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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 89
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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9.

Ich wußte, daß es zu den schwierigsten, (und doch wie nutzlosen) Aufgaben gehört, die unverschämt frechen und zugleich scheuen Spatzen zu zähmen. Welche ungeheure Geduld mußte Alexandra aufgebracht haben! Welchen Wert hatte wohl ihre Zeit?

Ich sah fast nie Bücher oder Handarbeiten, dafür aber immer Zeitungen in ihrer Hand, und ich merkte bald, daß es ihr an einer gewissen, nicht gerade banalen Bildung nicht fehlte. Mühelos beherrschte sie das Französische, das Englische und bis zu einem gewissen Grad das Italienische. Mit dem Diener, der aus dem Elsaß stammte, wo entfernte Verwandte von ihr ausgedehnte Besitzungen hatten, sprach sie französisch. Ich verstand fast nichts davon. Wußte sie es, wußte sie es nicht? War es Absicht, daß sie auch mich an diesem Abend französisch ansprach, und mich zwang, ihr stockend meine Unkenntnis einzugestehen?

Sie war an allem interessiert, aber so gleichmäßig an allem, daß ich bald einsah, sie interessierte sich nicht im geringsten für etwas, das ich und nur ich ihr hätte mitteilen können. Ab und zu traf ich sie mit dem Rosenkranz um das schmale Handgelenk an. Sie trug es wie eine zu lange Perlenhalskette, die man auch als Bracelet benutzt. Sie reichte mir die Hand zum Kuß. Oder den Rosenkranz? Ich wußte nicht, wollte sie, daß ich die nach Ambra duftenden, etwas matt gewordenen Elfenbeinkugeln küsse statt ihrer Hand? Auch an ihrer herrlichen Brust funkelte ein kleines goldenes Kreuzchen, das ab und zu in dem faltenreichen Jabot verschwand. War sie also sehr fromm? Oder gehörte dies zu der Denkungsweise ihrer Kreise? Vielleicht half es mir, wenn ich dies ergründete, vielleicht kam ich ihr näher, wenn ich hier nachzufolgen versuchte und etwas von meinen glaubenlosen Philosophien opferte oder wenigstens abänderte! Wie gerne hätte ich etwas gemeinsam mit ihr gehabt! Mir blieb nichts als Geduld. Denn bei aller List ließ sie sich nie auf ein ernstes Gespräch über ihren Glauben ein. Nicht mit einem Blick, einem Zittern der Stimme gab sie sich mir hin. Aber deshalb umfaßte ich sie noch sanfter und tiefer mit meinen Gedanken. Zufällig hatte ich sie an einem Sonntag bei der kleinen Kapelle vorfahren gesehen, die in einem der inneren Höfe der ›Burg‹ steht, und wo manchmal von den Hofmusikern und den berühmten Wiener Sängerknaben große Messen mit Chören und vollem Orchester zelebriert werden. Ich sah, wie sie schwerfällig aus einem einspännigen Mietswagen stieg, von ihrer Mutter begleitet. Sie wollte nicht von ihr gestützt werden. Sie ging zum Portale, ich glaube, sie hinkte etwas, nicht viel. Der alte Diener, der mit dem Meßbuch in der Hand vom Bocke herabturnte, hinkte viel mehr als sie, kam es mir vor, als wolle er zeigen, daß ihm der Kirchenbesuch eine Mühe und Plage bedeute.

Ich hütete mich wohl, eine Anspielung auf das Gebrechen zu machen. Ich hatte unendliche Geduld mit dem armen geliebten Geschöpf, und doch war es noch zu wenig Geduld für sie!

Bei Karla hatte ich Geduld gelernt, aber von Karla hatte ich etwas gewollt, ich hatte sie besitzen, genießend mich ihrer bemächtigen wollen auf immer. Bei Alexandra aber wollte ich nur bleiben, ihr etwas hartes, alpengrünes Auge auf mich gerichtet sehen mit träge funkelndem Glanz. Wenn ich kam, hörte ich sie manchmal in dem großen, mit altmodischen und schlecht zueinander passenden Möbelstücken ausgestatteten ›Besuchssalon‹ umherhinken, ich wartete, bis sie sich schön zurecht gesetzt hatte, ich ließ es mir gefallen, daß sie mich dann ironisch fragte, was ich denn so lange im Vorzimmer, im Gang getan habe? Vielleicht hätte ich in der Schale nach neuen Visitenkarten umhergestöbert? Mondäne Neugierde ist niemals meine Schwäche gewesen, und solche Geheimnisse waren die letzten, hinter die ich zu kommen gedachte. Aber ich verstand sie.

