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Der verlorene Klang

Johannes Martin Schupp: Der verlorene Klang - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorJohannes Martin Schupp
titleDer verlorene Klang
publisherVerlag Franz Eher Nachf., G.m.b.H.
printrun3. Auflage, 16. - 20. Tausend
year1938
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150519
projectid0b551788
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Das himmlische Gehäuse

1. Die Mühle am Samoggio

Die Wasser des Samoggio rauschten durch den Mühlenkanal und brachten das alte Rad übermütig in klappernde Bewegung. Die lustigen Wellen wollten es schneller treiben, aber der alte Geselle besaß ihre ewige Jugend nicht. Er holperte mühsam ächzend zwischen ihren hastigen Sprüngen weiter. Als er noch jung war wie die Wasser vom Berge, glänzte sein helles Holz in der Sonne, und singend schnitten die Sägen in die kernigen Stämme. Der singende Ton war verklungen, jetzt mahlten Steine im knirschenden Gange das goldene Korn. Es kamen die Bauern, und ihre harten Taler klangen auf dem Zahlbrett des Müllers. Es ging oft fröhlich zu in der Mühle. Das alte Rad merkte aber, daß die Steine oft ruhten, und es gab nur unwillig den Takt zu den Melodien, die der junge Müller auf seiner Geige zum Rauschen des Baches spielte. Die springenden Wellen schienen den Müller besser zu verstehen. Sie waren so geschäftig wie er, betrieben tausend Dinge, und alle hatten ihre Freude daran. Da schäumte und rauschte, wogte und spritzte es an dem alten Holze empor und trollte sich singend in die weite Welt.

Der Müller hatte die hölzernen Läden geschlossen, und das Rauschen des Wassers drang gedämpft in die niedrige Stube, die der Geschäftsraum der Mühle war. Von diesem nüchternen Zwecke war nicht mehr viel zu erkennen. Es hingen viele Bilder an den Wänden, bunte und einfarbige. Schränke von leuchtendem Holze umstellten die Fenster, Pinsel und Farben standen auf dem Ecktische, und eine Menge Handwerksgeräte hing an Brettern und füllte die Gelasse. Auf dem Schreibtische des Müllers stand ein Geigenkasten, dessen Verschluß abgegriffener war als der Knopf an der Geldschieblade. Der Müller setzte sich an seinen Schreibtisch und nahm das Notenblatt zur Hand, welches der anwesende Besucher ihm soeben dahin gelegt hatte. Der Besucher machte einen würdevollen Eindruck, und gewiß wäre seine Erscheinung in jeder anderen mehlstaubigen Müllerstube ungewöhnlich gewesen. Hinter dicken Brillengläsern saßen zwei melancholische Augen. Der feierliche lange schwarze Rock umschloß eine zarte Gestalt. Die Hände waren weiß wie die Mehlsäcke der Bauern. Der fremde Herr stand vor einem Tisch, auf welchem er verschiedene Noten ausgebreitet hatte. Er tippte mit dem Zeigefinger der linken Hand auf die schwarzen Krähenfüße, während er mit dem Zeigefinger der rechten in der Luft Kreise zog, um deren Deutung er sich nicht bemühte. Der Müller saß währenddessen hinter seinem Notenblatt und versuchte halblaut ein Lied zu summen. Vor den Fensterläden rasselten die silbernen Schellen des Baches. Diese symphonische Stimmung wurde nach einer Weile von dem Müller unterbrochen:

»Mein lieber Professor, Sie haben da eine vorzügliche Musik gemacht. Das ist ein Gesang, ein lieblicher Gesang, aber der ist nicht von mir, wie ich überhaupt nicht singen, sondern höchstens Geige spielen kann, wenn Sie das schon ein Können nennen wollen.«

»Raffaele«, versetzte der Professor eifrig, »Sie haben gespielt, und ich habe gehört. Ich habe gehört, was man singen muß, singen wie die Vögel im Frühling oder ein Chor junger Mädchen im Mai. So ist es ein Mailied geworden.«

»Da werden Ihre Schülerinnen gewiß sehr froh sein, besonders wenn Sie den Text dazu liefern, der in den Mai hineinpaßt. Aber was hab' ich damit zu tun, ich bin doch nicht Musiklehrer in Bologna?«

»Sie sollen auf der Geige spielen, Herr Raffaele, und ich werde den Text dazu singen. Den Text habe ich mir selbst gemacht.«

»Vortrefflich, das hatte ich mir schon gedacht, doch Sie wissen, daß meine Kompositionen für mich nicht so zwingend sind, um mich an die Noten zu halten, wenn ich spiele. Bei mir ist alles nur einmal so, und wenn ich es zum zweiten Male auf die Saiten bringe, ist es schon wieder ganz anders.«

»Versuchen wir es, Herr Raffaele«, ermunterte der Professor Mattoni, »und wenn es nur ist, um zu sehen, ob Ihre Musik zu meinem Liede paßt.«

Der Müller nahm die Geige aus dem Kasten, strich mit dem Bogen spielend darüber hinweg und setzte dann kräftig ein, um mit dem Liede zu beginnen. Er hatte die ersten Akkorde pathetisch wiederholt und wäre den Noten bald entflogen, wenn der Musikmeister nicht mit seiner hellen Stimme etwas dünn zwar, aber nachdrücklich dazu gesungen hätte. So zwang sich der Müller, mit ihm zusammenzubleiben, und seine Lust am Klange wurde so groß, daß er aus Mangel an Text laut zu summen begann. Die Melodie war schwingend, weich und klar, und der Mühlenbach schien nicht nur draußen den Grundton angeben zu wollen, er klingelte auch im Liede wie helles Entzücken mit. Die beiden Männer wurden lauter. Die Geige führte, und der Gesang folgte. Bei der dritten Strophe hätte die Müllerstube mit einem Kirchenschiff vertauscht werden können. Der Müller setzte die Geige ab, und der kleine Professor schöpfte Atem.

»Seht Ihr, Professor«, sagte Raffaele, »wenn Ihr mich festhalten wollt, geht Euch die Luft aus.«

»O liebster Herr Raffaele«, rief Mattoni begeistert, »Sie spielen, wie die Engel singen, und Sie machen aus dem kleinen Liede eine heiße Freude für die Seele. Ich hatte Ihre Töne nicht vergessen, ich hatte sie aufgeschrieben, als ich vor vier Wochen von Bazzano nach Bologna zurückfuhr. Ich habe die Geige genommen und komponiert, doch konnte ich nicht ganz fertig werden mit der Musik. Es fehlte immer was dazwischen, was bei Ihnen das Ganze verbindet. Dann machte ich mir das Liedchen und versuchte es aufs neue. Nun habt Ihr wieder gespielt, und jetzt habe ich es. Sie sind ein Meister, Raffaele, und ich bin Euch vielen, vielen Dank schuldig.« Damit ergriff der Professor die kräftige Hand des Müllers und versuchte sie zu schütteln.

Der Müller lächelte und meinte: »Sie machen etwas viel aus den paar Tönen, an denen ich so wenig Verdienst habe. Ich mache die Töne nicht und kann sie nicht einmal halten und formen, wie Sie es getan haben. Ich nehme die Geige und spiele, und wenn man mir sagt, daß das schön sei, was ich spiele, dann fühle ich mich geschmeichelt, dann freue ich mich, und dann meine ich manchmal, ich müßte mein ganzes Leben lang Geige spielen. Aber dann, bester Professor, dann kommen die anderen Arbeiten und Aufgaben. Dann muß ich sehen, daß sich das Mühlrad dreht, und daß von dem Korn, welches die Steine mahlen, auch etwas Brot auf unseren Tisch kommt. Und dann kommen wieder so viele Dinge, die auch ihre Zeit haben wollen. Sehen Sie dort die Zeichnung, die an der Schranktür hängt! Sie hatte mir im Frühjahr so gut gefallen. Ich nahm sie immer wieder vor, aber ist sie davon besser geworden? Ich glaube nicht. Ich meine, daß man alle Dinge so packen soll, wie Gott sie einem gibt. Wenn das Papier den Strich ertragen hat, dann hat es ausgedient wie die Saite, der der klingende Ton entflohen ist. Aber wir Menschen sind sorgfältig, Herr Professor, viel zu sorgfältig. Wir wollen alles gründlich machen, alles festhalten und allem Ewigkeit verleihen. Doch ist alles, was gemacht wurde, vergänglich. Es bleibt nur die Kraft, die Gott gegeben hat, und die die Menschen immer wieder zu ihr streben läßt. Das ist die Kunst.«

»Mit dem, was Sie sagen, kann man sich schon verstehen. Sie halten es nicht für wert, jeden Ton festzuhalten. der anderen wie ein Kleinod erscheinen würde, weil Sie immer wieder aus der gleichen Quelle schöpfen. Wer kann das, und ist Ihre Musik nur für Sie oder auch für andere? Was Sie zeichnen, malen, zimmern, biegen und hämmern, haben Sie das nicht alles deswegen mit so viel Gründlichkeit besorgt, weil es über Sie hinaus Bestand haben soll?«

»So sehen Sie das, aber wenn Sie wüßten, wie ich zu meinen Arbeiten komme, würden Sie vielleicht nicht so sprechen.«

»Lassen Sie mich noch eines sagen. Es gibt auch heute noch viele Maler in Italien, aber gibt es außer Ihnen noch einen, der seine Pinsel selber schneidet und seine Farben selber reibt? Wer das tut, ist entweder ein großer Künstler oder ...«

»Nun – oder?«

»Ein Pedant, Herr Raffaele. Doch Sie sind kein Pedant und müssen also wohl ein großer Künstler sein.«

»Ein großer Künstler?« wiederholte der Müller sinnend. »Ein großer Künstler bin ich nicht. Dazu fehlt mir das Können in meiner Kunst. Ich habe wohl viel Kunst in mir, Kunst, von der ich nicht reden, nicht malen und nicht spielen kann. Ich habe versucht, diese Kunst zu zwingen. In der Arbeit steckt das Genie, sagt man. Ich habe diese Arbeit gesucht, mühselig alles ausgespürt, was vor dem Bilde da sein muß an Farben, Leinwand und Pinseln. Es schien mir notwendig zu sein, alles, was ich brauchte, nach meinem Willen auszuwählen, um nichts Fremdes zwischen mich und meine Kunst zu bringen und so von unten auf alles einer Vollendung zuzudrängen. Es war falsch, Mattoni, nicht falsch, weil es meiner Mühe nicht wert gewesen wäre. Nein, es war falsch, weil sich die Grenzen unseres Könnens nicht verschieben lassen.«

»Sie sind zu vielseitig, Herr Raffaele. Sie wollen geigen und malen und nicht nur die Axt im Hause, sondern gleich jedes Handwerk sein. Das ist zuviel, um eines zu vollenden. Werden Sie ein Komponist, und man wird Sie achten und wird Sie lieben, wie ich Sie liebe, schon um dieses kleinen Liedes willen. Aber wenn Sie malen wollen, so malen Sie, denn ich höre, daß viele Leute, auf deren Meinung man etwas geben kann, Sie Ihrer Malerei wegen schätzen. Genügt das alles nicht, um Ihnen zu sagen, daß Sie ein Künstler sind? Ob groß und wie groß, das lassen Sie nicht Ihre Sorge sein. Die Bauern und Handwerker hier sagen aber auch, daß Sie ein Meister sind in jedem Handwerk, daß es niemand gibt, der Sie was lehren könnte. So ergreifen Sie eines dieser Handwerke, und werden Sie ein Meister aller Handwerksmeister. Das Handwerk hätte es not, mehr als je. Aber alles können Sie nicht machen, Herr Raffaele, das ist zuviel, das ist zuviel!«

»Was heißt zuviel, hat nicht jeder seine Liebhaberei? Ich male und musiziere, aber wenn ich ein Maler oder ein Musiker werden wollte, würde sich niemand nach mir umdrehen. Dann bin ich immer noch froh, daß ich ein Müller bin. Die Welt will heute nur noch Kuriositäten sehen. Wenn ich ein Paganini wäre oder noch besser, wenn ich die Kunststücke auf der Geige machen könnte, mit denen er die Leute nasführte, dann könnte ich viel Geld verdienen. Nein, Herr Mattoni, ich habe meine Liebe zur Kunst, und ich freue mich, daß sie mich so weit wiederliebt, um mir meine bescheidene Ausübung zu gönnen.«

»So bescheiden brauchen Sie gar nicht zu sein, Herr Raffaele. Mancher große Künstler wäre wie Sie damit zufrieden gewesen, wenn ihm ein Geschäft das tägliche Brot auf den Tisch gelegt hätte.«

Der Müller war aufgestanden und ging im Zimmer hin und her. Schließlich blieb er hinter dem Stuhle des Professors stehen, beugte seinen Kopf nieder und sagte: »Mein guter Mattoni, wenn es mit der Müllerei nur so ginge, daß ich das sichere Brot für die Meinen hätte! Die letzten Jahre waren schlecht, und für diese Zeit sind meine Lasten zu groß. Die Bauern lassen auch nur noch das Korn bei mir vermahlen, was hier gebraucht wird. Das ist nicht zuviel, und so decken die Einnahmen kaum die Zinsen. Wie lange soll ich das noch machen können? Hätte ich das bißchen Landwirtschaft nicht, wäre längst kein Auskommen mehr.«

Der Müller setzte sich wieder an seinen Schreibtisch. Professor Mattoni sah ihn traurig an und faltete ergeben die kurzen Hände vor den Leib. »Oh, oh, Herr Raffaele«, klagte er, »Sie haben so schwere Sorgen, und ich gebe Ihnen gute Ratschläge! Das ist nicht recht von mir. Ich sollte Ihnen helfen. Aber womit sollte ich Ihnen helfen? Ich bin arm, und für das schöne Lied werden wir auch nichts kriegen. Leider, leider, die Kunst wird nicht bezahlt!«

»Ach, lassen wir das, lassen wir die Sorgen, Herr Mattoni! Vielleicht wird es auch wieder einmal besser gehen, oder es wird mir irgendwo einmal nützen, daß ich Meißel und Stichel zu brauchen gelernt habe.«

In diesem Augenblick trat eine zierliche, dunkelhaarige Frau ein. Professor Mattoni wandte sich zu ihr und begrüßte sie ehrfurchtsvoll. Frau Teresa dankte mit einem leichten Neigen des fraulichen Kopfes. Sie ließ ihre lebhaften schwarzen Augen über die notenbedeckten Tische gleiten und bemerkte lächelnd zu Mattoni:

»Sie haben hier einen musikalischen Abend gemacht, ohne mich eingeladen zu haben, aber freilich, eine Mutter, die ihre Kinder zu versorgen hat, spielt auf einem Instrumente von weniger angenehmem Klange.«

»Bitte, bitte«, wollte sich der Musikmeister verlegen entschuldigen und wiederholte seine tiefe Verbeugung. Der Müller lachte und rief: »Meine Frau ist ein Schelm, Professor, und Sie müssen auf der Hut sein, wenn Sie nicht verkehrt kommen wollen. – Du hast uns wohl zum Abendtisch holen wollen, Teresa, und das ist recht, denn wir haben schon lange gewartet.«

»Nicht doch«, wehrte Mattoni ab, »wir sind noch gar nicht zum Warten gekommen. Wir waren so sehr mit anderen Dingen beschäftigt. Doch wenn es die Kinder nicht im Schlafe stört, Frau Teresa, dann wollen wir Sie nachher gerne zum Mitsingen einladen. Das Lied hat Herr Raffaele komponiert.«

»Nichts habe ich komponiert, Teresa«, warf der Müller dazwischen. »Dieser tüchtige Musikmeister aus Bologna hat ein Mailied gedichtet, welches man auch im September singen kann, und dazu hat er sich einige von den Tönen genommen, die ich auf der Geige improvisierte.«

»Wir haben euch im ganzen Hause gehört, und es muß wohl sehr hübsch gewesen sein, sonst hätte Josephus nicht so andächtig gelauscht.«

»Sechsjährige Jungen sind ein dankbares Publikum, Teresa, aber dem guten Herrn Mattoni hast du damit keine Freundlichkeit gesagt, wenn es auch sein Patenkind ist.«

»Vielleicht doch, Herr Professor«, wandte sich Frau Teresa an Mattoni, »denn Josephus hätte beim Auskleiden keine Gelegenheit gehabt, andächtig zu sein, wenn ihm die Mutter nicht Gesellschaft geleistet hätte. Aber nun kommen Sie herüber!«

Die drei setzten sich an den Tisch, und der Müller sprach das Abendgebet. Das einfache Essen war mit gefälligem Anstand auf den sauberen Tisch gestellt. Die hohen Gläser mit dem roten Landwein leuchteten wie Blumen von der weißen Decke. Ein Bauernmädchen trug Früchte auf und füllte den Wein in den Gläsern nach. Die Unterhaltung wurde nicht sehr lebhaft. Man sprach von dem Liede Mattonis. Frau Teresa wollte die Musik am Abend nicht wiederholen. »Morgen ist Sonntag«, meinte sie, »nach der Kirche haben wir Zeit genug, und wir machen dem kleinen Josephus auch eine Freude.« Raffaele fühlte, daß seine Frau etwas auf dem Herzen haben mußte. Er wollte sie im Augenblick nicht danach fragen. Frau Teresa stand auf und sagte vor dem Hinausgehen zu Raffaele: »Du mußt morgen den Wagen nachsehen, der Bursche sagt, das Rad schleife wieder am Holze.«

»Der Bursche weiß damit nur nicht umzugehen«, schalt der Müller, »wenn die Pflöcke fest eingeschlagen werden, kann sich das Holz auch nicht über die Räder biegen. Seht, Professor Mattoni, da haben wir es gleich! Muß man nicht alles selbst machen, wenn man eine Wirtschaft hat, noch dazu, wenn sie außerhalb des Ortes liegt? Bis ich den Stellmacher hier oben habe, ist der halbe Tag vergangen und der Wagen inzwischen zusammengebrochen. Den Wagen habe ich selbst gebaut, und er hat den Vorteil, daß die vordere Achse freier beweglich und weniger belastet ist als die hintere festliegende Achse. Dafür hat die hintere Achse stärkere und größere Räder erhalten. Nun müssen die Pflöcke natürlich fest in den Einschnitten sitzen, und, wenn nötig, verkeilt werden. Das versteht der Bursche nicht.«

»Sie sind ein merkwürdiger Mann, Raffaele, Sie regieren den Fiedelbogen wie den Fausthammer, und dann machen Sie die Sache noch so, wie Sie wollen, und nicht, wie andere sie gelernt haben. Ich habe mir einmal einen Notenkasten zimmern wollen. Als meine Frau davon hörte, schloß sie Hammer und Nägel in die sicherste Ecke des Bodens!«

»Ja, ja«, nickte der Müller, »es ist manchmal schon besser, wenn der Hammer weggeschlossen ist. Ich habe mich einmal mit der Zimmerei versucht und den Anbau aufgerichtet, wo jetzt die Kinder schlafen. Wäre mir der Zimmermann nicht zu Hilfe gekommen, hätte mir die Decke eines Tages vielleicht die Kinder erschlagen. Eines Zimmermanns Arbeit ist hart und grob, und ihre Haltbarkeit will auf Jahrhunderte berechnet sein. Und mein Wagen? Man hat ihn bewundert und auch belacht. Es ist nicht so gut mit ihm in den Bergen zu fahren, er eignet sich mehr für die Ebene. Man bildet sich leicht ein, klüger zu sein als andere, und ist es vielleicht auch, aber wenn man dem einen Gedanken nachgeht, vergißt man den andern. Und dieser andere ist, ohne daß man es weiß, in Jahrhunderten auf seine Richtigkeit erprobt worden. Die Bauern wissen, warum sie gegen Neuerungen argwöhnisch sind. Würde ich noch einmal einen Wagen bauen, würde er zu neun Zehntel so sein wie die andern und vielleicht zu einem Zehntel wie meiner.«

»Sie meinen doch, für die ebene Landstraße sei der Wagen gut?«

»Das ist er auch, nur ebene Landstraßen gibt es hier nicht.«

»Hätten Sie keine Lust, bei der Wagenbauerei zu bleiben?«

Der Müller blickte gedankenvoll auf sein Gegenüber. »Nein, wenn mich die Lust angeht, eine Sache zu machen, dann durchdenke und durcharbeite ich sie gründlich, als sollte sie mein Lebenswerk sein. Dann merke ich aber, wenn ich dabei bin, daß es meine Sache nicht ist, daß ich doch nur ein Dilettant bin, und daß es mir trostlos erscheinen würde, eine unabsehbare Reihe von Wagen machen zu müssen.«

Die beiden Männer waren aufgestanden, und Raffaele meinte: »Kommt, Meister, Mattoni, wir wollen uns schlafen legen! Für den Genuß des Feiertags braucht man die Ruhe der Nacht.«

Die Mühle hatte nicht viele bewohnbare Zimmer. Für Professor Mattoni war das Nachtlager in einer Bodenkammer aufgeschlagen worden. Er war ein bescheidener Mann mit dankbarem Gemüt und fühlte sich in jedem Frieden behaglich. Was für ein seltsamer Mann ist dieser Raffaele! dachte er beim Auskleiden. Er trägt eine Fülle von großen Anlagen in sich, und keine gibt ihm den Anlaß zu stetigem Schaffen. Er spielt die Geige mit feinem Gehör, er malt mit scharfen Augen, er hobelt mit fester Hand. Er macht alles zu seiner Freude, ohne einen Nutzen davon zu haben, und er ist weder ein Geiger noch ein Maler noch ein Handwerker, und ein Müller ist er auch nicht. Oh, oh, mein lieber Herr Raffaele, seufzte Professor Mattoni, als er sich in seinem Bette die warme Decke über die Ohren zog, wir müssen für euch noch etwas finden, was euern ruhelosen Geist festhält, sonst wird eure liebe Frau Teresa noch viele Sorgen haben!

Der gute Professor sollte recht behalten und schon der nächste Morgen für den Müller mit Sorgen beginnen. Am gestrigen Nachmittag war der Amtsbote von Bazzano da gewesen und hatte dem Müller eine Vorladung wegen säumiger Hypothekenzinszahlung gebracht. Frau Teresa hatte den Brief entgegengenommen und des gastlichen Abends wegen für sich behalten. Sie übersah besser als ihr Mann, wie die Dinge lagen. Sie war auch eine feine und kluge Frau und wußte, wie in ihrem Manne Kunst und Handwerk miteinander rangen. Von allen seinen Beschäftigungen lag ihm die Müllerei am wenigsten. Raffaele liebte seine Mühle wie ein Kind sein Spielzeug. Sie war nicht seine Welt, aber von hier aus nahm er sie. In seinem Königreich war sie die Residenz, und in seiner Residenz war er Knecht und Herr, wie es der Augenblick wollte. An jedem Holz und Haken war seine Hand tätig gewesen. Fast jedes Gerät war von ihm. Wo die Laune Schmuck und Schönheit anbringen konnte, hatte er sie hingetan. Je ernster ihm die Arbeit war, um so fröhlicher war sein Gemüt. Sein Geigenspiel entzückte Freunde und Fremde. Frau Teresa liebte diesen Mann mit seinen bunten Interessen. Sie war selbst eine kunstsinnige Natur, ein Erbe aus altem Hause, das einst zu Italiens großen Geschlechtern zählte. Sie würde unendlich froh gewesen sein, wenn Raffaele Florenus sich mit einem seiner vielen Talente von der Wassermühle am Samoggio hätte lösen können. Sie sehnte sich nach Bologna oder einer andern Stadt, wo Geist und Kunst die Menschen zu einer Gesellschaft verbinden konnten. Sie hatte den Plan schon mehrfach mit Raffaele erwogen, und man wäre ihm vielleicht nähergekommen, wenn man für den Lebensunterhalt in Bologna einen Rückhalt hätte finden können. So würde Raffaele in Bologna hilflos herumflattern wie eine verflogene Meise.

Frau Teresa trat vor den großen Schrank ihres Schlafzimmers, den Raffaele einst zu ihrer Hochzeit gemacht hatte. Sie öffnete ihn. An den Innenwänden der beiden Türflügel hatte Raffaele ihre Namen in eingelegten Holzstäben angebracht. Darunter standen die Geburtsdaten und darunter ein Fragezeichen und ein Kreuz. In dem Schrank befand sich auch die große eiserne Kassette mit den Familienpapieren. Es waren Urkunden aller Art. Obenauf lagen zwei dicke Briefumschläge, die die Schuldverschreibungen des Müllers enthielten. Frau Teresa nahm aus dem einen Umschlage die Verschreibung an den Getreidehändler Ernesto Pisani in Bazzano heraus. Am ersten Oktober hatte Pisani achttausend Lire zurückzufordern. Sie waren schon fällig gewesen am ersten April, doch konnte die Regelung bis zum ersten Oktober verschoben werden. Raffaele hoffte die Hypothek durch eine Erhöhung der Zinsen zu erhalten. Pisani hatte zu den Freunden Raffaeles gehört. Durch einen lächerlichen Streit über Raffaeles Wagen waren sie auseinander gekommen. Da die Zinsen vom ersten Juli noch nicht voll bezahlt waren, wollte er klagen. An den Ernst dieser Drohung hatte Raffaele nicht geglaubt. Jetzt war es Anfang September. Der fehlende Zinsbetrag war nicht so groß und war aufzubringen. Damit war aber die Hypothek nicht zu retten. Beim Verkauf des Anwesens hätte man hoffen können, alle Schulden zu tilgen und noch einen kleinen Betrag zu erübrigen. Damit hätte sich wohl nach Bologna übersiedeln lassen, aber es wäre auch nur die Not vom Samoggio an den Rheno getragen worden. Was nützten alle Gedanken, sie mußte mit Raffaele sprechen, denn in der Kirche konnte er mit Pisani zusammentreffen.

Frau Teresa hörte, daß ihr Mann auf dem Hofe war. Sie öffnete das Fenster und rief ihm einen Morgengruß zu. Der Müller arbeitete mit dem Burschen an dem Wagen und schlug mit kräftigen Schlägen die Keile fest. »Wir können mit dem Wagen zur Kirche fahren, wenn du es willst, Teresa«, rief er zum Fenster hinauf, »sonst können wir auch an dem schönen Morgen mit Mattoni zusammengehen.« »Ich weiß noch nicht«, erwiderte Frau Teresa, »aber komm herauf, es ist Zeit, daß du dich fertigmachst!« Frau Teresa schloß das Fenster, nahm den Sonntagsanzug ihres Mannes aus dem Schrank und legte ihn auf das Bett. Der Müller trat mit arbeitsroten Wangen in das Zimmer und blickte erstaunt auf die geöffnete Kassette. Jetzt fiel ihm auch das sorgenvolle Aussehen seiner Frau wieder auf. »Was ist dir, Teresa? Ich wollte dich gestern schon fragen.« Seine Frau hielt ihm die Vorladung des Amtsboten hin und sagte: »Pisani will dich verklagen.«

»Mich verklagen?« lachte Raffaele bitter. »Wegen der paar Lire, die er nicht zu verlieren hat, mich zu verklagen, Teresa, das wird er nicht!«

»Ich fürchte doch, Raffaele, eure Freundschaft ist aus, und er braucht dein Geld.«

»Er braucht mein Geld nicht, aber sein Weib. Da sie nicht die Schönste ist in Bazzano, will sie die Reichste sein, die Vornehmste und jeden Sonntag sich mit neuen Seidenbändern schmücken.«

»Vielleicht will Pisani die Müllerei mit seinem Getreidehandel verbinden.«

»Du meinst, daß er die Mühle kaufen will?«

»Kaufen? Sie gehört ihm, Raffaele, wenn die Hypothek am ersten Oktober nicht verlängert wird.«

Der Müller lief aufgeregt im Zimmer hin und her. »Nein, Teresa, so weit wird Pisani es nicht bringen wollen. Wir haben uns entzweit, gewiß, wir können uns auch wieder vertragen. Wir haben nichts Ernstes miteinander. Wenn er mich ruinieren wollte, müßte er sich vor seinen eigenen Wänden schämen, an denen meine Bilder hängen. Er kann nicht seinen Haussegen beten, ohne an mich zu denken. Nein, Teresa, Pisani ist nicht so schlecht. Ich werde mit ihm reden, heute noch, nach der Kirche. Aber nun sei nicht so traurig, Teresa, es muß sich doch alles erst zeigen! Wir haben heute morgen noch einen Gast im Hause. Der gute Mattoni wartet gewiß schon auf sein Frühstück.«

Raffaele schloß seine Frau in die Arme, und Frau Teresa stellte die Kassette wieder in den Schrank. Plötzlich kehrte sie sich um. »Geh du nur heute allein mit Mattoni zur Kirche, ich habe noch manches zu richten! Der Pfarrer wird nicht gleich böse sein, wenn ich einmal fehle, es ist selten genug.« »Du magst recht haben, Teresa«, gab Raffaele mit einigem Nachdenken zu, »es ist besser, daß wir Männer allein sind.«

Während Raffaele mit dem Professor Mattoni in den Ort hinunterging, setzte sich Frau Teresa an den Schreibtisch, um an ihren Bruder zu schreiben. Sie schrieb: »Du kennst Raffaele, er ist nicht leichtsinnig, aber er hält alle Menschen für besser, als sie sein können. Leider ist ihm auch damit nicht geholfen, daß er sich mit Pisani verständigt, oder es müßte die alte Hypothek des Bergbauern abgelöst werden. Wenn die Zeiten nur besser wären! Krieg und Unruhe ist in der Welt, und alle sagen, daß Italien noch eine schwere Zeit bevorsteht. Sie sind alle besorgt um ihr Geld und um ihren Besitz. Wir haben keine Aussicht, von anderer Seite Geld zu bekommen, um die alten Schulden durch neue ersetzen zu können. Du wirst uns helfen, Carlo, und uns im Augenblick vor dem Ärgsten bewahren. Das weiß ich. Mir ist so wehmütig. Berate mich und rate mir das Richtige! Das wäre mir wertvoller als alles andere ...«

Frau Teresa machte den Brief fertig und legte ihn in den Schrank, den sie sorgfältig verschloß. Dann ging sie in das Haus hinunter, welches wie ausgestorben schien, da alle zur Kirche nach Bazzano gegangen waren. In der Küche richtete sie das Feuer auf dem alten Herde, daß die Flammen in langen Zungen um den kupfernen Kessel schlugen, der an dem Haken hing. Sie trat in den Garten hinaus, um nach dem kleinen Josephus zu sehen. Der Septembermorgen lag sonnig und frisch über dem Lande. Reichliches Obst hing an den Bäumen und versprach eine gute Ernte. Frau Teresa schritt langsam an den Rosenhecken vorüber, die am Ausblühen waren, und stieg zu der Laube am oberen Bergwege hinauf. Von der Bank sah sie auf die Mühle herab, die hinter den hohen Kastanien wie ein altes Schloß hervorlugte. Das Plätschern und Klingen des Wassers, woran man in der Mühle so gewöhnt war, daß man es kaum mehr bemerkte, machte sich hier oben mit seiner monotonen Musik lockend vernehmlich. Die Mühle erschien ihr wie ein großes Instrument, eine Harfe, eine Orgel. Die rauschenden Wasser zwangen sich in den Takt des Werkes und rissen sich lachend auseinander. Die Wellen rollten dahin bis zu dem großen Strom; die Musik blieb hier oben bei der Mühle, und die ganze Landschaft gab ihr den Widerhall. Frau Teresa wollte mit sich einig werden über die Trennung von der Mühle, um die Gedanken klarzumachen für die Handlungen, die notwendig sein würden. Diese Stunde war die Abschiedsstunde, die nicht wiederkam, und ihr Ohr würde immer das Rauschen der Mühle hören. Frau Teresa blickte hinüber zum Kirchturm von Bazzano. Sie mußte die Hände falten.

Frau Teresa raffte sich auf und ging in den Garten zurück. Der kleine Josephus ließ sich nirgends blicken. Er war ein eigenartiges Kind. Er spielte mehr mit sich als mit anderen. Der kleine Mund konnte tausend Fragen stellen, und die klugen, großen Kinderaugen unterschieden deutlich, ob die Antwort befriedigte oder nicht. Das Kind liebte die Musik, und die kleinen Hände waren geschickt wie die des Vaters. Der Blick war anders, er war ruhiger und fester. Die Augen waren ihre Augen. Sie hatte das Kind oft darauf angesehen und seine Bewegungen beobachtet. Sie wünschte, daß das Kind von ihrem Blute so viel haben möchte, um den Gaben des Vaters Formen geben zu können. Der kleine Josephus konnte manchmal trotzige Augen machen, und wenn sie ihn strafte, konnte es ihr vorkommen wie eine Sünde. Frau Teresa ging zum Mühlbach hinüber, wo Josephus sich einen Spielplatz aus Sand und Steinen gemacht hatte, auf welchem er sich stundenlang beschäftigte. Sie hatte sich nicht geirrt. Der Knabe saß auf einem Brett und schaute unverwandt auf das triefende und treibende Mühlrad. Er wußte, daß er nicht im Sande graben durfte, denn er hatte seine Sonntagshöschen an. Deswegen schien er auch so viel Zeit für das Mühlrad zu haben.

»Na, Josephus, was machst du hier? Ich habe dich überall im Garten gesucht?«

Josephus fand offenbar, daß der Vorwurf in dieser Frage unangebracht war. Er erklärte, daß er nicht versprochen habe, im Garten zu sein, und daß er an diesem Platze häufig zu finden wäre. Frau Teresa amüsierte diese Antwort. »Schon gut, Josephus, aber was machst du hier?«

»Ich mache hier nichts, Mutter, aber das Mühlrad da drüben, das dreht sich, und immer, wenn es sich dreht, fällt von der oberen Schaufel das Wasser in den Bach.«

»Gewiß, Josephus, das ist das Wasser, welches die Schaufeln mitreißen, und das dann in den Bach zurückfällt.«

Der Knabe nickte und richtete die Augen auf seine Mutter. »Das habe ich schon gesehen«, bestätigte er, »aber kannst du auch hören, daß es, wenn es in den Bach fällt, klingend zerplatzt?«

Frau Teresa hatte darauf noch nicht geachtet, und auch jetzt, als ihre Blicke das triefende Wasser beobachteten, konnte sie keine Geräusche wahrnehmen, die sich von dem Rauschen des Baches abgehoben hätten. »Ach was, Josephus«, rief sie, »du bildest dir ein, zu hören, was du nur siehst! Mach nur einmal die Augen zu, dann hörst du nichts mehr!«

Josephus schüttelte den Kopf. »Das habe ich schon getan«, betonte er, »aber der große Tropfen zerplatzt doch. Paß einmal auf!« setzte er eifrig hinzu. Der Junge machte die Augen zu, streckte den linken Arm aus und zog das geballte Fäustchen im Takte der fallenden Tropfen ein.

