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Der Verführer - Erzählungen

Frank Wedekind: Der Verführer - Erzählungen - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorFrank Wedekind
titleDer Verführer ? Erzählungen
publisherdtv
year1986
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created20050129
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Ein böser Dämon

Es war Nachmittag.

Hinter dem Haus lag ein kleiner Garten; in dem Garten, von einem Kiesweg umgeben, ein runder Rasenplatz. Auf dem Rasenplatz standen zwei Apfelbäume in mittleren Jahren, mit schlanken, starken Stämmen und rundlichen Kronen. Dort, wo die Krone an den Stamm ansetzt, war an jedem das eine Ende einer Hängematte befestigt. In dieser Hängematte lag Beatrix und schlief.

Ihr Schlummer mochte ein verhältnismäßig tiefer sein, denn die Gartenpforte knarrte, und ein junger Mann in anständiger, wenn nicht eben eleganter Kleidung betrat den Rasen, ohne daß sie sich rührte. Es war Theodor Winter, ihr Jugendfreund. Als Nachbarskinder hatten sie miteinander gespielt, und wiewohl ihm das Mädchen im Alter um mehrere Jahre nachstand, hatte es sich doch in seiner Nähe stets behaglicher, unbefangener gefühlt als in irgend anderer Gesellschaft. Als Gymnasiast wußte er den muntern, verständigen Backfisch für seine Lektüre zu begeistern. Man las zusammen Schiller, dann Goethe und schließlich Shakespeare, im Winter neben dem warmen Ofen bei Beatrix' Eltern, im Sommer in dem kleinen Garten unter einem hohen Fliederbusch. Man las die Dichter in ihren unverkürzten Originalausgaben und ohne daß sich irgend jemand bemüßigt gefühlt hätte, die Lektüre zu überwachen, respektive bei ihrer Auswahl Zensur zu üben. Außerdem besprach Theodor mit seiner Freundin ihre jeweiligen Aufsatzthemata und korrigierte ihr die Konzepte. Als er zur Universität abging, um Medizin zu studieren, schwuren sie sich ewige Treue, und als er nach Ablauf von vier Semestern und nach Absolvierung seines ersten Examens in die Heimat zurückkehrte, verlobten sie sich. Obwohl dieser Ausgang leicht vorauszusehen gewesen, zeigten sich Beatrix' Eltern doch nicht sonderlich davon erbaut. Theodor Winter war bei all seinen Vorzügen ein armer Teufel, der aus Stipendien lebte, währenddem die reizende Beatrix als einzige Erbin eines nicht unbedeutenden Vermögens mit Leichtigkeit einen Rittergutsbesitzer oder was der Art bekommen haben würde. Um so erfreuter waren sie daher, als drei Jahre später, nachdem Theodor ein glänzendes Staatsexamen abgelegt, wider Erwarten noch durchaus keine Hochzeit in Aussicht genommen, ja selbst der Verlobung weiter nicht mehr Erwähnung getan wurde. Es hatte zweifelsohne ein kühler Wind über die Blütenflur der beiderseitigen Empfindung gefegt. Freilich, hätten Beatrix' Eltern geahnt, von wannen dieser kühle Wind gekommen, sie hätten sich schwerlich im geheimen mit solchem Wohlbehagen die Hände gerieben.

Auf der Universität zu München hatte Theodor einen jungen Mann kennengelernt und nach wiederholter Begegnung von Herzen liebgewonnen. Er hieß Kaspar Fridolin Sitterding und war Maler. Seine künstlerische Begabung trug einen ebenso liebenswürdigen Charakter wie seine ganze Person. Er malte Frühlings- und Herbststimmungen, die sich von den übrigen hundert und tausend ihrer Art durch nichts Außerordentliches unterschieden, ihnen aber auch in keiner Weise nachstanden. Was Theodor weit mehr fesselte, war sein überaus treuherziges Naturell, sein goldenes Gemüt und eine fast kindliche, unverwüstliche Heiterkeit. So schien Kaspar Fridolin Sitterding denn auch, wiewohl beinahe zehn Jahr älter als sein Freund, in seinem ganzen Wesen frischer, unberührter, wozu, außer dem großen blauen Auge, der Umstand nicht wenig beitragen mochte, daß sich in seinem freien Antlitz auch noch nicht der geringste Anflug von einem Barte bemerkbar machte. Als Theodor wenige Monate vor der Staatsprüfung seine Vaterstadt noch einmal besuchte, hatte er seinen Freund eingeladen, ihn zu begleiten; und als er ein halbes Jahr später als gemachter Mann denselben Weg antrat, war es dann jener gewesen, der ihn gebeten, er möchte ihn doch mitnehmen, da er in jener Gegend so ungemein dankbare Sujets entdeckt habe. So bekam Kaspar Fridolin Sitterding Beatrix zum zweitenmale zu sehen, und da konnte es nicht ausbleiben, daß beide die nahe Verwandtschaft ihrer Naturen herausfühlten. Sie wurden quasi gute Kameraden, und Theodor empfand aufrichtige Freude daran. Bei der außergewöhnlichen Schönheit des Mädchens war es auch nicht mehr als selbstverständlich, daß der Künstler und beiderseitige Freund darum bat, sie porträtieren zu dürfen, und so brach denn das Unheil über Theodor herein, bevor er noch Zeit gefunden, sich nur einigermaßen der kritischen Sachlage bewußt zu werden. Ja, er wohnte sogar mit dem lebhaftesten Interesse und Vergnügen den jeweiligen Sitzungen in Sitterdings bescheidenem Atelier bei, ohne zu ahnen, welch ein zerstörungslustiger Satan ihm in dem werdenden Bild auf der Leinwand mit jedem Pinselstrich ein Stück seines eben der Vollendung entgegenreifenden Lebensglückes hinwegwischte.

