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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 91
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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11.

Im Anfang erschien mir so manches an ihr wie pure Trägheit, Indolenz, nachher enthüllte es sich als Bitterkeit. Ich sah sie jetzt sehr oft und aus nächster Nähe an und begriff, daß sie sich im Grunde nicht verändert hatte seit dem Tage, wo sie mir diesen merkwürdigen, düster flammenden Blick im Atelier meines Vaters zugeworfen hatte, und doch, was hatte sich inzwischen mit uns beiden ereignet! Sie hatte ihre Erziehung standesgemäß im sacré cœur erhalten. Kam ihre Frömmigkeit von dieser geistlichen und zugleich aristokratischen Atmosphäre, wie sie in diesem exklusiven Institut herrschen sollte? Noch jetzt hielt sie alle Fasttage, freitags gab es im Hause kein Fleisch, jeden Monat fastete sie vor dem Empfang der hl. Sakramente, und der Beichtvater schien der einzige, der sich ihres und ihrer Mutter völligen Vertrauens rühmen konnte. Ich konnte doch nicht eifersüchtig sein auf den Himmel, den sie, nur hierin demütig, anbetete, und auf den Priester, der ihr die bittere Last auf ihrer Seele zu erleichtern hatte, und doch empörte mich ihr angeblich so inniger und seligmachender Glaube! Ich sprach einmal von der Absurdität des Menschen, der dem Himmel für die Leiden dankt, die dieser auf uns arme schwache Kreatur ›nach unerforschlichem Ratschluß‹ heraufbeschworen hat. Sie antwortete nicht oder nur durch ein eisiges ironisches Lächeln des Hochmutes und traf mich damit tiefer, als sie es durch eine wütende Entgegnung vermocht hätte.

Ich ließ natürlich von solchen Reden ab, und zwar auf immer. Mochte sie ihr geistiges Heil finden, wo immer. Aber ihr leibliches? Die matte Alabasterfarbe ihres Gesichtes, die vorzeitige Üppigkeit ihres Körpers waren nur die Folgen ihrer verkehrten Lebensweise. Sie hätte auch ohne den Ruf eines Heilands: Lazarus, stehe auf und wandle! sich erheben und aus ihrer von Spatzen, Zeitungen und Frömmelei belebten Existenz im vierten Stock eines Zinshauses der Lastenstraße in die leibhaftige und trotz allem schöne und lebenswerte Welt von 1913 hinausfinden können. Warum hätte sie nicht, mit dem notwendigen kunstvollen Schuhwerk versehen, Spaziergänge machen, einen leichten Beruf ausüben, ins Theater und ins Konzert gehen, vielleicht sogar etwas Sport treiben können? Sie weigerte sich, solche Schuhe zu tragen. Sie sagte, sie seien zu teuer. Die Mutter aber sandte mir einen Blick: dies war nicht wahr. Jedenfalls waren die von der Hand meines Vaters die letzten gewesen. Lieber stille liegen und sich in Langeweile und ironischer Verzweiflung, immer allein mit sich, verzehren als auffallen und sich dem Spott der blöden Masse aussetzen. Was sollte später aus ihr werden? Sah denn ihre Mutter nicht, welch tristes Alter ihrer armen, schönen, gegen sich selbst wütenden Tochter bevorstand? Einmal saßen wir zu dritt, umringt von den Spatzen, an die ich mich endlich auch gewöhnt hatte (und sie an mich), auf dem Balkon. Ich weiß nicht, war es die Mutter, war es die Tochter, (in solchen Augenblicken ähnelten sich ihre Stimmen!), es kam die Rede auf die Zukunft, und mit ruhigem Zynismus sagte eine von beiden: »Wenn Papa stirbt«, (auch die Gräfin nannte ihren Mann Papa), »gehen wir in einen kleinen adeligen Retiro, für alles ist gesorgt! Man bringt ihn uns sicherlich einmal mit gebrochenem Genick durch die Rettungsgesellschaft, er kommt lang und breit als verkanntes Genie in die Zeitung. Er läßt uns als Bettler zurück, aber unsere Zukunft ist gesichert ohne ihn!« Später deutete mir Alexandra etwas von ihren Familienverhältnissen an. Der Vater hatte keinen Sinn für Geld, oder vielmehr, er hatte in seinem technischen Fanatismus, seinem Erfindungswahn nur seine Maschine im Auge, in welcher seine Angehörigen nichts als ein raffiniertes Selbstmordinstrument sahen; es könne nur den Aufstieg in den Himmel bewerkstelligen, höhnten sie beide. Die Mutter hatte daher rechtzeitig Geld beiseite gelegt, Krone auf Krone, eine mäßige Summe, um sich nach dem Heimgang des Gatten mit ihrer Tochter ein standesgemäßes Leben und Sterben zu sichern.