Das scharfe Unterscheidungsvermögen des Knaben überraschte Frau Teresa. Sie lauschte angestrengt, um die Töne zu hören. Manchmal glaubte sie, sie vernommen zu haben, war aber eher überzeugt, einer Einbildung zu unterliegen. »Du hast sehr feine Ohren, Josephus«, sagte sie, als wenn sie das Kind loben müßte, »hast du das immer schon gehört?« Der Knabe besann sich und meinte, daß er das nicht so genau wüßte, aber heute wäre es so deutlich, weil es so still in der Mühle sei. Seine Wißbegierde war noch nicht befriedigt, und er fragte: »Gibt es auch Menschen, Mutter, die alle Tropfen hören, die unter dem Mühlrad zusammenrauschen?«

»Nein, Josephus, solche Menschen gibt es nicht, das Rauschen entsteht eben dadurch, daß alle Tropfen so schnell zusammenfallen, daß man sie nicht mehr einzeln hören kann.«

Josephus dachte wieder eine Weile nach und sagte dann: »Ja, und wenn man das Wasser auseinanderfallen läßt, dann kommen die einzelnen Töne wieder zum Vorschein.« Josephus schien große Lust zu haben, diese Unterhaltung fortzusetzen, als Frau Teresa ihn fragte: »Josephus, wenn wir nun nach Bologna ziehen würden, würde dir die Mühle dann sehr fehlen?«

Diese Frage kam dem kleinen Josephus sehr unverständlich vor, und er fragte erstaunt: »Warum wollen wir denn nicht bei Vater in der Mühle bleiben?« Frau Teresa lächelte. »Vater würde natürlich auch mit nach Bologna gehen.« Josephus überlegte sich den Fall. Von einem anderen Leben als dem in der Mühle konnte er sich keine Vorstellung machen, und so begnügte er sich damit, zu fragen, ob es in Bologna mehr Wasser gäbe als im Samoggio, und Josephus erklärte, daß er dann für diesen Ort Interesse habe. »Liebst du denn das Wasser so?« fragte Frau Teresa. »Wo Wasser ist, hört man was«, versetzte Josephus, »wo kein Wasser ist, hört man nichts. Wenn der Samoggio im Sommer abgesperrt wird, dann liegt die Mühle still, und alles ist traurig, und wenn das Wasser wiederkommt, ist alles lustig, und Vater spielt auf der Geige. Ich will auch Geige spielen.« Der kleine Mann hatte seinen Standpunkt dargelegt, und Frau Teresa vergaß dabei ganz die schweren Sorgen, die sie bedrückten.

Der Gottesdienst war vorüber. Die Leute kamen aus der Kirche und gingen über den Markt. Raffaele hatte sich mit Mattoni abseits gestellt, um auf Pisani zu warten. Mit seiner Frau am Arme kam Pisani auch bald die Kirchentreppe herunter, und Raffaele ging grüßend einige Schritte auf sie zu. Pisani wollte stehenbleiben, aber seine Frau zog ihn weiter. Nach einer Weile kehrte Pisani allein zu Raffaele zurück, der sich unmutig wieder zu Mattoni gestellt hatte.

»Wolltest du mich sprechen?« begann Pisani.

»Ja, Ernesto«, erwiderte Raffaele leicht erregt, »und ich wollte dir sagen, daß du die restlichen Zinsen noch in dieser Woche erhalten wirst.«

»Das ist gut, und ich denke, du wirst mir zum ersten Oktober auch die achttausend Lire zurückzahlen.«

»Deswegen wollte ich dich sprechen, Ernesto.«

»Was ist da viel zu reden, ich brauche das Geld, es ist ohnehin schon vor sechs Monaten zurückzuzahlen gewesen.«

»Wir sind so lange gute Freunde gewesen, Ernesto, sollen wir nun dieses Streites wegen auseinanderkommen?«

»Das habe ich längst vergessen, ich kann aber mit Freundschaften nicht meine Geschäfte bezahlen. Du weißt selbst, wie die Zeiten sind, und ich habe viele Außenstände gehabt.«

»Ich kann aber jetzt nicht bezahlen, Ernesto!«

»Das habe ich gewußt, und du wirst auch nicht nach einem Jahre bezahlen können. Du wirst die achttausend Lire niemals bezahlen können, wenn sie dir nicht ein anderer borgt. Wie kann ich mein gutes Geld in der alten Mühle lassen? Wer weiß, ob sie nach einem Jahr überhaupt noch soviel wert ist. Man spricht von Unruhen und gar von Krieg. Wenn es noch mein Geld wäre, aber es gehört meiner Frau.«

»Laß mir noch einmal Zeit, Ernesto, es braucht doch nicht alles so schlimm zu kommen, und die Mühle hat doch ihren Wert! Ich habe nicht erst jetzt mit dir darüber sprechen wollen, durch den unseligen Streit hat es sich hingezogen, und ich habe auch niemals damit gerechnet, daß die Ablösung nicht mindestens bis zum Frühjahr verschoben werden würde. Ich wäre doch verloren und bettelarm, wenn die Mühle jetzt plötzlich unter den Hammer kommen sollte. Das würde ich nicht verstehen und niemand in Bazzano!« Raffaele war in große Erregung geraten, und Pisani schwieg unschlüssig. »Ernesto«, nahm Raffaele wieder das Wort, »stelle mir Bedingungen, welche du willst, ich werde sie erfüllen, aber du kannst mich doch nicht unglücklich machen!«

In diesem Augenblicke war, von Raffaele unbemerkt, Frau Pisani herangetreten und sagte, ohne ihn zu beachten, zu ihrem Manne: »Herr Florenus wird dir das Geld bezahlen, sonst wird es auch noch Mittel geben, um ihn dazu zu zwingen. Nun komm, du hast mich schon lange genug warten lassen!« Raffaele hatte sich zornig umgewandt und war weitergegangen. Pisani wollte noch etwas sagen, doch seine Frau hielt ihn zurück. »Du bist zu schwach, Ernesto«, sagte sie hart, »ich werde noch mein ganzes Vermögen verlieren.« Jetzt erkannte sie Professor Mattoni, der Raffaele nacheilte. »Weshalb hast du mir nicht gesagt, daß der Mattoni hier ist?« schalt sie ihren Mann. »Du weißt doch, daß Julia zu ihm soll! Nun kannst du ihm schreiben und nach Bologna fahren. Diese Musiklehrer sind unberechenbar, und Julietta will zu keinem anderen.«

»Lauf du hinter ihm her!« schrie Pisani seine Frau unfreundlich an. »Du konntest uns ja nicht schnell genug auseinanderbringen!«

Das Ehepaar Pisani ging sehr uneinig nach Hause.

Mattoni hatte Raffaele eingeholt, der immer noch zornerfüllt mit langen Schritten über die Landstraße stieg. »Ich habe es gleich gewußt«, empörte er sich, »daß dieses kalte, häßliche Frauenzimmer dahintersteckte. Seit Ernesto und ich nicht mehr zusammengekommen sind, hat die alte Katze die Oberhand gewonnen. Es ist wirklich nie die Rede davon gewesen, daß die Hypothek jetzt ausgezahlt werden sollte, und unter Freunden macht man nicht alles gleich schriftlich!« Eine leidenschaftliche Bewegung erfaßte Raffaele. Er packte Mattoni beim Arm und rief: »Mein Gott, Mattoni, was soll aus meiner Familie werden, wenn Pisani auf seinem Recht besteht!« Raffaele tat dem armen Professor unsagbar leid. In seiner gedrückten Seele fand dieser keine rechten Worte, und er stotterte verlegen, daß Pisani sich vielleicht doch noch eines Besseren besinnen würde, und vielleicht käme auch ein anderer, der die Mühle kaufen würde. »Kaufen?« wiederholte Raffaele, »nein, kaufen wird heute keiner. Damals, als ich das Geld nahm, hätten viele gekauft. Heute sind alle froh, wenn sie nicht selbst verkaufen müssen.« Die beiden Männer nahmen den Weg zur Mühle hinauf, und je näher sie kamen, um so stiller wurden sie.

Aus der fröhlichen Musikstunde des Vormittags wurde nichts. Frau Teresa, Raffaele und Mattoni saßen in der Müllerstube, studierten die Dokumente und besprachen den Fall. Von dem Brief an ihren Bruder sagte Teresa nichts. Der einzige Entschluß, den man fassen konnte, war der, an einige Bauern zu schreiben, die früher einmal für die Wassermühle Interesse gehabt hatten.

In schlechter Stimmung setzte man sich zum Mittagessen. Am frühen Nachmittag wollte Mattoni aufbrechen, um nach Bologna zurückzukehren. Raffaele begab sich nach Tisch gleich in die Stallung, um Pferd und Wagen für die Abreise fertigzumachen. Als Mattoni mit Frau Teresa allein war, faßte er sich Mut, nahm die Brille von den Augen, um mit dieser Bewegung seiner Verlegenheit Herr zu werden, und sagte: »Liebe Frau Teresa, ich habe zweitausend Lire und werde sie Ihnen schicken.« In die klaren Augen der Frau Teresa traten ein paar große Tränen. Sie faßte Mattonis Hand und sagte mit leiser Stimme: »Nein, nein, lieber Professor!« Dann ging sie ins Schlafzimmer, holte den Brief für ihren Bruder und bat Mattoni, ihn in Bologna zur Post zu geben, doch solle Raffaele nichts davon erfahren.

Von der Treppe her erscholl jetzt die Stimme Raffaeles. »Herr Professor Mattoni«, rief er mit gemachtem Nachdruck, »der Kutscher des Herrn Pisani ist hier unten und läßt Sie im Auftrage seines Herrn fragen, ob Sie mit Herrn Pisani zusammen nach Bologna fahren wollen?«

»Was soll ich?« fragte Mattoni verwirrt zurück.

»Sie sollen mit Pisani nach Bologna fahren«, berichtete Raffaele, der jetzt die Treppe heraufkam, »er hat einen besseren Wagen und schnellere Pferde als ich.«

Professor Mattoni weigerte sich energisch: »Nein, Raffaele, lassen Sie dem Manne sagen, daß ich nicht mit Herrn Pisani fahren werde, ich kenne ihn kaum und seine Freundschaft gar nicht.«

»Gut, mein Lieber, ich werde es Herrn Pisani mitteilen lassen.« Raffaele stieg die Treppe wieder hinunter, und man hörte das eilige Traben eines Maultieres auf dem Mühlenpflaster.

Mattoni war mit Frau Teresa wieder allein. Er öffnete den Geigenkasten und nahm die Geige heraus. »Wollen Sie zum Abschied spielen, Herr Professor?« fragte Teresa erstaunt. Der Professor schüttelte den Kopf. »Zum Spielen ist keine Zeit«, erwiderte er langsam, »vielleicht aber zum Überlegen. Raffaele ist doch in allen Dingen so geschickt, warum sollte es ihm nicht gelingen, auch Geigen zu bauen?«

Frau Teresa sah den Professor fragend an. Wie konnte es ihm in den Sinn kommen, an so etwas zu denken! Sie wußte nicht anders, als daß Geigenbauen von Jugend an gelernt sein wollte, und daß Jahr um Jahr fleißigen Bemühens dazu gehörte, um zu beachtlichen Leistungen zu gelangen. Wären solche Vorbedingungen nicht gewesen, wäre Raffaele wohl selbst schon auf einen solchen Gedanken gekommen. Jetzt war er bald vierzig Jahre alt. Was er noch lernen konnte, würde für die Beschäftigung im Alter, aber nicht mehr zum Broterwerb reichen. Selbst solche Aussichten schienen der nüchternen Überlegung der Frau Teresa schon weit über alle Möglichkeiten hinauszugehen. Professor Mattoni hatte das Schweigen Teresas abgewartet und fuhr fort: »Ihnen kommt mein Gedanke überraschend, und doch habe ich nur ausgesprochen, was mich schon oft beschäftigt hat. Ich fühlte mich nicht berufen, darüber zu reden, weil hier die Verhältnisse anders lagen und gewiß Bedenken bestehen, die mehrfach zu begründen wären. Muß aber doch hier alles anders werden, was mit Gottes gnädiger Hilfe immer noch verhütet werden mag, dann würde der Geigenbau für Raffaele in Bologna ein würdiger Beruf werden können.«

»Warum sagen Sie mir das und nicht Raffaele, er würde Ihnen wohl gleich seine Antwort geben?«

»Gerade deswegen sage ich es Ihnen, liebe Frau Teresa, denn ein solcher Plan reift am besten im eigenen Hause.«

Raffaele trat wieder ins Zimmer, um mitzuteilen, daß alles zur Abfahrt bereitet worden sei. Die drei Freunde verließen das Haus, und der kleine Professor wurde mit seinem wenigen Gepäck im Wagen wohl verpackt. Der Abschied war allen schmerzlich, nur der kleine Josephus rief beharrlich: »Onkel Mattoni, wir haben vergessen, das Lied zu singen!«

Der Kutscher des Herrn Pisani war auf seinem Maultier inzwischen wieder in Bazzano angelangt. Er richtete seine Botschaft der Frau Pisani, die vor der Haustüre saß, getreulich aus. Dafür empfing er laute Scheltworte von seiner ärgerlichen Herrin, die ihn einen Esel nannte, weil er mit Herrn Florenus statt mit Herrn Mattoni verhandelt habe, wie ihm aufgetragen worden sei. Auf die lauten Scheltworte ihrer Mutter kam nun auch Julietta aus dem Hause. Sie schrie ihre Mutter an, daß sie auf keinen Fall zu einem anderen Musiklehrer gehen würde, und jetzt habe man es mit Professor Mattoni verdorben. Frau Pisani wollte ihre Tochter damit beruhigen, daß es noch gar nicht so weit gekommen sei, aber Julietta lief heulend ins Haus. Der Kutscher stand noch immer geduldig bei seinem Maultier, was Frau Pisani veranlaßte, noch gröbere Scheltworte zu gebrauchen und aufgeregt hinter ihrer Tochter herzulaufen.

Der Kutscher führte gelassen das Maultier in den Stall, nahm den Sattel ab und strich dem Tiere freundschaftlich über den Hals. »Siehst du, Grauchen, jetzt sind wir uns gleich, denn die Frau Pisani hat aus mir auch einen halben Esel gemacht.«

Der Wagen war mit dem Professor Mattoni davongerollt, und Raffaele begab sich mit seiner Frau in die Müllerstube zurück. Die Geige lag noch neben dem Kasten auf dem Schreibtisch. Raffaele nahm sie zur Hand und fragte, ob Mattoni habe spielen wollen, was Teresa verneinte. Er drehte die Geige in den Händen um, beklopfte den Boden und horchte. »Ich weiß nicht, ob ich die Geige nicht einmal nachsehen lassen muß, es kommt mir so vor, als wenn sie nicht ganz in Ordnung sei. Ich werde sie in der nächsten Woche mit nach Bologna nehmen.« Er legte die Geige wieder hin, blickte auf seine Frau und fragte leise: »Wärest du mir böse, Teresa, wenn wir die Mühle nicht halten könnten?« Teresa antwortete mit fester Stimme: »Nein, Raffaele, wenn alles sehr schlimm kommt, dann ziehen wir nach Bologna und fangen dort ein Handwerk an oder machen einen Laden auf. Solange es Arbeit gibt, werden wir nicht verhungern.«

Raffaele war ans Fenster getreten und schaute auf den Mühlenhof. »Die Wirtschaft ist gut imstande«, meinte er bewegt, »das Haus ist in Ordnung. Das alte Mühlrad müßte auf neue Lager gelegt werden, dann würde es noch lange Jahre halten. Überschuldet ist das Anwesen nicht. Wenn das ewige Kriegsgeschrei nicht alle Leute ängstlich gemacht haben würde, dürfte Pisani nie auf den Gedanken gekommen sein, die Mühle so billig an sich zu bringen – und er soll sie auch nicht haben!« Das letzte fügte er mit zornigem Nachdruck hinzu.

Frau Teresa trat neben ihren Mann. »Unsere Sachen stehen nicht schlechter, als wir sie machen, Raffaele«, beruhigte sie ihn, »und es wird gewiß nicht alles nach dem Willen der Frau Pisani gehen.«

Nach der Abreise Mattonis mochten kaum vierzehn Tage vergangen sein. Der fällige Zinsbetrag war mit Hilfe eines Freundes rechtzeitig hinterlegt worden. Bald darauf hatte es sich gefügt, daß Raffaele ein ausstehendes Geld einbekam und davon sowohl diese Schuld begleichen wie auch die Zinsrate für den ersten Oktober sicherstellen konnte. Raffaele nahm diesen unerwarteten Lichtblick gleich für die ganze Sonne. Es bereitete seinem Übermute das größte Vergnügen, etlichen Bauernburschen, die auf Maultieren und Wagen Korn für die Mühle gebracht hatten, in der Müllerstube einige Stücke vorzugeigen, die sie eine Stunde lang von der Arbeit abhielten, und die Raffaele vor einer anderen Gesellschaft nicht geringe Ehre eingebracht haben würden. Raffaele war ein Künstler, und seine Laune brauchte den Schein des Glückes, um tätig sein zu können.

Der Postbote brachte einen dicken, versiegelten Brief. Da er an Frau Teresa gerichtet war, schickte Raffaele den Boten zu ihr und gab ihm lachend auf, sich einen Botenlohn zu holen. Frau Teresa ergriff den Brief mit Freuden. Er war von ihrem Bruder Carlo. Er enthielt einige Banknoten, Zeitungen, Briefe und ein längeres Begleitschreiben. Sie faltete den Brief erwartungsvoll auseinander und las: »... Der vortreffliche Professor Mattoni war persönlich bei mir. Da er Zeuge verschiedener Vorgänge bei Euch war, war er der Meinung, daß es angebracht sei, mit mir persönlich zu sprechen. Um Deinen Wünschen nachzukommen, wäre es nicht nötig gewesen, aber er trug mir einen Gedanken vor, den ich nach reiflicher Überlegung auch als meinen besten Ratschlag an Dich weitergeben möchte. Es gibt gewiß in Bologna schon Geigenbauer. Die vielen Saiten, die hier erklingen, würden Bologna nicht den Ruf einer großen Musikstadt eintragen, wenn nicht das Liceo musicale mit seinem braven Mattoni wäre. Also nach einem gemeinsamen Beschluß von Mattoni und mir soll Raffaele Geigenbauer werden, und zwar soll er bessere Geigen bauen als die hier beliebten Möbelstücke, die einem guten Schreiner Ruhm und Ehre einbrächten. Mattoni war der Ansicht, daß Raffaele zum mindesten Geigen bauen würde, auf denen er auch selbst spielen möchte. Eine bessere Probe läßt sich nicht finden, wenn man nicht gerade das Glück hat, das richtige Geheimnis in dem doppelten Boden eines alten Instrumentes zu entdecken. Mattoni ist auch überzeugt, daß Raffaele der Versuch gelingen wird. An der Geschicklichkeit Raffaeles ist gewiß nicht zu zweifeln und ebensowenig an seinem feinen Ohr. In seiner glücklichen Natur sind sehr viele Voraussetzungen vereint. Das Leben hat ihn jedoch bisher eine andere Bahn geführt. Er hat manche Kunst geliebt und geübt und damit seinen Werktag verschönt. Er müßte jetzt der unermüdliche Diener einer Kunst werden, die, adlig durch die Feinheit ihres Geschmackes, in vielen guten Häusern zu einer würdigen und gepflegten Beschäftigung geworden ist. Spreche Du selbst mit Raffaele darüber! Über diesen Ratschlag hätte ich fast etwas anderes vergessen, was für Euch im Augenblick von größerer Wichtigkeit sein wird. Der gute Mattoni ist nicht nur ein ausgezeichneter Musiklehrer, er ist in den Angelegenheiten seiner Freunde auch ein tüchtiger Geschäftsmann. Am Tage nach seiner Rückkehr von Euch hat der Getreidehändler Ernesto Pisani ihn in der Musikschule aufgesucht, um ihn zu bestimmen, seine Tochter Julietta in einen der Vorbildungskurse aufzunehmen. Mattoni bedauerte, ablehnen zu müssen, da die Kurse bereits vollzählig seien. Pisani erbot sich, die Honorare zu verdoppeln, doch Mattoni blieb standhaft. Als Pisani mit seinem Drängen nicht nachlassen wollte, stellte Mattoni die Forderung, Eueren Hypothekenvertrag zu den gleichen Bedingungen um ein Jahr zu verlängern, wobei er vorgab, daß seine eigenen Interessen ihn diese Forderung stellen ließen. Das schriftliche Einverständnis Pisanis ist diesem Schreiben beigefügt. Ihr habt also nun noch ein Jahr Zeit, Eure Maßnahmen zu treffen. Ihr müßt selbst wissen, ob es Eure Aufgabe ist, den Besitz der Mühle zu verteidigen, oder ob selbst unter günstigeren Verhältnissen am Samoggio in der Befolgung unseres Ratschlages eine aussichtsreichere Zukunft für Raffaele und Dich liegen würde.

Ich will Euch wünschen, daß Ihr das Richtige trefft. – Mattoni machte mir noch einige Andeutungen, die ich nicht recht verstanden habe, die aber wohl so zu verstehen sind, daß er, wenn Ihr nach Bologna übersiedelt, Euch dort in jeder Weise behilflich sein würde. Über die politischen Verhältnisse will ich nicht erst reden. Ich habe eine Anzahl Zeitungen beigefügt, aus denen Du manches entnehmen wirst. Hoffentlich wendet sich alles zum Guten für uns und für Italien ...«

Frau Teresa hatte den Brief zu Ende gelesen. Mit heißem Herzen dankte sie dem guten Mattoni und ihrem Bruder. Die günstige Wendung des Schicksals war ihr noch kaum faßbar. Die Erfüllung leise gehegter Hoffnungen glaubte sie wie ein unverdientes Geschenk empfinden zu sollen. Sie suchte nach einem Umstand, der ihre Freude vermindern sollte, um einer Enttäuschung auszuweichen. Im ewigen Widerspruch der menschlichen Natur mochte sie das Glück erst genießen, wenn sie den Schatten erkannte. Dieser Schatten war ihr der Zweifel an der Berufung Raffaeles zum Geigenbau. Es war kein Zweifel, der Hoffnungen ausschließen sollte, sondern der Zweifel, der als Amulett der Seele vor Torheiten schützt. Er machte Frau Teresa fröhlich wie ein Kind. Sie riß die Fenster auf, suchte nach Raffaele, rief seinen Namen und klatschte in die Hände. Der Müllerbursche, der glaubte, daß er gemeint sei, rief hinauf, Herr Raffaele sei bei dem kleinen Josephus auf dem Spielplatz am Mühlbach.

Eine Gehstunde von Bazzano in Richtung Bologna lag nicht weit von der Landstraße ein kleines Häuschen, in welchem von jeher ein Zimmermann gewohnt hatte, der den Bauern in der Umgebung Betten, Tische und Schränke anzufertigen hatte. Der Sohn des letzten Zimmermanns war aus der Art geschlagen. Die Wanderschaft hatte ihn in der Jugend nach Cremona geführt, und da war er zum Geigenbauer geworden. Er wäre später gerne in Bologna geblieben, nach dem Tode des Vaters war es jedoch vorteilhafter, mit der Familie in das kleine Häuschen zu ziehen. Seine Geigen brachte er nach Bologna, wo sie von einem Händler übernommen wurden. Der Meister war nicht ungeschickt, und seine Geigen wurden gekauft.

In der Werkstube des Meisters saß ein Lehrling, der erste, den er in seinem Leben hatte. Der Lehrling war anstellig und eifrig und erfüllte jedes Geheiß des Meisters auf das genaueste. Seine Hände waren stark und seine Finger fest und sicher. Wo der Meister einen Fehler übersehen wollte, ließ es der Lehrling nicht zu. Der ruhte nicht eher, bis die Stücke so waren, daß der Meister sie nicht von den seinen unterscheiden konnte. Man sah es seiner Art zu arbeiten an, daß seinen Händen wohl die Aufgabe neu, das Holz und die Werkzeuge aber gut vertraut waren. Der Lehrling war nicht mehr jung. Er reichte schon bald an das Alter des Meisters heran, doch hätte kein jüngerer von dem Ziele seines Tuns glühender eingenommen sein können, als es der Müller vom Samoggio war. Monatelang hatte er an Boden und Decke, Zarge und Schnecke gehobelt, geknebelt, gefalzt, gebohrt und geleimt, und dem Meister selber schien es bald übergenug zu werden. Der Lehrling konnte nicht immer des Tages in die Werkstatt kommen. Dann arbeitete er in die Nacht hinein und hörte erst auf, wenn die kleine Lampe über dem Hobelbrett zu verlöschen drohte. Die Frau Meisterin war manchmal recht unzufrieden, denn leise ging es nicht immer zu, und die Kinder wollten schlafen. Dann mußte der Meister sie beruhigen und dem Übereifer des Lehrlings Einhalt tun. Der Meister freute sich, wie diesem geschickten Manne die Arbeit, die er selbst so liebte, geschäftig von den Händen ging. Er war auch eifersüchtig auf seinen Lehrling, dessen überlegene Hand er zwanzig Jahre früher im Wettbewerb gefürchtet hätte. Den Müller vom Samoggio fürchtete er nicht. Seinen leidenschaftlichen Ehrgeiz, eine Geige zu bauen, schätzte er nicht anders ein wie das Vergnügen, welches ihn einen Wagen bauen ließ. Den Wagen hätte ihm niemand abgekauft. Der Müller mochte sich eine Geige bauen, sie mochte werden, wie sie wollte. Sie würde die erste und die letzte bleiben, und in Bazzano hätte man wieder ein Talent mehr an dem Müller zu bewundern.

So ungefähr dachte der Meister, und da ihm der Lehrling nützliche Arbeit leistete und noch Geld eintrug, hätte er nicht gewußt, warum er ihn nicht in allem unterweisen sollte. Der Meister hatte seine kleinen Kniffe und Pfiffe, wie jeder Geigenbauer sich die seinen erlernt oder erdenkt. Die behielt er für sich und sah nicht ohne Erstaunen, wie sein Lehrling auch Kniffe und Pfiffe anzuwenden wußte, die ihm bisher unbekannt waren, und die er Mühe hatte, ihm nachzumachen.

Der erste Advent war schon vorüber. Da bat der Lehrling den Meister, eine Geige für sich bauen zu dürfen. Er hatte sich alles beschafft, was er brauchte, und der Meister war neugierig einverstanden. Raffaele hatte ängstlich jede Sorgfalt geübt. Er nahm die genauesten Maße und schnitt die Hölzer um Haaresbreiten zurecht. Er wollte wissentlich kein Versäumnis begehen. Bei der Arbeit spürte er eine Lust des Schaffens, die anders war als bei den Künsten und Handwerken, die er sonst geübt hatte. Es war auch eine andere Freude als beim Malen und eine andere Leidenschaft als beim Spielen. Es lag ein geheimnisvoller Reiz in dem fortschreitenden Bau des Instrumentes, der sich bis zu den letzten Handgriffen fieberhaft steigerte. Wenn der Pinsel über die Leinwand strich, deckte er dem Auge auf, was es schaute. Wenn der Bogen über die Saiten glitt, zauberte er den Ohren die Wirklichkeit der Töne. Hier formten die Hände ein Instrument, das seinen eigenen Klang erst offenbarte, wenn die Saiten über den Steg gespannt waren. Die Ungewißheit zwischen dem Vertrauen auf das Gelingen und der Sorge um das Versagen fesselte die ganze Hingebung des Künstlers an das werdende Werk. Als alles getan war, wagte der Müller kaum, den Bogen zu erheben. Er stammelte in seinem Herzen ein Gebet und bat seinen Schöpfer, seine Hoffnung nicht als eine Vermessenheit anzusehen und ihm den Glauben zu lassen, daß ihm ein zweites Werk doch noch gelingen würde, wenn dieses erste verfehlt sei. Mit feierlicher Ruhe setzte er die Geige an das Kinn, senkte den Bogen auf die Saiten und spielte ein Ave-Maria. Er spielte, und er trank eine segnende Musik, denn die Geige hatte einen guten Klang. Der biedere Meister belobte ihn und schüttelte ihm die Hand. Die Frau Meisterin sah auf den geigenden Mann wie auf einen Geist aus fremder Welt.

Von jetzt ab sollte die Meisterin ihre Ruhe wieder haben. Der Müller vom Samoggio packte seine Werkzeuge zusammen und schlug ein wollenes Tuch um sein Instrument. Dankbar nahm er Abschied und kehrte mit einem Herzen voll Stolz und Lust am winterlichen Abend in die Mühle heim.

Am andern Morgen ging Raffaele nach dem Frühstück in die Küche und bat seine Frau, in die Müllerstube zu kommen, da er ihr unbedingt etwas vorspielen müsse. Frau Teresa erwiderte unwillig, das Geigenspielen müßte auch einmal zurücktreten hinter die Geschäfte, und der Morgen gehöre der Arbeit. Raffaele lachte, er gäbe ihr recht, aber es sei eine Weihnachtszeit, und in dieser habe man mit Überraschungen zu rechnen. Solche Worte konnten Frau Teresa zwar nicht überzeugen, doch wußte sie, daß Raffaele nicht mit guter Laune von seinem Vorhaben abzubringen gewesen wäre. Sie folgte ihrem Manne in die Müllerstube, und Raffaele setzte die Geige an. Er spielte mit jubelnder Begeisterung, und Teresas innerer Widerstand lockerte sich gegen ihren Willen. Raffaele brach ab und fragte, wie es ihr gefallen habe. Frau Teresa erwiderte: »Was du gespielt hast, war sehr schön. War es deswegen, daß ich kommen sollte?«

»Nein, aber wie gefiel dir der Ton der Geige?«

»Wieso, hast du sie repariert? – Vielleicht ist der Ton etwas weicher geworden.«

Raffaele legte seiner Frau den rechten Arm um den Hals und hielt ihr mit der linken die Geige vor Augen. »Sieh sie dir an, Teresa«, rief er in glücklichem Stolz, »diese Geige ist mein Weihnachtsgeschenk!« Frau Teresa nahm die Geige in die Hand und blickte auf ihren Mann. »Soll das heißen, daß du diese Geige gebaut hast?« fragte sie unruhig. Raffaele gab seiner Frau einen Kuß auf die Stirn. »Diese Geige habe ich gemacht, Teresa«, betonte er feierlich, »mein Lehrmeister war zufrieden, und wenn sie dir gefällt, wird sie anderen wohl auch gefallen.«

Es war also geglückt. Frau Teresa hatte damals den Brief ihres Bruders Raffaele zu lesen gegeben und hatte mit ihm über die Anregung Mattonis wiederholt gesprochen. Das Vertrauen Mattonis und der Zweifel des Schwagers hatten in Raffaele den ehrgeizigen Wunsch entzündet, die Probe zu machen und sie zu bestehen. Alle Fertigkeiten, die er bisher entwickelt hatte, waren von ihm als Autodidakt und Dilettant geübt worden. Die Dinge waren zu ihm gekommen, er hatte sie sich abgesehen, und seine Laune hatte sie erfaßt. Hand und Auge hatten schon manches Mal das Instrument prüfend gemessen, er hätte sich aber nicht getraut, eine Geige nach dem Modell zu arbeiten. So ließ er immer wieder davon. Es fiel dem Manne der Entschluß nicht leicht, noch einmal an die Lehrbank zu treten, doch er wollte und mußte eine Geige bauen, und Geigenbauen wollte gelernt sein. Es mußte heimlich geschehen. Er war so rasch im Tun wie sie im Denken. Während sie in den langen Monaten wortlos darum bangte, ob Raffaele die unerhörte Aufgabe gelingen würde, hatte er bereits das Gesellenstück in seinen Händen. Es ließ ihn nicht los, und Raffaele wurde ein Geigenbauer.

Das Ereignis war für Frau Teresa eine große Überraschung. Raffaeles handwerkliche Geschicklichkeiten hatte sie gewürdigt, weil er damit im Betriebe der Mühle und in der Einrichtung des Hauses so viele fremde Hände fernhielt. Es blieben aber für sie doch nur Handarbeiten, die jeder geschickte Handwerker zustande bringen konnte. Mit den künstlerischen Leistungen Raffaeles als Maler und Musiker ging ihr feinsinniger Geist harmonischer zusammen. Die Urteile Mattonis und ihres Bruders waren ihr von höchstem Wert. Raffaele war es bisher nicht gelungen, mit deren Empfehlungen in andere Kreise zu dringen. Der talentierte Müller von Bazzano war den meisten doch nur ein Müller. Man fand ihn interessant, und das war alles. Teresa konnte sich ausschließen von der Welt und in der Mühle von Bazzano ihre Pflichten ohne Bitterkeit erfüllen, sie konnte sich in einem edlen Sinne bescheiden, ohne zu entsagen; die Geringschätzung Raffaeles und seines Könnens mochte sie aber nicht ertragen. Das konnte in Bologna alles anders werden.

In Frau Teresa war es eher als in Raffaele entschieden, daß die unerwartet günstige Wendung zu dem Entschluß führen mußte, die Mühle zu verkaufen. Sie befürchtete nicht, daß der Versuch, sie zu halten, aussichtslos gewesen wäre; im Gegenteil, aus den Zeitungen, die ihr Bruder ihr gesandt hatte, entnahm sie, daß mit der Klärung der politischen Verhältnisse in Italien die wirtschaftlichen Zustände wieder besser werden würden. In den glücklichen Zufällen sah sie die Zeichen des Himmels, die Raffaele veranlassen sollten, den ungebrochenen Lebensmut für höhere Aufgaben einzusetzen. In ihrem Gewissen sprach noch eine andere Stimme. Der kleine Josephus war ein Kind von ihrem Herzen. Sie wollte sorgen, daß er erhielt, was sie entbehrte. Sie hatte es mit dem Kinde nicht leicht. Der Knabe war manchmal seltsam frühreif und altklug, was er weder von seinen Spielkameraden noch von dem Umgang mit Erwachsenen angenommen haben konnte. Sie spürte in dem Kinde eine kluge und willensstarke Geschlossenheit, die sich früh ausprägte. Das Kind war jetzt sechs Jahre alt und mußte bald zur Schule. Frau Teresa hätte es sich nie verziehen, wenn sie das Kind in die Dorfschule gebracht hätte. Von allen Gründen war dieser der unveränderlichste. Der kleine Josephus mußte zur Schule nach Bologna.

2. Bononia docet

Seit vier Jahren lebte Raffaele mit seiner Familie in Bologna. Unter den Geigenbauern der Stadt hatte er sich einen Namen gemacht, den die andern mit Neid und Achtung nannten. Was sein Lehrmeister nicht fürchten mochte, war eingetreten, und der Lehrmeister saß nun manche Stunde bei Raffaele, wenn seine Geschäfte ihn nach Bologna führten. Er berichtete dann auch getreulich, was sich inzwischen in Bazzano und in der Mühle ereignete. Seine alten Freunde am Samoggio waren am meisten darüber verwundert, daß er seinen neuen Beruf mit ebensoviel Ausdauer wie Geschick betrieb.