Und als ihm schließlich die Schuppen von den Augen fielen, war es längst zu spät. Er sah so klar, daß es ihn fast der Sehkraft beraubte, wie zwischen seiner Verlobten und seinem Freund ein unvergleichlich reicherer, regerer Gefühlsaustausch, ein mächtigerer Zusammenklang, ein innigeres Verständnis möglich war, als es jemals zwischen ihr und ihm selber obgewaltet. Er sah, wie es für ihn nichts zu retten, höchstens noch mehr einzubüßen gab. Er sah, wie es nur noch eine Frage der Zeit war, wann sich die beiden ihrer Liebe bewußt werden würden. Er sah mit alledem einen schaurigen Abgrund zwischen sich und Beatrix gähnen; und im verzweifelten Versuch, diesen Abgrund doch noch einigermaßen zu überbrücken, einer ausgesprochenen Feindschaft zum mindesten vorzubeugen, beschloß er nach dem denkbar fürchterlichsten Seelenkampf, selber zuerst das Losungswort auszusprechen, das Wort, das die Verhältnisse in ihrer wahren Gestalt erscheinen lassen sollte. Und noch hatte er es nicht über sich vermocht, seinen Entschluß auszuführen, als ihm Beatrix eines Tages schluchzend am Halse hing und ihn bei allem was heilig beschwor, ihr zu verzeihen; sie sei seiner unwürdig, er werde sicherlich eine Würdigere finden; übrigens sei er immer gut und verständig gewesen; er werde es auch jetzt sein; sie habe sich geirrt, sie habe allerdings geglaubt, ihn zu lieben; eigentlich habe sie ihn nur verehrt und hochgeschätzt, wie einen älteren Freund, etwa einen Onkel. Erst jetzt wisse sie, was Liebe sei; und er möchte doch um des Allmächtigen willen ihre Eltern nichts merken lassen, da sie die Verbindung mit Sitterding niemals zugeben würden, sie aber nicht von ihm lassen werde, und wolle man ihr mit glühenden Zangen das Fleisch vom Körper reißen. Was blieb Theodor anders übrig, als das Mädchen mit allen Mitteln zu beruhigen, ihr zu versichern, zu versprechen und zu beschwören, gut und verständig sein zu wollen. Zu gleicher Zeit hatte er die beste Gelegenheit, zu beobachten, wie sehr sich Beatrix in jüngster Zeit zu ihrem Vorteil verändert hatte. Aus ihren Blicken leuchtete ein nie zuvor von ihm bemerkter lichter Funke Genie, offenbar der Widerschein aus dem großen blauen Auge ihres neuen Geliebten.

Kaspar Fridolin Sitterding wollte, als nunmehr auch ihm gewaltsam die Augen geöffnet wurden, ohne weiteres aufpacken und abreisen. Augenscheinlich litt er Höllenqualen unter dem Bewußtsein des Verrates, den er an seinem besten Freunde verübt. Nachdem aber Theodor nach Erschöpfung seiner ganzen Beredsamkeit keine Worte mehr fand, ließ er sich doch noch glücklich vom Äußersten zurückhalten und versprach zu bleiben. So war nun alles wieder in Ordnung. Die Liebenden schwammen in einem Wonnemeer, eine Lustbarkeit löste die andere ab. Man unternahm gemeinsame Spaziergänge, Ausflüge, Wasserfahrten etc., und Theodor durfte niemals fehlen. Beide hatten ihn während der Katastrophe über alle Maßen liebgewonnen und sahen jetzt in seinem ernsten Wesen gewissermaßen ein solides Fundament, einen sicheren Schutz des eigenen leichtgefügten Glückes. Sein Ernst nahm zwar von Woche zu Woche zu, Theodor wurde bleicher, abgehärmter; aber das beachteten sie nicht, und er selber tröstete sich mit der festen Zuversicht, es werde seiner in soundsovielen Examinis bewährten Willensstärke schließlich doch auch noch gelingen, dieses an seiner Seele nagende Ungetüm zu erdrosseln.

Es gelang ihm nicht. Und als ihm die äußerste Not den Gedanken eingab, nun selber sein Bündel zu schnüren, besaß er zur Trennung bereits nicht mehr die nötige Kraft. Von nun ab begann in seinem Innern ein eigentlicher Zersetzungsprozeß. Der Zwiespalt zwischen der Rolle, die er übernommen, und seinen wahren Empfindungen zerfraß sein natürliches Gefühl, veschrob seine Begriffe und zerrüttete seine Gesundheit. Er schwankte fortwährend zwischen einer Untat gegen das Liebespaar und einem Verbrechen gegen sich selbst. Er lernte diese Art Gedanken liebgewinnen, er gefiel sich darin, und sie begleiteten ihn bei Tag wie bei Nacht. Vorbedingung dieses wüsten, unheimlichen Treibens war natürlich, daß er sich nach außen nicht das geringste merken ließ. Nur bisweilen verließ ihn momentan die Fassung, und dann erschien er launenhaft. Im allgemeinen hielt er sich aber strenger denn je an die ihm von Beatrix einmal aufgebürdete Verhaltungsmaßregel »gut und verständig«, wofür er sich dann freilich bei sich selber durch die absurdesten Rachepläne, durch die schauderhaftesten Phantasien um so gründlicher zu entschädigen suchte. Daß er darüber seine erst seit kurzem erworbene Praxis vollständig vernachlässigte, kümmerte ihn wenig, wiewohl dieser Umstand seinen übrigen Leiden auch noch die materielle Not hinzufügte. So war im Verlauf eines halben Jahres aus dem besten, dem solidesten, dem glücklichsten jungen Manne ein Ungeheuer, ein unberechenbarer böser Dämon geworden, wie er gemeingefährlicher in keinem Irrenhause gefangengehalten wird.

Kaspar Fridolin Sitterding hatte eine Kopie von Beatrix' Porträt nach München an die Kunstausstellung geschickt, wo das Bild sofort einen Käufer fand, ein Glück, das es nach dem einstimmigen Urteil aller nicht so begünstigten Aussteller mehr seinem Sujet als seinem Schöpfer verdankte. Die dafür ausgezahlte Summe setzte nun den Künstler in die Lage, einen langgehegten Wunsch zu realisieren, der unter gegebenen Verhältnissen auch ganz dazu angetan schien, die Möglichkeit einer ehelichen Verbindung mit Beatrix näherzurücken. Es handelte sich um eine italienische Reise. Daß Beatrix ihn begleitete, ging natürlich nicht, und so versprach man sich wöchentlich zwei- bis dreimal zu schreiben, wobei, da Beatrix' Eltern immer noch nichts merken durften, Theodor die Vermittlung der Korrespondenz besorgen sollte. Theodor unterzog sich dem Auftrag mit gewohnter Bereitwilligkeit. Obwohl die ganze Reise nur auf den Rest des Sommers und den kommenden Winter bis Neujahr berechnet war, kostete die Trennung Beatrix doch reichliche Tränen; und da war es nun wiederum Theodor, der dieselben durch alle nur denkbaren Trostworte trocknete, während Sitterding voll froher Zuversicht in die Zukunft blickte. Nach einer ausgelassenen Abschiedsfeier reiste er ab und fuhr in einer Tour bis Neapel, wo er drei Monate nach seiner Ankunft an der Cholera erkrankte und starb. In Theodor, dessen elender Zustand sich während dieser Zeit dank seinem Vermittleramt eher verschlimmert als verbessert hatte, richtete die Nachricht davon eine solche Verwirrung an, daß er nicht dazu kam, einen einzigen vernünftigen Gedanken zu fassen, sondern fortwährend lachte. Ganz dunkel schwebte ihm freilich das Bewußtsein vor, er müsse Beatrix schonen. Beatrix ahnte natürlich noch nichts. Sie hätte sonst wohl kaum am hellen Nachmittag so ruhig schlummernd im Garten in der Hängematte gelegen.


