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Der verlorene Sohn

Nataly von Eschstruth: Der verlorene Sohn - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorNataly von Eschstruth
titleDer verlorene Sohn
publisherPaul List Verlag
addressLeipzig
year1920
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectidf4df31be
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XVI.

Langsam schritt Götz nach seinem Zimmer zurück. Ein wunderlicher Ausdruck lag auf seinem Gesicht.

Ruhe, kalte, gleichgültige Ruhe, starre Entschlossenheit und der fiebernde Leichtsinn eines Spielers, welcher va banque! sagt.

Er zog die Uhr und sah mit brennendem Blick darauf nieder.

Schade! Der Mittagsschnellzug ist nicht mehr zu erreichen, sonst wäre es das einfachste gewesen, dieser Komödie ein Ende zu bereiten und sofort die Antwort auf das unerhörte, empörende Ansinnen zu geben, auf diesen famosen Heiratsplan, welchen die teure Frau Stiefmama so weise ausgeheckt!

Heiraten! – Götz und heiraten!

Das hieße den Teufel mit Beelzebub austreiben.

Um jenes elenden Mammons willen, um ein paar hohle Titel zu behaupten, soll er sich zum Sklaven eines Weibes machen, welches fraglos zu den widerwärtigsten seines Geschlechts gehört, da es das Wohlgefallen einer Frau Malwine erwerben konnte!

Wer selbst kein Herz in der Brust hat, verlangt auch von andern weder Herz noch Liebe!

Ein grimmiges Auflachen.

Götz neigt sich und wirft die elegante Toiletteneinrichtung aus getriebenem Silber, welche er als »Reisegarnitur« mit sich führt, achtlos in den juchtenen Handkoffer zurück.

Er wird packen und dann den Abendschnellzug benutzen.

Ob das Diner alsdann schon beendet sein wird?

Was kümmert es ihn!

Wenn er nicht satt geworden, wird er mit seiner kleinen Lou noch soupieren, und dieses Tete-a-tete mit der berückenden Zauberin wird die purpurroten Rosen um das Tor flechten, welches die goldene Freiheit endlich, endlich vor ihm aufgetan!

Er greift nach einem Romanband und wirft sich auf den Diwan, um sich die Zeit bis zum Diner zu vertreiben.

Seine Uniform hat der Diener schon in all seiner gleißenden Pracht auf den Sesseln ausgebreitet – und Götz blickt plötzlich mit starrem Blick darauf nieder. – Noch einmal wird er sie anlegen, – zum letztenmal – und dann? –

Es geht ihm wie ein Stich durch das Herz.

Er hätte nie gedacht, daß er das Scheiden von dieser »Zwangsjacke«, über welche er so oft gestöhnt, wie einen schmerzlichen Abschied empfinden würde!

Tut er recht daran, den Säbel, auf welchen er Treue geschworen, aus der Hand zu werfen, um anstatt dessen nach einem unsicheren Schicksal, nach Tand und Flitter hohler Zirkusherrlichkeit zu greifen?

Mit einer wilden Bewegung krampft der junge Offizier die Hände zusammen.

Tut er es etwa freiwillig?

Nein! Beim Himmel, man zwingt ihn ja dazu!

Er muß ja alles im Stich lassen, wenn er nicht ein verächtlicher, willenloser Mensch sein will, der aus schnöder Berechnung Sklave wird!

So, wie man ihm hier voll kalter Lieblosigkeit begegnet ist, bleibt ihm keine Wahl mehr!

Und an diesen Gedanken, welcher sich wie eine Erlösung aus der Qual dieser Stunde ringt, klammert er sich fest; er gibt ihm die alte Sicherheit, den alten Trotz zurück.

Es klopft an die Tür.

Der Diener tritt ein und bringt eine Depesche.

Götz reißt sie mit fragendem Blick auf.