Es war seltsam mit dieser reichbegabten Natur, die in sprunghafter Genialität Klang und Farbe meisterte, um dann wieder die Zügel aus der Hand zu werfen und in profaner Arbeit Befriedigung und Gewinn zu suchen. Es ist ein Geheimnis um die innere Bestimmung des Menschen. Das Ich und sein Werk sind nicht im Bewußtsein klar verbunden. Die zutage liegenden Eigenschaften enthalten keineswegs die Schlüssel des Wesens. Was als leuchtende Blüte oder als dauernde Kraft in die Mit- und Nachwelt übergehen soll, verrät sich erst in einem Augenblick, den niemand, auch der Mensch selbst nicht, vorher kannte. Das, was in Erscheinung tritt, wissen wir erst später zu erkennen und zu erklären, wenn es sich zu sichtbarer Form verdichtet hat. Wir geben uns keine Rechenschaft darüber, daß andere und größere Umstände bedeutungslos blieben. Die Maler, Musiker und Handwerker, die Raffaele kannten, hätten ihm alle bezeugt, daß er als einer der Ihren nicht der Geringste geworden wäre. Hätten sie ihn aber in ihre Lehre genommen, damit er ein Maler, ein Musiker oder ein Handwerker würde, sie wären alle enttäuscht gewesen durch den Mangel an Ausdauer und Tiefe. Wir sprechen vom Kunstsinn und vom Kunstverstand. Das sind Eigenschaften intelligenter Dilettanten. Die Kunst steht über diesen Begriffen, und ihr Meister bleibt immer ihr Diener. In der Kunst ist Beruf und Berufung dasselbe, und wo es nicht dasselbe ist, da ist auch keine Kunst.

Die Himmelsleiter schöner Fähigkeiten reicht nicht in die Ewigkeit der Kunst. Dreißig Jahre lang hatte Raffaele Wege des Schaffens gesucht. Lob und Stolz und ihre fahlen Geschwister Schmeichelei und Eitelkeit hatten ihn zum Werke getrieben. Es war alles wie nichts. In einer einzigen Stunde seines Lebens, in der er selber nie den Schlüsselpunkt gesucht hätte, stieg in ihm aus heißer Inbrunst voll Sorge und Lust um das dem Unsichtbaren zu Entreißende, dem Nichts Entgegenschaffende der gotterfüllte Künstler auf. Im Innern rätselhafter Kreise war eine Ader angeschlagen worden, die unversieglich strömen wollte. Einmal Geglücktes war nicht mehr Befriedigung. Das Werk war nicht mehr Zweck der Arbeit, das Werken selbst wurde Sinn und Trieb. Was fertig war, fiel ab wie reife Frucht, um neuen Früchten Raum zu geben. Die Früchte sind wie ewige Gedanken, und ihre Fruchtung hat der Schöpfer selbst als Lust und Schmerz tief in die Künstlerbrust gesenkt. Raffaele hätte nicht Musiker und nicht Maler werden können. Die übermütige Seele spielte wohl mit Klang und Farbe. In seinem Herzen aber quälte sich nicht die wilde Not von Ton und Licht. Er blieb ein Dilettant. Der Geigenbau zog ihn in eine andere Sphäre. Der ersten Geige waren schon viele nachgefolgt, bessere und schlechtere. Raffaele rang um das Problem des sicheren Gelingens. Er spürte, daß das Gelingen und nicht das Können die Krone aller Kunst sein müßte. In jedem neuen Instrumente erhoffte er die Entdeckung des großen Zaubers. Er saß oft vor dem Gehäuse wie der Alchimist vor seinem Kolben. Er war überzeugt wie dieser, daß alles da war, um die richtige Mischung zu bereiten. Raffaele hatte ein ungewöhnlich feines Ohr und ein harmonisches Gefühl, das seinem Geigenspiel zuweilen den höchsten Reiz verleihen konnte. Es war natürlich, daß er seine Musik wie seine Geschicklichkeit in den Dienst des Geigenbaues stellte. Wie Professor Mattoni vorausgesehen hatte, ging keine Geige aus seinen Händen, deren Wohlklang ihn nicht befriedigt hätte. Was seinem Gehör nicht paßte, nahm er auseinander, wechselte er aus, arbeitete er nach und schlug er auch wohl aus Ungeduld in Stücke. So bewährten sich seine Geigen und errangen sich ihren Ruf. Raffaele hätte die Gaben gehabt, den rechten Weg des Geigenbaues finden zu können. Der Mensch ist aber ein schlechter Richter seines Könnens. Es treibt ihn, eigensinnig einer Spur zu folgen, die ihm die Eigenliebe falsch gezeigt. An jedem Instrumente übte Raffaele die Geschicklichkeit. In ihr sah er die herrlichste Vollendung. Raffaele besaß ein feines Gehör, aber niemals würde ihm der Gedanke gekommen sein, mit seinem Ohre den Bau der Geige zu studieren.

Aus dem verfehlten Problem wurde kein verfehltes Leben. Die organische Natur strebt nicht auf kürzestem Wege nach oben. Soll die Spitze hoch, muß der Boden breit sein. Unsere Entwicklungen gehen wie die Zweige und die Blätter des Baumes in tausend Richtungen. Es ist ein jedes ein Werk für sich, doch eines trägt das andere, und alles ist erst das Ganze. Was Raffaele in suchendem Fleiße ausmaß, waren Fundament und Vorstufen der großen Pyramide, die sich aus einem anderen Willen aufrichten mußte.

An dem raschen Aufstieg Raffaeles als Geigenbauer in Bologna hatte Professor Mattoni einen weitreichenden Anteil. Die ersten Geigen Raffaeles hatte er selbst geprüft und gespielt. Seine Schüler, die Geigen kaufen wollten, schickte er zu ihm, und manches gute Stück Geld aus reicher Hand kam durch seine Fürsorge in den Palazzo Pepoli. Der Freundeskreis Raffaeles hatte sich rasch erweitert. Männer von Stand schenkten ihm ihre Gunst. Die künstlerische und literarische Fachwelt nannte seinen Namen und fragte nach seinem Rat. Frau Teresa hatte den Auftakt des neuen Lebens mit Befriedigung hingenommen. Die bewegte große Stadt voll Gelehrsamkeit, Musik, Theater, Prunk und Gesellschaft weckte aus den schlummernden Gedanken ehrgeizige Hoffnungen. Was am Samoggio in ländlicher Einsamkeit nur das Gute wahrte, entfaltete sich in Bologna zu dem Stolz auf den ersten Geigenbauer der Stadt.

Das Geschäft Raffaeles war in der Mittagszeit oft der Sammelpunkt unterhaltender Gäste. Die halbe Stunde vor dem Essen verplauderte man in Bologna gerne, und es war eine alte Gewohnheit, in Kaufläden und Handwerkerstuben Bekannte zu treffen. Professor Mattoni weilte in dieser Stunde, wenn er vom Lyzeum kam, oft bei Raffaele. Seine gesuchte Persönlichkeit hatte viele Schüler, Freunde und Fremde hingezogen. Mattoni hatte ein hohes Interesse am Instrumentenbau. In seinen Studien war er zu dem Ergebnis gelangt, daß zwischen der Tonfülle der Saiten und dem Eigenton des Instrumentes eine Beziehung bestand, die mit der Tonhöhe veränderlich war. Die Resonanz hatte stärkere und schwächere Momente, und auch Störungen waren wahrzunehmen. Das Tonbild eines Instrumentes, als welches er das Verhältnis des Tonumfanges der Saiten zum Eigenton des Instrumentes bezeichnete, konnte harmonisch und verzerrt sein. Das war der Unterschied zwischen den guten und den schlechten Geigen. Mattoni hatte Raffaele aus guter Überlegung auf den Geigenbau gelenkt. Seine virtuose Meisterschaft der Harmonie, so hoffte er, würde die geschickten Hände das Moment erfassen lassen, in welchem der Eigenton den ganzen Tonumfang melodisch tragen würde. In der Erfüllung der Vorbedingung hatte sich Mattoni nicht getäuscht. Raffaeles Instrumente überragten die der anderen Geigenbauer bei weitem, aber die Virtuosität der Tonbeherrschung wollte sich bei seinem Geigenbau nicht in das Methodische umsetzen. Jedes Instrument blieb ein Versuch. Die Systematik der Tongesetze legte nach der Ansicht Mattonis unabänderliche Bedingungen für die Tonerzeugung fest. An der Arbeit Raffaeles erkannte er, daß seine experimentelle Methode immer nur den Zufall treffen würde. Aus den mißglückten Geigen Raffaeles hatte er mehr gelernt als aus den guten. Sie stärkten seine Überzeugung von der Notwendigkeit, die akustischen Regeln des Baues auffinden zu müssen. Es mußte welche geben. Die großen Cremonenser Meister hatten sie gekannt. Kein Zufall hatte ihre Werke regiert. Es waren viele mit Wünschelruten hinter ihnen hergelaufen. So manche große Geigenkünstler hatte es gegeben. Man hatte von keinem gehört, daß er seine Geigen selber gebaut hätte. Das konnte sein, weil Kunst und Zeit ihn dazu nicht kommen ließen. Vielleicht wäre mancher ein großer Geigenbauer geworden. Manche großen Geigenbauer waren auch wirklich große Geiger gewesen, aber beim Geigenbauen vernachlässigten sie das Spielen. Mußte man ein Musiker sein? Oder gab es zwei menschliche Begabungen, die unendlich nahe beieinanderlagen, und deren Genialität doch aus verschiedenen Wurzeln sprang? Die Eingebung der Musik mußte etwas anderes sein als die feine Tonempfindung, die eine bauende und bildnerische Kraft besaß.

Professor Mattoni hatte Raffaele manches Buch über den Geigenbau gebracht. Anfangs hatte Raffaele diese Bücher mit Eifer gelesen. Viele enthielten langweilige Beschreibungen über Art, Auswahl und Behandlung des Holzes, andere beschäftigten sich mit den Verschiedenheiten der Ausmessungen, und wieder andere wollten mit einem besonderen Lack den Ton der Geige verklären. Viele Bücher ergingen sich in geheimnisvollen Andeutungen. Sie erließen für die Anfertigung von Geigen Vorschriften wie für das Gießen von Freikugeln. Sicherheitshalber waren diesen Büchern Rezepte beigegeben, nach welchen die arme Seele sich vor den Rechten des Teufels schützen sollte. Professor Mattoni hatte diese Bücher durchgesehen, um irgendwo brauchbare Anhaltspunkte zu entdecken. Das krause Zeug nahm er mit in den Kauf, da er wußte, daß in vergangener Zeit mancher wahre Gedanke absichtlich in einen verwirrenden Unsinn versteckt worden war. Andere unverständige Worte waren Zeichen der Zunft, die ihre Geheimnisse nicht Fremden verraten wollte. Für Professor Mattoni war das Ergebnis des Studiums ziemlich belanglos geblieben, was er auf seine praktische Unkenntnis des Geigenbaues zurückführte. Deshalb gab er die Bücher Raffaele, der ihnen auch manche Winke entnahm. Wichtiger war aber, daß ihm durch diese Lektüre zum ersten Male die problematische Natur des Geigenbaues in ihrer mystischen Größe aufging. Lösungen und Erklärungen fand er nicht. Den geheimnisvollen Prozeduren konnte er keinen Geschmack abgewinnen. So wandte auch er sich von der Literatur wieder ab und blieb mit seinen Gedanken allein. Theoretische Erwägungen fielen Raffaele schwer. Rasch wie seine Gedanken waren auch seine Handlungen. Zeit war für ihn ein Faktor, den er nur tätig in Werk und Gefühl, aber nicht in Gedanken auszunutzen verstand. Er war ein Improvisator und ein Experimentator von großer Anlage, und vielleicht fesselte ihn der Geigenbau nur deswegen immer von neuem, weil die Fehler seine Erfindungsgabe reizten. Er spielte jetzt nur noch selten auf der Geige, eigentlich nur dann noch, wenn er seine Instrumente prüfte. Diese Fähigkeit gab ihm den Vorrang vor den anderen, und es war nicht verwunderlich, daß er in ihr das künstlerische Kriterium des Geigenbaues sah.

An einem Sonntagvormittag saß Raffaele in der Werkstatt. Sein Sohn Josephus, der nun im zwölften Jahre war, stand bei ihm und sah seinem Arbeiten zu. Der Knabe hatte ein glühendes Interesse für die Geige. Alle anderen kindlichen Beschäftigungen traten für ihn hinter das Vergnügen zurück, seinem Vater in der Werkstatt zuschauen zu dürfen. Raffaele sah es nicht gern. Er hatte ihm streng verboten, die Hölzer anzurühren oder die Werkzeuge zu gebrauchen. Einige abgenutzte Werkzeuge hatte er dem Knaben für seine Spielereien geschenkt. Josephus hatte sie wie ein Heiligtum verwahrt, und als er einmal ein wenig Geld beisammen hatte, ging er mit ihnen zum Scherenschleifer, um sie wieder schärfen und richten zu lassen. Er gebrauchte sie nicht, sondern verwahrte sie sorgfältig unter seinen kleinen Besitztümern. An unbrauchbarem Holze wollte er seine schönen Instrumente nicht verderben, und Geigenholz besaß er noch nicht. Er hatte sich auch einmal mit dem Geigenspielen, welches er bei Professor Mattoni erlernte, vor seinem Vater versucht. Der hatte ihm einige Augenblicke zugehört und ihm dann den Bogen aus der Hand genommen mit den Worten, daß er nie ein Geigenspieler werden würde. Es war dem Jungen sehr hart und bitter gewesen. Wochenlang übte er trotzig auf der Geige, dann legte er sie beiseite und gab seinem Vater recht. Die herbe Enttäuschung konnte seine Liebe zur Geige nicht stören, und sollte er sie nicht spielen, so wollte er sie bauen. Er schlüpfte oft in die Werkstatt seines Vaters. Es war ihm schwer, das Gebot zu achten und die Hände zurückzuhalten. Die eifrige Hilfeleistung, die er seinem Vater bot, hatte fast nur den Grund, die verbotenen Gegenstände zu befassen und zu betrachten. Die auferlegte Zurückhaltung zwang ihn, das Auge schärfer zu gebrauchen. Er maß und urteilte mit den Blicken, folgte den Handgriffen des Vaters und prägte sich alles unverwischbar ein. Er hätte über jedes Teilchen einer Geige die genaueste Auskunft geben können, ohne sie in der Hand gehabt oder mit den Fingern zusammengepaßt zu haben.

An diesem Morgen war Josephus unruhig und unaufmerksam. Er wollte seinem Vater etwas sagen und wußte es nicht anzubringen. Als er sich Mut gefaßt hatte, schien die Aussicht noch geringer zu werden, denn Professor Mattoni trat plötzlich in die Werkstatt. Josephus hing an dem gütigen Professor mit kindlicher Verehrung, aber er schwieg, weil ihm sein Vater in Gegenwart eines Gastes kein Wort erlaubt hätte.

»Ein schöner Tag heute, Meister Raffaele«, begrüßte Mattoni seinen Freund, »es ist Sonntag, und Ihr seid so fleißig. Was machst denn du dabei, Josephus, du willst wohl auch schon Geigen bauen?«

Josephus blickte auf seinen Vater und antwortete bescheiden: »Wenn ich es darf, Onkel Mattoni.«

»Warum nicht, Josephus?« fragte Mattoni lächelnd, »der Geigenbau ist nun einmal ein Familienberuf, und warum soll er in der Familie Florenus nicht ebenso erblich sein wie in der Familie Amati!«

Raffaele drehte sich auf seinem Stuhle herum. »Was für Geigen soll er denn bauen, verehrter Herr Professor? Baßgeigen vielleicht, dafür wird sein musikalisches Talent noch ausreichen, aber dann kann er ebensogut Drahtsaiten über Kleiderkästen spannen. Das ist vielseitig, und er kann es dem Käufer überlassen, was er mit dem Kasten anfangen will!« Raffaele lachte.

»Warum soll er keine Baßgeigen bauen?« versetzte Mattoni ruhig, »ich glaube nicht einmal, daß die Käufer sie als Kleiderkästen benutzen würden. Aber lassen wir einmal die Scherze beiseite! Sie beurteilen Josephus nicht richtig, Meister Raffaele. Er kann die Töne schärfer unterscheiden als ich und hat bei keiner Prüfung jemals einen falschen Ton genannt.«

»Das mag alles sein, Herr Professor, aber Josephus hat keine Musik im Ohr. Er setzt den Bogen an, als wenn er Bretter sägen will. Das ist keine Musik und wird keine werden.«

»Er will ja auch gar nicht Musiker werden, wie ich meine, sondern Geigenbauer!«

»Das kommt doch auf dasselbe heraus, lieber Mattoni«, entgegnete Raffaele und legte die Schnecke, an der er feilte, auf den Tisch. »Wie will er Geigen bauen, wenn er nicht auf ihnen spielen kann?«

»Ein Sattler braucht auch nicht reiten zu können.«

»Nein, ein Schmied braucht auch nicht fechten zu können, aber wenn ein Schwimmlehrer nicht schwimmen kann, werden seine Schüler ertrinken. Vergleiche kann man haben, soviele wie man will, und passen können sie auch, der Geigenbau ist aber eine besondere Kunst!«

»Das ist er gewiß«, bestätigte Mattoni, »Josephus hat ein so großes Interesse daran, daß es mir unrecht erscheinen will, ihn immer wieder davon abzuhalten.«

»Die Liebe zur Kunst macht noch keinen Künstler, Herr Professor. Sehen Sie sich die vielen Leute hier in Bologna an, die Geigen bauen und nichts davon verstehen. Sie arbeiten brav und sorgfältig, und doch ist jeder Käufer betrogen. Soll Josephus ihre Zahl vermehren? Haben Sie nicht selbst gesagt, daß meine Überlegenheit, wenn ich es Ihnen nachsprechen darf, mehr in meinem Gehör als in meiner Hand liegt?«

»Gewiß, Meister Raffaele, aber Sie wissen auch, daß ich diese Eigenschaft nicht so ausschließlich gelten lasse wie Sie. Wir kommen aber davon ab. Ich meine, Josephus hat ein sehr gutes Gehör, und daß er Ihre geschickte Hand geerbt hat, bezweifeln Sie selber nicht.«

»Was nützt ihm das, wenn ihm die Töne keine Musik sind! Kann man eine Geige bauen dadurch, daß man die Hölzer abklopft? Dann wird ein Xylophon daraus, aber niemals eine Geige. Der Ton ist nichts Einzelnes, nichts Starres, nichts Unbewegliches, der Ton ist lebendig wie eine organische Zelle, und Musik ist der Körper, den diese Zellen bilden.«

»Es gehen unsere Meinungen darin nicht weit auseinander, doch warum wollen Sie Josephus nicht Ihren Beruf ergreifen lassen? Sie waren selbst schon fast vierzig Jahre alt, als Sie anfingen, Geigen zu bauen, und Sie haben sich durchgesetzt. Josephus ist ein Knabe, und vielleicht entspringt seine Liebe nur der Spielerei eines Kindes. Dann hört sie mit dem Kindesalter auch auf, und er kann beginnen, was Sie für angemessen halten. Hört sie aber nicht auf und wird die Spielerei ein tiefer Ernst, dann hat er das Wertvollste gewonnen, was die Jugend ihm bringen kann, eine frühe Erfahrung.«

Raffaele war nachdenklich geworden und blickte auf seinen Sohn, der mit dankbar leuchtenden Augen den Worten Mattonis gefolgt war. »Josephus«, fragte Raffaele, »möchtest du wirklich ein Geigenbauer werden?« Josephus richtete die Augen fest und gerade auf seinen Vater und antwortete: »Ja, Vater, das will ich.« Raffaele zog seinen Sohn zu sich heran und sagte: »Du bist wie deine Mutter, du wirst tun, was du willst, heute oder später. Wenn die Zeit des Lernens kommt, will ich dir nicht im Wege sein.« Raffaele machte eine Pause und fuhr dann freundlicher fort: »Der Geigenbau ist eine schwere Kunst. Man muß ein doppelter Mensch, ein Handwerker und ein Musiker sein, will man sie meistern und nicht wie ein Flickschuster nach fremden Leisten klopfen. An Geschicklichkeit wird es dir nicht fehlen, ein Musiker bist du nicht und wirst du nicht. Ich könnte dir daher nicht raten, ein Geigenbauer zu werden. Herr Professor Mattoni ist anderer Ansicht, und er hat auch recht. So will ich das Weitere dir und ihm überlassen. Es wird sich zeigen, was daraus wird.« Josephus fiel seinem Vater um den Hals, um ihm zu danken. Raffaele zeigte auf den Arbeitstisch und sagte: »Sieh hier, Josephus, da liegen Hölzer und Werkzeuge, Zirkel, Maßbänder, Pinsel und was alles zum Geigenbau gehört. Wie die Hände mit allem zu arbeiten haben, werde ich dir zeigen, wenn deine Lehre beginnt. Das andere kann ich dir nicht zeigen, das mußt du haben, aber auch das Handwerk ist schwer, Josephus, sehr schwer. Viel Arbeit und Geduld, Feinheit und Kraft sind erforderlich, um diese Kästen herzustellen, die Wertvolleres zu tragen haben als Gold und Edelsteine, die Stimme der Engel.« Josephus blickte wieder auf seinen Vater und fragte: »Was ist das Schwerste an der Geige, Vater?« Raffaele fuhr mit der Hand über die Augen und nickte mit dem Kopfe. »Mein lieber Junge, das Schwerste ist das letzte, welches ich dir nicht geben kann. Aber daran hast du noch nicht gedacht. Das Schwerste für die Hand, das ist die Schnecke.« Er nahm das Stück, an welchem er gearbeitet hatte, vom Tisch und hielt es Josephus vor die Augen. »Sieh«, fuhr er fort, »es ist wie die Krone des Ganzen, edel und stolz. Die Hand, die sie formt, muß fest im Griff und sicher im Gefühl sein. Nun aber geh zur Mutter und bitte sie, mit dem Essen eine halbe Stunde zu warten, ich will mit Herrn Professor Mattoni noch einen kleinen Spaziergang bis zu den Türmen machen, es ist das Wetter so schön.« Josephus hatte heiße Wangen gekriegt, und die kindliche Artigkeit, mit der er sich von Onkel Mattoni verabschiedete, fiel etwas kurz aus. Rasch und lustig sprang er die Treppen zu seiner Mutter empor.

Professor Mattoni hatte das Gespräch zwischen Vater und Sohn bewegt mitangehört. Er hatte das Gefühl, daß sich in diesem Augenblicke mehr erfüllte, als der Wunsch eines Kindes. Josephus hatte bei ihm Unterricht. Er kannte die Klugheit und den Ehrgeiz und die auffallende tonklare musikalische Begabung des Knaben. Auf die Frage, was er werden wolle, hatte Josephus mit Bestimmtheit geantwortet: »Mein Vater sagt, daß ich kein Musiker werden kann, aber ich höre, wie die Geigen klingen, und ich will ein Geigenbauer sein.« Auch Frau Teresa hätte die Interessen ihres Sohnes gerne auf etwas anderes gelenkt und ihn auf die Hohe Schule in Bologna gebracht. Josephus wollte nicht.

Raffaele hatte das Werkzeug zusammengeräumt und sich zum Gehen fertiggemacht. Mattoni faßte seine Hand. »Sie haben gesehen, Meister Raffaele, was Sie dem Knaben für eine Freude gemacht haben. Lassen Sie ihm seinen Willen. Gott wird es recht machen, und ich wünsche Ihnen, daß Sie glücklich sein werden, es zu erleben!«

Die beiden Männer traten auf die Straße. Beide waren von Gedanken erfüllt und gingen schweigend durch die grüßenden und lachenden Sonntagsmenschen hindurch, von denen sie manchen Gruß übersahen. Die Nachbarn flüsterten, Meister Raffaele sei wieder zu einem großen Herrn gerufen, denn der Professor Mattoni sehe so feierlich aus.

»Als ich heute morgen zu Ihnen kam, Meister Raffaele«, nahm Professor Mattoni das Gespräch wieder auf, »hatte ich eigentlich etwas anderes auf dem Herzen. Die Anwesenheit des Knaben lenkte mich ab, und ich bin froh, mit Ihnen über ihn gesprochen zu haben, was ich längst vorhatte. Nein, es war etwas anderes. Sie kennen den Namen Antonio Marchi, der voreinst in Bologna einen guten Ruf als Geigenbauer genoß. Er war nicht nur ein Bauer von Geigen, sondern auch ein Forscher Ihrer Wissenschaft. Ihn plagte, wie so viele, das Rätsel der Cremonenser Kunst. Marchi hatte manche Gespräche mit dem Grafen Cozio Salabue, der als ein vortrefflicher Kenner des Lebens und der Werke Stradivaris galt. In der Bibliothek des Musikalischen Lyzeums fand ich ein Büchlein über den italienischen Geigenbau, dessen Inhalt sonst nicht wichtig ist, aber eine Äußerung Marchis enthielt, die mir interessant genug ist, um sie Ihnen mitzuteilen. Marchi sagt dort, daß es ihn getrieben habe, festzustellen, ob beim Geigenbau dem Holze eine entscheidende Bedeutung zukomme. Er habe viele Instrumente untersucht und habe gefunden, daß merkwürdigerweise so manche Geigen aus elendem Holz einen guten Klang und andere von edelstem Holze einen schlechten Klang gehabt hätten. Er habe bei beiden die Arbeit studiert und die Technik geprüft, und er habe weder die Ursache der Vorzüge noch der Mängel entdecken können. Bei anderen Geigen seien offenkundige Fehler vorhanden gewesen, die sich leicht beseitigen ließen. Danach zeigten die Geigen einen besseren Klang. Er sei zu der Überzeugung gekommen, daß am Holze wenig, an der Arbeit viel und an dem Genius des Meisters alles gelegen sei.«

»Halten Sie die Feststellungen Marchis für verwandt mit meinen Auffassungen?« fragte Raffaele interessiert.

»Anfangs dachte ich daran, dann kamen Zweifel. Hätte Antonio Marchi im Spielen der Geige mehr als den gewöhnlichen Prüfstein, ja, mehr als die Feststellung des fertigen Ergebnisses gesehen, hätte er dem feineren musikalischen Gehör und der Empfindung für die melodische Verbindung der Töne auch diese Bedeutung zugesprochen, er würde gewiß nicht unterlassen haben, dieses Kriterium seiner Äußerung beizufügen.«

»Das wird er von seinem Standpunkt aus für selbstverständlich gehalten haben.«

Mattoni schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht«, fuhr er eifrig fort, »Antonio Marchi kannte die Geigen Antonio Stradivaris. Soviel er auch untersuchte, sie waren alle verschieden in der Stärke der Hölzer und in deren Verhältnissen zueinander. Manche hatten Böden von fast gefährlicher Dünne, andere waren auffallend stabil. Nur eins war allen Geigen gemeinsam, und das war der vollendet schöne Korpuston. Antonio Marchi fand den Zusammenhang nicht. Er gab alle Forschungen und Experimente auf und begnügte sich, die Geigen nach seinem eigenen Feingefühl zu bauen.«

»Ich meine doch«, beharrte Raffaele, »daß meine Methode der von Marchi sehr ähnlich ist. Aus dem Studieren habe ich mir auch nicht sehr viel gemacht. Die Sache wird immer die gleiche sein, der eine kann mehr als der andere, und ein Stradivari ist so selten wie ein Dante. Experimentiert wird Stradivari auch haben; denn wenn Marchi feststellt, daß er dann diese und dann jene Hölzer gebraucht und in verschiedenen Stärken und Verhältnissen gearbeitet habe, dann sehe ich darin, daß er auch nur experimentiert hat. Wenn ihm ein Ton unvollkommen erschien, hat er ihn durch Eingriffe in den Bau abgeändert, und die Instrumente, die ihm nicht gefallen haben, hat er wahrscheinlich vernichtet.«

Sie waren in ihrem Gespräch wohl schon zwanzigmal am Turm des Asinelli vorbeigegangen. Mattoni blieb stehen und sagte zu Raffaele: »Sehen Sie, verehrtester Meister, wir sind beide geneigt wie Asinelli und die Garisanda und können doch nicht zueinander kommen. Versucht hat wohl auch Stradivari viel, doch eines war in seinem Tun vorher bestimmt, das war der edle Klang. Doch jetzt müssen wir schleunigst nach Hause, sonst meinen unsere Frauen, die beiden Türme seien uns auf den Kopf gefallen.«

Die beiden Männer gingen lachend auseinander. Mattoni blickte noch einmal zu dem Turm hinüber und dachte, die Künstler haben ihre Gedanken und kommen aus der Richtung nicht heraus wie die alte Garisanda. Auch sie wäre gestürzt, wenn sie weiterreichen wollte.

Die Unterredung Josephus' mit seinem Vater hatte in dem Knaben eine auffallende Wandlung hervorgerufen. Sein nachdenkliches und stilles Wesen war einer frohen Lebendigkeit gewichen. In einem abgelegenen Raum des Hauses hatte er sich schon lange eine Ecke eingerichtet, in welcher er seine kindlichen Spielereien und seine handwerklichen Versuche trieb. Geschickt wie sein Vater hatte er vielfach Spielzeuge aus Holz und Pappe für Geschwister und Kameraden angefertigt, und die Eltern hatten zu ihren Festlichkeiten manche hübschen Geschenke bekommen. Diese Spielereien interessierten ihn zwar schon lange nicht mehr. Er hatte sich an nützlichere Arbeiten gemacht und dem Hausstande praktische Gebrauchsgegenstände geliefert. Mit größter Sorgfalt machte er seine Arbeiten, nur den Bau von Instrumenten vermied er. Es war sein brennender Ehrgeiz, eine Geige bauen zu können, er hätte sich aber geschämt und gegrämt, wenn er ein Instrument zuwege gebracht hätte, welches sein Vater belacht haben würde. Der Geigenbau war ihm ernst und heilig, und zu seinem Vater sah er mit bewundernder Scheu auf. Er hörte, daß die Nachbarn groß von ihm sprachen, doch schien ihm das alles verächtlich zu sein gegenüber dem, was er selbst von ihm und aus der Werkstatt wußte. Die Meinung seines Vaters galt ihm mehr als die des Onkels Mattoni, den er liebte und verehrte, denn Onkel Mattoni baute keine Geigen. Josephus hatte sich vorgenommen, nicht eher eine Geigenarbeit zu beginnen, bis der Vater sie ihm auftragen würde. Andere Kinder hätten die Worte ihrer Väter vielleicht nicht gerade als eine Ermunterung hingenommen. Josephus war nicht wie andere Kinder; wie konnte sein Vater ihm eine Arbeit aufgeben, wenn er noch gar nicht wußte, was er konnte! Josephus hätte seine hohe Meinung vom Geigenbau verloren, wenn sein Vater ihm diese Aufgabe wie ein Butterbrot hingelegt hätte. Der Ehrgeiz des Knaben Josephus besaß keine Eitelkeit. Seine Flammen lohten aus den unerfüllten Forderungen einer reinen Seele, die in dem Kinde zum väterlichen Vorbilde und im werdenden Künstler zum Genius emporschlugen. Die Seele dieses Kindes konnte in der Stille warten wie ein Stauwasser und, wenn die Stunde schlug, mit allen Kräften durch die Schleusen brechen. Raffaele erkannte Josephus nicht. Frau Teresa war aufmerksamer und schwieg.

Josephus hatte sich vom Tisch des Vaters ein Stück Holz genommen, wie es zum Bau der Schnecke verwandt wurde. Er legte das kantige Stück vor sich auf den Tisch, als wollte er die Urform vor ihrer Verwandlung noch einmal in sich aufnehmen. Er zog die Schublade heraus und langte nach dem Beutel mit den Werkzeugen, den er tief darin versteckt hatte. Nach Kinderart hatte er diesen Schatz fest wie für die Ewigkeit verschnürt. Es dauerte eine gute Weile, bis er die Schnüre gelöst hatte. Er würde sie nie mit einem Messer zerschnitten haben. Die geheiligten Instrumente fanden sich scharf und unversehrt vor. Er prüfte sie einzeln mit dem Finger und reihte sie neben dem Holzklotz auf dem Tische auf wie Brüder, die ein gemeinsames Werk zu verrichten haben. Dann ging er an die Arbeit.

In den nächsten Wochen ward Josephus nicht viel gesehen. Sonst kam er oft in die Werkstatt, wo er den Vater mit seinen Fragen störte. Das war Raffaele lästig, und doch hatte er den Jungen gerne bei sich, so daß er ihn jetzt zuweilen vermißte. Bei den Mahlzeiten gab Josephus auf viele Fragen viele Antworten, ohne sich zu verraten. Er war drollig und lustig, was alle freute. Nur Frau Teresa wußte, was ihn beschäftigte.

Es waren wohl drei Wochen vergangen. Josephus hatte die Schnecke längst fertig. Er mußte sie immer von neuem betrachten. Er mußte immer wieder Kleinigkeiten und kleinste Kleinigkeiten ändern, bessern, feilen und polieren. Diese Änderungen bedeuteten ihm selber nichts, aber er konnte sich von dem fertigen Stück noch nicht trennen. Es war das erste Stück einer wirklichen Geige, und es war das Stück, welches der Vater das schwerste genannt hatte. Josephus hatte es nicht so schwer gefunden. Er dachte darüber nach, was an dem Bau einer Geige wohl schwer sein sollte, wenn dieses das Schwerste war. Danach hätte er sich schon getraut, eine ganze Geige zu bauen. Ungläubig gegen sich selbst, fürchtete er immer wieder, er könnte an der Schnecke etwas übersehen haben, vielleicht gerade das, was das Schwierigste war. Er erinnerte sich aber an nichts, und an seiner eigenen Geige konnte er nichts entdecken, was seiner Schnecke gefehlt hätte. Die Schwierigkeit mußte anderswo verborgen sein, und es kam ihm der Gedanke, daß sie vielleicht in der Zeit läge, die er gebraucht hatte. So viel Zeit durfte der Vater zu einer Schnecke nicht gebrauchen. Er tröstete sich damit, daß er künftig die Schnecke auch schneller fertigmachen könnte, und dann sollte sie auch nicht schlechter sein. Es war etwas merkwürdiges an ihm vorgegangen. Vor dem Beginn seiner Arbeit hatte er das Urteil seines Vaters gefürchtet, er fürchtete es nun nicht mehr. Mochte sie auch noch Fehler haben, seine zweite Schnecke würde bestimmt fehlerfrei sein. Er war auch gar nicht so stolz auf sein Werk, wie er eigentlich gewünscht hätte. Vor vier Wochen hatte er noch gedacht, daß er die fertige Schnecke allen triumphierend zeigen müsse. Er beschloß, sie seinem Vater zu geben, ohne daß ein anderer davon wüßte. Er fühlte sich mit seinem Vater vertraut, als teilte er mit ihm ein Geheimnis, welches die andern doch nicht verstehen würden.

