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Der Verführer

: Der Verführer - Kapitel 86
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleDer Verführer
publisherInsel Verlag
printrunErste Auflage
year1980
firstpub1938
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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6.

Da ich mich damals von den Frauen etwas zurückgezogen hatte, nicht ganz – und mir vorgenommen hatte, mich täglich von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends, mit einer halbstündigen Unterbrechung, mit meiner Arbeit zu beschäftigen, (es ging um die Frage: Gott über der Natur oder Gott in der Natur, Gott als Herr der Zeit oder Gott als Zeit selbst), blieb uns nur der Abend. Aber es war glücklicherweise um diese Zeit, Anfang Juni, noch lange hell. Ich sagte, um Sattelzeug brauchte ich mich nicht zu kümmern, auch nicht um Sporen, Peitsche oder ähnliche Behelfe. Max bedeutete mir am ersten Abend, ich solle es mir bequem machen. Ich sah ihn erstaunt an, wie er dastand, in seiner Wolke von Heliotropbrillantine, Tabak- und Stallduft, in der einen Hand die Handschuhe, an der anderen ein schönes, etwas fettes Pferd an einer Longe aus Hanf haltend. Er rief mir zu, – (das Pferd wieherte gerade in der mächtig tönenden, holzgedeckten Halle), ich solle mich entkleiden und nur das Nötigste anbehalten. Ich folgte seinem Rat. Das Pferd war fast ebenso nackt wie ich. Dann forderte er mich auf, so schnell wie möglich auf das Pferd hinaufzukommen. Er half mir nicht. Ich klammerte mich an die Mähne und zog mich empor, sehr zum Leidwesen des dicken Gauls, der ausschlug und von sich blies, aber das genügte nicht. Wie leicht wäre es mit Steigbügeln oder mit einem Schemel gewesen! Aber ich wußte, daß alle Bauernjungen, welche die Gäule zur Schwemme reiten, ohne Hilfsmittel sich den Pferden auf den Rücken werfen. Es brauchte eben nur einen Schwung, während man sich mit der linken Hand auf den Widerrist des Pferdes stützt, und diesen fand ich. Welch seltsames Gefühl, auf dem nackten, knisternden tierwarmen Rücken des Gaules zu sitzen, Haut an Haut! Von den Stößen des antrabenden Pferdes emporgeworfen werden und mehr als einmal in die Lohe hinabsausen, mit der die Reitbahn bestreut war! und den Pferdeleib von unten her betrachten. Aber das schreckte mich nicht. Ich lachte nicht und fluchte nicht. Ich verbiß den Schmerz, ich begann von neuem. Immer schneller trabte das Pferd, immer höher schleuderte es mich, aber ich hielt mich mit dem entfalteten Gesäß oben und faßte den gewaltigen, tonnenartigen Pferdeleib zwischen die Knochen der Knie, und lernte an zehn solchen Abenden mehr Sitz und erfaßte mehr vom Spiel des Trabes und kurzen Galopps, als wenn ich mit Sattel, Zügel und Bügel, mit Reitstiefeln und Sporen gerüstet, jahrelang den üblichen Weg gegangen wäre.

