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Der Verführer - Erzählungen

Frank Wedekind: Der Verführer - Erzählungen - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorFrank Wedekind
titleDer Verführer ? Erzählungen
publisherdtv
year1986
senderwww.gaga.net
created20050129
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Die Fürstin Russalka

»Dich wundert es, wie ich dazu gekommen bin, Sozialdemokratin zu werden und einen Sozialistenführer zu heiraten?« sagte die junge Fürstin Russalka zu ihrer Freundin, der erst seit kurzem verheirateten Baronin Hohenwart. »Der Grund lag darin, daß meine erste Ehe mit dem Herzog von Galliera kinderlos blieb.«

»Aber ist denn das ein Grund?« fragte die Baronin errötend.

»Vielleicht ist meine ganze Jugendgeschichte daran schuld«, sagte die Fürstin. »Sie läßt sich allerdings etwas schwer erzählen. – Als Kind war ich sehr von meiner persönlichen Würde eingenommen. Ich kannte nichts Höheres auf der Welt als mich selbst. Im Spiegel besah ich mich wie ein Heiligtum. Dabei war ich lustig und tollkühn, aber über gewisse Dinge verstand ich keinen Scherz. Mein innerer Stolz bäumte sich dagegen auf, wie sich ein Pferd vor einem häßlichen Tier aufbäumt. Das wurde mein Verhängnis. Als meine Schwester Amelia eines Abends mit mir darüber zu sprechen begann, wie wir Menschen entstehen, da hätte ich sie erwürgen mögen. Ich war sehr gläubig und unterhielt mich oft stundenlang in persona mit dem lieben Gott. Ich hatte die unerschütterliche Überzeugung, daß der liebe Gott mich geschaffen habe. Ich sagte mir, was die Menschen machen, das hat keine Seele. – Amelia und ich wuchsen auf dem Schloß Schwarzeneck in Böhmen auf, von aller Welt abgeschlossen. Wir hatten niemand um uns als einen vertrockneten Haushofmeister und eine zu Eis gefrorene Gouvernante. Ich weiß nicht, wie Amelia zu ihrer Weisheit kam. Sie war allerdings zwei Jahre älter als ich und dick und phlegmatisch und faul. Eines Abends erzählte sie mir, die Müllerstochter im Dorf habe ein Kind bekommen. Ich war ganz empört. Ich sagte ihr, das sei nicht möglich. Unsere Eltern hätten sich in der Kirche vor dem Altar trauen lassen; deshalb habe Gott ihnen Kinder geschenkt, und nicht deshalb, weil sie die ersten Jahre ihrer Ehe zusammenlebten. Es war mir nicht anders, als wolle Amelia mir alle Berechtigung zum Dasein nehmen. Mitten in der Nacht bat ich zu Gott, er möge mir bestätigen, daß ich recht habe und nicht Amelia; und ich hörte deutlich eine Stimme in mir: Du hast recht, Russalka; du hast ganz recht. – Und als mir meine Schwester die nächsten Tage wieder mit ihren naturwissenschaftlichen Erläuterungen kam, da schwur ich ihr bei mir und allem und beim lieben Gott, ich wolle es ihr beweisen, daß es keine unehelichen Kinder in dieser Welt gäbe. – Amelia lachte, aber mir war so ernst um meine Überzeugung, ich fühlte einen so feurigen Bekehrungseifer in mir, daß ich Tag und Nacht die Gelegenheit herbeisehnte.

Um Weihnachten kam immer mein Vater mit seinem ganzen Troß von Wien herüber zur Jagd. In jenem Winter brachte er den Herzog von Galliera mit. Ich war sechzehn Jahre alt. Gleich am ersten Tag nahm ich ihn mir zum Kavalier. Er war achtundzwanzig Jahre alt, sehr gewandt und aufmerksam und erleichterte mir meinen wahnsinnigen Vorsatz auf alle erdenkliche Weise. Amelia, mit einem jungen Leutnant aus Budapest, hielt sich immer in unserer Nähe. Nach drei Tagen war das Unglück geschehen. Ich erzählte es ihr noch am selben Abend. Sie wurde totenbleich und fiel in Ohnmacht. Dann weinte und schluchzte sie die ganze Nacht, schlug sich vor die Brust und zerwühlte sich das Haar, so daß ich alles, was ich an Seelenkraft hatte, erschöpfte, um sie zu trösten. Natürlich half es nicht viel, aber ich blieb so fest bei meiner Zuversicht, daß sie schließlich wie vor einem höheren Wesen vor mir niedersank und meine Knie umklammerte.