Theodor hatte sich, jedes Gespräch sorgfältig vermeidend, in einen Rohrstuhl zur Seite der Hängematte niedergelassen und Hut und Stock neben sich ins Gras gelegt. Mit unendlicher Gleichgültigkeit schweifte sein müdes Auge über die Schlummernde weg in unbegrenzte Ferne. In der Tiefe dieses Auges glomm es unstet düster wie ein einsames Irrlicht im nächtlichen Dunkel eines Waldgrundes.

Er schauderte zusammen und atmete auf. Ein in Briefform zusammengefaltetes schwarzgerändertes Papier, das er aus der Brieftasche gezogen, ließ er sich zwischen beiden Zeigefingerspitzen um seine Diagonale drehen. Es drehte sich schneller, wilder, und indem er dem Spiel zusah, mußte er lautlos lächeln. Dann glitt sein Blick von dem Papier auf die vor ihm ruhende Gestalt hinüber, glitt die schlanken Formen langsam auf und nieder und wieder zurück auf das Papier, und die starr geschlossenen Lippen lächelten nach wie vor.

Da plötzlich scheint ein Kampf in ihm zu entbrennen. Sein Gesicht beginnt in allen Muskeln zu zucken, fällt in raschem Wechsel aus einer Verzerrung in die andere. Wie eine Spindel schwirrt das Papier um seine Achse. Hastig fährt er mit dem Oberkörper nach vorn – sinkt aber sofort wieder in seine vorige Lage zurück und wird ruhig.

Er besinnt sich, schüttelt sich und steht im Begriff, das Blatt wieder einzustecken. Im nächsten Moment zuckt es zum zweitenmal in seinem blassen Antlitz auf, jählings grell wie der Blitz über einem Schlachtfelde. Und mit straff emporgezogenen Augenbrauen, den Mund mit den aufgeworfenen Lippen halb geöffnet, sich sachte, langsam, lauernd vornüberneigend, ängstlich den Atem anhaltend, schiebt er mit zitternden Fingern die auf feinstes italienisches Velinpapier gedruckte Todesanzeige seines Freundes behutsam, vorsichtig unter den zierlichen Brustlatz der weißen Spitzenschürze, die in vielen Falten über das rot und weiß gestreifte knappe Waschkleid des Mädchens herunterfließt. Nicht minder geräuschlos lehnt er sich wieder zurück. Ganz unverkennbar ist ihm ein Stein vom Herzen gefallen. Indem er sich eine Zigarre anzündet, fällt sein Blick von neuem auf die Schlummernde. Nicht ohne Wohlgefallen verweilt er jetzt bei dem tiefen Frieden in ihren kindlich harmlosen Zügen. Er betrachtet mit Interesse ihren zwar etwas großen, aber weichgeformten, süßgeschlossenen Mund, diese himmlisch helle Stirne, die sanftgewölbten rosigen Lider mit den langen, dunkeln, schattigen Wimpern ...

»Grau in Grau! Grau in Grau. – Ich scheine keine Empfindung mehr zu besitzen für Licht und Schatten. Der Ekel an diesem eintönigen Quark hätte mich um den Verstand gebracht. Ich muß ihm Leben einflößen, ein wenig Witz, ein wenig Wallung. – Ich spiele hoch; aber heißt das hoch gespielt in solch erbärmlichen Zeiten? – Und darin ... ich kann ja den Einsatz noch zurückziehen. Hm, wenn ich ihn stehen ließe! – Ich ziehe ihn wieder zurück. – Feige Memme! Feige Memme! Feige Memme! Feige Memme! Feige Memme! Feige Memme! ...«

Da schlug Beatrix die Augen auf, deren blaue Sterne wie gebannt seinem Blicke begegneten. Der junge Mann parierte das Unerwartete kaltblütig mit der gelassensten Miene von der Welt; mit einemmal erschien er sogar abgespannt, gelangweilt. So spiegelte eine Schläfrigkeit die andere. Das Mädchen gähnte und war zu träge, seine schimmernden Zähnchen hinter der Hand zu bergen. Wohlig streckte es seine weichen Glieder, warf die der Schuhe entkleideten Füßchen übereinander, das Lockenköpfchen zur Seite, versuchte zu lächeln und gähnte wieder.

Kaum merklich schaukelte das luftige Ruhelager hin und her. In dem Apfelbaum Beatrix zu Häupten flogen zwitschernd zwei Sperlinge auf und verschwanden, in der klaren Luft sich verfolgend und überholend, jenseits der Gartenmauer.

Beatrix rieb sich die Augen.

»Ich danke dir, Theodor, daß du mich geweckt hast. Mir war eben, als habe mir jemand einen Schlag versetzt.«

Theodor hatte sich wieder in den Rohrstuhl gesetzt. Er schien allmählich ein wenig aufmerksam zu werden.