Das Pferd wechselte oft, im Anfang war es eine behäbige Mähre, später eine unruhige Fuchsstute, dann ritt ich frei von der Longe einen schönen Schimmel, dreijährig, Halbblut, und zuletzt war es Maxis eigenes Pferd. Das heißt, es gehörte dem österreichischen Militär-Ärar. Denn ein Ritter wie Maxi, trotz seinem hochtönenden uradeligen Namen fast vermögenslos geboren, hatte nur Schulden, und ich glaube, das ärarische Pferd, das er in den Urlaub mitgenommen hatte, wurde von den Karten ernährt. Auch wenn er im Spiele verlor, durfte es dem Tier an nichts fehlen, lieber hätte er gehungert. Ich wußte es zu würdigen, daß er mich auf seinem Gaul reiten ließ. Es war die größte Freude, die er mir verschaffen konnte: eine animalische und doch reine Freude! Wenn wir in einer der Alleen des Praters, die aus dem gepflegten Teil des Parkes auf Buschpfaden in die wilden, weglosen Donauauen führten, hinaustrabten, die Sättel einander ab und zu knirschend streiften, – (Pferde wollen immer möglichst nahe beieinander sein), wenn unter den Hufen meines oder seines Pferdes ein Kiesel hell erklang, wenn die herabhängenden Zweige einer Espe oder großen Weide meinen Hut und seine schwarze Offizierskappe mit den Goldknöpfen und der Rosette streiften, wenn die Hufe Erdkrumen an unseren Knien emporwarfen, wenn die Pferde so leise trabten, daß wir das Rieseln des Stromes vernahmen, der graublau gleitend unweit von unserem Reitpfad dahinzog, wenn sein Pferd, bloß dem Schenkeldruck gehorchend, endlich zu einem kleinen Linksgalopp ansetzte, und wir uns im Takt wiegten, jeder mit seinem braven, flinken, starken, gesunden Roß verwachsen, und wenn wir ebensowenig müde wurden wie die Tiere unter uns, die in ihren herben Geruch gehüllt waren, angefangen von den schwarz glänzenden Nüstern bis zu dem zischenden, breitfächerigen Schweif, wenn Max lächelnd, und immer noch im Galopp, seine schönen, großen Zähne zeigend, schließlich mit seiner starken, braungebrannten Hand seinem Pferde ebenso gut wie dem meinen unter den Sattelgurt fühlte, ob sie nicht zu schwitzen beginnen –, hätte ich nicht jetzt in dieser Minute glücklich und wunschlos, gesättigt vom Leben und meiner Kraft bewußt, mit meinen dreiundzwanzig Jahren zufrieden sein müssen? Jetzt fielen die Gäule in leichten Trab und wir zündeten uns die Zigaretten an und lüfteten die Kopfbedeckung. Glücklich in einer bestimmten Grenze war ich vielleicht, eben in diesem animalischen Glück. Zufrieden nicht. Ich konnte glauben, in Max den Freund gefunden zu haben, den ich seit dem Tode des Teuren, (ohne es stets zu wissen) gesucht hatte. War mir denn nicht jeder Wunsch in Erfüllung gegangen seit jenem Tage?

Warum war mir dies alles, Sport, Sommer, Kraft, Freundschaft hier, Arbeit daheim, – in der Familie Ruhe und Frieden – in meiner Tasche mehr Geld, als ich je verbrauchen konnte, nicht genug? Warum mußte zu so ungelegener Zeit der Gedanke an das gelähmte Geschöpf kommen, die, obwohl etwas älter als ich, doch eine solche aristokratische Reitlektion im Prater nie genossen hatte? Und doch tat ich gar nichts, um ihr, vielleicht nur einmal und nicht wieder, entgegenzutreten.

Maxi war der echte Freund. Er hatte eine Menge Liebe für mich, noch eine Spur mehr Spott für meine törichte Art, die er wohl durchschaute, aber am meisten – Geduld. Er ließ mich meine weiteren Fortschritte im Reiten und Hürdenspringen, (das einzig und allein vom sicheren Sitz abhing, dessen Geheimnisse er mir endlich beigebracht hatte), von nun an allein machen oder mit dem Reit- und Fahrlehrer des Cercle. Er kam dafür mit mir an den Schießstand in den Universitätssportverein, und wir schossen um die Wette nach ruhenden und bewegten Zielen, nach Tontauben, die von einer Maschine abgeschnellt, im besten Fall zu unzähligen Scherben zerschellten, – und zu meiner Überraschung schossen wir plötzlich nach einer Krähe, die zu ihrem Unglück in unseren Schußbereich gekommen war. Krähen sind Raubzeug, kein Gegenstand der Jagd. Ein kleiner Tropfen Blut feuchtete glimmernd das schwarze dichte Gefieder auf dem Bauch des toten Vogels.

