Immer noch die alten, kleinlichen Vorurteile!

Wie bald wird er jetzt mit ihnen gebrochen haben, – wie bald legt er diese bunte, gleißende Zwangsjacke für immer ab.

Er steht auf der Straße und blickt unschlüssig umher.

Trotz der vorgeschrittenen Stunde hastete das Großstadtleben noch unverändert geräuschvoll an ihm vorüber, die Wagen rasseln, ein hageres Mädchen mit kranken, verlebten Zügen tritt an ihn heran und bietet ihm duftlose Veilchen zum Kauf.

Er wirft ihr mit einem Ausdrucks des Ekels ein Geldstück zu und schreitet weiter.

Das Weib folgt ihm und hält aufdringlich die Blumen hin.

»Nehmen Sie man, Herr Leitnant! Ick will nischt geschenkt! Wat denken Sie denn? Ick habe och bessere Tage jesehn und bin in die feinsten Kutschen jefahren! Nehmen Sie man! Det kommt Sie oft janz plötzlich, det man uff die Straße kampieren muß!«

Götz macht eine beinahe zornige Bewegung und schreitet hastiger aus.

Nie hat ihn der Anblick eines Wesens, welches auf der Bahn zügelloser Freiheit und zügellosen Genusses so tief gesunken ist, derart angeekelt wie in diesem Augenblick.

Ja, er kommt oft plötzlich, der grelle Umschwung von reich zu arm, von der Höhe zur tiefsten Tiefe, – ganz plötzlich!

Wer weiß, was jene verlorene Seele einst gewesen ist, – vielleicht auch Artistin, welche leidenschaftliche Unduldsamkeit in die hohen, trügerischen Lebenswogen hinaus getrieben!

Der junge Graf macht eine Bewegung mit der Hand, als wolle er diese düsteren Gedanken mit der Faust zurückschlagen.

Was ficht ihn plötzlich an?

Ist er diesen gesunkenen, lasterhaften Geschöpfen nicht schon zu Hunderten begegnet?

Hat er jemals über ihre Schicksale nachgedacht?

Er hat sich über Lous Abwesenheit geärgert, er ist enttäuscht und mißgestimmt, und in einer solchen Gemütsverfassung sieht man überall Gespenster!

Wo mag Lou, die kleine Hexe, stecken?

Hat sie heute abend im Zirkus geritten?

Wohl möglich.

Götz sieht nach der Uhr.

Die Vorstellung ist beendet, – Lou hätte längst zu Hause sein müssen.

Amüsiert sie sich mit andern?

Einen Augenblick preßt Götz zornig die Lippen zusammen, dann zuckt er gleichmütig die Achseln.

Warum nicht!

Sie ist ja frei, – so frei wie er, – und Götz Abensberg wird der Letzte sein, welcher einem menschlichen Wesen jemals sein höchstes Gut, die Freiheit, schmälert!

Eifersüchtig ist er nicht.

Auf Lou?

Weder auf sie noch jemals auf eine andere.

Götz hält nicht so viel von den Frauen, daß er sich auch nur eine einzige schlaflose und sorgenvolle Stunde um sie machen würde. Die Frauen sind wie Blumen, – man sieht sie gern, berauscht sich an ihrem Duft, pflückt sie zu kurzem Genuß und wirft die welken und entblätterten von sich, wie jene Blütenkelche am Weg, welche zu vielen Tausenden in den Staub getreten werden.

Noch einen Augenblick überlegt Götz, was er beginnen soll, dann springt er kurz entschlossen abermals in eine Droschke und fährt nach Hause.

Es wird am besten sein, wenn er noch in dieser Nacht beginnt, die Auflösung seines luxuriösen Haushalts vorzubereiten.

Dennoch tut er es nicht mehr.

Er ist müde und abgespannt, auf all die Erregung folgt ein Gefühl der Ernüchterung, auf den phantastischen Flug zum Himmel die Enttäuschung, welche schon vor der dunklen Flurtür Lous ihre ersten grauen Schatten über ihn warf.

Er schellt umsonst auch nach seinem Burschen, wirft sich ingrimmig auf sein Lager und schläft.

Mit der goldenen Morgensonne flutet auch neues, prickelndes Leben und Verlangen durch seine Adern.

Er weiß, daß Lou erst gegen zwölf Uhr im Zirkus probt, er fährt gegen zehn abermals zu ihr hin und diesmal trifft er sie zu Hause.

Ein leiser Schrei der Überraschung klingt ihm durch das Guckfensterchen entgegen.

»Götz! Du bist schon zurück?!« Und dann fliegt die Tür auf, aber Fräulein Lou ist gleichzeitig hinter einer Nebentür verschwunden.

»Ich bin noch bei der Toilette, – komme aber sofort! Bitte, tritt ein und mach' es dir bequem!«

Welch ein Jubel, welch ein glückseliger Triumph klingt durch ihre Stimme.

