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Der Verführer - Erzählungen

Frank Wedekind: Der Verführer - Erzählungen - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorFrank Wedekind
titleDer Verführer ? Erzählungen
publisherdtv
year1986
senderwww.gaga.net
created20050129
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Bei den Hallen

8. September

Ich erwache gegen vier. Die Vorhänge sind noch zugezogen. Es ist stockfinster im Zimmer. Ich zünde die Lichter an und stehe allmählich auf. Ich fühle mich von den gestrigen Strapazen wie neugeboren; eine eigentümliche Beweglichkeit in den Gelenken, den Kopf frei und den Körper um zwanzig Pfund leichter. Ich fühle mein spezifisches Gewicht ...

Wie ich auf die Straße trete, spielt die Abendsonne in den obersten Fensterscheiben. Ich gehe in mein kleines Restaurant, kaufe mir unterm Odeon Maeterlincks ›Princesse Malaine‹ und lese sie im Café auf einen Zug durch. – Hätte er seinen Geistern etwas mehr Fleisch gegeben, sie wären wohl auch länger am Leben geblieben. – Ich diniere im Palais Royal und arbeite zu Hause bis Mitternacht.

Wie ich um zwei Uhr aus der Brasserie Pont- Neuf komme, geht ein Mädchen in fliegendem Radmantel vor mir her; das erinnert mich an Marie Louise; aber sie ist es nicht.

Ich gehe zu Bovy im unbewußten Bedürfnis, etwas über Raimonde zu erfahren. Das einzig bekannte Gesicht in der kleinen Bude ist Marie Louise. Sie bittet mich um ein Glas Milch und erzählt mir, es habe sich gestern ein Mädchen im Cafe d'Harcourt auf der Terrasse mit Sublimat vergiftet. Raimonde sei noch im Quartier. Sie sei dans la purée. Sie habe vierzigtausend Francs Schulden. – Das erfüllt mich mit ungeheurer Genugtuung. Ich frage sie, ob sie noch Morphium nehme. Nein, schon lange nicht mehr. Sie schlägt ihren Radmantel auseinander und macht mich darauf aufmerksam, daß sie von ihrer Last befreit ist. Sie war ihrer Fehlgeburt wegen drei Wochen im Spital; dabei hat man ihr das Morphium abgewöhnt. Sie sieht auch in der Tat um nichts besser aus. Sie schminkt sich nicht mehr, schläft des Nachts wie ein Kind und ist beim Erwachen von keinen düsteren Gedanken mehr heimgesucht. Vor dem Einschlafen liest sie immer noch im Bett. Sie liest jetzt ›La faute de l'Abbé Mouret‹. Sie hätte sich nie gedacht, daß Zola ein so hübsches Buch schreiben könne. Sie hat vorher den ›Assommoir‹ angefangen, aber sie findet ihn geschmacklos und langweilig. So etwas könne sie auch noch schreiben, wenn sie die nötige Zeit hätte.

Derweil drängt sich ein Mädchen an mich heran, dem ich vor einem halben Jahr einmal einen Louisdor gegeben. Ich weiß nicht mehr, wie sie heißt. Damals war sie in Schwarz; jetzt trägt sie ein nagelneues helles Kleid mit blauseidenem Einsatz! Ich hatte ihr eines meiner feingeblümten Hemden gegeben, darauf nahm sie ein Buch zur Hand, ›La Fille Elisa‹ von Edmond de Goncourt, das mir die kleine Germaine geliehen, las es bis zum lichten Morgen durch und lief davon. Das Hemd hätte sie auch gern mitgenommen. Ich muß ihr versprochen haben, ihr statt dessen einen Brillantring zu schenken.

Sie hat ein rundes bleiches Gesichtchen mit vollen Wangen und hübschem Kinn, ein feines Stumpfnäschen, blühende Lippen, nach außen emporgezogene schmale Brauen und ein ungemein sympathisches, feuchtschwarzes Augenpaar.

Da sie äußerst elegant gekleidet ist und blinkende gelbe Glacés trägt, setze ich voraus, daß sie auch persönlich gewonnen hat. Sie wohnt auch nicht mehr Hotel Voltaire in der Rue de Seine, sondern in der Rue St. Sulpice im ersten Stock.