Max war oft von seinem Großoheim, einem Besitzer unterschiedlicher Großforste und Jagden, (Rehe, Fasanen, Schwarzwild, Hirsche und Gemsen, von Rebhühnern und Hasen ganz abgesehen), zur ›Pürsch‹ eingeladen worden. Nun nahm er mich im Frühherbst 1913 ins ›tote Gebirge‹ in Steiermark zu einer Gemsjagd mit. Die Tage waren bereits kühl, aber die Luft durchsichtig wie Kristall, die silbergrauen Felsen von Kalkgestein nahe wie zum Greifen. Schon am Morgen sahen wir an dem Lopernsteiner Gebirgsstock dunkle Punkte, die im Zielfernrohr Maxis sich als Gemsen entpuppten, aber um ihnen nahe zu kommen, brauchte es viele Stunden mühsamen Aufstieges, da wir, dem Rat des vielerfahrenen Försters folgend, alle üblichen Wege und Tritte meiden mußten, da diese den Gemsen wohl bekannt waren. Und wenn wir zwei, – (der Förster war mittags in einer Hütte zurückgeblieben, weil er nicht mehr daran glaubte, wir würden zu Schuß kommen) fast oben waren, höchstens zweihundert bis dreihundert Meter Höhendistanz von den Gemsen entfernt, so mußte sich dummerweise der Wind drehen, wie oft gegen Abend. Mit dem ersten Windstoß schien jede Aussicht dahin, da die Witterung den alten erfahrenen Gamsbock vergrämen mußte, der für die anderen auf der Wacht war und auf seinem riffartigen Felsen stillestand, während seine Familie friedlich äste.

Aber in mir hatte sich im Laufe dieses Tages eine heiße Gier, eine stille, glühende Lust am Schuß und am Wild so gesteigert, daß ich nicht daran dachte, die Jagd aufzugeben. Meinem Freund, der mehr als eine Gemse erlegt hatte und eine Menge Gamsbärte in seinem Zimmer im Jagdschloß aufbewahrte, lag nichts an einem neuen Opfer. Ich nahm es also von ihm an, daß er auf mittlerer Höhe zu bleiben versprach, während ich versuchen sollte, das wachsame Leittier im Aufstieg von der Seite her zu überlisten. Er machte es sich bequem, trank etwas Jägerkorn und scherzte über seinen Heliotropduft, der den Gemsen seine Nähe verriete. Ich konnte nicht lachen.

Ich bin an jenem Nachmittag Steilhänge emporgeklettert, bei denen mir früher das Blut in den Adern erstarrt wäre. Beim leisesten Windstoß blieb ich still, oft hing ich über einer tiefen Schrunde im Fels. Max hatte sich inzwischen die bittersten Vorwürfe gemacht, denn er verfolgte durch sein Zielfernrohr meinen tollkühnen, fast unmöglichen Aufstieg. Hätte ich die Hände frei gehabt, wären die Schwierigkeit und Gefahr nicht so groß gewesen. Aber ich hatte das Gewehr zu tragen, es durfte kein Kiesel unter meine Füße rollen, Schaft oder Lauf des Gewehres an keinen Felsen schlagen!

Ich kann es nicht beschreiben, was in mich fuhr, als ich endlich den Bock schußbereit vor mir hatte, den dreieckigen Kopf mit den Ebenholznüstern und den zierlichen sichelartigen Hörnern gegen den matt himbeerfarbenen Abendhimmel in tiefster Alpenruhe abgezeichnet. Ich setzte den kühlen Holzschaft der Flinte, das glatte, duftende Holz, an meine rauhe Wange, hielt den Atem an, visierte über das Korn den Hals der Gemse an und zog mit größter Vorsicht ab. Das Tier sprang auf allen vieren hoch. Aber vielleicht war es nur erschreckt durch den Knall und nicht getroffen? Ich hätte tiefer, auf die Brust zuhalten sollen. Schneller und früher! Jetzt stürmte der Bock mit den anderen in mächtigen Sätzen bergab, wobei die vier Läufe bei jedem Absprung zusammenschlugen. Also gefehlt?! Ich lachte, jetzt, nach dem Schuß war alles einerlei, aber mir krampfte sich das Herz vor Wut und Zorn zusammen. Aber um so stärker und stolzer mein Glücksgefühl, als ich den Bock nach den ersten zehn oder zwölf Sprüngen nicht mehr auftauchen sah aus dem rötlich von der Abendsonne beschienenen, perlengrauen Felsgeröll. Ich ihm nach, aber jetzt mit Ruhe, die brave Flinte umgehängt mit dem Schaft nach oben, mit Vorsicht jede Gefahr vermeidend, so daß ich erst nach meinem Freunde bei der zusammengebrochenen Gemse anlangte.

