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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 88
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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8.

Die Wohnung des Grafen v. W. befand sich tatsächlich im vierten Stockwerk. Ich kam zum erstenmal an einem Donnerstagabend, Ende September. Geöffnet wurde mir von einem ältlichen, mürrisch aussehenden Mann mit verkniffenem Mund und weißen Bartkoteletten, steifem, etwas vergilbten Stehkragen und mit vielen Messingknöpfen an der schwarz und blau gestreiften Dienerweste. Das große, hohe, mit grünen Tapeten ausgeschlagene Vorzimmer hatte als Einrichtung nur eine kleine Wandgarderobe, an der drei oder vier Damenmäntel hingen, im Schirmständer befanden sich einige Schirme aus Seide mit schön geschnitzten Griffen. Auf dem kleinen rechteckigen Spiegeltischchen, das zur Garderobe gehörte, befand sich eine blank geputzte, aber recht dünne, in Ornamenten gepreßte Silberschale mit zahlreichen Visitenkarten. Die Türen zu allen anliegenden Räumen standen offen, und der Luftzug war so stark, daß ich es vorzog, die Tür hinter mir zu schließen. In einem Nebenraume sah ich eine alte, hochgewachsene Frau mit einem schwarzen Silberkasten beschäftigt, aus dessen zahlreichen Fächern sie, ohne sich um den Gast zu kümmern, Silberlöffel oder dergleichen hervorholte. Auf dem dünnen grünen Läufer des Vorzimmers lagen einige Seidenpapiere von der Art, wie man sie zum Einwickeln von Blumensträußen verwendet. Der Diener, der sie vielleicht erst jetzt bemerkte, bückte sich, die Nase noch mürrischer verziehend, mühsam nach ihnen, ballte sie dann zusammen und steckte sie in die Tasche. Aus den vorderen Räumen der Wohnung drang Gelächter und einige helle Stimmen klangen lustig durcheinander. Sonderbarerweise war mir eben die Beschließerin beim Silberkasten bekannt vorgekommen, aber ich wußte nicht, wo ich sie hintun sollte. Mein fast unfehlbares Gedächtnis versagte. Ich reichte dem Diener meine Karte, die er, ohne ein Wort zu sagen, in das Nebenzimmer trug, sie der Beschließerin zeigte, um sie dann vorne zu präsentieren.

Sehr bald darauf brach das Lachen und das zwitschernde Geplauder ab, und dafür drang, für einen Augenblick nur, das dumpfe Dröhnen der Straße herauf. Das Haus ging auf die sogenannte ›Lastenstraße‹ hinaus, die dem höchst vornehmen Ring parallel läuft und besonders für die schweren, lärmenden Fuhrwerke bestimmt ist.

Der Diener kam sehr bald zurück, legte die Karte in das Silberschälchen und verbeugte sich vor mir. Hieß das, daß ich gehen sollte? Er lächelte jetzt etwas devot, seine dünnen Lippen auseinanderziehend. Hieß das, ich solle ihm ein Trinkgeld geben? Ich hatte natürlich in Erinnerung, daß Antrittsvisiten in Häusern, die auf Form halten, nicht anders verlaufen und daß man in solchen Fällen den Dienstpersonen kein Trinkgeld verabreicht. Ich nickte ihm also freundlich zu und ging. Die Beschließerin stand jetzt in ihrer Tür, in gemessener, vornehmer Haltung, ohne eine Miene ihres mehr von Sorgen gezeichneten, als abweisenden Gesichtes zu verziehen. Sie lächelte nicht. Ich ging. Auf der Treppe besann ich mich. Ich erkannte die alte Frau wieder. Es war die Gräfin, die ich doch vor Jahren bei meinem Vater gesehen hatte und deren Stimme mir hätte bekannt sein müssen. Warum hatte sie kein Wort gesprochen? Mein Benehmen machte meiner Menschenkenntnis keine Ehre. Ich entschloß mich, sofort umzukehren. Merkwürdigerweise stand das Entrée bereits offen, so daß mir der beschämende Augenblick erspart war, in dem ich nochmals hätte klingeln müssen. Die alte Dame war an ihrer Arbeit. Sie nahm meine Entschuldigung, ohne sich stören zu lassen, mit dem zarten Charme entgegen, den alte, etwas resignierte Menschen von gutem Herzen selten verbergen können. Sie wußte, wer ich war, und als sie hörte, daß ich schon seit langem in Wien wohnte, gab sie ihrer Verwunderung darüber Ausdruck, daß ich sie noch nicht früher aufgesucht hatte. Sie entsann sich meines Vaters. Sie sprach leise zu mir. Sie forderte mich aber auch jetzt nicht auf zu bleiben, es war ein Festtag, vielleicht der Geburtstag ihrer Tochter. Aber sie ließ mich nicht fortgehen, ohne, mich dringend für bald, für sehr bald einzuladen. Wahrscheinlich hatte ihre Tochter nicht an jedem Tag so viele Menschen um sich. Es schien mir übrigens, als ob auch nicht jeden Nachmittag Schokolade gekocht und Schlagsahne vorbereitet würde, und als ob die goldgeränderten Tassen, die vergoldeten Löffelchen nur an seltenen Festtagen ans Tageslicht kämen.

Ich ließ mit großer, aber doch freudiger Ungeduld noch einige Tage vergehen, es war Montag, als ich das Haus wieder aufsuchte. Der Diener, den die Gräfin Thodór, (mit der Betonung auf der letzten Silbe), gerufen hatte, öffnete mir und führte mich sofort zu der Komtesse. Ich hatte gefürchtet, ihr Anblick würde wie ein Blitz einschlagen in mir, so wie es vor so vielen Jahren der Fall gewesen war. Aber es war nicht so. Ich sah, von schimpfenden und mit den Flügeln schlagenden, staubfarbenen Spatzen umringt, eine etwas üppige, blasse Gestalt, halb sitzend, halb liegend, auf dem Balkon in einem Liegestuhl mit aufgerichteter Lehne aus Rohrgeflecht, den bei aller Mädchenhaftigkeit etwas zu starken Oberkörper in einer schneeweißen Batistbluse, die Hände beschäftigt, die Spatzen abzuwehren, die an ihren bezaubernden, fein zugespitzten rosaroten Fingern pickten, obwohl doch keine Bröselchen von ihnen gehalten wurden. Die Stirn war hoch, das rostfarbene Haar war überreich, war aber mit solcher Kühnheit nach rückwärts gestrichen, daß die kleinen, aber etwas abstehenden Ohren frei blieben. Ihre Taille war ungewöhnlich dünn, ein hoher, hellgrüner Ledergürtel umspannte sie eng wie bei einem halbwüchsigen Mädchen. Alles andere war von einer etwas abgenutzten, schottischen, rosa und chromgelb karierten Reisedecke verhüllt. In den Falten dieser Decke mußten noch Brotkrümel liegen. Plötzlich zog das adelige Fräulein die Knie mit solchem Schwung an sich, daß die Brotkrümelchen hoch emporsausten, um von den Spatzen, (die dieses Spiel sicherlich kannten), im Fluge aufgefangen zu werden. Jetzt streckte sie sich mit einem trägen Seufzer, den sie vielleicht lieber unterdrückt hätte, wieder aus, mit den Händen den Körper entlang streifend. Sie bot mir einen Stuhl an, sah mir mit ihren sehr großen, eher blauen als grünen, scharfen und klaren Augen, halb fordernd, halb stolz und unnahbar ins Gesicht. Jetzt erst glich sie der Alexandra von einst.

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