Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 98
Quellenangabe
pfad/weiss/verfuehr/verfuehr.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101110
projectidf6d04d2a
Schließen

Navigation:

18.

Diesmal mußte ich lange warten. Mein Bekannter näherte sich mir unbefangen. Es hieß, daß unter den Arbeitern große Unruhe herrsche, daß sie einen Demonstrationszug zum Präsidium planten. Der Großmächtige war noch in seinem Dienstzimmer, obgleich es acht Uhr abends war, während er sonst um sieben seine Arbeit zu beenden pflegte. Er ließ mir sagen, ich solle doch um jeden Preis meine Mutter von ihrem pathetischen Theater abbringen. Übrigens war der Vorsitzende ihrer Partei dagewesen mit dem Anwalt, der die Partei vor Gericht vertrat. Man hatte die beiden nicht zu meiner Mutter gelassen. Dafür hatte man meiner Schwester und der alten Magd den Zutritt erlaubt, diese wären aber nur fünf bis zehn Minuten bei ihr geblieben, um sie nicht zu ermüden.

Während ich durch die muffigen und zugleich eisigen Korridore ging, die zu dem Trakt führten, wo meine Mutter war, kam mir plötzlich das Ende meines Vaters in den Sinn. War es im Grunde nicht das gleiche wie jetzt? Er hätte, wenigstens um unsretwillen, ja wenigstens um seines noch ungeborenen Kindes willen, das er zur Waise machte, bevor es den ersten Atemzug tat, sich erhalten können. Mag sein, es wäre ihm nicht gelungen, seine Kräfte waren durch sein zerrissenes Leben, durch seine schwere Krankheit zu sehr erschöpft. Mag immerhin sein! Aber er hatte ja den Tod geradezu herbeigewünscht, weil er als häßlicher, entstellter Mensch nicht weiterleben wollte. Und hier? Wiederholte also das Schicksal seine teuflischen Streiche, traf es mich zum zweiten Male an derselben Stelle und damit um so tiefer? Ich zitterte so, daß ich nicht weitergehen konnte. Der begleitende Justizsoldat meinte, ich zittere vor Kälte, und fügte hinzu, in den dicken steinernen Wänden sitze eben der Frost, aber man habe meiner Mutter warme Kleidungsstücke gebracht für die Nacht.

Ich tat die letzten Schritte vor der Zelle langsamer, ich wollte mich sammeln, bevor ich ihr entgegentrat. Ich dachte sogar an meine wissenschaftliche Arbeit, die ich Tag für Tag trotz der Aufregung um A. v. W. weitergeführt hatte, – bis zu meiner Ankunft hier. Ich hatte darin nachgedacht über die Natur und das Wunder. Das Wunder versuchte ich nicht zu erklären, sondern es logisch und magisch zugleich einzufügen in den Lauf der unendlichen Natur. Geschah einmal ein Wunder – Magie –, so war es damit automatisch zur Natur geworden – Empirie –, und nur ein neues Wunder konnte sodann den bisher bekannten, nur zu winzigen Kreis unseres Wissens um die Natur durchbrechen. Die Natur selbst konnte ein zweites Wunder ebensowenig wie das erste durchbrechen. Auch Gott konnte es nicht. Er war in der Natur selbst, er war nicht unterschieden von der wunderbaren Natur, er war magisch und logisch zugleich. Er konnte nicht verstanden werden. Religion war ein Magnetpol, kein Fundament. Das Fundament, winzig, erbärmlich, zerklüftet, mitten im Sturm, aber trotz allem Fundament, war ich. Gott war keine Individualität. Aber der Mensch war eine. Gott war das All und die Ewigkeit. Ich war das Individuum. In mir war die Zeit, der Wille, vielleicht auch der Widerspruch, aber die heiße Lebensquelle, die ihn überwand! Ich hatte als einzig bekanntes Wesen unter allen Erscheinungen des Kosmos die Kraft und Fähigkeit, mich zu entscheiden. Wirken, Wissen, Genießen, wo man kann. Leiden, wo man muß. Darin lag meine Moral. Ich war weder der Unendlichkeit einverleibt, noch der Ewigkeit einvergeistet. Ich lebte von einem Tage auf den anderen. Ich hielt zu mir. Ich war ein Teil meines eigenen Schicksals.

