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Der verlorene Sohn

Nataly von Eschstruth: Der verlorene Sohn - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorNataly von Eschstruth
titleDer verlorene Sohn
publisherPaul List Verlag
addressLeipzig
year1920
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
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XV.

Die Winterstürme schienen endlich dem Wonnemond zu weichen.

Warme Sonnenstrahlen leuchteten von dem blaßblauen Himmel, die Erde duftete nach frischem Moos, und an den schlanken Zweigen des Haselnußstrauchs schaukelten sich die gelben Kätzchen.

Götz von Abensberg hatte das Fenster geöffnet und starrte gedankenvoll hinaus in den jungen, leuchtenden Morgen, über die knospenden Gesträuche hinweg bis fern zu den blau verschwimmenden Bergen, jenen geheimnisvollen, hochragenden, auf welchen nach des Dichters Meinung noch die Freiheit wohnt!

Niemals glüht die Sehnsucht in jungen Menschenherzen heißer als wie zur jungen Frühlingszeit, jenes unerklärlich schwermütig-bange und doch so ungestüm werbende und verlangende Sehnen nach dem Glück!

Auch Götz breitete in rastlosem Suchen und Wünschen die Arme danach aus.

Mehr denn je quälte ihn eine Unruhe, ein fieberhaftes Unbehagen, welches er kaum selber noch zu deuten wußte.

So, wie das Leben sich ihm jetzt zeigte, gefiel es ihm nicht.

Es sollte anders sein, ganz anders. Wie?

Ja, wer das sagen könnte!

Hinaus! – Nur hinaus!

Mit rastlosen Füßen die Welt durchmessen, alles abschütteln, was fassen und halten will!

Die Leute sagen, er tobe sich aus in der Residenz.

Lächerlich!

Er hat es anfangs selber geglaubt, daß in diesem Strudel nervenmordender Lust die Freiheit wohne.

Er täuschte sich, er blieb ebenso unbefriedigt wie zuvor. Das sah er nur allzubald ein.

Jene wild durchlebten Nächte, – jene schwüle Luft – der heiße Wein und die Kartenblätter knebelten ihm die Sinne, sie gaukelten ihm für ein paar Stunden eine Fata Morgana vor, welche in grauem Elend versank, wenn der Morgen dämmerte und die unerbittliche Uhr ihn mit ehernem Schlag in das Joch des Dienstes zurückrief. Nicht, daß er die Arbeit an und für sich scheute! – Im Gegenteil! Er reckte die Arme in der Vollkraft blühender Jugend und sehnte sich nach einer Tätigkeit, in welcher er diese Kraft ausnutzen, sich vorwärts bringen könne, aus eigner Macht!

Es soll schneller gehen!

Er will Erfolge sehen, er will voll Ungeduld die Schranken niederreißen, welche sich in den Weg stellen.

Der Schneckenweg der Rangliste – die öde, geisttötende Arbeit auf dem Exerzierplatz macht ihn rasend!

Er paßt nicht dazu, Tag für Tag in einer Tretmühle zu gehen und geduldig zu warten, bis die Zeit an ihn kommt, ein Schrittlein vorzurücken!

Götz beißt in aufquellender Heftigkeit die Zähne zusammen.

Ach, daß er hinausstürmen könnte in diesen goldenen, lockenden Morgen hinein, fort, weit fort – Wohin? – Gleichviel! Nur hinweg aus den engen, erdrückenden Mauern seines Elternhauses!

Was soll er hier?

Als er heute nacht eintraf, galt seine erste Frage der Schwester.

Der Diener sah ihn überraschend an.

»Komtesse Anna-Kathrin befindet sich wieder sehr wohl. Das gnädige Fräulein hatte sich jüngst, wohl anläßlich des Konfirmandenunterrichts, ein wenig erkältet, sie ging bei Regenwetter und Sturm zu Fuß, und der Herr Pastor wohnt etwas weit. – Aber das ging schnell vorüber, und jetzt ist Komtesse wieder völlig wohl.«

Götz schwieg überrascht.

