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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 94
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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14.

Ich ging also noch am gleichen Abend zu einem Nachtpostamt, um dort auf einer von zahllosen Skripturen befleckten Schreibunterlage eine Karte an meine Mutter zu schreiben, in welcher ich einen längeren Aufenthalt ankündigte. Maxi hatte mich an diesem Abend sehr getröstet; erstens dadurch, daß auch ihm nicht alles gelang und dann, weil er mir den einzig möglichen Weg gewiesen hatte, und letztens, weil ich sah, daß er immer noch an mir hing und ich hoffen konnte, ihn eines Tages von seinen kleinen Schwächen zu befreien. Wir würden uns bald wiedersehen und dann wieder Zusammensein wie in früherer Zeit. Vielleicht konnte mein vieles Geld uns dienen, das bis jetzt träg in der Bank lag und zinste.

Vor dem Antritt der kleinen Reise freute ich mich auf meine Heimatstadt, auf die Meinen, auf das krachende Bett, in dem ich als junger Mensch geschlafen, auf das dünne, silberne Besteck, mit dem ich unter seinen Augen gegessen. Aber war das Bett noch meines? Sicherlich schlief jetzt der Postillion darin, und mir wäre nur seine letzte Lagerstatt, die seit Jahr und Tag auseinandergenommen auf dem Boden lag, eingeräumt worden, mein Eßbesteck diente wahrscheinlich den Besuchern des Mittagstisches. Aber ich wollte eben nur Erfreuliches von daheim erwarten, ich wollte, wenn auch nur für kurze Zeit, in den Kreis der Familie (oder der Gesellschaft nach den alten Worten meiner Mutter) zurückkehren.

Niemand hatte mich bei der Ankunft an der Bahn erwartet, Postillion stürzte mir aber daheim jubelnd entgegen und warf sich mir an den Hals, sich mit der einen Hand in meiner Krawatte festkrallend, mit der anderen Halt in meinem Westenausschnitt suchend, denn ich hatte noch nicht gelernt, daß man, um den Kleinen bei einem solchen Wiedersehen Freude zu machen, sich selbst klein machen und in die Kniebeuge begeben muß. Anna war freundlich und schöner denn je. Sie trug ihr Haar nach rückwärts wie Alexandra, und auch ihre Ohren lagen frei in dem matten Glanz ihrer rosafarbenen und wie mit einem Reif bedeckten Windungen. Es durchzuckte mich mit einem unerwartet heftigen Schmerz, wenn ich daran dachte, daß die andere abstehende Ohren habe. Was nützte einem von der Welt abgewandten Mädchen wie Anna ihre Schönheit? Marthy küßte mir weinend mit feuchten Lippen die Hand, mir den Handrücken mit ihren Tränen befeuchtend, sie roch nach dem Schnaps Slivovitz und der alten Familienzahntinktur zugleich, meine Schwester flüsterte mir zu, ich solle das alles nicht ernst nehmen, die alte Magd weinte jetzt bei allen Gelegenheiten, aus Trauer, Freude, beim Kaffee wie bei der Suppe, es bedeutete nichts. Sie war niemals richtig berauscht, aber immer in besonders gehobener oder gedrückter Stimmung. Sie brauchte viel Nachsicht. Anna hatte daran gedacht, sie in einem katholischen Altersstift auf dem Lande unterzubringen, es scheiterte daran, daß Marthy bettelarm zu sein vorgab, während das Stift die Summe von tausend Kronen beim Eintritt forderte. (Es war ja nur die Hälfte ihres alten Schatzes, aber ich schwieg.) Mich durchzuckte es zum zweitenmal mit dem jetzt schon wohl vertrauten, schneidend süßen Schmerz, denn ich dachte an Alexandra und die Gräfin, die ihre alten Tage ebenfalls in einem Stift (wenn auch sehr vornehmer Art) zu beschließen gedachten. Kreisten also alle meine Gedanken um die Verlorene, war ich nur hierhergekommen, um ihr noch näher zu sein als in ihrem Besuchssalon mit den verblichenen Seidenmöbeln, welche knackten, wenn man sich zu unvorsichtig auf sie setzte? Aber unsere Einrichtung, erst durch uns Kinder und jetzt durch die Besucher des Mittagstisches abgenützt, war auch nicht mehr die beste. Ich fragte nach meiner Mutter. Sie hatte sich entschuldigen lassen, es war ein wichtiger Tag, ein Glückstag, an dem ich gekommen war, denn gerade heute sollte sie die große Rede bei einer Versammlung ihres Arbeitervereins halten. Was mir meine Wirtsleute in Wien von dem Streik erzählt hatten, war leider richtig, auch daß ein oder zwei Arbeiter ihr Leben gelassen hatten, ich verstand nicht, ob auf Seiten der arbeitswilligen Gelben oder auf Seite der streikenden Roten. Die Partei meiner Mutter war nicht das eine noch das andere, deshalb hatte ihr die Behörde die Rede erlaubt, aber äußerste Zurückhaltung zur Bedingung gemacht, als ob dies nicht selbstverständlich war bei einer Frau wie ihr!

Meine Mutter kam erst nach den Abendgästen, umarmte mich glücklich, dabei oft und stark mit den kurzsichtigen Augen zwinkernd, die noch von der Kälte tränten, und befahl Marthy, ihr schnell das Kleid zu bringen, das sie anziehen wollte. Marthy ließ sich vernehmen, meine Mutter sollte vor allem etwas Warmes essen, sich stärken. Meine Mutter zitterte vor Ungeduld. Marthy schützte andere Arbeiten vor, sie vergoß in ihre saubere, frisch geplättete Schürze einige ihrer billigen Tränen, aber das Kleid kam nicht. Endlich holte Anna mit Postillion das Kleid aus der Küche, wo es auf dem Bügelbrett ausgebreitet gelegen hatte. Aber eine Stelle auf dem plissierten Brustteil war mit einem Zeitungsblatt verdeckt gewesen, sie fiel jetzt bei der ersten Berührung wie Zunder auseinander, denn sie war durch das zu lange liegen gebliebene Plätteisen versengt. Meine Mutter, eben noch so gefaßt und lebensfroh, wurde weiß vor Wut. Sie warf das Kleid nach der furchtsam zurückweichenden Magd. »Was soll ich jetzt tun?« Ihr Vorrat an passenden Kleidern war von jeher gering. »Hol mir das Trauerkleid!« herrschte sie die tränenselige Magd an, »es soll deine Schande sein, wenn ich so in die Versammlung gehe!«

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