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Der verlorene Sohn

Nataly von Eschstruth: Der verlorene Sohn - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorNataly von Eschstruth
titleDer verlorene Sohn
publisherPaul List Verlag
addressLeipzig
year1920
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
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XI.

In sehr verdrießlicher Stimmung war Götz nach Hause gegangen.

Er hatte eigentlich beabsichtigt, in fideler Gesellschaft zu soupieren, aber die Winterarbeit mußte beendet werden; er wollte sie sobald wie möglich erledigen, denn der Gedanke an die ihm so sehr verhaßte Schreiberei verdarb ihm alle Fröhlichkeit.

Außerdem fühlte er sich müde; er hatte die letzten Nächte durchschwärmt und mußte doch zu sehr früher Stunde aufstehen, seinen Dienst zu versehen.

Es war ein elendes, geknechtetes Dasein, welches er heute doppelt empfand, weil er – gleich Moses auf hohem Berg gestanden und einen Blick in das gelobte Land getan hatte.

Zirkusleben!

Wie eine lockende, verführerische Fata Morgana schwebt es ihm vor.

Welch ein ideales Dasein führt solch ein Artist!

Seine Tage sind eine ununterbrochene Kette von Amüsement und Genuß!

Er kann tun und lassen, was er will, – er diktiert sich selber seine Gesetze.

Wenn er etwas leistet, so ist es ein Reiz, ein Hasardspiel mehr in seinem Leben.

Er ist in wahrem Sinn » self made man«.

Er hängt in seiner Karriere nicht von Laune und Willen unsympathischer Vorgesetzter ab, er braucht sich nicht an den gestrengen Herrn Papa zu wenden, wenn er Geld braucht. Er verdient es sich spielend.

Jeden Abend kaum eine halbe Stunde reiten – unter den lustigsten Bedingungen, getragen vom Beifall der Menge, umbraust von Jubel, Gelächter, Glückseligkeit – ist das überhaupt Arbeit?

Eine Hohe Schule reiten würde Götz bald ebenso tadellos wie Sontini selbst, und die Dressur der Pferds... Bah! – Das ist doch mehr oder minder eine Spielerei, ein angenehmer und interessanter Zeitvertreib, gar nicht in einem Atem mit Rekruten drillen und Remonten zureiten zu vergleichen.

Götz seufzt mit umwölkter Stirn auf.

Er vermag kaum die Gedanken von den gleißenden Bildern loszureißen und an seine Arbeit zu gehen.

Immer noch klingt die flotte Zirkusmusik in seinen Ohren.

Er sieht Mademoiselle Lou in dem schillernden Florkleidchen als reizenden Schmetterling auf dem Pferde gaukeln; er empfindet noch den heißen, strahlenden Blick, mit dem sie ihn angesehen – wieder und wieder.

Und so solide, so zurückhaltend ist das süße, kleine Geschöpf?

Das wäre ärgerlich.

»Aber wenn sie sich verliebt!« sagte die alte Frau.

Die Liebe tut Wunder, sie hat schon manches Gretchen willenlos in die Arme des Geliebten geführt.

Warum nahm Lou seiner so auffallend wahr?

Sie kannte ihn nicht; er und sein Name, sein »goldenes« Renommee mußten ihr noch fremd sein, und doch suchte und traf ihr Blick nur ihn allein.

Sollte die Liebe, welche oft wie ein Blitzstrahl zündet, bereits gekommen sein?

Götz hat so viel Glück bei den Weibern, die Herzen fliegen ihm zu und hängen fest an ihm, ob er sie hält oder nicht.

Er hat diese schnellen Eroberungen oft auf die Klugheit und Berechnung der Damen geschoben.

Ein Graf Abensberg, Majoratsherr und reicher Erbe gefällt wohl immer.

Mademoiselle Lou hatte jedoch nur den Fremden, Namenlosen in ihm geschaut, und doch flog ihm ihr Herz auf Sturmesflügeln zu.

Diesmal war es keine Berechnung.

Um so schlimmer.

Was soll er mit der schwärmerisch platonischen Liebe einer Kunstreiterin anfangen?

Das Lustspiel würde ein Drama werden.

Es ist besser, er meidet künftighin die solide Kleine!

Morgen reitet sie sowieso nicht; er hat auch keine Zeit, er muß zu dem Diner bei dem Gesandten, er muß!