Ich frage sie, ob sie etwas trinken wolle. – Nein, sie habe keinen Durst.

Ich habe in meinem Leben kein so nettes, behagliches Zimmerchen gesehen.

Es ist mit gelbem, feingeblümtem Kattun austapeziert, als wäre mein Nachthemd von damals dazu verwendet worden. Aus dem nämlichen Stoff sind die enormen Bettgardinen, die das halbe Gemach einnehmen.

Das Mädchen in seinem korngelben hübschen Kleid mit dem blauen Einsatz paßt so ausgezeichnet in dieses niedliche Etui, daß ich mich in dem kleinen Raum zwischen Tür und Fenster von allem, von der Welt, von Sünde, von Verschwendung, Gefahr und Pflichten durch Ätherfernen getrennt fühle.

Sie fragt mich, ob ich gern eine Chartreuse trinke, nimmt ein geschliffenes Flacon vom Kamin und füllt zwei Gläschen.

Die Chartreuse hatte die Farbe von flüssigem Gold und rinnt auch so ungefähr durch die Adern. Dabei sprechen wir über ihre »Kolleginnen«.

Ob Lulu und Nini sich lieben, wisse sie nicht; es sei möglich, warum nicht. Lulu wohne zwar in ihren eigenen Möbeln, es sei aber nur ein ganz kleines Loch, ein einziges Zimmer, in dem sie ihre paar Möbel aufgestellt. Dabei sage sie jedermann, dem sie begegnet, sie wohne in ihren eigenen Möbeln. Lulu sei entschieden die Dominierende, die Intelligenz, während Nini den Pudel machen müsse und nur mit denjenigen Herren gehen dürfe, die ihr Lulu erlaube. – Ob ich Lulu denn kenne?

Ich sage nein und füge unvorsichtigerweise hinzu, es sei meine Schuld nicht.

Darauf kommt die Rede auf Raimonde. – Ja, das sei eine! – Sie hat mich in jener denkwürdigen Nacht mit ihr au grand Comptoir gesehen. – Auf wieviel einen denn die wohl zu stehen komme?

Um meine Unvorsichtigkeit mit Lulu wieder gutzumachen, sage ich auf – fünfzehn Francs.

Pas plus que ca?

Nein. Sie habe noch darum winseln müssen.

Wie mir denn Raimonde gefalle?

Ich schüttle ernst den Kopf und sage: »C'est une belle femme!«

Darauf zählt sie mir Raimondes sämtliche Geliebten her – la grande Zusanne, die kleine Lucie, die damals mit uns au grand Comptoir war, die hübsche Lucienne, die mit uns zusammen bei Barrat war usw. usw. – sie begreife es nicht, wie man sich mit einem Mädchen schlafen legen könne!

Ich sage, sie werde sich wohl einen Geliebten halten.

Oh là là! Es seien die Freunde von andern Mädchen, die zu ihr kämen, um das Geld, was die Mädchen ihnen geben, mit ihr durchzubringen. Daher kenne sie es. Nein, sich möchte in ihrem Leben keinen Geliebten.

Ich sage, es sei doch schön, einen zu haben, der einem ganz gehöre, mit dem man nicht handeln müsse, dem man Gutes tun und dem man sich nur aus Liebe geben könne.

Sie lachte hell auf. Es seien ja die Männer, die die Frauen, von denen sie Geld hätten, beherrschen. Die Frauen lägen ja vor ihnen auf dem Fußboden. Es seien ja nur Sklavinnen.

Während wir so sprechen, sehe ich ein Kartenspiel auf dem Tisch. Ich frage sie, ob sie die Karten schlage; sie fragt mich, ob sie sie mir schlagen soll – dire la bonne aventure, die Prozedur nimmt eine gute halbe Stunde in Anspruch. Wir nehmen einander gegenüber Platz, und sie erzählt mir viel von meiner Mutter, von meinen beiden Schwestern, von einem Haufen Gold, den ich von einem blonden Herrn erhalten werde, in dem ich sofort meinen Verleger erkenne.