»Vergiß es nicht, daß eine Schneeflocke voll zitternder Liebessehnsucht darauf harrt, in deinem Arm zu schmelzen! – Komm' bald, bald! Mein Herz ruft nach dir!«

»Es ist gut! – Bedarf keiner Antwort!« sagt der junge Graf mit aufglühendem Blick, und er lacht auf wie ein Trunkener, und als er allein ist, preßt er das Antlitz auf das knisternde Papier. «Sei unbesorgt, kleine Schneeflocke, reizende Lou! – Ich vergesse es nicht, das Glück, welches mir in deinen Armen harrt! Die Antwort bringe ich dir heute abend noch selbst, und diese Antwort heißt: das Glück!«

Er schiebt die Depesche in die Brusttasche, er ist wieder der flotte, tolle Götz von ehedem. »Du sollst mich feien gegen jede Schwäche, welche mich vielleicht beim Anblick der schönen Flavia anwandelt!« lacht er übermütig. »Winde du dich als Schlange um mein Herz, kleine Lou, und bewache den Schatz, welcher dir gehört!«


Die Gaskronen flammten in den Salons, und in dem geräumigen Eßsaal prangte die mit vornehmster Eleganz gedeckte Tafel.

Weiß in weiß.

Die Wände schimmerten in dem Lichtglanz wie spiegelnder Marmor, von Goldstuck in reicher Barockform in

Felder geteilt und nur mächtige Bronzearmleuchter als einzigen Schmuck tragend.

Die Tafel war von schneeigem Damast überhangen und von frischem, weißen Flieder, Maiglöckchen und Orangeblüten bedeckt: das wundervolle alte Familiensilber, mächtige Terrinen, Bowlen und Prunkstücke entzückendster antiker Form, erhoben sich aus dem Blumenparterre; Wappengläser und schlanke Sektkelche, wie Lilien geformt, glitzerten vor dem durchsichtig feinen Porzellan, welches nur einen schmalen Goldrand und den gekrönten Namenszug aufwies.

Es war ein feenhafter Anblick, welcher sich Gräfin Malwine bot, als sie, in rauschenden Brokat gekleidet, die Flucht der Salons durchschritt, um noch einmal alle Arrangements einer kurzen, strengen Musterung zu unterziehen.

Ihre Exzellenz sah niemals freundlich oder gütig aus, der Zug kalter Würde lag stets auf ihrem ernsten Antlitz, und darum fiel es heute der Dienerschaft besonders auf, daß die Gräfin sichtlich zerstreut war, daß ihr Blick nicht wie sonst kritisierte und prüfte, sondern voll nervöser Unruhe umherirrte, als suche sie jemand.

»Ist der junge Herr Graf noch auf seinem Zimmer?«

»Befehl, Exzellenz!«

»Hat er seine Toilette noch nicht beendet?«

»Seine Gnaden werden wohl sogleich erscheinen.«

Nalwine atmete auf und hob die Lorgnette, um noch einen Blick über das spiegelnde Parkett zu werfen.

»Da sind etliche grüne Blätter zerstreut! Heben Sie sie auf, ehe man darauf tritt!« – und dann wandte sie sich um und schritt ihrem Gemahl entgegen.

Auch der Präsident sah unruhig und noch abgespannter als sonst aus.

»Ist Götz noch nicht zur Stelle?«

»Er kommt sogleich.«

»Ah – so scheint er sich wahrlich zu fügen!«

»Hoffen wir es!«

»Die ersten Gäste fahren bereits vor, – Götz muß sie an unserer Seite empfangen!«

Schon schlugen die breiten Flügeltüren auseinander und der Erwartete trat mit formellem Gruß über die Schwelle, fast gleichzeitig mit ihm erschienen die ersten der geladenen Herrschaften.

Graf Götz hatte es stets geliebt, in den Salons der Mutter die Rolle eines Pagoden zu spielen.

Auch heute stand er so steif und kühl an der Seite der Eltern und verneigte sich so schablonenhaft, als ginge ihn dies ganze Getriebe auch nicht das mindeste an.

Er antwortete kurz und höflich auf die an ihn gerichteten Fragen, ohne das mindeste Bestreben, eine Unterhaltung anzubahnen, sein Blick hing voll brennender Spannung an der Tür, durch welche in wenig Augenblicken die ihm bestimmte Braut, Flavia von Husby, eintreten mußte.