Und er muß auch jetzt arbeiten, er darf nicht mehr denken, wie es ihm beliebt, er muß selbst seine Gedanken, die doch sonst so zollfrei sind, in den Dienst stellen!

Mit jäher, leidenschaftlicher Bewegung taucht Götz die Feder ein.

Was liegt ihm an der Bedeutung der Kavallerie im Aufklärungsdienst?

Was fragt er danach, was uns die russische Reiterei im Krimkrieg gelehrt hat?

Nichts, nichts!

Er ist müde und nervös.

Die Feder kratzt über das Papier, der junge Offizier denkt kaum darüber nach, was er schreibt; er hat sich ein bißchen Material aus entsprechenden Werken zusammengetragen, das »schmettert« er gedankenlos nieder. Und dabei gähnt er ununterbrochen und schließlich schleudert er die Feder von sich und geht zu Bett. »Mag der Teufel die ganze Schmiererei holen!«

 

Götz hatte nach öfterem Überlegen den Entschluß gefaßt, Fräulein Lou keine Avancen mehr zu machen, er wollte sehr ruhig und gelassen in seiner Loge sitzenbleiben und »das arme Wurm« weder durch Blicke noch Blumen irritieren. Und so saß er auch wirklich auf seinem Logenplatz und harrte trotz aller guten Vorsätze dennoch voll äußerster Spannung auf das Erscheinen der allerliebsten Reiterin.

Mit jubelndem Applaus wurde die Kleine begrüßt, welche laut Zettel diesmal ein jeu de rose produzierte.

Hatte sie als Schmetterling bezaubernd ausgesehen, so war sie als Rose geradezu berückend.

Die kurzen Röckchen stellten die rosigen Blütenblätter dar und auf dem dunkellockigen Köpfchen saß der große, offene Rosenkelch wie ein phantastischer Hut, unter welchem das Gesichtchen voll lachender Frische hervorkokettierte.

Götz beobachtete, wie ihr Blick beinahe angstvoll suchend umherirrte, wie er dann plötzlich auf ihm haftete und in sichtbarem Entzücken aufstrahlte.

Wieder und wieder blickte sie zu ihm empor, und Götz fühlte, wie es ihm heiß um das Herz ward, wie alle guten Vorsätze dahinschmolzen, wie das Eis vor der Sonne.

Ehe er es selber wußte, wie es geschah, stand er wieder in dem Blumenladen und sandte der »Königin Rose« mit einem duftenden Strauß sein Herz und seinen Gruß.

Und als Mademoiselle Lou das nächste Mal auftrat, stand er wieder vor dem Vorhang am Stallgang und grüßte sie.

Sie lächelte und dankte, aber ihre Verlegenheit und bange Scheu schien größer als sonst.

Kommt sie, die Liebe?

Das folgende Mal wartete er vor dem Garderobenausgang neben Fräulein Lous Droschke. Er wollte sie ansprechen, ihr seine Begleitung anbieten.

Sie nahte eilig, die seidenen Röcke rauschten, ein süßer Fliederduft wehte ihr schon voraus.

Er trat ihr entgegen und faßte an die Mütze.

»Mein Fräulein, gestatten Sie...«

Wie eine angstvolle Taube schaute sie zu ihm auf, dann bot sie ihm schnell die Hand entgegen und umschloß die seine mit bebendem, leidenschaftlichem Druck.

»Die Blumen kommen von Ihnen? O, ich danke Ihnen tausendmal!«

Und dann huschte sie in die Droschke.

»Zufahren!«

Der Schlag flog zu und der Taxameter rollte davon.

Sprachlos starrte Götz ihr nach.

Das war alles so unerwartet und überraschend. Seine Schläfen hämmerten; es war, als habe der süße Blumenduft ihn berauscht. Er fühlte noch ihre kleine, zitternde Hand in der seinen.

Zuerst war es ihm, als müßte er ihr nachstürzen, sie umfangen, – festhalten.

Dann atmete er tief auf und schritt langsam in die schmale, dunkle Seitenstraße hinein.

Sie entfloh vor ihm, sie fürchtete ihr eigenes schwaches Herz.

Götz hat kaum noch einen anderen Gedanken als Mademoiselle Lou, er ist auf dem besten Wege, Feuer zu fangen.

Es ist selbstverständlich, daß der junge Offizier bei dem nächsten Auftreten der bezaubernden Reiterin auf seinem Platz an dem Stallgang steht.