... eine Stunde später wird meine Angebetete plötzlich munter und meint, wir könnten noch ein wenig zu den Hallen gehen, un peu vadrouiller. Es sei so warm draußen und so eng hier im Zimmer. – Meine Einwendungen helfen nicht viel. Ich erhebe mich mit Ach und Krach, wir trinken rasch noch eine Chartreuse und schlendern durch die graue Morgendämmerung über den Pont-Neuf den Hallen zu. Sie möchte nur gerne eine Soupe au fromage essen au grand Comptoir. Es werde jedenfalls große Gesellschaft da sein.

Es ist weder Musik noch Gesellschaft da. Im hintern Lokal sitzen einige vereinsamte Grisetten. Meine Schöne bestellt die Suppe, ich eine Flasche Wein, und wir essen schweigend in uns hinein. Darauf kommt der Kellner: Des écrevisses? Une douzaine de Marenes? Un demi poulet? – Sie schüttelte dreimal den Kopf, und der Kellner geht. Das rührt mich fast zu Tränen. Ich rufe ihn zurück, er solle zwei Dutzend Austern bringen; und während wir sie schlürfen, sage ich, wir wollten dann zum Kaffee zu Barrat gehen.

Bei Barrat sind die Lampen schon ausgelöscht. Uns gegenüber sitzt die Musikergesellschaft und verzehrt ihr Souper. Meine Schöne fragt mich, wie mir die Frau gefalle. Ich entgegne, sie habe nur zu sehr das Aussehen einer Kokotte. Darauf fragt sie mich, ob sie denn nicht das Aussehen einer Kokotte habe. Ich sage ihr eine Schmeichelei, worauf sie mich fragt, ob denn Raimonde nicht das Aussehen einer Kokotte habe? – » Mais c'est une belle femme!« sage ich, was sie mir zugesteht: » Tu l'aimes à la folie!«

Ich habe fünf oder sechs Tassen getrunken und möchte noch mehr. Aber hier ist mir der Kaffee zu teuer, die Portion kostet einen Franc. So mache ich den Vorschlag, wir wollten noch au Chien qui fume gehen. Sie kennt das Lokal nicht. Ich sage, es liege dicht in der Nähe. So pilgern wir im ersten Sonnenblick des Tages durch endlose Spaliere von Blumenkohl, von weißen und roten Rüben au Chien qui fume, klettern die Wendeltreppe zum Salon hinauf, setzen uns ans Fenster und haben das dichte Marktgewühl der Hallen unter unsern Augen. Wir kommen dahin überein, daß es nichts Schöneres auf Gottes Welt gibt als mit anzusehen, wie so recht gehörig gearbeitet wird.

Um unseren Betrachtungen im vollsten Maße gerecht zu werden, bestelle ich statt des Kaffees wieder Austern und eine Flasche recht kräftigen Wein dazu.

Der große Napoleon liefert den Stoff zur Unterhaltung. Mein kleiner Engel betet ihn an. Wenn sie ein Mann wäre, dann könnte sich Europa in acht nehmen! – Wir sprechen vom Herzog von Leuchtenberg, für dessen schöne Augen sie schwärmt, und ich schildere ihr das prachtvolle Grabmonument, das er in der Michaelskirche in München hat. Sie meint, er sei der Schwager Napoleons gewesen. Ich halte ihn für seinen Stiefsohn. Wir sind beide unserer Sache nicht ganz sicher.

Sie hat kürzlich ein Buch gelesen, der Name des Autors ist ihr entfallen, das sämtliche Mätressen am französischen Hof, von Diane de Poitiers bis auf die schöne Therese, behandelt. So sprechen wir von der Dubarry, der Maintenon, Madame de Pompadour, Madame de Sévignée, Madame de Staël, von Adèle Courtois, von der Soubise, von Cora Pearl, Giulia Barucci, Anna Deslions und gelangen schließlich glücklich bei der Päpstin Johanna an.

Dann kommt die Rede auf kulinarische Genüsse, auf die verschiedenen Restaurants im Quartier und à l'autr' côté de l'Eau. Mit den kleinen Restaurants mit festen Preisen sei es nichts. Man bekomme zwar ein vollständiges Diner, aber werde nicht satt davon, wenn man arbeite. – Ich muß ihr recht geben. Ich habe die gleiche Erfahrung gemacht. – Ebenso wie ich, kann sie nur grüne Gemüse verdauen. Von Spargeln abgesehen, zieht sie Brüsseler Kohl allen übrigen vor. Blumenkohl ist ihr zu fade. Es geht ihr wie mir. Wir sprechen von frischen Erdbeeren, von Ananas; wir werden allmählich ein Herz und eine Seele. Wie sie einen Augenblick hinausgeht, bitte ich den Kellner, eine Flasche Pommery zu bringen.