Am nächsten Morgen fand Raffaele auf seinem Arbeitstische einen sauber in weißes Papier gewickelten Gegenstand. Er wickelte ihn aus und hielt zu seiner Überraschung eine schöngearbeitete Schnecke in der Hand. Es kam schon vor, daß Kunden oder Kollegen etwas brachten, damit er daran Schäden beseitige oder Verbesserungen vornähme. Irgendein solcher Vermerk fand sich aber nicht. An Josephus dachte er nicht, und so legte er die Schnecke wieder hin in der Erwartung, daß sich der Besitzer schon melden würde. Der Tag verging. Als Josephus aus der Schule kam, fragte Raffaele ihn, ob er wüßte, wer die Schnecke gebracht habe. Josephus zeigte sich uninteressiert, und er meinte, gebracht habe sie wohl niemand, sie sei nun einmal da, und er wolle auch nicht leugnen, daß er sie dahingetan habe. Raffaele nahm die übliche väterliche Strenge an und fragte, was es heißen solle. Josephus kannte gegen seinen Vater nur Ehrerbietung, aber der Schelm in ihm wollte spielen, der Schelm, den sich Vertraute gestatten können, und er fühlte sich vertraut, fröhlich und ohne Furcht. »Lieber Vater«, antwortete er lustig, als wenn er ein Rätsel aufgeben wollte, »die Schnecke hat niemand gebracht, sie ist da, und ich habe sie dahingelegt.« Raffaele blickte seinen Sohn prüfend an. »Gut denn«, meinte er, »gebracht hat sie niemand, und hingelegt hast du sie. Seit wann ist sie da?« »Seitdem das Stück Holz von deinem Tische verschwunden ist«, lachte Josephus. »Willst du damit sagen, daß du die Schnecke gemacht hast?« fragte Raffaele erstaunt. Josephus antwortete nicht, sondern schlang seine Hände um den Kopf seines Vaters und flüsterte ihm ins Ohr: »Du darfst nur nicht schelten, Vater, weil ich das Holz fortgenommen hatte.«

Raffaele machte große Augen und besah sich die Schnecke von neuem. »Wie hast du das fertiggebracht, Junge, wer hat dir dabei geholfen?« Josephus nahm seinem Vater die Schnecke aus der Hand, hob sie hoch wie zum Schwur und erklärte feierlich: »Diese Schnecke habe ich ganz allein aus deinem Holze und mit den Werkzeugen, die du mir geschenkt hast, gemacht!« Raffaele war immer noch verwundert, er wußte, daß Josephus ihm nur die Wahrheit sagen würde. Die Schnecke war einwandfrei und sauber gearbeitet. »Die Arbeit ist gut, Josephus«, lobte er, »und ich werde sie, so wie sie ist, bei der nächsten Geige verwenden. Doch warum hast du das so heimlich gemacht?« Der Knabe schwieg, und alle seine Fröhlichkeit schien plötzlich verflogen. Er suchte nach Worten und richtete, ohne dem Vater zu antworten, nach kurzem Ringen mit fester Stimme an ihn die Frage: »Darf ich nun Geigenbauer werden?«

Auch Raffaele antwortete nicht gleich. Er konnte noch immer nicht verstehen, wie Josephus ohne Übung und Anleitung die Schnecke zuwege gebracht haben wollte. Er war auch nicht ganz ohne Zweifel, ob nicht Mattoni dahinter steckte. Er wollte ihn fragen. Was sollte er nun Josephus antworten? Josephus' Geschicklichkeit konnte seine Ansicht nicht ändern. Sie hing von einer Voraussetzung ab, die er in dem Knaben für nicht gegeben hielt. Er mochte aber auch nicht den Eifer und Stolz des Jungen betrüben. Er fühlte, daß Josephus nicht mehr um die Erlaubnis, sondern um den väterlichen Segen bat, den er seinem Wunsche und Willen geben sollte. Raffaele hatte sich lange bedacht. Geduldig und ruhig stand der Junge vor ihm. »Mein Sohn Josephus«, nahm er nun das Wort, »die erste Probe deines Könnens hast du bestanden, und ich will dir erlauben, von jetzt ab in deiner freien Zeit in der Werkstatt zu arbeiten. Ich werde dich nach und nach in allem unterweisen, und du wirst alle Teile einer Geige herzustellen lernen. Du wirst arbeiten und lernen, üben, lernen und arbeiten. Du wirst dann selbst sehen, ob dir dieses Handwerk behagt und ob du in ihm die eigene Befriedigung und die Anerkennung der anderen finden kannst. Das laß den Rat sein, den ich dir heute gebe, und nach Jahren werden wir sehen, ob ich dir einen neuen Rat zu erteilen habe.« Damit faßte Raffaele den Knaben bei den Ohren und drückte ihm seine Lippen auf die Wange.

Josephus war jetzt kein Kind mehr. Das Spielzeug überließ er den Gespielen. Seine heimliche Ecke löste er auf und richtete sich in der Werkstatt des Vaters einen kleinen Arbeitstisch ein. Hier saß er in jeder freien Stunde, die ihm die Schule oder der Unterricht bei Professor Mattoni ließen. Raffaele wurde es selbst oft zuviel, obgleich ihm Josephus bald eine wertvolle Hilfe wurde. Der Knabe entwickelte einen seltenen Scharfblick, der ihn die Fehler oft besser erkennen ließ als der Vater. Die Tüchtigkeit des Sohnes schmeichelte dem väterlichen Stolz, und Raffaele hatte es auch längst aufgegeben, sich mit ihm über den künftigen Beruf auseinanderzusetzen. Seinem Temperamente gegenüber war er machtlos. Um so ernster und schwerer trug er oft an dem Bedenken, ob aus diesem unvergleichlichen Gesellen ein Meister werden könnte.

Die wägenden Worte des Vaters waren für Josephus nicht die Begleitung einer inneren Wandlung. In dieser früh geschlossenen Natur war alles schon entschieden gewesen, als die feste Hand den ersten Schnitt an der Schnecke machte. Er wuchs neben seinem Vater heran. Der sah nur die handwerklichen Fortschritte und die greifbaren Leistungen, aber nicht den eigenartigen Charakter, der sich hier aus innerster Berufsbestimmung entwickelte. Was bei Raffaele im Zuge seines Wesens immer Virtuosität geblieben war, das kam bei Josephus aus den tiefen Untergründen des monumentalen Künstlers. Schätzte Raffaele sich glücklich, die Feinheiten des Geigenbaues auf seine Art vervollkommnet zu haben, hielt Josephus diese Leistung für eine Selbstverständlichkeit, ohne deren sachliche Meisterung er das Werkzeug resigniert aus der Hand gelegt hätte. Er war noch zu jung, um sich von den künstlerischen Problemen des Geigenbaues eine Vorstellung machen zu können. Er nahm die Form für alles, doch fehlte dieser Form das begriffliche Ideal. Aus Mangel an Besserem blieben die Werke seines Vaters seine Vorbilder. An Kleinigkeiten probierte er wohl seine Geschicklichkeit, da er aber immer nur Teile anfertigte, die der Vater zusammensetzte, blieben diese Kleinigkeiten Auslassungen seiner Laune.

Drei Jahre lang hatte der junge Josephus sein Handwerk geübt. Oft genug war er versucht gewesen, von den Teilen zum Ganzen überzugehen. Diese seltsame Natur hatte in dem heranwachsenden Knaben schon die Kraft, den Ehrgeiz zu spannen und den Willen zu zähmen. Wie die erste Schnecke sollte auch das erste Instrument von seiner Hand nicht ein Versuch, sondern ein Ergebnis sein. Seinem Vater wäre es nicht in den Sinn gekommen, ihn aufzufordern, eine Geige zu bauen, und Josephus hätte sich nicht veranlaßt gefühlt, seinen Vater nach seiner Einwilligung zu fragen. Für ihn war die Lehrzeit abgelaufen. Er setzte ihr selbst ein Ende und setzte dieses Ende für den 31. Dezember fest. Es war sein wohlüberlegter Entschluß, am 1. Januar des neuen Jahres mit dem Bau einer Geige zu beginnen. Diese Geige wollte er in allen Teilen eigenhändig und ohne Rat und Prüfung von irgendeiner Seite herstellen. Am Weihnachtsmorgen ging Josephus mit seinen Eltern in die Kirche San Giacomo Maggiore. Mit Andacht hörte er die Geschichte von der Geburt des Heilandes, und der Knabe gelobte seinem Gott, daß das Werk von seiner Hand so rein erstehen sollte, wie das Heilandskind in der Krippe.

Mit dem Glockenschlage des neuen Jahres 1876 begann Josephus sein Werk. Er konnte nicht ungestört bei dieser Arbeit bleiben, da er für das Geschäft des Vaters viel mitzuarbeiten hatte, und so wurde die Geige erst fertig, als Botticellis sonnige Frühlingsfee wieder ihre Blumen auf Italiens Boden streute. Der Meister Raffaele überraschte eines Tages seinen Sohn, als er auf einer Geige einige Melodien zog. Der Klang erregte seine Aufmerksamkeit, er konnte nicht von einem seiner Instrumente sein.

»Was ist das für eine Geige, Josephus?«, rief er, »gib sie mir einmal her!«. Josephus reichte seinem Vater das Instrument. Der setzte an und spielte. Seine Hand war leicht, aber die Töne klangen schwer wie die Glocken von San Giacomo. Er setzte wieder ab und zupfte an den Saiten. »Ein merkwürdiges Instrument«, murmelte er, »nicht schlecht, aber viel zu tief. Der Ton ist zu schwer, für eine Geige muß er leichter sein. Wo kommt das Instrument her?«

»Es ist meine erste Geige, Vater«, erwiderte Josephus, als wollte er sich entschuldigen.

»So, so«, meinte Raffaele, ohne seine Überraschung zu zeigen, »die Geige hast du selbst gebaut! Ich wußte, daß du Geigen bauen würdest, ohne mir etwas zu sagen. Ich bin dir nicht böse, ich habe es selbst einmal nicht anders gemacht. Die Geige ist nicht schlecht, du hast schon was bei mir gelernt. Der Ton hat guten Klang, aber er ist zu voll und zu tief. Dir fehlt noch das sichere Gefühl. Laß dich das nicht verdrießen, vielleicht lernst du das noch. Es ist deine erste Geige, so nimm den Segen deines Vaters dazu!« Josephus küßte wortlos die Hand seines Vaters.

Raffaele war zu Professor Mattoni geeilt. Mattoni übte Interpretationen, als Raffaele nach kurzem Anklopfen ins Zimmer trat.

»Ei, Freund Raffaele, wo kommen Sie so plötzlich her?« rief er erstaunt.

Raffaele stampfte mit seinen gewohnten langen Schritten vor dem Geigenpult unruhig auf und ab. »Mattoni«, sagte er, »der Josephus hat eine Geige gebaut, ganz allein, eine Geige. Haben Sie davon gewußt? Nein? Der Junge hat für mich etwas Unbegreifliches, fast Unheimliches!«

»Ein merkwürdiger Knabe ist er schon, Raffaele. Mit fünfzehn Jahren haben noch nicht viele eine Geige gebaut. Sie haben einen tüchtigen Lehrling. Taugt die Geige denn was?«

Raffaele setzte sich auf den Klavierbock und schlug einige Töne in tiefem Moll an. »Hören Sie, Mattoni, das ist die Geige Josephus'. Sie ist nicht schlecht, sie ist nicht schlecht, und darüber komme ich gar nicht hinweg. Der Ton ist zu tief und trägt nicht weit, doch ist es eine Geige, die man brauchen kann, sie ist besser als manche andere, und es gibt Liebhaber, die so etwas suchen.«

»Aber, Raffaele«, erwiderte Mattoni voll Freude, »dann brauchen Sie doch nicht besorgt zu sein, als wenn Sie die Mühle von Bazzano noch einmal verkaufen sollten.«

»Erinnern Sie mich um Gottes willen daran nicht, Mattoni. Ich bin nicht besorgt und weiß auch nicht, ob ich aufgeregt bin; ich freue mich wie Sie, und ich bewundere den Jungen, ich bewundere ihn! Finden Sie es lächerlich oder nicht, ich verstehe gar nicht, wie er eine solche Geige zusammenleimen konnte. Wo hat er denn das eigentlich stecken, was ihn zum Geigenbauer macht?«

»Warum soll er das nicht können?«, entgegnete Mattoni ruhig, »ich bin unschuldig an allem, was der Junge kann, und ich habe Ihnen immer gesagt, daß er ein unübertreffliches Ohr besitzt, wenn er auch nicht so begeisternd spielen kann wie sein Vater.«

Der junge Florenus baute Geigen. Die Spielerei mit Schönheitskleinigkeiten hatte er aufgegeben. Sein erster Versuch hatte ihn gelehrt, daß alles von der großen Form abhing, die irgendwie der besonderen Bildung unterworfen werden mußte. Mit großer Aufmerksamkeit hatte er die Auslagen der Instrumente in den Läden der Bologneser Geigenbauer betrachtet. Er fand nirgends einen Vorsprung vor den Instrumenten seines Vaters, und er fühlte sich befriedigt, daß er auf gleicher Höhe stand mit denen, die so viel älter waren als er. In den Unterrichtsstunden bei Professor Mattoni war wiederholt der Name Stradivaris wie der anderer Geigenbauer genannt worden. Solchen Namen hatte Josephus bisher keine Beachtung geschenkt. Er war zu sehr eingenommen von seinen Arbeiten und konnte mit diesen Namen keine praktische Bedeutung verbinden. Jetzt, wo er älter war und sich freier bewegte, nahm er auch mehr an Unterhaltungen teil, und in diesen tauchte der Name Stradivaris so oft auf, daß es ihn ärgerlich und neugierig machte. Nach einer Unterrichtsstunde fragte Josephus Professor Mattoni, weshalb denn Stradivari ein so hohes Ansehen genieße. Mattoni nahm Josephus mit in sein Studierzimmer und erzählte ihm von dem Meister und seinen Geigen. Josephus fragte, ob Mattoni schon eine solche Geige gesehen habe, und ob es in Bologna eine gäbe. Mattoni verneinte das letztere, und Josephus fand, das wäre doch sehr schade, sonst würde man nach dieser Geige alle anderen bauen, und sie wären ebenso schön wie die von Stradivari. Mattoni lächelte und entgegnete ihm, daß das nicht so einfach sei, denn er wisse doch selbst, daß zwischen Form und Klang keine feste Relation bestünde. »Wenn du schon eine Stradivari-Geige gesehen hast, Onkel Mattoni, dann mußt du sie doch auch kennen«, ereiferte sich Josephus.

»Ich habe sie nicht nur gesehen, ich habe sie auch gespielt, Josephus, aber sie hat mir ihr Geheimnis nicht verraten.«

Diese Antwort kam Josephus unbegreiflich vor, und Unbegreifliches will die Jugend nicht. »Was soll das sein, was Stradivari gebaut hat?« erwiderte er überheblich. »Waren seine Geigen gut, so waren sie es, weil er alt wurde und eine Geige immer vollkommener bauen konnte als die andere. Meine Geigen sind heute nicht schlechter als die der anderen Geigenbauer in Bologna, und bin ich so alt wie sie, sind meine so gut wie die von Stradivari!«

»Du sprichst sehr stolz, Josephus, und wer in deinem Alter Geigen baut, auf denen andere spielen mögen, mag einen Grund haben, stolz zu sein, aber, mein lieber Josephus, nur stolz auf seine sechzehn oder siebenzehn Jahre, nicht auf seine Geigen.«

»Wie soll ich das alles verstehen, Onkel Mattoni?«, versetzte Josephus etwas geringschätzig, »man muß das Handwerk nur kennen, um eine Geige bauen zu können. Der Wohlklang ist da, wenn man die richtigen Stücke aneinanderfügt, und wenn es eine andere Regel gäbe, würde man sie wohl kennen. Mein Vater hätte sie mir gewiß nicht vorenthalten.«

Mattoni hielt es nicht für nötig, den Versuch zu machen, seinen Schüler zu belehren. Dieses ehrgeizige Temperament mußte seine Unzulänglichkeiten praktisch erfahren. So antwortete er leichthin: »Arbeite an deinen Geigen, Josephus, mache jede neue besser als die alte, wie du dir vorgenommen hast, und wenn du wieder einmal etwas von Stradivari wissen willst, dann komme du zu mir!«

Der junge Florenus ging unbefriedigt nach Hause. Er hätte gerne mit seinem Vater das Gespräch fortgesetzt, aber in der Werkstatt war niemand. Er setzte sich an das Werkstattfenster, schaute ohne Aufmerksamkeit auf die Straße und dachte nach. Er stellte fest, daß Professor Mattoni ihm von den Geigen Stradivaris eigentlich nicht viel zu sagen wußte. Das war auch wohl nicht verwunderlich, denn Mattoni war kein Geigenbauer. Er überlegte sich den Bau einer Geige Stück für Stück. Er folgte in Gedanken jedem Handgriff, um auf irgendeine Lücke, einen Fehler oder eine Möglichkeit zu stoßen. Er fand, daß sich alles in vollkommener Geschlossenheit aneinanderreihte. Er durchdachte die Variationen aller Verhältnisse. Vielleicht, daß von diesen eine die schönste, glücklichste oder vollkommenste war. Im Laufe der Jahre würde man vielleicht bei dieser einen verbleiben, die man herausgefunden hätte. Das wäre gewiß ein besonderes Ergebnis, aber eine neue Geige würde dadurch nicht entstehen. Wenn die Berühmtheit der Stradivari-Geigen auf solchen Kleinigkeiten beruhte, dann war sie eine törichte Einbildung von Leuten, die nichts davon verstanden. Dann waren die Liebhaber Antiquitätensammler, denen das Alter wichtiger als die Beschaffenheit war. Solche Leute gab es genug. Sie waren auch schon in die Werkstatt seines Vaters gekommen. In Bologna saßen etliche Geigenbauer, denen man nachsagte, daß sie die Wünsche dieser fremden Besucher leicht und vorteilhaft zu befriedigen verstünden.

Während Josephus seinen Gedanken nachhing, trat der Vater in die Werkstatt. »Nun, Josephus«, fragte er, »warum sinnst du und arbeitest du nicht, wir haben noch genug zu tun?«

»Das werde ich bald nachgeholt haben, Vater, aber sage einmal, was hat es mit den Stradivari-Geigen auf sich? Was hat der Mann gekonnt, was wir nicht können?«

»Wie kommst du darauf?«

»Ich war bei Onkel Mattoni.«

»So, hat der mit dir von Stradivari gesprochen? Ja, mein lieber Josephus, da kann ich dir wohl auch nicht mehr sagen als er.«

»Er hat mir gar nichts gesagt, jedenfalls nichts darüber, wie Stradivari seine Geige gebaut hat.«

»Ja, ja, das läßt sich auch schwer sagen, und wenn man das wüßte, wäre man ein reicher Mann.«

Josephus wurde erregt. »Warum sollen wir nicht können, was andere gekonnt haben, Vater? Gib mir eine Stradivari-Geige, und ich will dir eine Geige bauen, die ihr aufs Haar gleicht!«

Raffaele zog die Augenbrauen zusammen, er wollte Josephus eine Antwort geben, aber er liebte es nicht, mit seinem Sohn über die Gewinnung des Korpustones zu sprechen. Sie waren darin verschiedener Meinung. Die Frage streifte seine väterliche und künstlerische Autorität, und in beiden war er empfindlich.

Der Gedanke an Stradivari ließ den jungen Florenus nicht los. Er ärgerte ihn und quälte ihn, und er lebte sich in eine Art Haß hinein. Er war ehrgeizig genug, um zu wünschen, daß seine Geigen die besten und die schönsten sein sollten. Überall trat ihm der Name dieses Mannes entgegen, von dem alle mit Hochachtung sprachen und von dem niemand sagen konnte, wie er seine Geigen gebaut habe. Wenn das wahr wäre, was die Leute sagten, hätten alle Geigen Bolognas verdient, ins Feuer geworfen zu werden. Es war ihm absurd, annehmen zu sollen, daß alle diese fleißigen Männer Stümper sein sollten. Sein eigenes junges Wissen und Können revoltierte gegen eine solche Vorstellung. Es hatten schon viele seine Geigen bewundert und sie besser gefunden als die seines Vaters, der doch bisher in Bologna für den besten Geigenbauer galt. Dieser Stradivari genoß einen unbegründeten Ruhm! Er haßte ihn wie einen Nebenbuhler.

Eines Tages hatte sein Vater den Besuch eines berühmten Gastes. Es war der große Geiger Professor Ghicelli, der damals in Modena wohnte. Raffaele unterhielt sich mit Professor Ghicelli in der Werkstatt, als Josephus hereintrat. Das Gespräch hatte sich offenbar auf eine Geige bezogen, die der junge Florenus gebaut hatte, denn Ghicelli hielt noch die Hand darauf und sagte zu Josephus: »Ich habe auf Ihrer Geige musiziert, und ich darf Ihnen sagen, junger Mann, daß Sie das Zeug haben, noch bessere zu bauen.« Josephus verbeugte sich dankend vor dem hohen Gast. Raffaele nickte Josephus zu und bemerkte: »Du darfst dich über diese Anerkennung schon freuen, denn Herr Professor Ghicelli weiß Instrumente zu schätzen und spielt selbst auf einer Stradivari-Geige.« Ghicelli mußte das Erstaunen Josephus' wohl bemerkt haben. »Ja, ja, junger Mann«, bekräftigte er, »der Name hat einen guten Klang, es ist der Klang seiner Geige. So klingt Ihre Geige allerdings noch nicht. Seien Sie mir nicht böse, Sie brauchen sich nicht zu schämen!« Josephus war verlegen und verdrossen. Er zwang seine Worte in eine höfliche Form und fragte: »Müssen sich alle anderen Geigenbauer schämen, Herr Professor?« Ghicelli, der den Unmut des jungen Florenus nicht beachtete, lachte. »Ja, mein Lieber, sie müssen sich wohl alle schämen, sie sind alle Schüler geblieben vor dem einen Meister, auch wenn sie Musterschüler sind wie Meister Raffaele.« Raffaele verneigte sich höflich gegen Ghicelli, aber Josephus empfand nicht so. Er vermutete auch, daß Ghicelli in seinem Vater wohl mehr den Künstler als den Geigenbauer ehrte, und er konnte sich nicht enthalten, zu erwidern: »Herr Professor Ghicelli, ich möchte nicht Schüler bleiben, auch nicht Musterschüler. Ich möchte Meister werden wie Stradivari. Ich habe noch nicht gesehen, was er gemacht hat, und ich wünsche es mir, es zu sehen, damit ich weiß, was er gewußt hat.« Ghicelli musterte den jungen Geigenbauer, der so selbstbewußt zu ihm sprach, mit wohlgefälligem Interesse. »Gut«, sagte er nach einer Weile, »wenn Sie so dringend wünschen, eine Stradivari kennenzulernen, dann will ich Sie gerne bitten, mich einmal in Modena zu besuchen, um sie Ihnen zeigen zu können.« Die Ehre und die Möglichkeit, die diese Worte des großen Geigers für Josephus enthielten, trieben diesem das Blut in den Kopf. Er dankte mit verlegenen Worten und fragte, wann er kommen dürfe. »Ich verstehe, daß Sie es eilig haben«, amüsierte sich Ghicelli, »also kommen Sie in acht Tagen am Mittwoch in der Frühe!« Josephus verließ die beiden Männer, und Ghicelli bemerkte zu Raffaele: »Der Junge wird Ihnen nicht in Ihrer Werkstatt bleiben, Meister Raffaele.«

Josephus war voll leidenschaftlicher Aufregung. Jetzt sollte er nun endlich einmal dieses Wunder zu sehen bekommen. Er zählte die Tage und Stunden, bis der Tag kam, an welchem er nach Modena fahren sollte. Die Reise stand ihm bevor wie ein Ritt gegen den Feind. Er litt unter der Sorge, daß an allen Worten doch etwas Wahres sein könnte, daß doch dieser Stradivari etwas hatte, was er nicht besaß und nicht erreichen konnte. Das Unbekannte erhob sich drohend über ihn. Professor Ghicelli hatte gesagt, er solle in der Frühe hinkommen. Es fuhr der erste Zug morgens um vier Uhr und der zweite um sechs Uhr. Er entschloß sich, mit diesem zu fahren, der um sieben Uhr in Modena eintreffen mußte. Schon um halb sechs Uhr stand er vor dem Zug und war erlöst, als er sich endlich mit ihm in Bewegung setzte. Je näher er dem Ziele kam, um so fanatischer beherrschte ihn das Verlangen, die Geige zu sehen. Es war ihm, als wenn diese Geige den Zug nach Modena reißen wollte, und als wenn sich alle Räder aus Eigensinn dagegendrehten. Endlich war er in Modena. Ringsumher war noch alles in morgendlicher Ruhe. Wenige Passanten liefen über die Straßen. Das Haus Ghicellis lag weiter hinaus, wo ihm die Stille noch drückender vorkam. Vor dem Hause angekommen, zog er die Klingel. Er klingelte zweimal und dreimal. Schließlich erschien der Kopf des Professors Ghicelli am offenen Fenster und fragte ärgerlich nach dem Begehr. Josephus gab sich zu erkennen und sagte, daß er bestellt sei. Professor Ghicelli war ein humorvoller Mann, der den Augenblick richtig erfaßte. Er meinte gutmütig, daß er gar so wörtlich nicht verstanden sein wollte, und bat Josephus, um elf Uhr wiederzukommen. Josephus entschuldigte sich verwirrt und ging. Es war ihm eigentlich unverständlich, wie man jemanden so lange warten lassen konnte, dem man eine Stradivari zu zeigen hatte. Es mußte wohl die Gewohnheit des Herrn Professors sein, bis in den Morgen hinein zu schlafen. Solche Gewohnheiten kannte Josephus nicht. Er trollte sich in die Stadt zurück, aber sie gefiel ihm nicht. Er wollte keine anderen Menschen sehen, und so lief er die Stunden, die ihn von dem großen Augenblick trennten, wie ein Examenskandidat um das Wohnviertel Professor Ghicellis herum. Schließlich war es soweit, und es war nicht eine Minute nach elf Uhr, als Josephus zum zweitenmal bei Herrn Professor Ghicelli läutete. Es wurde ihm aufgemacht. Eine alte Beschließerin führte ihn die Treppen hinauf. Oben stand der Professor, der ihn freundlich willkommen hieß. Josephus fand kaum die Worte der Begrüßung. Seine ganzen Sinne waren nur auf das eine gestellt. Wortlos und ungeschickt stand er im Zimmer des Professors und starrte auf den alten schwarzen Kasten, dem Professor Ghicelli jetzt behutsam die Stradivari entnahm.

Josephus war gespannt wie in verbissenem Zorn, das Wunder zu sehen, von welchem sein kindlicher Stolz die Bestätigung verlangte und doch die Offenbarung fürchtete. Professor Ghicelli hielt die Geige wiegend in der Hand. Josephus streckte die Hände aus, und Ghicelli verstand ihn. Josephus hielt das Instrument in seinen Händen. Mit der Lust des künstlerischen Genusses maß er die schönen Formen. Er ließ die Saiten klingen vor seinem Ohre, und er wußte, daß Stradivari nicht sein Feind war, sondern sein Freund und der große Meister, der ihn mit lockender Seele rief. Professor Ghicelli erbaute sich an der Ergriffenheit seines jungen Freundes und gestattete ihm, das Instrument eingehend zu betrachten und die Formen zu messen. Josephus zehrte an dem Gegenstand mit scharfen Blicken, um keinen Winkel unerfaßt zu lassen. Noch fiebernd in Erregung, nahm er Abschied, und der ehrliche Dank wurde von der aufbrechenden Liebe zu seinem neuen Meister rauschend überflogen.

Bangend unter der treibenden Kraft, das Geschaute festhalten zu wollen, kehrte Josephus nach Bologna zurück. Das Bild der Geige hatte er unverwischbar vor sich. Die frühe Schulung des Blickes und die Anspannung seiner Aufmerksamkeit in der Werkstatt seines Vaters kamen ihm jetzt zustatten. Er setzte sich an seinen Arbeitstisch und achtete kaum der Mahlzeiten und der Nächte. Es erregte ihm die Freude an dem Gelingen neuer Formen, und als die Geige fertig war, hielt er sie wie ein Kind in seinen Händen. So empfand er sie, und neben ihr schienen alle anderen Geigen tote Holzfiguren zu sein. Ein Gefühl des Triumphes löste sich aus seinem Herzen. Die Kollegen in Bologna würden staunen, und sein Vater würde nun auch wohl daran glauben, daß er ein Geigenbauer werden könnte. Josephus betrachtete seine Geige mit Wohlgefallen, aber diese Betrachtung dämpfte, je länger sie dauerte, um so mehr seine Freude. Die Geige, die auf dem Tische lag, war nicht das Ebenbild ihres Vorbildes. Mit der Geige Ghicellis war seine nicht zu vergleichen, nicht zu verwechseln; mochten die Formen auch ähnlich sein, es waren die echten nicht. Er nahm den Bogen und lauschte auf die Stimme. Die Erinnerung an den Klang der anderen Geige konnte das sichere Ohr des jungen Künstlers keiner Täuschung verfallen lassen. An das Geheimnis des großen Meisters hatte er noch nicht gerührt. Mit diesem Zweifel dämmerte ihm die Erkenntnis, daß es nicht nur eine Form zu finden galt. Er begriff, daß ein Rätsel bestehen mußte, das Rätsel, von welchem Mattoni gesprochen und von welchem sein Vater aus unbekanntem Grunde stets geschwiegen hatte. Es ergriff ihn die ganze Zermarterung der Seele, die den jungen Künstler beim Durchbruch der Erkenntnis erschüttert. An keiner Geige hatte er mit einer solchen Hingabe gearbeitet und mit bewußtem Feingefühl die Formen selbst im kleinsten abgeändert. Der Eifer seiner Arbeit hatte vergeblich Schritt zu halten gesucht mit der phantastischen Gestaltung seiner glücklichen Erinnerung. Es brannte in ihm der Schmerz, daß dieses Musterstück kein Meisterstück sein konnte.

In das Dunkel seiner Verzweiflung fiel ein fernes Licht, ein leuchtender Klang. Die Geige Ghicellis war ein greifbarer Körper, den er in seiner Hand gehalten hatte. Sie war eine Wirklichkeit. Sie war einmal von Händen gemacht worden wie den seinen, von einem Geigenbauer, der in Italien gelebt und nun unsterblich war in Werk und Klang. Er hatte das Werk berührt und den Klang gehört. Er würde beide nicht mehr vergessen. Sie würden ihn zu sich ziehen und sich mit ihm verbinden. In jedem Gedanken und jedem Griff würden sie sein. Es würde der Klang sein wie die Sprache des Freundes und das Werk wie die Lehre des Meisters. Es war ihm, als sänge die Geige Ghicellis weit her durch die Nacht. Unbekannte Wege glänzten im Lichte, und auf ihnen kam der Freund geschritten, ihm die Hände zu reichen und das Rätsel zu lösen.

Josephus saß oft stundenlang allein mit seiner Geige. Er spielte auf ihr, was er sonst selten tat, und horchte auf ihre Töne. Langsam gewann er die Freude zurück, in der er sie erschaffen. Sie war ihm wie eine teure Erinnerung und ein lieber Gruß, wie ein Bild von unbeholfener Hand. Aber sie war ein Bild. In dieser bescheidenen Intimität fand sich der junge Künstler zu seinem Stolz zurück. Er war gewiß, das Lob der anderen zu hören. Es würde ihn freuen und ihm schmeicheln. Er brauchte auch das. Seine Seele würde dadurch nicht mehr beirrt werden.

Schon lange war Josephus nicht mehr bei Professor Mattoni gewesen. Jetzt nahm er die Geige unter den Arm und ging zu ihm. Mattoni fiel die Veränderung auf, die in dem Jüngling vor sich gegangen war. Über die kindlichen Züge hatte sich ein Wille gebreitet, der in den klugen Augen wissend werden wollte. Mattoni war ein guter Menschenkenner. Es waren viele junge Menschen durch seine Hand gegangen, und viele Männer waren in sein Haus gekommen, die in den großen Ereignissen der Zeit mitgehandelt hatten. Josephus Florenus war ihm vertrauter als ein Kind.

»Sieh da, Josephus«, begrüßte er den Eintretenden freundlich, »man hat dich lange nicht gesehen und gehört, daß du die Einsamkeit liebst, aber komm, erzähle mir!«

»Wir sprachen zuletzt von Stradivari«, begann Josephus zögernd, »und wenn in der Bibliothek Bücher über Stradivari sind, würde ich dich bitten, Onkel Mattoni, mir solche zu leihen.«

»Selbstverständlich gerne, Josephus.«

»Sind das Bücher, in denen steht, wie Stradivari seine Geigen gebaut hat?«

»Das ist eine sehr heikle Frage. Was in den Büchern steht, ist meistens nicht von Stradivari geschrieben, und andere, die über ihn schrieben, haben vielleicht nicht einmal sein Leben richtig erfaßt.«

»Dann soll man solche Bücher lieber gar nicht lesen!«

»Das möchte ich nicht sagen, Josephus. Man kann von keinem Buche wissen, was es dem Menschen bringt. Der Leser findet manchmal mehr, als ihm der Autor schreibt. Du bist ein Geigenbauer, und gewiß verstehst du mehr als andere, die nur bewundern und nicht lieben können.«

Josephus nickte. Nach solchen Worten hatte er gesucht. »Onkel Mattoni«, begann er von neuem, »ich habe eine Stradivari gesehen, ich war bei Professor Ghicelli in Modena. Du hattest recht, wir sind nichts vor ihm.«

»So, so, du warst bei Ghicelli, und er hat dir seine Geige gezeigt? – Na ja, und nun, – hast du die Lust verloren?«

Josephus antwortete nicht, sondern zog die Geige aus dem Futteral und legte sie vor Mattoni auf den Tisch.

»Ei, ei, Josephus«, rief Mattoni ungläubig, »du hast mir doch die Geige nicht gleich mitgebracht! Soweit wird auch die Freundschaft Ghicellis wohl nicht gegangen sein.«

Josephus schwieg noch immer. Er nahm Geige und Bogen vom Tische und spielte. Mattoni war aufgestanden, neben Josephus getreten und hatte das Ohr zur Geige geneigt. »Nein«, sagte er, »das ist Ghicellis Geige nicht, aber die Geige klingt gut, für Josephus Florenus sehr gut!«

»Also für mich gut, für einen Florenus sehr gut, aber für einen Stradivari schlecht.« Das sagte er mit so bitterer Ironie, daß Mattoni erschreckte. Der Professor nahm ihm die Geige fort und spielte selbst. Er setzte wieder ab und trat mit der Geige zum Lichte. Er besah sich das Instrument von allen Seiten und erklärte in gehobenem Tone:

»Du hast etwas gelernt, Josephus, mit dieser Geige kannst du dich sehen und hören lassen. Sie ist das beste Stück, was Bologna seit langem hervorgebracht hat!«

»Es ist aber keine Stradivari«, beharrte Josephus.