Und schon nach kurzen Minuten tauchte die zierliche Gestalt der Gräfin Heinau, mit dem koketten Lockenköpfchen und dem stark gepuderten, etwas chiffonierten Gesichtchen, zwischen den Portieren auf, lebhaft der Gastgeberin entgegeneilend, und hinter ihr – Götz biegt sich unwillkürlich vor, als traue er seinen Augen nicht – eine eckige, überschlanke Mädchengestalt im weißen Unschuldsgewande, glührote Flecke der Verlegenheit auf den Wangen, mit züchtig gesenkten Augen und schlicht gescheiteltem Haar, wie sie die Nonnen auf alten Kirchenbildern tragen, und Bewegungen, – ja so, wie sie der Unschuld vom Lande ankleben, wie der gelbe Blütenstaub den Weidenkätzchen!

Götz hat das Gefühls als müsse er schallend, unbändig, voll grimmer Lustigkeit auflachen über die Farce, die sich die Frau Stiefmama mit ihm erlaubt hat!

Ist es denkbar, menschenmöglich, daß man ihm, dem verwöhntesten aller Feinschmecker, was Frauenreiz und Schönheit anbetraf, dieses Gänseblümchen zur Herzenskönigin erwählte?

Nein! Bei Gott, das war eine Infamie! Ein wohldurchdachter Racheplan der beleidigten Frau Präsidentin!

Ein Gefühl namenloser Gereiztheit, aufkochenden Zorns überkommt den jungen Grafen, er beißt die Zähne zusammen und wendet sich schier gewaltsam der Gräfin Heinau zu, welche ihm mit einem Schwall schmeichelhaftester Phrasen die kleine Hand zum Kuß reicht.

Götz antwortet etwas Unverständliches, wirft das Haupt in den Nacken und folgt dem Ruf seines Vaters, welcher ihn Fräulein von Husby vorstellen möchte.

»Gestatten Sie, Baroneß! Mein Sohn Götz – zur Zeit Urlauber im Elternhause und sehr dankbar erfreut, Ihnen nachher den Arm bieten zu dürfen!«

Der alte Herr hat in seiner liebenswürdig-chevaleresken Weise gesprochen, und Flavias zartes Gesichtchen färbt sich noch röter, – mit einem unendlich feierlichen Knicks taucht sie unter, ohne es nur zu wagen, die langen Wimpern aufzuschlagen.

Sie sieht nicht, ob Graf Götz wirklich so »dankbar erfreut« aussieht, sie hört nur, wie seine Sporen zusammenklirren, wie der junge Graf sich ebenso stumm, wie er zu ihr herantrat, sich nun wieder zurückzieht.

Nein, sein ironischer Blick, mit dem er über sie hinwegsieht, als wäre das schlanke, schüchterne junge Wesen vor ihm Luft, – den sieht sie nicht, und sie atmet erlöst auf, als neu eintretende Gäste die Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen.

Zwei andere junge Damen treten zu ihr heran und begrüßen sie; Flavia drückt schier krampfhaft die dargebotenen Händchen, und als sie die Komtessen dabei ansieht, leuchten ihre herrlichen Augen in beinahe überirdischem Glanz.

»Sie kannten den jungen Grafen noch nicht, Flavia?« flüstert die blasse Margot zu ihr auf, und entfaltet ein wenig aufgeregt den Fächer. »Nun, dann treffen Sie es heute besonders gut! Ich finde, er sieht schöner aus als je, die düstere Glut seiner Augen hat etwas Faszinierendes, etwas unvergleichlich Interessantes!«

»Ja, er ist schön wie ein Gott!« haucht die schwärmerische Schwester Margots mit langem Blick auf den Genannten. »Und welche Überraschung, ihn hier zu sehen! Er kam ja so sehr selten auf Urlaub, nur bei besonderen Anlässen! Wir kannten ihn schon als Schüler, fanden ihn damals schon so originell und bildhübsch, – aber in der Uniform sieht er noch hübscher aus, wundervoll, – zum Verlieben!«

Flavia lauscht mit stockendem Herzschlag.

Ganz schüchtern fliegt auch ihr Blick zu der strahlenden Erscheinung des jungen Offiziers hinüber, und sie hat das Gefühl, als ob plötzlich der Himmel über ihr aufgetan sei, als ob das Übermaß seiner Helle sie blende.

Ja, er ist schön, – schön wie kein anderer auf der Welt! jauchzt es in ihrem Herzen auf, aber sie kann das doch unmöglich so ungeniert eingestehen wie die beiden Komtessen, und so sagt sie in ihrer Verwirrung nur leise, um doch eine Antwort zu geben: »So, er kommt so selten nach Hause? Warum das?«

Margot neigte sich vertraulich näher und zog die junge Dame noch etwas weiter in den Salon zurück.

