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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 93
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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13.

Wir trafen uns in meinem Hotelzimmer. Das alte mir vertraute Kabinett im Arbeiterviertel hatte ich vor kurzem gekündigt. Ich hatte den Eindruck, das würde Alexandra recht sein, es hatte aber wie alles, was mich persönlich betraf, nicht den geringsten Eindruck auf sie gemacht. Meine Wirtsleute hatten meinen Entschluß bedauert. Ein neuer Mieter war nicht schwer zu finden, aber sie hatten sich an mich gewöhnt wie ich mich an sie. Noch am letzten Abend hatten sie mich zu einer ›Weinreise‹ eingeladen, d. h. zum Erproben des heurigen Weines. Wir hatten auch von meiner Heimatstadt gesprochen, es sollten wilde Streiks dort ausgebrochen sein, die von den gemäßigten Gewerkschaften nicht gebilligt und von den staatlichen Gewalten mit allen Mitteln, nämlich mit berittenen Gendarmen oder Kavalleristen bekämpft wurden. War es, daß mich schon damals Alexandra viel zu sehr gefangen hielt, sei es, daß mich das Volk denkmüde machte, mich hatten die lang ausgesponnenen Erzählungen etwas gelangweilt. Was waren mir Streiks, Gendarmen, Gewerkschaften und Unternehmer?

