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Der Verführer - Erzählungen

Frank Wedekind: Der Verführer - Erzählungen - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorFrank Wedekind
titleDer Verführer ? Erzählungen
publisherdtv
year1986
senderwww.gaga.net
created20050129
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Ich langweile mich

9. Februar 1883. Ich langweile mich so entsetzlich, daß ich wieder meine Zuflucht zu meinem Tagebuch nehme, das ich seit zehn Monaten nicht mehr weitergeführt habe. Zu Tisch kommt Wilhelmine, und wie Karl und ich sie den Schloßberg hinunterbegleiten, überlege ich mir, wie es am besten anzufangen wäre, sie für den Winter zum Austausch von Zärtlichkeiten zu bewegen. Sie ist in der Tat ganz reizend geworden, ihre schwarzen Augen, ihr hübsches Köpfchen, die hübschen vollen Arme, mit denen sie nach Herzenslust prahlt. Sie steht offenbar erst jetzt, wiewohl schon siebenundzwanzig Jahr alt, in ihrer vollen Blüte.

12. Februar. Wilhelmine läßt mir sagen, ich möchte sie zur Eisbahn abholen und daß sie bis über die Ohren verliebt sei. Wie ich eintrete in ihr Boudoir, drückt sie mir eine Photographie in Kabinettformat in die Hände, das sei er. Während ich ihn mir betrachte, pflanzt sie sich mit dem Album in der Hand vor mir auf und rezitiert mit haarsträubenden Gebärden einige Knittel, die sie an ihn gerichtet. Auf der Eisbahn, während wir Hand in Hand Schlittschuh laufen, zieht sie die Photographie wieder aus der Tasche, beliebäugelt sie und verliert alle zehn Schritt einen Schlittschuh. Das nämliche Spiel vollzieht sich während des Heimweges. Auf meiner Stube bedeckt sie das Bild mit Küssen und läßt es von oben nach unten und von unten nach oben langsam aus der Enveloppe gleiten, um die verschiedenen Reize gradatim und detailliert genießen zu können. Nur vier Wochen möchte sie mit ihm zusammen reisen können; er ist nämlich ein berühmter Tenor. Für ein halbes Jahr mit ihm gäbe sie gern ihr ganzes übriges Leben hin. Ich kann es ihr nicht verdenken; ihr Leben war bis jetzt ziemlich eintönig und freudlos und wird es voraussichtlich auch in Zukunft sein. Während wir vierhändig spielen, drückt sie bei jeder Viertelpause einen Kuß auf die angebeteten Züge. Nach Schluß der Etüde verfällt sie in absolute Agonie, sinkt in der Sofaecke zusammen und läßt sich ohne das geringste Widerstreben von mir liebkosen. Nur hin und wieder stammelt sie mit ersterbender Stimme: »Ach, du bist so unappetitlich, so unappetitlich!« –

Gott segne dich, göttlicher Tenor. So freilich hatte ich mir die Entwicklung nicht vorgestellt. Ich scheine mich nicht mehr so fürchterlich langweilen zu sollen.

13. Februar. Wilhelmine empfängt mich mit offenen Armen. Sie hätte am Abend ihre Arie nicht singen können, wenn ich sie nicht vorher in Stimmung versetzt hätte. Der Cäcilienverein will nämlich den ›Waffenschmied‹ aufführen. Sie behauptet, ich hätte zu weichliche, weibliche Lippen. Ich alter Schafskopf exekutiere meine alten probaten Komödien. Sie besteht übrigens darauf, daß von Liebe zwischen uns nicht die Rede sein könne. Mir ist es furchtbar gleichgültig, wovon die Rede ist. Wenn ihr Mund nur zum Sprechen da wäre, würde ich ihn ihr zunähen. Der Wolkenbruch ihrer Gefühle läßt mich zu keinem Angriff gelangen. Ich liebe den Ernst und die Ruhe, wenn es sich um Vergnügungen handelt. Nach zehn Minuten erklärt sie sich Gott sei Dank für gesättigt. Sie hat auch schon ein Gedicht an mich gemacht, das indessen trotzdem von Liebe handelt. Sie beherrscht offenbar die Sprache nicht genug, um das Wort zu vermeiden. Darauf erzählt sie mir, wie und wo sie küssen gelernt habe, eine langweilige larmoyante Geschichte ohne Höhen und Tiefen, aus der ich aber die Überzeugung gewinne, daß sie ihren Mädchennamen noch mit voller Berechtigung führt. Plötzlich fragt sie mich, wo ich es gelernt habe, aber ich hülle mich, so unerwartet überrascht, in düsteres Schweigen, indem ich mich meiner Lehrerin, der guten alten Tante Helene, herzlich schäme.