»Nein, mein Junge, das kannst du nicht erwarten und kann man nicht verlangen«, rief Mattoni belustigt; »aber wenn alle verzagen wollten, die dir deine Geige nicht nachbauen könnten, dann gäbe es überhaupt keine Geigenbauer mehr in Italien. Was hat denn dein Vater gesagt?«

»Er hat sie noch nicht gesehen«, erwiderte Josephus kurz.

Mattoni hob mißbilligend den Kopf, aber er konnte sich denken, was zwischen beiden vorlag, und er meinte spaßend: »Vor seinem Vater soll man keine Geheimnisse haben, außer in der Liebe. Na, vielleicht auch in der Liebe zu Stradivari. Aber immerhin, jetzt werden wir ihm auch diese nicht mehr verschweigen können. Wir brauchen seine Einwilligung.«

»Wozu?«, fragte Josephus unsicher, »ich hätte ihm die Geige jetzt sowieso gezeigt.«

»Nicht deshalb, mein Sohn«, versetzte Mattoni eifrig, »es ist etwas ganz anderes, und das geht nicht ohne ihn, nicht ohne seine Einwilligung!«

»Darf man das nicht erfahren?«

»Gewiß, gewiß«, antwortete Mattoni, und seine gütigen Augen strahlten, »aber ich muß zuerst mit deinem Vater gesprochen haben. Geh nach Hause und zeige ihm das Instrument und sage ihm, daß ich morgen käme!«

Josephus war doch von einer großen Besorgnis befreit, als er Mattoni verließ. Er hatte seine Zweifel bestätigt, aber doch sein Instrument gelobt.

 

Die Jury der großen Mailänder Ausstellung von 1881 saß zur Beratung der Prämienverteilung für die ausstellenden Geigenbauer zusammen. Es waren Männer von Erziehung und Geschmack, die von der künstlerischen und nationalen Bedeutung des Geigenbaues für Italien durchdrungen waren. Es waren viele darunter, die die Geige nicht nur zu spielen verstanden. Die meisten beklagten den Tiefstand der Kunst der Geigenbauer. Die besten Leistungen waren sorgfältige Arbeiten, aber mittelmäßige Geigen. Nur eine Geige bildete eine Ausnahme. Sie war gefällig in der Form, sauber im Stil und hatte einen Klang, der an andere Zeiten erinnerte. Es war kein Stück nach Cremonenser Art, doch ein Muster zeitlicher Bologneser Kunst. Die Sensation bestand darin, daß der Erbauer ein junger Mann von zwanzig Jahren war.

Es erhob sich der greise Vorsitzende der Versammlung. »Wir sind uns alle darüber einig, daß der Geigenbauer Josephus Florenus unsere höchste Anerkennung verdient, und doch mahne ich vor der Jugend dieses Mannes zur Zurückhaltung. Ist das Instrument allein von seiner Hand und aus ihm selbst entstanden, dann wird es das erste einer glänzenden Folge sein, der eine höhere Anerkennung zuteil werden wird, als wir sie zu vergeben haben. War die Fügung des Werkes ein Zufall, dann täten wir mit unserer Auszeichnung den Meistern unrecht, die ihren Ruf mit lang erprobten Instrumenten wohl verdienten. Es gilt für uns nicht nur das Werk zu loben, wir haben auch den Meister zu erproben!«

Die Jury nahm die Worte des alten Herrn beifällig auf, und Josephus Florenus erhielt die Bronzene Medaille zuerteilt.

Der junge Florenus fühlte sich durch diese Zurücksetzung schwer gekränkt. Ein solches Urteil hatte er nicht erwartet und war niedergeschlagen und verbittert. Daß von den Geigen in der Ausstellung keine seiner geglichen hatte, wußte er so gut wie alle anderen. Die öffentliche Anerkennung hätte ihn vor seine Kollegen gestellt. Nun glaubte er, öffentlich für unfähiger erklärt worden zu sein. Das empörte ihn, und er schalt voll Zorn auf diese Ungerechtigkeit. Er vermied es auch, Mattoni zu begegnen, der die Beschickung der Ausstellung veranlaßt hatte.

Mattoni entging der Schmerz seines jungen Freundes nicht. Er kannte das Urteil und seine Gründe und wog es ab zugunsten seines Schützlings. Er suchte ihn in seiner Werkstatt auf und sagte: »Der Tempel des Ruhmes hat viele Stufen, Josephus, und auf der ersten liegt die Krone nicht.«

 

Von der Ausstellung in Mailand hatte Josephus Florenus nicht viel zu sehen bekommen. Sein ganzes Interesse war gefesselt worden von einer Anzahl Briefe und Werkzeuge, Zeichnungen und Berechnungen Stradivaris, die in geschlossenen Glaskasten ausgelegt worden waren. Er las die Briefe immer wieder, als wenn sie an ihn gerichtet seien. In den Schriftzügen wurde ihm die Hand lebendig, die das Instrument Ghicellis gebaut hatte. Die wenigen Briefseiten konnten ihm nicht allzuviel Aufschluß geben, und die Zeichnungen waren nicht alle ohne weiteres verständlich. Wenn man eine ganze Sammlung von Briefen Stradivaris hätte, träumte er sich, würde man die Auflösung der vielen Fragen finden, die Generationen von Geigenbauern auf dem Herzen hatten. Eine solche Sammlung wollte er studieren, daß nichts Verborgenes in den Tresor zurückgelangte. Damit war aber nicht zu rechnen.

In der Bibliothek zu Bologna gab es viele Bücher über Stradivari. Josephus war mißtrauisch gegen Bücher. Sein Vater hatte sie verworfen, und Mattoni hatte ihn auch nicht dafür begeistert. Er erinnerte sich der letzten Unterredung und der Worte, daß ein Geigenbauer aus diesen Büchern vielleicht mehr herauslesen könnte als ein Unkundiger. Davon war er zwar aus Berufsstolz überzeugt, aber klügere, ältere und erfahrenere Geigenbauer hatten doch gewiß schon diese Werke studiert, und es hätte doch wenigstens einer von ihnen die richtige Lösung finden und sie der Mitwelt überliefern müssen. Die Bücher mußten alle an dem gleichen Mangel leiden. Er war den richtigeren Weg gegangen, als er das Werk des Meisters selbst zum Vorbild nahm. Das Vorbild hatte er nicht erreicht, aber es hatte ihn doch mit einem Schlage aus der zünftlerischen Enge mit ihren unbedeutenden handwerklichen Fertigkeiten herausgerissen. Die Geige Stradivaris mußte sich ihm selbst enthüllen. Er mußte nur erst einmal Gelegenheit haben, ungestört durch andere, sie zerlegen, prüfen und messen zu können. Das war ein vermessener Wunsch. Josephus seufzte. Der Weg durch die Bücher war lang und wirr, aber er war wenigstens gangbar. Die Bücher konnte er sich beschaffen, die Geige nicht. Er mußte in den Büchern nach Leuten suchen, die die Instrumente Stradivaris gehört und studiert und alles genau niedergelegt hatten. Was zwei Menschen verstehen, erzeugt nicht zweimal denselben Gedanken. Josephus wollte sich schon auf sich verlassen. Er kannte sein Auge und kannte sein Ohr. Mattoni mußte mehr wissen, als er ihm gesagt hatte. Das wollte er jetzt ergründen.

In der Werkstatt Raffaeles waren Veränderungen vor sich gegangen. Josephus arbeitete nicht mehr für seinen Vater. Er hatte sich eine eigene Werkstatt eingerichtet und hantierte und probierte mit Bleistift und Zirkel dort auf Hölzern und Papieren herum, daß der Vater spöttisch meinte, die Ausstellung in Mailand habe den Jungen verrückt gemacht. Es sei nur gut, daß sie ihm keine höhere Auszeichnung gegeben hätten, sonst wäre es wohl noch unleidlicher mit ihm. Raffaele verkannte die Fortschritte und Erfolge seines Sohnes nicht. Er fühlte sich als sein Lehrmeister in ihnen geehrt. Er achtete die Kunst und den Fleiß des Sohnes. Die Fachwelt war auf Josephus aufmerksam geworden. Raffaele spürte auch, wie Mattoni in seinem Kreise für Josephus sprach. Die väterliche Liebe war nicht ohne Neid, doch in der sorglosen Natur Raffaeles war dieser Neid nichts Böses. Viel härter war der Eigensinn, mit welchem er sich den Ansichten Josephus' widersetzte. Nach Raffaeles Meinung war die Grenze des Methodischen im Geigenbau gefunden und erreicht. Das Weitere ging nicht mehr den Geigenbauer, sondern den Geigenkünstler an.

In der Bibliothek des Philharmonischen Lyzeums saß Professor Mattoni in einem breiten Lehnstuhl vor einem mit Büchern bedeckten Tisch. Neben ihm stand Josephus Florenus mit einem Buch in der Hand, welches der Professor soeben herausgesucht hatte. Es war das Buch von Fétis über Antonio Stradivari, welches wegen seiner interessanten Forschungsergebnisse unter den Fachleuten hochgeschätzt war. Mattoni erklärte ihm bedeutungsvoll, es sei ein gutes Buch, es werde seinen Gedanken eine andere Richtung geben. Fétis habe die Geigen Stradivaris genau untersucht, den Klang aller Teile geprüft und die Höhe der harmonischen Töne exakt angegeben. Er habe mit seinen Forschungen andere überholt und manchen Irrtum aufgeklärt. Er solle das Buch in Ruhe und Aufmerksamkeit durchlesen und sich vorstellen, er habe selbst alles erarbeitet und niedergeschrieben. Dann würde er vielleicht von innen heraus weiterbringen können, was bei der Geige Ghicellis im äußeren Anblick steckenbleiben mußte.

Josephus trug das Buch in der Hand und wanderte durch das alte Bologna. Es verlangte ihn, das Buch gleich aufzuschlagen und zu lesen. Nach Hause wollte er nicht, die Umgebung und die vielen Fragen hätten ihn gestört. Seine Blicke suchten einen Platz. Da er keinen besseren fand, stieg er die Freistufen eines alten Palastes hinauf und setzte sich vor die Arkaden auf die obere Treppenwange. Es war ein warmer Tag. Aus dem alten Gemäuer stieg eine Kühle, die ihn auf seinem schattigen Platz mit wohltuender Frische umgab. Er schlug das Buch auf. Gewissenhaft las er Titel und Vorwort. Es sollte ihm nichts verlorengehen von allem, was der Autor zu sagen hatte. Ehe er sich darüber weitere Gedanken machte, war er schon mitten in den Ausführungen des Buches. Er sog die Worte des Autors in sich ein und jagte hinter den Gedanken her, wo sie ihm zu entschlüpfen drohten. Trotz der Kühle wurde es ihm warm. Er saß dort Stunden und Stunden und las, bis die Sonne sich senkte und die Glocken der Dominikanerkirche zum Nachtgebet riefen. Josephus rieb sich die Augen und schaute umher. Er schaute wieder ins Buch, merkte sich genau die Seite und schlug es zu. Nun erhob er sich und schob das Buch unter den Arm. Die Stufen des alten Palastes schritt er mit einer Miene herunter, als wenn er, wie einst die Herren des Hauses, die junge Braut zur Kirche führen wollte.

Der junge Florenus schlenderte gemächlich durch die alten Gassen. Die freundlichen Blicke der Mädchen beachtete er nicht. Es hätte kein Apostel unberührbarer sein können als er. Das Buch hielt er fest im Arme, obgleich auch diese Schutzmaßnahme überflüssig war. Es gab niemand in seiner Nähe, der in dem Buche nach dem großen Schatz gesucht hätte, den Josephus schützen wollte. Gefährlich hätten ihm nur seine herausfordernden Blicke werden können und die Verachtung, mit welcher er den Kopf im Nacken trug. Diejenigen, die seine Blicke trafen, waren von ihm nicht gemeint. Verachten wollte er sie auch nicht, wenn es auch manche verdient hätten. Es geschah nichts Aufregendes. Alles blieb friedlich und freundlich wie der abendliche Himmel. Die Menschen auf der Straße verstanden Josephus nicht und er sie auch nicht, und beiderseits bestand auch keine Absicht, sich näherzukommen. Nur ein Mißverständnis hätte diesen Zustand verändert. Es ist aber gut, wenn solche Mißverständnisse nicht akut werden, auch dann nicht, wenn man wie Josephus Florenus bei der Wendung um eine Straßenecke einer älteren, korpulenten und immer noch liebenswerten Dame in die Arme läuft. Die Begegnung wäre der Dame nicht so unangenehm gewesen. Mit der ausgezeichneten Höflichkeit seiner Entschuldigung verhinderte Josephus die Dame daran, ihrer Enttäuschung Luft zu machen. Diese Begegnung war ein bedeutungsvoller und glücklicher Zufall, der Josephus davor gerettet hatte, eine Kellertreppe hinunterzustürzen. Josephus wurde vorsichtiger und kehrte zu geläufigeren Umgangsformen zurück. Er achtete auf die Menschen, machte größere Bogen um sie und grüßte auch dann mit Ergebenheit wieder, wenn er nicht gemeint war.

Zu Hause angekommen, wollte er sein Studium fortsetzen. Das ließ Frau Teresa nicht zu, die darauf bestand, daß er mit ihnen allen zu Abend äße. Josephus war in diesen Gewohnheiten gerne etwas eigenwillig, aber heute war er in einer Stimmung, in der er sich bereitwillig fügte. Die Freude am Buche ging durch diese Unterbrechung nicht verloren. Er war so aufgeräumt und mitteilsam, daß er bei Tische von dem Meister und seinen Erlebnissen erzählte, als wenn es seine eigenen gewesen wären. Sie hörten ihm alle mit großem Interesse zu, nur der Vater fragte ungeduldig, was er denn eigentlich dem Buche an praktischen Werten entnommen habe. Dieser Teil interessierte die anderen nicht mehr, und da das Abendessen beendet war, setzten sich Vater und Sohn mit dem kostbaren Buche in eine stillere Ecke. Josephus entwickelte die Forschungen Fétis', der festgestellt haben wollte, daß bei allen Geigen Stradivaris ein mittlerer Korpuston zu beobachten sei. Es müsse aus dem Bau des Instrumentes dieser Ton gewonnen werden, wenn man den Klang der alten Cremonenser Meistergeige erreichen wolle. Für diesen Gedanken ereiferte sich Josephus.

Josephus Florenus begann jetzt eine andere Arbeitsmethode. Er schnitt sich die Boden- und Deckenteile zurecht, und bevor er sie fertig ausarbeitete, spannte er sie in einen Schraubstock. Mit einem Klöppel, den er sich für diesen Zweck gemacht hatte, schlug er gegen die Holzflächen und horchte mit größter Aufmerksamkeit auf den Klang. Er wechselte die Hölzer aus, bearbeitete sie aufs neue und probierte sie so lange, bis er die herausgefunden hatte, die seinem Wunsche entsprachen. Auf seinem Tische häufte sich eine Menge unfertigen Materials, ohne daß er sich entschließen konnte, mit dem Bau einer Geige zu beginnen. Er fügte endlich einige Teile so zusammen, wie sie am besten zusammenzuklingen schienen. Er merkte sich dabei genau die Maße und Klangabweichungen und begann mit dem Bau der Instrumente. Mit dem gleichzeitigen Bau von drei Instrumenten hoffte er beim Vergleiche untereinander zu dem konstruktiven Ergebnis zu kommen, welches Fétis nicht hatte angeben können. Die drei Geigen vollendete er fast gleichzeitig, und alle drei stellten einen bedeutenden Fortschritt dar. Sie verdienten vollauf das Lob, welches sein Vater und die sachkundigen Freunde ihm darüber aussprachen. Josephus machte sich aus ihnen wenig. Mit diesen Versuchen war er wohl den Zielen nähergekommen, aber doch nur wie ein Blinder, halb getastet und halb geführt. Der Korpuston der drei Geigen war, wie er erwartet hatte, nicht gleichmäßig ausgefallen. Er bewegte sich wohl in der Nähe des »g«, besonders bei einer, und war bei dieser am wenigsten rein. Er fühlte sich instinktiv auf dem rechten Wege und hatte wohl den Wunsch, sich mit voller Lust in das Schaffen zu stürzen, doch die bohrenden Überlegungen ließen ihn nicht frei. Was würde es für ein Unglück sein, wenn er sich in Abschweifungen verlieren würde, während die greifbare Wahrheit in den überlieferten Stradivari-Geigen vorhanden war! Sollte er weiterkommen, mußte er in den Besitz einer solchen Geige gelangen. Die eigene Anschauung konnte allein die Lösung geben. Er hatte gelernt, die Entstehung eines Instrumentes aus den Spuren seiner Bearbeitung zu lesen, und er getraute sich, die Bildung des Korpustones ebenso aus dem richtigen Gefühl zu erfassen.

Er brachte in Erfahrung, daß ein Geigenhändler in Mailand eine Stradivari-Geige zu verkaufen hätte. Die Echtheit dieser Geige war einwandfrei bezeugt. Er schrieb an den Geigenhändler und fragte nach dem Preis. Der Händler forderte 2500 Lire. Das war eine Summe, die der junge Florenus nicht besaß. Er war entschlossen, zu arbeiten und zu darben, bis er eine solche Summe beisammen hätte, um damit die Geige erwerben zu können. Er schrieb dem Geigenhändler, daß er dringend wünsche, die Geige zu besitzen, und er wäre auch bereit, die geforderte Summe zu bezahlen, er möge sich jedoch gedulden, bis er ihm den vollen Betrag übergeben könne, und die Geige bis dahin für ihn verwahren. Der Geigenhändler erklärte sich dazu bereit und erbot sich, ihm die Geige auszuhändigen, wenn die Anzahlung die Höhe von 2000 Lire erreicht habe. Josephus nahm diese Verpflichtung auf sich, warf sich auf seine Arbeit und scheute nicht Wege und Mühen, um seine Geigen zu verkaufen. Die von Mattoni geförderten Beziehungen zum Musikalischen Lyzeum halfen ihm redlich dabei. Die Preise der Geigen waren aber nicht hoch und die Gewinne nur klein. Langsam wuchs die Summe an, die Florenus brauchte.

Raffaele hatte nicht nur in Bologna viele Freunde und Bekannte. Er unterhielt auch einen umfangreichen geschäftlichen Briefwechsel mit auswärtigen Geigenhändlern, mit denen er besonders alte Instrumente nach Wunsch der Kundschaft auszutauschen, zu kaufen und zu verhandeln hatte. Auf diesem Wege stand er auch in Beziehung zu dem berühmten französischen Geigenbauer Chamon, der damals ein hohes Ansehen in der Fachwelt genoß. Der Franzose hatte einem Schreiben die Bemerkung beigefügt, daß er einen jungen Geigenbauer von Ruf in seine Werkstatt einstellen möchte, und er bat Raffaele um Vorschläge und Empfehlungen. Raffaele war von dem Briefe Chamons entzückt. Er besprach sich mit Josephus und schrieb Chamon zurück, daß er sich glücklich schätze, ihm seinen eigenen Sohn schicken zu dürfen.

Josephus Florenus machte sich auf die Reise nach Paris. Er hatte Zeugnisse und Anerkennungen mitgenommen, um sich vor dem französischen Meister ausweisen zu können. Der berühmte Geigenbauer empfing Josephus in würdiger Haltung, durchsah aufmerksam seine Papiere und betrachtete ihn mit einer kritischen Vorsicht, als wenn er es für nötig hielte, vor irgend etwas auf der Hut zu sein. Es entspann sich ein kurzes Gespräch. Josephus gab Antwort auf alles und verriet von seinen eigenen Arbeiten nichts. Chamon spürte, daß dieser junge Italiener ein Mann von ungewöhnlichen Kenntnissen war, und er hielt es für ratsam, den neuen Schüler gleich in die Schranken zu bringen, in welchen er ihn zu halten gedachte. Er bedeutete ihm, daß in seiner Werkstatt alles nach seinen Zeichnungen und Vorschriften gearbeitet werden müsse. Er sei in der Welt dafür bekannt, daß er die vorzüglichsten Geigen nach Art der Stradivari baue, und daher seien auch seine Gehilfen auf die genaue Befolgung der originalen Angaben des alten Meisters angewiesen. Josephus Florenus fragte, ob er diese Pläne und Zeichnungen sehen könne, um sich eine Vorstellung von seiner Aufgabe zu machen. Chamon legte etliche Blätter vor ihn hin. Es waren die Umrisse, Maße und Berechnungen darauf genau verzeichnet. Josephus fragte, ob bei der Befolgung dieser Vorschriften die Geigen auch stets den geforderten Klang hätten. Auf diese Frage erwiderte Chamon mit leichter Verstimmung, daß das der Fall wäre, vorausgesetzt, daß der betreffende Geigenbauer das Verständnis besitze, um sich genau nach diesen Zeichnungen richten zu können. »Das muß man können, junger Mann«, betonte er herablassend, »das sind die Angaben Stradivaris, und wenn Sie es lernen können, Maß für Maß auf Ihre Geigen zu übertragen, dann haben Sie das Ziel erreicht.« Josephus dankte für das Vertrauen und bat sich eine Bedenkzeit bis zum nächsten Mittag aus.

Der berühmte französische Meister hatte den jungen Italiener enttäuscht. In den Äußerungen fand er nichts, was auf den großen Aufschluß hindeuten könnte, den er von Chamon erwartete. In einer kurzen Unterhaltung konnte nicht alles enthüllt werden, und er hätte sich auch nicht gewundert, wenn Chamon von ihm verlangt hätte, daß er ihm erst einmal sein Können erweisen sollte. Er würde dann sein Bestes versucht haben, und der Meister hätte ihm sagen können, was er für falsch und für richtig hielt. Was dagegen Chamon von ihm verlangte, ließ ihn fast erschrecken. Das war keine andere Regel als die der Bologneser Meister, nur mit dem Unterschiede, daß Chamons Unterlagen vollkommener waren. In seinen eigenen Untersuchungen glaubte er den Standpunkt des Franzosen schon überwunden zu haben. Zwar war auch er immer noch von dem konstruktiven Gedanken beherrscht, aber das entnahm er gerade aus seinen letzten Bemühungen, daß keine Konstruktion des lebendigen Elementes der Tonfühlung entbehren könnte. Die Methode des französischen Meisters mochte mit äußerster Feinheit durchgeführt worden sein und zu beachtenswerten praktischen Erfolgen geführt haben; es wehrte sich in Josephus die ganze Eigenwilligkeit des Künstlers dagegen, sich eine Methode zu eigen machen zu sollen, die auf starre Regeln und eine routinierte Kopistenarbeit hinauslief.

In der Werkstatt Chamons war für Josephus kein Platz. Sein Entschluß war rasch gefaßt, er stand schon fest; als er Chamons Haus verließ. Der Gedanke an seinen Vater machte ihn traurig. Der Vater hatte ihn mit soviel Hoffnung und Stolz nach Paris geschickt, und er würde ihn schwer betrüben, wenn er aus eigenem Anlaß jetzt wieder heimkehrte. Josephus dachte auch an seinen eigenen Ruf und sein Fortkommen als Geigenbauer. Es galt in der Fachwelt viel, sich als ein Schüler Chamons bezeichnen zu dürfen. Er mußte an seine Zukunft denken und durfte sich keine Gunst verscherzen. Es mahnte ihn auch seine Verpflichtung gegenüber dem Mailänder Händler, die er von Paris aus sicherlich leichter befriedigen könnte. Er fühlte sich bedrückt von allen diesen Sorgen und Bedenken, und sein Entschluß geriet arg ins Wanken. Wenn er sich aber vorstellte, daß er ein Jahr und länger bei Chamon bleiben müßte, dann schüttelte es ihn, als wenn er in freier Frühlingszeit in ein Gefängnis gesperrt werden sollte. Nein, nein, er blieb bei seinem Entschluß! Es tat ihm leid um die Hoffnungen seines Vaters, aber er konnte die eigenen darunter nicht begraben.

Zur angesetzten Stunde ging er zu dem französischen Meister und erklärte ihm mit halbverlegenen Worten, daß es ihm nicht möglich sei, nach der geforderten Methode zu arbeiten. Chamon nahm diese ungewohnte Ablehnung mit Verwunderung auf und entließ den jungen Mann mit kalter Förmlichkeit.

Raffaele war sehr verärgert über die Heimkehr seines Sohnes und meinte entrüstet: »Wenn du dein Geschäft als Geigenbauer und Händler damit anfängst, dich mit einem solchen Manne zu überwerfen, dann wirst du nicht weit kommen. Die Zeiten sind nicht mehr wie früher. Woher willst du wissen, daß die Ansichten Chamons falsch sind? Und wenn sie es sind, kann es dich stören, seine Methode kennenzulernen? Jetzt sitzt du wieder in Bologna und kannst von vorne anfangen!«

Josephus hörte die Vorwürfe seines Vaters, die er erwartet hatte, mit schmerzlicher Bewegung an. Er konnte nicht davon sprechen, daß er sich mit allem selbst genug gequält habe. Aus seiner uneinigen Brust erwiderte er ungewollt mit gereizter Stimme: »Chamon wollte aus mir einen Kopisten machen, und ein Kopist will ich nicht sein.«

In der harten Energie seines Sohnes erblickte Raffaele nichts anderes als den trotzigen Eigensinn, den er so oft am Kinde schon getadelt hatte. Es konnte der Vater sich nicht umstellen von dem Kinde, welches ihm entwuchs, zu dem Sohne, den er zu gewinnen hatte. Die beiden Männer wollten nicht im Gleichschritt gehen, obgleich sie so viel Gemeinsames und so wenig Trennendes besaßen. Sie standen sich beide im Blute zu nah und waren zu fest an ihren Charakter gebunden, zu zielbewußt und zu tätig, um sich Kleinigkeiten vergeben zu können. Es will die Natur nicht, daß die Jugend bei dem Alter hockt, und wenn das fühlbar wird, rührt sie die vollen Herzen zu Trotz und Feindschaft auf.

Was Mensch ist, ist im Schoße der Familie, dem großen Kindheitsparadies, gewiegt worden. Die Familie ist wie die Erde aller Menschen Gut. Die hohen Bäume müssen breitere Wurzeln schlagen und müssen anderen Erde, Luft und Sonne nehmen. So muß den Frieden der Familie der Ungewöhnliche im besten Willen stören. Das junge Reis kann Vaterhand nicht pflegen, es wächst und steht in Gottes Hand.

Es zieht den Menschenstrom dahin, und wie die Wellen plätschern und sich mischen, müssen die Menschen plaudern und sich lieben. Der Strom steigt über die Ufer oder verrinnt im Sande. Der Gewöhnliche weiß nichts von diesem Geschick. Es ist das Ungewöhnliche des großen Menschen, daß er es ahnt und in sich selbst das Gewissen fühlt, welches alles verantwortet. Es ist in ihm das Leben allumfassender Gedanken, an denen alle anderen Menschen wie Wassertropfen hängen.

3. Die Kunst erwacht.

Der Besuch in Paris hatte für Josephus Florenus eine nachhaltigere Wirkung. Die große Hauptstadt des Nachbarlandes mit dem wogenden Leben der Boulevards, den Männern der Politik, den Künstlern und den Museen, Plätzen und öffentlichen Bauten erweiterte seinen Sinn dafür, daß jenseits der Alpen und der Meere regsame Völker tätig waren. Aus dem italienischen Leben war er in ein europäisches Dasein übergetreten. Die große Welt erweiterte nicht nur seinen Blick, sie verstärkte den Impuls des künstlerischen Verlangens, an dieser Welt teilzuhaben und in ihr etwas zu sein. In Bologna spielten sich Kauf und Handel als unterhaltsame Beschäftigungen ab. Die großen Läden der Pariser Firmen boten ihm nichts an, was er zu erwerben gewünscht hätte. Sie zeigten sich ihm aber als die großen geöffneten Schmuckkästen, aus denen sich alle nahmen, um sich die Kostbarkeiten über ihre Körper zu hängen oder in ihre Wohnungen zu tragen. In diesem bunten Gewühl von Menschen gab es auch die, welche die Geigen liebten und kauften. Die Werkstatt Chamons, die ganz anders war als die kleinen Stuben in Bologna, überzeugte ihn, daß auf dem Weltmarkt der Kunst gute Instrumente begehrte Artikel sein müßten. Er mußte aus Italien heraus, wo alles zu klein und zu voll war. Er mußte an diese Stätten gehen, um seine Geigen zu verkaufen, wo das Weltgeschäft brandete.

Mit der Auffassung Chamons vom Ziel des Geigenbaues hatte er sich immer wieder beschäftigt. Er begann zu zweifeln, daß Chamon seine Geigen nur nach den vorgelegten Zeichnungen baute. Stammten die Zeichnungen tatsächlich von Stradivari, mußten diese überliefert und vielleicht noch irgendwo vorhanden sein. Baute der Franzose nur nach diesen Zeichnungen, mußte auch er längst darauf gekommen sein, daß der genauesten Arbeit der letzte Erfolg versagt war. Er rief sich die Worte des Meisters in Erinnerung, und er meinte, aus ihnen herauszuhören, daß die Erreichung des Zieles in einer so vollendeten Nachahmung läge, die wahrscheinlich niemand erreichen könnte. Deshalb würde auch kein Geigenbauer die Spanne zwischen sich und Stradivari jemals verwischen. Die akkuraten Arbeiten, die er von dem Franzosen gesehen hatte, schienen seine Vermutung zu bestätigen, und da Chamon eine unumstrittene Autorität war, mochte Josephus Florenus daraus folgern, daß es in der ganzen Welt keine höhere Auffassung als die Chamons gäbe. Das war für Florenus eine sehr wichtige Tatsache. Die Vorurteile der Jugend hatte er abgestreift. Er war kritisch genug, um sich zu sagen, daß Chamon die Fehlerquelle richtig entdeckt hatte, und er hatte gewiß auch alles versucht, um den Fehler zu beseitigen. Seine minutiöse Feinarbeit war technisch nicht mehr zu übertreffen. Damit gelangte er nicht zur Lösung, besetzte aber den ersten Platz davor. Mit dem Instinkt des Künstlers war Josephus Florenus von diesem Wege abgesprungen. Er wäre lieber zur Erkenntnis des Antonio Marchi zurückgekehrt, als daß er sich dazu hergegeben hätte, aus dem Geigenbau eine musikalische Feinmechanik zu machen. Er überflog die Erfahrungen, die er bei Ghicelli, Fétis, Chamon und Mattoni gesammelt hatte. Es war eine reichhaltige Sammlung, nur eine Erfahrung fehlte, die eigene und freie Untersuchung einer Geige Stradivaris. In allen Verwirrungen wollte er nur noch sich selbst und seinem großen Meister vertrauen.

So hatte der Besuch in Paris dem jungen Florenus die Welt geöffnet und hatte ihm gezeigt, daß dort niemand mehr war, der ihm die Leiter hätte halten können. Er mußte sich zum freien Flug aus eigener Kraft erheben.

 

Es wurde einsam in der Werkstatt Josephus Florenus'. Man hielt ihn für hochmütig und spottete seiner fixen Idee. Er selbst kümmerte sich nicht darum, er arbeitete weiter an seinen Geigen in dem Stile, den er gefunden hatte, und er fühlte, wie sie sich unter seinen Händen leichter und williger formten. Aus der Bibliothek seines alten Freundes Mattoni hatte er sich noch etliche Bücher geholt. In der Reife der eigenen Erfahrung lernte er manche dunkeln Worte richtig verstehen. Die Risse und Darlegungen zeigten nicht, und die Worte erklärten nicht, was unter den Händen geschah. Jahrelang schaffte Florenus unermüdlich mit eisernem Fleiße. Im Kauf und Verkauf des Geigengeschäftes waren auch schon viele Instrumente durch seine Hand gegangen. Meister von Ruf und Unbekannte mit Geigen aus Nord- und Süditalien und aus aller Welt hatte er kennengelernt und meistens gründlich studiert. Kein Instrument ließ er vorbei, welches er nicht in allen Bestandteilen eingehend geprüft hätte. Sonderbare Abweichungen waren ihm begegnet. Formen, die ganz aus dem Rahmen zu springen schienen. Andere Instrumente setzten durch ihre Primitivität in Erstaunen. Er merkte sich Kennzeichen und Gewohnheiten, die jedem anderen entgangen wären. Es waren auch Geigen dabei, aus denen verwandte Geister ihn grüßten. Eine Stradivari kam nicht ins Haus. Der junge Florenus genoß bald einen doppelten Ruf als Geigenbauer und Geigenkenner. In Bologna hätte schwerlich ein Kollege ein fragliches Instrument übernommen, ohne ihn um seinen Rat gefragt zu haben.

Es waren Jahre vergangen, in denen Florenus sparsam Lire auf Lire gesammelt hatte. Endlich, endlich konnte er dem Händler in Mailand schreiben, daß er ihm die zweitausend Lire zur Verfügung stellen würde. Damit ging die erste echte Stradivari-Geige in den Besitz Josephus Florenus' über. Er feierte diesen Augenblick in seinem Herzen mit andächtiger Freude. Jetzt konnte er in Ruhe sehen und in Ruhe hören. Jeder Winkel, jeder Schnitt, jeder Ansatz wurde von seinem Auge erspäht, und die Ohren griffen die Töne auf, als sollten sie in ihnen versteinert werden. Er öffnete die Geige und nahm die Teile in seine Hand. Wie durch ein Wunderland wanderte er ... Erst als er alles genossen und gekostet hatte, als er mit allen Teilen vertraut war, als wären sie von seiner Hand, machte er sich daran, die Maße des Instrumentes aufzunehmen. Nun horchte er Decke und Boden ab. Er kam zu seiner Überraschung zu anderen Feststellungen als der gelehrte Fétis. Fétis war für den Korpuston aller von ihm untersuchten Stradivari-Geigen etwa auf das zweite »g« gekommen. Nach den Untersuchungen Florenus' mußte er sich entweder in der Annahme getäuscht haben, daß dieser Korpuston allen Stradivari-Geigen eigen sei, oder er mußte einem Irrtum in der Feststellung verfallen sein, denn sein scharfes Ohr stellte mit unumstößlicher Gewißheit fest, daß bei der vorliegenden Geige der Korpuston ein Viertelton unter dem zweiten »h« lag. Florenus hatte Gründe, anzunehmen, daß seine Beobachtung stimmte, und daß Fétis sich irrte, wenn er für alle Geigen Stradivaris den gleichen Korpuston ermittelt zu haben glaubte. Er stellte auch fest, daß Decke und Boden nicht auf den gleichen Ton gestimmt waren. Sie klangen auf »f« und »g« und hingen in der Wirkung offenbar von der Höhe der Zarge ab. Er glaubte auch noch andere Verhältnisse von mitwirkender Bedeutung gefunden zu haben. Da er nur die eine Stradivari-Geige vor sich hatte, war es ihm nicht möglich, das einzelne auf seinen Wert als Gesamterscheinung zu prüfen.