»Ja, ja, die gestörte Zirkulation, die unbequeme Haltung. Man sollte nie auf dem Rücken schlafen. Es ist in jeder Beziehung ungesund. Und dann noch mit dem Arm unter dem Kopf. Du kannst dir damit in der Tat einmal einen Herzschlag zuziehen, d.h. wenn du älter bist. – Was ich sagen wollte, auf deinen Dank, Beatrix, hab ich keinen Anspruch. Du weißt, ich würde mich niemals unterfangen haben, deine Ruhe zu stören. Ich wollte eben wieder gehen.«

»Und wohin wolltest du gehen?«

»Das weiß ich noch so genau nicht.«

»Dann bleib lieber, Theodor. Ist es nicht herrlich ruhig hier im Garten? Du kannst mir etwas erzählen oder vorlesen. Patienten wirst du ja doch wohl keine zu vernachlässigen haben? – Ach und was bringst du mir denn für Nachricht von ihm?«

Er lächelte. Diesmal war sein Lächeln das eines Kindes, das etwas weiß, was seine Geschwister noch nicht erfahren dürfen. Es stand ihm nicht übel, dieses harmlos geheimnisvolle Lächeln.

»Von welchem ›ihm‹, wenn man fragen darf?«

»Wenn du nur immer recht entsetzlich langweilig sein kannst!« Sie hatte sich ihm vollständig zugewendet und hing mit anmutiger Spannung an seinen Lippen. »O ich ahne, es muß etwas Erfreuliches, Überraschendes sein, daß du mich so lange betteln läßt. – Aber nun sprich doch, Theodor! Wie geht es ihm? Was macht sein großer ›Sonnenuntergang‹? Rückt er seiner Vollendung entgegen? Aber so rede doch! Was weißt du überhaupt Neues von unserem Freund?«

Theodor sah zu Boden und murmelte dumpf: »Ich weiß, daß er aufgehört hat mein Freund zu sein.«

Beatrix erschrak.

»... mein Freund zu sein, seitdem er der Deine geworden. Beatrix, was würdest du sagen, wenn ich jetzt einen Rückfall bekäme. – Fürchtest du dich überhaupt nicht bisweilen vor mir?«

»– Ach nein, Theodor, du bist ja mein guter Engel.«

»Gewissermaßen hast du darin recht, liebe Beatrix. Du meinst, ich sei eben längst gestorben, tot, eingesargt und begraben und walte jetzt als eine Art von Geist über euch beiden.«

Resigniert hatte sich Beatrix zur Seite gelegt.

»Ich frage dich nach etwas Neuem. Ob du nichts Neues von ihm weißt.«

Und in ihrem Unmut schlug sie nach einer Fliege. Das ungenierte Insekt hatte sich den Brustlatz ihrer Schürze zum Korso auserlesen. Es summte davon, und die schlanke weiße Hand legte sich über den Gürtel.

»Allerdings weiß ich etwas Neues«, bemerkte Theodor hastig. Aber dann wurde er sofort wieder feierlich. Seine Stirnfalten traten hervor, das Auge schien sich unter die Brauen zu verkriechen. Seine Lippen bewegten sich, gaben aber keinen Laut mehr. Beatrix lachte hell auf.

»Ha, diese Grimassen! Nein, wo denkst du hin. Bei deiner eigenen Schülerin verfängt diese Tragik nicht. Aber nun sei vernünftig und gib mir seinen Brief. Du darfst ihn mir dann auch vorlesen. Es wird mir sonst wahrhaftig noch schwindlig vor Langerweile.«

»Bitte, bitte, Beatrix, habe Mitleid mit mir!«

Er sah sie plötzlich so traurig treuherzig an, als hätte sie ihn wirklich gekränkt. – »Denk dich doch nur einmal in meine Rolle, in die Rolle eines verliebten Sprachrohrs, einer schmachtenden Telegraphenstange. – Du weißt, wie das summt und brummt. Wenn du dein Ohr an eine Telegraphenstange legst. Glaub mir, so und noch viel ärger summt und brummt es nicht selten in meinem Innern. Du kannst es mir deshalb weiß Gott nicht verargen, wenn ich für meine Botschaft auch eine ganz bescheidene Belohnung beanspruche, weißt du, ein kleines Trinkgeld.«

»Dazu müßt ich in erster Linie den Wert deiner Botschaft ermessen können«, entgegnete Beatrix gelassen, parlamentarisch, ohne ihn anzusehn.

»Sie wird dir interessant sein!«

»Hast du wohl schon erlebt, daß mir eine Botschaft von ihm nicht interessanter gewesen wäre als die gesamte übrige Welt?«

»Ich meine ausnehmend interessant; wichtig; bedeutungsvoll.«

Das Mädchen zitterte und bebte vor freudiger Erwartung, als sich Theodor nachdenklich erhob, um mehrmals auf dem Rasen auf und nieder zu gehen. Er fühlte, er war um Weg und Steg gekommen. Er mußte sich erst wieder orientieren. Er hatte den Abgrund, an dessen Rand er promenierte, gänzlich aus den Augen verloren. Und er starrte hinunter und sagte sich: »Scheusal! – Scheusal!« – – »Feige Memme! – Feige Memme!« hallte es ihm aus der Tiefe entgegen.

Da war ihm plötzlich, als trete ihn eine nicht zu überwindende Versuchung an, die Versuchung, schnurstracks umzukehren und sich gut und verständig zu betragen wie ehedem. Aber dann packte ihn ein Ekel, ein Abscheu davor, wie wir ihn nur vor unserer eigenen Person zu fühlen imstande sind. Er verzog das Gesicht, als hätte er Galle geschluckt. Und es riß ihn mit tausend Stricken wieder zum Abgrund.

»Scheusal – Scheusal – Scheusal«, rief es in ihm. In seinem Innern wütete ein Massaker der widerstreitendsten Empfindungen, es war ein Niederwerfen und Abschlachten zwischen Geistern und Teufeln, die mit der erbarmungslosen Erbitterung eines Straßenkampfes um den Besitz der Feste rangen. »Scheusal!« und »Feige Memme!« figurierten hüben und drüben als Schlachtrufe.

Und dieses Massaker hauste schon nahe an drei Minuten, ohne daß Beatrix, die ihm mit befremdeten Blicken folgte, aus seinem Benehmen hätte klug werden können, als plötzlich gleichsam ein schlauer Detektiv in der Maske eines Volksmannes einen Laternenpfahl erkletterte, die weiße Fahne schwenkte und eine Rede hielt. Daraufhin zog männiglich die Patrone aus dem Lauf, riß die Kokarde vom Hut, nahm die Flinte auf den Rücken und trollte sich nach Hause.

»Nun, und was hast du mir für eine Belohnung ausgedacht?« fragte Theodor Winter, sich wiederum der Hängematte zuwendend.

