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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 96
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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16.

Ich hatte erwartet, daß ein Abgesandter der sozialen Partei, für die sich die Arme doch geopfert hatte, kommen würde, um sich mit mir über die beste Methode zu beraten, meiner Mutter beizustehen. Doch niemand kam. Es lag nun an mir, allein zu handeln und zu retten, was noch zu retten war. Ich bereute, gestern abend meinem Bekannten nicht einen Wink gegeben zu haben, er möchte in seinem Protokoll das eine oder andere Wort mildern. Aber damit hätte ich unter Umständen meiner Mutter mehr geschadet als genützt. Ich war reich, aber in unserem Falle vermochte das Geld nichts, wenigstens ahnte ich noch nicht, wie ich dieses mächtigste Werkzeug menschlichen Willens ansetzen sollte.

Ich hatte die Bankabrechnung bei mir und mein Scheckbuch, ich hätte Anna für den Haushalt Geld geben können. Aber sie lehnte es ab. Seit langem hatte sie die Abrechnungen ganz allein übernommen, sie waren gestern wie heute in Ordnung, und es schien, daß sie sogar eine kleine Reserve besaß.

Ich eilte nun zu unserem alten Advokaten, der nach dem Tode unseres Vaters die schwierige Hinterlassenschaft redlich abgewickelt hatte.

Er empfing mich sofort, obwohl andere Klienten bei ihm waren, die er hinausschicken mußte, aber er sagte, wenn er uns auch wie immer seinen bescheidenen Rat und seine Hilfe als Gesetzeskundiger zur Verfügung stellen wolle, so sei er hier nicht am Platze, seine Stärke sei das Civil-, nicht das Strafrecht, und innerhalb des Strafrechtes seien ihm die politischen Delikte ganz besonders ein Buch mit sieben Siegeln. Ich hatte aber zu ihm Vertrauen. Er schüttelte den Kopf und zeigte mit dem Finger auf die Tür, hinter welcher die anderen Klienten verschwunden waren, und lächelte. Es war freilich anzunehmen, daß diesen braven Schächern gewisse andere Vergehen, nämlich Betrug, Wechselreiterei, böswillige Crida, Wucher usw. näher lagen als Aufwiegelei, Majestätsbeleidigung, Aufreizung zum Klassenhaß, zum sozialen Aufruhr, zur Rebellion, was alles als Anklagepunkt gelten konnte, wie er fürchtete. Er wollte mir gern die Adresse eines Anwalts geben, der sich mit der Verteidigung politischer Delinquenten befaßte, riet mir aber vor allem, genau wie mein alter Bekannter, in das politische Departement des Polizeipräsidiums zu gehen, mich an den Hofrat T. zu wenden und zu versuchen, ob ich sofort Sprecherlaubnis bei ihr erhalten könne. Meine Mutter sei sicherlich sehr bedrückt und verzweifelt, in Sorge ›um uns Kinder‹, ich solle ihr Mut zusprechen, die Frage des Verteidigers mit ihr durchgehen – und sie auch von ihm grüßen. Ich nahm einen Wagen und ließ mich zum Präsidium bringen. Aber es war nach zwölf Uhr, niemand war in den Amtsstuben, weder der Großmächtige noch mein Kamerad.

Ich kam auf den Gedanken, mich dem Kaiserlichen Rat, Karls Vater, anzuvertrauen, weil er Verbindungen bis in die höchsten Kreise hatte. Ich fuhr zu ihm, er empfing mich, ließ mich aber nicht zu Worte kommen, mit diabolischer Geschicklichkeit wußte er mich daran zu hindern, ihn um seine Hilfe, seinen Einfluß, seine Protektion zu bitten, ja auch nur ein Wort von unserer Lage zu sprechen. Wenn ich von dem Anwalt mit einer gewissen Zuversicht geschieden war, so fühlte ich etwas Sumpfartiges, Unheimliches, als ich den überhöflichen Rat verließ. Ich eilte heim. Marthy empfing mich mit so gemächlichem Gehaben, so ruhig mit meinem Bruder plaudernd, daß ich aufatmete; ich glaubte, daß meine Mutter bereits freigelassen war. Dies hätte unsere Lage auch dann sehr erleichtert, wenn man sie früher oder später unter Anklage gestellt hätte, denn ihre Sache war stark und edel. Aber dem war nicht so. Das leere Lächeln auf dem schlaffen Gesicht mit den fahlen Hängewangen hatte bei einer Marthy heute mittag ebensowenig Bedeutung wie gestern abend die Tränen und das zittrige Theater ihrer falschen Rührung. Ich konnte nicht essen. Nachmittags fuhr ich ein zweitesmal zur Polizei. Endlich sah ich meinen Bekannten wieder. Er war sehr wortkarg, ich sah, daß sich gegen gestern abend etwas geändert hatte, und glaubte, der Hofrat T., ein kleines, spindeldürres Männchen, bei dem er mich eingeführt hatte, würde mir Schwierigkeiten machen, wenn ich meine Mutter sehen wollte. Hier irrte ich mich. Er antwortete mir zwar auf meine Bitte weder mit Ja noch mit Nein, drückte aber brummend auf einen der vielen Knöpfe auf seiner Signaltafel und sagte dem eintretenden Justizbeamten, man solle mich zu meiner Mutter führen.