16. Februar. Nach Tisch gehe ich, um Wilhelmine zum Abendbrot abzuholen. Sie sagt, von heute ab müsse alles zwischen uns aufhören. Ich entgegnete, ich hätte ja noch gar nicht angefangen, ob sie ungeduldig sei, mir eile es durchaus nicht. Sie hat nicht weniger als sechs Gedichte gemacht, die ihren Entschluß variieren. Sie holt ihren Revolver, drückt mich ins Sofa, stemmt mir das Kinn gegen die Brust und liest mir, den gespannten Revolver gegen meine Stirn gerichtet, ihre Gedichte vor. Zitternd an allen Gliedern, bitte ich sie, aufzuhören. Plötzlich wirft sie mir ein weißseidenes Tuch über den Kopf, fällt mir um den Hals und küßt mich durch das Tuch, gerät dann über sich selbst in Wut und wirft mir ihren Pantoffel ins Gesicht. Darauf beschwört sie mich, ich möchte auch einmal ein Gedicht an sie machen. Ich schreibe drei kurze Strophen zusammen, in denen ich aber Brodem auf Sodom reime, wodurch sie tief beleidigt ist.

Abends auf dem Söller in der Fensternische gesteht sie mir, sie habe nur einmal schmecken wollen, wie die Liebe tue, und sei an der Angel hängen geblieben. Übrigens wolle sie aufhören, bevor sie beiseite gelegt werde. Dann verlangt sie auch von mir volle Aufrichtigkeit. Ich frage sie, ob sie wisse, was das Entsetzlichste im Leben sei. Sie antwortet: Begierde ohne Befriedigung. Ich schüttle den Kopf; ich flüstere ihr ins Ohr: Langeweile! – Sie empfindet tiefes Mitleid mit mir.

Beim Souper wird die Frage aufgeworfen, ob der Weg zu den Lippen durchs Herz, oder ob der Weg zum Herzen über die Lippen gehe. Die Meinungen sind sehr geteilt, und die Diskussion wird lebhaft. Meine Mutter verteidigt den Weg durchs Herz; Wilhelmine spricht mit aller Entschiedenheit für den Weg über die Lippen. Karl, der seit acht Tagen von früh bis spät Holz spaltet, um seine Nerven zu beruhigen, meint, der Weg zum Herzen führe nicht über die Lippen, sondern durch die Ohren, und der Weg über die Lippen führe nicht zum Herzen, sondern in den Magen. Wilhelmine will mein Gedicht zum besten geben, kommt aber nicht dazu, da sie es in ihrem Busen verwahrt hält. Meine Mutter meint, wir seien ja unter uns, aber meine Teure entgegnet, es sitze zu tief. Bei diesen Worten schlägt Karl errötend die Augen nieder.

Nach dem Souper zünden Karl und ich im Saal eine große Reiswelle im Kamin an. Darauf holen wir vom Estrich über den Verliesen den Koffer mit den türkischen Kleidern. Als wir ihn über den Hof tragen, schlagen die hellen Funken aus dem Schornstein über dem Saal und verlieren sich oben in den Sternen. Karl meint, wenn das Dach Feuer fange, hätten wir nicht einmal Wasser, da der Weiher zugefroren sei. Ich beruhige ihn; was es denn schaden würde, wenn das ganze Schloß in Flammen aufginge! die Herrlichkeit dauere ja doch nicht mehr lange.