Götz lacht und antwortet voll alten Übermuts. Die Luft, die durch diese Räume weht, scheucht auch das letzte Wölkchen von seiner Stirn.

Nur wenige Minuten vergehen, dann rauscht die Portiere, und Lou fliegt ihrem Freunde stürmisch um den Hals.

Sie trägt ein sehr schickes dunkelblaues Reitkleid, die krausen Haare sind, wie zu allen Proben, nur leicht und nachlässig im Nacken geknotet, aber auch das gibt einen gewissen Reiz.

»Hast du dich auch nicht allzu scharf hier umgesehen?« lacht sie ein wenig unsicher. »Ich hatte noch keine Zeit, aufzuräumen und Staub zu wischen! Habe heute nacht geschwärmt und infolgedessen zu lange geschlafen!«

»Geschwärmt?!«

Sie zieht seinen drohend erhobenen Finger schelmisch herab.

»O, in aller Ehrbarkeit, Monsieur! Wir haben den Geburtstag Mister Swards, des neuen Trapezkünstlers, gefeiert! Beinahe wäre sogar der Alte anwesend gewesen, aber sein Enkel hat die Masern, und da saß der Narr am Bettchen und hielt Nachtwache, – weißt ja, er ist Gefühlsmensch! Die Peitschen und die Enkel, die füllen sein Leben aus! – Und nun setz' dich zu mir, frühstücke ein wenig und erzähle, was du bei deiner lieben Stiefmama solltest!«

Sie setzt eine Flasche und Gläser auf den Tisch, holt die Dose mit Gates und drückt ihn in einen Sessel nieder, derweil sie selber mit übergeschlagenem Bein auf der Lehne sitzt, den Arm um seinen Nacken schlingt und ihn erwartungsvoll anblickt.

Über sein lachendes Gesicht fliegt wieder der Schatten, der es seit dem gestrigen Abend verdunkelt hat.

Er streicht den kleinen Schnurrbart nervös empor, daß der herrliche Solitär an seinem Finger bunte Funkengarben sprüht.

»Du hast ein erstaunliches prophetisches Talent, Lou!« sagt er leichthin. »Alles, was du vorausgesagt, ist eingetroffen! Als ich ankam, ereignete sich erst eine ganze Weile gar nichts, – dann ward ich aus meiner Isolierzelle vor das elterliche Tribunal geschleppt, – ein hochnotpeinliches Halsgericht über den verlorenen Sohn folgte – auf der einen Seite das Halseisen, auf der anderen eine züchtige Jungfrau mit holdverschämten Wangen, – ich sollte wählen!«

Lou lacht hell auf, aber es klingt etwas gezwungen, und ihr Blick, mit welchem sie den Spötter neben sich fixiert, hat etwas Scharfes und Lauerndes. »Nun? Und was tat der Herkules am Scheidewege?«

Götz zuckte die Achseln. »Er dinierte in stummem Tête-à-tête mit der Nichterwählten seines Herzens, schrieb ein paar Zeilen an den Papa und ›eilte geschwind‹, den Schnellzug zu erreichen. – Le voilà

Lou sah gegen ihren Willen etwas ernst aus und atmete schneller als sonst.

»Also regelrechten Krach?!«

Der junge Graf nickte mechanisch. »Nach allen Regeln der Kunst!«

»Hm ... Und was wird nun?«

Er lachte scharf auf. »Ich habe dich, Herzliebchen, und ›Bahn frei‹ für hier und Amerika!«

Ihr Gesicht ward selbst unter der Schminke blaß.

»Was heißt das? – Hat dich der Alte etwa an die Luft gesetzt?«

»Nein! Die frische Luft wählte ich mir selbst!« zuckte Götz sarkastisch die Achseln, – »eine gute Brise, welche in die Segel meines Lebensschiffleins stößt und dasselbe hoffentlich recht flott macht!«

»Sprich doch deutlicher!«

»Verstehst du es noch nicht? – Ich bin ein verstoßener Sohn, bin enterbt, meiner Mittel und Titel für immer verlustig.«

Ein leiser Aufschrei. Man wußte nicht recht, war es Zorn, Enttäuschung oder Überraschung.

»Unerhört! Ist dein Alter toll und verrückt geworden, so etwas zu tun?«

Götz zuckte voll Galgenhumor die Achseln. »Das dürfte wohl eher mein Vater von mir fragen!«

Lou sprang von der Stuhllehne herab und schritt aufgeregt im Zimmer auf und nieder.

»So etwas ist himmelschreiend, ist empörend! Wie kann und darf dein Vater einen erwachsenen, beinahe volljährigen Sohn derart behandeln! Hast du nicht das volle Recht, dir dein Lebensglück selbst zu gestalten, dir ein Weib zu wählen, welches du liebst und nicht dein Alter? – O, solch eine Tyrannei ist gar nicht für möglich zu halten!«

»Es passieren oft die unglaublichsten Dinge, wie du siehst!«

Götz schenkte sich gelassen ein Glas Wein ein.