Ich sah ihn nicht gern neben dem Wild knien. Er lächelte mich spöttisch mit seinen schönen Zähnen an und gestand mir, daß er bei seiner ersten Gemse ebenso böse auf den Revierförster gewesen sei, der seiner Gemse den Fangschuß gegeben habe. Bei der meinen aber sei das nicht notwendig gewesen, ich hätte einen Blattschuß getan oder vielmehr der Gott des Jagdglücks durch meine unerfahrene Hand. Ich nickte still, denn ich konnte mir nicht vorstellen, daß er mir den Schuß neidete. Neid hat er nie gekannt! Wir brachen die Krickeln aus und schnitten die Langhaar-Grannen, Gamsbart genannt, ab, und sie zierten am nächsten Tag meinen alten Steierhut. Ich hatte genug von der Jagd, ich wollte zurück. Besseres konnte nicht kommen. Ich war kein guter Kamerad, man brachte kein rechtes Wort aus mir hervor.

Mit Maxi war ich noch herzlicher befreundet als früher, ich war ihm gut, sehr, sehr! Ohne besondere Vorbereitungen begannen wir uns du zu sagen. Aber ich reiste allein nach Wien zurück, von einer großen Unruhe, einem wütenden inneren Fieber gepackt. Mir tat es leid, daß ich mit allen meinen Blüten und Schönen gebrochen hatte. Und doch, was sollten sie mir? Ich war nicht neugierig auf sie, ich kannte sie! Ich hoffte nicht auf sie, denn ich liebte sie nicht! Hätte ich nie gewußt, was Liebe ist! Aber ich hatte meinen Vater geliebt, ich hatte ein junges, leicht gelähmtes oder verkrüppeltes schönes Mädchen nicht vergessen können bis jetzt. War das alles? Der Vater war tot, er starb auch ab in mir. Die junge A. v. W. lebte. Aber sollte ich es wagen? Konnte ich denn an einem Leben, reich an Genuß, arm an Liebe, nicht Genüge finden? Konnte ich nicht anderen, größeren Idealen dienen? Alles war leer, doch ihr Schatten war noch stark, ich hoffte noch auf sie, wenn ich mich auch bemühte, mich ihr nicht hinzugeben. Sollte ich meine Freiheit opfern? Wußte ich, was mir bevorstand? War sie wertlos, war ich unglücklich, war sie wertvoll und so einzigartig, wie sie mir vorschwebte, war ich ihrer vielleicht nicht wert? Vielleicht hatte ich zu lange gewartet, es war zu spät. Und doch wartete ich noch eine Zeit. Ich wollte mich nicht ausliefern, nicht dem Unbekannten ergeben. Ich wollte nicht. Was half es?

Vergebens vergrub ich mich in meiner Arbeit. Viel Philosophie – aber keine Natur. Nie die letzte Erkenntnis. Nie satt. Wo war der Grund? Hier gab es nichts als Gedanken, auf Gedanken gebaut, Ideen, Logik, bei aller Mühe unfaßbares Geheimnis am Ende, wie bei den Sternen nur im Anfang Schimmer, Sinn und Trost. Dann die würgende Unendlichkeit, das alles auflösende und doch friedlose Nichts. Endete jede große Freiheit im noch größeren Nichts? Nur ein Mensch bestand neben diesem Tod. Und dieser Einen mußte ich mich nähern, selbst mit Lebensgefahr – oder untergehen.

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