Ein milder Sonnenschein liegt über den Hallen. Vor unserem Fenster wimmelt es wie ein Ameisenhaufen. Die hohen bunten Barrikaden aus Rüben und Blumenkohl sind schon verschwunden – vielleicht schon gegessen. Ich fühle mich unsagbar wohl.

Das Mädchen scheint mir aus guter Familie. Ich bemerke nichts an ihr, was dem nicht entspräche. Sie setzt sich mir wieder gegenüber und hebt das Glas zum Mund, wie sie es in besserer Gesellschaft nicht besser könnte. – Sie ist aus der Normandie, aus Falaise. Ich kenne das Nest zur Genüge, um sie kontrollieren zu können. Die ›Maison Tellier‹ von Maupassant hat sie auch gelesen, aber lenkt das Gespräch davon ab. Sie sagt, sie habe in Falaise noch eine reiche verheiratete Schwester, die jeden Winter nach Paris komme, aber sie sähe sie nicht. Sie selber erwartet auch noch Geld, wenn sie volljährig geworden, einige dreißig- bis vierzigtausend Francs. Sie werde sich jedenfalls sofort Toiletten kaufen und wohl in drei Monaten damit fertig sein. Vom geringsten Wunsch, sich bei der Gelegenheit wieder ins Privatleben zurückzuziehen, ist nichts zu entdecken. Sie sagt, sie passe nicht mehr dahin, nach Falaise, wo man abends um acht Uhr schlafen gehe und morgens um sieben Uhr aufstehe, wo man Sommer und Winter nicht ins Café gehe und das Jahr nicht eine Nacht vadrouillieren könne. Ich mache ihr den Vorschlag, wenn sie ihr Geld bekomme, mich zu ihrem speziellen Freunde zu wählen. Ich mache sie auf meine Vorzüge aufmerksam, auf mein leichtes Gemüt und meine Übung im Verkehr mit Damen. Sie lacht und sagt, ich sei ja reicher als sie. Ich schüttle den Kopf, ich hätte keine dreißig- bis vierzigtausend Francs mehr zu erwarten. Gut denn, sie sei damit einverstanden, wenn ich das, was ich noch hätte, mit ihr durchbringen wolle; ich brauche es nur auf den Tisch zu legen. Ich ziehe vor, nicht darauf einzugehen, um meinen Kredit nicht zu schädigen.

Ich sehe nach der Uhr und sage mir, sie ist stehengeblieben. Ich frage den Kellner: Weiß Gott schon halb eins! Meine Schöne ist nicht weniger überrascht. Jetzt müssen wir doch notwendig noch dejeunieren.

Vor dem Spiegel will sie ihr Haar ordnen, aber sie sieht sich nicht. Der Spiegel ist von oben bis unten über und über mit Inschriften bedeckt; nicht so viel freier Raum, um eine Briefmarke darauf zu kleben. Dessen ungeachtet bittet sie mich um einen Diamanten. Ich gebe ihr meinen Hemdknopf, aber er schreibt nicht. Ich sage, ich müsse ihn gelegentlich wieder schleifen lassen.

Der blendenden Sonne wegen gehen wir unter den Hallen durch, und zwar über den Blumenmarkt. Rosen vom zartesten Schnee bis zur tiefsten Kohlenglut liegen zur Rechten und zur Linken haushoch aufgeschichtet. Ich ziehe gierig den betäubenden Duft in die Nase. Ich empfinde ihn als ein kräftiges Stärkungsmittel. Im »Grand Comptoir« herrscht angenehme Kühle. Der Kellner, der sich erinnert, uns vor zehn Stunden schon einmal gesehen zu haben, fällt vor Ehrfurcht auf den Bauch. Wir hegen beide das Bedürfnis nach etwas Erfrischendem und dejeunieren mehr aus Pflichtgefühl. Wir einigen uns über ein Poulet-Mayonnaise, eine riesige Schüssel Salat, einen Korb voll Pfirsiche und saftiger Birnen und einen leichten Weißwein. Den Kaffee werden wir im Quartier einnehmen.