Im Saal kostümiert sich die ganze Gesellschaft türkisch. Meine Mutter trägt einen bis zur Erde reichenden Mantel aus Genueser Sammet mit goldenen Borten. Darin tanzt sie mit unvergleichlicher Verve und Biegsamkeit eine Samaqueca auf dem Smyrnateppich. Wilhelmine, Karl, die beiden Kleinen und ich sitzen auf Sofakissen um sie herum und trinken Kaffee. Karl spielt die Handharmonika, und ich begleite ihn auf der Gitarre. Darauf tanzen Gretchen und Elsa ein Pas de deux, das ihnen meine Mutter einstudiert hat. Dann erzählt sie von ihren einstigen Bühnenerlebnissen in San Francisco, in Valparaiso, von dem Leben auf den Haziendas und von ihrem ersten Mann, der am Schluß jedes Konzertes schon immer alles wieder verspielt hatte, was er beim Beginn an der Kasse eingenommen. Er sollte nicht weniger als dreimal in seinem Leben erschossen werden, einmal bei einem Aufstand in Venezuela, einmal bei der Kommune und zum letztenmal im russisch-türkischen Krieg. Gegenwärtig fungiert er als Zeremonienmeister im Palais des Glaces in Paris. Ich freue mich unendlich darauf, ihn kennenzulernen. Plötzlich entdeckt Gretchen mit ihrem alles durchdringenden Blick einen blutroten Flecken an meinem Hals. Es wird mir schwer, das Lachen zu verbeißen. Als ich Wilhelmine den Berg hinunter begleite, bringe ich ihr, um sie zu trösten, auf allerhand Schleichwegen bei, daß sie nicht die einzige sei, sondern nur eine Repräsentantin; daß das gerade für mich das Interessante sei, sie in erster Linie als Typus und dann erst als Individuum zu betrachten. Ich sage ihr, die Menschen glaubten so häufig, die einzigen in ihrer Art zu sein, so auch die Männer, wenn sie an eingebildeten Krankheiten litten. Würden sie sich vergegenwärtigen, daß das fast jedermann begegnet, so wäre die Krankheit schon geheilt.

17. Februar. Zwischen zwei und drei Uhr gehe ich zu Wilhelmine. Ihre Schwester ist zu Hause. Als sie endlich in ihren Frauenverein geht, sehen wir beide ihr mit Gefallen zum Fenster hinaus nach. Es gibt Menschen, die man lieber von hinten als von vorne sieht, die von vorne gesehen Schmerz, von hinten gesehen Freude verursachen. Ich erkläre Wilhelmine, das sei der Grund der griechischen Liebe. Sie begreift nicht, wie ein so auf das Alleräußerlichste gerichteter Geist wie ich überhaupt nur über eine so ernste Frage nachdenken könne. Dann sprechen wir über Zylinderhüte. Wenn ich sie völlig abkühlen wolle, dann brauche ich nur im Zylinder zu ihr zu kommen. Wir wollten uns im Künstlerhut trauen und im Zylinder scheiden lassen. Beim Abschied bittet sie mich, wenn ich nur einen Funken Gefühl für sie habe, solle ich bis morgen ein Gedicht an sie machen. Wir wollten zusammen nach Aarau fahren, und ich sollte es ihr im Bahncoupé vorlesen. Gretchen kommt, um ihre Klavierstunde zu nehmen. Wilhelmine schiebt mich lautlos ins Nebenzimmer, würgt mich, daß ich blau und rot werde, und kehrt mit der mütterlichen Ruhe einer Madonna ins Musikzimmer zurück, während ich mich auf den Zehenspitzen zum Haus hinausschleiche.

Nach dem Souper durchsuche ich meine sämtlichen Gedichte, kann aber nichts Passendes finden. Ich strecke mich der Länge nach auf den Diwan, aber es gelingt mir nicht, meine Gedanken auf sie zu konzentrieren. Ich schlafe ein.