Dann fragte er nach kleiner Pause: »Und die anderen Herrschaften sind alle wohl?«

»Vollkommen wohl, Herr Leutnant! Für morgen Mittag haben Exzellenz ein Diner angesetzt.«

»So; na, dann schnell nach Hause, ich bin müde.« Trotzdem hatte er kaum geschlafen.

Er bewohnte sein altes Zimmer, den Raum, welchen er jahrelang so bitter gehaßt und seine »Isolierzelle«, sein »Gefängnis« genannt hatte.

Anna-Kathrin war nicht krank? Vater und Mutter auch nicht?

Was sollte er dann hier?

Wollte der Vater ihm persönlich das verlangte Geld geben? Nach dem letzten so ungehaltenen Brief sicher nicht.

Wollte er ihm eine Moralpredigt halten?

Das hätte auch schriftlich geschehen können.

Was wollte man also von ihm?

Lou hatte in jäh aufwallender Eifersucht von einer »andern« gesprochen, welche er heiraten solle!

Solch ein Gedanke ist zu absurd, um ernst genommen zu werden, – und doch – die Liebe ahnt oft das Verborgenste, sie ist eine Hellseherin, welche drohende Gefahr voraussagt.

Sollte Lou recht haben?

Götz möchte schallend auflachen, aber er hat das Gefühl, als sei ihm die Kehle zugeschnürt. Das wäre allerdings eine nette kleine Überraschung!

Warum aber sollte seine kluge Frau Stiefmutter nicht die überschlaue Eingebung gehabt haben, den leichtsinnigen Sohn an die Longe zu nehmen? Wähnte sie, er sei unschädlich gemacht, wenn er einen Ring auf den Finger gezwängt bekommt?

Wohl möglich! Wenn die Auserwählte vielleicht von ihrem Fleisch und Blut, von ihrem Wesen und Charakter ist, dann würde dem Tunichtgut-Büblein freilich ein Schulmeister auf den Nacken gesetzt sein, gegen welchen alles Schütteln und Bäumen nichts hilft!

Die Augen des jungen Mannes glühen in leidenschaftlichster Erbitterung, er setzt sich auf den Stuhl am Fenster nieder und stützt das Haupt in die Hand.

Die Gedanken tosen hinter seiner Stirn, dann wird er plötzlich ruhig, ganz ruhig, eine eiserne Entschlossenheit ruht auf seinem schönen Antlitz.

Gut, mag es so sein. Es wird die ersehnte Entscheidung bringen. Besser heute als morgen. Verlangen die Eltern im Ernst von ihm, daß er heiratet, so ist das Tischtuch zwischen ihm und ihnen zerschnitten. Er weiß, was das besagen will, was er im Stich läßt und aufgibt; er weiß, was es heißt, enterbt und verstoßen zu werden, und daß die Frau Stiefmama nichts Geringeres als Schreckgespenste plant, davon ist er überzeugt.

Nach den Familiensatzungen kann Quirin in die Rechte des Majoratsherrn eingesetzt werden.

Götz verliert alles – Namen, Geld, Stellung. Gleichviel!

Ein beinahe spöttisches Lächeln zuckt um seine Lippen. So wird er den Ballast los sein – jene unleidliche Bürde, auf der die gleißnerische Devise prangt: Noblesse oblige!

Weg damit!

Je leichter die Bagage, desto freier marschiert es sich. Und die Welt ist so weit, so sonnig, so lockend und groß - und das Glück hat noch keinen flotten Wagehals im Stich gelassen!

Was er beginnen soll?

Das hat er sich schon seit Monaten klar gemacht. Kunstreiter würde er werden.

Nennt man ihn nicht einen der besten und verwegensten Reiter im Regiment?

Es wird ihm ein Leichtes sein, sich einen Ruf zu machen, Geld zu verdienen! Und welch ein Leben dabei!

Die Augen des jungen Grafen leuchten auf wie verklärt, wenn er an das bunte, übermütig tolle Treiben im Zirkus denkt, wo jeder sein eigner Herr, jeder Künstler frei und glückselig wie ein Gott ist!

Wird er dann noch nach all der verlorenen Pracht und Herrlichkeit zurückverlangen?

Wahrlich nicht!