Mit einemmal hatte sich nämlich der nüchternste Egoismus in seiner Seele breit gemacht. Beim Anblick des ihm wehrlos überantworteten, gewissermaßen testamentarisch zugefallenen reizenden Menschenkindes hatte sich die in seinem Innern schlummernde natürliche Begehrlichkeit nicht länger totschweigen lassen. Und er setzte seine ganze Denkkraft daran, wie sein unqualifizierter Vertrauensmißbrauch am besten wieder gutzumachen sei. Dabei empfand er eine Art von heldenhafter Genugtuung in dem Bewußtsein, die Versuchung, sich nur so für nichts und wieder nichts gut und verständig zu betragen, nun doch siegreich bestanden zu haben.

»Hör, Theodor, du bist heute die personifizierte Unverschämtheit«, erwiderte Beatrix, aufs höchste indigniert. »Gib mir jetzt meinen Brief heraus. Er ist mein Eigentum.«

»Und mein Botenlohn?« – Ganz allmählich wollte er sie vorbereiten, wollte ihr, wenn der Schmerz ihren Körper erschütterte, wie ein Seelsorger zur Seite stehn und sie schließlich, nachdem der erste Sturm vorüber, inbrünstig kniefällig um Verzeihung bitten.

»Dann laß mich wenigstens wissen, ob deine hochwichtige Botschaft denn auch eine erfreuliche ist«, sagte Beatrix, die sich kaum mehr der Tränen zu erwehren vermochte.

»Was nennst du erfreulich, mein liebes Kind? – Für dich, für ihn oder am Ende gar für meine Wenigkeit?«

»Ich dächte doch, für alle drei.«

»Und wenn ich mich nun genötigt sähe, mit einem eine Ausnahme zu machen?«

»O du Egoist! Das kann mir und meinem Fridolin doch vollkommen gleichgültig sein. Du verlangst ja doch deinen Lohn, du gewinnsüchtiger Wucherer. – Aber nein, Theodor«, fügte sie hinzu. »Komm, sei artig! Laß jetzt diese heillose Geheimniskrämerei! Sag's gerad heraus – hat er Glück gehabt?«

»Das hat er!«

»Gott im Himmel, wie dank ich dir!«

Beatrix richtete sich halb auf und holte tief Atem. Beide Arme in die Maschen des Netzes zurückgestemmt, drängte sie ihren Oberkörper vor, als gedenke sie sich irgend jemand rückhaltlos an die Brust zu werfen.

»Geliebter!« – Sie sprach, wiewohl sie ihrem hervorbrechenden Herzensjubel keinerlei Zwang mehr auferlegte, dennoch mit weicher Stimme, einzelne Worte sogar beinah im Flüsterton. »O Fridolin, wie wirst du von jetzt ab die Tage, die Stunden zählen! Wie entfesselt wirst du dich fühlen, nun, da der Berg erklommen und du als Gebieter in deinem Reiche, auf seinem Gipfel stehst! – O du mein gottgesegnetes Sonntagskind! Hinter dir Erfolg über Erfolg, eine goldene Stufenleiter; und vor dir das freudenreichste Lebensglück, das einem Sterblichen zuteil wird. O du mein Held, wie will ich dich hätscheln, dich kosen, um dich in deinem Mut zu stärken. Und wie glücklich will ich mich preisen, wenn es mir schließlich vergönnt ist, dir auch nur eine Stufe auf der Himmelsleiter deines Glückes zu sein! – – Schau, schau, ich kenne mich selbst nicht mehr. Die stolze Beatrix schwelgt in dem Gedanken, deine Sklavin zu werden. Ja sie lechzt gewissermaßen nach harter Bestrafung für jedes geringste Versehen in deinem Dienst. – Wie mochte das kommen? – O Theodor –« Beatrix wäre beinah erschrocken, als ihr Blick die Züge ihres Freundes streifte, – »und du so finster, so frostig? – Theodor, das ist doch nicht schön von dir.«

»Nicht schön von mir?« – Er warf den Kopf in den Nacken und starrte ihr ins Gesicht. Sie gewann unwillkürlich den Eindruck, als habe er eine Maske abgenommen und strecke ihr seinen nackten grinsenden Schädel entgegen.

Sie erbleichte. Es scheint ihm eben doch noch tiefer zu gehen, als er sich's merken läßt, dachte sie und sagte mit vor Schrecken bebender Stimme: »So war es ja nicht gemeint, mein armer guter Freund. Ich weiß wohl, du bist viel zu gut gegen uns. Wir haben das wahrlich nicht um dich verdient, ich am wenigsten. Aber ... nun du es ja doch verraten hast, lieber guter Theodor ... nun sag mir doch auch, worin das Glück eigentlich besteht, das ihm widerfahren ist.«

»Sein Glück besteht darin«, war die kalte und ruhige Antwort, »daß er seinem Lebensziele unvermutet näher steht denn je.«

»Fridolin hat einen Erfolg gehabt?« – Beatrix' Augen leuchteten. Sie schlug hell aufjauchzend die Hände zusammen. »O Theodor, verzeih mir! Verzeih mir! – Aber warum läßt du mich auch so lange betteln.«

»Ich gedachte es dir allmählich beizubringen. Du weißt, du hast nicht das kräftigste Nervensystem.«

»Daß du auch nie den Mediziner vergessen kannst! Aber das ist jetzt ja alles gleichgültig. Bring es mir in Gottesnamen allmählich bei. Nun, und was schreibt er also?«

»Und mein Botenlohn?«

»Auch jetzt noch? – Alles, alles, was du verlangst!«

»Dann möchte ich mir die Gnade ausbitten, dir den Fuß küssen zu dürfen.«

»Meinen Fuß?« – Beatrix brach in ein helles Lachen aus. »Bist du nicht bei Trost? – Höre, lieber Theodor, so kurios wie heute bist du mir noch nicht vorgekommen. Was hast du nur?«

»Eine Botschaft, erhabene Königin.«

»Freilich, mein süßer Hofnarr. Aber mir scheint, du findest Geschmack daran, deine Herrin auf die Folter zu spannen. Soll ich's dir mit Block und Halseisen vergelten, du übermütiger Schalk? – Sieh doch, wie ich schon zittre vor Aufregung. Und das nennt ein Mediziner die Nerven schonen!«