Sie kommt so dicht an ihm vorüber, daß ihr schlanker, nackter Arm ihn streift.

Sie nickt ihm zu und lächelt, ein ganz wundersam wehmütiges, trauriges Lächeln.

Sein Herz schlägt schneller.

Was hat sie? – Warum diesen tränenverschleierten, melancholischen Blick?

Sie reitet – diesmal ist's ein Tanz von Irrlichtern, fabelhaft originell durch zuckende elektrische Lichter nachgeahmt, und die goldblitzende Elfengestalt schimmert und flimmert in graziösem Spiel, – toll, übermütig dahintobend, wirbelnd und sprühend, atemlos und aufgeregt.

Als sie in der kurzen Pause an ihm vorüber reitet, lacht ihn ihr glühendes Gesichtchen an wie berauscht, – die erst so melancholischen Augen flammen in heißer Leidenschaft – die Lippen zittern, als wollten sie ihm ein stürmisches Liebeswort entgegenjauchzen.

Götz ist wie geblendet.

Was bedeutet das?

Narr, der er ist, – einen ungestümen Kampf in ihrem Innern bedeutet es – einen Kampf zwischen Liebe und Stolz...

Sie wird mit donnerndem Applaus zurückgerufen, und Abensberg drängt ungestüm näher, wieder von dem rosigen, samtweichen Arm gestreift zu werden.

Sie weicht weit vor ihm zurück, – ihre Wimpern liegen tief auf den Wangen, – sie blickt nicht auf.

Das ist zum Rasendwerden! –

Götz stürmt hinaus und nimmt wieder neben der Droschke Aufstellung.

Seine Pulse fliegen.

Er steht und wartet; – lange, lange; – die eisigen Schneeflocken wirbeln ihm in das erhitzte Gesicht.

Sie kommt nicht.

Und doch beginnt drinnen bereits die Pantomime.

Ist sie etwa noch beschäftigt?

Da erscheint die Garderobiere, Frau Teichmann.

»Fahren Sie man!« ruft sie dem Kutscher zu. »Das Fräulein ist mit der Frau Direktor zum Essen! Das Geld bekommen Sie das nächste Mal mit!«

Der Droschkenkutscher brummt etwas und ruckt die Zügel. – Frau Teichmann grüßt höflich den jungen Offizier und zieht sich eilig vor dem scharfen Nordwind zurück.

Götz aber eilt mit Riesenschritten davon.

Es tobt in ihm.

Er, der Verwöhnte, Begehrte, um den sich die Weiber rissen, hat eine Stunde lang vergeblich in Schnee und Kälte auf die kleine Teufelin gewartet!

Er ist wütend – er schwört sich...

Nein, er schwört nichts! Er denkt nur an ihren weichen Arm – an ihre melancholischen Augen – an die glühende, wilde Leidenschaft in ihrem geröteten Antlitz, und er gräbt die Zähne in die Lippe.

Sein Blick triumphiert.

Sie spielt mit Rosen, Schmetterlingen, Flammen, – sie spielt auch mit Herzen, wie es scheint.

Und das ist ein Hasardspiel!

Laß sehen, Lou, wer gewinnt!

Er wirft sich in eine Droschke und fährt nach einem der elegantesten Restaurants.

Hunger hat er nicht, aber er stürzt den kühlen, perlenden Sekt hinab wie ein Verschmachtender.

»Auf dein Wohl, kleine Lou!« –

Wie lange er dort sitzt, weiß er nicht; er erhebt sich erst, als er der einzige und letzte Gast ist. Dem Kellner drückt er ein Goldstück in die Hand, was dessen verschlafene Miene merkwürdig belebt, dann läßt er sich einen Wagen heranpfeifen und fährt heim.

Den nächsten Morgen hatte er den Dienst verschlafen und zog sich eine scharfe Rüge von seinem Rittmeister zu.

Die Tage vergingen.

In dem Hasardspiel der Herzen spielte Fräulein Lou täglich einen neuen Trumpf aus, und Götz war so im Eifer, daß er blind und toll die Einsätze wagte, und es gar nicht bemerkte, wie schachmatt er sich selber dabei setzte.

Wie die kleinen zuckenden Irrlichtflammen, nach welchen die allerliebste Reiterin mit ihren weißen Kinderhändchen haschte, schlüpfte sie selber wie ein blendender Lichtstrahl unter Abensbergs Händen fort, wenn er versuchte, sich zu nähern und sie zu halten. Das war auf die Dauer unerträglich.