Ich sah meine Mutter wieder. Sie lag mit etwas erhöhtem Oberkörper auf einer hölzernen Pritsche, die Hände unter ihrem Haarknoten gefaltet, – (auch Alexandra hatte ich manchmal im Sommer auf ihrem Balkon so liegen gesehen, von ihren Spatzen umflogen, die ihr die Brosamen vom Munde nahmen), aber sie rührte sich bei meinem Eintritt nicht. Ich trat zu ihr. Neben der Pritsche stand ein kleines Tischchen, mit einer blauen Serviette gedeckt, wie sie die billigen Wirtshäuser haben und auf dieser befanden sich einige Teller und Gläser: Suppe, auf der bereits das Fett erstarrt war, gekochtes Fleisch mit kleinen Gurken, zum Teil schon in Stücke geschnitten, etwas Kompott, ein mit Wein bis zum Rande gefülltes, ziemlich großes Glas, dazu ein paar trockene Kuchen und eine Kanne mit Kaffee. Die Bestecke und Teller waren blank. Nichts war berührt. Am Fenster war ein dickes Weib postiert, in einer Art Uniform aus grobem dunklem Stoff, einen großen Schlüsselbund am Gürtel, die Profossin. Sie kam herzu und ordnete die Speisen anders, mit Sorgfalt, ja mit einer Art Liebe, dabei mit der Zunge schnalzend, um anzudeuten, wie herrlich das alles schmecken müsse. Meine Mutter bewegte kaum ihre dünnen, sehr gefalteten Augenlider, sie schwieg und atmete schnell und flüchtig, die Jettperlen auf dem unseligen Trauerkleide schimmerten im Dämmerlicht, denn die Sonne war bald am Untergehen. Meine Mutter, das begriff ich sofort, weigerte sich, auch nur den kleinsten Bissen zu essen. Das war das Mittel, von dem sie gestern bei der Verhaftung in einer Art Triumph gesprochen hatte, das sie vor der Gefangenschaft, vor dem Kerker bewahren sollte. Daher die Bereitwilligkeit des listenreichen ›Großmächtigen‹, mich zu ihr zu lassen. Er glaubte, es würde dem Sohn gelingen, was der Behörde bis jetzt, fast vierundzwanzig Stunden nach der Verhaftung nicht gelungen war: den Hungerstreik der Untersuchungsgefangenen zu brechen. Dies war auch mein Wunsch, mein Vorsatz und Wille. Aber ich sah noch nicht die Methode. Ich setzte mich zu ihr, (ich war denn auch etwas müde) und nahm die Zeitungen vor, die in einem ziemlich großen Haufen aufeinandergeschichtet lagen. Meine Mutter tat immer noch, als schliefe sie. Ich faßte leicht nach ihrer mageren, kühlen, schönen Hand, sie ließ sie mir. Sie sprach immer noch nicht. Auch ich nicht. Ich blätterte in den Zeitungen umher mit der freien Hand, als dies sich aber als zu umständlich erwies, machte ich auch die andere Hand frei und las die Zeitungen eine nach der andern, die Nachrichten verfolgend, die meine Mutter betrafen. Die Zeitungen der rechtsstehenden Parteien brachten nur kleingedruckte Notizen, die der liberalen Partei etwas größere, die größten die Arbeiterblätter, die aber keineswegs einig waren in ihren Ansichten, während das kleine katholische Blatt die ganze Angelegenheit totschwieg. Schließlich konnte meine arme Mutter das monotone Umblättern der Journale nicht ertragen. Sie setzte sich mühsam auf, schob die Zeitungen mit einer ziemlich energischen Handbewegung von meinem Schoß zu Boden und fragte mich mit leiser Stimme nach dem, was daheim vorging. Ich hatte zwei Möglichkeiten: entweder übertreiben und dadurch meine Mutter in Angst und Schrecken versetzen, oder alles abschwächen, dämpfen, beschwichtigen, ihr sogar recht geben und sie so aus ihrer unnatürlichen Starre herauszuführen.