»Man sagt, er stehe sich nicht sonderlich mit der Stiefmutter! Du lieber Gott, der arme Mensch kann einen dauern, denn wenn man Exzellenz ansieht, kann man sich schon denken, was für eine strenge Mama sie ist! Die erste Mutter hat sich zu wenig um ihre Kinder bekümmert, die zweite zu viel, – aber richtige Liebe und Zärtlichkeit hat keine von ihnen gehabt, und gerade die brauchen doch Kinder am meisten! Noch dazu ein so eigenartiger Charakter wie Graf Götz! Mich kann es immer ärgern, wenn die Leute sagen, er sei so leichtsinnig und mache den Eltern viel Sorge. Ja, du liebe Zeit! – Einmal will doch jeder Mensch sein Leben genießen, und weil es ihm früher vergällt wurde, tut er es jetzt!«

»Aber Margot,« unterbrach die Schwester vorwurfsvoll, »du redest nur nach, was du von seiner ehemaligen Gouvernante hörtest, die ja ihrem Liebling Götz immer beigestanden hat! Sein Leben ist ihm gar nicht vergällt, das hat er sich immer eingebildet ...«

»So? – Niemand hat ihn liebgehabt, niemand! Nur die Anna-Kathrin, – und darum hängt er auch so sehr an der Schwester! Glaub' mir, wenn jemand den armen einsamen Menschen so recht, recht innig liebhätte, – er würde ein ganz anderer werden!«

Flavia preßte die Hand gegen das stürmende Herz.

»Ja, wenn ihn eine so recht, recht innig und opfermutig liebhätte!«

Ihr Blick hängt abermals wie gebannt an seinem schönen, düsteren Antlitz, in dessen lodernden Augen sich eine ganze Welt voll unverstandener Gefühle spiegelt.

Sie, Flavia, würde ihn verstehen!

Ist sie nicht selber so arm an Glück und Liebe gewesen, so arm »wie der Stein an der Straßen«? Ach ja, sie weiß es, wie es tut, wenn sich nur strenge Erzieher, aber keine zärtliche Mutter ihres Kindes annehmen.

Dann bleibt etwas leer und öde im Herzen, wie ein Gärtlein, dem wohl gute Pflege ward, dem aber die Sonne voll Licht und Wärme gefehlt! Und solch eine Sonne ersetzt nichts, nichts.

Nach ihr sehnt sich ein Mädchenherz still und bang, demütig ergeben unter heimlichen Tränen, ein Knabenherz aber schreit auf in unverstandenem Leid, begehrt trotzig und verbittert jenes fremde – ungekannte, lichte Glück, von welchem es nicht weiß, wie es heißt und wo es zu suchen ist.

Flavia zuckte zusammen und senkte erschrocken die Augen.

Vor ihr stand Graf Götz, verneigte sich kurz und bot ihr den Arm.

»Darf ich bitten!« sagte er mit schroffer, beinahe heiserer Stimme, und das junge Mädchen erglühte bis auf die weiße, edle Stirn empor und legte die zitternde kleine Hand auf seinen Arm.

Wie rote Nebel wallte es vor ihren Augen. Wie im Traume schritt sie an seiner Seite, und ihr Herz hämmerte in der Brust und nahm ihr beinahe den Atem.

Sie konnte nicht sprechen – um keinen Preis!

Sie wäre gestorben vor Verlegenheit.

Auch Graf Götz schweigt.

Er sitzt an ihrer Seite, zerpflückt mit grausamen Fingern die duftenden Orangeblüten und stürzt den feurigen Wein hinab. Mit keinem Blick beachtet er seine Nachbarin, und als eine ihm gegenübersitzende Dame ihn anredet und ihn mit in das Gespräch ziehen will, antwortet er so abweisend und einsilbig, daß es beinahe unhöflich ist.

Ihre Exzellenz beugt den Kopf vor und beobachtet den Stiefsohn, und wenn Götz dies bemerkt, zuckt es wie scharfe Ironie um seine Lippen und er markiert es noch deutlicher, daß seine Nachbarin überhaupt nicht für ihn existiert.