Er beschloß, ihr zu schreiben und anzufragen, ob er ihr einen Besuch in ihrer Wohnung machen dürfe, oder nicht.

Keine Antwort.

Am Abend aber in der Vorstellung war die Kleine bezaubernder denn je, der Ausdruck ihrer Blicke war unbeschreiblich und versetzte den ungeduldigen Anbeter in Erregung.

Als sie an ihm vorüberging – er stand diesmal hinter dem Vorhang, im Stallgang, wo er weniger beobachtet war –, lächelte sie voll Wehmut und seufzte vernehmlich auf. Eine der Rosen aus seinem Bukett, welche sie an der Brust getragen und zum Schluß in der Hand hielt, drückte sie scheu und heimlich an die Lippen.

Da der Direktor an ihrer Seite ging und lebhaft auf sie einsprach, wollte Götz sie nicht anreden, auch stand Frau Teichmann schon am Ausgang mit einem dicken, weißen Friesmantel, bereit, ihn um die Schultern der erhitzten Künstlerin zu legen.

Da keine Droschke für die junge Dame bereit stand, Götz sich aber durch sein langes Warten vor den Garderoben nicht auffällig machen wollte, schritt er säbelklirrend davon.

Er befand sich in einer nie zuvor gekannten Stimmung.

Trotz, Ärger, Ungeduld und glühendes Verlangen nach dem verführerischen Weib durchtobten ihn.

Wenn Lou ihn durch dieses Zögern und Versteckspielen reizen wollte, so gelang es ihr vortrefflich.

Ein wenig Wehren – spornt das Begehren.

Und sein Begehren wuchs aus kleinem Funken zur hoch auflodernden Flamme.

Das nächstfolgende Auftreten der Reiterin versäumte er – zum erstenmal.

Eine Einladung zu seinem Kommandeur machte es ihm unmöglich, in den Zirkus zu gehen.

Er hatte bisher voll ungenierter Rücksichtslosigkeit alles abgesagt, um Fräulein Lou applaudieren zu können, und es war ihm nicht entgangen, daß man bereits Bemerkungen über sein Verhalten machte.

Der Oberst war seit einiger Zeit so wie so schon etwas kurz gegen ihn, darum fügte er sich zähneknirschend der fatalen Notwendigkeit und sagte bei dem Gestrengen zu.

Abermals bäumte sein ungestümer Sinn gegen solch sklavisches Muß auf, und er besaß nicht die Selbstbeherrschung, seine Stimmung zu maskieren.

Einsilbig, gelangweilt und zerstreut saß er neben seiner Tischdame, stand er an irgendeinem Türpfosten oder tanzte schnell und übellaunig ein paar Tänze ab. Der Oberst beobachtete dieses Benehmen mit gerunzelten Brauen, trat zu Abensbergs Rittmeister und hielt eine kurze, ernste Unterredung mit ihm über den jungen Offizier.

So ungern wie Götz aus dem Zirkus ferngeblieben war, so förderlich hatte doch dies unfreiwillige »Strafkommando« auf seine Wünsche und Hoffnungen bei Fräulein Lou eingewirkt, obwohl der Graf viel zu zerstreut und aufgeregt war, um es zu durchschauen.

Fräulein Lou hatte wohl gefürchtet, der Anbeter sei des Hangens und Bangens überdrüssig geworden.

Fahnenflüchtig durfte er nicht werden, das hatte ja die ganze kluge Berechnung der jungen Dame über den Haufen geworfen.

Sie gab nach und fand es an der Zeit, die Rolle der Spröden ein wenig aufzugeben und neue Netzchen zu spinnen.

Mit aufleuchtendem Blick hielt Götz am andern Tag ein stark duftendes, blaues Billett in der Hand, auf welches mit recht ungeübter und wenig eleganter Schrift nur etliche Zeilen geschrieben waren.

»Wenn Sie nicht als anspruchsvoller Liebhaber, sondern als ritterlicher Freund erscheinen wollen, so kommen Sie heute abend zu mir.

Lou.«

»Hurra, gewonnen!« triumphierte Götz in rosigster Stimmung. »Ist der Adler erst in den Taubenschlag eingedrungen, gehört die Beute ihm!« und er schob die Zeitungen beiseite, entzündete eine Zigarette und warf sich auf die Chaiselongue, um seinen angenehmen Gedanken nachzuhängen.