Also mögen die Würfel heute fallen, Götz ist auf alles gefaßt und fest entschlossen, nun und nimmermehr ein neues Sklaventum auf sich zu nehmen, sondern stolz und eigenwillig seine selbstgewählten Wege zu gehen, welche heller und lustiger locken und schneller zu den Höhen des Glückes führen, als es sich die Philister hier im Hause träumen lassen.

Am elf Uhr wolle ihn sein Vater sprechen, hat der Diener gemeldet, als er ihm das Frühstück brachte.

Gut; er ist bereit.

Der Schnellzug geht um Zwölf Uhr mittags; falls er ihn versäumt, kann er noch denjenigen um einhalb sieben Uhr abends benutzen.

So lange muß er es hier im Hause noch aushalten.

Je nun; man erwartet ja Dinergäste, da werden ihm die letzten Stunden noch bei Sekt und Austern schnell vergehen.

Der Klang der Gläser wird das Geläut der Glocken sein, welche dem verlorenen Sohn das Geleit aus seinem Vaterhause geben.

Wunderliche Glocken! In ihrem Klang wird das Weh ersticken, welches Götz um den alten Vater, um die Geschwister empfindet.

Dieser Gedanke zuckt scharf wie ein Messer durch das Herz des jungen Mannes, und sein Groll gegen die Frau, welche an all diesem Elend die Schuld trägt, gegen die Stiefmutter, welche ihm den Vater entfremdete und allein jenen teuflischen Heiratsplan ersann – verschärft sich bis zum Haß.

Sie, sie allein trägt schuld an allem! Sie hat ehemals den Vater aufgestachelt, ihn zu halten wie einen Gefangenen, – sie hat auch jetzt gehetzt und das »Mittel« angegeben, wie der Widerspenstige gezähmt werden soll.

Hört der Vater mehr auf sie als auf den eigenen Sohn – je nun, so kann er sich nicht wundern, wenn der Sohn ihm fremd wird.

Götz hebt das Haupt und blickt in den Garten hinab.

Drunten auf dem Kiesweg erscheint eine zierliche Mädchengestalt im hellen Sonnengold.

Anna-Kathrin!

Wie groß ist sie geworden, wie hübsch scheint sie zu sein!

Die Konfirmandin, die heranblühende Jungfrau!

Das Backfischkleid von dunklem Tuch weht um die kräftigen Juchtenstiefelchen, ein dicker, goldblonder Zopf hängt über den Schulterpelzkragen, welchen sie des kühlen Windes wegen noch umgenommen.

Frisch, rund und rosig ist das liebe Kindergesicht mit den großen Blauaugen und der kleinen Nase, mit dem Kirschenmündchen und dem Grübchen im Kinn.

Wie das blühende Leben sieht sie aus, eher rundlich als schlank, eine rosige Marzipanpuppe, – zum anbeißen.

Und wieder krampft sich das Herz des jungen Offiziers zusammen in jähem, namenlosem Weh.

Auch Anna-Kathrin wird ihm für ewige Zeit mit dem Vaterhaus verloren sein!

Seine kleine, süße Anna-Kathrin, welche so oft die Ärmchen um seinen Hals geschlungen und mit weichem Stimmchen gebeten hat: »Mach' kein so böses Gesicht, Götz! Sei gut, lach' doch einmal und hab' mich lieb!« – Ja, dann war er inmitten des herbsten Grolls plötzlich gut gewesen und hatte vergessen und gelacht!

Das junge Mädchen unten bleibt stehen und blickt sehnsüchtig nach seinen Fenstern empor.

»Götz, lieber Götz! Bist du schon wach?«

Eine heiße, leidenschaftliche Sehnsucht nach der Schwester überkommt ihn.

Er schlägt den Vorhang zurück, er nickt und winkt hinab.

Da jauchzt sie hell auf und ihr Gesichtchen leuchtet wie verklärt.

»Komm' schnell! Es ist himmlisch hier! Und ich warte schon so lange auf dich! – Quirin ist im Gymnasium!« ruft sie.

Er greift nach der Mütze, er folgt ihrem Ruf wie im Traume. Noch darf er zu ihr gehen, noch hat er ein Recht dazu.

Wird sie auch heute die Arme wie Engelsschwingen um ihn schlagen und bitten: »Sei gut!« – Und wird er auch heute noch einmal allen Haß und alle wilden Gedanken vergessen und gut sein – gut und ein gehorsamer Sohn?