Mit den appetitlichsten Fingern einen Pfirsich schälend, fragt mich meine Schöne, wie sie denn nun eigentlich aussähe. Ich sage natürlich: Bezaubernd. Sie sieht ein ganz klein wenig nach dem Seziersaal aus. Der feuchte Glanz ihrer Augen ist indessen noch der nämliche und, was mich nicht weiter überrascht, auch das blühende Rot ihrer Lippen.

»Du hast etwas Karmin aufgelegt?«

»Nein, das ist echt. Ich habe immer solche Lippen.« – Und sie beweist es mir, indem sie mit aller Energie mit dem feuchten Taschentuch reibt. Das braucht sie gerade nicht blasser zu machen, denk ich mir, aber was liegt mir denn daran.

Im offenen Fiaker fahren wir über den Pont St. Michel ins Quartier zurück. Paris zeigt sich uns in seinem schönsten Glanz; oder bin ich vielleicht außergewöhnlich dafür empfänglich? Die glitzernde blaue Seine mit ihren unzähligen Dampfschwalben, ihren dunklen Bugsierschiffen, ihren langen, weiß schimmernden Kähnen, die Bäume auf dem Boulevard, deren letztes Grün in der warmen Mittagsluft zittert, in deren Zweigen da und dort noch bunte Serpentinen vom letztjährigen Karneval baumeln – alles trägt dazu bei, meine Stimmung zu erhöhen, und scheint mir vom lieben Gott auch nur dazu geschaffen zu sein.

Im Cafe de la Source schlug mir meine Angebetete eine Partie Petits paquets vor. Sie gewinnt eine Kleinigkeit, die ich ihr in zwei Taillen wieder abnehme. Darauf gewinnt sie fünf Francs, bricht das Spiel ab und dringt auf Bezahlung. Ich vertröste sie auf übermorgen; da sie aber nicht nachläßt, rücke ich schließlich, in der Erwägung, daß für sie, umgekehrt wie für mich, Zeit Geld ist, damit heraus, unter der Bedingung, daß sie mir im Cafe Vachette noch einen Kaffee bezahlt. Ich habe tatsächlich keinen Sou mehr in der Tasche.

Wir schlendern ins Cafe Vachette. Der Kellner, der mich hier täglich in meiner einsamen Ecke sieht, fragt mich mit verdoppelter Höflichkeit, was gefällig sei. Ich verweise ihn an Madame. Madame fühlt sich in ungeheuchelter Verlegenheit. Sie stammelt mit niedergeschlagenen Augen: »Zwei Kaffee.« – »Mit Kognak?« fragt mich der Kellner. – Das hänge von Madame ab. – »Mit Kognak natürlich!« beeilt sich Madame zu bemerken.

Wir fühlen uns beide etwas abgeschlagen. Nachdem ich ausgetrunken, bitte ich sie, mir noch einen zu bezahlen. Die fünf Francs hält sie in der Hand; sie hat sie noch nicht eingesteckt, und wie der Kellner vorbeikommt, bestellt sie noch einen Kaffee für mich.

Es ist halb vier. Ich habe nicht mehr viel Zeit übrig. Wir gehen zusammen zum Carrefour de l'Odeon, dort trennen wir uns. Ich sehe ihr noch eine Weile nach. Wie sie mit ihrem leichten elastischen Schritt um die Ecke von St. Sulpice biegt, fällt mir ein, daß ich vergessen habe, sie nach ihrem Namen zu fragen. Ich gehe in mein Hotel, ziehe die Gardinen zu und lege mich angekleidet aufs Bett.

Wie ich diese Zeilen wieder durchlese, fällt mir etwas an ihnen auf. Das ist das eigentümlichste an Tagebuchblättern, wenn sie echt sind, daß sie keine Ereignisse enthalten. Sobald die Ereignisse ins Leben eingreifen, verlieren sich Freude, Interesse und Zeit für das Tagebuch, und der Mensch findet die spontane Naivität des Kindes oder des Tieres in seiner Wildnis wieder.

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