Bevor Florenus seine Untersuchungen abschloß, fertigte er eine Niederschrift an und übertrug genau alle Konstruktionen und Berechnungen. Er ging noch einmal die ganze Untersuchung durch und forschte danach, ob sich irgendwie eine geometrische Beziehung oder eine zahlenmäßige Funktion ergäbe, die allen gefundenen Werten hätte einheitlich zugrunde gelegt werden können. Es war nicht möglich, zu einem solchen Ergebnis zu kommen. Immer noch im Ungewissen darüber, welche allgemeine Bedeutung seinen Feststellungen zukommen könnte, wußte er auch nicht, ob er den Mangel einer mathematischen konstruktiven Grundlage begrüßen oder bedauern sollte. Seine Forschungen hatten ihn an den entscheidenden Punkt in der ganzen Stradivari-Frage gebracht. Da, wo die Schöpfung ihren Impuls verraten sollte, mußte das tote Material den Dienst versagen. Tagelang hatte er seine Gedanken in leidenschaftlicher Spannung auf den Augenblick gerichtet, in welchem sich ihm das Rätsel lösen würde. Die junge Königin des Werdens sollte in überirdischem Klange erscheinen, da versank das Licht in der Nacht der Elemente. Um dieses eine hatte er sich umsonst gequält. Es blieb verborgen wie an jedem grauen Tag. Florenus biß sich auf die Lippen. Eine lange und planmäßige Arbeit war beendet, eine andere unbekannte lag vor ihm. Wohin? wohin? Müde und von Gedanken zerwühlt, suchte er die Nachtruhe auf. Er hatte lange nicht geschlafen.

Es war die achte Morgenstunde schon vorbei, als Frau Teresa den Schläfer mit den Worten weckte: »Du schläfst schon länger als dein Freund Ghicelli!« Josephus rieb sich lachend die Augen und stand auf. Der Schlaf ist der beste Arzt der Jugend. Josephus reckte die Arme und ballte die Hände. Seine rastlose Energie ließ ihn nicht wieder anknüpfen an die Depression des gestrigen Abends. Er fand sich wieder in den sein ganzes Selbst durchstürmenden Erkenntnissen und in dem kindlich glücklichen Gefühl, ein Werk des großen Meisters zu besitzen.

 

Wenn der Mensch sich selbst nicht kennt, wer will ihn kennen? Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist ein Schritt. Von der Verzweiflung zur Hoffnung ist nur ein Blick. Wann wandelt sich die Welt in unserer Brust und warum? Von Nichtigkeiten lassen wir uns hemmen und stürmen gegen Mauern an. Der Genius fragt nicht nach dem Zweck, das hat er mit dem Kind und Gott gemeinsam. Er selbst ist Zweck, und seine Tat ist Segen. Das wahrhaft Große leidet Demut nicht und Trauer. Der tiefste Sinn der Schöpfung war die Freude, und alles, was in diesem Sinn entsteht, kann nur aus einer Lust geboren werden, die in befreiter Brust mit Gott sich einig ist. Es will der Mensch mit stolzen Worten gern das Höchste nennen, doch wenn er es hört, vergißt er nicht, daß auch der Pulsschlag seines kleinen Lebens nach dieser großen Uhr gestellt ist. So freut er sich des Guten und hört den Helden lieber als den Intriganten, denn irgendwo, so meint er, sei der Mann ein Stück von ihm. Das Lächerliche will erhaben sein.

In frohester Laune hatte Josephus sich an seinen Arbeitstisch begeben, um für den Bau der neuen Geige alles vorzubereiten. Er hatte kaum damit begonnen, den Tisch zu säubern, als es an seine Tür klopfte. Er dachte schon, es wäre ein Bekannter, und rief, ohne sich umzudrehen: »Komm nur herein!« Die Türe öffnete sich, und ein kleiner Mann schob einen kahlen Kopf mit neugierigen Augen durch die Spalte. Da Josephus sitzengeblieben war und keine Miene machte, sich umzudrehen, machte der Mann die Türe hinter sich zu und klopfte von innen mit dem Knöchel der Finger dreimal vernehmlich dagegen. Jetzt wandte sich Florenus um. Der Anblick des fremden Mannes überraschte ihn nicht wenig.

»Was wünschen Sie, mein guter Freund?« fragte er höflich, da er annahm, der Mann wäre von einem Geigenhändler geschickt, was öfter vorkam. Der Mann verbeugte sich und sagte: »Mein Name ist Pietro di Bossini!«

Aha, wenn auch kein edler Mann, so doch ein Edelmann, dachte Josephus, bot seinem Gaste einen Stuhl an und fragte noch einmal nach seinen Wünschen. Der Mann, der sich Bossini nannte, setzte sich und legte behutsam einen großen, schwarzen Beutel neben sich, den er bis dahin, ohne daß Josephus es sehen konnte, auf dem Rücken getragen hatte. Also doch ein Händler, stellte Josephus fest.

»Herr Florenus«, begann der kahlköpfige Gast und ließ die listigen Augen auf eine seltsame Weise kreisen, »Sie sind ein großer Geigenbauer.« Josephus wollte einen Einwand machen, aber der Kahlköpfige wehrte ab und erklärte nachdrücklich: »Nein, ich weiß!« Josephus glaubte seiner Bescheidenheit Genüge getan zu haben, und der Mann fuhr fort: »Ich bin ein Geigenbauer und baue meine Geigen schon zwanzig Jahre länger als Sie. Das will nicht immer etwas heißen, aber vielleicht überzeugen Sie sich, ob diese Geigen Ihren Beifall finden würden.«

Nun war es an Josephus, abzuwehren. »Verehrter Herr von Bossini, ich bin überzeugt, daß Ihre Geigen ausgezeichnet sind, doch leider ist die Zeit so schlecht, daß wir für unseren Handel weitere Geigen nicht übernehmen können.«

Herr von Bossini hatte darauf kaum hingehört, sondern war aufgestanden und hatte aus seinem schwarzen Beutel drei Geigen herausgenommen, von denen er zwei vor Josephus auf den Tisch legte und eine in der Hand behielt.

»Ach, Sie bringen alte Geigen!« rief Josephus interessiert und blickte auf die beiden Instrumente. Der Kahlköpfige ließ seine dunkeln Augen wieder kreisen und triumphierte:

»Sehen Sie sich die Instrumente an, sind sie nicht wundervoll?«

Josephus trat mit einer der Geigen an das Fenster. Es war wahrhaftig keine schlechte Arbeit, und es schien eine alte Geige zu sein. Einiges war allerdings nicht unverdächtig, und besonders die Schnecke machte ihn stutzig. Auf dem Boden befand sich das Zeichen Nicola Amatis. Er blickte scharf zu seinem Gast hinüber und erklärte mit Bestimmtheit: »Die Geige ist nicht von Amati!«

»Woran wollen Sie das erkennen?« fragte der Kahlköpfige, ohne sich zu rühren.

»Das brauche ich Ihnen nicht zu sagen«, versetzte Josephus abweisend und gab ihm die Geige zurück, »aber wer hat die Geige gebaut? Sie ist aus altem Holz, zum Teil wenigstens, doch neu gebaut!«

Der Gast stellte sich in würdevoller Haltung vor Josephus hin, deutete mit ausgestrecktem Arm auf die Geigen und erklärte selbstbewußt: »Diese Geigen sind von mir!«

»So, ich denke, Sie heißen Bossini und nicht Amati«, meinte Josephus kurz.

»Das ist schon richtig, aber das Holz stammt von Amati.«

»Wieso?«

»Warum soll es nicht von Amati stammen, wenn mein Großvater es behauptet!« Josephus lachte. »Das ist mein Ernst, mein Herr, und wie kann ich mich berechtigt fühlen, dem Holze einen andern Namen zu geben als den seines rechtmäßigen Eigentümers?«

»Der rechtmäßige Eigentümer ist lange tot.«

»Ich nehme die Rechte des Verstorbenen wahr.« Der Kahlköpfige verbeugte sich anscheinend zu Ehren des Verstorbenen.

»Sie wollen aber doch nicht Holz, sondern Geigen verkaufen, guter Freund.«

»Das ist es«, seufzte Herr von Bossini, »Geigen verkaufen. Ja, mein Herr, ich könnte die schönsten Geigen verkaufen. Sehen Sie sich die Ware an, ist sie nicht schön? Hören Sie den Klang, ist er nicht gut? Sind das nicht Geigen, die eines Paganini würdig wären? – Man hat kein Verständnis mehr für Geigen!«

Josephus wußte nicht, ob er den Kahlköpfigen ernst oder komisch nehmen sollte, und nahm eine der Geigen wieder zur Hand. »Haben Sie daran etwas auszusetzen?« fragte der Kahlkopf.

Josephus prüfte die Geige etwas eingehender. Der Mann hatte recht. Es wäre mancher zufrieden gewesen, wenn er eine solche Geige hätte bauen können. Von dieser Achtung bewegt, erwiderte er höflich: »Es ist eine gute Geige.«

»Das ist es, eine gute Geige! Aber verkaufen Sie einmal eine Bossini, dann behalten Sie weniger Haare auf dem Kopf als Saiten auf der Geige. Verkaufen Sie eine Amati, da stehen sie alle und sperren das Maul auf, als wenn der Fiedelbogen verquer hineingesteckt werden sollte.«

»Ich verstehe schon«, nickte Josephus, »aber wenn die Käufer nun finden, daß Ihre Amati den richtigen Klang nicht habe, was sagen Sie dann?«

Herr von Bossini klappte die Lider über die rollenden Augen und erwiderte: »Was ich dann sage? Das ist doch sehr einfach! Dann stammt die Geige nicht von Nicola Amati, sondern von seinem Sohn, der das Holz von seinem Vater erbte und viel schlechtere Geigen baute als diese. Ich vermute, Herr Florenus, daß das auch der Grund war, weshalb dieser Amati die Holzvorräte meinem Ahnen überließ.«

»Ist diese Überlassenschaft so genau verbürgt?«

»Verbürgt? Was heißt verbürgt? Meine Studien geben mir die Gewißheit, und ich weiß in meiner Familie Bescheid.«

»So, so, gab es denn in Ihrer Familie schon mehrere Geigenbauer?«

»Nicht Geigenbauer, Geigenhändler«, verbesserte der Kahlkopf. »Es war einmal ein einträgliches Gewerbe, aber mein Vater wollte wieder den Edelmann spielen. Das paßte nicht mehr in die Familie, und das gute Geld war futsch. Nun wandle ich wieder in den Fußtapfen meines Großvaters.«

»Schön, und was soll ich in diesen Fußtapfen?«

Der Alte fuhr mit der Hand über die Glatze und versetzte bedächtig: »Es ist mir der Wunsch gekommen, mein Geschäft aufzugeben, Kinder habe ich keine. Ich möchte mir daher die höfliche Anfrage gestatten, ob Sie, hochverehrter Herr von Florenus, bereit wären, mein Geschäft zu übernehmen oder wenigstens meine Geigen zu verkaufen.« –

»Sie können mir nicht zumuten, gefälschte Amati zu verkaufen.«

Der Kahlköpfige lächelte geringschätzig und erwiderte unbeirrt: »Verkaufen Sie doch echte Bossini, lieber Freund!« Ehe Josephus etwas erwidern konnte, fuhr er fort: »Sagten Sie nicht selbst, es wären gute Geigen? Sie werden mir diese drei Geigen schon verkaufen. Von der ersten Geige erhalten Sie drei Viertel und ich die Hälfte, von der zweiten Geige Sie die Hälfte und ich zwei Drittel.«

Josephus mußte laut lachen: »Ihre Rechnungen sind so falsch wie Ihre Geigen, Herr von Bossini!«

»Es ist das Geschäft, Herr Florenus, es ist das Geschäft, man muß abnehmen und zugeben und abgeben und zunehmen, wie es gerade kommt. Schließlich bleibt auf der einen Seite das Geld und auf der andern Seite die Geige.«

»Gut, aber dann sagen Sie mir, wie der echte Bossini es gelernt hat, falsche Amati zu bauen!«

Die listigen Augen des Kahlköpfigen leuchteten auf.

»Wir werden uns noch verstehen, Herr Florenus«, meinte er vertraulich und setzte stolz hinzu: »Geigen bauen ist eine Kunst, die man hat oder nicht hat. Ich habe sie, und daher baue ich, Pietro di Bossini, die vollendetsten Amati-Geigen. Meinen Sie, ich täusche das Publikum? Nein, das Publikum täuscht mich. Wir sind hier unter uns, ich frage Sie: wird die Geige besser oder schlechter, wenn ich sie dunkel oder hell anstreiche, oder wenn ich die Etiketten hineinklebe, die geduldig einen andern Namen tragen?«

»Gewiß nicht!«

»Aber das Publikum zwingt mich, meinen ehrlichen Namen zu verstecken, weil es mich aushungern will. Es will mich täuschen und will mich betrügen. Es will mir vormachen, daß es etwas von Geigen versteht, um mir meine Geigen zu Hungerpreisen abzupressen. Soll Pietro di Bossini sich das gefallen lassen? O nein, er zahlt dem Publikum mit gleicher Münze heim und läßt die Leute sich selbst betrügen. Ich lasse die Leute für meine Amati nicht mehr bezahlen, als sie mit Fug und Recht für eine Bossini geben müßten!«

Der kleine alte Mann hatte sich in Erregung gebracht, und Josephus war nachdenklich geworden. Die verdrehte Moral seines Gastes enthielt eine gewisse Folgerichtigkeit. Der junge Florenus empfand etwas Mitleid und sagte: »Wer weiß, Herr von Bossini, wenn Sie bei Ihrem Namen geblieben wären, hätten Sie sich vielleicht doch durchgesetzt.«

»Nein, mein Herr, ich kann auch von der höchsten Ehre nach meinem Tode nicht mehr leben, und lebe ich, lockt mich der Beifall nicht allein. Wer nach Italien kommt, will von uns gar nichts wissen. Die Renaissance! Die Antike! so schwärmen Sie schon seit Jahrhunderten und schleppen unsere Schätze auf ihren Schiffen fort. Wenn Italien die Räubereien so munter überstand, hat es das den Männern zu verdanken, die ihre Kunst und ihren Namen, wie ich es tat, für die Verstorbenen hergaben!«

Der komische Alte war ernst und bitter geworden. Josephus antwortete nicht gleich, und es war eine Weile still im Raum. Dann gab er sich einen Ruck, stand auf und erwiderte: »Es ist schon manches recht, was Sie da sagen, aber der Weg ist falsch. Wenn die Künstler Italiens nicht mehr die Heloten ihrer großen Meister sein wollen, dann genügt es nicht, den Fremden ihre Dummheit heimzuzahlen, dann muß die Kunst sich in uns Lebenden behaupten, um der Welt zu zeigen, daß wir nicht nur Schmarotzer und Kopisten, sondern Meister sind, so gut wie alle andern. Nehmen Sie die gefälschten Zeichen aus Ihren Geigen, schreiben Sie Ihren Namen hinein, machen Sie es nie wieder anders, und ich werde versuchen, Ihre Geigen im Laden zu verkaufen, wie andere auch. Ich werde dabei nicht verfehlen, dem Käufer zu sagen, daß die Geigen von Pietro di Bossini sind, und daß es gute Geigen sind!«

Der Kahlköpfige hatte die warmherzigen Worte Florenus' mit einer traurigen Miene angehört. »Es ist schade«, sagte er und packte seine Geigen zusammen, »es ist sehr schade, daß Sie solche Gedanken haben. In zwanzig Jahren geben Sie mir recht, und dann haben Sie diese Zeit verloren. Es ist sehr schade, wir hätten so gut zusammengepaßt. Ich mache Amati und Sie Stradivari, der liegt Ihnen besser.« Josephus wollte sich entrüstet abwenden, aber der Alte fuhr höhnisch fort: »Oh, Sie behaupten, hier Geigen zu verkaufen, die nach Stradivari-Art gebaut sind, oder Stradivari-Geigen, das ist toute même chose für alle, die es glauben sollen. Was wissen Sie von der Art Stradivaris! Und die meisten Käufer werden noch weniger davon wissen, aber Sie wollen es glauben machen, und die anderen wollen es glauben. Na, wie Sie wollen.« –

Der alte Herr machte eine steife Verbeugung und rollte Josephus noch einmal mit seinen kugeligen Augen an. Dann nahm er seine Geigen auf den Nacken und ging zur Türe hinaus. Josephus stand mit dem Rücken gegen seinen Arbeitstisch und schaute dem seltsamen Morgenbesuch nach. Er hatte schon manchen merkwürdigen Geigenhändler kennengelernt, und man mußte oft auf der Hut sein. Der Typ des Herrn von Bossini war nicht so allgemein. Er war fast zu ehrlich, um ein Fälscher zu sein, und nicht edel genug, um ehrlich bleiben zu können. So dachte wenigstens Josephus.

Er drehte sich um und begab sich wieder an seine Arbeit. Der komische Gast hatte seine gute Laune nicht verdorben. Im Gegenteil, er mußte oft an ihn denken und über ihn lachen. Mit intensiver Schaffensfreude ging er an die Arbeit. Er war von keiner Sorge und von keiner Erwartung geplagt. Er fürchtete keine Enttäuschung. Er wußte, daß er die Vollendung noch nicht erreichen würde, aber er arbeitete dem letzten Ziele zu. In diesem Instrumente sollte alles noch einmal lebendig werden, was ihm der Meister bisher in Wort und Werk verkündet hatte. Es ging ihm alles spielend von den Händen. Bei der Ausschälung der Hölzer erhielt er reine Klänge. Den Vibrationspunkt des Bodens verlegte er zwischen das erste und zweite Drittel. Nicht einen Augenblick war er unsicher und suchend. Mehr als früher beherrschten Gehör und Gefühl das ganze Tun. Geigen bauen ist eine Kunst, die man hat oder nicht hat, hatte dieser Herr von Bossini gesagt. Der Prophet und seine Lehren waren zwar recht fragwürdig, sie konnten aber doch nachdenklich machen. Florenus hatte bisher auch an seine Kunst geglaubt, an die Kunst der Technik, der Konstruktion, des Könnens und der Beherrschung eines Geheimnisses. Bei den Worten Bossinis dämmerte ein anderer Begriff von der Kunst in ihm auf, der sich noch nicht klären wollte und noch kein steter Gast in seinem Denken war.

Komische Figuren machen einen nachhaltigeren Eindruck als tragische. Wägt man ab, was beide zu sagen haben, bleibt von beiden vielfach das Gegenteil haften. Ob ein Mann wie Bossini sich selber ernst nahm? Wahrscheinlich. Jedenfalls aber ernster als seine Kundschaft. Ob er ein Betrüger war? Leider ja. Vielleicht ein Betrüger wider Willen, vielleicht aber auch ein raffinierter Spitzbube, der seine Intelligenz dazu benutzte, um seinem schmählichen Handwerk eine ungewöhnliche Begründung zu geben. Es mochte allerorten solche Leute geben, doch darin hatte er recht, in Italien war die Verführung am größten. Bossini hatte auch verächtlich von Geigen nach Stradivari-Art gesprochen. Florenus erinnerte sich seiner Worte. Er mußte ihm auch darin recht geben. Solche Anpreisungen waren nicht minder ein Betrug, wenn auch kein faßbarer und kein strafbarer. Florenus dachte an Chamon und erschreckte vor seinen Gedanken. Gewiß, mit Stradivari hatten Chamons Geigen nichts zu tun. Sie waren Kopien wie die Amatis von Bossini. Chamon setzte seinen Namen hinein, aber ließ er nicht alle Welt wissen, sie seien doch so etwas Ähnliches wie Stradivari? Florenus mochte in seinen Gedanken nicht weitergehen, konnte sich aber doch nicht dagegen wehren. Er hatte Chamon verlassen, weil er kein Kopist werden wollte. Ein Kopist, was ist ein Kopist? War die Geige, die er im Begriff war fertigzustellen, nicht auch eine Kopie? Er hatte sie Stradivari nachzubauen versucht und hatte sich überglücklich geschätzt in der Hoffnung, den Weg in das Geheimnis des Meisters besser gefunden zu haben als alle anderen. Also war er auch ein Kopist und nicht viel mehr als Herr von Bossini! Um was für törichte Vorstellungen kreisten nur seine Gedanken! Er wurde ängstlich bei sich selbst. Bin ich ein Kopist? Er hätte es laut über die Straße rufen mögen, damit ein Besserer komme, ein Größerer, der ihm eine Antwort geben sollte. Er mußte sich Bewegung machen und sprang auf. Dieser vermaledeite Bossini hatte ihm seine Ruhe gestört, seinen Stolz und seinen Ehrgeiz! Seine Gedanken wurden schwer. Er hatte sich soweit über Chamon gestellt. Chamon? – Er erinnerte sich wieder klar, warum er von ihm fortgegangen war. Nein, er war kein Kopist! Er hatte Chamon abgelehnt, weil er nach seinen starren Vorschriften arbeiten und die Konstruktionen eines anderen nachahmen sollte, nachahmen, was ihm als Schöpfung verschlossen blieb. Das wollte er nicht. Er wollte nachstreben und nachleben. Er wollte sich erheben zu seinem großen Meister, nicht durch die Fertigkeit seiner Hand und nicht durch den Scharfblick des Verstandes, sondern von innen heraus in einer grenzenlosen Verehrung und einer heiligen Liebe. Josephus Florenus setzte sich an seinen Tisch und faltete seine Hände über seine Geige. Führe mich nicht in Versuchung, betete er, und offenbare mir das Wunder!

 

Lange Wochen hatte Josephus an seiner Geige gearbeitet. Jeder Tag war eine Freude gewesen. Sorgfältig verschloß er an jedem Abend alles, um es am nächsten Morgen wieder hervorzuholen. Kein fremder Einfluß sollte diese Arbeit stören. Jetzt war sie fertig. Er nahm den Bogen und weckte die Töne. Sein Herz schlug laut. Es war ihm ein meisterliches Werk gelungen. In das heilige Gefühl des Dankes mischte sich keine Überhebung mehr ein. In der einsamen Stille seiner Werkstatt bekannte er sich, daß es in Italien von lebender Hand kaum eine zweite solche Geige geben durfte, und daß sie doch noch keine Stradivari war.

Josephus bat den Vater in seine Werkstatt herüber und reichte ihm die Geige. Raffaele nahm den Bogen und spielte. Der Ton der Geige befing seine musikalische Seele. Er spielte und steigerte sich zu wirbelnden Leidenschaften. Er spielte lustig und traurig, jauchzend und klagend wie ein Zigeuner. Dann sang die Geige ein jubelndes Lied von dem quellenden, springenden, rauschenden Wasser des Samoggio. Mit dem Heimweh des Kindes hörte Josephus seinem Vater zu. Es war eine himmelhelle Feierstunde in der kleinen Werkstatt. Raffaele legte Bogen und Geige auf den Tisch und sagte leise: »Josephus, du bist ein Meister!«

Vater und Sohn beschlossen, das große Ereignis einstweilen geheimzuhalten. Josephus verwahrte die Geige in dem schwarzen eisernen Kasten, in welchem er auch seine Stradivari liegen hatte.

An den Mailänder Händler hatte Josephus noch fünfhundert Lire zu zahlen. Ihn drückte die Schuld. Da der Verkauf der Geigen in Bologna zu langsam vonstatten ging, nahm er sich vor, eine Auswahl guter Instrumente zusammenzupacken und damit ins Ausland zu gehen. Er erwog zunächst einen Besuch in Paris, doch es erhoben sich Bedenken. Die Pariser Geigenhändler bildeten einen Ring und suchten die heimische Arbeit mit allen Mitteln zu schützen. Als Schüler von Chamon hätte er vielleicht Aussicht gehabt. Statt dessen mußte er jetzt erwarten, daß Chamon ihm Schwierigkeiten bereiten würde, sobald er von seiner Anwesenheit Kenntnis erhielt. Diese und andere Bedenken waren geschäftlicher Natur, mit denen man schließlich geschäftlich verfahren konnte. Ausschlaggebend war für Josephus, daß er Chamon in seiner eigenen Residenz mit den zur Verfügung stehenden Instrumenten nicht begegnen wollte. Sie waren gewiß nicht schlechter als die seinen, die Masse der Käufer würde sie aber gewiß noch nicht so hoch einschätzen, da er ihnen unbekannt war. Josephus überlegte einen anderen Plan. In dem gewaltig emporstrebenden Deutschen Reiche entwickelte sich an allen Höfen ein reges Leben. Das künstlerische Schwergewicht sollte sich nach München verlagert haben. Alle Freunde des Hauses, die von Deutschland kamen, bezeugten ihm das und fügten hinzu, daß der Geigenbau in Deutschland noch sehr rückständig wäre. Deutschland sei aufnahmefähiger für italienische Instrumente als Frankreich, und es machte sich Josephus Florenus auf die Reise nach Deutschland.

In Mittenwald verließ Florenus den Reisewagen. In dieser südlichen Stadt des Reiches, eingekeilt zwischen hohen Bergen, lebte ein Völkchen von Geigenbauern, welches sein Handwerk zurückführte bis auf die großen Tage Jakob Stainers. Matthias Klotz sollte später als Schüler Railichs über Padua hierhergekommen sein und den Instrumentenbau begründet haben. Doch leider ist das Genie nicht erblich, und die Bewohner von Mittenwald fielen wie die von Cremona zurück in bescheidene Urstände.

Florenus besuchte die Geigenbauer von Mittenwald. Es waren brave Männer, die sich ihrer Kunst erfreuten. Sie bauten Geigen recht und schlecht und lachten über den Italiener, der ihnen vom Geigenbau Wunderdinge erzählen wollte, und dessen gebrochenes Deutsch sie nur halb verstanden. Sie begriffen nicht, warum sie sich Umstände machen sollten. Sie bauten die Geigen wie Vater und Mutter, und wenn sie einer belehren wollte, meinten sie spöttisch, er wollte es wohl besser wissen als Meister Klotz. Klotz war verantwortlich für alles, was sie taten. Sie hatten von ihm alles vergessen, nur seinen Namen nicht. In einigen von ihnen lebte etwas fort, was sie nicht mehr wußten, aber getreulich übten. Sie kreuzten sich Bäume an, die besser sein sollten als andere, und ließen sich davon Hölzer sägen in verschiedenen Stärken. Mit alten Anweisungen trieb man ein heimliches Wesen. Die Geigen von Mittenwald waren immer noch besser als andere in Deutschland, und das genügte, den Ruf des Ortes zu befestigen. Florenus hatte bald erkannt, wie hier die Dinge lagen, und zog nach München weiter.

In München setzte er sich gleich in Verbindung mit den führenden Geigenhändlern, und es gelang ihm auch, seine Geigen so gut zu verkaufen und neue Bestellungen vorzumerken, daß er die letzte Rate für seinen Mailänder Händler bereits gesichert in der Tasche hatte. Er fand alles, wie seine Freunde es geschildert hatten. In der Kunst des Geigenbaues stand München hinter Italien zurück. Unter dem rasch wachsenden Wohlstand blühte hier aber ein anderes Geschäft als dort. Die Händler waren wagemutiger und die Kundschaft interessierter. Der Aufschwung Münchens als Kunststadt hatte alle Künste mitgerissen. Die Pflege der Musik war hier verbreiteter als anderswo in Deutschland. Von allen Gegenden und Ländern strömten Kunstsinnige in die Stadt. Florenus hatte nicht die Absicht, aus dem Massenbedarf an Geigen und anderen Instrumenten ein gewinnbringendes Geschäft zu machen, aber wo die Kunst einen breiten Boden hat, fehlt ihr auch die Spitze nicht. Vor wenigen Jahren war Wagner gestorben. Seine Musik hatte die Gesellschaft erobert. Mit ihm traten sie alle noch einmal einen unvergleichlichen Triumphzug an, die in Deutschland, Österreich und Italien für die ganze Welt die Sphären aufgeschlossen hatten, aus denen das Herzblut einer Menschheit in Himmelstönen segnend niederging. Es brauchte diese Welt das Instrument, das die Musik des ahnenden Genies lebendig, wirklich fühlbar machte.

Von der Erledigung seiner geschäftlichen Angelegenheiten in München war Florenus äußerst befriedigt. Die schöne, große Stadt mit den fröhlichen Menschen gefiel ihm sehr. An einem Sonntagnachmittag ging er im Englischen Garten spazieren, um sich zu erholen und sich zu zerstreuen, wie er zu sich selber sagte. In Wirklichkeit wollte er sehr ernsthafte Überlegungen anstellen, die sich auf geschäftliche Angelegenheiten bezogen, von denen aber nicht ganz fraglos war, ob sie solche Dinge ausschließlich betrafen. Josephus hatte die Mitte der Zwanzig bereits überschritten, und er hatte wohl Veranlassung, über seine Zukunft nachzudenken. In der Enge des Vaterhauses und in der in Bologna nun einmal gegebenen Umwelt konnte er kaum daran denken, seine Absichten zu entfalten und seine Pläne zu verwirklichen. Davon mußte er sich befreien. Obgleich das Verhältnis zwischen ihm und seinem Vater durchaus ungetrübt war, gab es auch für seinen Vater geschäftliche Gründe, um eine baldige Trennung von dem Sohne für erwünscht zu halten. Die Stellung, die sich Raffaele in Bologna geschaffen hatte, konnte die Belastung mit der überragenden Arbeitskraft des Sohnes nicht mehr vertragen. Die Abweichungen in den Ansichten waren auch nicht auszugleichen, da sie nicht auf Überlegungen, sondern auf künstlerischen Empfindungen beruhten. Es fehlte natürlich nicht an Freunden und Beratern, die den einen damit ärgerten, daß der andere ihm das Geschäft verdürbe. Solcher Vor- und Nachreden bedurfte es nicht, ein zweites Geschäft würde Josephus in Bologna niemals eröffnet haben. Er hatte wohl Florenz in Erwägung gezogen, doch sprachen bei einem Vergleich zwischen München und Florenz tausend Gründe mehr für München gegen den einen für Florenz. Die Übersiedlung ins Ausland fiel Josephus nicht leicht. Er sagte bei sich, die Kunst kennt keine Grenzen und der Instrumentenbau auch nicht. Hier wie dort bleibe ich, was ich bin. Aber in München, wie anfangen und wo anfangen? – Er war hier noch heimatlos und irrte herum wie der Hase im Schnee. Florenus sah sich um und blickte auf die frohen Gesichter der Passanten. Er fühlte sich unbekannt und fremd. Bekannt wollte und mußte er werden, das war das Ziel seiner Arbeit, und das war auch der Grund gewesen, der ihn nach München geführt hatte. Was heißt fremd sein! Wenn man ein Heim und ein Haus hat, ist man nicht fremd. Der Gedanke stellte sich ohne Überlegung ein. Ein vagabundenhaftes Leben lockte Josephus nicht. Der Geigenbau ist eine seßhafte Kunst. Von jung auf hatte Josephus in seinem Berufe gearbeitet. So wenig, wie er sich als Kind mit seinen Gespielen beschäftigt hatte, so wenig war der Jüngling mit seinen Kameraden zu Sang und Tanz gegangen. Florenus sah die Mädchen nicht ungern. Sein Witz hatte schon manche zum Lachen gebracht, und unter den Töchtern Bolognas gab es nicht wenige, die sich die Geigen im Fenster des Ladens Florenus' mit mehr Ausdauer als Verständnis betrachteten. Aber Josephus war in diesen ganzen Jahren so sehr von dem zehrenden Eifer durchglüht, an das Ende seiner großen Sehnsucht zu gelangen, daß in seinem Herzen keine anderen Regungen Wurzeln schlagen konnten. Die Empfehlungen seiner Mutter waren ebenso erfolglos geblieben wie ihre Sondierungen.

Auf seinem Spaziergang war Florenus bis zum Chinesischen Turm gekommen. Der war gewiß noch fremder in München als er, schien sich aber gut eingebürgert zu haben. Er hätte wohl Anspruch auf eine auffallendere Erscheinung gehabt. Möglich, daß das Gelächter, welches von den Kaffeetassen herüberklang, ihn vertrauter gemacht hatte. Das flutende Leben akklimatisiert, modernisiert und nationalisiert alles. Der gute Geschmack kommt dabei nicht immer am besten weg. Florenus ging auch zu den Kaffeetassen hinüber und setzte sich allein an einen Tisch. Da er seine Bestellung auf das Wort Kaffee beschränkte, erhielt er von der freundlichen Kellnerin ohne Schwierigkeit das Gewünschte. Eine Weile saß er allein und beobachtete vergnügt, wie die tuschelnden Mädchen in einem planmäßigen Abstand hinter Müttern und Tanten vorüberzogen. Seine Beschaulichkeit dauerte nicht lange. Zwei Männer, die Brüder zu sein schienen, mit je einer Frau und zusammen drei Mädchen nebst einem Knaben setzten sich zu ihm. Die beiden Männer bauten sich rechts und links an ihn heran und schützten so die beiden ausgetauschten Frauen. Die drei jungen Mädchen und der Knabe schlossen sich an, so daß der ganze Tisch ausreichend besetzt war. Josephus präsidierte der ganzen Gesellschaft, was ihm nicht sehr behaglich war. Die Unterhaltung war sehr angeregt, er konnte alles deutlich hören, aber nichts verstehen. Seine Kenntnisse der deutschen Sprache waren noch nicht bis zum Bajuwarischen vorgedrungen. Allmählich ergaben sich Verständigungsmöglichkeiten, und die Gesellschaft ermittelte sehr interessiert, daß Josephus ein lebendiger Italiener sei. Besonders interessant fanden das die drei jungen Mädchen, von denen das eine Josephus gerade gegenübersaß und keine anwesende Tochter, sondern eine Freundin der Familie zu sein schien. Bei der Feststellung der Nationalität Josephus' war diese Dame rötlich angelaufen. Es fiel nicht weiter auf, da sich in diesem Augenblick das Interesse mehr dem einen Herrn zuwandte, der verständnisvoll nickte: »Aha, an Italiano!« Er bemühte sich, noch einige vokalreiche Worte vorzutragen, doch war damit noch keine italienische Unterhaltung in Gang zu bringen. Man blieb deswegen beim Bajuwarischen. Josephus wurden die Unterhaltungen zu anstrengend und zu lückenhaft. Er wäre am liebsten schon aufgestanden, aber die drei lachenden blonden Mädchen fesselten ihn. Die Drei wußten nicht, ob sie sich vor dem fremden jungen Mann genieren sollten. Da sie nicht recht wußten, wie man so etwas macht, genierten sie sich lieber nicht. Für alle Fälle hatten die Väter ja eine sichere Mauer aufgebaut. Zwischen Josephus und seinem Gegenüber trafen sich zuweilen die Blicke. Selbst für solche bescheidenen Versuche sind anwesende Gesellschaften entbehrlich. Solche Zustände sind unbewußt und unbedacht und gehören in das Labyrinth einer Nacht, die nicht nur Greuliches zu bedecken hat. Später werden solche Zustände Zufälle genannt, weil die Sprache keinen treffenderen Ausdruck kennt, um die Plötzlichkeit einer Entwicklung bildhaft festzuhalten. So lagen die Verhältnisse, als Josephus sich erhob und sich mit einer höflichen Bewegung verabschiedete. Nach dem Fortgange ihres Präsidenten bekundete die Gesellschaft einmütig in wiederholten längeren Bekräftigungen, daß es in Italien durchaus anständige Menschen geben müsse.