Ich wußte, ihr Herz war empfindlich, ihr elender Körperzustand war offenbar, sie hatte viel gelitten, viel gearbeitet, man mußte alles versuchen, um sie zum Essen zu zwingen. Aber wie? Über die häuslichen Angelegenheiten ging ich also einfach mit wenigen Worten hinweg. Meine Mutter bestand nämlich nicht darauf, genau zu wissen, was Anna oder der Junge gesagt und getan hatten.

Ich wollte sie füttern, als wäre sie mein Kind. Etwas wie ein Lächeln spielte jetzt um ihre bläulich blassen Lippen. Ich versuchte es zuerst mit dem Kaffee, den ich stark gezuckert hatte. Ich wußte, daß meine Mutter ihn so liebte, ich wollte ihr nur ganz wenig, nicht mehr als einen Löffel einflößen. Sie wandte plötzlich mit einer Art Grauen jäh ihren Kopf ab. Leider kam mir auch jetzt Alexandra in den Sinn. War es mir denn immer bestimmt, den Menschen zu ihrem Glück, hier der Mutter zum Essen, dort der Geliebten zu der aussichtsreichen Operation zuzureden und immer nur dieses jähe, abwehrende Nein! zu empfangen? Warum ging mir dies so tief, daß mir das Herz in der Brust schwoll, daß meine Stimme zitterte und vielleicht sogar das Auge feucht wurde? Aber gerade das konnte meine Mutter heute nicht ertragen. Sie streckte beide Hände aus, wie um sich zu schützen vor mir. »Schone mich! Ich kann jetzt nicht. Ich will nicht! Bitte! Schone mich!« murmelte sie. Die törichte Profossin eilte hinzu, als wolle sie meine Mutter verteidigen. Aber ich ließ mich nicht fortdrängen, auch bei mir ging meine Leidenschaft durch, ich flehte sie an, meinen Kopf an ihre mageren Knie schmiegend, sich für uns Kinder zu erhalten, sie zerstöre auf lange Zeit ihre Gesundheit, – (eine schwerere Drohung wagte ich selbst jetzt nicht auszusprechen), sie vernichte mir meine Zukunft, ich könne niemals in den Staatsdienst treten, wenn sie gerichtlich bestraft würde. Mit einer Stimme, die lauter und klarer war, als ich geglaubt hatte, daß sie sie herausbringen könnte, antwortete sie mir, sie höre es zum erstenmal, daß ich den staatlichen Lehrberuf ergreifen wolle, und nicht an ihr, sondern an denen oben liege es, was aus uns allen werde. Als ich nicht aufhörte in sie zu dringen, überzeugt, sie könne mir nicht widerstehen, sagte sie, es sei besser für mich, wenn sie hier im Kerker sterbe als Opfer der kapitalistischen Willkür, als wenn sie Schande über uns alle bringe, indem sie die gute Sache verrate. Denn ein Opfer sei vonnöten, um die Lauen und Liberalen aufzupeitschen. »Sind wir denn nichts mehr?« rief ich, »für wen bringst du denn das Opfer? Von deiner Partei war niemand da, sie überlassen dich deinem Schicksal, und wir ... Du weißt, wie Anna und der Postillion auf dich warten, du hast nicht das Recht zu dem, was du tust!« »Und was tue ich?« sagte sie, sich steil aufrichtend in ihrem unseligen Trauerkleid, »was tue ich, was ihr mir verbietet? Was wißt ihr denn von mir?« »Nicht wir verbieten dir etwas, sondern du selbst hast dir zeit deines Lebens das verboten, was du jetzt tust!« »So, was tue ich denn?« wiederholte sie, »willst du mein Richter sein, ein Mensch, der so lebt wie du? Hindere ich dich in deinem Treiben? Laß mich leben und sterben wie ich will!« »Gehen Sie, lieber Herr, bitte machens schnell, gehen Sie«, drängte mich die Profossin. Ich ließ mich aber nicht fortdrängen. »Du säest Wind, wundere dich nicht, wenn du Sturm erntest. Ich habe heute nacht den Schluß deiner Rede gelesen, bevor ich sie vernichtet habe!« »Schreie nur noch lauter! belaste mich vor Gerichtspersonen in Gegenwart von Häschern und Spitzeln!« Die Gefängnisbeamtin nahm diese kaum berechtigte Anklage auf sich und zuckte nur die schweren Achseln. Ich sah, meine Mutter hatte sie ganz in ihren Bann geschlagen. »Du willst etwas für die Letzten tun?« fragte ich an der Tür, »dann versuche nicht, die Erste zu sein unter diesen Letzten.« Meine Mutter sank tief aufseufzend zurück. Der Gefängnisarzt trat ein, ich verließ das Untersuchungsgefängnis.

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