18. Februar. Der große Tag. Nach Tisch stecke ich einen leeren Bogen Papier zu mir, in der Hoffnung, daß mir auf dem Weg den Berg hinunter noch etwas einfällt. Auf dem Bahnhof stürzt mir Wilhelmine entgegen, wo mein Gedicht sei. Ich sage, ich könne es ihr hier nicht vorlesen, und führe sie zu einer abgelegenen Bank in den Anlagen. Dort überreiche ich ihr den zusammengelegten Bogen, den sie mit vor Stolz und Freude strahlendem Gesicht entfaltet. Als sie nichts darauf geschrieben findet, sage ich, ich müsse die beiden Blätter zu Hause verwechselt haben. Sie gibt mir mit zornfunkelnden Augen eine Ohrfeige. Gott sei Dank fährt gleich darauf der Zug herein. Im Coupé küsse ich ihr ununterbrochen die Hand und versichere sie meiner aufrichtigen Liebe. In Aarau gelingt es mir bei einem Glase Bier im Gasthaus »Zum wilden Mann«, ihre Nerven völlig zu beruhigen. Auf der Rückfahrt sitzen wir im ersten Wagen hinter der Lokomotive, und das Coupé liegt direkt über der Wagenachse. Wir werden bei der ersten Weiche von den Polstern emporgeschleudert, und ich halte sie in den Armen, geradeso wie vor drei Jahren auf der nämlichen Strecke, in dem nämlichen Coupé vielleicht, die rotlockige kleine Delila. Es war im letzten Jahr, da ich in Aarau das Gymnasium besuchte; und wir, Delila und ich, fuhren jeden Morgen zusammen zur Schule und abends wieder zurück. Morgens überhörten wir uns gegenseitig unsere Arbeiten, und abends rauchten wir zusammen Zigaretten. Jetzt ist sie irgendwo Lehrerin und erzieht die kleinen Mädchen zur Tugend und Sittsamkeit. Der Unterschied ist immerhin ein bedeutender. Dort selige Hingabe, hier immer noch ängstliche Verschämtheit. Aber hier und dort die nämlichen läppischen Zwischenbemerkungen. Trotz der trüben, flackernden Beleuchtung sehe ich den Flaum auf der Wange, dazwischen einige Leberflecke und neben dem Auge zwei Runzeln, alles wie unter einem Mikroskop in fünfhundertfacher Vergrößerung. Und ich frage mich, ob wohl der zarteste Teint in solcher Nähe standhält. Ich suche keine weitere Unterhaltung mehr anzuknüpfen, indem ich sie zur Genüge mit sich selber beschäftigt sehe, und bringe sie unter absolutem Stillschweigen nach Hause.

19. Februar. Zu Tisch kommt Wilhelmine, hält darauf auf meinem Diwan Siesta und versinkt sofort in tiefen Schlaf. Beim Erwachen erklärt sie mir, sie sei einerseits zu jung und anderseits zu alt für mich; ich müsse eigentlich zwei Frauen haben, eine von sechzehn und eine andere von sechsundvierzig Jahren. Darauf bittet sie mich, zu ihrer Schwester, der Frau Gerichtspräsidentin, zu gehen und ihr zu sagen, daß sie, Wilhelmine, morgen nicht in das Kaffeekränzchen kommen könne, da sie beim Stadtschreiber eine Klavierstunde zu geben habe. Unter fortwährenden Wonneschauern gehe ich darauf zum Gerichtspräsidenten. Ich klopfe an, Elisabeth öffnet und reicht mir freundlich die Hand. Das genügt, um mich für den ganzen Abend zum aufrichtigsten Ehestandskandidaten zu machen. Elisabeth ist fünfzehn Jahr alt, ein klein wenig plump, mit der strotzenden Büste und den wonnigen Hüften, wie sie diesem Alter manchmal eigen sind. Sie hat weder kleine Hände noch kleine Füße, aber einen angenehmen, ernstgemessenen Gang. Ihre Züge sind voll und blühend, wenn auch etwas scheu, die großen dunkelblauen Augen blond, wenn auch etwas düster umrahmt. Ihr Anblick verwirrt mich, und ich muß bereuen, ihr nicht ein freundliches Wort gesagt zu haben. Ihre Mutter empfängt mich im Salon. Es macht einen eigentümlichen Eindruck auf mich, dieses Haus, das ich nicht mehr betreten, seit es eben gebaut war, nun so vollständig durchwohnt zu finden. Die jüngeren Brüder toben ums Haus herum, mit Wegfahren eines großen Aschenhaufens beschäftigt. Die Mutter erzählt mir mit Behagen und Stolz von ihrem Manne. Der Alte tritt ein und kneift seine Frau immer noch zur Begrüßung in den Arm. Auf dem Heimweg träume ich aufs lebhafteste davon, das hübsche kleine Tier baldmöglichst zu heiraten, sie in die große Welt hinauszuführen, auf Reisen und Abenteuer, in unserem Schloß uns ein herrliches Buen-Retiro wahrend. Ich träume mir den ehrenfesten Gerichtspräsidenten als Schwiegerpapa, ich träume mir die Elisabeth als Gattin, als Mutter, als Matrone an meiner Seite im Kreis einer Schar kräftiger Kinder und Kindeskinder.

