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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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8.

Es war ebenfalls ein Hochsommer, aber einige Jahre später, als ich durch meinen Vater eine Überraschung erfuhr. Ich war beim Frisör und wartete darauf, bis mir meine Haare, sehr kurz, wie immer, geschnitten würden. Der Laden war sehr voll. Es war kurz vor den großen Ferien. Ich verschwendete die Zeit des Wartens und des Haarschneidens nicht. Mit dem Frisör, der gern plauderte, ließ ich mich in kein Gespräch ein, sondern benutzte die Zeit, um einen Dialog des Plato zu lesen, der in der Schule nicht vorgenommen wurde. (Ich gab Plato nicht recht in seinem Haß gegen die großen Sophisten.) In einer entfernten Ecke saß ein Herr, dem ein Frisörgehilfe schon früher als mir den weißen knisternden, frisch gestärkten Frisiermantel umgehängt hatte und mit dem der Haarkünstler sich lachend und lebhaft erzählend unterhielt. Jetzt nahm mich ein anderer Gehilfe vor. Nachdem mein Frisör fertig geworden war, blieb ich in meiner Zerstreutheit sitzen. Ich konnte mich von dem Buche nicht losreißen, es war ein sinnliches Entzücken, mit dem ich es las, ein Gefühl des Überlegenseins, der geistigen Freiheit, der uns Überlebenden nach Jahrtausenden völlig freigestellten Wahl zwischen Protagoras und seinen Gegnern, das mir die Empfindung gab, erst ich habe zu entscheiden, die glückliche Wahl liege in absoluter Freiheit endlich in mir selbst.

Ich war so versunken in mein Heft (es war ein ganz schmales Buch), daß ich aufschrak, als ein hochgewachsener Herr, eben der Kunde, der gleichzeitig mit mir bedient worden war, mir den glattgeschorenen Kopf streichelte, wobei ich die Wärme seiner weichen, wie knochenlosen Hand, an der viele Ringe waren, besonders unheimlich empfand. Ich wandte mich erschreckt und voller Wut um und sah meinem Vater ins Gesicht. Er lachte mich an. Aber war er es denn? Er war verändert, verjüngt, ein anderer geworden. Der Bart, der seine Wangen, seine Oberlippe, das Kinn bis zum Halse hinab bedeckt hatte, war eben gefallen. Auf der Erde kehrte eben der Lehrling mit einer kleinen Nickelschaufel und einem abgenützten Besen das goldbraune Gelock zusammen. In meiner Verwirrung vergaß ich, mir eine Strähne seines Haares auszubitten. Auch später, als er im Sterben lag, sollte mir das gleiche widerfahren, wieder sollte ich den Wunsch haben, nur noch etwas Lebendiges, Dauerndes aufzubewahren –, und wiederum sollte ich es unterlassen. Jetzt konnte ich mich von diesem veränderten Gesicht nicht losreißen. In meiner Verwirrung blieb ich sitzen, starrte ihn von unten her an. Jetzt sprach sein Gesicht ganz anders zu mir als früher. Was der Bart bedeckt hatte, wurde offenbar, und ich sah das unruhige Zucken, das für mich so geheimnisvolle, nackte, bezaubernde und bannende Leben seiner Züge auch dann, wenn er die Augen gesenkt hielt, in denen fast ausschließlich ich bis jetzt hatte lesen können. Arm in Arm verließen wir den Laden, großmütig hatte er für mich gezahlt, ich durfte nie Geld ausgeben, wenn ich mit ihm zusammen war.

Ich war so selig, ihn unverhofft zu sehen und der erste zu sein, der sein verjüngtes Gesicht vor die Augen bekam, daß ich ihn nicht mehr an diesem Nachmittag verlassen wollte. Des öftern hatte ich ihm in seinem Büro helfen dürfen, Briefe in die Kopierpresse einzulegen, in dem mit Messing an den Ecken beschlagenen Hauptbuch den Namen eines ›faulen‹ Kunden zu suchen, manchmal sollte ich gar, wenn er fortging, den Buchhalter ›beaufsichtigen‹, ganz, als sollte ich später sein Nachfolger werden. Ich wollte gern.

Plötzlich blieb er stehen. Er sah mich merkwürdig an. »Wohin willst du eigentlich?« fragte er. Er wollte vielleicht noch gar nicht ins Büro. »Kann ich dich heute nicht begleiten?« fragte ich, »laß mich doch bei dir sein.« Er schwieg, und dann sagte er: »Ich müßte eigentlich auf den Friedhof.« Er lächelte dabei, seine schönen, etwas weit auseinanderstehenden Zähne zeigend.

Es handelte sich natürlich nicht um etwas Trauriges. Sondern er hatte, wie ich von meinen Besuchen in seinem Büro wußte, einen riesigen, seit sehr langer Zeit aufgelassenen Friedhof im Osten von der Stadtgemeinde erworben, er wollte ihn parzellieren und zu Wohnstätten umgestalten. Er schwankte noch, sollte er Villen mit kleinen Gärten aus dem Grundstück ›schneiden‹, oder sollte er große Arbeitersiedlungen entwerfen. Der Weg dorthin ging durch häßliche, aber sehr dicht bewohnte Arbeiterviertel, es war kein fröhlicher Spaziergang, die Menschen taten mir leid, aber ich fühlte mich nicht zu ihnen gehörig. Vielleicht hätte ich anders sein sollen. Aber ich konnte es nicht, immer aus dem gleichen Grund. Nur seine Not hätte mich ergriffen.