Und er geht hinab, küßt sie zärtlich auf den blonden Scheitel, legt den Arm um sie und wandelt mit ihr durch knospende Zweige und Sonnenschein.

Da ist er gut, still und zufrieden. Über ihnen schwingt sich ein Vöglein in den offenen Himmel hinein und zwitschert: »Du blinder Tor! Siehst du noch immer nicht, wie das Glück ausschaut? – Ahnst du noch immer nicht, wo die wahre Freiheit wohnt?«

Hinter den Bergen steigen Wolken auf, die Sonne versteckt sich, und Anna-Kathrin eilt in ihr Zimmer zurück, den Lehrer zu erwarten.

Götz ist wieder allein – Frieden und Glück sind entschwunden, und die dunklen Schatten fallen abermals in sein Herz.

 

In seinem Arbeitszimmer wartet Seine Exzellenz der Regierungspräsident auf den Sohn. Er sieht sehr ernst, sehr bestimmt und energisch aus, so, als ob er im Dienste sei.

Malwine hat seitwärts in einem Sessel Platz genommen.

Ihr Gesicht sieht noch steinerner, noch kälter aus als sonst, ein scharfer Zug liegt um die Lippen, der bittere Ausdruck, der nicht mehr aus ihrem Antlitz gewichen, seit sie im Sterbezimmer Novallas den Glauben an Liebe und Treue verloren.

Sie maß seit jener Stunde die Menschen mit demselben Maß, wie man ehemals sie gemessen, ohne Liebe, ohne Weichheit, nur streng und ernst nach Recht und Pflicht, mit einem Argwohn, welcher nicht mehr in ihr ertötet werden kann. Auch in Götz sieht sie nur den leichtfertigen, gewissenlosen Menschen, welchen nur eiserne Energie vor dem völligen Ruin bewahren kann.

Sie war streng zu ihm, so lange sie ihn unter den Händen gehabt, aber noch lange nicht streng genug.

Jetzt gilt es, das Versäumte nachzuholen.

Sie hat dem Präsidenten die volle Schwere dieser Stunde klar gemacht, und der alte Herr hat den »Vater« mit all seiner Weichherzigleit abgestreift und ist nur noch der Richter, angesichts eines Sünders, der mit eiserner Hand gefaßt und dirigiert werden muß.

Und dieweil Ihre Exzellenz den sonst so schwachen Gatten nach Kräften und bestem Wissen und Willen für seine schwere Mission vorbereitet, schickt sich Götz an, dem Befehl des Vaters nachzukommen und um elf Uhr vor ihm zu erscheinen. Noch zeigt die Uhr nicht die volle Stunde, und er will pünktlich sein, – so wie es der Vater liebt!

Eine wunderliche Stimmung ist über den jungen Mann gekommen, seit er Anna-Kathrins weiche, kleine Hand in der seinen gehalten, als er in die frommen, klaren Kinderaugen geschaut, welche so glückselig und zufrieden in die Welt hineinblicken. Ihm ist's, als habe ein guter Engel seinen Weg gekreuzt.

Ach, daß Anna-Kathrin ein paar Jahre älter wäre!

Dann würde er sich in ihren Arm flüchten und der treuen Schwesterseele alles beichten, was in seinem Innern so sturmgewaltig gärt. Wer weiß, vielleicht fände sie das rechte Wort, den Bann zu lösen, unter dessen unerklärlicher Gewalt der Bruder steht.

Anna-Kathrin ist noch ein Kind, sie würde ihn gar nicht verstehen, sie würde erschrecken vor einer Leidenschaft, welche ihr nicht natürlich, sondern sündhaft dünken würde!

Und doch ist sie keine Sünde, diese Sehnsucht nach goldener, seliger, befriedigender Freiheit!

So lange Götz zurückdenken kann, hat er sich eine Menschenseele gewünscht, welcher er sich einmal voll, ehrlich, rückhaltlos aussprechen könnte!

Ach, solch eine Aussprache muß wohl tun! Sie muß wie eine Erlösung sein!

Er hat es selber nie so recht gewußt, was ihm eigentlich zum Glück fehlt, – vielleicht wissen es andere.