Mit großem Kummer aber (und doch, ich gestehe es, auch mit einem gewissen Gefühl der Befriedigung, ich weiß nicht warum), erfuhr ich von Maxi, daß er einen Fehlschlag erlitten habe, indem er nicht zum Hauptmann befördert worden war. Das angenehme für mich war, daß ich ihn zu trösten vermochte, wo ich doch eigentlich erwartet und gefürchtet hatte, getröstet zu werden. Aber Max war zu sehr ein Mensch der Wirklichkeit, als daß er tief gelitten hätte unter etwas, das er nur zu gut begriff. Er lud mich ganz wie die Leute aus dem Volk gestern zu einer kleinen Weinreise ein, und er begann schon im Wagen, der uns in ein Weinlokal im schneeverwehten Grinzing bringen sollte, mir klarzulegen, wie es stand. Sein Oberst hatte offenbar, obwohl sich Maxi immer in Zivil an den Spieltisch setzte und kein eingeschriebenes Mitglied des Cercle hippique war, erfahren, daß er viel und hoch spiele. Das, und nicht mangelnde berufliche Fähigkeit, war der Grund seines Mißgeschicks. »Aber was soll unsereiner tun?« fragte er mich, als hätte ich die Weisheit Salomos im Kopfe und die Güte eines Menschenfreundes im Herzen, – nein, ich liebte ihn, war ihm gut Freund und wohlgesinnt, vielleicht ihm mehr als sonst jemandem auf der Welt seit seinem Tode! –, was er beginnen solle. Er wolle und könne mit seinem Namen, seiner Erziehung, seiner Natur nicht in der bürgerlichen Tretmühle arbeiten und schuften, um das zu erraffen, um dessentwegen sich die übergroße Mehrzahl der Menschen ›abrobottete‹, nämlich um Geld und ›Maderln‹ (Geld war die Macht, die Maderln waren der Genuß, und von der Freiheit sprach er nicht, da sie ihm damals selbstverständlich war). Sondern er spielte mit dem Geld und mit den Maderln. Er sagte, arbeiten will und kann ich nicht, ich bin Soldat und Fürst und Habenichts, warum soll man sich etwas ›Herziges‹ entgehen lassen in dieser so schnell galoppierenden Welt? (Die ersten noch ganz seltenen grauen Haare riß er seit seinem letzten Geburtstage aus seinem Schläfenhaar und sammelte sie in seiner Brieftasche in rosa Seidenpapier.) »Aber dienen will ich. Dienen für Ehre könnte ich, das ja. Gedient haben meine Ahnen, und wenn ich Kinder habe, sozusagen, dann sollen sie auch dienen. Na, da schaust einmal her«, sagte er, mehr zu sich als zu mir, während wir durch die langweilige Häuserzeile der Währinger- und Billrothstraße fuhren, »wem aber soll nun heutigentags gedient sein? Wo ist für einen aktiven Offizier die Ehre? Soll ich der alternden Doppelmonarchie dienen, 36 Nationen, groß und klein, eine gegen die andere erbost und eifersüchtig? Dienen einer Autorität, die selbander bedenklich kracht in allen Fugen? Wie soll ich dienen als Soldat und Pionier, und es kommt nachher doch kein Krieg, wo ich mich auszeichnen kann? Brücken schlagen auf dem Papier, Pontons legen auf der versumpften alten Donau im Manöver?« Ich sah im Wagen, daß er trotz der Kälte draußen Schweißperlen an seiner hohen Stirn hatte, nahm ihm die Kappe ab und legte sie auf meinen Schoß. »Was machst du da?« fragte er, »wo fährst du mich denn eigentlich hin? Ja, zum Wolf, zum Wolf, das ist ganz richtig, ja.« (Wolf war eine damals berühmte Weinschenke.) »Max, kannst du das Hazardspiel lassen?« fragte ich. »Ja, natürlich! Sehr gern, versteht sich, mit Vergnügen. Aber wozu? Warum denn? Alles ist egal!« sagte er, »gib mir meine Kappe retour, wir fahren lieber noch einmal ins Hotel zu dir, was sollen wir beim Wolf, entweder ist nicht richtig anständig geheizt in dem Extrastübel, und man kann dort rein erfrieren, oder es wird dort ein Haufen Volk ...« Ersetzte nicht fort, sein Gesicht verfiel, ich ließ wenden, und wir stiegen wieder in mein Zimmer hinauf. Ich bewohnte jetzt ein sehr schönes geräumiges Zimmer im zweiten Stock. »Schau«, sagte er, »die Leute haben mir erzählt, du bist mit der Komteß von W. verlobt, aber ich kanns nicht glauben, du hättest es mir doch sicher gesagt?! Laß dich ansehen! Na, aber wirklich! Gefällst mir nicht, Kamerad, aber auch gar nicht!« Er fragte nicht weiter, sondern plötzlich ernüchtert starrte er mich so an, wie er das Wild visierte, das er genau über Strich und Korn haben wollte, nämlich nur mit dem rechten Auge. Ich hielt aber seinem scharfen Blick stand, obgleich er mir nicht angenehm war. Ich log nicht. »Ich seh, ja, da sieht man, was man sieht«, sagte er endlich, »da möcht ma wanen als wia a klans Kind!« »Von der Verlobung ist nichts wahr«, sagte ich. »Nein, o nein, wenigstens das auf keinen Fall«, sagte er und stand auf, schüttete den Cognac aus dem Glas wieder in die Flasche, denn er war ganz anderswo in seinen Gedanken, »das lassen wir sein! Laß! Bitt schön, nichts von Liebe mit großem L. Liebe ist gut für die, die kein Glück haben bei den Mäderln!« »Das ist nicht dein Ernst«, sagte ich, »wenn du mir raten willst, sprich nicht solchen Unsinn!« »Ja, natürlich, fängst schon an zu schimpfen«, sagte er zerstreut, schenkte sich den Cognac definitiv ein und trank ihn, »ich kann dir da nur eines sagen, machs wie Napoleon. Du liebst, du hast sie gern? Also dann! Lauf! Auf und davon und niemals wieder gesehen! Kannst du es noch? Ist euch doch nichts passiert? Nimm dich zusammen, tue es mir zuliebe.« »Gut«, sagte ich, trotz allem froh im Herzen, »dann aber verzichte du mir zuliebe auf den Cercle hippique.« »Aber Kinderl«, sagte er lachend mit sonderbar verzerrtem Gesicht, »warum denn, wieso denn? Was hättest du davon? Rein aus Tugend? Was bleibt mir denn? Am besten, du fahrst heim, a Mutter ist im Notfall immer a Mutter; sie wird sich ungeheuer freuen mit dir!« sagte er und schlug mir leicht auf die Schulter, ganz so, wie er es einmal getan hatte.

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