Eigentlich hatte es etwas Rührendes, dieses zitternde Bangen der kleinen Unschuld!

Welch eine seltene, anerkennenswerte Tugend für eine Zirkusreiterin.

Wahrlich! Götz von Abensberg wird die Sittenreinheit des reizenden Mädchens respektieren und als ritterlicher Freund kommen, welcher es schon als hohe Freude und seltenen Genuß erachtet, mit der Allerliebsten zu plaudern.

Der junge Graf ist leichtsinnig, sehr leichtsinnig sogar, aber er ist auch Kavalier und Ehrenmann und bricht nicht die Rosen aus Scherz und Übermut, sondern schmückt sich nur mit denen, welche sich ihm freiwillig an die Brust drängen.

Und mit solchen Blüten hat er schon so oft gekost, sie sind ihm beinahe langweilig geworden, diese dornenlosen Röslein, welche sich nur allzu willig dem wilden Knaben hingegeben. Jetzt hat er eines gefunden, welches sich wehrt und sticht und es schließlich doch leiden muß, daß er »läuft, es nah zu sehn«.

Ja, er wird es mit tausend Freuden sehen, das wonnige Heidekind, wenn es auch zehnmal spricht: »Ich steche dich, – daß du ewig denkst an mich!«

Wie neu und lockend ist dieses Spiel!

Man empfindet den vollen, süßen Nervenreiz, den prickelnden Heißhunger nach verbotenen Früchten; man hält sie in der Hand und atmet ihren lockenden Duft, und ist doch zu ehrenhaft, um hineinzubeißen!

Noch nie hat Abensberg seinen Dienst so zerstreut verrichtet, wie an diesem Nachmittag.

Der Rittmeister ist glücklicherweise bei dem Turnen und Voltigieren heute nicht anwesend, und die brave Schwadronsmutter, der dicke Wachtmeister, welcher noch von früher her der wohlwollende Gönner des jungen Offiziers ist, macht die Geschichte ganz famos.

Hier und da schüttelt er zwar auch den Kopf und erlaubt sich, den Herrn Leutnant auf dies oder jenes aufmerksam zu machen, aber Götz ist weit ab mit seinen Gedanken und haßt das infame Gedrille mehr denn je.

Endlich kommt der Abend.

Die Dämmerung sinkt früh, sehr früh herab, die Gasflammen blitzen auf, das Essen in dem Offizierskasino nimmt nicht viel Zeit in Anspruch, denn die Saison steht bereits in voller Blüte, und die meisten der Herren haben Einladungen erhalten.

Götz empfiehlt sich schon vor dem Kaffee.

»Nanu? Warum denn heute so eilig?«

»Wo wollen Sie denn hin, Abensberg?«

»Die kleine Lou reitet ja heute nicht!«

»Um so besser, dann hat sie Zeit für ihn!«

»Beichten, Götz!«

»Seid doch nicht so indiskret, Kinder!«

»Was ißt sie lieber, Abensberg, Hummer oder Austern?«

»Haha! Alles zu seiner Zeit!«

»Haben Sie schon den Konsens vom Oberst, Gräfchen?«

»Haltet ihn doch nicht auf, ihr Herren! Die Kleine wartet ja!«

»Nehmen Sie mich mit, Götzchen!«

»Ja! Kommen Sie, Maltitz! Sie können derweil Schmiere stehen!« lacht Abensberg übermütig, schwenkt rechts und links die Kameraden beiseite und gewinnt hastig die Tür.

Er macht mit Sorgfalt Toilette, nimmt den köstlichen Orchideenstrauß zur Hand und springt in den Wagen.

Vor einem grauen, vielstöckigen Mietshaus hält der Kutscher an.

Ein wenig überrascht steigt Götz die drei abgetretenen Treppen empor.

Für eine der ersten Sontinischen Reiterinnen wohnt Mademoiselle auffallend bescheiden.

Wieder überkommt den jungen Offizier eine gewisse Rührung.

Wäre sie nicht so tugendhaft und solide, die Kleine, so würde es wohl anders sein!

Und dann erfaßt es ihn wie ein stolzer, seliger Wonnerausch, daß er der Einzige ist, welcher diese Himmelsleiter zu der Schönsten von allen emporsteigt.

Vor der einfachen, schmalen Entreetür, welche eine Visitenkarte mit dem Namen »Mademoiselle Louison« trägt, bleibt er stehen und klingelt.