Aber war denn der Vater, dieser etwas zum Lügen und Flunkern geneigte, aber charmante, joviale, phantasievolle, im Technischen geniale und auch sonst noch begabte Kavalier die Ursache all des trägen Jammers? Nein, die Mutter war es. Sie stammte aus einer zwar reichsunmittelbaren, aber stark degenerierten Familie, in welcher solche Lähmungen wie die der Tochter häufig waren. Alexandras Großmutter hatte sie gehabt und andere Verwandte auch. Trotzdem die Gräfin dies wußte, hatte sie in einer unbezähmbaren Leidenschaft den Grafen geheiratet. Das Glück muß aber kurz, die Reue lang gewesen sein. Deshalb war Alexandra das einzige Kind geblieben. Deshalb suchte der Graf seine Freuden und Leiden in seiner Fabrik, nicht daheim. Was hätte ich dazu sagen können? Ich schwieg, ich wurde nicht ritterlicher und zärtlicher als bisher, ich wollte auch nicht den leisesten Anschein des Mitleidens erwecken und so gewann ich, vielleicht als erster Mensch außer der Mutter und dem Priester, ihr Vertrauen.

Ja, sie gestand mir sogar manches, was sie beiden verschwieg, zum Beispiel, daß der Balkon nicht nur der Spatzenwelt wegen ihr Lieblingsaufenthalt sei, er locke sie viel stärker noch durch seine Höhe, durch den Abgrund vor ihr, es reize sie oft bis zur Atemlosigkeit, zu wütendem aber süßem Herzklopfen, sich mit geschlossenen Augen hinabzustürzen, aber so, daß sie zwar tot, aber nicht verstümmelt unten anlange. Sie beschrieb mir mit unnatürlicher Ruhe, wie sie sich alles ausgedacht hatte, (Schutz des Gesichtes durch Tücher usw.). Sie hatte probeweise Zeitungen hinabgeworfen, ausgebreitete Blätter und zusammengeballte. Es durchlief mich mit furchtbarem Schauder. Ich zeigte aber nichts davon, sondern tat, als verstände ich das, was ich doch nie und nimmer verstehen konnte!

Ich brachte in unsere Unterhaltung einige ganz feine Schlingen an, nicht um Alexandra zu fangen, sondern um sie zu befreien, auch von sich, um sie zu lösen! Ich sprach von dem Hofball, den sie besuchen könne. Entsprechend ihrer Ahnenzahl würde sie gleich nach den Adelstöchtern der mediatisierten Häuser figurieren, und ihre Freundinnen würden sich blau und grün ärgern, weil sie, Alexandra, lange vor ihnen in der Reihe den Hofknicks absolvieren würde, vor unserem Monarchen und der Erzherzogin, welche die Stelle der verstorbenen Kaiserin vertrat. Alexandra strahlte. Ich sprach von weiten Reisen, ich deutete an, ich könne vielleicht viel Geld erwerben, ich sprach von gefährlichen Jagden auf Großwild in fremden Ländern, in den Tropen, denn ich wußte, Alexandra hatte Mut, Durst nach Reisen, Abenteuern, Sensationen. Ich ließ uns als Bruder und Schwester, beide von oben bis unten in Khaki gekleidet, von einer gewaltigen Horde schweißtriefender Schwarzer begleitet, Expeditionen ins Innere Afrikas unternehmen, an den schilfigen Ufern noch unentdeckter Seen auf seltenes Sumpfgeflügel jagen, mit schweren Gewehren, die sonst nur Männer handhaben konnten, auf Nilpferde und andere gigantische Bestien schießen. »Aber ich hinke doch!« warf sie ein, nach langem Schweigen, während dessen alle möglichen Gefühle auf ihrem Gesicht gegeistert hatten. Ich schüttelte lächelnd den Kopf.

Ich war glücklich, wiederhole ich, mitten in ihrem und meinem Unglück, (denn ich teilte bereits ihr Leben wie nie das eines Menschen vorher), denn ich sah, daß sie den Namen ihres Gebrechens endlich aussprechen konnte, daß sie ihm in ihrem Geist herzhaft gegenüberstand, daß sie sich nicht mehr vor ihm versteckte in Hohn, Ironie, Schadenfreude und Neid. Sie begann sich etwas zu verändern, sie nahm ab, ihre blendende Schönheit vertiefte sich, das berauschend Weibliche trat etwas zurück, und ein Mensch mit seinen Leiden, seinen Leidenschaften, seinem Widerspruch trat scheu hervor. Begann sie zu leben – mit mir?

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