So hatte ich es bis jetzt unbewußt gelebt. Jetzt, als ich ohne Hoffnung auf ein Wunder die Zelle meiner armen Mutter betrat, waren in mir die Lehre und das Leben eins geworden. Nur so konnte ich versuchen, endlich den Weg zu finden, der meine Mutter, mich, meine Angehörigen und meine Geliebte retten sollte. Ich mußte solange ruhig scheinen, bis ich es war.

Meine Mutter saß jetzt aufrecht auf ihrer Pritsche. Sie hatte ihren alten, grauen, mit unzähligen Tupfen dicht bei dicht gesprenkelten Schlafrock über das Trauerkleid gezogen, das an den Vorderarmen und am Halse durchschimmerte mit seinen schwarzen Jettperlen. Den Schlafrock hatten wir Kinder immer den Marienkäfermantel genannt, weil die Tupfen etwas an Marienkäfer in ihren scharlachroten Flügeldecken erinnerten. Und gar jetzt! Unterhalb der Flügeldecken befinden sich bei dem niedlichen Insekt schwarze, glitzernde Flügel.

Meine Mutter sah etwas anders aus als am Nachmittag, vergeistigter, verklärter. Ihre Augen leuchteten. Hatte sie keine Schmerzen? Oder waren diese ihr eine Freude? War dieser kalte Feuerblick ein Zeichen der Stärke, des Widerstandes gegen die zunehmende Schwäche? Ich fühlte nach dem Puls, er ging so schnell, daß von Zählen keine Rede war. Die Stirn, die ich streichelte unter dem zerrauften, schon recht ergrauten Haar, war von kaltem Schweiß bedeckt, ihre Zähne schlugen fast unhörbar gegeneinander. Fast unhörbar sage ich, weil sie mit aller Willenskraft verhindern wollte, daß sie zusammenschlugen. Auf dem Tischchen waren nicht mehr die minderen Nahrungsmittel von vorhin, die man aus der Polizeikantine geholt hatte, sondern ein großes prachtvolles, von Fett strotzendes Huhn, daneben ein Kompottglas, gefüllt mit faustgroßen eingemachten Pfirsichen, mit geschälten Mandeln statt der Kerne, eine Flasche französischen Weins, alles auf einer blütenweißen Damastserviette. Ich breitete aber die Serviette über alle diese Herrlichkeiten, ich wußte, meine Mutter würde jetzt auch die Früchte des Paradieses nicht mehr berühren, aber der gar zu leckere Anblick mußte ihr das Fasten noch schwerer machen. Sie glaubte, daß die Augen vieler Menschen auf sie gerichtet seien, und sie handelte so, als wäre die große Masse anwesend in der engen Zelle. Sie hatte Fieber, es war wahrscheinlich Hungerfieber, wie es bei nervösen Menschen häufig ist. Ich brachte sie dazu, sich hinzulegen. Die Profossin half mir, sie richtig zu betten und vor allem ihr die hohen Knöpfelschuhe auszuziehen. Die Knöchel schienen mir etwas geschwollen. Meine Mutter hatte früher öfters darüber geklagt, wenn sie sich überanstrengt hatte. Ich veranlaßte die Profossin, das Licht klein zu drehen. Dies tat meiner Mutter sehr wohl. Warum hatte sie nicht selbst darum gebeten, wenn es auch gegen die Gefängnisvorschrift war und der Profossin einen ›Ausputzer‹ eintragen konnte? Ich sah ein, es war das beste, nicht mehr in die arme Frau zu dringen. Ich ging und schloß leise die schwere Tür. Der Justizsoldat wartete auf mich und führte mich zu dem Großmächtigen. Auf dem Wege dorthin sprachen mich ein paar Herren an; es waren Journalisten. Ich sagte ihnen das, was sie auch durch jeden anderen erfahren konnten und sie dankten mir sehr höflich.

Der Hofrat empfing mich recht ungnädig. Er ließ mich anfangs so wenig zu Worte kommen wie heute morgen der Kaiserliche Rat. (Wie unendlich lang erschien mir jetzt die Zwischenzeit, und doch waren es noch nicht zwölf Stunden!) Er sprach, seine Worte wie Pfeile auf mich abschießend, von wohleinstudierter Komödie, von gleißnerischer Menschenliebe, hinter der sich nichts als reinste Anarchie verberge, und noch dazu in frömmlerischem katholischem Gewande. Er persönlich könne jede Gesinnung verstehen, alle Gesinnungen seien behördlich zugelassen in unserem alten, nur zu liberalen Kaiserstaate, solange man sie für sich behalte, statt die törichten Massen aufzuhetzen. Aber noch sei nicht das letzte Wort gesprochen. Man werde meine Mutter mit Gewalt am Leben erhalten, um sie der gerechten Sühne zuzuführen, man werde sie disziplinariter bestrafen, zum Beispiel durch Entziehung der warmen Decke, oder, besser noch, durch Unterbringung in einer Gemeinschaftszelle mit verlausten und angesteckten Vagabundinnen und Dirnen.