Endlich begriff ich undeutlich, (wie langsam, wie zögernd, wie schwer!), daß er vielleicht nicht ganz ungern von mir befreit sein wollte. »Unnütz! Unnütz, Kind!« sagte er jetzt. In letzter Zeit hatte er sich dieses unselige Wort, dessen Klang mir seit den Kinderjahren verhaßt war, beinahe abgewöhnt. Brachte er es wieder vor, um mich abzuschrecken? Ich blieb aber dabei, ich verteidigte mich eben.

»Hast du zufällig eine Zigarre?« fragte er mich also jetzt. Selbstverständlich hatte ich keine. Alles war also klar, leider! Vor einer Tabaktrafik entfernte ich mich. Er lachte mir zum Abschied zu. Aber gerade an diesem Tage trieb es mich, unwiderstehlich wie es in einen bei einer unglücklichen Liebe treiben mag, trotz allem bei ihm zu bleiben, mich an ihn zu hängen. Auch im Hängen, im Gezerrtwerden, im passiven Lieben kann eine wunderbare Wollust liegen. Ich versteckte mich.

Jetzt trat er aus der Trafik hervor, sah sich verschmitzt lächelnd um (in seinem ›neuen Gesicht‹ las ich wie in einem offenen Buch), zündete sich seine Zigarre an und ging in eine Konditorei, in der er lange verweilte und aus der er mit einer großen Tüte hervorkam. Er teilte stets alles mit allen. Nie habe ich ihn zum Beispiel bei Tisch etwas verzehren sehen, das er nicht mit uns allen geteilt hätte. Er sah mich nicht. Ich nahm an, er würde jetzt den Weg zu seinem Friedhof einschlagen. Er wollte vielleicht auf dem Wege nur deshalb allein sein, um seine Geschäfte zu überdenken. Der Friedhof war nämlich kein ungefährliches Geschäft. Er hatte gewaltige Wechsel unterschrieben, alle seine Freunde zu Bürgschaften verpflichtet, selbst seinen Nachfolger in der Schuhwerkstatt. Er hatte sich an einen Termin binden müssen bei der Stadtgemeinde, und dieser Termin zur Bebauung des Geländes war verhältnismäßig kurz. Warum konnte ich ihm nicht helfen? Warum verbarg er uns allen sein Geheimnis? Nicht er, sondern der Buchhalter, Herr Peters, hatte mir die ›Bedrängnis‹ mitgeteilt. Meiner Mutter hatte ich sie verschwiegen.

Ich eilte jetzt schnell auf einem Umweg, um ihn nicht zu stören in seinen Gedanken, durch den häßlichen Vorort dem Friedhof zu. An dem Portal wartete ich auf ihn.

Die Grabsteine hinter den Gittern waren meist entfernt, die Gebeine waren längst exhumiert, aber die Bäume und Sträucher standen noch, die Umzäunungen der Ruhestätten (ohne Ruhe) waren an einigen Stellen erhalten. Die Wege begannen unter prächtig aufgeschossenem Unkraut zu verschwinden, das schwarzgrüne Laub der Lebensbäume und das türkisfarbene der Eiben war eingebettet zwischen dem smaragdfarbenen, in Sommersglut strahlenden Laubwerk von allerhand Gebüsch. Linden, Birken, Platanen und Kastanien standen in Alleen, Amseln und Drosseln flöteten, hinter der dichten Laubmasse verborgen, besonders laut. Sie fühlten sich hier wohl. Niemand störte sie.

Ich hatte mich auf die niedrige Mauer hinaufgeschwungen, hatte mein Buch herausgenommen und mich allmählich wieder hineinversenkt. Zwischen die Seiten des Buches waren feine blonde Haare hineingefallen. Waren es meine? Waren es seine? Er war ja hinter meiner Schulter gestanden, hatte hineingeblickt. Ich schüttelte sie nicht heraus. Lange nachher sind sie noch erhalten geblieben. Das Bild meines Vaters trat mir plötzlich so leibhaft vor Augen, daß ich seinen Schritt zu hören glaubte.

Ich entsann mich meines Gedankens als Kind, daß wir alle drei immer zusammenleben würden. Der wehmütig rufende Gesang der Amseln, das sinkende bronzefarbene Abendlicht stimmten mich ernst, aber nicht traurig, es war nur ein anderes, ruhendes Glück! Gemeinsam alle drei sterben und keiner den anderen überleben, das wünschte ich aus tiefstem Herzen. An meine Schwester dachte ich nicht ... Nur an ihn und sie.

Von einer nahen Kirche schlug die Uhr sieben. Mein Vater kam wohl nicht mehr.

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