Manchmal wünschte ich mir, ich wäre blind. Ich dachte, ich würde sie dann viel mehr lieben, wenn ich ihre Schwächen nicht erkennen müßte. Aber bald unterschied ich das Schwache und das Starke nicht mehr in ihr. Ich sagte mir, ich begehre sie nicht, ich wolle sie als Bruder mit Innigkeit, aber ohne Sinnlichkeit lieben, ohne sie zu stören.

Aber dies war unmöglich, meine Liebe war tätig, auch gegen meine gute Absicht, sie mußte etwas ändern, sie wollte handeln.

Ich konnte mir zum Beispiel nicht vorstellen, daß ihre Apathie ganz echt war. Denn ich konnte ihr erzählen, was ich wollte, ich konnte keine Farbe auf ihre wachsbleichen Wangen zaubern, kein wärmeres Licht in ihr smaragdfarbenes Auge. Und das einzige Mal, wo ich sie weinen gesehen habe oder Tränen vergießen, war, als sie bis zu Tränen gähnte. Ich hatte von der Gefahr kriegerischer Verwicklungen gesprochen, die mir der gute Wharf von Tag zu Tag düsterer an die Wand malte. »Armer, guter Österreich!«

Oft bot ich Alexandra Bücher an, unglücklicherweise kannte sie alle bereits, obgleich sie eben erst die Presse verlassen hatten. (Offenbar genügten ihr die Notizen in der Zeitung. Sie kannte die Werke nicht und wußte doch, wo und wie sehr sie mißlungen waren.) Ich brachte ihr den schönsten, erlesensten Blumenstrauß, in der Hoffnung, sie zu erfreuen. Am nächsten Tage roch es im Salon durchdringend nach Verveine, die Blumen hatten kein Wasser und machten den Eindruck, als habe man sie angebrannt. Alexandra hatte sie mit Parfüm begossen.

Sie sprach bisweilen in wunderbar geformten Sätzen, als hätte sie alles auswendig gelernt. Darin erinnerte sie mich an Karl oder an meine Mutter. Aber meine Mutter war ja nichts als Güte und Wohlwollen. Alexandra aber konnte von niemandem etwas Gutes berichten hören, man durfte in ihrer Gegenwart an keinem ein gutes Haar lassen. Sie selbst konnte es leider auch nicht, denn sie sagte, sie sei nicht mit Blindheit geschlagen, sondern mit sehenden Augen! Von ihrem Vater wußte sie nur, daß er sich aussichtslosen Experimenten ergeben hatte, welche die letzten Reste des Vermögens verschlungen hatten. Er habe sich sogar an einer Summe vergriffen, die der Exzellenzherr im Elsaß für ihre, Alexandras Spezialbehandlung ausgesetzt habe.

Ich unterbrach Alexandra, (was sie haßte) und fragte aufstehend und hastig zu ihr tretend, das Gesicht von heißer Röte übergössen, ob denn noch jetzt eine besondere Behandlung möglich sei. Sie stieß mich mit beiden Händen zurück, als nähere ich mich ihr mit brennenden Kleidern! Das furchtbare Thema war angeschlagen, ich konnte nichts Besseres tun, als schleunigst zu gehen. Als ich im Vorzimmer war, erhob sich Alexandra und hinkte im Zimmer umher, mit ihren hohen Absätzen absichtlich lärmend; immer je ein lautes Auftreten und ein ganz leises, wie es nur Krüppel, Einbeinige zustande bringen! Und sie tat, als ob sie weine! Wozu? Um sich an mir zu rächen, damit ich mehr mit ihr und an ihr leiden solle!

Aber am nächsten Abend war sie voll unbeschreiblicher Zartheit und Tochterliebe für den alten Vater, der dieses Trostes wohl bedurfte, denn sein Girakter, von dem er sich vermaß, er wolle mit ihm aus einem Lichthof aufsteigen und ebenda auch nach einem großen Flug wieder landen, erfüllte die einfachsten Bedingungen des Aero-Klubs nicht, und eine große Subvention ging dem Erfinder verloren.