Ein guter Zuspruch, ein freundlich tröstendes Wort, ein klein wenig Mitgefühl – das hat ihm gefehlt, seit Jugend auf.

Als die Stiefmutter damals ins Haus kam, hatte er anfänglich mit pochendem Herzen geglaubt, das habe er nun alles gefunden, und das, was ihm gefehlt, sei nur die Mutter mit ihrer treuen, verständnisinnigen Liebe gewesen, – er hatte sich geirrt.

Und die Weiber, welche er in der Residenz gefunden, die waren erst recht nicht danach, daß er ihnen sein innerstes, wehes Herz, das nach Frieden und Liebe seufzte, hätte auftun mögen.

Auch der Lou möchte er um keinen Preis der Welt einen Blick in seine Seelenkämpfe gestatten. – Sie würde ihn gar nicht begreifen, sie würde ihn einen Narren heißen.

Alle, alle, die er auf seinem kurzen Lebenspfad getroffen, sind ihm fremd gewesen.

Sie gaben ihm gute Lehren, reiches Wissen, harte Worte oder betäubende Sinnenlust, – aber das, was er im tiefsten Herzensgrund ersehnte, gab ihm niemand.

Was wird ihm der Vater heute zu sagen haben? Ach, daß Götz sich in seine Arme werfen, daß er ihm einmal so ganz offen und ehrlich sagen könnte, wie es ihm ums Herz ist!

Der Vater würde vielleicht der einzige sein, welcher ihn recht beurteilt!

Soll Götz seinen Stolz, seine starre Scham überwinden, soll er an das Herz des Vaters klopfen, ob es sich wohl öffne zu gegenseitigem, herzlichem Verstehen!

Ja, er will es! Wie ein unbezwingliches Verlangen danach überkommt es ihn.

Die Uhr an der Wand holt zum Schlage aus, und der junge Graf springt jählings empor und stürmt mit fiebernden Pulsen nach dem Zimmer des Präsidenten, als gälte es, einem neuen, besseren Dasein entgegen zu gehen.

Er läßt sich nicht anmelden, er öffnet und tritt ein.

Und als er aufschaut, sieht er in das eisige, unnahbare Gesicht der Stiefmutter, und als sein brennender Blick weiter schweift, haftet er auf dem Antlitz des Vaters, welcher die Zeitung beiseite legt und ihn ansieht – so fremd, so starr und finster – so kalt, als habe nie, nie ein Herz in seiner Brust für den Sohn geschlagen.

Da fröstelt es den jungen Offizier bis ins Mark hinein.

Er bleibt an der Schwelle stehen, als sei sein Fuß plötzlich festgewurzelt, und was eben noch hell und licht in seinem Innern war, wie aufleuchtende Morgenröte, das wird finsterer als je zuvor.

Warum tut ihm der Vater das an?!

Warum steht in einer Stunde, wo nur der Vater zum Sohn und der Sohn allein zum Vater gehört, jene Fremde an seiner Seite, welche sich seit jeher wie ein trennender Schatten zwischen sie geschoben?

Götz weiß genug.

Die Worte, welche Seine Exzellenz zu ihm sprechen wird, sind die herzlosen, hämischen, philisterhaften Gedanken jener verhaßten Thrannin – und das Gesicht, welches ihm sein Vater zeigt, ist nur das Spiegelbild der stiefmütterlichen Ansicht!

Eine maßlose Bitterkeit wallt in dem Herzen des jungen Mannes auf.

Der freundliche Engel, welcher ihn in dieses Zimmer geleitet, verhüllt weinend sein Angesicht und entflieht.

Götz aber steht hoch aufgerichtet und preßt mit rauher Stimme die Worte hervor: »Du hast mich hierher befohlen, Papa. – Hier bin ich!«

Der Präsident faltet umständlich die Zeitung zusammen, wechselt noch einen schnellen Blick des Einverständnisses mit der Gattin und räuspert sich.

Und dann beginnt er mit seiner leisen, monotonen Stimme eine energische Moralpredigt, welche genau so klingt, als habe sie eine andere Hand zu Papier gebracht und der Präsident sie nur mechanisch auswendig gelemt.