Leichte, schnelle Schritte.

Die Holzscheibe vor dem Guckloch wird zurückgeschoben, dann klirrt eine Sicherheitskette und die Tür öffnet sich.

Vor ihm, in dem matten Licht einer kleinen Flurlampe, steht die schöne Reiterin.

Man könnte sie für ihre eigene Jungfer halten, so schlicht ist sie gekleidet.

Ein schwarzes Wollkleidchen umschließt die zierliche Figur, am Hals weit ausgeschnitten, so daß der blendend weiße Nacken wie ein Sammetstreifen daraus hervorleuchtet.

Keine Brosche, kein Schmuck, nur an dem einen Handgelenk blitzt ein ganz feines Goldkettchen.

Diese Erscheinung paßt in den weißgetünchten, kahlen Flur, welcher einen beinahe ärmlichen Eindruck macht.

»Sind Sie es wirklich, Herr Graf?« fragt sie leise, mit weicher, verschleierter Stimme. »O, wie schenkt mir Ihr Kommen den Glauben an Treue und Redlichkeit zurück!«

Er wird beinahe verlegen, überreicht mit ein paar gestammelten Worten die Blumen, welche sie mit dankendem Kopfneigen entgegennimmt, und tritt ein.

»Bitte, legen Sie in dem Zimmer ab, es ist kalt hier draußen!« sagt sie und öffnet eine nahe Tür.

Rosig verschleiertes Licht strahlt Götz entgegen, und abermals blickt sich der junge Offizier höchlichst betroffen um.

So schlicht und ärmlich der Korridor und das ganze Haus ausgesehen, so reizend elegant, geschmackvoll und mollig ist es in diesem Salon.

Ein feines Parfüm umschmeichelt den Eintretenden, zierliche Rokokomöbel, auf deren lachsfarbig seidenem Bezug duftige Streubuketts eingewirkt sind, stehen in genialer Anordnung umher, große Palmen werfen ihre zackigen Schatten gegen die Decke, und auf kostbarem Teppich liegen gestickte und gemalte Atlaskissen, stehen Postamente mit Marmorfiguren, Vasen und Leuchtern, glänzen Goldbronzen und glitzern Kristallgehänge.

Auf einem kleinen Nebentische vor dem Diwan steht ein kleines chinesisches Teeservice, ein Tellerchen voll Gebäck und eine Schachtel Zigaretten.

Götz hat den Paletot abgelegt und auf eines der Goldstühlchen niedergelegt. Er, der Sichere, Weltgewandte, steht wie unter einem Zauberbann unerklärlicher Befangenheit, während die Zirkusreiterin mit der ruhigen Würde einer Dame den Gast bittet, Platz zu nehmen.

»Es ist bei diesem kalten Wetter eine wahre Wohltat, wenn man daheim bleiben kann,« sagt sie und nimmt dem jungem Offizier gegenüber Platz. »Sie glauben nicht, wie sehr wir in den letzten Tagen bei den Proben und auch abends in dem zugigen Stallgang gefroren haben!«

»Und dabei so viel Grazie und Gewandtheit bei Ihren Exercises!« entgegnete er eifrig. »Ich freue mich, Mademoiselle, Ihnen endlich einmal persönlich sagen zu können, wie sehr mich Ihre Kunst entzückt, wie ich nie zuvor ähnlich hervorragende Leistungen gesehen habe wie die Ihren!«

Sie lächelt ihm dankbar zu, aber es liegt wieder jener rätselhafte Hauch von Wehmut über dem süßen Gesicht.

»Ich war bisher gut disponiert, Herr Graf; das ist nicht immer so. Ich hänge leider so sehr von meinen Stimmungen ab und lasse mich willenlos von ihnen beherrschen. Oft, wenn die Melancholie die Oberhand hat, ist es mir einfach unmöglich, zu reiten, ich werfe oft in letzter Stunde noch das ganze Programm um und sage ab.«

»Und kommt die Melancholie oft zu Ihnen?«

Sie zuckt die Schultern. «Es ist viel Aprilwetter bei mir. Die Vergangenheit mit viel trüben Erinnerungen kämpft mit dem Sonnenschein der Gegenwart. Dann kommen die Wolkenschatten von Einsamkeit, Langeweile und Verlassenheit, die Regenschauer der Entmutigung, die Stürme verzweifelten Weltschmerzes, durch welchen wieder die tolle Laune wilder Lebenslust blitzt!« – Sie hat das sehr poetisch gesagt, und Götz ist abermals überrascht und entzückt.