»Ich bitte um die allergnädigste Erlaubnis«, (er ließ sich nicht irre machen; er sprach so eintönig, als gält es, einen auswendig gelernten Gesangbuchvers zu rezitieren) »um die allergnädigste Erlaubnis, auf jedes dieser allerliebsten Füßchen, wie ich sie hier unbedeckt in der Hängematte ruhen sehe und wie sie kein Künstler der Welt, glaub mir, nicht einmal er, in so weichen, herrlichen Linien darzustellen vermöchte – um die Erlaubnis bitte ich, auf jedes derselben in aller Ehrfurcht und Anbetung meine Lippen pressen zu dürfen.«

»Und ich bitte Sie, Herr Doktor, sich derartige Liebhabereien zu ersparen, bis Sie bei Ihrer Tänzerin sind!«

»Beatrix!« –

Mit einem raschen Griff hatte sie den Saum ihres Kleides über das in seinen weißseidenen Strümpfen allerdings reizend schimmernde Zwillingspärchen geworfen. Theodor aber hatte in den drei Silben so rückhaltlos sein ganzes bodenloses Elend zum Ausdruck gebracht, daß Beatrix, aufs höchste betroffen, ihre Entgegnung sofort bereute.

Und was hatte er sich auch so Verabscheuungswürdiges herausgenommen? – Er war nun einmal nicht wie andere. Manchmal war er das reine Kind und mußte durchaus mit Nachsicht behandelt werden. Und hatte er selber sie, Beatrix, nicht auch von jeher mit der denkbar größten Nachsicht behandelt? – Weiche, herrliche Linien – allerdings eine Ausdrucksweise, um nichts weniger unverschämt als – hm, es war nun einmal nicht zu leugnen – als unbedingt zutreffend. Aber ... aber ...

Aber wie sie über solch reumütigen Gefühlen gesenkten Köpfchens langsam die Augen aufschlug, da begegnete ihr Blick einem so heimlich, höhnisch überlegen triumphierenden Spott, daß sie unwillkürlich – sich auf die rosigen Lippen biß und sich nicht das geringste merken ließ. Oh, darauf hatte er gewartet. Er hatte sie berechnet, hatte mit ihren heiligsten Empfindungen zu spielen gewagt. Oh, er kannte die Gewalt seiner Stimme, seiner Gebärden. Wie oft mochte er beides schon erprobt haben! Ihr Mädchenstolz bäumte sich auf bei diesen Erwägungen wie ein feuriger junger Araber vor einem mißgestalteten Ungeheuer.

»Theodor! Mein guter Engel! Mein süßer, verschmitzter Hofnarr du! Siehst du dort unten im Grase die Pantoffeln? Ja? Siehst du die weichen, herrlichen Linien daran? Ach, Theodor, und erst diese blitzenden Schnallen! – Theodor, die magst du küssen, soviel du Lust hast!«

»Be – a – trix!«

Nein, zum Totlachen war es, wie feierlich, schauerlich, geradezu erschreckend grausig er dieses Wort zum besten gab! Hu, und welch ein Gesicht er dazu schnitt! Die reinste Leichenbittermiene! O dieser Schauspieler! Nicht anders, als hätte er einen Todesfall zu verkünden gehabt! Und das alles, alles – der eitle, eingebildete Tropf! – alles um seiner frivolen Grille willen! – – Nein, nein, lieber Freund; umsonst sind wir nicht jahrelang bei dir in die Schule gegangen. Wir können warten. Nein, jetzt bin ich dein ungeduldiges Täubchen nicht mehr, das sich in seiner Verliebtheit nach Gefallen gängeln und hänseln läßt. Jetzt bin ich deine erbittertste Feindin! – O du neidischer, du lüsterner Satyr, wie will ich dich züchtigen für diese Kränkung!

Und siehe, die Rachegöttin lächelte. – Lächelte so liebenswürdig, so reu- und wehmütig, so verständnisinnig-geheimnisvoll-vielsagend; dabei doch so unendlich zart, so kaum bemerkbar, ja offenbar so ganz gegen ihren eignen Willen: ein Lächeln, bei dem Mund und Auge bald spielen mit dem Schelm, der unaufhörlich von einem zum anderen flattert. Ein Lächeln, bei dem das Auge seine volle Größe, seine volle Klarheit bewahrt und das Weiß der Zähne nur momentweise durch die dunkeln Lippen blitzt. Ein Lächeln, das, ehe sein Opfer einmal zur Besinnung kommt, mit quecksilberhafter Behendigkeit ein halbes Hundert der feinsten Nuancierungen durchzittert – kurz, die Rachegöttin lächelte so allgewaltig, wie ein einundzwanzigjähriges, blauäugiges, blondlockiges, schlankgebautes und durch und durch von Glück erfülltes Mädchen nur lächeln kann. Und unter dem Saum des weiß und rot gestreiften Waschkleides lauschte, lugte es hervor, furchtsam, vorsichtig, aufmerksam – eine weiße Maus! Die Hängematte mußte irgendwie einen leisen Anstoß erhalten haben. Sie wiegte sich sachte, wie in Gedanken, von einer Seite zur andern ...

»Siehst du, Theodor? Und wenn du mir nun versprichst, ganz artig zu sein ... aber ganz artig! ... Theodor, willst du mir das versprechen? Ja? Auf Ehrenwort? – So, das ist brav von dir. Siehst du, wenn du mir das versprichst, dann darfst du mir auch beim Anziehen behülflich sein. Sie sind mir nämlich etwas zu eng; nur um eine Kleinigkeit. – Wie? Das sei nicht wahr? – O du putziges Schmeichelkätzchen! – Hm, du wirst es ja sehen. – Komm, knie her und walte deines Amtes! – Aber artig! Nicht wahr, Theodor; ganz, ganz artig sein! – Bilde dir ein, du seist ein kleines Mädchen.«

Und dieser Theodor war eben nichts weniger als ein heiliger Antonius Eremita. An der Strategie dieses kurzen Feldzuges ging sein bisheriges bißchen Selbstbeherrschung vollständig in die Brüche. Was Wunder! Seine besten Kräfte lagen erschlagen auf einem anderen Schlachtfelde, und so fiel er, ohne es zu merken, widerstandslos in die Gewalt seiner mächtigen Gegnerin.