1. März. Bei leichtem Schneefall führe ich Wilhelmine die Straße nach Seon hinaus und in den Wald hinein, wo sie in den frischen Fußstapfen ihres Vaters zu wandeln glaubt, der um Mittag auf die Jagd gegangen ist. Die feierliche Stille, der Friede der toten Natur begeistern uns zu endlosen Liebesgesprächen. Wäre ich Maler, ich würde sie heute heiraten. Für den Schriftsteller wäre die Ehe ein Verderb. Wenn ich gar aus Liebe heiratete, mich mit der Welt aussöhnte, dann könnte ich mich nur gleich begraben lassen. Sie sehnt sich danach, noch einmal recht innig zu lieben, aber nicht jetzt, später, so spät wie möglich. Sie behauptet, wenn ich jetzt auch wollte, sie würde gar nicht einschlagen. Darauf beginne ich aus voller Brust zu renommieren. Eine halbe Stunde nur, nur der Weg von hier bis nach Hause, und sie wäre bis zum Wahnsinn in mich verliebt. Sie schluchzt abgewandt in ihr Taschentuch. Ich sage, ich brauchte nur dem Idealismus die Zügel schießen zu lassen; es würde um so unfehlbarer auf sie wirken, da sie mich nur als Müßiggänger kenne. Sie bittet mich, sie nach Hause zu bringen. Sehr gestärkt kehre ich zurück. Zu Hause ist alles still. Ich lege mich früh zu Bett und sehne mich nach Paris.

9. März. Wilhelmine predigt Moral, sie fühle, sie habe eingebüßt, sie sei nicht mit sich einig, sie sage sich dann und wann, es sei unrecht. Sie fährt freudig auf und fragt mich auf Ehre und Gewissen, was sie mir sei. – Wozu sie das wissen wolle? – Das könne mir gleich sein. – Ich sage, ich könne sie ja auch anlügen. – Sie läßt den Kopf sinken: das sei eben das Traurige; damit behalte ich immer die Oberhand. – Ich frage sie, warum sie denn so plötzlich aufgefahren sei; wozu sie überhaupt gefragt habe. – Sie sagt, sie würde sich freier fühlen, wenn sie Gewißheit habe. – Ich sage: Gesetzt den Fall, sie sei mir nur Spielzeug. – Sie sieht über mich weg: Ich sei ihr eine angenehme Unterhaltung gewesen! – Vielleicht auch eine Fundgrube, eine Art Konversationslexikon? – An ihr, sagt sie, hätte ich wie an einem festgeschnallten Kaninchen Vivisektion geübt. Aber wozu denn das alles? – Sie fühle sich freier. Ich frage sie, ob sie nicht geglaubt, es habe doch vielleicht ein tieferes Gefühl bei mir Wurzeln gefaßt? – Oh, nie und nimmer! Sie frage mich einzig und allein ihrer selbst wegen. – Abschied unter endlosen Umarmungen. Unter der Bahnbrücke begegne ich richtig noch der kleinen Elisabeth. Sie grüßt mich mit freundlichem Kopfnicken, was mir wohltut bis in die kleine Zehe. Ich erwidere ihren Gruß so würdevoll als möglich. Lächeln mag ich nicht. Ich fürchte den Scharfblick der Unschuld. Sie hat übrigens herrliche Lippen und tiefdunkelblaue Augen. Zu Hause ergehe ich mich noch eine Stunde in gehobener Stimmung auf der hohen Schanze in der lauen Frühlingsluft. Die Amseln haben zu singen begonnen. Auf Schwarzwald und Jura leuchten die Fastnachtfeuer. Langweiliger Abend im Saal.

20. März. Nachdem ich seit vierzehn Tagen zum erstenmal wieder gefrühstückt, gehe ich ins Turnexamen der Mädchenschule. Die zweite Klasse hegt in ihrem Schoß nur ein einziges hübsches Mädchen; ein äußerst feines Gesicht, Teint wie Milch, schwarze Augen, feine Nase. Ausdruck ist wenig da bis auf einen Anflug von Verschmitztheit, der hinter der Maske lauert. Ein feiner Fuß und eine schlechte Haltung. In der dritten und vierten Klasse, die zusammen turnen, ist ebenfalls nur eine bemerkenswert, aber dafür ein Prachtstück, meine Elisabeth. Sie hat ihren Platz dicht vor uns. Ein strotzender Körper, ein gesundes Gesicht, frisch, ernst und nicht dumm.