Lou aber stand momentan am Fenster still und krampfte die Hände zusammen. Ihr Gesicht spiegelte die stürmenden Gedanken, die hinter ihrer Stirn kreisten.

Plötzlich lachte sie wieder hell auf, trat zu dem jungen Mann heran und legte ihre Hand mit leichtem Schlag auf seine Schulter.

»Hallo! – Kopf hoch! Die ganze Sache ist ja eine Farce! – Blauer Dunst! Haha! Nichts als blauer Dunst!«

»Du glaubst?«

»Ja, ich glaube! Ein Schreckschuß, um den widerspenstigen Sohn gefügig zu machen! Nichts als eine leere Drohung, welche dich einschüchtern soll! Bah! Man kennt doch schließlich auch das Gesetz und weiß, daß ein Vater gar kein Recht hat, ohne schwerwiegende Gründe einen Sohn zu enterben! Das Pflichtteil muß er dir auf alle Fälle geben, auf alle Fälle! Nun heißt es nur, standhaft bleiben, nicht gleich die Büchse in das Korn werfen! Wenn deine Alten sehen, daß es dir heiliger Ernst ist mit deinem Entschluß, dann werden sie schon klein beigeben und wieder einlenken! – Nun dreh' 'mal den Spieß um, mein Junge! Hungre du 'mal die Festung aus! – Jetzt durch! – Mag es kosten, was es will! Bah! Ein Mann wie du verhungert nicht!«

»Ganz meine Ansicht, – ich beabsichtige auch keineswegs, in das Joch zurückzukehren!«

»Sei klug und benutze deinen Kredit so lange, als der Bruch zwischen dir und deinen Eltern noch nicht bekannt geworden ist! Wenn du heute quer schreibst, pumpt dir noch jedweder Wucherer jede Summe, die du willst! Das wäre eine famose kleine Revanche für deinen filzigen Alten!«

Es lag etwas Rohes, Brutales in ihrer Stimme, aber Götz hörte nur die Worte selbst, nicht ihren Klang!

Mit großen Augen starrte er sie an. »Pfui!« sagte er kurz.

Sie lachte. »So penibel? – Na ja, du steckst noch in der Uniform, – da kommt dir solch ein Vorschlag komisch vor. Lat bee! – Was gedenkst du denn zu tun, mein Freund? Hast du schon Pläne für deine Zukunft geschmiedet?«

Sein Kopf sank nachdenklich auf die Brust.

»Ich will Zirkusreiter werden!« sagte er kurz.

Sie wich überrascht zurück. Ihr Blick schillerte.

»Zirkusreiter?« fragte sie gedehnt.

Er entwickelte ihr mit kurzen Worten seine Idee, – sein Hab und Gut zu verkaufen und ein Engagement als Schulreiter im Ausland zu suchen. »Glaubst du, daß ich es bald finde?«

Sie schaute momentan starr vor sich hin, dann sah sie auf. Der schnelle Blick, welcher ihn streifte, hatte etwas Lauerndes.

»O, gewiß! Warum nicht. Ich werde dir gern mit all meinen Erfahrungen zur Seite stehen. Am besten ist es, du sprichst 'mal im Vertrauen mit Sontini, der weiß Bescheid.«

Götz schlang plötzlich den Arm voll Leidenschaft um den schmiegsamen Körper der Heilerin. Seine Stimmungen wechselten wie Aprilwetter, und jetzt strahlte wieder toller, waghalsiger Übermut aus seinen Augen.

»Lou,« rief er feurig, »um deinetwillen habe ich alles aufgegeben, was sonst einem Mann lieb und teuer ist, – um deinetwillen will ich den Kampf um das Dasein, um das Glück aufnehmen, – du hörst es! Hast du denn gar kein Wort des Lobes, hast du gar keinen Lohn für mich?«

Sie lachte, umschlang ihn und küßte seine Lippen ein wenig widerwillig und zögernd, – und ihr Mund brannte nicht so heiß wie sonst.

»Und ob ich es dir danke!« flüsterte sie. »Nur glaube ich noch nicht recht an diesen ganzen Wandel, – ich bin etwas mißtrauisch, mein Freund, und möchte erst Taten sehen!«

Er lacht noch lauter als sie. »O, du kluge Schlange! Deine Zweifel sollen bald gestillt werden! – Lou, denkst du unsrer Abschiedsstunde, – denkst du an deine Verheißungen? – Lou, hast du mich lieb?«

Sie befreite sich hastig aus seinem Arm und sah nach der Uhr.

»Um alles in der Welt, wir verplaudern ja meine Probe! Es ist die höchste Zeit, daß ich an die Arbeit komme!«

»Und heute abend?!« flehte er mit unwiderstehlichem Blick.

Sie raffte den Hut vom Stuhl. »Komm, ich werde dich erwarten!«

 

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