Nach Neujahr zog das wilde Heer wieder ab. Den Herzog hatte ich, nachdem ich Amelia zum Augenzeugen meiner Waghalsigkeit gemacht, kaum mehr eines Blickes gewürdigt. Er fand sich mit aller erdenklichen Bescheidenheit in seine Zurücksetzung.

Dann kam der Frühling, und manchmal wurde mir doch bang. Ich bat den lieben Gott, er möge mich in meinem Glauben an ihn nicht wankend werden lassen. Immer wenn ich an die Weihnachtstage und den Herzog zurückdachte, überkamen mich Zweifel; aber ich hatte nicht die geringste Ursache dazu. Und schließlich, es war an einem Septemberabend auf der Altane, da sagte ich zu meiner Schwester: Jetzt siehst du, daß ich recht habe. Jetzt laß mich in Zukunft mit deiner Meinung in Frieden. – Sie hatte kein Wort mehr über diese Dinge gesagt. Sie sah mich groß an, und dann fiel sie mir um den Hals und küßte mich ab.

Aber um Weihnachten, als der Herzog wieder mit meinem Vater zur Jagd kam, da ergriffen mich ganz andere Empfindungen, die ich noch gar nicht gekannt hatte. – Mein Vater überraschte uns, und der Herzog hielt um meine Hand an.

Unsere Flitterwochen verlebten wir in Neapel. Ich war sehr, sehr glücklich. Dann zogen wir uns auf das Schloß Egersdorf in Mähren zurück, um abgeschlossen von allem Verkehr, solang es uns gefallen sollte, nur unserem Glücke zu leben. Ich sehnte mich nach einem Kinde, wie sich ein junges Weib nur danach sehnen kann. Es erschien mir gar nicht denkbar, daß mir jetzt diese Wonne nicht beschieden sein sollte. Während des ersten Jahres sprach ich auch täglich davon wie von etwas, was so sicher eintreffen mußte wie der Schnee und der Frühling. Es traf nicht ein. Ich betete ganze Nächte durch; ich lag auf den Knien und beschwor den lieben Gott unter heißen Tränen, er möge mich lieber sterben lassen als unserer Ehe seinen Segen zu versagen. Es traf nicht ein. Dabei begann der Herzog, mich schon ganz sonderbar anzusehen. Ich merkte es seiner Liebe an, daß sie kühler wurde. Wir langweilten uns.

Dann kam meine Kusine, die Gräfin Telecky, aus Wien zu uns zu Besuch. Dem Herzog war sie entsetzlich, aber für mich war sie eine ganz neue Welt. Sie hatte alles gelesen, alles was in Europa geschrieben worden: Ibsen, Tolstoi, Zola, Dostojewskij, Nietzsche, Sudermann; sie war eine wandelnde Leihbibliothek. In sechs Monaten hatte sie eine ebenso fanatische Atheistin aus mir gemacht, wie ich vorher eine gläubige Katholikin gewesen war. Und als ich nicht eine Spur, nicht einen Strohhalm von Glauben, von Gewißheit mehr in mir fühlte, als ich alles verloren, was mich bei einem schweren Unglück hätte aufrechterhalten können, da wurde ich gewahr, daß sie derweil meinen Gatten für sich gewonnen hatte und schon ein Kind von ihm unter dem Herzen trug.