An einem der folgenden Besuche begann ich von meinem Vater zu sprechen. Vielleicht hätte ich, ohne ihn, den ich immer noch liebte und immer lieben werde, zu verraten, doch einige seiner winzigen Schwächen preisgegeben, um mich ja nicht über Alexandra als die Tochter eines sicherlich etwas eitlen und fanatischen, in seiner Erfindertätigkeit skrupellosen Vaters zu erheben. Aber kaum daß ich das erste Wort hatte fallen lassen, als sich das Gesicht der Geliebten in furchtbarer Wut verzerrte. Als ich aber schon eine geraume Zeit erstaunt innehielt, schleuderte sie mir die furchtbaren Worte entgegen: »Schweigen Sie! Ihr Vater? Vor den Leuten hinknien, ihnen die schmutzigen Füße küssen, sie mit Lügen hinhalten – und davon groß leben, schämen Sie sich denn nicht für ihn?« Die alte gute Gräfin erhob sich und winkte mir, ihr zu folgen. Ich erfuhr, daß das Versprechen (?) meines Vaters, er werde Alexandra von ihrem Gebrechen befreien, mit die Ursache ihrer Verbitterung, ihrer Friedlosigkeit, ihrer Einsamkeit, ihres Mißtrauens sei und daher auch die Ursache ihrer Ehelosigkeit. Daran hatte der federleichte Schwärmer mit den begnadeten Händen nicht gedacht! Ich entsann mich bloß, daß er in seiner Güte, weil er eben überall Freude um sich sehen wollte, gesagt hatte, er hoffe, ein zweites Paar Schuhe werde bei der kleinen Komtesse nicht mehr nötig sein, die Zeit könne Wunder wirken.

Es hatte keinen Sinn dies aufzuklären. Ich nahm die Schuld des Unvergeßlichen mit Fassung auf mich. Aber jetzt zeigte sich Alexandra großmütig, sie ließ mich nach ein paar Tagen zu sich bitten und zwar durch Wharf, der manchmal zu ihrem Vater kam. Sie reichte mir zum Empfang beide Hände, sie hatte sogar aufstehen wollen, um mir entgegenzugehen, dann ließ sie mich auf ihr Sofa niedersetzen, streifte mit ihren Knien meine Hüfte und sprach mir etwas wie Trost zu, im Glauben, ich sei viel unglücklicher als sie! Dann stand sie auf, ging mit mir zum Balkon, wo ein paar Spatzen laut schilpernd bettelten, sie wandte ihr Gesicht dem kalten Wind entgegen und den Schneeflocken, die an ihren dünnen, aber herrlich gezeichneten Augenbrauen und den langen, dichten, weidenrutenartig geschwungenen Wimpern schmolzen, sie griff mir mit ihrer kleinen warmen Hand in die Taschen, um von hier Brosamen hervorzuholen, sie wußte, daß ich wie so mancher andere ab und zu ein Stück Brot oder Biskuit in der Tasche trug.

An diesem Abend zeigte sie mir das Buch, in dem sie zu dieser Zeit am meisten las, den Jahresalmanach des Hochadels, die Genealogie der reichsunmittelbaren Häuser. Sie sagte, ich solle sie nicht für hochmütig halten, aber sie habe die Pflicht, das an adeliger Tradition weiterzugeben, was sie von ihren Ahnen empfangen habe. Dreißig Generationen stolzer, sich und andere beherrschender Menschen gingen nicht spurlos vorbei an einem Menschen. Ich sei vielleicht etwas geworden, und ich würde noch viel höher steigen, (Wharf hatte ihrem Vater gegenüber übertrieben viel Lob gesungen von meinen kleinen Arbeiten und Plänen), aber sie wollte nur bleiben was sie sei. (Also niemals die Meine.) Sie zählte auf, was ihr versagt sei, leichter Sinn, Geld, Glück! (Und eben erst war sie die Glückliche, ich der Unglückliche gewesen.) Sie könne bettelarm leben, auch in der Ehe, aber sie werde niemals unter ihrem Stande heiraten. Sie zeigte mir ihre schönen Hände, die nicht einen einzigen Ring trugen. Ich wußte, sie liebte schöne Steine, besonders Diamanten, aber ich konnte ihr keinen schenken, sie konnte nichts derart von mir annehmen. »Aber das ist es nicht allein«, sagte sie, sich unmerklich an mich schmiegend, (es war kalt, und sie konnte sich doch nicht trennen von dem unzufriedenen, flügelschlagenden, schnabelaufsperrenden, fast menschlich jammernden Getier, das recht sehr hungerte in diesem schneereichen Winter), »ich habe noch einen anderen Adel, der kommt von oben und heißt Leiden. Verstehst du das?« Ich antwortete nicht, zog sie in das Zimmer zurück und ging. Es war das erste Du zwischen uns und zugleich das letzte auf lange Zeit.

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