Wie vor einem Heiligenbilde war er vor dem Mädchen zur Erde gesunken. Das besagte Schuhwerk hatte er hastig an sich gerissen und hielt es ängstlich zwischen beiden Händen, als wär es glühend oder aus Glas verfertigt und als fürchtete er, es mit täppischem Finger zu zerbrechen. Er staunte es an mit der vollen Andacht eines Reliquienverehrers. Und indem er sein möglichstes tat, die Erfüllung des Auftrages hinauszuschieben, genoß er mit der Umsicht, mit der Gründlichkeit eines Feinschmeckers, der sich schmerzlich bewußt ist, daß die Herrlichkeit in dem Augenblick ein Ende nimmt, wo der saftige Bissen über die gefühlvolle Zungenwurzel hinuntergleitet.

Beatrix saß aufrecht wie in einer Schaukel und bot dem vor ihr Knienden unbefangen ihre Füßchen dar. Theodor befand sich in der bemitleidenswertesten Verwirrung. Mehr als einmal blieb sein irrender Blick an den zwei silbernen, buntemaillierten Schmetterlingen haften, mit denen der obere Teil von Beatrix' Schürze am Kleid festgesteckt war. Aber die straffen Falten hoben und senkten sich dort so ruhig, so gleichmäßig, wie bei einer Schlafenden; und wie der blaue Himmel über die schöne Welt strahlte des Mädchens klares Auge darüber hernieder.

Und nun schien er den einen der beiden Füße bekleiden zu wollen. Doch nein; er zog den Pantoffel wieder zurück, wendete ihn um und betrachtete forschend die Innenseite ...

»Siehst du nun? Ich wußte, es werde seine Schwierigkeiten haben«, flüsterte die Siegerin.

Die Pantoffeln waren im Rokokostil gebaut. Eine spitz zulaufende Sohle; ein hoher, geschweifter Hacken, und nur die vordere Hälfte von flohbraunem Saffian überwölbt. Den Saffian schmückte eine blanke stählerne Schnalle. Da somit der hintere Teil nur aus Hacken und Sohle bestand, so konnte, ganz davon abgesehen, daß sich das Mädchen in der Tat eines kleinen Fußes erfreute, von »zu eng« im Traum nicht die Rede sein.

Mit losem Finger erfaßte Beatrix ihr Kleid dicht über dem Knie und zog es langsam so weit empor, daß der untere Saum zögernd die schmalen zartgebildeten Fußgelenke sichtbar werden ließ.

»Aber Theodor, worauf besinnst du dich eigentlich?« In ihrer Stimme klagte die liebenswürdigste Ungeduld. »Bist du denn wirklich zu gar nichts nütze? – Soll ich mein Mädchen kommen lassen? – Oder«, fügte sie mit dem mütterlich-milden Ausdruck einer Tizianschen Madonna in ihren ruhigen Zügen hinzu – »oder findest du den Botenlohn noch immer nicht hoch genug?«

Trübselig träumend schüttelte Theodor den Kopf.

»Nein, nein, Beatrix, du brauchst dein Mädchen nicht zu rufen. Glaub mir, auch zur Kammerzofe besitze ich Veranlagung. Was bin ich dir nicht alles schon gewesen! Zuerst dein Lehrer, wie du anerkennend hervorhebst; dann dein Bräutigam und schließlich dein Postillon d'amour. – Beatrix, du solltest deiner Kammerzofe den Abschied geben, damit meine Talente nicht verlorengehen.«

Und wiederum nähert sich der linke Pantoffel dem linken Fuß, zaghaft, schüchtern, wie der Tauber dem Täubchen. Kaum aber haben die bebenden Finger diesmal Ferse und Fußspitze berührt, als sie das Schuhwerk fallen lassen und der junge Mann den wehrlos Gefangenen inbrünstig an die Lippen preßt. – In demselben Augenblick jedoch fühlt er sich von dem freigebliebenen Rechten dergestalt vor die Brust getroffen, daß er jeden Halt verlierend rückwärts zu Boden taumelt. Während des Fallens tastet er noch nach dem neben ihm stehenden Rohrstuhl. Statt sich aber daran halten zu können, reißt er auch diesen zur Erde. Indessen wird ihm Nacht vor den Augen.

Und noch lag der verliebte Doktor der Länge nach im Grase – Beatrix hatte ihren Triumph nur durch ein kurzes verhaltenes Auflachen gefeiert –, da fand dasselbe in dem Hause, an das der Garten stieß, auch schon ein um so kräftigeres Echo. Es war, als hätte dort alles auf diesen Moment gewartet. In den hohen offenen Fenstern der Beletage lachen Beatrix' Eltern, daß ihnen das Wasser in den Augen glänzt. Im zweiten Stock lacht ein alter Oberst, dessen lange Pfeife an der Außenwand des Hauses fröhlich auf- und niedertanzt; zwei Fenster weiter lacht seine dicke Haushälterin. Offenbar hatten sämtliche Hausbewohner den Verlauf der Gartenszene seit einer Weile verfolgt. Dazwischen tönt aus höchster Höhe theatralisches Händeklatschen. Es kommt aus dem Dachstübchen eines jungen Musikanten, der für die hübsche Tochter seines Hausherrn von jeher eine stumme Verehrung gehegt; wogegen hinter den vergitterten Parterrefenstern ein Geräusch vernehmbar wird, als würden blecherne Pfannendeckel in begeistertem Rhythmus aneinandergeschlagen.

Und so lacht, klatscht und dröhnt es noch geraume Weile fort, als derjenige, dem die Verhöhnung gilt, bereits aufgesprungen ist und, ohne zuvor seinen schwarzen Rock von Erde und Staub zu reinigen, mit der Schnelligkeit eines ausgepfiffenen Komödianten dem Garten den Rücken gekehrt hat.

Die Siegerin saß regungslos wie eine Bildsäule. Dunkle Schamröte überflutete ihr Antlitz. Sie wagte kein Glied zu rühren.