Der Gedanke, daß ihm das knospende Mündchen ein Stück gut einstudierter Rolle vorplaudert, kommt ihm gar nicht in den Sinn.

»Hat Ihnen die Vergangenheit so viel Schweres gebracht?« fragt er voll Teilnahme. Fräulein Lou entzündet mit graziösen Händen die Spiritusflamme unter dem Teekessel und nickt traurig vor sich hin.

»Sie nahm mir alles, was ich besaß, – und das war viel. Zärtliche, hochgebildete Eltern, ein glänzendes Vermögen, eine geachtete gesellschaftliche Stellung. Ich habe den schweren, bitteren Kampf aufnehmen müssen, das alles wieder zu erwerben – aus eigener Kraft.«

»Und der Sieg ist Ihnen schon jetzt gewiß!« ruft Abensberg mit aufblitzenden Augen. »Sie werden mehr erreichen als Tausende von anderen, welchen das Schicksal seine besten Gaben in die Wiege legte!«

Sie schüttelt mit bitterem Lächeln den Kopf.

»Man glaubt zwar jetzt nicht mehr, daß die Gaukler und Possenreißer die Wäsche von der Leine stehlen, ja, man gibt den Komödianten und Reitern sogar eine gewisse Daseinsberechtigung, man applaudiert ihnen; die Zeitungen können sich nicht genug tun, ihre Namen in trommelnder Reklame wieder und wieder zu nennen, und die Herren der Lebewelt kennen nichts Interessanteres als die Artistin mit verschleierter Vergangenheit! – Und doch – welch eine himmelhohe Schranke baut sich zwischen eine Zirkusreiterin und eine vornehme Dame! – Das Vorurteil behauptet auch in dieser aufgeklärten Zeit noch gewaltig sein Recht, – und sehen Sie, Graf, wenn ich in der Manege auch alles erreiche, was sie geben kann, Geld, Ruhm, rauschenden Beifall, – eines kann sie mir nie ersetzen, – die Stellung einer hochachtbaren Dame, welche ich mit meinem Elternhaus verloren!«

Götz schüttelt lächelnd den Kopf. »Welch ein Pessimismus, mein verehrtes Fräulein! Heiraten Sie einen Mann in guter Lebenslage und Sie haben, was Sie wünschen! Wissen Sie aber, daß mir gerade dieser Wunsch am unbegreiflichsten ist?«

»Ah, Sie scherzen!«

»Durchaus nicht. Eine solide, gesellschaftliche Stellung deucht mir viel eher ein Nachteil, als ein Vorteil für jeden Menschen, welcher sich nach Freiheit des Willens und Handelns sehnt! Was gibt uns dieselbe? Höchstens die magere Genugtuung, daß uns überall, wo wir anklopfen, aufgetan wird, daß wir Ämter und Würden erreichen können, welche anderen versagt bleiben, daß man uns respektiert, weil wir zu den oberen Zehntausend gehören! – Das ist aber auch alles. Dagegen, welche Verpflichtungen laden uns nicht Namen und Stellung auf! Noblesse oblige! – Wie eng begrenzt auf Schritt und Tritt! Welche Ansprüche, Anforderungen stellt man nicht an uns! – Der eigene Willen schrumpft zusammen wie der Schatten vor der Sonne! – Etikette, Sitte, Anstand schreiben uns ihre tyrannischen Gesetze; man gehört unter die Herde und muß gehorsam dem Leithammel folgen, wenn man nicht als räudiges Schaf ausgestoßen sein will! O, Sie ahnen es in Ihrer himmlischen Selbstherrlichkeit gar nicht, Fräulein Lou, wie all die Damen, deren Los Sie beneiden und erstreben, Sklavinnen sind gegen Sie, die Freie, Selbständige, die Göttin des eigenen Willens!«

Die Kunstreiterin lachte und schenkte ihm eine Tasse Tee ein.