»Ich habe dir eine geradezu fürstliche Zulage bewilligt, mit welcher selbst der anspruchsvollste Mensch auskommen kann. Dennoch hast du bereits zum fünften Male Schulden gemacht! – Wo ist das Geld geblieben?«

»Das möchte ich dir allein sagen, Papa!«

Malwine blickt ruhig auf und bleibt sitzen.

»Zwischen Papa und mir gibt es keine Geheimnisse!« sagt sie achselzuckend; und Seine Exzellenz nickt hastig zustimmend.

»Aber zwischen dir und mir gibt es welche!« entgegnete Götz mit aufsprühendem Blick.

»Dann können es höchstens Schlechtigkeiten sein, welche du vor einer anständigen Frau verbergen mußt!«

Götz beißt die Zähne zusammen. »Wohl möglich!« lacht er frivol. »Ich bin kein Schulbube mehr, der Rechenschaft abzulegen hat; und ich verweigere jedwede Auskunft! Will Papa meine Schulden bezahlen, – gut, – will er es nicht, auch gut!«

»Derselbe freche Trotz wie ehemals bei dem Schulbuben!« antwortet Malwine sehr ruhig. »Es scheint, du bist in den letzten Jahren nicht viel klüger geworden. Rechenschaft hat jeder anständige Mensch zu legen, der Geld verzehrt, welches er noch nicht selber verdiente! – Wo du die Unsummen vergeudet hast, kann uns schließlich sehr gleichgültig sein, denn die Tatsache, daß du dich vor einer anständigen Frau scheust, ein Geständnis abzulegen, sagt genug. Außerdem hat Vater dich auch durchaus nicht hierher gerufen, um dein Schuldbuch aufzuschlagen, sondern lediglich in der Hoffnung, es für immer versiegeln zu können. Deine Vergangenheit ist so skandalös, daß man gern darüber schweigt; deine Zukunft in jeder Beziehung anders zu gestalten, ist jedoch unsere Pflicht und Absicht, und darum stehst du heute vor deinem Vater!«

»Mir deucht, ich stehe mehr vor dir als vor ihm!« spottete Götz mit flackerndem Blick, und der Präsident steht zornig auf und verbittet sich mit geschwollener Stirnader diese maßlose Unverschämtheit gegen die Gräfin.

Der junge Abensberg preßt die Lippen zusammen und verneigt sich schweigend, der Präsident aber tritt dicht vor ihn hin und läßt sich von einer Heftigkeit fortreißen, die man sonst nicht an ihm kennt.

Er erklärt dem Sohn kurz und bündig, daß er nur unter einer Bedingung willens sei, zum letztenmal die Schulden zu bezahlen, wenn Götz sich verpflichte, endgültig das liederliche Leben in der Residenz aufzugeben und ein solider, anständiger Mensch zu werden. Auf Worte und Versprechungen lasse er sich nicht ein, sondern verlange ernsthafte Garantien für die tatsächliche Sinnesänderung des Sohnes.

»Und welches sind diese Garantien, wenn man fragen darf?«

»Folgende: Ich beantrage deine Versetzung in das Husarenregiment nach X., damit ich dich in nächster Nähe unter Augen habe, und all deine sauberen Beziehungen in der Residenz ein für allemal abgebrochen sind. Am dich davor zu bewahren, daß du wieder leichtsinnigen Dirnen in die Netze fällst, wirst du heiraten, und zwar das liebe, vortreffliche Mädchen, welches Mama und ich als einzig passende Partie für dich ausgesucht haben.«

Das Antlitz des jungen Grafen scheint regungslos, nur zwei brennend rote Flecken treten auf seine Wangen.

Er verneigt sich sehr tief und förmlich.

»Und wer ist die junge Dame?«

Der Präsident blickt ein wenig überrascht auf seine Frau.

Er war auf einen Ausbruch grenzenloser Heftigkeit und Jähzorns gefaßt gewesen; diese Ruhe, mit welcher Götz seine Forderungen aufnimmt, verwirrt ihn beinahe.

Sollte sein energisches Auftreten wahrlich auf den Sohn wirken? Hat Malwine recht, und wird der Leichtfuß tatsächlich zahm, wenn es biegen oder brechen heißt?