Inzwischen kamen viele Telephonanrufe. Ich hatte den Eindruck, daß er sich fortlaufend Bericht erstatten ließ über meine Mutter hier und die Streikbewegung dort in der Vorstadt, und daß die Nachrichten – ich weiß nicht, ob der Kommissar oder die Profossin die Rapporte erstattete – immer schlechter lauteten. Ich hörte daher seiner Strafpredigt gar nicht mehr zu, sie hatte keinen Wert, da sie an mich als ganz unschuldigen Menschen gerichtet war. Nun hatte ich, noch in der Zelle, sogar daran gedacht, meiner Mutter meinen (für unsere Verhältnisse ungeheuren) Reichtum einzugestehen, ihr die 360 000 Kronen, die ich besaß, anzubieten für soziale Zwecke, wenn sie von dem Hungerstreik abließ und zur Vernunft kam. Aber mein Blick auf die gerade in ihrem Lächeln und in ihrer stoischen Ruhe so unmenschlichen, wie aus kaltem, hartem Wachs gebildeten Züge, (die denen auf ihrer Photographie mit Postillion glichen!) hatte mich davon abstehen lassen. Bei ihr war alles vergebens, denn sie hatte sich entschieden.

Absolut sicher wußte ich durch meinen Bekannten, dann durch den Kaiserlichen Rat und vor allem durch die Zeitungen, daß der Regierung nichts daran liegen konnte, wenn jetzt in unserer Stadt neue Arbeiterunruhen ausbrächen oder gar, wenn sich die Unruhen von einfachen Lohnkämpfen zu Machtkämpfen zwischen der Arbeiterklasse und der Regierung, die man übergroßer Nachsicht gegenüber den Unternehmern bezichtigte, auswachsen würden. »Wenn meine Mutter im Untersuchungsgefängnis hier stirbt«, sagte ich endlich mit so eisiger Ruhe, daß der Großmächtige den Mund aufsperrte und die Zigarre ausgehen ließ und mich anglotzte, »wenn sie heute nacht oder morgen oder sagen wir selbst übermorgen stirbt, ohne daß die Staatsanwaltschaft eine klare Anklage erhoben hat und Fluchtverdacht vorliegt, dann fällt die Verantwortung für diese treffliche Polizeimaßnahme der Regierung zu. Die politisch bis jetzt noch lauwarmen Teile der Arbeiterschaft organisieren sich, sie gehen scharf links. Vorausgesetzt, daß sie nicht vorher einen kleinen Bastillensturm unternehmen gegen das Präsidium. Tun sie dies als die urteilslose, aufgehetzte, als die wir sie ja leider Gottes kennen, eben als unzurechnungsfähige Masse, dann nochmals Kavallerie her! Oder besser Artillerie und ...«

»Nun«, sagte ich nach einer längeren Pause, um ihm die Sache nicht zu leicht zu machen, »die Würfel sind gefallen. Man hat meine Mutter ohne Wissen der Staatsanwaltschaft verhaftet in der Hitze des Gefechtes, ein unerfahrener, allzu eifriger, subalterner Beamter hat mit seiner Schneidigkeit der guten Sache zu nützen geglaubt, und Sie sollten ihn unverzüglich wegen seines politischen Fingerspitzengefühls befördern zum Oberkommissar. Fiat justitia pereat mundus. Denn wenn man meine Mutter hätte ruhig ihren Applaus einheimsen und nach Hause gehen lassen, um sie tags darauf, also heute zu verhaften, einzusperren usw., dann hätte sich alles ruhig abgespielt und ...« »Das geht den jungen Herrn einen großen Dreck an!« sagte der Großmächtige, im Augenblick recht klein, »was wollen Sie eigentlich hier?« »Ich? Nichts. Ich wollte Ihnen höchstens danken, daß Sie mir und meiner Schwester humanerweise gestattet haben ...« »Ach was«, sagte er, »ich pfeife, vornehm gesagt, auf alle Humanität und im speziellen auf Ihren Dank.« »Dann bleibt mir nur übrig, mich zu verabschieden, Herr Hofrat.« »Aber Sie können doch nicht so ohne weiteres Ihre mißgeleitete, in politischen Dingen absolut unerfahrene Mutter ihrem Schicksal überlassen? Sie verhungert! Welch ein Geheul in der liberalen Presse!« »Was kann ich tun«, fragte ich, »die Behörde tat was ihres Amtes war!« – »Ich will Ihnen offen sagen, ich pfeife auch darauf. Kommen Sie näher, rauchen Sie? Ich hörte von K. (meinem Bekannten), Sie sind Doktor. Wir als Akademiker sollten keinen Ausweg finden? Das werden Sie mir doch nicht einreden wollen?« »Nun«, sagte ich, »übernehmen Sie denn die Verantwortung? ...« »Welche Verantwortung denn? Können Sie sich nicht deutlich ausdrücken?« »Ich möchte es von Herzen gern«, sagte ich, »aber weiß ich denn, ob alles zwischen uns bleibt?« »Das gleiche könnte ich Ihnen entgegnen«, antwortete er. »Und ob wir hier unbelauscht sind?« Er stand auf, knurrend, die kalte Zigarre im Munde, und öffnete die Türen, hinter denen niemand lauschte, aus denen aber kalte, abgenutzte Luft kam. Wir schlossen sie also schnell wieder.