»Von dieser Seite beleuchtet haben Sie allerdings recht! – Auch habe ich mich längst in mein Schicksal ergeben. Ich wollte nur, daß Sie klar über mich sehen, daß Sie die Wurzel kennen, aus welcher all meine Stimmungen und Kapricen entsprossen! Sie sind ja als ritterlicher Freund gekommen, – und auch diese Stellung hat ihre Verpflichtungen! Sie verlangt Geduld, viel Geduld!«

Er faßte ihre Hand, welche ihm den Zucker darbot, und küßte sie, – ein-, zweimal – immer wieder, bis sie dieselbe in reizender Verlegenheit beinahe schmollend zurückzog.

»Sie sollen mit mir zufrieden sein, göttliche kleine Freundin!« scherzte er.

Und dann wechselte er das Gesprächsthema, plauderte über das flotte, lustige Zirkusleben und konnte gar nicht genug erfragen und erforschen, über all die bunten Geheimnisse, welche sich hinter dessen Vorhang verstecken.

Mademoiselle Lou ward heiter, sogar lebhaft, und das stand ihrem pikanten Gesichtchen vortrefflich, aber bei aller Fröhlichkeit markierte sie ihrem Gast doch eine gewisse Zurückhaltung, welche Götz verstand und respektierte.

Nach Verlauf von kaum einer Stunde blickte die junge Dame nach der Uhr, und Abensberg erhob sich lachend.

»Aha, die Audienz ist beendet!« sagte er neckend. »Der Mohr kann gehen! Er ist gehorsam und fügt sich dem Befehl, wenn es ihm auch noch so sauer fällt! Aber nur unter einer Bedingung, Fräulein Lou! Hören Sie wohl, nur unter einer Bedingung!« Sie blickte mit großen, fragenden Augen, naiv wie ein Kind, zu ihm auf.

»Daß ich wiederkommen darf!« fuhr Götz mit unwiderstehlichem Blick fort – »recht bald wiederkommen, – so oft Sie freie Abende haben und daheim sind!«

»Muß es sein?«

Sie fragte es leise, beklommen, und verschlang die weißen Hände.

»Ja, es muß sein! Ich würde ebenso wie Heinrich Heine ›sterben vor Liebessehnen‹!«

»Heine war ein frivoler Spötter!«

»Ich bin es nicht!«

»Wer garantiert das?«

»Sehen Sie mir in die Augen!«

Sie schüttelte den Kopf und wich seinem Blick aus.

»Man soll sich nicht mutwillig in Gefahr begeben!«

»Also doch eine Gefahr!« jubelte er.

Sie reichte ihm Säbel und Mütze. »Solch eine Sprache geziemt sich nicht für einen Freund!«

»Muß denn ein solcher stets Philister sein?«

Sie lachte plötzlich hell auf.

»Mir scheint, dazu haben Sie die wenigste Anlage!«

»Gott sei Dank! müssen Sie hinzu setzen. – Und« er trat näher und faßte abermals ihre Hände, »ich darf wiederkommen?«

»Wer weiß, ob Sie es mit meiner Stimmung wieder so gut treffen würden wie heute!«

»Grausam, kalt wie Eis – das nennen Sie ›gut‹?«

»Sie ahnen nicht, welche Wunden das Feuer brennen kann!«

»Seien Sie unbesorgt! Sie sollen einen Mucius Skävola in mir kennenlernen!«

»Meine Launen sind unberechenbar, – unerträglich!«

»Doch zu den Launen schöner Frau'n, da muß man immer vergnüglich schau'n!« rezitierte Götz lachend.

»Guten Abend, Herr Graf!«

»Das nenne ich deutlich! Also: Guten Abend, Mademoiselle Lou! Übermorgen um diese Stunde klingele ich Sturm bei Ihnen! – Auf Wiedersehen!«

Er ging, und die schöne Kunstreiterin stand im Zimmer, dehnte die Arme und sah halb gelangweilt, halb zufrieden aus.

Das war eine unglaublich solide Unterhaltung gewesen!

Ihre Nerven sind förmlich erstarrt, – sie müssen schleunigst aufgefrischt werden!

Und Mademoiselle Lou wechselte schnell die Toilette, warf Mantel und Kapuze über und eilte hastig zu einer guten Bekannten vom »Brettl«, wo sich zumeist eine höchst fidele Gesellschaft zu einer »lustigen Sieben« zusammenfand.

Lou spielte leidenschaftlich gern Karten – und heute wollte sie 'mal auf den Coeur-König setzen und sehen, ob sie gewann oder ob aller Liebe Müh' umsonst war und der Ersehnte – wie alle andern zuvor – als Schaum und Traum durch die Finger rann...

 

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