»Die junge Dame ist Baroneß Flavia von Husby, eine Waise, welche bei ihrem Vormund Heinau auf Dolgen lebt. Sie ist sehr hübsch, klug und wohlerzogen, außerdem in sehr guter Vermögenslage. Ihr Gut Raschfelde grenzt an unsere Besitzungen, würde also eine vortreffliche Acquisition sein. Heute nachmittag erwarten wir Heinaus und Flavia ebenfalls zum Diner. Du wirst deine zukünftige Braut zu Tisch führen und hast Gelegenheit, sie dir anzusehen und dich ihr zu nähern. Nach Abfahrt der Gäste erwarte ich dich abermals hier, um deine Entscheidung zu hören, denn ich wünsche, daß die Angelegenheit so bald wie möglich ins Reine kommt. – Zieh' dich also jetzt auf dein Zimmer zurück und überlege es dir. Entweder, du erfüllst als gehorsamer Sohn in allen diesen Dingen meinen Willen, oder du bist enterbt, du bist hinfort nicht mehr mein Sohn. Die Familiensatzungen kennst du. Mir steht jederzeit das Recht zu, das Majorat in Minorat umzuändern, falls der erstgeborene Sohn keine Garantien bietet, das Majorat würdig zu verwalten. Und ich werde es tun, wenn du dein Leben nicht völlig änderst und unsere Wünsche betreffs der Heirat erfüllst, denn meine Geduld ist zu Ende. Die mir zuletzt angemeldeten Schulden werde ich noch einmal bezahlen, – es ist das letzte Mal, daß ich deinem Leichtsinn zu Hilfe komme. Merke es dir – ich spreche in vollem, bitterem Ernst zu dir!«

Der Präsident sprach mit lauter Stimme und erhob drohend und warnend die Hand; sein Blick traf den Sohn streng und ernst wie nie zuvor im Leben.

Dann wandte er das Haupt mit finsterem Blick zur Seite und fuhr ruhiger fort: »Ich lasse dir Zeit,

mit dir selber ins klare zu kommen, dir Flavia von Husby anzusehen und deine Entscheidung alsdann zu treffen, die Stunden bis zu dem Diner gehören dir, du wirst ungestört bleiben.«

Eine kurze Geste, welche ihn verabschiedete.

Hoch aufgerichtet, das schöne, blasse Antlitz regungslos wie aus Stein gehauen, stand Götz und hörte den Vater an, sein Blick traf zum öfteren das Gesicht der Stiefmutter, wenn Seine Exzellenz von »unsern« Wünschen und Befehlen sprach, – dann zuckte es wie grimme, bittere Ironie um seine Lippen, aber er schwieg.

Er schwieg auch jetzt, als der Vater ihn verabschiedete.

Er klappte die Sporen zusammen, verneigte sich steif und förmlich und verschwand hinter der Tür.

Ein wenig betroffen blickte ihm Graf Abensberg nach.

»Ich glaubte, er werde zum mindesten recht überrascht sein, – werde in wilder Heftigkeit gegen unser Heiratsprojekt opponieren!« sagte er, zu Malwine gewandt; »dahingegen nahm er die Nachricht auf wie etwas längst Erwartetes. Wie deutest du dir diese unnatürliche Ruhe?«

Die Gräfin legte gelassen ihre Stickarbeit zusammen.

»Ich hoffe, er hat bereits selbst über die Haltlosigkeit der jetzigen Zustände nachgedacht und möglicherweise schon selbst die Notwendigkeit einer Heirat erwogen. Jedenfalls haben deine Worte den nötigen Eindruck gemacht. Er ist alt genug, um zu wissen, was es bedeutet, ein Majorat aufzugeben. Ein derart verwöhnter Genußmensch scheidet nicht leicht von Üppigkeit und Wohlleben. Ich denke, die bittere Arznei, welche du ihm verschrieben, wird und muß ihre Wirkung tun!«

Der Präsident atmete hoch auf und küßte voll inniger Dankbarkeit die Hand seiner klugen Frau, denn daß sie klug war, wußte er, – ob sie aber auch Menschenkenntnis besaß, darüber hatte er noch nie nachgedacht.

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