»Befehlen gnädiges Fräulein?« ist die einzige monotone Frage, welche er, die mit Wappen bemalte Weinkanne in der Hand, an Flavia richtet. Und selbst in diesem Augenblick, als ihr »Danke sehr!« wie ein Hauch nur, leise und schüchtern sein Ohr trifft, hat er keinen Blick für sie. Anfänglich hatte das junge Mädchen sein beharrliches Schweigen kaum beachtet, mit der Zeit aber fiel es ihr auf, und die heiße Glut ihrer Wangen erlosch allmählich, um einer tiefen Blässe Platz zu machen.

Allmählich kommt ihr das volle Bewußtsein der wunderlichen Situation, in der sie sich befindet.

Wie eine feilgebotene Ware sitzt sie neben ihm, den die Eltern zur Brautschau hierher kommandiert haben.

Er aber rührt keinen Finger, um diese Ware zu erhandeln, er markiert es ihr durch sein finsteres Schweigen, daß sie ihm nicht gefällt, daß er durchaus nicht der Mann ist, welcher sein Herz um eines Majorats willen verschachert. Was mag ihm diese Stunde an ihrer Seite kosten! Wohl noch tausendmal mehr Qualen, als ihr. Vielleicht hat er längst gewählt, sein Herz hängt voll treuer, zärtlicher Liebe an einer anderen, welche seine Eltern nicht als Tochter empfangen wollen.

Solch eine Mißachtung demütigt die Liebe und tut ihr weh, – und nun gar das bittere Gebot der Eltern, eine Fremde, Ungeliebte als Braut und Weib heimzuführen!

Wie mag er sie, die unschuldige Ursache, um solcher Grausamkeit willen hassen!

Ein Gefühl tiefsten Mitleids überkommt Flavia. Daß er sie verschmäht, sie so beleidigend von sich weist, kränkt sie nicht, im Gegenteil, ein Gefühl warmherziger Bewunderung überkommt sie.

Dieser eiserne Wille, dieser stolze Trotz passen zu dem schönen, düsteren Antlitz mit den leidenschaftlich lodernden Augen.

Götz Abensberg gehört nicht zu jenen erbärmlichen, rückgratlosen Schwächlingen, welche vor dem Mammon im Staube liegen und ihm ohne Skrupel Herz und Liebe zum Opfer bringen.

Und sollte das unerbittliche Muß dennoch über seine Treue siegen, so ist es wenigstens nach schwerem Kampf!

Flavias Herz erzittert bei diesem Gedanken, es würde ihr furchtbar sein, wenn die finsteren Äugen sie plötzlich in konventioneller Lüge anlächeln, wenn sein Mund ihr schöne Worte sagen würde!

Nur das nicht! Es würde ein Ideal zerstören. Durch nichts kann ihr der Mann an ihrer Seite mehr gefallen und imponieren, als durch dies beleidigende, kalte Schweigen!

Wenn es möglich wäre, daß es in dieser nüchternen, egoistischen, berechnenden und kaltherzigen Welt noch einen Mann gäbe, welcher Reichtum und klingenden Namen, sein ganzes, wohliges Genußleben dahingäbe, um der Liebe willen! – O, wie würde Flavia voll stillen Entzückens die Hände falten und zu solch einem Manne aufschauen, wie zu einem Wunder!

Ihre Augen strahlen bei diesem Gedanken, ihr Herz pocht zum Zerspringen – und je länger er schweigt und je beleidigender sein Verhalten zu ihr wird, desto glückseliger jauchzt es in ihrem Innern, desto heißer, zärtlicher empfindet sie für diesen Stolzen, Trotzigen, welcher ein Bild verkörpert, wie sie es in schwärmerischstem Traum geschaut! Flavia langweilt sich nicht. Ihre Gedanken arbeiten, ihre Phantasie webt einen rührenden, tiefergreifenden Roman um den Mann an ihrer Seite.

Daß sie selber eine gar traurige Rolle in demselben spielt, eine Rolle, welche jedes andere Weib bis ins Herz hinein kränken und empören würde, das kommt ihr gar nicht in den Sinn.

Wie sollte die bescheidene, demütige und anspruchslose Flavia sich wohl einbilden, in einem Mann wie Götz Abensberg zärtliche Gefühle zu erwecken!