Am Abend desselben Tages hatten sich Beatrix' Eltern eben zur Ruhe gelegt, als sie durch einen einmaligen, gellenden, markerschütternden Schrei emporgeschreckt wurden. Er kam nebenan aus dem Schlafgemach ihrer Tochter. Im Nachtgewand, wie sie waren, stürzten beide hinüber und fanden ihr Kind noch angekleidet, nur die Schürze vom Leib gerissen, bewußtlos auf dem Rücken am Boden liegen. Der niedliche blonde Lockenkopf hatte sich unnatürlich stark in den Nacken zurückgebogen, beinah als wäre er in den Fußboden eingesunken, so daß Hals und Kinn hoch emporgereckt erschienen; und da der Körper in der Richtung nach der Türe hin auf die Diele aufgeschlagen war, so fielen die entsetzten Blicke der Eltern direkt in ein total erstarrtes Antlitz, dessen Weiße mit den Linnen des zur Seite stehenden Bettes wetteiferte und dessen weitaufgerissene Augen nur noch in ihren inneren Winkeln je ein kleines Stück der tiefblauen Sterne sichtbar werden ließen. Die gute Mutter sank bei diesem grauenvollen Anblick nach wenigen Sekunden sprachlos ohnmächtig in die Knie.

Derweil hatte der Vater schon mehr denn zehnmal mit kläglicher Stimme den Namen seines Kindes und dazwischen noch lauter denjenigen der Kammerzofe gerufen, als sich Beatrix wirklich zu regen begann. Der Alte preßte ein »Gott sei gelobt« hervor, bemerkte aber bald, daß dieses langsame Sichdehnen des Körpers nicht sowohl eine Lösung des krankhaften Zustandes als vielmehr erst den eigentlichen Ausbruch einleitete. Die Glieder begannen zu zucken. Die Zuckungen wurden mit jedem Male heftiger. Die Augensterne verließen ihr Versteck und rollten zwischen den tränenden Wimpern umher, als suchten sie nach einem Ausweg. Darauf wurde der zarte Körper von einer Seite zur andern gerüttelt; das eben noch kalkweiße Gesicht und die zusammengekrampften Hände hatten sich plötzlich so blau gefärbt wie Kornblumen; Arme und Füße begannen sich wie gegen gewalttätige Angriffe zu wehren; aus den violetten Lippen trat dichter Schaum, und nun erfolgte ein Aufbäumen und Wälzen nach links, nach rechts, so daß der alte Mann nach vergeblichen Versuchen, die Bewegungen durch sanfte Gewalt zu hindern, schließlich alles daran setzen mußte, um nur wenigstens durch Hinwegräumen der nächststehenden Möbel sein Kind vor Verletzungen zu bewahren.

Sämtliche Hausbewohner in Schlafröcken, Unterkleidern, Nachtgewändern und Negligés hatten sich indessen vor der offenen Türe des engen Gemaches eingefunden, und die Zofe war zum Hausarzt gelaufen. Der Herr Doktor sei eben zu einem Patienten gerufen worden, müsse aber bald wieder zurück sein und werde dann gleich hingehen. Als sie sich wieder unten auf der Straße befand, fiel ihr ein, daß Herr Theodor Winter eigentlich auch ein praktischer Arzt sei; und sie eilte vor seine Wohnung und klingelte. Nach einer Weile öffnete sich ein Fenster des dritten Stocks, und das Mondlicht beleuchtete eine umfangreiche Nachthaube.

»Der Herr Doktor möchte doch so freundlich sein und so rasch wie möglich nach Luisenstraße 15 kommen.«

»Der Herr Doktor sind diesen Nachmittag überfahren worden und haben sich wahrscheinlich den Fuß gebrochen«, entgegnete eine verschlafene Altstimme. »Wir haben ihn ins Spital schaffen müssen. Luisenstraße 15 sagen Sie? – Warten Sie mal, wenn Sie so freundlich sein wollen.«

Die Nachthaube verschwand, und die Zofe suchte in der Eile nach besten Kräften soviel wie möglich zu kombinieren, bis ihr ein verschlossenes Billett vor die Füße fiel. Sie hob es auf und blickte am Haus empor.

»Nicht wahr, Sie sind schon so freundlich!« ließ sich die mondbestrahlte Nachthaube wieder vernehmen. »Es hätte schon heute abend bestellt werden sollen, aber mein Gott, all der Trubel mit dem Eis und den Dienstmännern. – Man kann auch nicht an alles denken. Angenehme Ruhe.« – Das Fenster klirrte, und der Mond badete sich in den Scheiben.

Da die Zofe nun keine Hilfe weiter mehr wußte, eilte sie, den Brief in der Hand, beklommenen Herzens nach Hause, wo sie die Verhältnisse tröstlicher antraf, als sie gefürchtet. Beatrix lag entkleidet, in Schweiß gebadet im Bette und schlief unter schweren Atemzügen. Auch ihre Mutter hatte sich dank den Hoffmannschen Tropfen einer Hausgenossin wieder erholt. Der Alte, nunmehr im Schlafrock, kauerte noch immer zitternd vor Aufregung in einem Lehnsessel. Er entriß der Zofe das Billett, ohne ihren Bericht abzuwarten, und da er sah, daß es an die Kranke adressiert war, erbrach er es mit bebender Hand. Er entzifferte mühsam folgende mit Bleistift gekritzelte Zeilen:

»Liebe Beatrix!

Das Strafgericht ist rascher über mich hereingebrochen, als einer von uns vermutet hätte. Bitte erschrick nicht, aber komm, wie Du gehst und stehst. Ich liege im Spital und erwarte Dich unter unsäglichem Bangen. Wenn Du nicht zu spät sein willst, so verweile Dich keine Sekunde. Der geringste Verzug könnte Deine Bemühungen zwecklos machen. Auch harrt Deiner noch eine wichtige Mitteilung. Ohne Aufschub also, ich beschwöre Dich, Beatrix. Die letzte Nachricht von Fridolin werd ich Dir dann ebenfalls einhändigen. Bedaure mich nicht. Verzeih mir. Noch eines. Wenn Du mir noch eine Freude bereiten willst, so komm in der Spitzenschürze, die Du heute trugst. Ich möchte Dich so gerne noch einmal darin vor mir sehen. Vergib mir.

Dein Theodor!«


Beatrix' Vater hatte diesen Brief eben zum fünftenmal aufmerksam durchgelesen, ohne sich noch das Geringste dabei denken zu können, als der Hausarzt erschien, welcher absolute Ruhe verordnete.

Erst nach zweieinhalb Jahren stellte sich bei Beatrix die erste Wiederholung des Anfalls ein.

Theodor Winter trug einen Klumpfuß davon. Er hinkte bis an sein Ende.

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