Musterhafte Haltung und eine durch die Fülle bedingte Weichheit in der Bewegung. Geradezu entzückend ist ein von den Mädchen aufgeführter Stabreigen, wozu der alte Lehrer ein altmodisches Menuett geigt.

25. März. Nach Tisch kommt meine Orsina herauf. Sie hat wieder ein ganzes Schock Gedichte an mich gemacht. Ich fühle mich außerstande, sie anzuhören. Wilhelmine ist tief gekränkt. Ich tröste sie, indem ich ihr zeige, daß ich ihren Kummer begreife. Sie ist hausbacken sinnlich. Beim Kaffee werfe ich Gretchen aus purer Enervation einen Butterbrotteller an den Kopf. Sie weint und schließt sich in ihr Zimmer ein. Darauf gehe ich ins Examen der Mädchenschule, setze mich Elisabeth direkt gegenüber und ziehe einen zweiten Stuhl als Lehne heran. Dabei setze ich eine mißvergnügte Miene auf, teils um mir die übrigen Besucher vom Leibe zu halten, teils um sie desto ungenierter fixieren zu können. Übrigens zeigt auch niemand das Bedürfnis, mich anzusprechen. Die Herren der Schulpflege bewegen sich mit unglaublich lächerlicher Wichtigkeit um die Tische, klappen die großen Hefte auf und wieder zu und bemühen sich, ohne die Würde einzubüßen, um die Luftheizung. Elisabeth bleibt vollkommen unbefangen, obwohl ihr mein Benehmen nachgerade aufgefallen sein muß. Ihre Lektion kann sie ausgezeichnet, wie übrigens alle. Im ganzen berührt mich das Examinieren höchst widerlich, besonders das Aufhalten der Finger, was bei einigen von giftigen Blicken begleitet ist. Ich nehme Elisabeths Aufsatzheft zur Hand und schreibe ihr, da ich gerade einen Bleistift zwischen den Fingern halte, meine Gefühle als Randglossen hinein. Ihre Hefte sind nicht allzu sauber, die Schreibweise ist stellenweise eigenartig. Ich lese einen ganzen Aufsatz über eine Ferienreise. Darauf entferne ich mich, wie ich glaube, mit Effekt; es ist mir übrigens gleichgültig. Im Saal nebenan sehe ich noch ihre geometrischen Zeichnungen an, die auch nicht allzu geometrisch sind. Ich freue mich schon darauf, auch sie zum Narren zu halten. Die Heiratsgedanken sind verschwunden. Der alte Gerichtspräsident als Schwiegerpapa hat alle Anziehungskraft für mich verloren, und sie als gefeierte Gefährtin nicht minder. Am Abend arbeite ich in meinem Turmzimmer. Da kommt der alte Bautz, der Goldige, die Pusi, und miaut vor der Tür. Ich antworte. Da ich aber nicht sofort öffne, beginnt sie an der Tür zu kratzen. Gestern hat sie es ebenso gemacht. Als ich sie dann hereinließ, ging sie direkt auf meinen Wandschrank zu und versuchte, ihn mit der Pfote zu öffnen. Ich lasse sie herein, sie geht auf den Schrank zu, steigt behutsam in das unterste Fach, macht es sich auf meinen symbolistischen Manuskripten bequem und knurrt. Ich lehne die Tür etwas vor, damit nicht das volle Licht hineinfällt. Nach einer Weile beginnt sie, sich zu drehen und zu krümmen. Sie ächzt und schnurrt, biegt sich rückwärts und leckt sich. Darauf ein straffes, regelmäßig wiederkehrendes Spannen des Körpers. Bisweilen schnappt sie nach den zur Seite aufgestapelten Gedichten. Dann dirigiert sie das erste mit dem Maul heraus. Ich höre sie etwas verspeisen und sehe, wie sie heftig zubeißt. Die Prozedur wiederholt sich fünfmal. Die Entbindung dauert eine gute Stunde. Nachdem sie die Jungen gehörig abgeleckt, beginnen sie zu piepsen. Ich hole meine Mandoline und trage ihnen Brahms' Schlummerlied vor. Jetzt ist es halb vier. Ein feuchter erfrischender Wind weht voll zum offenen Fenster herein. Im ganzen Schloß klappen Türen und Fensterläden, und in den alten Linden rauscht es wie ferne Brandung.

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