Um die Mittagsstunde des nächsten Tages ging Josephus zu dem Geigenhändler Mittendorfer, um dort eine Abrechnung vorzunehmen. Diese Abrechnungen machte die Tochter des Herrn Mittendorfer, und was Josephus am gestrigen Nachmittage um einige Grade weniger geahnt hatte als sein Gegenüber, erwies sich im Laufe der Abrechnung als eine unumstößliche Gewißheit. Beim Verlassen des Ladens des Herrn Mittendorfer nahm Josephus den besten Eindruck mit. In seine Bewunderung für die sachliche Geschicklichkeit des Fräulein Mittendorfer schoben sich persönliche Empfindungen vordringlich ein.

Unter dem Einfluß des Chinesischen Turmes mußte sich in Josephus das Gefühl des Fremdseins tatsächlich stark verringert haben, denn er studierte nun Straßen und Plätze der Stadt mit einer Genauigkeit, die bei der Gewissenhaftigkeit seiner Natur nur angebracht sein konnte im Hinblick auf einen fast ausgereiften Entschluß, nach München überzusiedeln. Verschiedentlich führte ihn sein Weg zu dem Chinesischen Turm, aber er sollte seinen Kaffee immer allein trinken. Jetzt war seine Zeit um, er mußte wieder zurück nach Bologna. Vorher suchte er noch einmal den Herrn Mittendorfer auf, um sich mit ihm in Berufsangelegenheiten zu besprechen. Der Besuch war vergeblich. Es war nur seine Tochter zugegen, und die war in diese Angelegenheiten nicht ausreichend eingeweiht. Den Bemühungen Josephus', ihre Kenntnisse zu erweitern, setzte sie keinen Widerstand entgegen. Die sprachlichen Schwierigkeiten lernten beide rascher überwinden, als es am Sonntagnachmittag einer ganzen Gesellschaft gelungen war. Trotzdem zogen sie die Unterhaltung so sehr in die Länge, daß Josephus, als er sich verabschiedete, keine Zeit mehr hatte, auf der Post noch einmal nach Briefen für sich nachzufragen, und sich schleunigst zum Bahnhof begeben mußte.

Josephus saß in seinem Abteil in der glücklichen Zufriedenheit eines Mannes, der seine geschäftlichen Angelegenheiten soeben auf das beste geregelt hat. Er dachte an Bologna und an seinen Vater, dem er von dem guten Verlauf bereits vor einigen Tagen Kenntnis gegeben und seine Ankunft gemeldet hatte. Josephus fuhr über Mailand, wo er die Reise unterbrach, um seinem Geigenhändler dort die letzte Rate für die Stradivari-Geige zu überbringen. Der Händler war sehr erfreut über die Erledigung der Angelegenheit und über den Besuch seines jungen Gastes, auf dessen Zukunft er große Hoffnungen setzte. In der lebhaften Unterhaltung erzählte er von einem noch lebenden Erben Stradivaris, der ihn früher wiederholt in seinem Leben aufgesucht habe. Vom Geigenbau verstünde dieser Nachkomme allerdings nichts, seine Begabungen seien rein geschäftlicher Natur, was zur Entstehung lustiger Anekdoten Anlaß gegeben habe. Josephus fuhr in heiterster Laune von Mailand nach Bologna. Er war seine Schulden los, und aus den freundlichen Erinnerungen an München fühlte er keine lästigen Verpflichtungen heraus. In Bologna angekommen, suchte er im Bahnhofsgewühl nicht ohne Mühe seinen Vater. Schließlich hatte er ihn entdeckt und wollte ihn freudestrahlend umarmen, als ihn dessen bekümmerte Miene zurückwies. »Hast du meinen Brief noch erhalten?« fragte dieser hastig. »Ich hatte dir geschrieben, daß Mattoni schwer erkrankt sei.« »Um Gottes willen«, rief Josephus bestürzt, »ich habe keinen Brief mehr bekommen, was ist denn mit Onkel Mattoni?« Raffaele suchte mit seinem Sohn durch das Gedränge zu kommen und sagte zu Josephus: »Er ist sehr krank, du mußt gleich zu ihm gehen!«

Von dieser Nachricht war Josephus auf das tiefste ergriffen. Der gute alte Mattoni war ihm mehr als Vater und Lehrer gewesen. Unter seiner Hand und seiner Liebe hatte sich ihm sein Beruf erschlossen. Mit weiser Geduld war er von ihm durch Lehre und Lernen geführt und auf das hohe Endziel seines Strebens hingewiesen worden. Die ganze Freude seiner Reise war in Josephus jäh zerbrochen. Still ging er mit seinem Vater nach Hause und legte Gepäck und Reisemantel ab.

Über dem Hause Mattonis lag Trauer. Josephus begrüßte im Vorzimmer die Tochter und deren Mann, die ihn, da der Vater gerade schlief, über das Befinden des Kranken unterrichtete. Mattoni war ein alter Herr von 76 Jahren. Ein bereits länger bestehendes, von ihm nicht beachtetes Leiden war in den gefährlichen Zustand übergetreten, von welchem die Ärzte bei dem hohen Alter des Patienten nichts mehr erhoffen ließen. Mattoni kannte seinen Zustand. Mit der gleichen geduldigen Freundlichkeit, mit der er gelehrt und geholfen hatte, ging er dem Ende seines fleißigen Lebens entgegen. Die Ärzte versuchten seine Schmerzen zu lindern, und wenn es ihnen nicht gelang, meinte er lächelnd, daß es so vieler Mühe für die kurze Zeit nicht mehr bedürfe. Die Krankenschwester trat herein und teilte mit, daß der Kranke erwacht sei und um einen Schluck Wein gebeten habe. Josephus erhob sich, um hineinzugehen. Die Tochter flüsterte ihm zu: »Weinen Sie nicht, Josephus, der Vater sagt, es sei nicht traurig, zu Gott heimzukehren, es würde ihn auch erregen.« Josephus nickte stumm und öffnete die Türe.

Mattoni lag halb aufgerichtet in seinem Bette. Die Wangen waren blaß und eingefallen, doch die Augen leuchteten mit kindlich frommem Schein, und das Haar wellte sich in weißen Locken um die hohe Stirn. Der Kranke hatte Josephus eintreten sehen und lud ihn ein, sich zu ihm zu setzen. Josephus gab ihm seine Hand, die er in der seinen behielt.

»Du kommst von München, Josephus«, sagte Mattoni mit ruhiger Stimme, »und hast dort gewiß viel Schönes gesehen. Dein Vater hat mir deinen Brief vorgelesen. Willst du wieder hingehen nach München?«

»Es ist noch alles ungewiß, Onkel«, erwiderte Josephus von Leid erregt.

»Geh nach München, Josephus, du mußt jetzt doch allein gehen, und da draußen ist die Luft weiter als hier. Dein Vater hat mir von deiner neuen Geige erzählt. Weißt du?«

»Nein, aber für dich sollte sie kein Geheimnis sein, Onkel Mattoni.«

»Schon gut, du hattest sie verschlossen, jetzt bist du da, bringe sie mir her!«

»Ich hole sie sofort«, rief Josephus, und der alte Herr nickte. Er lief nach Hause, der Weg war nicht weit. In der Werkstatt war niemand, und er nahm rasch die Geige aus der alten eisernen Truhe. Dann kehrte er schnell zu Mattoni zurück, an dessen Bett bei seinem Wiedereintritt die Tochter saß. In scherzendem Tone rief diese ihm zu: »Es ist nur gut, daß Sie so schnell wiedergekommen sind, sonst hätte Vater sich die Geige noch selber geholt!« Die Tochter machte Josephus Platz, der die Geige aus dem Futteral nahm und sie dem Kranken auf das Bett legte. Mattoni überging sie mit seinen großen Kinderaugen, streichelt das Holz und spielte mit den Saiten. Dann sagte er: »Spiele mir die Geige vor, Josephus!« Josephus spielte eine von den Liederkompositionen seines alten Lehrers und endete unaufgefordert. Mattoni legte den Kopf auf die Kissen zurück und schaute nach oben. Eine leichte Röte hatte die blassen Wangen gefüllt. Man merkte ihm an, daß er sich bemühte, eine Erregung zu überwinden. Er winkte Josephus zu sich heran. »Mein Leben war lang, und ich bin Gott immer dankbar gewesen für die große Gnade, die er mir damit erwies, daß er mir einen Beruf schenkte, den ich lieben durfte bis an mein Ende. Etwas war undankbar in diesem Leben, etwas war unzufrieden, und ich war zuweilen besorgt, daß ich damit unrecht täte. Ich kannte die Musik, ich hörte und lehrte sie. Das war meine Freude, doch die Instrumente, die Musik machen sollten, blieben unvollkommen, nein, sie waren wieder unvollkommen geworden. Das Geheimnis liegt im Menschen, nicht im Holze und nicht in den Zahlen. Ich suchte solche Menschen. Dein Vater schien mir einer zu sein. Mit seinem Schicksal habe ich gespielt, als ich ihn bestimmte, Geigenbauer zu werden. Gott nahm mir die Sorge von meinem Herzen. Dein Vater wurde wirklich ein Geigenbauer und ein besserer als die anderen. Ich mußte jedoch einsehen lernen, daß der Weg zur Vollendung für ihn zu weit war. Es ist weise von der Vorsehung, die Menschen nach der eigenen Vollendung streben zu lassen, wenn die Vollendung der Kunst ins Unerreichbare rückt.« Mattoni machte eine kleine Pause, ergriff die Hand Josephus' und fuhr vernehmlicher fort: »Ich kenne dich, Josephus, von deiner Taufe bis heute. Bei dir hatte ich nichts zu versuchen, ich hätte es auch nicht zum zweitenmal gewagt. Es war seltsam, daß in dir ein so starker Wille zum Ausbruch kam, als ich erkennen mußte, daß dein Vater den Weg zur Vollendung nicht mehr finden würde. Deswegen konnte er dich wohl auch nicht verstehen. Von anderem ist nicht nötig zu sprechen. Ich weiß, daß du mir böse warst wegen Mailand. Laß nur, ich weiß, es ist vorüber und hat auch keine Bedeutung. Dir war als Geigenbauer unrecht geschehen, aber für den Menschen ist es zuweilen besser, daß man ihn lieber klug als gerecht behandelt. Wer weiß, ob sonst diese Geige entstanden wäre! Sie ist ein großes Glück für mich alten Mann, sie ist das Instrument, um welches ich gebetet habe.« Mattoni nahm die Geige und ließ das Licht darauffallen, bis seine Arme müde wurden und er sie wieder auf die Bettdecke legte. Josephus fürchtete, die Unterhaltung könnte dem Kranken zu anstrengend werden, und er wollte sich entfernen. Er stand auf, doch Mattoni hielt ihn wieder bei der Hand und begann noch einmal: »Du kannst stolz sein auf diese Geige, Josephus. Zeige sie im nächsten Jahre in Bologna, und man wird dich dieses Mal nicht enttäuschen können. Man wird die Klugheit nicht mehr brauchen, um gerecht zu sein. Du bist noch jung, Josephus, in dein Leben leuchtet das Erreichbare noch hinein. Das Erreichbare ist diese Geige noch nicht. Sie hat noch mehr von deiner Hand als von deiner Kunst. Wenn diese frei in dir ist, dann ist dein Vorbild nicht dein Meister mehr, sondern dein wahrer Freund. Die letzte Freude konnte mir Gott hier nicht mehr geben, die höre ich bei ihm. Nun lebe wohl, Josephus, und sage deinem Vater, daß ich ihn rufen lassen würde, wenn mir in letzter Stunde sein Spiel ein freundliches Geleite geben könnte. Und dann, Josephus, gib ihm diese Geige mit und nicht die Stradivari!«

Der Kranke schloß die Augen. Josephus konnte sich der Wehmut kaum erwehren. Er drückte die schmale, weiße Hand des alten, treuen Mannes an seine Brust, beugte sich über ihn und küßte ihm die Stirn. »Onkel Mattoni«, flüsterte er bebend, »zu wem soll ich gehen, wenn ich jemand brauche?« Mattoni lächelte und antwortete nicht. Er hob die linke Hand wie zum Zeichen des Alleinseins und des Schweigens, und Josephus wandte sich rasch ab und ging hinaus.

Mit völlig verwirrten Gedanken trat Josephus auf die Straße. Allmählich erst wurde ihm bewußt, daß er sich von einem Sterbenden verabschiedet hatte, und daß er diesen Mann nun nie mehr wiedersehen sollte. Schmerzbefangen blieb er stehen. Er wollte aufschreien und weglaufen. Wie er sich umwenden wollte, stieß er in der Dunkelheit gegen eine Säule des Laubenganges. Er besann sich. Der graue Stein hatte sich schon zwischen Leben und Sterben gestellt. Für das Zurück gab es keinen Weg mehr, und den Weg nach oben hatte Mattoni in seliger Gelassenheit angetreten. Josephus Florenus fing an zu weinen. Er lief dem kalten Bergwind entgegen und ließ die Tränen rollen. Er schämte sich nicht und hemmte sie nicht.

Die Beerdigung Professor Mattonis war eine würdige Feierlichkeit gewesen. In großer Zahl hatten sich auch die ehemaligen Schüler des Philharmonischen Lyzeums eingefunden, um den geliebten Lehrer auf seinem letzten Wege zu begleiten. In ganz Bologna trauerte man um ihn. Bei denen, die ihn gekannt hatten, floß aller Schmerz in einer stillen Harmonie dahin, die aller Klage Wehlaut übertönte. Was alle empfanden, faßte Raffaeles Spiel am offenen Grabe zu einer Hymne zusammen. Sein alter Freund hatte ihn nicht mehr gehört. Am Morgen nach dem Besuche Josephus' war er plötzlich einem Herzschlage erlegen. Als Josephus nach der Feier mit seinem Vater nach Hause gehen wollte, fragte ihn ein Freund: »Das war wohl deine Stradivari?« Josephus antwortete: »Nein, es war die Seele Mattonis.«

 

Mit dem Tode Mattonis verlor auch Raffaele mehr als einen Freund. Die Verbindung mit dem Philharmonischen Lyzeum hatte ihm viele Anregungen und geschäftliche Vorteile gebracht. Jetzt würden Änderungen eintreten. An den Vorbereitungen zur großen Musikausstellung, die in wenigen Monaten eröffnet werden sollte, hatte Mattoni in hervorragender Weise teilgenommen. Es war eine letzte Sorge des großherzigen Mannes gewesen, daß Josephus seine neue Geige auf dieser Ausstellung der Welt präsentieren sollte. Josephus hatte nicht viel Neigung gehabt, auf diese Ausstellung zu gehen. Die Erinnerung an die Mailänder Ausstellung erweckte in ihm immer wieder unangenehme Zweifel an der Unvoreingenommenheit der Richter. Dem Wunsche Mattonis konnte er sich nicht widersetzen. Die engere Verbindung mit dieser Ausstellung blieb nicht ohne Einfluß auf seine Münchener Pläne. Äußerliche Ehren galten ihm nicht mehr viel, aber die Kunst geht nach Brot, und ohne Brot gibt es keine Kunst. War man in Mailand schon auf ihn aufmerksam geworden, war es für ihn von größter Bedeutung, wie sein Name jetzt in Bologna genannt werden würde. Eine Enttäuschung schmerzt immer, auch wenn sie die Kunst nicht trifft. Sie wird zu einer Gefahr, wenn sie die wirtschaftlichen Grundlagen zerstört. Würde Bologna eine große Entscheidung bringen, dann würde er vielleicht doch in Italien bleiben. In dem jungen Florenus stiegen große Gedanken auf. Bologna konnte das Cremona der Gegenwart werden. Neuer Ruhm und Ruf konnte sich um den italienischen Geigenbau erheben. Die italienischen Künstler sollten mit ihren Namen wieder freier hervortreten, ohne die Vergleiche mit den Männern der großen Vergangenheit scheuen zu müssen. Der Geigenbau war Kunst und Handwerk zugleich. Es sollten die Prinzipien des Handwerks gelehrt und die Künstler ausgewählt werden. Eine Hohe Schule des italienischen Instrumentenbaues müßte sich zu den anderen großen Kulturelementen Bolognas gesellen. Die Gedanken des jungen Florenus flogen weit. Sie kreisten um Vergangenheit und Zukunft, um das Wissen von Wirklichem und um das Schauen zum Wahrlichen, um die letzte Stufe, auf der Erkenntnis und Offenbarung in einem Punkte glühen.

Wenn Josephus sich bei seinen Träumen und Phantasien ertappte, wenn er zur Besinnung kam und alle Pläne mit klarem Verstande maß, begründete er sie mit so viel Realität, daß ihm die Durchführung zu einer selbstverständlichen Verpflichtung wurde. Die großen Fortschritte, die er hatte machen können, sah er nicht als sein Vorrecht, sondern als Beispiel und Lehre für alle anderen an. Es reizte ihn nicht, für sich zu behalten, was Gunst und Glück des Schicksals ihm in den Schoß geworfen hatten. Auf das, was zu erlernen ist, sollte jeder, der es will und kann, einen Anspruch haben. Sonst kann das Errungene nicht gewahrt werden. In der Vergangenheit hatte man das oft versäumt. Große Lücken waren aufgerissen zwischen dem Einst und Jetzt. Die Kultur der Menschheit sollte auf sichere Säulen gestellt werden. Das war der Mensch dem Leben schuldig.

Solche Gedanken hatte Josephus manchen Kollegen vorgetragen. Er hatte auch versucht, ihnen zu zeigen, wie sie es machen müßten, um bessere Geigen zu bauen. Sie hörten ihn zweifelnd an, machten in Heimlichkeit falsche Versuche und schalten dann, daß er sie genasführt habe. Ereiferte sich Josephus um die Wahrheit seiner Worte und erbot er sich, ihnen in ihren Werkstuben vorzuführen, was sie nicht begriffen, zogen sie sich erst recht zurück, weil die meisten ihren Unverstand und ihr Unvermögen vor Josephus nicht bloßstellen mochten. Aus Mißgunst und Mißtrauen würden sie, das erkannte Josephus, von einem einzelnen nicht lernen wollen. Es mußte eine Autorität, eine Institution an seine Stelle treten, die so sehr die Achtung der maßgebenden Außenwelt genoß, daß sie die Fachleute zwingen konnte, das Rechte zu tun. Überlieferung und Übung sind der Sinn der Schule. Deswegen ist die Schule die Vorbereitung des Lebens. Was das Leben selbst ist, bekundet nur der Mensch. Es war Josephus, als spräche Mattoni in diesen Gedanken. Waren seine Worte nur Erinnerungen und lebten die Gedanken des anderen in ihm fort, dann gab es keine Vergangenheit, und alles war ewige, lebendige Gegenwart. Jeder Tat war ihre Zeit befohlen und erlaubt.

Die bevorstehende große Musikausstellung gab Josephus noch einen anderen Entschluß ein. Seit der Herstellung des letzten Instrumentes hatte er keine neue Geige mehr gebaut. Die Reise nach München und der Tod Mattonis hatten ihn zu sehr in Anspruch genommen. Er fühlte, daß er zur Zeit nicht die Sammlung besaß, um größere Aufgaben vollenden zu können. Es gab zu viele Dinge, mit denen er innerlich fertig werden mußte. Er mußte sich erst freigemacht haben. Die Zeit bis zur Eröffnung der Ausstellung benutzte er, um alle vorliegenden Arbeiten zu erledigen, seinem Vater zu helfen und die eigene Werkstatt aufzuräumen. Die nächsten Monate mochten ausgehen wie sie wollten, der gegenwärtige Zustand würde nicht bestehen bleiben können. Von den fertiggestellten Geigen legte Josephus eine Auswahl zurück, die er bei der nächsten Reise mit nach München nehmen wollte. Er überholte diese Instrumente alle noch einmal. Bei dieser Arbeit waren seine Gedanken nicht nur bei diesen Geigen und bei dem Herrn Mittendorfer, der sie verkaufen sollte, sie waren auch bei dessen Tochter, die die Abrechnungen zu machen hatte. Er spürte eine Sehnsucht, die mit seinen großen Bologneser Plänen nur in einem weiten Bogen zusammentreffen konnte. Er dachte dabei, daß seine Bologneser Pläne wohl nicht so schnell verwirklicht werden könnten wie sein Besuch in München. Josephus befand sich verschiedenen Unklarheiten gegenüber, und die Eröffnung der großen Ausstellung durfte wirklich nicht mehr lange auf sich warten lassen.

 

Das große Ereignis war eingetreten. Die Musikausstellung hatte eine ganze Welt nach Bologna gezogen. Es war ein Gewirr der Namen und ein Glanz der Köpfe in der alten, schönen Stadt Bologna, daß die Bürgerfreude helle Flammen schlug. Die Bürger hatten guten Grund, stolz zu sein. Es war einer der Ihrigen, der als einziger seines Standes die höchste Auszeichnung mit der Goldenen Medaille erhielt, es war der Geigenbauer Josephus Florenus. Der junge Künstler hörte viele Worte der Anerkennung, und vor allen Fremden brüsteten sich die Geigenbauer von Bologna, daß sie die Kollegen aller anderen Orte aus dem Felde geschlagen hätten. In der Stille einiger Werkstuben klangen die Worte anders. Da meinte einer: Was ist es schon für eine Kunst, die beste Geige auszustellen, wenn man nach einer Stradivari arbeitet, nach einer echten Stradivari! Das konnte freilich sich nicht jeder leisten. Man machte ehrsame Arbeit, ehrlich und allein. Florenus nahm sich andere Muster vor, und was er selber nicht verstand, so raunte man, hatte er sich von Mattoni sagen lassen. Der Mann war tot. Nun konnte der Florenus sich seiner Künste rühmen. Solange der alte Mann noch lebte, hatte er es nicht gewagt. O ja, man wußte es, er hatte es versucht, dem braven Manne zu verschweigen, was er ihm abgelauscht und abgeluchst. Erst auf dem Sterbebette habe er es ihm bekannt. Man segnete die Einfalt des bescheidenen Mannes, den Gott nun leider so kurz vor dieser Ausstellung zu sich genommen hatte. Man wußte auch, daß Josephus sich wegen dieser Geige mit seinem Vater entzweit hatte, der als Mann voll Gottesfurcht und Treue mit solchen Heimlichkeiten nichts zu tun haben wollte. Der Neid braucht seine Nahrung wie die Katze ihren Fraß. Wer so reichlich dazu Anlaß gab wie Josephus, war daran schuld wie der Ermordete an seinem Tod. Josephus hatte auch soviel Humor, den Witz dieser sozialen Antithese zu verstehen.

Josephus blickte nach der anderen Seite, wo die Großen stehen, die Künstler und die Käufer. Die hohe Auszeichnung hatte ihn mit einem Schlage hoch über alle anderen Geigenbauer emporgehoben. Die Öffentlichkeit hatte seinen Namen in allen Zeitungen tausendfach erfahren. Er war kein Unbekannter mehr und über Nacht für viele zu einer Autorität geworden. Das ist der Ruhm, der seine Gunst verleiht. Josephus war sich selber kaum darüber klar, was nun geschehen sollte. Er hatte geglaubt, daß die prämiierte Geige in diesem wechselvollen Besuch der Stadt durch die erlesensten Musiker seiner Zeit schnell einen Käufer finden würde. Erst darin hätte für ihn die wirkliche Ehrung gelegen. Die Bezahlung eines ungewöhnlichen Preises für eine moderne Geige hätte gezeigt, daß auch die Kunst von heute nicht nur geehrt, sondern auch begehrt sei. Auf diese Erfüllung wartete Josephus vergebens. Die Ausstellung ging zu Ende, und niemand kam. Am letzten Tage der Ausstellung ging Josephus mißmutig durch die Stände. Da klopfte ihm jemand leise auf die Schulter. Er wandte sich um und stand zu seiner Überraschung dem würdigen Herrn Pietro di Bossini gegenüber. Josephus hatte keine Lust, sich mit ihm zu unterhalten, und war auch nicht gerade erbaut davon, mit ihm öffentlich gesehen zu werden. Herr von Bossini zog höflich seinen Hut, bewegte den kahlen Kopf nach unten, während er die kugeligen Augen nach oben drehte. »Wenn Sie Ihre Geige verkauft hätten, Herr Florenus«, bemerkte er halblaut, »dann würden Sie fröhlicher einhergehen.« Er wollte noch etwas hinzufügen, aber Josephus schnitt ihm die Rede ab und erwiderte rasch: »Sie irren sich, Herr von Bossini. Meine Geige ist nach Deutschland verkauft!« Er lüftete seinen Hut und ging weiter. Bossini sah ihm nach, schob die Unterlippe hoch und murmelte: »Es konnte auch nur ein Deutscher sein!«

Mit seiner unzutreffenden Antwort hatte Florenus nicht nur einen lästigen Frager abschütteln wollen. Die Antwort war ihm selber unbewußt im Augenblick auf die Lippen gekommen, in demselben Augenblick, in welchem der Entschluß, nach München überzusiedeln, plötzlich feststand. Es war ihm sofort gewiß, daß er die Geige in München verkaufen würde. Es gibt zuweilen eine Gedankenschnelle, die ihre Entschlüsse faßt, ohne uns viel zu fragen. Nachdem die Entscheidung unwiderruflich gefallen war, gewannen bei Josephus wieder freundlichere Gedanken die Oberhand. In München würde sich Herr Mittendorfer über die Geige freuen. Er hatte eine gute Kundschaft, die Außergewöhnliches zu schätzen wußte.

Man kann die Vermutung nicht verschweigen, daß der plötzliche Entschluß, nach München zu gehen, die Ursache seiner Entstehung in einem Unterbewußtsein hatte, welches sich mit dem Geigenbau überhaupt nicht beschäftigte. Josephus wollte es zwar für eine kühle Rechnung des Verstandes ausgeben. Er hatte sich zurechtgelegt: Ich brauche eine Frau, die mit Geigen umzugehen versteht und mit der Kundschaft auch, und da Fräulein Mittendorfer diese Tätigkeit voraussichtlich über die Lebenszeit ihres Vaters hinaus auszuüben wünschte, konnte die Umleitung auf die Tätigkeit für einen anderen am reibungslosesten durch eine eheliche Verbindung vorgenommen werden. Solche Überlegungen sind sehr vernünftig, aber das Unterbewußtsein denkt gar nicht daran, sich dafür herzugeben. In den Regungen dieser Gemütsbezirke wurden sachliche Angelegenheiten, wie der Erwerb der Stradivari und die Zuerkennung der Goldenen Medaille, zu Stimmungsfaktoren gemacht, die auf Fräulein Mittendorfer einwirken sollten. Es war also schon eine Stimmungssache und keine Geschäftsangelegenheit. Noch deutlicher äußerte sich das darin, daß diese Stimmungsmomente durchaus nicht nach ihrem sicheren materiellen Werte eingesetzt wurden, sondern zitternd, zögernd und zagend als Argumente für den eigenen Charakter und als eine Art von Entschuldigung für die Vorwegnahme des Wohlwollens einer anderen, was hier ganz allein und eindeutig gesagt werden kann. Es ist nicht möglich, sich über alle Gedanken des Über- und Unterbewußtseins klar zu sein. Unter dem Mangel an Zwangsläufigkeit muß die Genauigkeit der Beschreibung solcher Zustände leiden. Ohne völlig haltlose Übertreibungen sind auch keine dramatischen Konflikte zu gestalten. Ebensowenig sind Indiskretionen am Platze. Es erübrigt sich daher, über die Tatsache hinauszugehen, daß Josephus Florenus in dem gleichen Jahre eine Stradivari, eine Goldene Medaille und eine Frau erwarb.

 

Im Hause seines Schwiegervaters hatte sich Josephus eine Werkstatt eingerichtet und entlud die aufgespeicherte Willenskraft und Schaffenslust in beseelter Hingabe an sein Werk. Waren nicht alle Umstände glücklich? Er war jung und frisch, voll Zuversicht und Arbeitsstolz. Er lebte in einem der blühendsten Länder Europas, in welchem Gewerbe, Kunst und Wissenschaft wie tausendfältige Blumen auf herrlicher Aue emporsproßten. An seiner Seite stand das junge Weib, das von Herkommen und Gemüt Gefährtin seines Weges war. Es hatte sich bald in München herumgesprochen, daß ein in seiner Heimat hochausgezeichneter italienischer Geigenbauer seine Tätigkeit nach hier verlegt habe. Von dieser Kunde bis zur Verbindung mit Musik und Welt, mit jenem seltsamen, in sich selbst verschlungenen Ring der Musiker und Musikanten, Liebhaber, Freunde und Dilettanten, war ein weiter Weg. Die Gelegenheit zog langsam ihre ersten Kreise, und allmählich tastete Florenus sich weiter. Eines Tages trat ein Amerikaner in den Laden und ließ sich von dem alten Mittendorfer viele Instrumente zeigen, die aber alle seinen Beifall nicht fanden. Da er die Gewohnheit der Geigenhändler kannte, die beste Ware mit Vorsicht anzubieten, erklärte er, daß er gerne bereit wäre, einen höheren Preis zu zahlen, wenn er ein besonderes Instrument erhalten könnte. Der alte Mittendorfer sah sich den jungen Fremden prüfend an. Er hatte gesagt, er sei Amerikaner, und damals galt es schon für ausgemacht, daß jeder Amerikaner vermögend sein müßte, und Mittendorfer gab ihm zu verstehen, daß er zufällig eine Geige auf Lager habe, die in der großen Ausstellung in Bologna mit der Goldenen Medaille prämiiert worden sei. Der Amerikaner verlangte die Geige zu sehen, und als er sie sah und hörte, kaufte er sie. Bald darauf kam Josephus von einem Geschäftsgang zurück und erfuhr von dem Handel. Jetzt, wo die Geige verkauft war, tat es ihm fast leid. Es hing an dieser Geige so viel mehr als nur die Arbeit und der Verdienst. Aber mochte sie hinausgehen in die Welt, dort hatte sie ihren Platz und nicht in der Werkstatt. Er wünschte, daß sie mit aller seiner Sehnsucht sein bester Bote würde.

Der junge Amerikaner war ein feinfühliger Geiger und freute sich seines Instrumentes. Er hatte Unterricht bei dem bekannten Solisten und Musiklehrer Professor Baltzer. In der nächsten Stunde bei ihm spielte er auf seiner Geige. Plötzlich unterbrach ihn Professor Baltzer: »Wo haben Sie die Geige her?«

»Diese Geige ist aus München, Herr Professor«, erwiderte Herr Woodcorn und wollte weiterspielen.

Der Professor ließ es nicht zu und rief erregt: »In München gibt es solche Geigen nicht!«

»Sie ist aus München von Mittendorfer«, versicherte der Amerikaner.

»Mittendorfer?« wiederholte Professor Baltzer und schüttelte den Kopf. Er ließ sich die Geige geben und spielte. Je länger er spielte, um so erstaunter wurde er.

Noch am selben Nachmittag eilte Professor Baltzer zu Mittendorfer. »Was ist das für eine Geige, die Sie an den Herrn Woodcorn verkauft haben?« fragte er in den Laden tretend.

»Die Geige ist von meinem Schwiegersohn, Herr Professor«, versetzte Mittendorfer nicht ohne Stolz und freute sich an der ungläubigen Überraschung seines Kunden.

»So, von Ihrem Schwiegersohn? Wer ist denn Ihr Schwiegersohn, ist er hier in München?«

»Er ist hier in München, aber er ist kein Münchener, sondern ein Italiener.«

»Ein Italiener? Wie kommen Sie denn zu einem italienischen Schwiegersohn, der solche Geigen baut?«

Florenus, der das Gespräch angehört hatte, trat aus der Werkstatt in den Laden und fragte seinen Schwiegervater, um was es ginge. Mittendorfer machte die Herren bekannt, und Professor Baltzer fragte: »Die an Herrn Woodcorn verkaufte Geige soll von Ihnen gearbeitet sein. Es ist ein sehr schönes Instrument.« Florenus verneigte sich. Das schweigsame Verhalten des jungen Florenus erweckte nicht das Vertrauen Baltzers. Er fragte daher noch einmal: »Haben Sie die Geige selbst gemacht, oder haben Sie sie aus Italien mitgebracht?«

»Die Geige habe ich aus Italien mitgebracht, und sie ist von mir.«

»So, so, so«, machte Professor Baltzer und knebelte seinen Bart. »Machen Sie immer solche Geigen? Können Sie mir hier auch so eine Geige bauen, oder bauen Sie sie nur in Italien?«

»Die baue ich auch in München, Herr Professor.«

»Mag es sein, wie es will, ich muß eine solche Geige haben. Können Sie mir eine beschaffen, aber nur eine solche Geige, nicht um ein Härchen schlechter als die des Herrn Woodcorn?«

»Geben Sie mir eine Geige in Auftrag, Herr Professor«, erklärte Florenus ruhig, »und ich werde Ihnen eine solche Geige bauen. Finden Sie, daß sie schlechter sei, brauchen Sie sie nicht zu nehmen.«

Wieder blickte Professor Baltzer verwundert auf den Italiener. Das war eine ungewohnte Sprache. »Gut, Herr Florenus, bauen Sie mir eine solche Geige!« entschied Baltzer.

Der Professor hatte den Laden verlassen, und Mittendorfer sagte zu Josephus: »Dieser Baltzer ist ein einflußreicher Mann, du hättest wohl ein wenig freundlicher zu ihm sein können«. Josephus meinte lachend: »Habe keine Sorge, Väterle, Professor Baltzer wird zufrieden sein!«

Nach drei Wochen erhielt Professor Baltzer seine Geige. Er war zufrieden, nein, er war entzückt und begeistert. Das brachte er auch Josephus gegenüber zum Ausdruck und erzählte: »Ich habe eine Stradivari, aber ich weiß nicht, was es ist, ich mag sie nicht mehr, ich bin mit ihr schon bei so vielen Geigenbauern gewesen. Es war umsonst. Jetzt bewahre ich sie auf wie eine Reliquie, wie einen toten Heiligen. Ich werde nun Ihre Geige spielen, und das soll man wissen.«

Florenus bedankte sich für die Freundlichkeit und fragte höflich: »Was ist es denn mit Ihrer Stradivari, Herr Professor, kann ich sie vielleicht einmal sehen?«

Professor Baltzer gestand sich später, daß er sich tief zu schämen gehabt habe, denn er wehrte die Frage ab, da er sich nicht getraute, die wertvolle Geige in die Hände Florenus' zu geben. Er war ungeschickt genug, an einem der nächsten Tage den alten Mittendorfer zu fragen, ob sein Schwiegersohn etwas von fremden Geigen verstünde. Mittendorfer versicherte ihm, daß Florenus einer der besten Geigenkenner sei und überdies selbst eine Stradivari besitze. Professor Baltzer stand vor einer neuen Überraschung und bat, daß Florenus ihn wieder einmal besuchen möge.