Ich wurde besinnungslos nach Wien gebracht. Wochenlang lag ich im Fieber. Nach meiner Genesung fuhr ich zu meinem Vater, um ihn zu bitten, er möchte sich meiner Scheidung annehmen. Bei dem Worte ›Scheidung‹ wies er mir den Weg, den ich gekommen. Darauf reiste ich hierher, nach Berlin, um mich hier an einen Rechtsanwalt zu wenden, begegnete aber von der ersten Stunde an, in welche Gesellschaft ich gehen mochte, nur Geisteskindern in der Art, wie die Telecky eines war. Ich erschien mir wie ein Überbleibsel aus dem Mittelalter, das an einem unbeachteten Orte zufällig erhalten geblieben. Mich beseelte ein Feuereifer für alles Moderne. Ich schnitt mein schönes Haar ab, trug kein Korsett mehr, ging in Männerkleidern auf den Künstlerinnenball und schrieb über die Frauenfrage. Ehe ein Jahr verging, trat ich in öffentlichen Versammlungen auf.

In der Premiere von ›Hedda Gabler‹ lernte ich Dr. Rappart kennen. Wenige Tage darauf hörte ich ihn in einer sozialdemokratischen Versammlung reden. Dann besuchte er mich. Seine ersten Worte waren eine herzinnige Beschwörung, bei der Weiblichkeit, die in mir lebe, bei dem hohen Beruf, als Frau einen Mann glücklich zu machen, ich möchte doch dieses wüste Treiben aufgeben. Er sagte, ich handle gegen meine Natur, das möge für andere ganz gut sein, aber nicht für mich. Anfangs wehrte ich mich im Dienste unserer Sache, aber er hatte mich so ganz und gar durchschaut, ich saß ihm gegenüber wie ein Kind, dem man seine Unart verweist. – Bei seinem dritten Besuch bat er mich, seine Frau zu werden. Ich gab ihm einen Korb, so sehr ich ihn lieben gelernt hatte. Wo ich hinkam, erzählte man mir von ihm; ganz Berlin schwärmte für ihn, den Volkstribun, den künftigen Staatslenker. Bei einer Parade unter den Linden sah ich mit an, wie ihm das Volk tausendstimmig zujauchzte. Ich hörte Arbeiter untereinander darüber sprechen, daß dem Manne nichts teurer auf dieser Welt war als seine hohe Lebensaufgabe, und ich wußte, was ihm nächstdem das Teuerste war. Aber ich hatte keinen Mut mehr; ich fühlte mich ausgeschlossen von allem Menschenglück, weil ich daran zweifelte, daß ich je einem Manne Kinder schenken könnte.

Dann kamen die entsetzlichsten Tage, die ich erlebte. Ich beschloß zu sterben, ich nahm Morphium. Man schaffte mich in die Klinik. Als ich zu mir kam, schrie ich auf vor Jammer darüber, daß es umsonst gewesen. Aber da stand er neben mir und beugte sich über mich. Die Ärzte ließen uns allein, und da – da schwand meine Kraft wie nichts dahin, ich weinte und weinte an seiner Brust und erzählte ihm alles.

Ich beschwor ihn, mich abreisen zu lassen, aber er ließ mich keinen Tag mehr allein. Er erzählte mir damals Dinge, an die er selbst nicht glaubte, um mich zu trösten. Und schließlich ich wußte, wenn es noch irgendein Glück für mich zu erwarten gab auf dieser Welt, so war es bei ihm –, da fiel ich ihm um den Hals und ließ mich von ihm küssen, so grenzenlos unwürdig ich mir selber dabei erschien.

Wir ließen uns trauen; er bestand darauf, daß wir uns auch kirchlich trauen ließen. Ich verstand ihn sehr gut, aber ich wagte kein Wort einzuwenden. Und jetzt ... «

Die Fürstin erhob sich rasch, ging ins Nebenzimmer und holte den rosigen, kleinen, blauäugigen Sozialdemokraten aus seiner Wiege, der die junge Baronin, die sich gleichfalls erhoben hatte, schon mit den ernstesten Blicken maß.

»Jetzt denke dir mein Glück!«

Die Baronin lächelte. »Mir wäre ein kleiner Baron doch unendlich lieber – und sollte es auch nur eine Baronesse werden.«

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