Nur die Herrlichste von allen
Soll beglücken deine Wahl,
Und ich will die Hohe segnen,
Segnen viele tausendmal!

Wunderlich, der Mann, vor welchem sie vor wenig Tagen noch geschaudert, wie vor einem Verworfenen, welchen sie als verlorenen Sohn tief, tief im Sumpf versunken sah, dessen Bild ihr dann plötzlich unerklärliche Sympathien erweckt, daß sie bereit war, ihr eigenes Selbst als Märtyrerin für ihn zu opfern, – der steht plötzlich vor ihr wie ein Märchenheld, wie einer jener seltenen Kämpen, welche für ihre Liebe in Elend, Verbannung und Tod gehen! – Wie aus einem Traum erwacht sie, als die Stühle gerückt, die Tafel aufgehoben wird. Götz hat ein paarmal ungeniert nach der Uhr gesehen. – jetzt bietet er seiner Nachbarin mit hastiger Verbeugung den Arm und führt sie, ebenso stumm wie er gekommen, nach den Salons zurück.

Flavia schreitet an seiner Seite.

Sie scheint plötzlich zu wachsen. Ihre schlanke Gestalt richtet sich hoch auf, als seien ihr Flügel gewachsen, das erst so scheu gesenkte Köpfchen hebt sich hoch und stolz in den Nacken, wie das einer Königin.

Ihr Arm ruht auf dem seinen – zum letztenmal.

Wie nahe schlägt ihr Herz in diesem Augenblick an dem seinen – und nach wenig Minuten schon werden sie für ewige Zeiten geschieden sein.

Gleichviel, ob er auch geht, ein wundersamer Segen wird von dieser Stunde zurückbleiben, gleich einem Gewitterschauer, währenddessen sich eine königliche Rose aus der Knospe rang. Götz verneigt sich tief und tritt zurück – nach wenigen Augenblicken ist er hinter der Tür verschwunden, ohne daß sein Blick nur ein einziges Mal das Auge derjenigen getroffen, die seine Gattin werden sollte, ohne daß er den Klang der Stimme gehört, welche ihm sein Urteil sprechen sollte.

Mit fiebernden Pulsen stürmt er auf den Korridor hinaus.

»Ist der Wagen angespannt, Heinrich?«

»Zu Befehl, Herr Graf!«

»Mein Koffer aufgeladen?«

»Geschieht soeben, Herr Graf; es ist aber noch gut zehn Minuten Zeit!«

Götz stürmt an ihm vorüber, in das Zimmer seiner Schwester.

Anna-Kathrin blickt erstaunt von ihrer französischen Arbeit auf. »Wie – du schon hier? Ist das Diner schon zu Ende?«

Statt aller Antwort umfängt er sie und drückt sie voll zärtlicher Leidenschaft an die Brust. »Leb' wohl, Anna-Kathrin, leb' wohl! Ich gehe nicht, weil ich will, sondern weil ich muß, wenn ich mich nicht selbst verachten will! – Bleib mir gut, Schwesterchen ... behalte mich lieb ... bete für mich ... damit es doch noch eine Seele auf der Welt gibt, welche in Treuen meiner gedenkt!«

Die Kleine blickt ihn ganz erschrocken an, will eine besorgte Frage tun, aber Götz verschließt ihr die rosigen Lippen mit ungestümem Kuß. Noch darf er es – noch entweiht er diese reine Mädchenblüte nicht durch seine Berührung! Aber morgen, morgen schon wird er der Verfemte, Ausgestoßene sein, von dem man Komtesse Anna-Kathrin zurückreißen wird, wie vor einem tollen Hund.

»Leb' wohl, Anna-Kathrin, leb' wohl!« – Noch einen langen, tiefen Blick in ihre klaren Unschuldsaugen, dann schlägt die Tür hinter dem jungen Offizier zu und sein stürmender Schritt verklingt auf der Treppe, als brenne der Boden unter seinen Füßen.

Götz springt in den Wagen – wie die wilde Jagd geht es nach dem Bahnhof.

»Geben Sie diesen Brief sogleich nach Ihrer Rückkehr an Seine Exzellenz ab!«

»Zu Befehl, Herr Graf!«

Der Zug pfeift und rollt mit glühenden Augen in die Nacht hinein, wie ein Ungeheuer, welches edlen Raub von dannen führt.

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