»Nun gut«, sagte ich, »wir wollen also in aller Ruhe die politische Laufbahn meiner Mutter so abschneiden wie das da!« Ich nahm die Schere und schnitt den schwarzgelben ziemlich dicken Faden durch, der das Dossier meiner Mutter solid zusammenheftete. »Ums Himmels willen, was tun Sie, es ist doch amtlich gesiegelt«, schrie der alte Bürokrat. »Und Herr Hofrat haben Angst um ein gebrochenes Siegel? Muß ich Courage haben für uns beide? Gut! Hier steht, von Ihnen mit Blaustift angekreidet und mit einem Strafrechtsparagraphen daneben, eine der aufreizenden Stellen der Rede, die von den unverschämten Millionären. Aber haben Herr Hofrat nicht auch schon verschämte Millionäre gekannt? Sehen Sie, was ich heute zufällig aus Wien nachgeschickt erhalten habe, meine Bankabrechnung. Ich habe ein Konto bei der Commerzialbank, Julirente als guter Österreicher, nicht ganz eine halbe Million. Hier ist mein Scheckbuch.« »Das hilft uns jetzt einen Sch...«, sagte er grob. »Sie werden doch nicht glauben, daß die politische Polizei ein Verfahren niederschlagen kann, wenn sich die schuldige Partei mit einer Geldsumme loskauft? Viel ist ja möglich in unserem alten Österreich, Herr Doktor, aber so etwas doch nicht.« »Aber mein lieber Herr«, sagte ich, ihm bewußt seinen Titel vorenthaltend, nachdem er mir den meinen gegeben, um ihn auf die Probe zu stellen, ob er bereits mürbe genug sei, »mein guter Herr, Sie mißverstehen mich. Ich bin kein Jurist. Das sind Sie. Ich bin ein Philosoph, ich habe mich um die Gründe und Hintergründe und Untergründe zu kümmern.« »Der Teixel in eigener Person soll Sie und euch alle in der Luft b...«, fluchte der Hofrat, bot mir aber Feuer für meine Zigarette an. »Aber wer wird denn so fluchen«, sagte ich, »das wäre doch nicht fromm! Eine fromme Tat wollen wir aber unternehmen. Nun hören Sie genau zu! Die lokalen Blätter haben ganz brav und bieder über die Sache berichtet. Nur eine kleine katholische Zeitung nicht. Haben Sie einen gewissen Einfluß dort, können Sie einen Artikel dort unterbringen, so wie ich ihn jetzt konzipieren will? Und kann er von dort weitergehen, nach Wien, nach oben?« »Ja gewiß, das wäre das wenigste, aber Honorar gibts keines.« Ich lächelte und bat ihn, er solle jetzt das notieren, was in diesem Artikel zu stehen habe. »Aber was kann uns ein Zeitungsartikel in einem Käseblatt helfen, wie werden wir Ihre Mutter mit ihrem blöden Hungerstreik los?« »Wie? Indem Sie sie unverzüglich aus der Untersuchungshaft entlassen! Der Artikel wird uns in der öffentlichen Meinung decken. Er wird eine idealistische Blödheit als das zeigen, was sie ist.« Er antwortete darauf nicht mehr, sondern begann unverzüglich zu schreiben.

 << Kapitel 97  Kapitel 99 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.