Als Florenus kam, bekundete ihm Professor Baltzer: »Ich wollte Ihnen einmal die Stradivari zeigen und fragen, ob Sie etwas daran erkennen können.« Florenus nahm die Geige in die Hand, betrachtete sie von allen Seiten, beklopfte sie und fragte: »Welcher Fehler macht sich bemerkbar?«

»Es ist so merkwürdig, Herr Florenus, manchmal nehme ich die Geige aus dem Kasten, spiele sie, und sie ist ausgezeichnet. Nehme ich sie dann wieder in ein Konzert mit und setze zum Spielen an, dann versagt sie.«

»Der Fehler ist so nicht zu finden, Herr Professor, geben Sie mir die Geige mit, ich werde sie untersuchen.«

»Die Geige mitgeben?«

»Nun ja, hier kann ich sie ja nicht öffnen.«

»Was, öffnen, auseinandernehmen, entzweimachen?« rief Professor Baltzer entsetzt. »Aber, liebster Freund, das gibt es nicht, das ist eine Stradivari!«

Florenus zuckte die Achseln. »Dann müssen Sie sie behalten, Herr Professor!« und wollte sich zum Gehen wenden.

Professor Baltzer trat vor Josephus und fragte mit Betonung: »Könnten Sie sich verpflichten, mir die Geige unversehrt zurückzubringen?«

Florenus verbeugte sich: »Ich hoffe, sie Ihnen besser zurückbringen zu können.«

»Nehmen Sie in Gottes Namen die Geige mit, Herr Florenus!«

In seiner Werkstatt öffnete Florenus das Instrument und mußte hell auflachen über die spaßhafte Entdeckung, daß ein tüchtiger Kollege die allerdings sehr dünne Wandung des Bodens mit dickem Leim überstrichen hatte, anscheinend, um sie dadurch haltbarer zu machen. Florenus entfernte den häßlichen Überzug, und die Geige hatte ihren alten herrlichen Klang wieder. Nun nahm er aber die Geige vor, prüfte sie auf das genaueste und notierte die Ergebnisse. Er verglich diese Stradivari mit der seinen und verglich auch die zahlenmäßigen Ergebnisse, die in entscheidenden Punkten nicht miteinander übereinstimmten. Das überzeugte ihn von der Richtigkeit der von Antonio Marchi und anderen gemachten Feststellungen. Folgte er den Spuren der Hand des Künstlers, erkannte er Verschiedenheiten, die oft wie Gewaltakte anmuten konnten und wenig Rücksicht auf die Stabilität und die Gleichmäßigkeit des Materials verrieten. So war der Boden der Baltzerschen Geige wirklich gefährlich dünn ausgeschnitten worden. Aus der virtuosen Handhabung der Werkzeuge glaubte Florenus schließen zu dürfen, daß der Künstler unter einer tonverbindenden Einstellung gehandelt habe, in der das richtige Maß mit kategorischer Sicherheit aus künstlerischem Gefühl kam. Deshalb hatte der Künstler auch die Beschaffenheit des Bodens oder anderer Teile seiner Geigen keineswegs für unersetzlich angesehen und eine größere Empfindlichkeit nicht gefürchtet. Es konnte mithin nicht der Fall sein, daß alle Teile der Geige, wie sie da waren, einmalig und glückhaft erfaßt worden seien. Nicht Glück und Zufall regierten hier, nicht die Einmaligkeit einer passenden Komposition, sondern die Intuition, aus der jedes Instrument als Kunstwerk hervorging. Vollendung? Vollendung ist eine Gnade des Himmels, die nicht über allen Kunstwerken der Meisterhand in gleicher Fülle und Schönheit leuchtet. Es gab Gutes und Bestes aus der Hand Stradivaris, aber nur wenige sind imstande, eines vom anderen zu unterscheiden.

Die Baltzersche Geige war die dritte Stradivari, die Florenus in der Hand gehabt hatte. Sie hatte den letzten Aufschluß gegeben. Er gab sie Professor Baltzer mit dem Gefühl des Dankes zurück. Baltzer nahm sie sofort aus dem Kasten und liebkoste sie, als wenn der verlorene Sohn heimgekehrt wäre. Er setzte den Bogen an und spielte. Seine Freude war groß und gerührt. Es war ihm wirklich ein verlorenes Kind wiedergebracht worden. Er drückte Florenus die Hand mit einer Festigkeit und Wärme, die dieser auf seine Freude zurückführte; es war aber die Abbitte gegen den Mann, dessen treuester Freund er von nun an war.

In seinem Eifer unterließ es Professor Baltzer nicht, die kleine Episode im Kreise seiner Freunde zu verbreiten. So mußte sie auch dem schuldigen Geigenbauer zu Ohren kommen, der die Stradivari geleimt hatte. Der erboste Händler beklagte sich bei Florenus über mangelhafte Kollegialität. Zu seinem Schwiegervater sagte Josephus: »Es soll mir gewiß daran gelegen sein, kollegial zu handeln, nur weiß ich nicht immer, wer meine Kollegen sind. Dieser Mann ist ein Geigenhändler, nun gut, ich bin auch einer, da sind wir also Kollegen. Aber ich bin ein Geigenbauer, und das ist der Mann nicht. Wie können wir also Kollegen sein? Beruhigen wir uns, der Leimtopf in der Stradivari wird nicht alle Tage vorkommen!«

 

Man mag wohl sagen, daß der Stern des Genies durch kein Geschick verschüttet wird, und daß das seine Bahn sich selber bricht. Das Gute ist eine dauernde und das Geniale eine ekstatische Größe. Aus beiden bildet sich das Ethos. Das Ethos ist eine wundersame lebende und nährende, tragende und schaffende Kraft, die aus Rinnlein und Brünnlein, Bächen, Flüssen und Strömen, veradert und verbrüdert fließt, sich in das große Meer des Göttlichen ergießt und, von ihm selbst befruchtet, immer wieder quillt. Das Ethos ist ein Strom, der uns durch Hirn und Herzen geht, doch zwischen allem Strom liegt trennend harte Erde, und in manchem Herzen fließt nur ein bescheidenes Brünnlein.

Der Mensch ist gut, wenn er vom Menschen nicht verdorben wird. In jedem Menschen rinnt zum mindesten ein Äderchen des Guten. Doch, fließt es mit dem Brünnlein, Bach und Strom des anderen nicht zusammen, versiegt es. Es zerschellt, zerbricht an harter Scholle und Gestein. Dann sind die Menschen nicht gut zueinander. Es nehmen andere Worte und Gedanken Lauf und Kraft, und Haß und Neid zersetzen ihre Eintracht! –

Der Mensch ist Egoist und will vom andern nur das Gute, das ihm frommt, ihm selbst und ihm allein. Das andere Gute, das für alle ist, das ist ihm stets verdächtig. In Handwerk, Handel, Politik und Staat will jeder selbst der erste sein, und ist er es nicht, dann dankt er dem noch lange nicht, der besseres leistet und verschenkt. Im Gegenteil, er neidet andern gerne, was er selbst entbehrt.

Sind alle, die es tun, von Herzen schlecht? Sie selber würden sich gewiß nicht dafür halten. Die Biederkeit ist größer, als man denkt, doch ist der Raum zu eng, und jenseits dieses Raumes beginnt für jeden Biedermann Gewalt, Macht, Schicksal, Gott! Er steht dazwischen wie im Gewitterregen und flüchtet unter den Baum, wo ihn der Blitz erschüttert und erschlägt.

Der Alltag lehrt es uns, es gibt nicht eine Welt, es drängt sich Welt in Welt, und zwischen ihnen schwanken schmale Brücken. –

 

Der Ruf Florenus' als besonderer Kenner alter Instrumente breitete sich aus. Er wurde in reiche und vornehme Häuser gerufen, um alte Instrumente, die sich im Familienbesitz befanden, zu begutachten. Seine ausgezeichneten Kenntnisse brachten ihn im Laufe der Zeit auch in engere, vertraute Beziehungen zum königlichen Hause. In dieser Gesellschaft traf er auch auf den Grafen Frankenfeld, der als Musikliebhaber, Geiger und Sammler bekannt war. Der Graf war stolz und von sich eingenommen und tat sich viel auf seine Kenntnisse zugute. Er wußte aber mehr von dem Genuß des Sammlers als von dem Bau der Instrumente. Das Prachtstück seiner Sammlung sollte eine echte Stradivari sein, die er vor einiger Zeit preiswert gekauft zu haben glaubte. Der Graf sprach darüber mit Florenus und bat ihn zu sich, damit auch er ein Urteil über seine Geige abgäbe. Um Florenus zu prüfen, legte er zwei Geigen auf den Tisch und überließ dem Eingetretenen, sich die Stradivari anzusehen. Florenus warf einen raschen Blick auf beide Geigen. Er berührte sie nicht und blickte fragend auf den Grafen. Der Graf glaubte seinen Gast in der Falle zu haben und lachte. Florenus blieb ruhig. »Sie haben mich rufen lassen, um eine Stradivari zu begutachten, vielleicht haben Sie die Güte, sie mir zu zeigen.«

Der Graf lachte noch mehr. »Sie liegt auf dem Tisch!«

Florenus wandte den Blick nicht ab und erwiderte: »Auf dem Tisch liegt keine Stradivari.«

»Was?« rief der Graf entrüstet. »Da liegt keine? Soll ich sie Ihnen zeigen? Hier, bitte schön, hier ist die Stradivari!« Damit nahm der Graf eine Geige vom Tisch und hielt sie Florenus hin.

Florenus nahm sie nicht an, schüttelte den Kopf und wiederholte: »Nein, Herr Graf, das ist keine Stradivari!«

»Wie können Sie so etwas sagen?« erregte sich der Graf. »Diese Geige ist eine echte Stradivari. Sie ist von einem absolut zuverlässigen Händler gekauft. Sehen Sie sich sie nur an, und wenn Sie etwas davon verstehen, werden Sie es zugeben!«

Florenus nahm die Geige flüchtig in die Hand und legte sie wieder beiseite. »Vielleicht haben Sie sich geirrt, Herr Graf«, erwiderte er sehr höflich, »und mir nicht die richtige Geige gegeben. Diese Geige ist keine Stradivari. Es ist eine Gagliano aus Neapel.«

»Pah, woran wollen Sie das sehen?«

»Das könnte ich Ihnen leicht beweisen, Herr Graf, aber es würde Ihnen nichts nützen, da Ihnen die Merkmale unbekannt sind.«

Der Graf war außerordentlich mißgelaunt, und Florenus verabschiedete sich. Zu Hause äußerte er sich bedauernd darüber, daß der Graf einem Irrtum oder einer Täuschung zum Opfer gefallen sei. »Es wird uns schaden«, meinte der alte Mittendorfer. Der Graf war zu dem Geigenhändler gegangen und hatte bei ihm ernste Vorstellungen erhoben. Der hatte ihn beruhigt, dabei war es aber nicht geblieben. Der in der ganzen Welt bekannte holländische Geigenhändler und Geigenbauer van Bergen, mit welchem der Münchener Händler in Geschäftsbeziehungen stand, war wieder einmal bei ihm gewesen, und der Händler hatte ihm erzählt, daß der Graf Frankenfeld von Florenus mißtrauisch gemacht worden sei. Er bat ihn, zu dem Grafen zu gehen und ihm zu bestätigen, daß die Geige eine Stradivari sei. Van Bergen war zu dem Grafen gegangen, der ihm gerne die Geige vorlegte und sich durch die autoritative Bestätigung mit Freuden aus allen Zweifeln reißen ließ. Seinem Unwillen gegen Florenus machte der Graf in seinen Kreisen Luft. Er warf den großen Namen des Holländers in die Waagschale, und Florenus wurde zu leicht befunden. Die Folge war, daß Florenus manche geschäftliche Einbuße hinzunehmen hatte. Der Graf selbst kam eines Tages zu ihm in den Laden und fragte triumphierend, ob er sich inzwischen überzeugt habe, daß an der Echtheit der Geige nicht zu zweifeln sei. Florenus erwiderte kurz: »Nein!« »Sie können ruhig Ihren Irrtum zugeben, Herr Florenus«, meinte der Graf wohlwollend, »der beste Geigenbauer braucht nicht gleich der beste Geigenkenner zu sein.« Florenus blickte eine Weile schweigend auf den Grafen. »Herr Graf«, sagte er langsam, »diese Angelegenheit hat mir einen großen Schaden zugefügt. Dürfte ich Sie vielleicht um eine Gefälligkeit bitten?« Der Graf machte eine bereitwillige Bewegung, und Florenus fuhr fort: »Gut, dann schicken Sie Ihre Geige an einen Freund in Amsterdam, der diese Geige ohne Nennung von Namen und Herkunft Ihrer großen Kapazität mit der Bitte um Prüfung und schriftliche Begutachtung überreichen soll. Diese Kapazität soll Ihnen schriftlich bescheinigen, ob diese Geige eine Stradivari ist, oder von wem sie sonst stammt. Bitten Sie Ihren Freund, daß er die Geige mit dieser Bescheinigung unverzüglich an Sie zurücksenden möge.«

»Wie kommen Sie darauf, daß dieser Mann plötzlich anders urteilen sollte? Aber meinetwegen. Sie scheinen doch ein großes Vertrauen in die Sachkenntnis dieses Mannes zu besitzen. Etwas scheint mir da merkwürdig zu sein, aber ich will es tun, für mich und für Sie, damit Sie einsehen, daß Sie unrecht haben.«

Der Graf ordnete alles wie verabredet an. Nach einiger Zeit erhielt er die Geige mit der Bescheinigung van Bergens zurück. In der Bescheinigung stand: »Das mir vorgelegte Instrument ist eine vorzügliche süditalienische Arbeit und kann dem Alessandro Gagliano in Neapel zugeschrieben werden.« Als der Graf die Bescheinigung gelesen hatte, dachte er, er sollte mitsamt seiner Geige im Boden versinken. Im hellsten Zorn packte er die Geige zusammen und ging mit ihr zu dem Händler, dem er die Bescheinigung vorlegte. Der Händler las die Bescheinigung dreimal durch, wurde äußerst verlegen und erklärte sofort, daß er auf Wunsch des Grafen die Geige zurücknehmen würde. Der Graf begab sich zu Florenus und reichte ihm die Bescheinigung hin. Florenus las und lächelte. »Warum reden Sie nicht?« rief der Graf, »es wäre mir wohler dabei. Aber was soll man von einem Manne halten, der zwei verschiedene Urteile abgibt? Ich würde beiden nicht glauben, aber was nützt mir das, ich glaube Ihrem Urteil und bin meine Stradivari los.«

Kurz nachdem der Graf gegangen war, kam der Geigenhändler in den Laden und schalt: »Warum ließen Sie diesen Mann nicht bei seinem Glauben? Er war froh, eine Stradivari zu besitzen, und ich war froh, daß ich sie los war. Wenn dieser verrückte Holländer einmal sagt, es sei eine und ein andermal es sei keine, dann wird er zum dritten Male auch wieder sagen, es sei eine. Die Geige kann doch nicht mit den Expertisen den Meister wechseln. Und dann, was mischen Sie sich in meine Geschäfte ein?«

»Von Ihren Geschäften weiß ich nichts und will damit auch nichts zu tun haben«, erklärte Florenus energisch, »ich wurde gefragt, ob es eine Stradivari sei, und ich habe gesagt, nein, das ist alles!«

»Das ist alles, ja, das ist allerdings alles!« schrie der wütende Händler, »und noch einiges mehr. Sie haben dem Grafen die Zweifel erst beigebracht. Warum schickten Sie ihn nicht zu mir, ich wäre schon mit ihm fertig geworden! Nun kann ich ihm das schöne Geld zurückgeben. Und doch halte ich daran fest, daß die Geige von Stradivari ist. Wäre sie aber von Gagliano, wäre sie auch nicht weniger wert.« Der Mann verließ den Laden und warf die Türe hinter sich zu. Das war ein zweiter Feind.

Florenus war glänzend gerechtfertigt worden, und mancher Kunde, der in dieser Zeit an seiner Werkstatt vorübergegangen war, kam jetzt wieder. Es kam dieser, und es kamen viele andere. Sein Urteil wurde geschätzt und – gefürchtet. Es genügte, seine Autorität in Vorschlag zu bringen, um in zweifelhaften Fällen das gute Gewissen zu wecken. Sein Name hatte sich in der Musikwelt befestigt, ohne daß er selbst viel davon wahrnahm, wirkte sich sein Einfluß auf den Instrumentenbau aus. Das Gute begann sich durchzusetzen. Auch andere Geigenbauer studierten die Probleme. Im ganzen Gewerbe regte sich ein neuer Geist. Man erhob sich aus der Erstarrung und stritt um die Prinzipien, die Florenus verkündete. Man wurde nachdenklich, übte und lernte. Die Wandlungen gingen tief. Intelligenz und Geschick rührten sich im Glück. Es gab Jünger der Kunst, die sich bis an den Hochweg tasteten und hinter der letzten sichtbaren Spur die Richtung wieder verloren. Wenige, wenige fanden sich weiter.

Der Geigenbauer Florenus reifte zur Manneshöhe empor. Werk um Werk war von ihm in die Welt gegangen. An vielen Geigen alter Meister hatte er die Erfahrung vermehren, probieren und studieren können. Das letzte, was die Beobachtung ergründen konnte, war die wundervolle Harmonie, die das Orchester der Klänge aller Teile im Instrument verewigte. Die Grundbeziehung aller Maße stand unter einem akustischen Gesetz. Die Konstruktion, die diesem Gesetz untergeordnet war, war in den Teilen nicht mechanisch abzumessen, da das verbundene Holz des fertigen Instrumentes und nicht der einzelne Teil in freier Bewegung das bildende Element des Korpustones war. In dieser Fügung greifbar fester Stoffe erschöpften sich die Regeln der Mechanik. Allein der Künstler wirkte hier noch weiter. Das Holz ist Holz, und der Stein ist Stein! Die Werkhand mißt sich an die Form heran. Der Künstler legt mit seinem Meißel die Gestalten frei, die in dem starren Block vor seinem Schauen schon lebendig sind. Der Geigenbauer baut den Himmelstönen ein Gehäus. Er baut den Klang, der sich im Korpuston zum edlen Träger aller Töne macht. Das war das Letzte und Höchste, wo das Verstehen und das Begreifen versagt, und wo das Können sich zur reinen großen Kunst vollendet.

Die Kunst ist Gottes Schöpferkraft, die er den auserwählten Menschen zum seligen Spiele leiht. Sie flammt und zehrt, und wer als Mensch des Himmelsfeuers Herd geworden ist, muß erdenfest den Brand vertragen können.

In der Ecke des häuslichen Musikzimmers saß Florenus bei seinem Freunde Professor Baltzer. Sie hatten jetzt zuweilen längere Gespräche über Dinge ihres gemeinsamen Interesses. Professor Baltzer hatte von Florenus gehört, wie sich ihm zuerst das Problem des Geigenbaues gestellt hatte, wie er sich selbst dann das Problem aufgerollt, und wie der unbewußte Trieb in ihm ganz zu künstlerisch bewußter Kraft geworden war.

»Mir sind selbst als Musiker«, bekannte Professor Baltzer zu Florenus, »die Dinge nicht vorstellbar gewesen, von denen Sie sprechen, und auch jetzt sind meine Vorstellungen wohl immer noch ganz andere, als die Dinge für Sie in Ihrer Wirklichkeit sind. Allerdings, wo trennen sich in der Kunst Bewußtsein und Gefühl? Die Töne, die man greift und spielt, sind mehr gezaubert als gefühlt. Wer würde messen können, von welchem Bruchteil eines Millimeters an die Saite zu schwingen beginnt? Und doch ist das unendlich wichtig für den Ton und seine Obertöne. Wer könnte die Klangreizung der Nachbarsaiten abmessen? Und doch klingen sie vernehmlich mit. Dabei sind alle diese Fragen instrumentale Angelegenheiten. In der Musik ist es noch merkwürdiger. Wir erregen Töne, errechnen ihre Schwingungszahlen und gliedern sie in eine feste Ordnung ein. Der Komponist schreibt seine Eingebungen in solchen Noten hin. Wie oft sind diese Noten nur ein Notbehelf, um die empfangene Musik in eine lesbare und hörbare Form zu übertragen! Es ist mit den Noten nicht anders wie mit dem Wort, das wie ein unbeholfener Dolmetsch zwischen den Gefühlen steht.«

»Es gibt in jeder Kunst Unfaßbarkeiten, Professor Baltzer, die dem Künstler so ungewiß bleiben wie dem Liebhaber seiner Kunst. Die Musik hat eine Ordnung wie Mathematik, und doch kann man von der Mathematik nicht zur Musik gelangen. Es könnte sehr zweifelhaft sein, ob wir in der Astronomie dem Welträtsel mathematisch oder musikalisch am nächsten kommen können. Die Ordnung der Harmonie ist nicht weniger logisch, als es die mathematischen Beziehungen sind. Die Harmonie ist der mathematischen Konstruktion überlegen und bedarf einer wichtigen Voraussetzung nicht, die sich die Konstruktion theoretisch schaffen mußte. Es braucht die Harmonie im Raume niemals einen festen Punkt, um ihre Größen wertbar zu machen. Die Schwingungsgrößen sind unbegrenzt, wenn auch nur eine kurze Reihe von ihnen für das menschliche Ohr als Ton vernehmlich werden kann. Wir sehen die Sterne am Himmel, rechnen und messen und finden, daß sie von unserem Erdentropfen so und so weit entfernt sind und sich so und so schnell bewegen. Diese Mathematik bleibt analytisch, ihre Konstruktion ist ein toter und zweckloser Zustand. Die Harmonie ist Synthese, Zweck und Leben. Wenn wir annehmen, daß die Welt harmonisch ist, erhalten wir wenigstens eine Vorstellung davon, welcher Ordnung und welcher Logik sie unterworfen ist, während wir ohne diese Vorstellung in einer trostlosen Unendlichkeit nach künstlichen Begriffen suchen.«

»Sie variieren das Thema von der Welt der Musik auf das Thema von der Musik der Welt, mein lieber Florenus, und geben uns das Teilchen in die Hand, aus welchem wir den Sinn des Ganzen nehmen sollen. Das aber gerade ist ja unsere Not, daß wir dies Teilchen zu besitzen glauben, dabei besitzt es uns. Wer weiß, wie streng wir unterscheiden müßten zwischen den Tönen, die es gibt, und denen, die wir hören. Gibt es absolute Töne, die vollständig rein und klar sind? Wenn es welche gibt, vermöchten wir sie auch zu hören und zu ertragen? Unser Ohr ist ein menschliches Ohr, zu welchem die Musik der Sphären niemals dringt. Wir hören die Laute der Erdenwelt, und unsere Ästhetik und Akustik können sich nur mit diesen Lauten befassen. Diese Laute sind nicht rein, und sie würden ihre Schönheit verlieren, wenn sie gereinigt würden. Die Vibration der Zwischentöne gibt Schmelz und Wohllaut, der die Klänge zur Melodie verbindet und zur Musik erhöht.«

»Sie sind Musiker, lieber Baltzer, und sehen Sie, was Ihnen selbstverständlich ist, das mußte mir zuerst Schwierigkeiten bereiten. Mein Vater kam von der Musik zum Geigenbau und fand sich dann nicht weiter. Er konnte von der Harmonie nicht loskommen und meinte, daß die Geige ihm gehorchen müsse. Der Musiker in ihm hatte schon recht, aber sein Weg war falsch. Das Ziel konnte nur durch den Bau von innen her erreicht werden. Ist man dann oben, dann erst beherrscht man die Elemente, und der Ton springt aus der Schöpfung. Dieser Ton, und das bestätigt Ihre Worte, ist nicht der reine Ton der Sphärenferne, sondern der Ton, der unserem Stimmbandton verwandt ist. Stradivari setzte ihn auf etwa einen Viertelton unter das zweite »h«, der feineren und höheren Töne wegen.«

»Könnte man klangvolle Geigen auch auf andere Töne stimmen?«

»Warum nicht, und es geschieht auch, doch muß der Korpuston so liegen, daß er die Ausdrucksfähigkeit der Saiten für jeden Klang harmonisch unterstreicht.«

»Das ist seltsam. Wie sollte sonst der Geigenton der Menschenstimme auch so ähnlich werden und die Gefühle unserer Lust und Trauer aus uns so übermenschlich äußern können? Der große Stainer und die alten Cremonenser müssen doch ein seltenes Herz gehabt haben, daß sie die Instrumente bauen konnten, die aus dem Menschen selbst die Engelsstimmen lösten!«

»Ein seltenes Herz, das wäre wohl das rechte Wort, ein seltenes Herz, ein Künstlerherz. Wer an das Höchste rühren will, muß reinen Herzens sein.«

»Ein Wort, Florenus, kann man Geigen bauen lernen? Ich will nicht fragen, denn ich würde es wohl selbst verneinen, aber was würden Sie dazu sagen?«

»Nein, mein lieber Baltzer, das, was die Cremonenser Geigen bauen nannten, das kann man nicht erlernen. Man muß wohl vieles von ihnen lernen, bis man davor steht, aber dann hört auch das Lernen auf. Man strebt zuerst zu einem Ideal an Reinheit, Schönheit, Klang und Fülle. Das alles wäre unerreichbar fern, ruhte das Ziel nicht in uns. – In unserer Stimme, die zum Singen anhebt, lockt der Ton, den sich der Künstler dann im Instrument erbaut. So baut ein jeder Künstler seine Geigen, wie jeder Maler seine Bilder malt, und niemals wird ein anderer Stradivari-Geigen bauen als Stradivari selbst.«

»Es sucht doch jeder Künstler Stradivari nachzueifern und zu erreichen!«

»Im Künstlerischen wohl, doch niemals im Persönlichen. Da hat ein jeder Meister seinen Ton und mit ihm jenes unnachahmlich Wunderbare, was wir bei der Stimme Timbre nennen.«

»Die Cremonenser wahrten das als ein Geheimnis, das sie nur wenigen anvertrauten und vererbten, und diese nahmen es dann wohl mit sich ins Grab.«

»Nein, mein Freund, das alles ist Legende. Gibt es ein Geheimnis der Malerei oder der Musik, welches zu vererben wäre? Künstlerische Neigungen und Begabungen kehren wohl in Generationen wieder, sind aber meistens unbedeutend, wenn sie wiederkehren. Der Genius selbst bleibt einsam. Das seltene Herz, von dem Sie vorhin sprachen, besaßen nur die Großen.«

»Das Schicksal eines der Guarneri könnte Ihnen viel vom Erlernen des Geigenbaues sagen, aber etwas anderes ist weniger tragisch und einleuchtender. Die Söhne Amatis und Stradivaris hatten doch die besten Lehrer und brachten es kaum zur Mittelmäßigkeit.«

»Dann werden wohl viele Geigen in der Welt herumlaufen«, warf Professor Baltzer lachend ein, »an welchen Marke und Siegel eines großen Namens das einzig Berühmte sind.«

»Das ist auch so, und man muß schon viel vom Geigenbau verstehen, um das Echte vom Falschen unterscheiden zu können. Im letzten Fall entscheidet das Ohr allein. Man darf übrigens nicht annehmen, daß immer beabsichtigte Fälschungen vorliegen. Als junge Schüler haben Guarneri und Stradivari ihren Geigen die Zeichen Amatis gegeben, und von den Geigen der Söhne Stradivaris, die bei ihm in der Werkstatt arbeiteten, sind die zu seinen Lebzeiten angefertigten wohl alle noch mit seiner Marke versehen worden. Dieses Verfahren war nicht anstößig und war das gleiche wie in den großen Malerschulen. Man gab sich, wie sie sehen, keine Mühe, Geheimnisse zu verwahren, und hatte ein sicheres Gefühl für die künstlerische Qualität. Wer nicht Künstler war, hatte keine Aussicht, das wußte man.«

»Das Geheimnis der Kunst ist das Geheimnis des Menschen, wie Sie sagen, Florenus. Dieses Geheimnis gehört Gott und läßt sich nicht vererben. Doch jede Kunst, die Menschenhände braucht, hat Übung, Schule, Tradition, und vielleicht haben die großen Cremonenser daraus ein Geheimnis gemacht, um sich ein Vorrecht zu sichern.«

»Ich glaube nicht. Wären die Söhne und Enkel sich in der Kunst des Handwerks eines Geheimnisses bewußt gewesen, hätten sie es vielleicht genutzt und Übung und Schule daraus gemacht. Aber solche Gedanken gab es nicht, und die Tradition brach ab, weil die Künstler fehlten. Heute hat sich manches geändert. Wir haben die Elemente des Geigenbaues studiert und verfügen über die feinsten Hilfsmittel, um dem jungen Geigenbauer die Linie seiner Entwicklung vorzeichnen zu können. Aber schließlich wozu? Wir können damit Talente erwecken und Entwicklungen beschleunigen. Wir können das allgemeine Niveau im Instrumentenbau heben. Mit allen diesen Mitteln wird man aber so wenig zur Kunst des Geigenbaues gelangen wie mit Fiedel und Bogen zur Musik. Das ist eine einfache Wahrheit, die bei törichten und talentlosen Geigenbauern die Legende von den Geheimnissen entstehen ließ.«

»Gut, daß ich kein Geigenbauer bin, aber, mein lieber Florenus, warum spricht denn alle Welt von dem geheimnisvollen Lack des Stradivari?«

»Was ist von diesem Streit zu halten! – Der Klang einer Geige ist vor und nach dem Lackieren der gleiche. Natürlich schützt der Lack das Holz vor zersetzenden Einflüssen der Luft und der Feuchtigkeit, und er verleiht dem Instrument ein schöneres Aussehen. Andere Aufgaben hat er nicht zu erfüllen.«

»Es mag sein, daß es damit seine Bewandtnis hat und daß wir uns selbst nur täuschen, doch selbst wenn man sich davon freimachen will, bleibt der schöne Eindruck eines solchen Instrumentes doch bestehen.«

Florenus nickte und schaute eine Weile nachdenklich auf den Boden. »Auf diesem Gebiete hat man früher vielleicht Kenntnisse besessen, die wir heute verloren haben. Die Herstellung eines konservierenden Lackes, um gefährdetes Material vor Verfall zu schützen, um Holz und Eisen vor Nässe, vor Verfaulung und Verrostung zu bewahren, ist allerdings von alters her als ein Geheimnis von nicht geringer Bedeutung gepflegt worden. Gerade im Orient spielte ein solcher Lack eine große Rolle, was organisch und klimatisch bedingt war. Der japanische Lack ist noch heute unnachahmlich und unübertrefflich. Ich darf Ihnen auch verraten, daß auch heute wohl noch jeder Geigenbauer sich bei seiner Lackbereitung kleiner Finessen bedient, die er nicht jedem mitteilt. Alle streben dem Lack des Stradivari nach.«

»Dann forschen Sie im geheimen wohl auch danach?«

Florenus lachte mit und gestand: »Forschen tue ich schon. Andere haben eine ganze Hexenküche aufgebaut, um damit zu forschen. Man hat Proben vom Holz und vom Lack der Stradivari-Geigen genommen und sie chemisch untersucht. Man weiß, was in dem Lack steckt oder wenigstens jetzt noch in diesem trockenen alten Lack vorhanden ist, aber herstellen kann man ihn danach nicht. Hier gibt es schon ein Geheimnis, und es wäre der Mühe wert, es zu ergründen, – wert um der Schönheit willen.«

Die letzten Worte hat Florenus sinnend hinzugefügt. Er stand auf und trat auf den Balkon, wo er über den Lichtschimmer der Stadt hinwegblickte. Die Türme der Frauenkirche reckten sich wie zwei Fäuste in das Dunkel der Nacht. So ließ sich der Himmel seine Geheimnisse nicht abtrotzen. Die feine Spitze des alten Peter drang luftiger in den Himmel ein. Über ihm hing ein Stern, der sich ihm leuchtend nähern wollte.

»Wollen Sie ein Sterngucker werden?« scherzte Baltzer und trat auch hinaus.

»Sterngucker sind wir alle«, gab Florenus ernsthaft zurück, »aber es glückt nicht jedem, seinen eigenen Stern zu finden.«

Florenus hatte sich verabschiedet, und Professor Baltzer war allein. Die Gedanken des Gespräches zogen durch seine Erinnerung. Halb unbewußt wandelte ihn die Laune an, den Geigenschrank zu öffnen und die Geigen von Florenus und Stradivari herauszunehmen. Er legte beide auf den Tisch und setzte sich davor. Es waren keine toten Körper. Es waren Zeugnisse von Menschenhand und Genie. Sie waren wie Briefe, die unter Verschluß und Siegel die Seele nicht verlieren können, die in ihre Worte gebannt ist. Sie waren mehr. Sie waren die große singende Seele, die sich der Künstler mit Leidenschaft sucht, und die sich ihm mit Leidenschaft ergibt. Beide waren sie ihm wie Freunde, denen seine Achtung und seine Liebe galt. Brachte er dem Werk des alten Meisters ein wenig mehr an Achtung zu, trug er dem Werk des Florenus die größere Liebe entgegen. Er spielte auf seiner Geige lieber als auf der anderen.

Jetzt dachte er an den Lack und verglich die Instrumente. Er hob sie abwechselnd gegen das Licht, und es war ihm, als wenn auf der Geige Stradivaris der Sonnenschein widerleuchtete, der unter Italiens Himmel auf sie gefallen war, als ihr der Meister ihren Glanz gab. Florenus hatte auch darin recht, es war schon wert, dem Geheimnis nachzugehen, um der Schönheit willen! – Professor Baltzer legte die Geige wieder fort und dachte, die Jahrhunderte trennen sie nicht. In der Kunst dieser Männer gab es ein Ideal, welches nicht Form und nicht Farbe, sondern Klang war, und wer diesen Klang zu gewinnen verstand, der schenkte der Menschheit das tönende Licht! Musik war aus dem Menschen geboren. Das Lachen war ihr erster Laut gewesen und der Schrei die wilde, rasch zerrissene Dissonanz. Das Lachen siegte im Gesang über die Schauer der Seele. Der Klang von Holz, Haut und Eisen wandelte sich in Jahrtausenden unter der Hand des Menschen. Sein ganzes Leben wurde davon eingehüllt. Der kunstvoll schaffende Geist veredelte das Material zum Instrument, das seine Stimme wie aus höherer Welt der Menschenstimme zugesellte. Das Instrument spricht eine Sprache, die wir schon hatten, als wir sie nicht kannten, und die wir wieder sprechen werden, wo wir von ihr nichts wissen.

Es waren zu schwere Gedanken, um damit schlafen zu gehen. Professor Baltzer öffnete die Balkontür und ließ den lauen Nachtwind seine Stirne kühlen. Es war spät geworden. Die Lichter waren ausgelöscht. Der alte Peter schaute im Mondlicht über die Nachbarhäuser herüber. Professor Baltzer suchte mit seinen Augen die Spitze des Turmes. Halblaut sprach er zu sich: »Alle unsere Werke streben zu Gott. Die großen Geigenbauer bauten mit Maß und Zirkel wie die Meister der Dome. Es wuchs ihnen die Form aus dem Herzen, und sie gaben den Tönen eine überirdische Heimat!«

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